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Christa Wolfs 'Kein Ort. Nirgends' im Kreuzfeuer der Literaturkritik von Ost und West

Diplomarbeit 2002 95 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Kurze Vorstellung des Werkes
1.2. Zielsetzung und Methodik der Arbeit
1.3. Der Literaturbetrieb in der DDR
1.4. Der Literaturbetrieb in der BRD

2. Die Stellung des Künstlers in der DDR-Gesellschaft
2.1.Die Biermann-Affäre
2.2. „Daß ich nur schreibend über die Dinge komme!“
2.3. Analyse der Kritik

3. Die Wiederentdeckung der Romantik in der DDR
3.1. „Ein Zufall kann es nicht sein“
3.2. Geschichte oder Fiktion?
3.3. Analyse der Kritik

4. Die künstlerische Gestaltung
4.1. Der sozialistische Realismus
4.2. „Alles, was wir aussprechen, muß wahr sein, weil wir es empfinden“
4.3. Analyse der Kritik

5. Im Spannungsfeld von Realität und Utopie
5.1. „Wir sind auf den ganzen Menschen aus und können ihn nicht finden“
5.2. „Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt“
5.3. Analyse der Kritik

6. Schlußbemerkungen

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

1.1. Kurze Vorstellung des Werkes

Christa Wolf wurde 1929 in Landsberg/Warthe (im heutigen Polen) geboren. Am Kriegsende wurden sie und ihre Familie vertrieben, und siedelten nach Mecklenburg um. Die traumatischen Erlebnisse des Nationalsozialismus weckten ihr Hoffen auf den vom Sozialismus propagierten „neuen Menschen“: 1949 trat sie der SED aus Überzeugung bei. Nach dem Studium der Germanistik arbeitete sie zunächst als Redakteurin und Lektorin, bis sie 1962 freischaffende Schriftstellerin wurde. Mit dem Erscheinen von Der geteilte Himmel (1963) und vor allem von Nachdenken über Christa T. (1968) wurde sie in Ost- und West-Deutschland bekannt, im Laufe der Jahre avancierte sie zu der DDR-Schriftstellerin schlechthin. 1964 erhielt sie den Nationalpreis III. Klasse für Kunst und Literatur und wurde 1974 Mitglied der Akademie der Künste der DDR. Sie konnte sich frei bewegen, reiste zu zahlreichen Lesungen und Vorträgen oder folgte Einladungen von Universitäten in die Bundesrepublik und verschiedene andere westliche Länder, sie reiste sogar in die USA. Sie erhielt zahlreiche Literaturpreise, u.a. als erste DDR-Autorin 1980 den Georg Büchner Preis, die wichtigste westdeutsche Literaturauszeichnung. Des weiteren verlieh man ihr verschiedene Ehrendoktorate, und sie erhielt Gastprofessuren im Ausland. Mit ihren Büchern erreichte sie auf beiden Seiten der Mauer ein breites Publikum.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Kein Ort. Nirgends im Jahre 1979 gehörte Christa Wolf bereits zu den bekanntesten DDR-Schriftstellern. Das Buch erschien zur gleichen Zeit im Luchterhand-Verlag (Darmstadt und Neuwied) und im Aufbau-Verlag (Berlin). Es fand in der Presse eine breite Resonanz und wurde bald zum „Verkaufsschlager“.[1] In diesem Werk entwirft Christa Wolf ein Treffen zwischen zwei Persönlichkeiten der Literaturgeschichte, zwischen Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode[2] - nur wenige Jahre bevor beide freiwillig aus dem Leben scheiden. Dieses fiktive Treffen, eine „erwünschte Legende“ (S. 6), findet an einem Juninachmittag des Jahres 1804 im Kreise einer illustren Teegesellschaft bei dem Kaufmann Merten in Winkel am Rhein statt. Anwesend sind u.a. Clemens Brentano und seine beiden Schwestern Bettina und Gunda sowie Friedrich Carl von Savigny, der zukünftige preußische Justizminister und der Naturwissenschaftler Christian Nees van Esenbeck. Mit einigen sparsamen gestalterischen Elementen wird das Dekor hingestellt: ein heller, lichterfüllter Raum, mit kostbaren Kommoden, Sofa, Tisch und Stühlen möbliert, maßvoll angeordnet. Unverbindlich wird unter alten Bekannten geplaudert und philosophiert; Gruppen formieren sich, lösen sich auf und formieren sich neu, „in schöner Anordnung“ (S.7). Kleist und Günderrode stehen widerwillig im Salon unter diesen Menschen, sie fühlen sich fremd. Nach und nach erkennen sie aber ihre Gemeinsamkeit und die Spannung zwischen ihnen wächst. Dabei geht es nicht um Liebe, nicht einmal um Zuneigung, sondern um Verständnis. Auf einem Spaziergang, der die gesellige Zusammenkunft beendet, lösen sie sich ein wenig von der Gruppe; erstmals sind sie ungestört. Ein vertrautes Gespräch kommt zustande, in dem die Situation beider ausgesprochen und verglichen wird. Mehr ereignet sich in diesem schmalen Buch nicht: Ein kurzer gemeinsamer Weg abends, die Übereinstimmung zweier junger Menschen, die ihre Ausgeschlossenheit begreifen.

Dennoch bedeutete dieses Werk, das in der Sekundärliteratur zu unrecht oft vernachlässigt wird, zur Zeit seiner Veröffentlichung eine vielfache Herausforderung an die offizielle Kulturpolitik der DDR. Eine erste Herausforderung lag in dem zu dieser Zeit kritischen Thema, der problematischen Stellung des Künstlers in einem erstarrten, gesellschaftlichen System, was brisant genug war, angesichts der kulturpolitischen Querelen und ihrer Folgen während der letzten Jahre. Dazu kam noch die Wahl des Stoffes selbst, denn die Romantik war in der DDR lange als reaktionär und irrational gebrandmarkt. Die nächste Herausforderung war der Bruch mit der von offizieller Seite vorgeschriebenen Methode des sozialistischen Realismus. Christa Wolfs vierte Herausforderung lag in ihrer, zwar konstruktiv gemeinten, doch kritischen Darstellung von aktuellen Entwicklungen in der sozialistischen Gesellschaft.

1.2. Zielsetzung und Methodik der Arbeit

In der vorliegenden Arbeit werden die Rezensionen von Kein Ort. Nirgends in zwei politisch entgegengesetzt ausgerichteten Systemen, dem der Bundesrepublik Deutschland und dem der Deutschen Demokratischen Republik, untersucht. Beim Vergleich der Rezensionen in beiden deutschen Staaten soll es vor allem darauf ankommen, festzustellen, wo von den Rezensenten unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt wurden, inwieweit die Kritiker zu unterschiedlichen Werturteilen kamen und wie sie dies begründeten. Um jedoch die bloße Gegenüberstellung der kritischen Reaktionen in beiden Ländern zu vermeiden, wurde hier eine thematisch herangehende Arbeitsweise gewählt. Es wurden vier Themen ausgewählt, denen jeweils ein Kapitel dieser Arbeit gewidmet ist. Im ersten Teil der Arbeit wird auf die Stellung des Künstlers in der Gesellschaft eingegangen. In diesem Rahmen wird zuerst die Biermann-Affäre und deren Folgen auf die kulturpolitische Situation in der DDR zur Zeit der Veröffentlichung dargestellt. Der darauf folgende Teil der Arbeit geht auf das Verständnis des „Kulturerbes“ in der DDR und auf die besondere Stellung der Romantik innerhalb dieses Erbes ein. Weiterführend wird im dritten Teil auf die Eigenschaften des „sozialistischen Realismus“ eingegangen, der die von offizieller Seite vorgegebene Methode für den sozialistischen Schriftsteller war. Im letzten Teil der Arbeit wird dargestellt, wie Christa Wolf in Kein Ort. Nirgends an die noch zu überwindende Diskrepanz zwischen der Realität der DDR-Gesellschaft und den sozialistischen Idealen erinnert.

Bei der Untersuchung der Rezeption zu Kein Ort. Nirgends ist in dieser Arbeit die Auswertung jedes einzelnen Artikels weder angestrebt noch sinnvoll. In der Bibliographie der Sekundärliteratur zu Christa Wolf sind allein für das Jahr 1979 66 Rezensionen und insgesamt über 200 Rezensionen und Aufsätze über Kein Ort. Nirgends aufgeführt.[3] Es ist ersichtlich, daß eine Auswertung jedes einzelnen Artikels den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Sie wird sich aus diesen Gründen auf diejenigen Kritiken beschränken, die 1979 in Zeitungen von herausragender Bedeutung veröffentlicht wurden. Dies sind die Artikel von Rolf Michaelis in Die Zeit[4], Sibylle Wirsing in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung[5], Wolfgang Werth in der Süddeutschen Zeitung[6], Wilfried F. Schoeller in der Frankfurter Rundschau[7], Jörg Bernhard Bilke in Die Welt[8] und Jürgen P. Wallmann im Rheinischen Merkur[9]. Zu diesen kommen noch einzelne Veröffentlichungen aus kleineren Blättern hinzu, um auch weibliche Kritikerinnen zu Wort kommen zu lassen, so Dagmar Sobull (Deutsche Zeitung)[10], Ingeborg Drewitz (Nürnberger Nachrichten)[11] und Hedwig Rohde (Der Tagesspiegel)[12]. Die Kritik von Manfred Jäger ( Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt) wurde ebenfalls einbezogen, da dieser sich damals bereits ausführlich mit DDR-Literatur auseinandergesetzt hatte.[13] In der DDR hingegen erschienen wesentlich weniger Rezensionen. Daher wurde auch die Rezension von Sigrid Bock in den Weimarer Beiträge berücksichtigt, obwohl diese erst 1980 erschien.[14] 1979 erschien keine einzige Kritik in einer Tageszeitung, lediglich im wöchentlich erscheinenden Sonntag findet sich eine von dem Kritikerpaar Silvia und Dieter Schlenstedt[15]. Die Gesamtheit der sonstigen Kritik erstreckt sich auf Literaturzeitschriften, in deren Wesen selbstverständlich eine ausführlichere Diskussion durch die Kritiker liegt: Sinn und Form (Karin Hirdina)[16] und zwei Artikel aus der Neuen Deutschen Literatur, einer von Jürgen Engler[17] und der andere von Ursula Püschel[18]. Diese Rezensionen sind im Anhang nachzulesen. Die Rezensionen können aber nicht außerhalb des Kontextes des jeweiligen gesellschaftlichen Systems dargestellt werden. Daher soll in den folgenden Abschnitten der Hintergrund untersucht werden, vor dem sie geschrieben wurden.

1.3. Der Literaturbetrieb in der DDR

Die Wirkung und die ideologische Funktion von Literatur wurden in der DDR sehr ernst genommen. Sie wurden folgendermaßen beschrieben: Kunst und Kultur haben einen großen Einfluß auf die Entwicklung der Persönlichkeit des Menschen und können daher dazu beitragen, sozialistische Überzeugungen und Verhaltensweisen zu festigen bzw. zu fördern und die Verbundenheit der Bürger mit ihrem Staat zu stärken. Diesem Gedanken wohnt inne, daß Literaturpolitik von Anfang an ein zentraler Bestandteil der Kulturpolitik der DDR war.

Die DDR war eines der wenigen Länder der Welt, in dem ein großer Teil der Schriftsteller freiberuflich tätig sein konnte. Ihr Einkommen lag sogar über dem Durchschnittsverdienst der übrigen Bevölkerung, und die meisten Schriftsteller kamen darüber hinaus in den Genuß von Weltreisen, Devisen und Intershop-Gutscheinen, die für die überwiegende Mehrheit der DDR-Bürger in diesem Rahmen unerreichbar waren. Der Schriftstellerverband übernahm außerdem für seine Mitglieder einen Teil des Jahresbetrages für die Rentenversicherung, vergab günstige Kredite und Stipendien, zusätzlich war er bei der Vermittlung von Wohnungen, Ferienplätzen und Autos behilflich und fungierte als Anlaufstelle für die Genehmigung von Auslandsreisen. Selbstverständlich stellte dieser außerordentliche Status in der Gesellschaft für die Schriftsteller auch eine gewisse Abhängigkeit vom politischen Willen dar: Zum einen konnte ihnen dieser Status leicht aberkannt werden, zum anderen wurde als “Gegenleistung” von ihnen erwartet, daß sie, in welcher Form auch immer, als Propagandisten der neuen Gesellschaft auftraten. Offiziell gab es in der DDR keine Zensur, jede Veröffentlichung bedurfte aber einer Druckgenehmigung. Für die Vergabe von Druckgenehmigungen und Lizenzen im Verlagsbereich war im Ministerium für Kultur ab 1963 die Hauptverwaltung „Verlag und Buchhandel“ zuständig. Die Hauptverwaltung traf auch folgenreiche Entscheidungen über die mehr oder weniger großzügige Zuteilung von Papier- und Druckkapazitäten. Um zu verhindern, daß Autoren sich dem Einfluß des Amtes einfach dadurch entzogen, indem sie ihre Manuskripte im westlichen Ausland veröffentlichten, hieß es ab 1966: „Die Vergabe von urheberrechtlichen Nutzungsbefugnissen [...] an Partner außerhalb der DDR bedarf vor Abschluß des Vertrages der Genehmigung durch das Büro für Urheberrechte.“[19] Bei
Zuwiderhandlungen wurde eine Geldstrafe angedroht. Endgültig kriminalisiert wurden die Autoren, die dennoch ohne Genehmigung im Westen veröffentlichten, im Jahre 1973 durch die Einführung eines Devisengesetzes, nach dem jeglicher Erwerb von Devisen einer Genehmigung bedurfte. Bei Zuwiderhandlung wurde eine Strafe von bis zu zwei Jahren auf Bewährung angedroht. Diese Verordnung war ausdrücklich an das Urheberrecht gekoppelt, indem bestimmt wurde, daß das Büro für Urheberrechte die Devisengenehmigung mit übernahm.

In der DDR waren Verlage in ihrer großen Mehrheit Staatsverlage oder Verlage im Besitz von Parteien und Massenorganisationen. Die Buchproduktion folgte erklärtermaßen nicht dem Prinzip der „freien Marktwirtschaft“, in der privatwirtschaftlich organisierte, auf Gewinn angewiesene Verlage miteinander konkurrieren, was den Verlagen eine gewisse Freiheit verschaffte. Die Verlage konnten u.a. beträchtliche Lektorenapparate (mit zehn bis zwölf Autoren je Lektor, drei- bis viermal mehr Lektoren als in der BRD) unterhalten, die eine intensive Betreuung der Autoren ermöglichte. Diese intensive Betreuung war zwar einerseits sicherlich sehr fruchtbar, begünstigte aber andererseits die Selbst- und Vorzensur und verzögerte die Veröffentlichung erheblich. Zwischen 1945 und 1990 wurden 215.000 Titel und über 4 Milliarden Exemplare produziert, eine enorme Bilanz, denn auf jeden DDR-Bürger kamen so statistisch gesehen sechs bis neun Bücher pro Jahr. Betrachtet man zusätzlich die Bücher, die in der DDR Spitzenauflagen erreichten, so stößt man auf Werke mit hohem literarischem Niveau, die zur gleichen Zeit im Westen unter die Kategorie „schwer verkäuflich“ gefallen wären, wie z.B. Heinrich Heines Deutschland - ein Wintermärchen, Bruno Apitz’ Nackt unter Wölfen, Anna Seghers Das siebte Kreuz.[20] Auch wenn die Verbreitung gerade diese Bücher offensichtlich einen politischen Willen widerspiegelte, galt die DDR als „Lesegesellschaft“, in der auch literarisch anspruchsvolle Werke, anders als in westlichen Ländern, hohe Auflagenzahlen erreichen konnten. Die breite Verbreitung von Büchern kann aber nicht allein durch die niedrigen Preise der Bücher erklärt werden. Ein weiterer, wesentlicher Grund war, daß die DDR-Kulturpolitik sich immer bemüht hat, eine Selbstverständlichkeit und Souveränität im Umgang mit Büchern zu schaffen: Die Basis der literaturvertreibenden Einrichtungen wurde erheblich erweitert - Bücher wurden durch die Gewerkschaften, die Betriebe, durch freiwillige Helfer, Konsumverkaufsstellen sowie in zahlreichen Kiosken der Post verkauft - und die Distanz zwischen Unterhaltungs- und „hoher“ Literatur verringert - Weltliteratur wurde in Form von Heftchen vertrieben, die wie Zeitschriften mit monatlichen Neuerscheinungen im Abonnement über die Post oder am Straßenkiosk zu beziehen waren. Jedoch konnte die vorhandene Nachfrage wegen Papierknappheit und fehlender Kapazitäten in der Druckindustrie nie gedeckt werden. So entstand im Literaturbetrieb ein Dilemma zwischen dem Erfolg der Literaturpropaganda, das Leserbedürfnis zu steigern, und der Unfähigkeit, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Neue Werke beliebter Autoren waren oft schnell vergriffen und oft nur „unter der Theke“ erhältlich.

Der großen Bedeutung der Literatur entsprechend, hatte auch die Literaturkritik in der DDR eine entscheidende gesellschaftliche Funktion, die vorwiegend darin bestand, die Interpretation der Leser in eine Richtung zu lenken, die mit der offiziellen Kulturpolitik übereinstimmte. In Tageszeitungen wurden zahlreiche Rezensionen abgedruckt, wobei nicht nur das Neue Deutschland, sondern viele regionale Blätter wie die Berliner Zeitung oder die Ostseezeitung SED-Parteiorgane waren. Die dort veröffentlichten Rezensionen geben daher oft weniger die persönlichen Lesereindrücke einzelner Kritiker wieder, als eine bestimmte kulturpolitische Direktive. So war es möglich, daß die Tageskritik von einer Neuerscheinung keine Notiz nahm oder daß es zu einer einstimmig positiven Kritik einer Veröffentlichung kam. Im Vergleich zu dieser Zeitungskritik besaßen die literaturwissenschaftlichen Zeitschriften ein relativ hohes Maß an Unabhängigkeit, vielleicht auch, weil sie nicht jedermann zugänglich waren und auch im Westen verkauft wurden. Besonders Sinn und Form, schon 1949 von Paul Wiegler und Johannes R. Becher gegründet, hat sich durch die Unabhängigkeit seiner Beiträge und gewagten Vorabdrucke hervorgetan. Für gewöhnlich konnte jede Neuerscheinung mit einer Rezension in der vom Schriftstellerverband der DDR monatlich herausgegebenen Zeitschrift Neue Deutsche Literatur rechnen. Diese war 1952 gegründet worden und stellte sich vor allem als Aufgabe, junge Autoren zu progressiver, literarischer Tätigkeit im Sinne des sozialistischen Gesellschaftsausbaus anzuleiten. Die 1955 eigens als „Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Ästhetik und Kulturtheorie“ gegründeten Weimarer Beiträge beschränkten sich bis etwa 1970 auf die Interpretation des klassischen Erbes und wesentlicher „Klassiker des Sozialismus“, wie Becher oder Brecht. Die kulturelle Wochenschrift Sonntag war eine Veröffentlichung des Kulturbundes.

1.4. Der Literaturbetrieb in der BRD

Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, noch bevor die Industrialisierung überhaupt richtig einsetzte, war eine Kapitalisierung des Verlagswesens in Deutschland zu verzeichnen, was sich in der enormen Quantitätssteigerung der Buchproduktion ausdrückte.[21] Verlage sind seitdem den Gesetzen der Marktwirtschaft unterworfen: Bücher müssen gewinnbringend verkauft werden. Dies bedeutet notwendigerweise eine Orientierung am Publikumsgeschmack. Der Konkurrenzkampf zwischen den Verlagen um den Absatzmarkt ist außerdem erheblich, was sich unter anderem darin widerspiegelt, daß alle Verlage eine bedeutende Marketingabteilung haben. In diesem Literaturbetrieb übernimmt die Rezension immer mehr die Funktion der Orientierung des Lesers: Da das Angebot auf dem Buchmarkt immer unüberschaubarer wird, wird die Auswahl, die der Literaturkritiker mit der Buchbesprechung trifft, zu einer primären Funktion der Kritik. Es kann sogar behauptet werden, daß der Inhalt der Kritik im Vergleich zur selektiven Funktion sekundär wird: Selbst der sogenannte „Verriß“ eines Buches durch die Literaturkritik kann eine verkaufsfördernde Wirkung haben.[22] Mit der Kapitalisierung des Verlagswesens nahm auch die Kommerzialisierung der Presse deutlich zu. Eine große Anzahl von Familienblättern drängte sich auf den Markt und eroberte das Massenpublikum.[23] Damals entstand die „feuilletonistische“ Literaturkritik, die mit der literarischen Rezension der Literaturzeitschriften wenig gemein hat: Unter dem Zwang, ein heterogenes, in der Regel literarisch wenig gebildetes Publikum interessieren zu müssen, verließen die Literaturkritiker selten die Ebene der inhaltlichen Information und wurden dazu gedrängt, sich kurz zu fassen.[24] Literaturkritiker wurden außerdem, bis auf eine kleine Gruppe von „Kritikerpäpsten“, zu freien Mitarbeitern, die, um ihren materiellen Existenzen zu sichern, zur „Vielschreiberei“ gezwungen sind.

Die Literaturkritik der Bundesrepublik nahm in den fünfziger und sechziger Jahren Literatur aus der DDR entweder kaum wahr oder schob sie als Propagandaliteratur beiseite.[25] Die Lenkung der DDR-Literatur wurde vielfach mit der faschistischen Literaturlenkung auf eine Stufe gestellt und DDR-Schriftsteller wurden, mit Ausnahme der als „oppositionell“ eingestuften, immer verdächtigt, „Staatsdichter“ zu sein. Mit Johnsons Mutmaßungen über Jakob (1959), Christa Wolfs Der geteilte Himmel (1963), Strittmatters Ole Bienkopp (1964), Kants Die Aula (1965) sowie mit Lyrikbänden von Günter Kunert, Wolf Biermann und Volker Braun etablierten sich in den sechziger Jahren erste Autoren und Titel auf dem westdeutschen Markt. Im Zeichen der Entspannungspolitik stieg das Interesse der Westdeutschen an der DDR, was sich auch in einen wachsenden Nachfrage des Publikums nach DDR-Literatur ausdrückte.[26] Zur gleichen Zeit hatte man sich in der DDR vom sogenannten „Bitterfelder Weg“ verabschiedet und von den strengen Regeln des „sozialistischen Realismus“ Abstand genommen, was die DDR-Literatur für den Bundesdeutschen attraktiver machte. Die Literaturkritik in Westdeutschland machte sich das wachsende Interesse der bundesdeutschen Öffentlichkeit zunutze und schrieb vermehrt Rezensionen von Büchern aus der DDR. Dadurch verbesserten sich wiederum die Marktchancen für Literatur aus der DDR auf dem westdeutschen Buchmarkt, was sich in der deutlichen Zunahme an Veröffentlichungen in dieser Zeit registrieren läßt: Zwischen 1970 und 1981 wurden von etwa 60 Autoren über 100 Titel veröffentlicht, dazu kam noch mehr als ein Dutzend Anthologien.[27] Jedoch kann man weiterhin feststellen, daß man Büchern, die in der DDR begrüßt wurden, in der Bundesrepublik unterstellte, es sei genau das geliefert worden, was der „Auftraggeber“ bestellt hatte. Andererseits erfuhren Werke von den in die BRD übergesiedelten Autoren, oder Werke, die in der DDR heftigen Angriffen ausgesetzt waren, oder nur unter Behinderungen erscheinen durften, übersteigerte Anerkennung. Dies verrät die Erwartung seitens der Kritiker, daß DDR-Literatur hauptsächlich kritische Literatur sein und vorwiegend die - schlechten - Lebensverhältnissen im „real-existierenden Sozialismus“ der DDR darstellen sollte.

2. Die Stellung des Künstlers in der DDR-Gesellschaft

2.1. Die Biermann-Affäre

In einem Gespräch mit Frauke Meyer-Gosau im Winter 1982, das unter dem Titel Projektionsraum Romantik 1987 gedruckt wurde, sprach Christa Wolf von einem „zwingenden Impuls“, der sie zur Beschäftigung mit solchen Lebensläufen wie denen der Günderrode und Kleists veranlaßt hatte: „‚Kein Ort. Nirgends hab ich 1977 geschrieben. Das war in einer Zeit, da ich mich selbst veranlaßt sah, die Voraussetzungen von Scheitern zu untersuchen, den Zusammenhang von gesellschaftlicher Verzweiflung und Scheitern in der Literatur. Ich hab damals stark mit dem Gefühl gelebt, mit dem Rücken an der Wand zu stehn und keinen richtigen Schritt tun zu können. Ich mußte über eine gewisse Zeit hinwegkommen, in der es absolut keine Wirkungsmöglichkeit mehr zu geben schien.“[28] Was war geschehen?

Nach zweiundzwanzig Jahren bat Walter Ulbricht im Mai 1971 überraschend darum, ihn aus „Altersgründen“ von der Funktion des Ersten Sekretärs zu entbinden; Erich Honecker wurde einstimmig zu seinem Nachfolger gewählt. Mit diesem Wechsel in der Staats- und Parteiführung waren seitens der Künstler gewisse Hoffnungen verbunden, die sich zunächst auch zu bestätigen schienen: Auf dem VIII. Parteitag, der einen Monat nach der Ablösung Walter Ulbrichts stattfand, kündigte Honecker eine Liberalisierung an, die sich auch auf die kulturelle Ebene erstrecken sollte, und forderte alle Kulturschaffenden zu einem „offenen, sachlichen und schöpferischen Meinungsstreit“ auf.[29] Ein halbes Jahr später, auf der 4. Tagung des ZK der SED im Dezember, sprach Honecker den viel zitierten Satz: „Wenn man von den festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben. Das betrifft sowohl die Fragen der inhaltlichen Gestaltung als auch die des Stils – kurz gesagt: die Frage dessen, was man als die künstlerische Meisterschaft nennt.“[30] Ab 1971 setzte in der Tat eine liberalere Kulturpolitik in der DDR ein. Für ein paar Jahre schien es sogar so, als ob der VIII. Parteitag und die 4. Tagung des ZK einen Wendepunkt der DDR-Kulturpolitik, vielleicht sogar der DDR-Geschichte, herbeigeführt hätten. Mehr kritische Werke gelangen an die Öffentlichkeit und ein lebendigeres literarisches Leben kam in Gang. Die Veröffentlichung und Aufführung von Werken wie Hermann Kants Das Impressum, Reiner Kunzes brief mit blauen siegel, Günter de Bruyns Preisverleihung, Stefan Heyms Der König David Bericht, Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W., Volker Brauns D ie Kipper, u.a., stellten es unter Beweis. Auch Christa Wolfs Nachdenken über Christa T. wurde durch eine neue Auflage einem größeren Publikum zugänglich gemacht. Zwar konnte weder Rainer Kirschs Heinrich Schlanghands Höllenfahrt aufgeführt noch Volker Brauns Unvollendete Geschichte gedruckt werden, doch im Vergleich mit dem repressiven Klima nach dem Pragerfrühling Ende der sechziger Jahre ließ sich das Positive dieser Entwicklung nicht übersehen.

Die Aufbruchsstimmung der frühen siebziger Jahre endete jedoch spätestens am 16. November 1976 mit der sogenannten „Biemann-Affäre“. Allerdings war der Eklat um Biermann nur der Zündpunkt - auch ohne ihn hätte es über kurz oder lang zur Konfrontation zwischen den kritischen Autoren und dem Staat kommen müssen. Wer genauer hingesehen hatte, wußte schon vorher, daß die Voraussetzungen für eine dauerhafte Kehrtwende der Kulturpolitik eher schlecht waren. Die Partei hatte ihren grundsätzlichen Lenkungsanspruch nicht aufgegeben. Die Kontrollinstanzen nahmen zwar eine großzügigere Einstellung ein, es fand jedoch keine grundlegende Reform statt, was sich schon in der Konstanz der kulturpolitischen Führungsschicht zeigte. Die Funktionäre waren außerdem zwar bereit, den Künstlern einen größeren Freiraum zu gewähren, erwarteten aber von diesen, daß sie sich gewissermaßen aus „Dankbarkeit“ und ihrer sozialistischen Überzeugung wegen einem Mindestmaß an Selbstzensur unterwarfen. Doch während die Funktionäre in der neuen Entwicklung das Äußerste sahen, was sie zu tolerieren bereit waren, sahen die Schriftsteller darin erst den Anfang von dem, was möglich wäre. Aus dieser Situation mußten sich früher oder später Konflikte entwickeln. Diese zeichneten sich bereits 1973 ab: Im Mai kritisierte Erich Honecker auf dem 9. Plenum des ZK der SED die Inanspruchnahme der mißverstandenen Freiheit durch Künstler wie Ulrich Plenzdorf und Volker Braun. Ein eindeutigeres Zeichen war der Ausschluß Reiner Kunzes aus dem Schriftstellerverband am 29. Oktober 1976. Reiner Kunzes Prosaband Die wunderbaren Jahre war im Spätsommer mit der Genehmigung des Büros für Urheberrechte beim westdeutschen

S. Fischer Verlag erschienen und von der Kritik in der Bundesrepublik hoch gelobt worden. Daraufhin wurde Reiner Kunze „wegen mehrfachen gröblichen Verstoßes gegen das Statut“ ohne nähere Begründungen aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Der Fall sollte nach allem Anschein als Exempel dienen und der Verweis auf das Statut des Schriftstellerverbands sollte vorführen, wie man mit kritischen Künstlern umgehen konnte, denn das Statut des Schriftstellerverbandes ermöglichte den Ausschluß von allen beliebigen Autoren.[31] Die Schikanen, denen Kunze und seine Familie ausgesetzt wurden, steigerten sich derart, daß er im April 1977 mit seiner Familie die DDR verließ. Inzwischen aber war die Situation in einem weitreichenden Ereignis, in der Auseinandersetzung um Wolf Biermann, eskaliert.

Wolf Biermann wurde 1936 in Hamburg geboren. Sein Vater war kommunistischer Widerstandskämpfer und starb in Auschwitz. Als junger Mann siedelte Biermann 1953 in die DDR über, da er glaubte, seine Lebensziele dort besser verwirklichen zu können. Doch schon Anfang der sechziger Jahre erhielt er seiner kritischen Texte wegen erste Auftrittsverbote und wurde aus der SED ausgeschlossen. Seine Gedichte durften nur noch, wenn überhaupt, in Zeitschriften und einigen Anthologien erscheinen. Nachdem er Mitte der sechziger Jahre an verschiedenen als „oppositionell“ eingestuften Manifestationen teilgenommen hatte, und sein Gedichtband Die Drahtharfe in der BRD erschienen war, wurde ihm auf dem 11. Plenum des ZK im Dezember 1965 ein uneingeschränktes Auftritts- und Publikationsverbot auferlegt. Wolf Biermann publizierte aber weiter Gedichtbände im Westen und besang in seiner Ost-Berliner Wohnung Bänder, aus denen dann in der Bundesrepublik Platten zusammengestellt wurden. Die Liberalisierung Anfang der siebziger Jahre hatte für Wolf Biermann weder die Rücknahme des Auftrittsverbots zur Folge, noch erhielt er in der DDR Publikationsmöglichkeiten. Seine kritischen Texte und Lieder waren aber in der DDR trotz Zensur und Auftrittsverbot weit verbreitet, vor allem unter der Jugend. Die Absicht der Machthaber, sich deswegen des frechen und wirkungsvollen Kritikers zu entledigen, reichen mindestens bis ins Jahr 1973 zurück. Als Biermann 1974 einen Antrag auf Reiseerlaubnis nach Köln zwecks Entgegennahme des ihm verliehenen Offenbach-Preises stellte, boten ihm die Behörden den Verzicht auf die DDR-Staatsbürgerschaft und die endgültige Ausreise an.[32] Biermann verzichtete auf die Reise. Doch am 10. September 1976, nach elfjährigem Berufsverbot, fuhr der Sänger und Liedermacher auf Einladung der IG-Metall in die BRD, Aus- und Einreisegenehmigung in der Tasche. Geplant war ein zwanzigtägiger Aufenthalt, in dessen Verlauf er fünf Konzerte geben sollte. Am Sonnabend, dem 13. November, gab Wolf Biermann in der Kölner Sporthalle vor etwa 7.000 Zuschauern sein erstes Konzert in der Bundesrepublik Deutschland, das vier Stunden lang vom WDR-Hörfunk live übertragen wurde.

Dieses Konzert, in dem Biermann als Bürger der DDR sein Land in einer Mischung aus kräftiger Kritik und emphatischer Zustimmung verteidigte, benutzte die SED-Führung als Anlaß, ihm die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Am Dienstag, den 16. November, überraschte Erich Honecker die anwesenden Politbüro-Mitglieder mit dem nachträglich auf die Tagesordnung gesetzten Punkt vier: „Aberkennung der Staatsbürgerschaft für Wolf Biermann“. In wenigen Minuten wurde der Punkt vier erläutert und diesem einstimmig zugestimmt. In der vom Politbüro beschlossenen Pressemitteilung hieß es knapp: „Biermann befindet sich gerade in der Bundesrepublik Deutschland. Mit seinem feindseligen Auftreten gegenüber der Deutschen Demokratischen Republik hat er sich selbst den Boden für die Gewährung der Staatsbürgerschaft der DDR entzogen.“[33] Scheinbar hoffte man, daß die Maßnahme in den Alltäglichkeiten des politischen Lebens unterging. Doch dieser Beschluß des Politbüros, Wolf Biermann auszubürgern, verursachte eine Lawine von Reaktionen, die in ihrem Ausmaß von der DDR-Führung keineswegs vorausberechnet worden war. Neben dem Protest des westlichen Auslands, einschließlich der mit der SED befreundeten, kommunistischen Parteien, gab es auch heftigen Protest innerhalb der DDR. In einem offenen Brief kritisierte eine zunächst kleine Gruppe von DDR-Künstlern die Entscheidung der Regierung. Dieser Brief wurde an westliche Massenmedien übergeben und erreichte so die Weltöffentlichkeit. Um die außerordentliche Dimension dieses Vorgangs als Zäsur, deren Bedeutung über die Literaturgeschichte weit hinaus greift und mittlerweile von den meisten geschichtlichen Darstellungen bemerkt ist, zu würdigen, muß man sich bewußtmachen, daß es sich um nichts weniger als die erste, gezielt in die internationale Öffentlichkeit getragene Kritik an einer politischen Maßnahme der DDR seit dem Arbeiteraufstand von 1953 handelte.

Über die Entstehung dieses Protestbriefes ist man genau unterrichtet. Noch am selben Tag, als die Nachricht bekannt wurde, solidarisierten sich zwölf namhafte Berliner Autoren auf Initiative von Stephan Hermlin mit Biermann.[34] Sie trafen sich in seiner Wohnung und unterzeichneten nach einer kurzen Diskussion einen von ihm verfaßten „Offenen Brief“, in dem es hieß: „Wolf Biermann war und ist ein unbequemer Dichter – das hat er mit vielen Dichtern der Vergangenheit gemein. Unser sozialistischer Staat, eingedenk des Wortes aus Marxens 18. Brumaire, demzufolge die proletarische Revolution sich unablässig selbst kritisiert, müßte im Gegensatz zu anachronistischen Gesellschaftsformen eine solche Unbequemlichkeit gelassen nachdenkend ertragen können. Wir identifizieren uns nicht mit jedem Wort und jeder Handlung Wolf Biermanns und distanzieren uns von den Versuchen, die Vorgänge um Biermann gegen die DDR zu mißbrauchen. Biermann hat nie, auch nicht in Köln, Zweifel darüber gelassen, für welchen der beiden deutschen Staaten er bei aller Kritik eintritt. Wir protestieren gegen seine Ausbürgerung und bitten darum die beschlossenen Maßnahmen zu überdenken.“[35] Zu den ersten Unterzeichnern des Briefes zählten neben Stephan Hermlin, Christa Wolf, Sarah Kirsch, Volker Braun, Franz Fühmann, Stephan Heym, Günter Kunert, Heiner Müller, Rolf Schneider, Gerhard Wolf, Jurek Becker und Erich Arendt. Diese Schriftsteller waren in Werk, Alter und politischer Herkunft völlig verschieden, hatten sich aber in der DDR, in der BRD und im Ausland ein solches Ansehen erworben, das ihre Erklärung größte öffentliche Aufmerksamkeit garantierte. Die Petition hätte dennoch wohl kaum Staub aufgewirbelt, wenn ihre Verfasser den üblichen Kritikweg über die Partei oder den Verband eingehalten hätten, wie Christa und Gerhard Wolf aus eigenen Erfahrungen gelernt hatten: „Man sagt uns jetzt, es hätte uns der Weg der Aussprache mit führenden Genossen oder der Postweg an entsprechende Institutionen offengestanden. Das ist wahr! Diesen Weg ist jeder von uns in der Vergangenheit oft und meist mit sehr geringer Resonanz gegangen. Alle hier im Raum wissen, daß sehr viele Genossen und Bürger in diesen Tagen eben diesen Weg gewählt haben, um ihre Bestürzung, ihre Sorge, ihre Bedenken auszudrücken. Keines dieser Schreiben ist gedruckt oder gesendet worden.“[36] Statt dessen erzwangen sie sich den Zugang zur Öffentlichkeit, indem sie ihr Schreiben nicht nur der Redaktion des SED-Zentralorgans Neues Deutschland, sondern auch – unter Maßgabe einer zwei-stündigen Sperrfrist – der französischen und der englischen Nachrichtenagenturen „Agence France Press“ und „Reuter“ zuleiteten. Am Abend des selben Tages, dem 17. November 1976, berichteten die westlichen Medien ausführlich über die Ausbürgerung Wolf Biermanns und veröffentlichten die Protesterklärung der Künstler. Der WDR änderte sogar sein Fernsehprogramm und zeigte spät abends zwei Stunden lang Ausschnitte aus dem Kölner Konzert Wolf Biermanns. In der DDR jedoch wurde, wie vermutet, der Protest weder gedruckt noch gesendet – man schwieg ihn tot. In den folgenden Tagen unterzeichneten dennoch viele andere DDR-Künstler diese Erklärung und schlossen sich damit spontan dem Protest an.[37] Diese Protestaktion war von den Erstunterzeichnern weder organisiert noch beabsichtigt worden: So wie die obersten Parteifunktionäre vom Protest seitens der Künstler überrascht waren, waren es die Erstunterzeichner von der spontanen Entstehung einer Protestbewegung.[38] Als im Westen bekannt wurde, daß sich über hundert Künstler in der DDR der Erklärung angeschlossen hatten, änderte die ARD am Freitag, dem 19. November, ihr gesamtes Abendprogramm und strahlte Wolf Biermanns Konzert in voller Länge aus und betonte dabei, daß die Sendung - gewissermaßen zur Aufklärung und als Beweismaterial - in erster Linie für die DDR-Bewohner bestimmt sei. Mehrere Zeitungen, darunter die Zeit und die Frankfurter Rundschau, veröffentlichten in ihren nächsten Ausgaben sowohl den Brief mit dem Zusatz, „Wir sind mit der Erklärung und dem Protest der Berliner Künstler gegen die Ausbürgerung Wolfs Biermanns solidarisch“, als auch die über hundert Unterschriften. Damit war ausgeschlossen, daß die Maßnahme in den Alltäglichkeiten des politischen Lebens unterging.

Obwohl die SED solch massiven Widerstand nicht erwartet hatte, reagierte das Partei-Organ Neues Deutschland in ungewohnter Eile. Schon am 18. November wurden bestellte Zustimmungserklärungen zur Biermann-Ausbürgerung und scharfe Attacken gegen die Unterzeichner des Protestes gedruckt. In den nächsten Tagen wurden „Leserbriefe“ mit ähnlichem Inhalt aus allen gesellschaftlichen Schichten veröffentlichte.[39] Dafür wurden so viele Seiten zur Verfügung gestellt, wie für die Ereignisse in Chile oder in Vietnam, ein Beweis dafür, daß die Angelegenheit von der Partei sehr ernst genommen wurde. Der Protestbrief selbst blieb aber weiterhin unveröffentlicht. Nach dem ersten Schock begegnete dann das Politbüro der SED in engem Zusammenspiel mit dem Ministerium für Kultur und dem Schriftstellerverband dem unerwarteten Protest mit einem genau kalkulierten Wechsel aus Diskussion und Einschüchterungen. Die Versuche, die Künstler dazu zu bringen, ihren Protest zurück zu nehmen, oder sich davon zu distanzieren und sie zu einem Arrangement mit der Partei zu ermuntern, blieben jedoch nahezu erfolglos. Daraufhin griff die SED zur Gewalt. Besonders hart schlug die SED wegen der Solidaritätsaktionen wenig prominenter und oft junger Menschen zu. Es kam zu Verhaftungen, weiteren Abschiebungen, Auftrittsverboten oder Störaktionen bei Veranstaltungen und vielen weiteren anhaltenden beruflichen Nachteilen. Die SED behandelte die Erstunterzeichner, die mehrheitlich der Partei angehörten, verglichen damit eher „mild“.[40] Trotz der am Ende verhängten Parteistrafen - Stephan Hermlin erhielt eine strenge Rüge, Volker Braun und Christa Wolf eine einfache Rüge, Gerhard Wolf, Jurek Becker und Karl-Heinz Jakobs wurden aus der Partei ausgeschlossen und Sarah Kirsch und Günter Kunert aus der Partei gestrichen[41] - und die späteren Zerwürfnisse mit dem Zentralvorstand des Schriftstellerverbandes der DDR, wurde die Mehrzahl der Erstunterzeichner in ihrer schriftstellerischen Tätigkeit kaum behindert, und auch ausgeschlossene Autoren wie Jurek Becker durften weiterhin in der DDR publizieren. Die Partei hütete sich davor, weitere Märtyrer zu schaffen.

Die Biermann–Ausweisung führte zu einer wachsenden Polarisierung und Politisierung der DDR–Literatur. Die Entfremdung der protestierenden Künstler von der Kulturpolitik wurde größer und der Riß in den Reihen tiefer, es breitete sich ein Klima des Mißtrauens und der Niedergeschlagenheit aus. Die in den folgenden Jahren erschienenen Werke, wie Vor den Vätern sterben die Söhne von Thomas Brasch, Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene von Erich Loest, November von Rolf Schneider, Schlaflose Tage von Jurek Becker, Atemnot von Klaus Poche, Collin von Stephan Heym, u.a., wurden aus einer Stimmung der Enttäuschung und der Empörung gegen den Mißbrauch von Staatsgewalt geschrieben. Diejenigen kritischen Künstler, die die DDR verlassen wollten, erhielten sehr schnell eine Ausreiseerlaubnis, was zu einem Exodus von Künstlern aus der DDR führte. Noch 1976 gingen Thomas Brasch und Bernd Jentzsch, 1977 verließen dann u.a. Reiner Kunze, Sarah Kirsch, Jürgen Fuchs, Manfred Krug und Nina Hagen die DDR, ihnen folgten 1978 Jurek Becker und Erich Loest und 1979 Günter Kunert, Klaus Poche und Rolf Schneider, um nur die prominentesten zu nennen. Im Westen wurde daher oft behauptet, die DDR sei dabei „auszubluten“. Unter den im Lande verbliebenen Künstlern war der entstandene Konflikt noch nicht beendet. Aus „Altersgründen“ überließ Anna Seghers das Präsidentenamt des Schriftstellerverbands Hermann Kant, Günter de Bruyn und Karl-Heinz Jakobs gaben ihr Mandat zurück, Stephan Hermlin zog sich Jahre lang ins Privatleben zurück und Christa Wolf trat aus dem Vorstand des Schriftstellerverbandes aus.[42] Am 7. Juni 1979 wurden neun Autoren wegen eines neuerlichen Protestes aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen.[43] Die Biermann-Affäre hatte außerdem für die Künstler große Unsicherheit zur Folge. Der Rahmen des Erlaubten war unklar geworden, die von ihm umschlossenen Grenzen wandelten sich stetig und keiner wußte, wo die Toleranzgrenze genau verlief. Vermehrt nutzten einige die Möglichkeit, trotz empfindlicher Strafandrohung, zur Veröffentlichung in der BRD.

2.2. „Daß ich nur schreibend über die Dinge komme!“

Christa Wolf trat 1949 in die SED ein. Die Zwanzigjährige war tief von ihren Erlebnissen im Nationalsozialismus geprägt und fest davon überzeugt, daß allein dieser Staat und diese Partei eine neue Gesellschaft aufbauen konnten. 1963 rückte sie mit der Veröffentlichung von Dem g eteilten Himmel in die öffentliche Aufmerksamkeit und wurde Kandidatin des ZK der SED. Doch eine bequeme Ja-Sagerin war sie nicht, das erwies sich schon bald darauf. Auf der Zweiten Bitterfelder Konferenz im April 1964 kritisierte sie die dogmatische „Kunstauffassungen“ und das unberechtigte Mißtrauen gegenüber Künstlern.[45] Auf der 11. Tagung des ZK der SED im Jahre 1965 trat sie für ihren Kollegen Werner Bräuning, der wegen seines Romans Rummelplatz den heftigen Angriffen der Mehrzahl der Anwesenden ausgesetzt war, ein.[46] Sie hatte erkannt, daß es nicht um das Verbot von ein paar Filmen oder Stücken ging, sondern um eine prinzipielle Umorientierung. Sie war alarmiert und wollte ihre Stellung nutzen, um zu warnen und zu mahnen.[47] Ihre Rede wurde durch tadelnde Zwischenrufe unterbrochen. Sie bekam daraufhin auch Eingriffe in ihr künstlerisches Schaffen zu spüren – ein Filmprojekt, an dem sie beteiligt war, Fräulein Schmetterling, konnte nicht realisiert werden. Auf dem VII. Parteitag der SED im April 1967 war ihr Name von der ZK-Kandidatenliste verschwunden. Im Herbst 1968 weigerte sie sich dennoch - wie Anna Seghers - die Erklärung des Schriftstellerverbandes, in der die Invasion der CSSR begrüßt wurde, zu unterschreiben, und bekam erneut Schwierigkeiten. Wenn sie damals noch keine öffentliche Kritik wagte, dann wahrscheinlich nur deshalb, weil die Furcht, von der „falschen Seite“ Beifall zu bekommen, noch die vor den Folgen der Invasion überwog. 1976 entschied sie sich anders.[44]

Die Gründe, weshalb sie sich dem Protest angeschlossen hat, legte sie ausführlich in ihrer Erklärung auf der Parteiversammlung des Berliner Schriftstellerverbands dar. Ein Grund war für sie zunächst, daß sie die Entscheidung für politisch falsch hielt. Die Ausbürgerung Biermanns schadete in der Tat beträchtlich dem Ansehen der DDR im Ausland. Es wurde von einer „neuen Eiszeit“ gesprochen, Parallelen wurden mit einem nationalsozialistischen Gesetz gezogen, das vorsah, daß Reichsangehörigen die Staatsbürgerschaft aberkannt werden konnte, sofern sie sich im Ausland aufhielten und „durch ein Verhalten, das gegen die Pflicht und Treue zu Reich und Volk verstößt, die deutschen Belange geschädigt“ hatten. Die Entscheidung verstieß außerdem gegen die Menschenrechte, zu deren Achtung sich die DDR gerade verpflichtet hatte. Christa Wolf sah „eine Biermann-Welle auf die DDR zukommen“, wo Biermanns Wirksamkeit doch „inzwischen nach unserer Kenntnis auf einen engen Kreis begrenzt war.“[48] Tatsächlich verschafften die Radio- und Fernsehübertragungen des Konzerts Biermann eine Präsenz in der DDR, die er anderenfalls niemals hätte erringen können. Ein weiterer Grund war, daß sie von der Methode ihrer Partei bestürzt war. Es gehörte zum politischen Einmaleins, daß eine solche Entscheidung nicht davon abhängig gemacht wurde, wie Biermann in Köln reden und singen würde, zudem seine Position natürlich dem Politbüro außerordentlich gut bekannt war: Die Entscheidung war allem Anscheinen nach schon vor dem Konzert getroffen worden. Die Ausreiseerlaubnis für Wolf Biermann erschien nun „wie ein Vorwand für eine andere Absicht.“[49] Der entscheidende Grund soll aber gewesen sein, daß sie nicht schweigend zusehen konnte. Als sie die Nachricht bekam, Wolf Biermann sei die Staatsbürgerschaft entzogen worden, war sie „innerlich noch nicht mit dem Fall Reiner Kunze fertig gewesen.“[50] Die Biermann-Ausweisung scheint bei ihr nun an die Schmerzgrenze zu stoßen. „Ich glaube, daß ich nicht mehr hätte schreiben können, wenn ich an diesem Tag nicht öffentlich hätte sagen können, was ich dachte und fühlte.“[51] Was etwas emphatisch klingen mag, wird, wenn man die Ansprüche, die Christa Wolf an Schriftsteller und sich selbst stellt, näher kennt, verständlich. Schon 1965 hatte sie ihr Eintreten für Werner Bräuning damit begründet, sie könne die heftigen Kritiken gegen ihn mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren. Ihr ist stets bewußt gewesen, daß viele Menschen in ihr eine Autoritätsinstanz sehen.[52] Mit einem Gefühl der Scham oder der Schuld hätte sie sich nicht mehr berechtigt gefühlt, ihre Stimme zu erheben. Einige Jahre nach der Biermann-Affäre schrieb sie: „Jeden Tag sagte ich mir, ein bevorzugtes Leben wie das meine ließe sich nur durch den Versuch rechtfertigen, hin und wieder die Grenzen des Sagbaren zu überschreiten, der Tatsache eingedenkt, daß Grenzverletzungen aller Art geahndet werden.“[53]

[...]


[1] Insgesamt konnten bei Luchterhand 42 000 Exemplare der gebundenen Ausgabe verkauft werden, bevor es im Februar 1981 als Taschenbuch auf den Markt kam, in deren Ausgabe bis 1989 118 000 Exemplare verkauft wurden. Der Aufbau-Verlag gab keine Verkaufszahlen an, dennoch gab es laut der Verlagslektorin Angela Drescher nur wenige DDR-Autoren, die ähnlich hohe Auflagenziffern erreichten. Vgl. Peter Teupe: Christa Wolfs „Kein Ort. Nirgends“, 1992, S. 99f.

[2] Lexika und Literaturgeschichten kennen die Günderrode als Günderode, doch Christa Wolf hat sowohl in Kein Ort. Nirgends als auch in ihrem Essay die Schreibweise mit zwei „r“ aus der Biographie von Richard Wilhelm übernommen, was die Kritiker scheinbar etwas verwirrt hat, denn manche haben die Schreibweise Christa Wolfs, manche die der Lexika und Literaturgeschichten übernommen.

[3] Henk de Wild: Bibliographie der Sekundärliteratur zu Christa Wolf, 1995, S. 391ff.

[4] Rolf Michaelis: „Eine andere Art von Tod.“ In: Die Zeit, 16. 03. 1979.

[5] Sibylle Wirsing: „Das Malheur zu allem Unglück.“ In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. 03. 1979.

[6] Wolfgang Werth: „Für Unlösbares gibt es keine Form.“ In: Süddeutsche Zeitung, 04. 04. 1979.

[7] Wilfried F Schoeller: „Nicht gelungen, gewiß nicht.“ In: Frankfurter Rundschau, 07. 04. 1979.

[8] Jörg B. Bilke: „Die Zeit vor dem Selbstmord.“ In: Die Welt, 14. 04. 1979.

[9] Jürgen P. Wallmann: „Vorgänger ihr, Blut im Schuh.“ In: Rheinischer Merkur, 11. 05. 1979.

[10] Dagmar Sobull: „Gefangen im Geschlecht.“ In: Deutsche Zeitung, 12. 04. 1979.

[11] Ingeborg Drewitz: „Im Sog des Todes.“ In: Nürnberger Nachrichten, 29. 03. 1979.

[12] Hedwig Rohde: „Kleist und die Günderrode.“ In: Der Tagesspiegel, Berlin, 22. 04. 1979.

[13] Manfred Jäger: „Verzweifelte Utopie, lockere Ironie.“ In: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 15. 04. 1979.

[14] Sigrid Bock: „Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends.“ In: Weimarer Beiträge, 1980, H.5, S. 145-157.

[15] Sylvia und Dieter Schlenstedt: „Kein Ort. Nirgends.“ In: Sonntag, 12. 08. 1979.

[16] Karin Hirdina: „Begegnung zwischen den Zeiten.“ In : Sinn und Form, 1979, H. 5, S. 1099-1104.

[17] Jürgen Engler: „Im Spannungsfeld von Gedanke und Tat.“ In: NDL, 1979, H. 7, S. 130-133.

[18] Ursula Püschel: „Zutrauen kein Unding, Liebe kein Phantom.“ In: NDL, 1979, H. 7, S. 134-139.

[19] Anordnung über die Wahrung der Urheberrechte, GBI,II/1966, zitiert nach: Reinhild Köhler-Hausmann: Literaturbetrieb in der DDR – Schriftsteller und Literaturinstanzen, 1984, S. 98.

[20] Vgl. Reinhild Köhler-Hausmann: Literaturbetrieb in der DDR – Schriftsteller und Literaturinstanzen, 1984, S. 90.

[21] Vgl. Monika Papenfuß: Die Literaturkritik zu Christa Wolfs Werk im Feuilleton, 1998, S. 21.

[22] Ebda, S. 26.

[23] Ebda, S. 21.

[24] Ebda.

[25] Die Rezeption der DDR-Literatur in der Bundesrepublik Deutschland wurde in jüngerer Zeit mehrfach untersucht. Die gesammelten Kritiken von Marcel Reich-Ranicki über die DDR-Literatur sind ebenfalls sehr aufschlußreich, um diese Entwicklung anhand konkreter Beispiele nachzuvollziehen. Marcel Reich-Ranicki: Ohne Rabatt- Über Literatur aus der DDR, 1991.

[26] Egbert Meyer: DDR-Literatur in Westdeutschland, 1994, S. 80ff.

[27] Ebda, S. 201.

[28] Christa Wolf: „Projektionsraum Romantik.“ In: Die Dimension des Autors, Bd. II, S. 422.

[29] Vgl. Gisela Rüß (Hrsg.): Dokumente zur Kunst-, Literatur- und Kulturpolitik der SED, 1972, S. 287.

[30] Ebda., S. 288.

[31] „Die Mitglieder des Schriftstellerverbands der DDR anerkennen die führende Rolle der Arbeiterklasse und ihrer Partei in der Kulturpolitik. Sie bekennen sich zur Schaffensmethode des sozialistischen Realismus. Sie treten gegen alle Formen der ideologischen Koexistenz und das Eindringen reaktionärer und revisionistischer Auffassung in der Bereiche der Literatur auf.“ Statut des Schriftstellerverbands der DDR, Abschnitt II. Zitiert nach Manfred Jäger: Kultur und Politik in der DDR, 1995, S. 52.

[32] Vgl. Dietmar Keller/Matthias Kirchner (Hrsg.): Biermann und kein Ende, 1991, S. 69.

[33] Protokoll der Sitzung des Politbüro des ZK der SED, Punkt 4, Anlage Nr. 2a: Pressemitteilung. In: Roland Berbig (Hrsg.): In Sachen Biermann, 1994, S. 69.

[34] Der Bildhauer Fritz Cremer (1908-1993) gehörte auch zu den ersten Unterzeichnern des „offenen Briefes“, hat sich aber schon am nächsten Tag, dem 18. November, von diesem distanziert und erklärt, sein Name sei in diesem Zusammenhang mißbraucht worden. Daher ist in vielen Darstellungen dieser Vorgänge bei den ersten Unterzeichnern nur von zwölf Schriftstellern die Rede.

[35] Veröffentlicht in Die Zeit vom 03.12.1976, S. 34. Zitiert nach Manfred Jäger: Kultur und Politik in der DDR, 1995, S. 162.

[36] Gemeinsame Erklärung von Christa und Gerhard Wolf während der Fortsetzung der Parteiversammlung des Berliner Schriftstellerverbandes, am 26. 11. 1976, Protokoll der Versammlung. In: Roland Berbig (Hrsg.): In Sachen Biermann, 1994, Dokument 5, S. 115.

[37] Darunter: Ulrich Plenzdorf, Klaus Schlesinger, Jürgen Fuchs, Thomas Brasch, Kurt Bratsch, Günter de Bruyn, Karl-Heinz Jakobs, Klaus Lenz, Klaus Poche, Nina und Eva-Maria Hagen, Manfred Krug, Angelica Dormröse und Sibylle Havemann.

[38] Siehe z.B. Manfred Krug: Abgehauen – Ein Mitschnitt und ein Tagebuch, 1996, S. 77 und 89.

[39] In: Neues Deutschland, 18. und 20/21.11.1976. Leserbriefe wurden ebenfalls in der Berliner Zeitung am 22.11.1976 veröffentlicht.

[40] Das Strafgesetzbuch der Deutschen Demokratischen Republik vom 12. Januar 1968 hätte es ermöglicht, aus dem gegebenen Sachverhalt einen strafrechtlich relevanten Tatbestand zu konstruieren, etwa wegen staatsfeindlichen Verbindungen, Hetze oder Gruppenbildung. In diesem Fall wäre eine mehrjährige Freiheitsstrafe möglich gewesen.

[41] Bericht an das Politbüro des ZK der SED über die Durchführung der Mitgliederversammlung des Berliner Schriftstellerverbandes vom 7. Dezember 1976 und vom 20. Januar. 1977. In: Roland Berbig (Hrsg.): In Sachen Biermann, Dokument 10, S. 220ff und Dokument 11, S. 228ff.

[42] Christa Wolf erklärte in einem Brief an das Präsidium des Schriftstellerverbandes der DDR und an Erich Honecker: „In Vorgänge, die ich nicht durchschaue und verstehe, kann ich mich nicht einmischen. Ich will auch nicht schweigend dabeisitzen […] Es bleibt mir also keine Wahl: Ich erkläre hiermit meinen Austritt aus dem Vorstand des Schriftstellerverbandes der DDR.“. In: Roland Berbig (Hrsg.): In Sachen Biermann, 1994, Dokument 52, S. 285.

[43] Ausgeschlossen wurden: Kurt Bartsch, Adolf Endler, Stefan Heym, Karl-Heinz Jakobs, Klaus Poche, Klaus Schlesinger, Rolf Schneider, Dieter Schubert und Seypel. Jurek Becker und Martin Stade gehörten schon vorher nicht mehr zum Schriftstellerverband. Erich Loest erklärte seinen Austritt und ersparte sich so die Abstimmungsprozedur.

[44] Christa Wolf: Nachdenken über Christa T., 1997, S. 40.

[45] Vgl. Christa Wolf: „Diskussionsbeitrag.“ In: Die Dimension des Autors, Bd. I, S. 384ff.

[46] Christa Wolf: „Gute Bücher – und was weiter? Diskussionsbeitrag auf dem 11. Plenum des ZK der SED.“ In: Günther Agde (Hrsg.): Kahlschlag – das 11. Plenum des ZK der SED, 1965, S. 334ff.

[47] Christa Wolf: „Erinnerungsbericht.“ In: Günther Agde (Hrsg.): Kahlschlag – das 11. Plenum des ZK der SED, 1965, S. 263ff.

[48] Gemeinsame Erklärung von Christa und Gerhard Wolf auf der Parteiversammlung des Berliner Schriftstellerverbandes vom 26. November 1976. In: Roland Berbig (Hrsg.): In Sachen Biermann, 1994, Dokument 5, S. 114.

[49] Ebda, S. 115.

[50] Erklärung von Christa und Gerhard Wolf.. In: Roland Berbig (Hrsg.): In Sachen Biermann, 1994, Dokument 5, S. 115.

[51] Erklärung von Christa Wolf für die Parteileitung des Berliner Schriftstellerverbandes vom 07. 12. 1976. In: Roland Berbig (Hrsg.): In Sachen Biermann, 1994, Dokument 48, S. 277f.

[52] Vgl. z.B. Therese Hörnigk: „Gespräch mit Christa Wolf.“ In: Sinn und Form, 1989, H. 2, S. 271.

[53] Christa Wolf: Was bleibt, 1997, S. 20.

Details

Seiten
95
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638159197
Dateigröße
667 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9136
Institution / Hochschule
Université Sorbonne Nouvelle Paris III – Institut d Allemand d Asnieres
Note
1,0
Schlagworte
Christa Wolf Kein Ort. Nirgends Biermann-Affäre Romantik in der DDR sozialitische Realismus Utopie Frauen in der Gesellschaft subjektive Authentizität

Autor

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Titel: Christa Wolfs 'Kein Ort. Nirgends'  im Kreuzfeuer der Literaturkritik von Ost und West