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Jenseits von Gut und Böse? Die Philosophie Friedrich Nietzsches in "Spieltrieb" von Juli Zeh

Hausarbeit 2007 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Philosophie Friedrich Nietzsches
1.1. „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt“ – Der Nihilismus als Konsequenz Nietzsches´ Denken?
1.2. Die Überwindung des Nihilismus in Nietzsches „Zarathustra
1.2.1. „Von den drei Verwandlungen des Geistes“
1.2.2. Der „Wille zur Macht“

2. „Die Urenkel der Nihilisten“ – Nietzsches Philosophie in „Spieltrieb“
2.1. Ada – ein „Kuckuckskind“ und Einzelgänger
2.2. Kamel, Löwe oder spielendes Kind? Adas Entwicklung im Verlauf des Romans
2.3. Alev – ein „ruchloser Spieler“ mit dem „Willen zur Macht“?
2.4. Smuteks „Menschwerdung“

3. Schluss

Siglenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Was, wenn die Urenkel der Nihilisten längst ausgezogen wären aus dem staubigen Devotionalienladen, den wir unsere Weltanschauung nennen?“[1] fragt Juli Zeh in der Vorrede ihres kurz nach der Jahrtausendwende erschienenen Romans „Spieltrieb“; was wäre, „wenn ihnen Bibel, Grundgesetz und Strafrecht nie mehr gegolten hätten als Anleitung und Regelbuch zu einem Gesellschaftsspiel?“[2]. Ausgehend von diesem Gedankenexperiment entwirft Juli Zeh die Geschichte zweier abgeklärter Jugendlicher, Ada und Alev, welche ein „ungeheuerliches“ Spiel um ihren Deutschlehrer polnischer Herkunft, Smutek, herum, konstruieren.

Bereits die Vorrede und die in ihr enthaltenen Anspielungen auf den Nihilismus und die „Umwertung aller Werte“[3] lässt Parallelen zu dem Werk des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche erahnen. Die zahlreichen Verweise auf die Philosophie Nietzsches werden im weiteren Verlauf des Romans expliziter und sollen im Rahmen der vorliegenden Hausarbeit durch die Untersuchung relevanter Kapitel aus dem „Zarathustra“ herausgearbeitet werden.

Hierbei stehen mehrere Leitfragen im Vordergrund. Zunächst soll geklärt werden, inwieweit die Bezeichnung „Urenkel der Nihilisten“ auf Ada und Alev – und auf ihre Generation – zutrifft. Das Wort „Urenkel“ impliziert eine verwandtschaftliche Beziehung, die aber aufgrund der großen zeitlichen Distanz zur ersten Generation nur noch als lockere Bindung charakterisiert werden kann. Übertragen auf den Nihilismus hieße dies: Während der „urgroßväterliche“ Nihilismus noch gegen bestehende gesellschaftliche Werte und Normen aufbegehren konnte und musste, sind die „Urenkel der Nihilisten“ bereits in eine Zeit hineingeboren, in der Normen und Werte nicht mehr verbindlich für einen Kulturkreis sind; eine Auflehnung wird damit sinnlos und überflüssig. Trifft diese pessimistische Sichtweise wirklich das „Herz des Zeitgeistes“?

Sind Ada, Alev und ihre Zeitgenossen tatsächlich in einem wertfreien Vakuum aufgewachsen, oder zeugt die Bezeichnung ihrer selbst als „Urenkel der Nihilisten“ vielmehr von dem Wunsch, kühl, abgeklärt und völlig rational zu erscheinen, um sich keine Blöße vor anderen zu geben?

Weiterhin soll untersucht werden, ob die beiden - anfänglich eher labilen - Persönlichkeiten Ada und Smutek sich im Verlauf der Erzählung zu Charakteren mit mehr Eigenverantwortung und - initiative entwickeln und in welcher Relation Alev zu dieser Entwicklung steht. Friedrich Nietzsche lässt den Einsiedler Zarathustra in seinem gleichnamigen Werk nach einer langen Periode des einsamen Nachdenkens von einem Berggipfel zu den Menschen ins Tal hinabsteigen, um die Lehre des Übermenschen zu verkünden. Der Übermensch ist „freien Geistes und freien Herzens“[4], ein Mensch, „[weggelockt] von der Heerde“[5], ein Freidenker, der selbstverantwortlich handelt und Neues schafft. Ist bei Ada und ihrem Lehrer Smutek eine „Verwandlung“ vom bloßen „Herdentier“ hin zum Übermenschen – bei Nietzsche oft verglichen mit einem „spielenden Kind“[6] – erkennbar?

Um die Fragestellung angemessen beantworten zu können, sollen zunächst die für den zu untersuchenden Text relevanten Passagen aus dem Werk Friedrich Nietzsches vorgestellt und erläutert werden, bevor zu der Charakterisierung Adas, Alevs und Smuteks übergegangen wird.

Der Großteil dieser Arbeit wird nach der literaturwissenschaftlichen Methode des intertextuellen Vergleichs angefertigt. Der Begriff „Intertextualität“ hat seinen Ursprung im Poststrukturalismus der späten sechziger Jahre und wurde von Julia Kristeva in ihrem Aufsatz „Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman“ geprägt.[7] Ganz allgemein „bezeichnet [er] die Eigenschaft von […] Texten, auf andere Texte bezogen zu sein“[8].

Bei den Intertextualitätstheorien und ihren Vertretern sind zwei Positionen zu unterscheiden: Die eine, vertreten durch Autoren wie Julia Kristeva oder Jacques Derrida, versteht Intertextualität in einem sehr allgemeinen und weit gefassten „ontologischen Sinn“[9] ; betrachtet werden nicht nur literarische Texte, sondern auch Mensch und Gesellschaft als Teil eines umfassenden Textes. Davon abzugrenzen ist die „deskriptive“ Position mit Vertretern wie Karlheinz Stierle oder Gérard Genette, an welcher sich auch die vorliegende Arbeit orientiert.

Diese weniger radikale Richtung innerhalb der Intertextualitätsdebatte geht von einem eingeschränkten Textbegriff aus und untersucht „intendierte und markierte Verweise eines Textes auf andere Texte, die dann in systematischer Weise erfasst, klassifiziert und analysiert werden sollen“.[10]

1. Die Philosophie Friedrich Nietzsches

„Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.“[11]

„Wo von Nietzsche die Rede ist, da gibt es von jeher Streit.“[12] So bringt Heinz Malorny in einem knappen Satz die Ambivalenz der Gefühle, welche den Leser fast unweigerlich befallen, wenn er sich mit den Gedanken eines der bekanntesten und meistgelesenen deutschen Philosophen auseinandersetzt, auf den Punkt.

In der Tat wurden Nietzsches Theorien vom Übermenschen und vom „Willen zur Macht“ oft fehlinterpretiert und für politische Zwecke instrumentalisiert. Zu den dunkelsten Kapiteln der Nietzscherezeption gehört sicherlich die Aneignung nietzscheanischen Gedankengutes, um die Verbrechen des Nationalsozialismus zu rechtfertigen - den Krieg, die Judenverfolgung und die Eugenik mit ihrem schlichtweg wahnsinnigen Anliegen, eine „neue Rasse“ von „Herrenmenschen“ zu kreieren.

Diese fehlgeleitete, weil ideologisch getrübte Rezeption sollte uns jedoch nicht abhalten, Nietzsches Werk unvoreingenommen zu betrachten. Es steht außer Frage, dass die Gedanken dieses Philosophen fesseln, dass seine Texte noch immer im Stande sind, Menschen zu faszinieren, Diskussionen anzufachen und Meinungen zu spalten.

Im Mittelpunkt des folgenden Kapitels steht eines der Hauptwerke, vielleicht das Hauptwerk Friedrich Nietzsches: „Also sprach Zarathustra“, das Buch „für Alle und Keinen“. Der erste Teil dieses Buches, von Nietzsche „wie im Rausch“[13] niedergeschrieben, erschien im Jahre 1883, der zweite und dritte Teil wurden im Jahre 1884 verlegt, der vierte und letzte Teil wurde ein Jahr später als Privatdruck für Freunde und Bekannte herausgegeben.[14]

1.1. „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt“ – Der Nihilismus als Konsequenz Nietzsches Denken?

Der Begriff „Nihilismus“ hat seine etymologischen Wurzeln im lateinischen „nihil“ – nichts – und meint eine weltanschauliche Haltung, die bestehende Ideale, Werte und Normen ablehnt und vermeintliche Wahrheiten über das Wesen der Welt „an sich“ verneint.

Nietzsche selbst erfährt in einer Phase seines Lebens und Schaffens – nämlich nach dem Bruch mit dem Komponisten Richard Wagner, dem er zuvor eng verbunden war und welchen er ausdrücklich bewunderte und verehrte – einen erstarkenden Willen zum Wissen und zur Wahrheit; einen „Triumph des Erkenntniswillens über den Willen zur Kunst und zum Mythos“.[15]

Ein Mensch mit „radikale[m], hemmungslose[m] Wille[n] zur Wahrheit“[16], ein Mensch, der die Erkenntnis bis zum Äußersten treibt, wird unweigerlich mit „dem Unerträglichen [konfrontiert]“[17]: Ernüchtert und desillusioniert sieht er sich den Trümmern einer Weltanschauung gegenüber, die er einst teilte, und muss sich eingestehen, dass die vermeintlich unumstößlichen Wahrheiten, Ideale und Gesetze lediglich menschengemacht sind, dass „erst der Mensch Werthe in die Dinge legte.“[18] Die Gebote und Grundsätze der Religion und Moral verlieren ihre Gültigkeit, sie sind Fiktionen. Die Erkenntnis, dass „die Menschen [sich] alles ihr Gutes und Böses [gaben]“[19], dass es keine letzten Wahrheiten gibt, führt in der Konsequenz zu einer „logischen Weltverneinung“[20], zum Nihilismus. Doch wie steht Nietzsche wirklich zu dieser vermeintlich letzten Konsequenz des Denkens?

Das menschliche Erkenntnisstreben wird von Friedrich Nietzsche hoch bewertet; im „Zarathustra“ schreibt er: „Ich liebe Den, welcher lebt, damit er erkenne.“[21] Am Ende des Erkenntnisprozesses steht auch für ihn die „logische Weltverneinung“, die jedoch mit einer „praktischen Weltbejahung“[22] einhergehen kann und soll. Wenn der Mensch im Nihilismus verharrt, ist sein Dasein „unheimlich […] und immer noch ohne Sinn.“[23]

Nietzsche plädiert hier für die Überwindung des Nihilismus durch den Schaffenden und Spielenden, den Übermenschen. Jener, „[der] auf den höchsten Bergen steigt, […] lacht über alle Trauer-Spiele und Trauer-Ernste“[24], seine „Erkenntniss [hat] lächeln gelernt“[25]: Der wahrhaft Weise bleibt trotz seines bedrückenden Wissens um die scheinbare Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Daseins nicht dem Pessimismus und der Untätigkeit ausgeliefert, sondern erreicht eine höhere und schöpferische Seinsstufe, auf welcher er mit spielerischer Leichtigkeit zu leben und zu schaffen versteht.

[...]


[1] Juli Zeh: Spieltrieb. 3. Auflage. München: btb Verlag, 2006. S. 7.

[2] Juli Zeh 2006: S. 7.

[3] Rüdiger Safranski: Nietzsche. Biographie seines Denkens. 3. Auflage. Frankfurt am Main:

Fischer Taschenbuch Verlag, 2005. S. 312.

[4] Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden. IV. Band:

Also sprach Zarathustra. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Neuausgabe.

München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1999. S. 18. [KSA, IV]

[5] KSA, IV: S. 25.

[6] KSA, IV: S. 29-31.

[7] Vgl. Dorothee Kimmich u.a. (Hgg.): Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. Stuttgart:

Reclam, 2003. S. 327.

[8] Ansgar Nünning (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturtheorie. Stuttgart: Metzler, 2004. S. 110.

[9] Ansgar Nünning 2004: S. 110.

[10] Dorothee Kimmich u.a. 2003: S. 327.

[11] Friedrich Nietzsche

[12] Heinz Malorny: Zur Philosophie Friedrich Nietzsches. Berlin: Akademie-Verlag, 1989. S. 11.

[13] Rüdiger Safranski 2005: S. 383.

[14] Vgl. Rüdiger Safranski 2005: S. 383 ff.

[15] Rüdiger Safranski 2005: S. 159.

[16] Rüdiger Safranski 2005: S. 160.

[17] Rüdiger Safranski 2005: S. 160.

[18] KSA, IV: S. 75.

[19] KSA, IV: S. 75.

[20] Rüdiger Safranski 2005: S. 164.

[21] KSA, IV: S. 17.

[22] Rüdiger Safranski 2005: S. 165.

[23] KSA, IV: S. 23.

[24] KSA, IV: S. 49.

[25] KSA, IV: S. 151.

Details

Seiten
19
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638041102
ISBN (Buch)
9783638938785
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91330
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Germanistisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Philosophie Spieltrieb Nietzsche Jenseits von Gut und Böse Literaturtheorie Juli Zeh Intertextualität

Autor

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Titel: Jenseits von Gut und Böse? Die Philosophie Friedrich Nietzsches in "Spieltrieb" von Juli Zeh