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Tiergestütze Pädagogik. Modeerscheinung oder adäquate Reaktion auf unsere moderne Welt?

Kritische Betrachtung einer Methode und ihrer wissenschaftlichen Grundlagen

Diplomarbeit 2006 113 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Besonderheiten der MenschTier Beziehung oder die Frage: Warum ausgerechnet Tiere?
1.1 Anthropomorphismus
1.2 DuEvidenz
1.3 Sieben Phasen der MenschTier Beziehung nach Desmond Morris
1.4 Die Biophilia – Hypothese
1.5 Kinder und Tiere

2. Funktion und Rolle des Tieres in unserer modernen Welt
2.1 René Descartes
2.2 Das 19.Jahrhundet
2.3 Leben in der Großstadt

3.Geschichte der Tiergestützten Pädagogik
3.1 Historische Beispiele für den Einsatz von Tieren in Pädagogik und Therapie
3.2 Beginn der wissenschaftlichen Erforschung
3.3 Begriffserklärungen

4. Der „Klassiker“ in der Tiergestützten Pädagogik : Erziehung zur Menschlichkeit

5.Psychologisch Hintergründe und Schnittstellen
der Tiergestützten Pädagogik
5.1 Kommunikation zwischen Mensch und Tier
5.1.1 Digitale und analoge Kommunikation
5.1.2 Der Einfluss von Tieren auf die emotionale Intelligenz
5.2 Motivation – wie Tiere uns darin beeinflussen
5.2.1 Intrinsische und Extrinsische Motive
5.2.2 Die Motivationshierarchie nach Maslow
5.2.3.Das Bedürfnis nach Anregung
5.2.4 Das Bedürfnis nach Berührung und Hautkontakt
5. 3 Lernen – warum es uns gerade mit Tieren so leicht fällt
5.3.1 Einflüsse auf den Lernprozess
5.3.2 Operante Konditionierung – Tiere als Verstärker
5.3.3 Die Korrektur „fehlgegangenen Lernens“ – systematische Desensibilisierung mit Hilfe eines Tieres
5.3.4 Lernen am Modell Bandura
5.4 Stress – wie Tiere uns dabei helfen können ihn zu bewältigen und mit ihm umzugehen
5.4.1 Stress und soziale Beziehungen
5.4.2 Stress in der Schule
5.5 Tiere als „Entwicklungshelfer“?
5.6 Zwischenfazit

6. Didaktische Überlegungen zur Tiergestützten Pädagogik
6.1 Das Didaktische Dreieck
6.2 Das „Berliner Modell“ in der Tiergestützten Pädagogik
6.3 Reflexion

7. Spezifische Eigenheiten verschiedener Tierarten und ihr Potential für den Einsatz in der Pädagogik
7.1 Pferde
7.2 Hunde
7.3 Katzen
7.4 Lamas/Alpakas
7.5 Vögel
7.6 Fische
7.7 Kaninchen, Meerschweinchen und andere Nager
7.8 Arbeit mit einer Schafherde
7.9 Ziegen, Kühe, Schweine und andere Nutztiere
7.10 Delphine

8. Kritische Ergänzungen bezüglich der tiergestützten Arbeit in Literatur und Praxis

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis:

11. Abbildungsverzeichnis:

Einleitung

Tiere sind „in“ – sie begegnen uns in Büchern, Magazinen aber vor allem im Fernsehen.[1] Ein kurzer Blick in die Fernsehprogrammzeitschrift scheint diese Behauptung nur zu bestätigen. Tiere tauchen in unzähligen Kinderserien als Zeichentrickhelden auf, in Tierdokumentationen, aber vor allem in letzter Zeit verstärkt auch in „Doku–Soaps“. Von „Elefant, Tiger & Co“ bis zu den „Ruhrpottschnauzen“ findet man mindestens sechs verschiedene Sendungen in einer Woche, die von Geschichten aus diversen Zoos berichten. Hinzukommen noch Magazine und Ratgeber wie „Hundkatzemaus“ oder „Tier zuliebe“[2], um nur einige Beispiele zu nennen. Auch in diversen Serien und Spielfilmen sind sie natürlich vertreten. Tiere scheinen nicht nur „in“ zu sein, sondern auch eine große Faszination auf Menschen auszuüben.

Dass der Umgang mit Tieren aber keinesfalls immer problemlos und harmonisch ist, zeigt ebenfalls ein Blick ins Fernsehprogramm. Sendungen wie „Die Tier-Nanny“ oder „Die Superfrauchen“ beschäftigen sich, bei aller Faszination und Liebe für ein Tier, mit der gestörten Mensch-Tier- Kommunikation. Auch dies scheint ein häufiges Phänomen unserer Zeit zu sein.

Genauso wie Tiersendungen diverser Art sich anscheinend immer größerer Beliebtheit erfreuen, so ist seit den 90er Jahren auch die Tiergestützte-Pädagogik und –Therapie verstärkt in den Mittelpunkt des Medieninteresses gerückt und hat sich zu einer Art Mode entwickelt, die immer wieder als Thema in Gesundheitsratgebern oder auch Magazinen auftaucht.

Eine Mode, ein Trend, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Die Nachteile werden einem Interessierten an der Thematik schnell bei einer Stichwortsuche im Internet bewusst. Dort stolpert man über eine fast unüberschaubare Vielzahl von Angeboten, Titeln und Bezeichnungen, vom Tierbesuchsdienst über Tiertherapie, Tiergestützte-Pädagogik, Therapiehund bis zum experentiellen Reiten und der Hippotherapie. All diese Bezeichnungen werden bei uns in Deutschland gleichzeitig verwendet und nur wenige sind eindeutig definiert. Auch anerkannte Ausbildungen gibt es nur wenige, eine Ausnahme bilden da das Heilpädagogische Reiten und Voltigieren. Für den Einsatz von Kleintieren und Hunden gibt es aber bis jetzt noch gar keine einheitlichen Ausbildungen oder Standards und so muss der Interessierte aus diesem, doch sehr verwirrenden Angebot, versuchen die seriösen Angebote herauszufinden und dafür braucht man, wie ich aus eigener Erfahrung durch meine Recherchen behaupten kann, viel Zeit und Geduld.

Zu den Vorteilen zählt sicherlich, dass bei Medieninteresse an einer bestimmten Sache, sich auch neue finanzielle Ressourcen für Vereine, Institutionen oder gar die wissenschaftliche Erforschung erschließen. Neue Erkenntnisse und Möglichkeiten für den speziellen Einsatz eröffnen sich. Teilweise hat man jedoch den Eindruck, wenn man sich Reportagen über den Einsatz von Tieren ansieht oder sich mit der Literatur beschäftigt, dass Tiergestützte-Pädagogik und –Therapie so etwas wie ein Allheilmittel ist, ein „Breitbandmedikament“, welches gegen sämtliche Varianten, seelischer und sozialer Leiden hilft und auch bei hoffnungslosen Fällen fast schon Wunder wirken kann. Zur Plausibilisierung der Methode wird diese in vielen Fällen mit eindrucksvollen Fallgeschichten oder rührenden, persönlichen Erfahrungsberichten unterfüttert. Ein idealisierender Tenor ist bei einer Vielzahl der Texte auffällig. Heilung durch Tierliebe oder wie Imre Kursztrich es ausdrückt: „In gewissem Sinne sind Tiere sogar bessere Therapeuten als Menschen“[3]

Folgenden Fragen werde ich im Verlauf der Diplomarbeit versuchen auf den Grund gehen und diese „moderne“ Methode aus verschiedenen Blickwinkeln kritisch betrachten und erläutern.

Ist Tiergestützte-Pädagogik nur eine Modeerscheinung, eine neue Illusion der Hoffnung für alle gestressten Lehrer, Pädagogen und Eltern, die an der heutigen Jugend verzweifeln, oder steckt mehr dahinter? Gibt es vielleicht sogar einen Grund dafür, dass diese Methode gerade in den letzten Jahren so verstärkt auftritt, ganz abgesehen von einer flüchtigen Mode? Und wenn wirklich mehr dahinter steckt, was bewirkt dann diese Faszination für Tiere bei Menschen und warum kann sich ein Umgang mit ihnen positiv auswirken? Was steckt dahinter?

1. Besonderheiten der Mensch-Tier Beziehung oder die Frage: Warum ausgerechnet Tiere?

Warum ausgerechnet Tiere? Erst Natur- und Umweltpädagogik, dann Erlebnispädagogik und jetzt Tiere. Nur eine neue Variation, die in schwierigen Zeiten Hilfe verspricht? Gibt es nicht schon genug Methoden (Medien) für die unterschiedlichsten Probleme und - mal ehrlich- ist es nicht ein Armutszeugnis der professionellen Pädagogik, wenn jetzt Tiere einen unserer letzten Rettungsanker darstellen sollen?

Kuschelpädagogik und Streicheln als Hilfe bei schwerwiegenden Problematiken – wer in der Praxis tiergestützt Arbeiten will, der muss sich auch mit dieser Art von Kritik und Bedenken auseinander setzten und sollte über genügend Fach- und Hintergrundwissen verfügen, um diesen gegenübertreten zu können. Wo liegen die Chancen und Möglichkeiten des professionellen Einsatzes von Tieren und wo seine Grenzen? Wie setzte ich Tiere ganz konkret ein, mit welcher Begründung und was für wissenschaftliche Erkenntnisse stützen diese Überlegungen? Wenn ein Pädagoge all diese Fragen beantworten kann, dann kann die Mode der Tiergestützten-Therapie und Pädagogik auch zu einer adäquaten Reaktion auf unsere moderne Welt werden und sich zu einer allgemein anerkannten Methode entwickeln, die ein kritisches Hinterfragen nicht zu fürchten braucht.

1.1 Anthropomorphismus

Der Begriff, „Anthropomorph“ kommt aus dem griechischen und bedeutet wörtlich: menschlich gestaltet.[4] Mit Anthropomorphisierung bezeichnet man ganz allgemein die Übertragung von menschlichen Eigenschaften auf Nicht- oder Außermenschliches. Darunter fällt die Vermenschlichung von Tieren, aber auch die Vorstellung von Göttern in Menschengestalt[5], es werden menschliche Eigenschaften verwendet, um das jeweilige Verhalten zu erklären.[6] Obwohl die moderne Wissenschaft mit dem Anthropomorphismus als allgemeinem Erklärungsprinzip auf dem „Kriegsfuß“ steht, wird die Vermenschlichung von Tieren im Alltag, innerhalb bestimmter Grenzen, doch als normal empfunden. Anthropomorphisierung kann aber auch als Ausdruck von Einfühlungsvermögen begriffen werden. Normalerweise setzten wir Menschen dieses Einfühlungsvermögen ein, um das Verhalten von unseren Mitmenschen zu interpretieren und vorauszusagen. Da die Menschen aber nach Darwin ebenfalls zu den Tieren gehören, oder wie Desmond Morris es ausdrückte, nackte Affen sind, können wir unser Einfühlungsvermögen auch dafür nutzen um das Verhalten von Tieren zu verstehen bzw. vorauszusagen.[7] Diese Anthropomorphisierung, diese Versuche des Einfühlens in Tiere ist für Tiergestützte-Pädagogik und Therapie in vielen Fällen eine Grundvoraussetzung, auf Grund derer eine Förderung, der emotionalen Intelligenz, durch Tiere erst Sinn macht (siehe Abschnitt 5.1.2 „Der Einfluss von Tieren auf die emotionale Intelligenz“). Natürlich kann sich ein Mensch nur unzureichend in ein Tier z.B. einen Hund oder ein Pferd hineinfühlen, denn als Mensch gehört er einer ganz anderen Spezies an. Aber ein Tier ist ein fühlendes Gegenüber, bei dem es dem Menschen leicht fällt, seine eigenen Empfindungen auf das Tier zu projizieren. Ich persönlich nutze in meinem Förderunterricht mit verhaltensauffälligen Kindern diese Anthropomorphisierung ganz bewusst aus und fördere sie, natürlich nur bis zu einem bestimmten Grade. Der Hund ist und bleibt ein Hund, aber ich fordere die Kinder immer wieder auf sich in den Hund hineinzuversetzen. Z.B. wie er sich fühlt, wenn er sich gerade zurückzieht und warum er das tut – was meistens der Fall ist, wenn sie sehr unruhig oder laut werden oder gar streiten, um ihnen daran ihr Verhalten bewusst zu machen und wie es auf andere wirkt – auch auf andere Menschen. Es fällt ihnen oft leichter, aber dass ist lediglich mein persönlicher Eindruck, sich in ein Tier hineinzuversetzen bzw. bei ihm Einfühlungsvermögen und Rücksicht auf seine Bedürfnisse zu zeigen oder auch dies zu üben, als bei ihren Mitschülern. Wahrscheinlich weil das Tier, als Tier, immer einen niedrigeren Rang einnimmt, als man selbst, als (menschliche) Person oder ein menschlicher Mitschüler und so keine Bedrohung des Selbstwertgefühls darstellt. Tiere bieten Kontakt an ohne soziale Ängste auszulösen.[8]

Der nächste Schritt ist dann natürlich der, ihnen Hilfen zur Übertragung von diesem positiven Verhalten gegenüber dem Tier oder auch gezeigtem Einfühlungsvermögen, auf den Menschen anzubieten.

Anregungen zur Anthropomorphisierung bieten Tiere, vor allem die höheren Säugetiere, zur Genüge, z.B. durch die Entdeckung von Gemeinsamkeiten wie Essen, Schlafen, Äußerung von Empfindungen wie Freude oder Schmerz, Trauer oder Angst, aber auch durch die Sterblichkeit. Die eigenen Gefühle und Erfahrungen werden auf das Tier projiziert. Es sind aber nicht nur Kinder die ein anthropomorphes Denken zeigen, sondern Menschen aller Alterstufen, besonders dann, wenn eine enge emotionale Bindung zum Tier besteht.[9]

Die Vermenschlichung des Tieres ist zwar für den Einsatz in der Pädagogik äußerst wichtig, die speziellen Bedürfnisse der Tiere und ebenso ihre Andersartigkeit, sind aber auch zu beachten und bewusst zu machen, um den Tieren gerecht zu werden. Das Tier stellt bei dem bewussten Einsatz von Anthropomorphisierung nur ein Medium dar, um auf menschliche Verhaltensweisen aufmerksam zu machen und sie, im Medium Tier, zu erkennen. Das Ganze hat aber durch die Andersartigkeit des Tieres auch Grenzen.

1.2 Du-Evidenz

Wenn man es genau nimmt, beschreibt der Begriff „Anthropomorphisierung“ nur ein Verhalten. Der Erlebnismoment, welcher diesem Verhalten zugeordnet wird, wird verbreitet als „Du-Evidenz“ bezeichnet. Rein von der logischen Abfolge her ist die Du-Evidenz der Anthropomorphisierung vorangestellt.[10]

1922 wurde der Begriff der „Du-Evidenz“ von Bühler auf den zwischenmenschlichen Bereich eingeführt. Geiger (1931) und Konrad Lorenz (1965) versuchten ihn dann auf die Mensch-Tier- Beziehung zu übertragen. Geiger ging aber auch davon aus, dass nicht nur das Tier für den Menschen eine Du-Evidenz darstellt, sondern auch der Mensch für das Tier.[11]

Um das ganze ein wenig verständlicher auszurücken: Mit Du-Evidenz bezeichnet man die Tatsache, „dass zwischen Menschen und höheren Tieren Beziehungen möglich sind, die denen entsprechen, die Menschen unter sich bzw. Tiere unter sich kennen.“[12]

Für die Du-Evidenz ist die subjektive Gewissheit entscheidend, dass es sich bei der Beziehung um eine Partnerschaft handelt. Solch eine Du-Erfahrung kann demnach auch durchaus nur einseitig sein.[13]

Es gibt viele Erscheinungsformen, der vom Menschen empfundenen, tierischen Du-Evidenz, die aber eines gemeinsam haben: Das Tier wird als Partner/Genosse empfunden, dem personale Qualitäten zugesprochen werden. Am deutlichsten wird dies an der Tatsache, dass der Mensch seinem tierischen Gegenüber einen Namen gibt. Durch diesen Namen wird das Tier zu einem Individuum und aus der Masse seiner Artgenossen herausgehoben. Bedürfnisse und Rechte werden ihm nun ebenso zugesprochen, wie einem menschlichen Gegenüber.[14]

Zusammenfassend kann man das Phänomen der Du-Evidenz bzw. der Anthropomorphisierung in drei Punkten zusammenfassen, welche für die professionelle Arbeit mit Tieren von Bedeutung sind:

- Induktion: Menschen (und eben auch der Klient) gehen davon aus, dass Tiere bestimmte Gefühle haben, weil ihr Verhalten in uns diese Gefühle auslöst.
- Simulation: Wir versetzen uns in die Situation des Tieres und fragen: „Wie würden wir uns dabei fühlen?“
- Analogie: Wir übertragen unsere Gefühle auf der Basis von Ähnlichkeiten zwischen Tier und Mensch (Analogien) auf die Tiere.[15]

1.3 Sieben Phasen der Mensch-Tier Beziehung nach Desmond Morris

Nach Desmond Morris gibt es sieben verschiedene Phasen der Beziehung des Menschen zu Tieren, die sich im Laufe des Lebens verändern. Diese Beobachtung ist für die Tiergestützte-Pädagogik insofern interessant, da Tiere bei der Arbeit mit fast jeder Altersgruppe eingesetzt werden. Für den professionellen Einsatz ist es wichtig zu wissen, wie Menschen das Tier wahrnehmen, um es sinnvoll einsetzen zu können.

- Kindheitsphase: Völlig abhängig von den Eltern reagieren Kinder stark auf sehr große Tiere als Elternsymbole.
- Kind-Eltern-Phase: Kinder beginnen mit den Eltern in Konkurrenz zu treten und reagieren lebhaft auf kleine Tiere, die als Kind-Ersatz dienen; in dieser Phase sind lebende Tiere als Spielzeug beliebt.
- Objektive Vor-Erwachsenen-Phase: Es beginnen wissenschaftliche aber auch ästhetische Interessen – die Phase des Käfer- und Schmetterlingssammelns, des Aquariums und Terrariums, sowie des Mikroskopierens.
- Phase des jungen Erwachsenen: Die Angehörigen des anderen Geschlechts der eigenen Art werden als die wichtigsten Lebewesen empfunden. Andere Arten finden kaum Beachtung.
- Erwachsenen-Eltern-Phase: Tiere treten wieder symbolisch als Spieltiere der Kinder auf.
- Nach-Eltern-Phase: Nachdem die Kinder aus dem Haus sind werden Tiere häufig als Kind-Ersatz angenommen. (Bei kinderlosen Paaren kann dies schon früher geschehen)
- Altersphase: Sie ist gekennzeichnet durch ein verstärktes Interesse für den Tierschutz, vor allem für bedrohte Arten. Es findet eine symbolische Gleichsetzung statt. Das alternde Individuum schwindet dahin und so dienen ihm dahinschwindende Arten als Symbol für sein eigenes Schicksal.[16]

Diese „Phasentheorie“ kann natürlich nicht pauschal auf jeden Menschen angewendet werden. Es gibt genug junge Erwachsene die sich sehr für Tiere interessieren und andersherum interessiert sich nicht jeder Rentner für den Tierschutz. Dennoch empfinde ich diese Theorie als einen Baustein des notwenigen Hintergrundwissens, um zu verstehen, warum z.B. Kleintiere im Klassenzimmer einer Grundschulklasse eine andere Wirkung haben, als dieselben in der zehnten Klasse.

1.4 Die Biophilia – Hypothese

Es gibt noch eine weitere Theorie, die sich mit dem Verhältnis des Menschen zu Tieren aber auch zur Natur auseinandersetzt und die eine Erklärung dafür bietet, warum Tiere überhaupt in unserem Leben so eine große Rolle spielen.

Es gibt Überlegungen und die begründete Vermutung, dass an der Anthropomorphisierung des Tieres durch den Menschen auch psychische Wirkmechanismen beteiligt sind, es für dieses Verhalten also mögliche, genetische Veranlagungen gibt. Biophilia ist einer dieser Denkansätze.[17]

Der Hypothese gingen folgende Beobachtungen in der Forschung voraus:

1980 veröffentlichte Erika Friedmann eine Untersuchung über die Überlebenschancen von Herzinfarktpatienten nach einem operativen Eingriff. Als besonders ausschlaggebend für das Überleben der Patienten erwies sich die Variable „Heimtierkontakt“. Der Effekt war weitgehend unabhängig von der Tierart und ebenfalls davon, ob man das Tier selbst besaß oder nur beiläufig Kontakt hatte. Für dieses Ergebnis hatten die Forscher keine Erklärung.[18]

1983 schien das Rätsel gelöst. Es erschien der Artikel: „Physiological Consequences of Interaction with the Living Environment“. In diesem wurde aufgezeigt, dass die Gegenwart von Tieren, sei es Hund oder der Fisch im Aquarium, blutdruck- und herzfrequenzsenkend wirkt. Der Effekt wurde dann noch verstärkt, wenn der Mensch mit dem Tier redete. Dieser Effekt war quantitativ stärker oder gleichstark, wie eine über technisch aufwendige Beruhigungsverfahren, wie autogenes Training oder Hypnose, erreichbare Veränderung. Das Gespräch mit einem vertrauten Menschen ergab keine vergleichbare Reaktion.[19]

Tiere im entspannten Zustand, so scheint es, sind eine Art natürliches Beruhigungsmittel für den Menschen.

Die Autoren des Artikels formulierten ihre Vermutung für diesen Effekt folgendermaßen:

„Etwas zaghaft wollen wir die vorsichtige Hypothese formulieren, dass die Gegenwart ungestörter Lebewesen deshalb beruhigend wirkt, weil in der menschlichen Evolution jahrtausendelang, wenn nicht sogar immer, der Anblick und das Geräusch ungestörter Tiere und Pflanzen ein wichtiges Zeichen für die Sicherheit waren.“[20]

Dieser Erklärungsversuch wurde zunächst abgelehnt. 1984 veröffentlichte dann Edward O. Wilson ein Buch mit dem Titel: “Biophilia“. Grundgedanke des Buches ist die Co-Evolution, welche verstanden wird als genetische Veränderung von Arten, die miteinander viele Lebenszyklen lang interagieren.[21]

Die Hypothese geht davon aus, dass der Mensch in seinem Verhalten und seinen Gefühlen sowie in seiner geistigen Entwicklung durch Umwelt und Lebensform beeinflusst wurde. Über 4,5 Millionen Jahre, seiner 5 Millionen Jahre währenden Existenz, hat der Mensch als Jäger, Sammler aber auch als Beute in der Savanne verbracht. In dieser Lebensform war er abhängig von einer Vielzahl anderer Tierarten und von seiner Fähigkeit, ihr Verhalten zu deuten. Tiere, die viel schärfere Sinne hatten als der Mensch, flohen bei drohender Gefahr. Der Anblick von ruhigen, ungestörten Tieren bedeutete Sicherheit.[22]

„Das Verhältnis von Mensch und Tier gehört zu den ältesten sozialen Beziehungen“.[23] Dieser Satz von Münch bringt die Sache, wie ich finde, noch einmal auf den Punkt.

Der Mensch fühlt sich von Gegebenheiten angezogen, die seinem evolutionären Entwicklungsrahmen entsprechen - also eine artenreiche vielfältige Natur, weil er sich seiner Abhängigkeit von ihr instinktiv bewusst ist. Ein Interesse am Lebenden scheint uns angeboren.[24]

Nach Beetz, sind aber nicht nur Neugier, Wertschätzung der natürlichen Schönheit oder ein Gefühl der Verwandtschaft und Empathie ein Ausdruck dieser Verbundenheit mit der Natur, genauso kann dies auch Angst sein. Z.B. vor bestimmten Tieren, wie Schlangen. Biophilie schließt Attraktion ebenso ein wie Aversion.[25]

Wenn man die Spezies Mensch nun rein wissenschaftlich betrachtet, so gehört der Mensch selbst zum Tierreich und zwar zum Stamm der Wirbeltiere, zur Klasse der Säugetiere und zur Ordnung der Primaten, zu denen auch die Menschenaffen gehören.[26] Wenn man es also genau nimmt, sind wir lediglich nackte Affen.

Spätestens seit Darwin ist klar, dass der Mensch eine zweifache Geschichte hat – als kulturelles und eben auch als biologisches Wesen.

Der Mensch als Kulturwesen hat seine Instinktgebundenheit weitgehend überwunden. Biophilie erinnert ihn an die verbliebenen Reste.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Das Eisbergmodell[27]

Sie ist als eine Art „Hintergrundmusik“ zu verstehen, die einem kulturellen, technisierten Leben nicht viel entgegen zu setzen hat. Sollten diese Bedürfnisse jedoch missachtet werden, kann es zu einer Reduzierung der Leistungsfähigkeit, des Wohlbefindens und der Gesundheit kommen.[28]

Meeker (1982) beobachtete, dass Menschen, die in einer sehr technologisch geprägten, in extremen Fällen fast ausschließlich in einer virtuellen Welt leben, sich weder persönlich, geistig noch emotional voll entwickeln können. René Dubos drückte diesen Umstand 1969 folgendermaßen aus: „Der Kult um die Wildnis ist kein Luxus; er ist notwendig zur Bewahrung unserer geistigen Gesundheit…“[29]

Die menschliche Verbundenheit zur Natur mag zwar angeboren sein, jedoch kann diese Affinität auch ohne sichtbare Konsequenzen vor sich hinschlummern oder bei völlig fehlender Ansprache auch verkümmern. Wie ausgeprägt diese Verbundenheit zur Natur beim Menschen zum Ausdruck kommt, hängt ab von persönlicher Erfahrung, individuellen Möglichkeiten und sozialer Unterstützung.[30] Als Folge können wir beim professionellen Einsatz von Tieren in der Pädagogik zwar grundsätzlich davon ausgehen, dass eine große Faszination für Tiere besteht und ebenfalls der Wunsch mit ihnen zu interagieren. Jedoch gibt es gerade in Großstädten auch eine Vielzahl von Menschen, vor allem Kinder, denen der Umgang mit Tieren und Natur so fremd ist, dass es ihnen ungemein schwer fällt, mit ihnen in Kontakt zu treten und eine Beziehung aufzubauen, wenn es nicht sogar unmöglich ist. Und diese Zahl nimmt eher zu. Damit würde sich auch, trotz Biophilia-Hypothese, der Umstand erklären lassen, warum es Menschen gibt, die der Umgang/Kontakt mit Tieren, umgangssprachlich formuliert, einfach kalt lässt. Hinzu kommen sicherlich noch andere Faktoren, wie persönliche Erfahrungen und Eigenschaften. Es stellt sich aber dementsprechend auch die Frage, ob der professionelle Einsatz von Tieren, in Zukunft irgendwann, gerade in Großstädten, nicht immer schwieriger werden wird, oder überhaupt noch Sinn macht, wenn es immer mehr Menschen gibt, die keinerlei Verbindung mehr zu Tieren aufnehmen können.

Geht man von der Richtigkeit der Biophilia-Hypothese aus, wäre die logische Konsequenz, um eine ideale Entwicklung von Kindern in Zukunft gewährleisten zu können und diesem Trend entgegenzuwirken, dass Tiere und Natur in Kindergärten und Schulen vermehrt integriert und wieder zu etwas Alltäglichem gemacht werden, um alle Kinder, aus den verschiedensten sozialen Schichten und Wohngegenden, zu erreichen.

Es stellt sich nun aber auch die berechtigte Frage, ob nicht auch Pflanzen einen positiven Einfluss auf das menschliche Wohlbefinden haben. Ob man sie vielleicht gar ebenso therapeutisch oder in der Pädagogik einsetzten kann, denn mit ihnen verbindet uns ja ebenfalls eine ca. 5 Millionen Jahre alte Geschichte und der Mensch fühlt sich ja nicht ausschließlich von Tieren angesprochen, sondern auch von Landschaften bzw. Ökosystemen.[31] Pflanzen wären außerdem leichter in unsere bestehenden Systeme zu integrieren und man bräuchte dafür keine zusätzlichen Fachleute.

Dieser Frage gingen auch Beck und Katcher (o. J.) nach und untersuchten diese mit Hilfe eines Aquariums. Sie fanden dabei heraus, dass ein Aquarium ohne Fische – also nur mit Pflanzen, nicht denselben Effekt hatte, wie ein Becken mit Tieren. Der Effekt der Senkung von Blutdruck und des Cholesterinspiegels, sowie die beruhigende Wirkung setzten langsamer ein, waren wesentlich schwächer und hielten nicht so lange an.[32] Pflanzen sowie eine natürliche, ansprechende Umwelt scheinen sich also ebenfalls positiv auf den Menschen auszuwirken, jedoch nicht im gleichen Maße wie Tiere.

Die Biophilia-Hypothese ist aber erstmal „nur“ eine Hypothese und keinesfalls unumstritten, denn die gesellschaftliche Entwicklungsgeschichte ist geprägt, von einer wachsenden Verdrängung der Tiere. Auch ist der Tierschutzgedanke, obwohl die Biophilia-Hypothese Verbundenheit mit den Tieren zugrunde legt, eine Errungenschaft des allgemeinen Zivilisationsprozesses.[33]

1.5 Kinder und Tiere

Auf das Verhältnis von Kindern und Tieren möchte ich an dieser Stelle noch einmal gesondert eingehen, da bei der Betrachtung, der Kind-Tier-Beziehung einige Besonderheiten im Verhältnis hinzukommen.

Es gibt vor allem zwei Punkte, die auf die Kind-Tier-Beziehung zutreffen:

1. „Das Kind ist sich des Unterschiedes zum Tier noch nicht bewusst, ja diese sind noch kaum vorhanden, weil das Kind seine menschlichen Eigenschaften noch nicht oder erst Ansatzweise entwickelt hat, (…) Für das Kind ist das Tier ein wichtiger Partner.“[34]
2. „Kind und Tier begegnen sich auf der gemeinsamen Grundlage von Trieben und Neigungen: Beide sind in hohem Maße liebebedürftig und auf das spielerische Üben ihrer Kräfte oder Erkunden ihrer Umwelt angelegt.“[35]

Katz drückt diese Phänomene folgendermaßen aus:

„Je jünger das Kind, um so mehr ist es noch Naturwesen, umso näher steht es seelisch dem Tier.“[36]

Dieser Umstand lässt sich sowohl auf die Biophilie beziehen, welche beim Kleinkind noch nicht durch „zu viel“ Kultur überlagert wurde, als auch auf die Art und Weise der Kommunikation. Säuglinge kommunizieren, ebenso wie Tiere, ausschließlich analog. Erst im Laufe ihrer Entwicklung gewinnt die digitale Kommunikation bei Kindern an Bedeutung. (siehe Abschnitt: 5.1 „Kommunikation zwischen Mensch und Tier“).

Kinder sind anscheinend in der Lage, ein besonders enges Verhältnis zum Tier aufzubauen, in dem, vor allem bei Kleinkindern, ein echtes Ich-Du-Erlebnis stattfindet. Kinder erleben Tiere nicht als Angehörige einer anderen Art, sondern nehmen sie als gleichwertige Mitgeschöpfe wahr.[37] Es findet also wenn man es genau betrachtet eine sehr starke Anthropomorphisierung der Tiere durch die Kinder statt. Da Kinder durch die Beobachtung der Tiere und durch die Entdeckung einer Vielzahl von Gemeinsamkeiten, zu der Erkenntnis kommen: Der ist auch einer wie ich!

„Bei Tieren entdecken sie nicht nur Lebensäußerungen körperlicher Art, sondern auch Entsprechungen ihrer eigenen emotionalen Zustände. Damit verfeinert und verstärkt sich das Gefühl der Gemeinsamkeit und Verbundenheit.“[38] Die „logische“ und „vernünftige“ Welt von uns Erwachsenen ist dem Kind eher fremd.

„Im ungehemmten Bekennen zu seinen Bedürfnissen fühlt sich das Kind wohl dem Tier verwandter als den rätselhaften Erwachsenen.“[39]

2. Funktion und Rolle des Tieres in unserer modernen Welt

Um das heutige „moderne“ Verhältnis von uns Menschen zu Tieren zu erklären, bedarf es eines kleinen Ausflugs in die Geschichte. Das ursprüngliche Verhältnis von Jäger und Gejagtem in der Savanne, wurde bereits thematisiert. Es folgt nun ein großer Zeitsprung zu Descartes und ins 19. Jahrhundert, da es hier zu Veränderungen kam, die für unsere heutige Zeit und unserem jetzigen Verhältnis zu Tieren von ausschlaggebender Bedeutung sind.

2.1 René Descartes

René Descartes (1596-1650) hat mit seiner Tierautomatenlehre nachhaltig das Verhältnis zum Tier, nicht nur in seiner Zeit, sondern bis in die unsere beeinflusst, weswegen er in diesem kleinen geschichtlichen Exkurs auch erwähnt werden soll.

Seine Tiermaschinenvorstellung stützte ideologisch die Ausbeutung von Tieren und löste dabei gleichzeitig eine Gegenbewegung aus, welche die tierfreundlichen Traditionen weiterführten und sich der hemmungslosen Verwertung der Tiere, durch den Menschen widersetzten.[40]

Er befasste sich mehrfach mit der Problematik der Tierseele. Er kam zu dem Ergebnis, dass der Tierleib nur eine Art Automat sei, der zwar von Gott hervorragend konstruiert, aber doch eben nur so etwas wie eine Maschine sei. Seiner Meinung nach haben Tiere keinen Verstand, der Mensch dagegen sei mit etwas immateriellen ausgestattet, mit einer vernünftigen Seele, die ihrer Natur, völlig unabhängig vom Leibe nachkommt und folglich unsterblich sei.[41]

„Diese radikale Leugnung der Tierseele durchschnitt den früher angenommenen Verbund von Mensch und Tier radikal.“[42] Diese Ansicht, dass die körperliche Seite, die biologische Natur des Menschen jener der Tiere zwar gleicht, dass aber die unsterbliche Seele, das Immaterielle, die für das Denken verantwortliche Seite, nur ihm alleine zueigen ist und ihn daher, in eine, dem Tier weit überlegene Existenz heraushebt. Dieser Gedankengang ist noch heute aktuell[43] und mit ein Grund für das heutige, von vielen Widersprüchen geprägte Verhältnis von uns Menschen zu Tieren. Einerseits werden Tiere in Massen gehalten und vermarktet, ohne eine Spur von Anthropomorphisierung oder Du-Evidenz, andererseits führt die „Tierliebe“ dazu, dass Tiere bis zum Kindersatz avancieren.

„Der Mensch wurde zum Menschen, indem er sich von der Natur entfremdete.“[44] Durch die Unterschiede des Menschen zum Tier, wird der Mensch vom Naturwesen (auch) zum Kulturwesen. Auch diesen Gedankengang kann man aus Descartes Philosophie herauslesen, denn nicht nur die Verbundenheit des Menschen zur Natur ist wichtig, sondern auch die existentiellen Unterschiede.

Das Tier fordert den Menschen heraus, nach seiner Identität zu fragen und in der Distanz zum Tier diese herauszubilden.[45]

Diese Wechselwirkung befindet sich heute in einer kritischen Phase und ist aktueller den je, denn wir haben uns in unserer Kulturgeschichte noch nie so weit vom Tier entfernt wie jetzt. Andererseits zeigt heute die menschliche und tierische Verhaltensforschung, wie nah diese Verwandtschaft trotz allem ist.

Dieser Widerspruch, als Bestimmungsfaktor für die menschliche Identität ist ein wichtiger Punkt, wenn es darum geht sich in der professionellen Arbeit, bezüglich der Sozialisation, auf die Arbeit mit Tieren zu stützen.

2.2 Das 19.Jahrhundet

Insgesamt ist das 19.Jahrhundert geprägt von sehr komplexen und ambivalenten Emotionen gegenüber Tieren. Tiere waren einerseits immer noch notwendig bei vielerlei Arbeiten, waren also als Arbeitstiere präsent, wurden aber auch im Laufe der Industrialisierung als solche immer mehr von Maschinen verdrängt. Auch das Gedankengut von Descartes war weit verbreitet, es rückte aber zudem vermehrt das Thema „Freundschaft zu Tieren“ in den Mittelpunkt der Diskussion. Tierliebhaberei und Tierschutz wurden zum Thema.[46]

Das „freundschaftliche“ Verhältnis zum Tier wurde in der Umkehrung als Prüfstein für eine gelungene Charakterbildung des Menschen stilisiert. In der Überzeugung Brehms, einem Vogelfreund, musste der „edle Mensch“ gleichsam ein „Freund der Vögel“ sein. Vögel böten die Kulisse für die eigenen, menschlichen Träume und Sehnsüchte. Der Gesang der Vögel vermöge die Menschen freundlich zu stimmen und ihre Seele zu erreichen. Diese Aussprüche von Brehm seien hier nur als Beispiel genannt, denn er repräsentiert eine breite bürgerliche Bewegung bezüglich des Umgangs und der Einstellung zu Tieren, für die das Bild von der Vogelhaltung als moralisches Vorbild für menschliches Verhalten ohne weiteres verständlich war.[47]

Orvar Löfgen, ein schwedischer Kulturwissenschaftler, verwies in seiner Untersuchung, der Entstehung der bürgerlichen Naturauffassung im 19.Jahrhundet auf diese neue „Intimität“, auf eine neue Einstellung zu Haustieren, in deren Folge Hunde, Katzen und Vögel, zum besten Freund des Menschen avancierten. Der Freundschaftsbegriff wurde aber sehr breit definiert, so wurde alles als Freundschaft bezeichnet, was Menschen aus erklärter Liebhaberei mit Tieren machten. Sie umfasste so gegensätzliche Verhaltensweisen, wie Beobachtung, Käfighaltung aber auch das Schießen und Ausstopfenden von Tieren und umschloss auch immer ein Gewaltverhältnis, eine Zurichtung der Tiere für die menschlichen Bedürfnisse.[48] Trotz, bzw. gerade wegen dieser neuen Art der „Intimität“ erfüllten die geliebten, anscheinend aus zweckfreien Gründen gehaltenen Tiere, eine Funktion, die sie noch heute innehaben und auf diese möchte ich hinaus.

Die Kultur-, sowie die Zivilisationsentwicklung ist geprägt von einer systematischen Einschränkung von Naturerfahrung aber auch vom Hautkontakt. (siehe Abschnitt 5.3.4 „Das Bedürfnis nach Berührung…“) Haustiere haben zu allen Zeiten einen Ausgleich diesbezüglich geboten.[49]

Der Biophilia-Hypothese zufolge sehnen wir Menschen uns nach Naturerfahrungen und brauchen den Umgang mit Tieren und Pflanzen zu unserem Wohlbefinden und um uns optimal entwickeln zu können. Es scheint deswegen nicht verwunderlich, dass es gerade im 19. Jahrhundert, in dem die Industrialisierung ein wichtiges Thema war und infolge dessen der alltägliche Umgang mit Tier und Natur immer weiter zurückgedrängt wurde, dass Haustiere einen anderen Stellenwert bekamen und sich das Verhältnis zu den Tieren veränderte. Dieser Trend zur Haltung von scheinbar „nutzlosen“ Tieren ist sicherlich, z. B. beim Adel schon viel früher zu finden (z.B. in China), bestätigt aber besagte Theorie meines Erachtens nur, denn gerade diese Klasse hatte auch schon in früheren Zeiten, je nach Kultur, doch sehr wenig Umgang mit Tieren und Natur.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Entwicklung der Anzahl der Halter von Nutz- und Heimtieren[50]

Diese Entwicklung, weg von einem Leben mit und in der Natur, zu einem Leben in einer hoch technisierten Großstadt, setzt sich immer weiter fort und hier liegt meiner Meinung nach auch der Umstand begründet, warum Tiere in unserer „modernen“ Welt, trotz allem, Hochkonjunktur haben, die Haustierhaltung immer mehr zunimmt (siehe Abbildung 2), Tiere in „Mode“ sind und mit ihnen die Tiergestützte-Pädagogik. Die Entfremdung von Tier und Natur hat ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht, aber gleichzeitig sehnt sich der „moderne Mensch“ dorthin zurück und sucht zu seinem eigenen Wohlbefinden den Umgang und Kontakt.

Die Mode „Tier“ macht, aufgrund dieser Überlegungen, Sinn und scheint auch als „neue“ Form und Ergänzung in der Pädagogik und Therapie erst einmal sinnvoll.

2.3 Leben in der Großstadt

Aber was sind denn nun die „typischen“ Schwierigkeiten eines Großstadtmenschen? Und lohnt sich dementsprechend dort ein Ausbau von Tiergestützten-Aktivitäten im professionellen Bereich, gerade wegen dieser besonderen Situation oder lohnt es sich nur bedingt, da sich die Verbindung des Großstadtmenschen zu seinen aus früheren Zeiten verbliebenen Begleitern auf dem absteigenden Ast befindet?

Dem Psychologen Erhard Olbrich und dem amerikanischen Soziologen Stephen Kellert zufolge werden die Menschen in der modernen Gesellschaft, ihren eigenen Bedürfnissen nicht mehr gerecht. Es war von der Evolution nicht geplant, die Tage in Büros und Firmen, die Abende vor dem Fernseher und die Freizeit vor dem Computer oder im Auto zu verbringen. Wir Menschen sind auf eine andere Art von Umwelt über Millionen von Jahren geprägt worden – die Wildnis.[51]

Auf diesen speziellen Punkt bin ich jedoch in den Abschnitten über Biophilie, aber auch in dem über das 19. Jahrhundert schon näher eingegangen und werde ihn an dieser Stelle nicht weiter vertiefen.

Es gibt noch weitere Schwierigkeiten, denen sich gerade Kinder und Jugendliche stellen müssen.

Gerade mal ein Fünftel der Bevölkerung sind Kinder und Jugendliche, im Alter von unter 19 Jahren. Erwin Scheuch - ein Sozialwissenschaftler - stellte fest, dass sie dadurch einen Minderheitenstatus innehaben und ihre speziellen Bedürfnisse in der Gesellschaft, aber auch in der Familie oft auf der Strecke bleiben. Viele Kinder, vor allem diejenigen, die in der Stadt leben, sind stärker als früher auf ihre Eltern und andere Erwachsene angewiesen. Sie können häufig nicht ihre Vorstellungen und Bedürfnisse nach Abenteuern stillen, in Gruppen von Freunden, oder Geschwistern losziehen und z.B. Baumhäuser bauen, Bäche stauen oder Lagerfeuer machen. Den Erwachsenen ist es in den meisten Fällen wichtiger ihre Nachkömmlinge möglichst schnell zu selbstständigen und vernünftigen Persönlichkeiten zu erziehen. Ein Verhalten, vor dem Scheuch warnt, denn dieser organisierte Alltag überfordert Kinder in ihren Anstrengungen um Disziplin und Rationalität. Kinder brauchen auch das Erlebnis des zweckfreien Spielens und dies können sie, wenn menschliche Spielkameraden, in Form von Geschwistern und Freunden fehlen, auch mit Tieren.[52]

Dieser Umstand ist zugegebenermaßen, eher ein Armutszeugnis unserer modernen Gesellschaft, als ein besonders positives Beispiel sowie Argument für den Einsatz von Tieren in der Großstadt, nichts desto Trotz, ist es ein Punkt, der beachtet werden sollte.

In dem Buch „Gesund durch Heimtiere“, fassen Bergler, Haase u.a. folgende Großstadtrisiken zusammen:

- Oberflächlichkeit, flüchtiger Charakter sozialer Beziehungen
- Beschränkung erlebter Verantwortlichkeit
- Anonymität
- Zunehmende Gruppenegoismen
- Fehlende soziale Kontrolle
- Denaturierung: Verlust von Ganzheit
- Kinderfeindlichkeit
- Überreglementierung, Verbürokratisierung[53]

Warum für Kinder bei manchen dieser Risiken, Tiere einen möglichen Ausgleich darstellen können bzw. welche Bedürfnisse diese haben, zeigt sich an der Art und Weise, wie Tiere von Kindern wahrgenommen und beschrieben werden. Sie werden erlebt als: stets willkommene Spielgefährten, anhängliche und zuverlässige Freunde, Beschützer und Bewacher, „Spaßmacher“, Vermittler von Zärtlichkeit, Geselligkeit und Schönheit, aber auch als imponierende „Persönlichkeiten“ mit Kraft, Eigenwilligkeit und Intelligenz.[54]

Vor allem der Umgang mit Heimtieren hat aber darüber hinaus auch Einfluss auf die kindliche Entwicklung und den jugendlichen Lebensstil. Bergler, Haase u. a. untersuchten dies bei jungen Hundehaltern. Ihrer Meinung nach bieten sich Heimtiere als Möglichkeit der Prävention bei den oben genannten Risiken an.

Hier eine kurze Zusammenfassung ihrer Ergebnisse:

Insgesamt zeigte sich die Freizeitgestaltung der jugendlichen Hundebesitzer aktiver und außenorientierter. Sie langweilten sich weniger, gingen öfter unter Leute und unternahmen etwas, waren häufiger sportlich aktiv und in Jugendgruppen integriert. Der Besitz eines Hundes hemmte den Rückzug auf das eigene Ich und den passiven Konsum von Freizeitaktivitäten und stimulierte zu Aktivität und sportlich orientierter Geselligkeit.[55]

Erwähnenswert ist hierbei die Tatsache, dass in erwähnter Studie, die Gruppe der Jugendlichen, welche auch ihr Tier selbst versorgten, signifikant häufiger in einer gestörten und gefühlsmäßig mehrfach belasteten Familiensituation lebten.[56]

Die jungen Hundehalter empfanden ihre Hunde, bezügliche der Großstadtrisiken, als

- Hilfe gegen Einsamkeit
- Spielkamerad
- Verbindung zur Natur
- Ansprechpartner
- Beschützer
- Ablenkung
- Vereinfachung bei der Kontaktaufnahme mit anderen Menschen
- Schutz vor Verzweiflung, Depression, Sinnlosigkeit und Grübeleien
- Ablenkung von Suizidgedanken[57]

Eine Beobachtung des Amerikaners Aaron Katcher (o. J.) bestätigt diese subjektive Wahrnehmung der jugendlichen Hundehalter.[58]

Gerade vernachlässigte Kinder scheinen die Fürsorge für ein anderes Lebewesen körperlich zu brauchen.

„Indem Kinder etwas pflegen, lösen sie bei sich die körperlichen Reaktionen aus, die sie zeigen würden, wenn sich jemand um sie kümmerte. Bleibt diese Fürsorge hingegen aus, dann entstehen Stresssymptome.“[59]

Sollte man also jedem Neugeborenen gleich einen Welpen mit in die Wiege legen, um in Zukunft auf eine aktive, sozialkompetente Großstadtjugend zurückgreifen zu können?

So einfach ist die Sache sicherlich nicht, denn diese Studie zeigt lediglich Tendenzen auf. Längst nicht überall dürfen Hunde überhaupt gehalten werden und je nach Wohnlage sollten sie das meiner Meinung nach auch nicht. Denn Hunde brauchen viel Auslauf, sowie Kontakt und Spielmöglichkeiten mit Artgenossen – ein Hund im Wohnsilo an der Hauptstraße ist zu bedauern. Die artgerechte Haltung von Hunden setzt darüber hinaus auch ein bisschen Sachverstand voraus und dass der Schuss, bei einem falschen Umgang und zu viel Unwissenheit, auch nach hinten losgehen kann, zeigen nicht wenige Beißunfälle. Hunde und andere Heimtiere sind dementsprechend kein Allheilmittel für Großstadtproblematiken, können sich aber sehr positiv auswirken, wenn die äußeren (Haltung, Umgang) und inneren (persönliche Einstellung, Anthropomorphismus, Du-Evidenz) Umstände stimmig sind.

Es ist ein naives Vorurteil zu glauben, ein Heimtier würde bei bestimmten Konflikten, Krisen oder Krankheiten eine spezifische, Gesundheit oder Lebensqualität steigernde Wirkung entfalten. Es gibt zwischen zwei Lebewesen keine monokausale Wirkung oder wie Bergler es ausdrückt: „Der Mensch ist keine Ratte, die sich durch ein Heimtier in die wünschenswerte Richtung konditionieren ließe.“[60]

Diese Tatsache ist auch für den professionellen Einsatz, von Tieren, entscheidend und sollte nie vergessen werden.

Es scheint trotzdem so, als wären jugendliche Heimtierbesitzer durch oder mit ihrem Tier, besser in der Lage, Coping-Strategien (vom engl. Verb „to cope“ – mit etwas fertig werden / etwas gewachsen sein[61]) für bestimmte Risikofaktoren zu entwickeln.

Die positiven Einflüsse sind darüber hinaus nicht allein den Heimtieren vorbehalten. Der Umgang mit Tieren in Schulen, Freizeiteinrichtung und anderen Institutionen, wenn diese dort, artgerecht und professionell, eingesetzt werden, ist einem obligatorischen Haustier, vorzuziehen.

Tiere sind zwar gerade modern, aber gleichzeitig können sie, wenn eine emotionale Bindung besteht, auch eine adäquate Reaktion auf unsere moderne Lebensweise sein und mit ihnen auch die Tiergestützte-Pädagogik. Der „moderne“ Mensch hat (zum Glück) seine Verbindung zu Tier und Natur noch nicht ganz hinter sich gelassen und wenn ihm Tiere bei der Entwicklung von Coping-Strategien helfen können, scheint eine Unterstützung zur Erhaltung dieser Verbindung, auch in der Zukunft, von professioneller Seite, in Form von Naturkontakt und Integration von Tieren in das Umfeld, mehr als sinnvoll.

Es gibt einen Punkt, der gerade beim pädagogischen Einsatz von Tieren in Großstädten bzw. bei der Arbeit mit Klienten, die sehr wenig Erfahrung mit Tiere haben, thematisiert werden sollte.

Die Vorstellung von Tieren wird nicht nur von realen Erfahrungen, sondern auch insbesondere von den Medien beeinflusst. Die meisten Kinder kennen Tiere hauptsächlich als Trickfiguren, Kuscheltiere oder aus Kinderbüchern. Tiere zeigen hier hauptsächlich menschliche Verhaltensweisen.[62] Anthropomorphisierung ist zwar, wie ich schon erwähnt habe, wichtig; wenn Kinder aber kaum eine Ahnung von Bedürfnissen und Eigenarten eines realen Tieres haben, sollte eine Vermittlung von diesen auch oder gerade beim pädagogischen Einsatz von Tieren nicht vergessen werden.

Der professionelle Einsatz von Tieren ist darüber hinaus keineswegs neu, auch wenn er erst in den letzten Jahren vermehrt ins Medieninteresse getreten ist. Theoretische Überlegungen, wie sich der Umgang mit Tieren auf das Verhalten von Menschen auswirken kann, aber auch der praktische Einsatz gehen sogar Jahrhunderte zurück.

3. Geschichte der Tiergestützten Pädagogik

3.1 Historische Beispiele für den Einsatz von Tieren in Pädagogik und Therapie

Bewusst eingesetzt wurden Tiere zu therapeutischen Zwecken bereits im 8. Jahrhundert in Gheel (Belgien).[63]

1792 gründete die Quäkervereinigung „Society of friends“ in England das „York Retreat“. Hierbei handelte es sich um eine Einrichtung für Geisteskranke. William Turke startete diesen Versuch als Reaktion auf die damaligen inhumanen Zustände und therapeutischen Methoden. Seine Reformen beruhten auf dem christlichen Gedankengut und gesundem Menschenverstand. Die Innenhöfe der Anstalt wurden in Gärten umgewandelt, in denen Kleintiere wie Hasen und Hühner leben konnten. Die Patienten wurden aufgefordert sich an ihrer Pflege zu beteiligen. Dieses nicht strafliche Behandlungssystem und die Schaffung einer lebendigen Umgebung, begründete die Basis eines humaneren Behandlungsstandards.[64]

Vor ca. 200 Jahren empfahlen auch Mönche des Klosters „York“ die Arbeit mit Tieren: „Den in der Seele und am Körper Beladenen hilft ein Gebet und ein Tier“[65]

Aber auch in Deutschland reichen die Wurzeln des bewussten Einsatzes von Tieren weiter zurück.

1867 wurde in Bielefeld „Bethel“ als Behandlungszentrum für Epileptiker, gegründet. Obwohl die Tiere bei der Behandlung eine bedeutende Rolle spielten, wurde das Ausmaß der möglichen Vorteile nicht erfasst oder dokumentiert. Diese Form der Therapie wurde jedoch, nachdem „Bethel“ im Zusammenhang mit der NS-Zeit in Verruf gekommen war, nicht weiter verfolgt. Erst in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde die Tiergestützte-Therapie wieder neu praktiziert.[66]

Erstmals dokumentiert wurde der Einsatz von Tieren 1942 im „Pawling Army Air force Convalescent Hospital“ in New York. Hier kurierten Kriegsveteranen inmitten von Vieh, Pferden und Geflügel ihre körperlichen und seelischen Verletzungen aus. Die Tiere wurden eingesetzt, um die Patienten von belastenden therapeutischen Maßnahmen abzulenken. In dieser Einrichtung wurde leider nie eine Studie darüber erstellt, wie die Tiere eingesetzt wurden und/oder mit welchem Ergebnis.[67]

Nach dem 2. Weltkrieg wird Reiten in Deutschland als Reha-Maßnahme eingesetzt. 1953 beginnt Dr. Max Reichenbach mit dem „Reiten als Therapie“ - 1970 gründet er dann zusammen mit dem Pfarrer Gottfried von Dietze das Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V. (DKThR). Das Heilpädagogische Reiten und Voltigieren, sowie die Hippotherapie bilden heute - in Deutschland - eine Ausnahme bezüglich einheitlichen Standards und Ausbildung.

1966 gründete der blinde Musiker Eric Stordahl ein Rehabilitationszentrum für Behinderte in Breitosdolen, Norwegen. Die Betonung des therapeutischen Programms lag auf der physikalischen Therapie, die Hunde und Pferde mit einschloss. Die Blinden lernten dort z.B. auch Reiten.[68]

Auch im Bereich der Erziehung wurde ein Einfluss von Tieren auf das Verhalten bzw. der Zusammenhang zwischen dem Umgang mit Tieren und dem Umgang mit Menschen beobachtet und daraus erzieherische Rückschlüsse gezogen.

Teutsch beschäftigt sich in seinem Aufsatz: „Kinder und Tiere – Von der Erziehung zum mitgeschöpflichem Verhalten“ intensiv mit diesem Thema.

Er zitiert Plutarch, der sagte: „Wir sollen die lebende Kreatur nicht behandeln wie Schuhe oder tote Haushaltsgegenstände, die wir fortwerfen, wenn wir sie nicht mehr brauchen können; und sei es nur, um Barmherzigkeit gegen die Menschheit zu lernen, sollen wir barmherzig gegen andere lebende Wesen sein.“

Auch Thomas von Aquin äußerte sich zu dieser Thematik: „Es ist doch klar, dass der Mensch, der gegen ein Tier Mitleid hat, es auch um so mehr gegen Menschen hat; und darum wollte Gott, das das jüdische Volk sich gewöhne an die Barmherzigkeit gegen die Tiere.“

Christian G. Salzmann übersetzte diese Gedanken ins Pädagogische indem er forderte: „Daß ein Kind an der Pflege der Thiere lernen müsse, seinen Mitgeschöpfen Freude zu machen, damit es hernach auch geneigt sei, auch seinem Nebenmenschen gutes zu tun.“[69]

Bereits im 18.Jahrhundert gehörten für viele Menschen, „Menschenfreund“ und „Tierfreund“ untrennbar zusammen. Freiherr von Knigge fügte seinem 1788 erschienenen Buch „Über den Umgang mit Menschen“, das Kapitel „Über die Art mit Thieren umzugehen“, hinzu, da er befürchtete, „dass Grausamkeit gegen unvernünftige Wesen unmerklich zur Härte und Grausamkeit gegenüber unseren vernünftigen Nebengeschöpfen“ führen könnte.[70]

Ein Gedankengang, der auch heute noch beim „modernen“ Einsatz von Tieren in der Pädagogik hinter vielen Aktionen steht. Auf diese Überlegungen gehe ich im Abschnitt „Erziehung zur Menschlichkeit“, später noch näher ein.

3.2 Beginn der wissenschaftlichen Erforschung

Die systematische wissenschaftliche Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung begann erst Mitte des 20.Jahrhunderts. Untersucht wurden sowohl die Auswirkungen des Tierkontaktes auf physische Funktionen, als auch auf den Bereich der menschlichen Seele.[71]

Einige der ersten Schritte dieser wissenschaftlichen Erforschung, die den Anfang zu einem immer bekannter werdenden Forschungsgebiet bildeten und viele weitere Studien nach sich zogen, sollen an dieser Stelle nicht fehlen.

Als Pionier im Einsatz von Tieren im Therapeutischen Bereich oder als Urvater der Tiergestützten-Therapie gilt der Psychologe Boris Levinson. Er war der erste, der seine Erfahrungen umfassend publizierte und damit den Anstoß zu einer Vielzahl wissenschaftlicher Studien gab. Seine Theorie, dass Tiere als Katalysator für menschliche Interaktionen wirken können, als Brücke, um dann auch mit anderen Menschen (wieder) in Beziehung treten zu können, verdankte er jedoch einem puren Zufall.

Levinson wurde gebeten die Therapie eines Jungen zu übernehmen, der zuvor schon lange erfolglos behandelt worden war.

Die Eltern und der Junge erschienen beim ersten Treffen in der Praxis eine Stunde zu früh. Zufälligerweise war noch Levinsons Hund „Jingle“ in der Praxis und begrüßte den Jungen bei seinem Eintreten stürmisch. Dieser reagierte nicht ängstlich, sondern drückte und streichelte das Tier. Nach einer Weile fragte er, ob alle Kinder in der Praxis mit dem Hund spielen dürften. Nachdem Levinson dies bejahte, erklärte er, dass er wiederkommen wolle, um mit dem Hund zu spielen. Dies tat er dann auch einige Sitzungen lang, ohne Levinson Beachtung zu schenken.

Erst allmählich wurde auch der Psychologe in das Spiel einbezogen und auf diese gemeinsamen Spiele hin entwickelte sich eine gute Arbeitsbeziehung, an deren Ende die Rehabilitation des Jungen stand.[72]

Diese Geschichte brachte Levinson auf die Idee, dass Tiere auch bei der Behandlung und Therapie mit anderen Kindern unterstützend eingesetzt werden könnten. Bei einer Umfrage im Kollegenkreis, ob jemand Tiere als Helfer einsetze, stellte sich heraus, dass dies bereits fast ein Drittel der über 400 Befragten taten.[73]

Dieses Ereignis war ausschlaggebend für die weiteren Studien und Beobachtungen Levinsons aus denen er schließlich die „4 Phasen“ im Prozess seiner Tiergestützten-Therapie ableitete. Und so wurde schon 1964 von Levinson in den USA der Begriff „pet therapie“ begründet:

1. Das Kind schenkt dem Hund nur durch Blicke Beachtung.
2. Das Kind spielt mit dem Hund.
3. Der Therapeut wird in das Spiel mit einbezogen.
4. Die Kommunikation mit dem Therapeuten gewinnt immer mehr an Bedeutung – die Momente der Interaktion mit dem Tier finden seltener statt.[74]

Die folgende Studie von Mugford und M´Cominsky aus dem Jahre 1975, obwohl sie noch aus den Anfängen der wissenschaftlichen Erforschung dieses Gebietes stammt, wird auch heute noch in vielen Veröffentlichungen zitiert. Im Gegensatz zu Levinsons beschäftigt sie sich jedoch mit dem psychotherapeutischen Wert von Tieren (Wellensittichen) auf alte Menschen.

30 allein lebende Senioren im Alter zwischen 75 und 81 Jahren, die kein Haustier besaßen, wurden in fünf Gruppen unterteilt.

Gruppe 1: Hier erhielt jede Person einen Wellensittich und war zudem Besitzer eines Fernsehgerätes.

Gruppe 2: Jede Person erhielt eine Zimmerpflanze und war zudem Besitzer eines Fernsehgerätes.

Gruppe 3: Dieser Gruppe teilte man einen Wellensittich zu, wobei keiner der Teilnehmer Besitzer eines Fernsehers war.

Gruppe 4: Bei dieser Gruppe war ebenfalls kein Fernseher vorhanden, jedoch erhielt jeder Teilnehmer eine Zimmerpflanze.

Gruppe 5: Sie fungierte als Kontrollgruppe – einige Teilnehmer waren Besitzer eines Fernsehgerätes, andere nicht. Die Angehörigen dieser Gruppe bekamen weder ein Zimmerpflanze noch einen Wellensittich.

Die fünf Gruppen wurden insgesamt dreimal befragt: einmal im Vorfeld der Studie. Für die Bereitschaft an der Befragung erhielt jeder Teilnehmer ein Küchenutensil. Bei der zweiten Befragung, welche die Ausgangsdaten für die Untersuchung lieferte, wurden die Wellensittiche bzw. Zimmerpflanzen ausgegeben und fünf Monate später wurde die abschließende Befragung durchgeführt. Die beiden Gruppen mit Zimmerpflanzen brachten hierbei zusätzlich Kontrolldaten ein.

Als Ergebnis wurde festgehalten, dass der Besitz bzw. Nichtbesitz eines Fernsehers keinerlei Einfluss auf die Beantwortung des Fragebogens hatte, die Anwesenheit von Wellensittichen jedoch um so mehr. In den zwei entsprechenden Gruppen verbesserte sich vor allem die Einstellung gegenüber anderen Menschen, aber auch die Einstellung gegenüber der eigenen Gesundheit. Die Unterschiede zu den Kontrollgruppen waren signifikant.

Die alten Menschen hatten eine enge Bindung zu den Vögeln aufgebaut. Sie lieferten Gesprächsthemen und die sozialen Kontakte vermehrten sich, da öfter Verwandte, Nachbarn und Freunde zu Besuch kamen, auch knüpften einige der Teilnehmer wieder Kontakt zu Kindern.[75]

Genau wie bei den Beobachtungen Levinsons übernahmen die Tiere auch hier eine Art „Eisbrecher-Funktion“.

Die Erkenntnis lag also nahe, dass Tiere nicht nur bei Kindern, sondern auch bei alten Menschen bzw. Menschen verschiedener Alterstufen die Funktion eines „Sozialen Katalysators“ übernehmen können.

Das Team um Samuel und Elisabeth Corson machten 1977 den ersten Versuch einer systematischen Studie zum Einsatz von Tieren in einer psychosomatischen Klinik.

Ursprünglich wollten die Corsons Gefühlsstress und Sozialität als Bedingung für psychische Störungen untersuchen und richteten dafür in einer psychosomatischen Klinik Zwinger mit 20 Hunden ein, die als Versuchsobjekte dienen sollten, da diese ein breites Spektrum an

unterschiedlichen Gefühlsreaktionen aufweisen, welche den menschlichen Reaktionen sehr ähnlich sind.[76] Von dem Gebell angelockt, kamen jedoch vor allem jungendliche Patienten zu den Zwingern und fragten, ob sie mit den Hunden spielen oder sie ausführen dürften. Dieselben Jugendlichen hatten seit Beginn ihres Krankenhausaufenthaltes nahezu nie gesprochen.

Fasziniert und ermutigt durch dieses zufällige Zusammentreffen initiierte das Team ein Pilot-Forschungsprojekt, um die Effektivität Tiergestützter-Psychotherapie festzustellen.

50 hospitalisierte Patienten, die von den behandelnden Psychiatern als schwer gestört eingestuft worden waren und bei denen herkömmliche Therapien erfolglos blieben, wurden für die Studie ausgewählt. Die Kontakte zwischen Hund und Mensch fanden an den Zwingern oder auf den Stationen statt. Wenn irgend möglich wurden die Interaktionen zwischen Patienten, Therapeuten und Hunden aber auch mit anderen Patienten mit einer Videokamera aufgezeichnet.

Von den 50 Teilnehmern an dieser Studie akzeptierten drei der Patienten die Tiere nicht – die anderen 47 profitierten jedoch deutlich von dieser neuen Art der Therapie.

Auch in diesem Fall fiel es den Patienten leichter durch die Tiere auf den Stationen neue soziale Kontakte zu knüpfen. Durch die Interaktion zwischen Patienten, Tieren und Therapeuten breitete ein „sich erweiternder Kreis aus Wärme und Zustimmung“[77] aus.

Auch hier bestätigte sich die Theorie von Tieren als sozialem Katalysator.

Nachdem diese Studie weltweit Aufsehen erregte, begannen Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen, das Phänomen weiter zu untersuchen.[78]

Abgesehen von Einzelstudien bildeten sich aber auch Gesellschaften, die sich mit dem Forschungsgebiet und dem Nutzen der Tiergestützten-Pädagogik und Therapie auseinandersetzten. Diese setzten sich aus Wissenschaftlern und Interessierten vieler Bereiche zusammen, denn besagtes Forschungsfeld war und ist immer noch relativ neu und seine Konturen stehen nicht eindeutig fest. Es umfasst menschliche und tierische Verhaltensforschung, allgemeine und spezielle Psychologie, Psychoanalyse und Psychiatrie, Soziologie, Pädagogik, Gerontologie, Sozialforschung sowie Human- und Veterinärmedizin.[79] Und genau diese Vielzahl von Disziplinen, die bei der Tiergestützten-Pädagogik und Therapie eine Rolle spielen, machen es wahrscheinlich auch so schwer, all die einzelnen Studien und Erkenntnisse auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Es gibt heutzutage viele Studien in diesem Bereich, zu den diversesten Themen und Einatzmöglichkeiten – aber meistens „nur“ aus der Sicht eines bestimmten Wissenschaftsbereiches – aus z.B. ethologischer, psychologischer oder veterinärmedizinischer Sicht. Eine bessere Zusammenarbeit der verschiedenen Wissenschaftszweige wäre für die Tiergestützte-Therapie und Pädagogik wünschenswert.

Eine Gruppe, die bis heute zu den bekanntesten und bedeutendsten zählt, ist die „Delta Society“, die sich 1977 in Portland, USA unter dem Namen Delta Foundation gründete. Ihr Ziel es ist, die Qualität der Beziehung zwischen Tierhaltern, Tieren und Pflegepersonen zu erforschen.[80]

1980 fand dann der erste Kongress in den USA zum Thema Mensch-Tier-Beziehung mit dem Namen „Human /Companion Animal Bond“ statt, der viel Aufsehen bei Laien und Experten erregte.

Die breite fachwissenschaftliche Forschung zu diesem Thema erstreckte sich größtenteils auf die angelsächsischen Staaten. Dort entstanden „Pet Visiting Programs“, bei denen sich Tierschutzvereine sowie Hundeführer – mit speziell ausgebildeten Therapietieren in Alten- Pflege- oder Krankenhäuser begaben, ähnlich den heutigen Tierbesuchsdiensten bei uns in Deutschland.[81]

In Europa war es vor allem das „IEMT“ in der Schweiz, das „Institut für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung“ gegründet 1977 unter der Schirmherrschaft des Verhaltensforschers Dr. Dr. Konrad Lorenz, das die treibende Kraft für diesen neuen Zweig der Wissenschaft darstellte und dies immer noch tut. Seine Aufgabe ist es, die Erkenntnisse über das Zusammenleben von Mensch und Tier zu erweitern, zu vertiefen und sie zu veröffentlichen, sowie ihre Umsetzung in der Praxis zu fördern.[82]

Auch in anderen europäischen Ländern entstanden vergleichbare Institutionen, wie in Deutschland z. B. der „Forschungskreis Heimtiere in der Gesellschaft“ gegründet 1988 unter der Leitung der Psychologen Reinhold Bergler und Erhardt Olbrich oder der Verein „Leben mit Tieren“, gegründet von der Tierärztin Brigitte von Rechenberg 1987 in Würzburg. Unter der Leitung des ersten Vorsitzenden Graham Ford verbreiteten sich die Aktivitäten des Vereins auch über die Stadtgrenzen hinaus. Unter dem Namen: „Tiere helfen Menschen“ gibt es jetzt auch Regionalgruppen in Erlangen, Frankfurt, Coburg, Essen,…[83]

Trotz allem steckt die Erforschung der Mensch-Tier Beziehung in Deutschland noch in den Kinderschuhen, was auch an dem Mangel an einheitlicher und anerkannter Ausbildung z.B. für Therapiehunde, sowie einer fehlenden allgemeingültigen Definition von „Tiergestützer–Therapie, -Pädagogik, -Aktivitäten“ zum Ausdruck kommt.

3.3 Begriffserklärungen

Wenn man sich mit dem Thema „Tiere in der Therapie“ oder „Tiere in der Pädagogik“ beschäftigt, stolpert man über eine Vielzahl von ähnlichen Begriffen - „Tiergestützte-Therapie“, „Tiergestützte-Aktivitäten“, „Tiertherapie“, „Tiergestützte-Pädagogik“, „Hunde-, Tierbesuchsdienste“ usw.

In Deutschland finden all diese Bezeichnungen Verwendung, keiner ist jedoch genau definiert oder geschützt, genauso wenig wie der Begriff des „Therapiehundes/-tieres“. Eine staatlich anerkannte Ausbildung gibt es in all diesen Bereichen ebenso wenig.

Die, im letzten Abschnitt erwähnte, Delta Society legte, in den 90ger Jahren, folgende Definitionen fest:

Animal-Asissted Activities (AAA)

Zu den AAA zählt man Programme, bei denen Menschen von Tieren und deren Haltern/Führern besucht werden. Diese Aktivitäten sind nicht auf eine bestimmte Person ausgerichtet und können beliebig oft wiederholt werden. Bei diesen Besuchen wird nicht notwendigerweise ein Ziel festgelegt, das erreicht werden soll und es werden auch keine genauen Aufzeichnungen über den Verlauf des Besuches gemacht. Die Besuchszeit kann variieren und die Gestaltung der Zusammenkünfte ergibt sich meist spontan.

Animal-Assisted Therapie (AAT)

Bei der AAT werden im Gegensatz zu den AAA im Vorfeld für jede einzelne Person genaue Zielsetzungen ausgearbeitet, die Besuche/Sitzungen werden genau dokumentiert und Fortschritte an den Zielsetzungen gemessen.[84]

AAT muss immer folgende drei Merkmale erfüllen (AAA erfüllen manchmal ein oder zwei):

1. AAT ist ein normaler Bestandteil der Arbeit eines professionellen Arztes, Therapeuten, Lehrers, Sozialarbeiters, Krankenpflegers, usw. Das Tier muss in der beruflichen Tätigkeit mit einbezogen sein. Dabei kann die Therapie auch von einem Laien vorgenommen werden, der aber von einem „Professionellen“ angeleitet wird.
2. AAT ist immer auf Ziele ausgerichtet, die erreicht werden sollen. Diese müssen im Vorfeld festgelegt und definiert werden.
3. Aktivität und Fortschritte während einer AAT-Sitzung werden genau dokumentiert.[85]

In den deutschsprachigen Veröffentlichungen werden häufig für AAA und AAT analog die Begriffe Tiergestützte-Aktivitäten bzw. Tiergestützte-Therapie gebraucht, aber wie gesagt eine genaue Definition gibt es im Deutschen nicht.

Ich persönlich habe in der vorliegenden Arbeit die Begriffe Tiergestützte-Pädagogik und gegebenenfalls Tiergestützte-Therapie verwendet.

Tiergestützte-Pädagogik deswegen, weil ich mich mit den ganz bewusst herbeigeführten Situationen beschäftige, in denen der Mensch-Tier-Kontakt neue Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten bieten soll, denn pädagogisches Handeln heißt nach Giese name="_ftnref86" title="">[86]

Oder kurz gesagt: „Pädagogisches Handeln heißt also, Lernprozesse ermöglichen und fördern.“[87]

Das heißt aber auch, dass Tiergestützte-Pädagogik, jedenfalls nach meiner Definition, in gewisser Weise das Bindeglied zwischen den AAA und AAT bildet. Sie ist zielgerichtet und geplant, jedoch entfällt häufig die Dokumentation, die auch in unserem (sozial-) pädagogischen Alltag eher die Ausnahme bildet.

Ich möchte mit dieser dritten Definition keinesfalls noch mehr zum allgemeinen „Begriffsdschungel“ beitragen, sondern es soll genauer der Einsatz von Tieren speziell im pädagogischen Kontext betrachten werden.

Nachdem ich mich bis jetzt mit den Besonderheiten der Mensch-Tier-Beziehung im Allgemeinen und der heutigen Situation im besonderen beschäftigt habe, werde ich in den folgenden Abschnitten vertiefend auf Aspekte der Pädagogik, Psychologie und Didaktik eingehen, welche, gerade für den professionellen Einsatz von Tieren, als theoretischer Hintergrund, von Bedeutung sind bzw. sein sollten.

4. Der „Klassiker“ in der Tiergestützten- Pädagogik : Erziehung zur Menschlichkeit

Ich möchte an dieser Stelle einen Punkt näher betrachten, der mir im Verlauf meiner Recherchen in verschiedenen Quellen begegnet ist. Er stellt so etwas wie den „Klassiker“ bezüglich des pädagogischen Einsatzes von Tieren dar. Dies bedeutet allerdings nicht, dass dieser den einzigen Anknüpfungspunkt für die pädagogische Arbeit darstellt, im nächsten Kapitel über die psychologischen Hintergründe finden sich noch eine ganze Reihe weiterer Überlegungen und Anregungen für die pädagogische Arbeit.

Wie alt dieses Gedankengut um die Erziehung zur „Menschlichkeit“ und den diesbezüglichen Einfluss von Tieren ist, zeigt sich anhand der Zitate, die ich im Abschnitt „Historische Beispiele“ bereits angeführt habe. Auch im Abschnitt „Das 19. Jahrhundert“ taucht dieser Gedankengang wieder auf.

Die Überlegung von der „Veredelung“ des Menschen, durch den gefühlvollen Umgang mit Tieren, war im 18. und 19. Jahrhundert sehr präsent und mit ihm als Umkehrschluss daraus, der Tierschutz Gedanke. Dieser hatte z.B. als sozio-kulturelle Neuheit, staatliche Reglementierungen und Gesetze bezüglich des Tierschutzes zur Folge (1871, reichsweite gesetzliche Verankerung des Tierschutzes).

Immanuel Kant äußerte sich 1727 ebenfalls wie viele andere über diese Thematik und wandte sich gegen die Quälerei von Tieren, „weil dadurch das Mitgefühl an ihrem Leiden in den Menschen abgestumpft und dadurch eine der Moralität, im Verhältnis zu anderen Menschen, sehr diensame natürliche Anlage geschwächt und nach und nach ausgetilgt wird.“[88]

Der gefühlvolle Umgang mit Tieren sollte dementsprechend den gefühlvollen Umgang mit Menschen zur Folge haben.

Der Gründer des deutschen Kinderschutzbundes, Prof. Dr. Fritz Lejeune, schrieb dazu 1961:

„Tierliebe ist die schöne Vorstufe der Nächstenliebe! So wird es selten oder nie vorkommen, dass ein echter Tierfreund, der von Jugend auf Bindung zu Tieren gefunden hat, später zum Menschen- oder gar Kinderschinder wird. In zahllosen Fällen von Kindesmisshandlungen haben wir immer wieder feststellen können, dass die Übeltäter kein positives Verhältnis zu Tieren hatten, ja, gelegentlich sogar echte Tierhasser, manchmal sogar Tierquäler waren – sicherlich ein psychologisch recht wichtiges Faktum.“[89]

Dieses „Vorurteil“, dass der Umgang mit Tieren sich positiv auf die Fähigkeiten des Mitgefühls und Einfühlungsvermögens auswirken kann, hat sich bis heute gehalten und wird häufig als erstes Argument gebracht, wenn der professionelle Einsatz von Tieren begründet werden soll. „Vorurteil“ auch deswegen, weil nicht jeder Mensch, der ein gutes Verhältnis zu Tieren hat, auch automatisch ein Menschenfreund ist oder wird. Es gibt auch Tierfreunde, die mit ihren Mitmenschen recht lieblos umgehen.[90] Wie aber kann man dieses „Vorurteil“ logisch oder auch wissenschaftlich begründen?

Teutsch zitiert, in seinem Aufsatz: „Von der Erziehung zum mitgeschöpflichen Verhalten“ (1980), Anton Neuenhäuser, um klar zu machen, was er unter Menschlichkeit bzw. Humanität versteht.

„…jene fühlende Bezogenheit zum Mitmenschen und Mitgeschöpf, die mitleidend und mitfreuend versucht, fremdes Leid zu verhüten und zu vermindern, fremdes Wohlergehen und Glück zu vermehren.“[91]

„Menschlichkeit, wird so zu einer Tugend, die uns dazu befähigt, den im Menschen notwendigerweise angelegten Trieb zur Selbsterhaltung gegen die Versuchung zu rücksichtsloser Durchsetzung der eigenen Interessen zu beschränken.“[92]

Der Mensch soll durch den Umgang oder die Erziehung mit Tieren dazu befähigt werden, diese in ihm vorhandenen Selbsterhaltungstriebe zu zügeln. Praktisch heißt das, die Motivation zur Fürsorglichkeit im Kontakt zu Partnern zu wecken, denen sich die Menschen bzw. Kinder uneingeschränkt überlegen fühlen. Dass dieser methodische Umweg für ein Kind aber kaum vorhanden ist, liegt daran, dass sie das Tier, nach Teutsch - und mit dieser Auffassung ist er nicht alleine, wie ich im Abschnitt 1.4 über „Kinder und Tiere“ schon beschrieben habe - als ein Wesen der eigenen Art, als eine Art „verzaubertes“ Mitkind empfinden. Erste aktive Humanität übt das Kind im Regelfall sogar am Spielzeug, z.B. Teddybär, das für ihn auch ein reales Gegenüber darstellt.[93]

In neuerer Literatur wird häufig das Lernziel Empathie beschrieben, also sich in ein anderes Gegenüber einfühlen können. In meinen Augen verbirgt sich ein sehr ähnlicher Gedankengang dahinter, vielleicht nur etwas „modernisiert“. Nach Anette Bull, kann zwar die Empathiefähigkeit nicht anerzogen, sondern nur ausgelöst werden, Empathiebereitschaft jedoch kann erzeugt, geübt und vielleicht anerzogen werden und zwar durch häufigen und emotional geprägten Kontakt mit Tieren.[94]

Eine Studie von Porsky (o.J.) unterstützt diese Behauptung. Es wurde der Umgang von Kindern mit anderen Kindern untersucht. Im Ergebnis wurden Kindern die Haustiere hatten, von anderen Kindern bessere empathische Fähigkeiten zugeschrieben.[95]

Ich persönlich muss gestehen, dass ich diese Erklärungsansätze und Begründungen zwar nicht unlogisch, aber als etwas dürftig empfand, weswegen ich in diesem Abschnitt auch bewusst am Anfang das Wort „Vorurteil“ verwendet habe. Ausgehend davon habe ich meine Recherche auf die psychologischen Hintergründe ausgeweitet, um den „Mechanismen“, die hinter einem erfolgreichen Einsatz von Tieren in Pädagogik und Therapie stehen, weiter auf den Grund zu gehen, auch denen, die hinter der Erziehung zu Mitgefühl und Empathie stehen.

5. Psychologisch Hintergründe und Schnittstellen der Tiergestützten- Pädagogik

In den nächsten Abschnitten werde ich auf verschiedene Bereiche der Psychologie aufmerksam machen und kurz in sie einführen, die Erklärungen dafür bieten, wann ein Einsatz von Tieren angebracht ist, welche Wirkmechanismen dahinter stehen und welche möglichen pädagogischen/therapeutischen Ansätze für die Praxis sich daraus ergeben.

5.1 Kommunikation zwischen Mensch und Tier

Eigentlich ist der Begriff „Kommunikation“, wenn man die Begegnung und Verständigung zwischen Mensch und Tier beschreiben will, nicht ganz korrekt, denn bei einer Kommunikation geht man davon aus, dass Sender und Empfänger gegenseitig die jeweiligen Signale entschlüsseln können. Nach Fedderson-Petterson sind zwar Hunde außerordentlich empfänglich für unsere Körpersignale, aber unsere menschlichen Fähigkeiten, die Signale des Hundes zu interpretieren, sind doch eher bescheiden.[96] Die Kommunikation zwischen Mensch und Tier bleibt unvollständig.

Der korrekte Begriff für diesen Vorgang zwischen Mensch und Tier wäre „Interaktion“, diese ist nach Watzlawik der wechselseitige Ablauf von Mitteilungen.[97]

Sollte ich trotzdem den Begriff der Kommunikation bei der Verständigung von Mensch und Tier verwenden, dann weil sich dieser in der Praxis trotz allem eingebürgert hat. Er ist dann aber als in Anführungsstrichen stehend zu verstehen.

5.1.1 Digitale und analoge Kommunikation

Diese Unterscheidung von digitaler und analoger Kommunikation wurde von Watzlawik, Beavin und Jackson 1969 getroffen und diese beschreiben sie wie folgt:

Bei der digitalen Kommunikation wird dem Gemeinten ein Zeichen zugeordnet, welches für das Gemeinte stehen soll – Worte. Worte werden nach den Regeln der Logik und der Syntax gebraucht. Sie werden dann eingesetzt, wenn Sachverhalte mitgeteilt werden sollen. Mit Worten können Aussagen über Dinge konstruiert werden, mit Worten kann man aber auch sehr leicht lügen. Wir nutzen die digitale Kommunikation um Informationen über Dinge mitzuteilen, um Inhalte und Wissen weiterzugeben.[98]

[...]


[1] vgl. Münch, Paul, Tiere und Menschen, a. a. o. S. 9.

[2] vgl. Fernsehwoche, a. a. o.

[3] vgl. Rose, Lotte, Tiere und Soziale Arbeit, a. a. o., S. 212ff.

[4] vgl. Morris, Desmond, Der nackte Affe, a. a. o., S. 213.

[5] vgl. Brockmann, Rainer, Anthropomorphisierung, a. a. o., S.130.

[6] vgl. Bull,Anette, Anstiftung, a. a. o., S.15.

[7] vgl. Brockmann, Rainer, Anthropomorphisierung, a. a. o., S.130f.

[8] vgl. Brockmann, Rainer, Können Tiere Heilen?, a. a. o., S. 85.

[9] vgl. Bull, Anette, Anstiftung, a. a. o., S. 16.

[10] vgl. Brockmann, Rainer, Anthropomorphisierung, a. a. o., S. 132.

[11] vgl. ebd.

[12] Greiffenhagen, Sylvia, Tiere als Therapie, a. a. o., S. 26.

[13] vgl. Greiffenhagen, Sylvia, Tiere als Therapie, a. a. o., S. 26.

[14] vgl. Greiffenhagen, Sylvia, Tiere als Therapie, a. a. o., S. 26.

[15] Bühler, Lorenz, zit. Van Rooijen ,in Wenz, Cathleen,Arbeitspapiere, a. a. o.

[16] vgl. Morris, Desmond, Der nackte Affe, a. a. o., S.224f.

[17] vgl. Brockmann, Rainer, Anthropomorphisierung, a. a. o., S. 133.

[18] vgl. ebd.

[19] vgl. ebd., S. 134.

[20] Übersetzung von Greiffenhagen, 1991, in . Brockmann, Rainer,

Anthropomorphisierung, a. a. o., S. 134.

[21] vgl. Brockmann, Rainer, Anthropomorphisierung, , a. a. o., S. 134.

[22] vgl. ebd.

[23] Münch , Paul, Tiere und Menschen, a. a. o., S. 14.

[24] vgl. Brockmann, Rainer, Anthropomorphisierung, a. a. o., S.134.

[25] vgl. Beetz, Andrea, Theoretische Grundlagen, a. a. o., S. 27.

[26] vgl. Engels, Eve-Marie, Orientierung, a. a. o., S 73.

[27] Wenz, Cathleen, Arbeitspapiere, a .a. o.

[28] vgl. Engels, Eve-Marie, Orientierung, a. a. o., S 73.

[29] vgl. Olbrich, Erhardt, Biophilie, a. a. o., S. 74.

[30] vgl. Klimke, Vivienne, Gruppenbild, a. a. o., S. 59.

[31] vgl. Olbrich, Erhardt, Zur Ethik, a. a. o., S. 44 und Olbrich, Erhardt, Biophilie,

a. a. o., S. 70.

[32] vgl. Klimke, Vivienne, Gruppenbild, a. a. o., S. 61.

[33] vgl. Rose, Lotte, Tiere und Soziale Arbeit, a. a. o., S. 219.

[34] Teutsch, G. M., Kinder und Tiere, a. a. o., S. 435.

[35] ebd., S. 436.

[36] Katz in Bull, Anette, Anstiftung, a. a. o., S. 27.

[37] vgl. Teutsch, G. M., Kinder und Tiere, a. a. o., S. 435 u. 439.

[38] Bull, Anette, Anstiftung, a. a. o., S. 29.

[39] Freud, in Wenz, Cathleen, Arbeitspapiere, a. a. o.

[40] vgl. Münch , Paul, Die Differenz, a. a. o., S.327.

[41] vgl. ebd., S. 328f.

[42] ebd., S. 329

[43] vgl.ebd.

[44] Greiffenhagen, Sylvia, Tiere als Therapie, a. a. o., S. 19.

[45] vgl.ebd., S. 19f.

[46] vgl. Buchner-Fuhs, Jutta, Das Tier als Freund, a. a. o., S.275.

[47] vgl. ebd., S. 276.

[48] vgl. Buchner-Fuhs, Jutta, Das Tier als Freund, a. a. o., S. 279.

[49] vgl. Schubertz, Siegfried, Pferde, a. a. o., S.180.

[50] Wenz, Cathleen, Arbeitspapiere, a .a. o.

[51] vgl. Klimke, Vivienne, Gruppenbild, a. a. o., S. 58.

[52] vgl. Klimke, Vivienne, Gruppenbild, a. a. o., S. 73.

[53] vgl. Bergler, Reinhold, u .a., Gesund durch Heimtiere, a. a. o., S. 226.

[54] vgl. ebd., S. 227.

[55] vgl. Bergler, Reinhold, u .a, Gesund durch Heimtiere, a. a. o., S.251.

[56] vgl, Bergler, Reinhold und Hoff, Tania, Der Einfluss, a. a. o., o. S.

[57] vgl. ebd.

[58] vgl. Klimke, Vivienne, Gruppenbild, a. a. o., S. 69.

[59] Klimke, Vivienne, Gruppenbild, a. a. o., S. 69.

[60] vgl. Bergler, Reinhold u. a., Gesund durch Heimtiere, a. a. o., S.51.

[61] vgl. Klimke, Vivienne, Gruppenbild, a. a. o., S. 29.

[62] vgl. Bull, Anette, Anstiftung, a. a. o., S. 25

[63] vgl. Bauer, Barbara, Die Mensch-Tierbeziehung, a. a. o., o. S.

[64] vgl. Jacki, A. und Klosinski, Gunther, Zur Bedeutung, a. a. o., S.397.

[65] in Greiffenhagen, Sylvia, Tiere als Therapie, a. a. o., S.14.

[66] vgl. Barby, Boris und Helm, Nadine, Tiergestützte Therapie, a. a. o., o. S.

[67] vgl. Fine, Aubry, Handbook, a. a. o., S.24.

[68] vgl. Jacki, A. und Klosinski, Gunther, Zur Bedeutung, a. a. o., S. 396.

[69] vgl. Teutsch, G.M., Kinder und Tiere, a. a. o., o. S.

[70] vgl. Münch, Paul, Die Differenz, a. a. o., S. 339.

[71] vgl. Tiere als Therapeuten, a. a. o., o. S.

[72] vgl. Bauer, Barbara, Die Mensch-Tierbeziehung, a. a. o., o. S.

[73] vgl. Klimke, Vivienne, Gruppenbild, a. a. o., S. 15.

[74] vgl. Vanek-Gullner, Andrea, TGHP, a. a. o., S.25.

[75] vgl. Bauer, Barbara, Die Mensch-Tierbeziehung, a. a. o., o. S.

[76] vgl. Förster, Andrea, Tiere als Therapie, a. a. o., S. 28

[77] Corson 1977 in Bauer, Barbara, Die Mensch-Tierbeziehung, a. a. o., o. S.

[78] vgl. Bauer, Barbara, Die Mensch-Tierbeziehung, a. a. o., o. S.

[79] vgl. Förster, Andrea, Tiere als Therapie, a. a. o., S. 15.

[80] vgl. About Delta Society, a. a. o., o. S.

[81] vgl. Förster, Andrea, Tiere als Therapie, a. a. o., S.29.

[82] vgl. Förster, Andrea, Tiere als Therapie, a. a. o., S. 30.

[83] vgl. ebd.

[84] vgl. Bauer, Barbara, Die Mensch-Tierbeziehung, a. a. o., o. S.

[85] Delta Society, 7.01.2001 in ebd., o. S.

[86] Gerspach, Manfred, Einführung, a. a. o., S.9.

[87] ebd. S.11.

[88] Kant, in Buchner-Fuhs, Jutta, Das Tier als Freund, a. a. o., S. 279 f.

[89] Lejeune, in: Teutsch, G. M., Kinder und Tiere, a. a. o., S.441.

[90] vgl. Gebhard, Manfred, Einführung, a. a. o., S.6.

[91] Anton Neuenhäusler, in Teutsch, G. M., Kinder und Tiere, a. a. o., S. 437.

[92] Teutsch, G. M., Kinder und Tiere, a. a. o., S. 437.

[93] vgl. Teutsch, G. M., Kinder und Tiere, a. a. o., S. 439

[94] vgl. Bull, Anette, Anstiftung, a. a. o., S. 23.

[95] vgl. ebd.

[96] vgl. Federson-Petterson in Wenz, Cathleen, Kommunikation, a. a. o., S. 60.

[97] vgl. Berger Ernst und Wald, Birgit, Die Beziehung, a. a. o., S. 407.

[98] vgl. Olbrich, Erhard, Kommunikation, a. a. o., S. 84 f.

Details

Seiten
113
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638046237
Dateigröße
979 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91359
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe
Note
1,0
Schlagworte
Tiergestütze-Pädagogik Modeerscheinung Reaktion Welt

Autor

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Titel: Tiergestütze Pädagogik. Modeerscheinung oder adäquate Reaktion auf unsere moderne Welt?