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Die Geschichte der Dienerin - The Handmaid's Tale (USA/BRD 1989): Eine Analyse

Hausarbeit 1993 38 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Menschenbilder im Film

2. Die Dramatis Personae
2.1. Kate
2.2. Moira
2.3. Janine
2.4. Of-Glen
2.5. Tante Lydia
2.6. Serena Joy
2.7. Fred
2.8. Nick

3. Schlussgedanken
Biographie

4. Literatur

5. Anlagen

Einleitung

Spielfilme und die religiöse Auseinandersetzung mit jenen ist noch immer ein ungewohntes, ja stark abgesetztes Phänomen[1].

Das Stets - Gleiche werden Kritiker sagen, eventuell sogar, mit dem Christus-Konträren soll man sich nicht weiter einlassen. Was hat den Christen von heute nicht noch alles zu interessieren, meinen wieder andere.

Ich denke, dass wir Christgläubigen uns eben doch nicht von der Welt abkapseln können. Wir haben die goldene Pflicht das Evangelium zu leben. Die Welt mit der Frohen Botschaft zu >durchsäuern< ( Mt 13,33 ) ist unser Werk, da in vielen Lebensbereichen Gott gar nicht mehr vorkommt[2]

„Gott in allen Dingen finden“ , meint der Gründer der Gemeinschaft Jesu, Ignatius von Loyola.

Das kann aber nicht heissen, sich auf alles und immer neues einzulassen.

Von „Weniger ist mehr“ spricht zu unserem Trost ein anderer bezeichnend kurzer Satz.

Die Zielgruppe, die hier vielleicht in Frage kommt, sind junge Erwachsene.

Menschen also, die in einer Welle von Orientierungssuche und Halt-losigkeit, Zukunftsangst ( und Fremdenaversion ) stehen. Der Umgang mit der Umwelt durch Politik und Wirtschaft ist meist diffus gestaltet. Profitgier durch Ausbeutung der Ressourcen trägt auch ihr negatives Vorzeichen an die Menschen heran. Wohnungsnot vollbringt einen weiteren üblen Zustand, der zu fortdauernden Anspannungen führen kann. Im vorliegenden Fall geht es um das Dienen in einer speziellen Art und Weise.

Welche menschlichen und gesellschaftlichen Weisen dabei zum tragen kommen, werden wir nach dem Film-Anschauen angehen und zu lokalisieren versuchen.

Um an diesem Spielfilm religiös teil zu haben, muss man spezielle Formen an Film-Exegese durch Strukturierungsmodelle anwenden. Ich selber achte zuerst auf Assoziationen und bringe jene später mit biblischen Textstellen und/oder auch kirchlichen Glaubensaussagen in Verbindung.

Das Ganze ist eingefangen in der Form des Glaubens- und Medien-Gespräches.

So kann eine „aktive ( Auseinandersetzung und damit Dialog von ) Glaubenstradition und Lebenserfahrung“[3] stattfinden.

1. Die Menschenbilder im Film

Bevor ich mich genauer an die Bearbeitung heranmache, formuliere ich meine Prämisse zu diesem Spielfilm :

Meine Grundthese liegt darin, dass an sechs gezeigten Frauen die Ausformung der Gesellschaft offenbart wird.

Die dargestellten Männer sind an die Hauptprotagonistin Kate angehängt und treten eher in den Hintergrund der gesamten Handlung.

Was das Menschenbild angeht, so kann von einem leicht modifizierten status quo ausgegangen werden. Der Bereich der Freiheit wird durch den staatlichen Einfluss regressiv gehandhabt.

Auch wenn auf die Bibel verwiesen wird, heisst das noch lange nicht, dass auch auf eine biblische Anthropologie[4] zurückgegriffen wird. Vielmehr wird partiell mit solchen Gedanken gespielt, jene jedoch nicht in einer prägenden und stabilen Weise durchgehalten.

Wie ist das zu verstehen ?

Der Mensch steht nach jüdischem Verständnis als Geschöpf Gottes jenem gegenüber und ist ihm verantwortlich.

„Weil der ganze Mensch vor Gott als Sünder steht, muss er als Ganzer erlöst werden“[5] Diese Überzeugung wird im gezeigten Spielfilm nicht von Gott, sondern von der Regierung, die sich auf Gott beruft, vertreten. Dabei wird nicht allein das Alte Testament be- und ge nutzt, sondern auch das Neue Testament.

In einer Zeit, in der laut über das „Diakonat der Frau“[6] nachgedacht wird, möchte diese Arbeitshilfe auch einen gewissen Beitrag zum „Medienbild der Frau“[7] im Spielfilm abgeben.

Über vieles wird nämlich nachgedacht, geredet, aber sehr wenig davon in die Tat umgesetzt. Vielleicht ist ein solcher Spielfilm wie „Die Geschichte der Dienerin“ ein gesellschaftlicher Träger , der auf seine Weise spricht und Wirkungen zeitigt.

Im Oktober 1992 konnte ich an einem Filmseminar zum Thema „Frauenbilder im Spielfilm“ im Heinrich-Pesch-Haus in Ludwigshafen teilnehmen. Dort nahm ich sozusagen als Quintessenz folgende politische Botschaft zu einem utopischen Frauenbild mit - Frausein sollte sich folgendermassen erweisen :

Kompromisslos

Autonom ( im Sinne von eigenständig )

solidarisch

Inwiefern diese Aussage mit dem Filminhalt in Beziehung treten kann und wird,

bleibt die Aufgabe des Zuschauerkreises.

2. Die Dramatis Personae

Die dargestellten Personen, die im Beziehungsgeflecht ( Anlage 1 ) ausgewiesen sind, möchte ich nun – wohl willkürlich – nach einer Zuneigungs- und Zuordnungsskala nacheinander bewerten.

Als Anschauungsmodell dient die folgende Matrix - Sie soll nach bestimmten Perspektiven das Interesse ausrichten und den Blick schärfen helfen.

Das Innere bildet das Menschenbild ab und das Äussere das Gesellschaftsbild.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1. Kate

Ihr Vorname ist eine Kurzform vom Namen Katharina[8], was auf eine griechische Herkunft hindeutet und soviel wie „die Reine“ oder „die Saubere“ bedeutet.

Der Hauptdarstellerin möchte ich nun über ihre Lebensmythen näher kommen. Sam Keen hat dazu einige Anleitungsfragen parat, auf die ich gerne zurückgreifen will.

Die erste und Schlüssel-Frage lautet dabei :

Wer bin ich ?[9]

In unserem Falle also - Wer bist du, Kate ?

Im Prolog ist Kate mit ihrem Mann und ihrem Kind Jill auf der Flucht. In jenem früheren Leben war Kate Bibliothekarin. Auf der Flucht wird ihr Mann von Regierungstruppen erschossen und Jill gefangen genommen ( Anlage 2 ).

Kate landet nach einer Haftstrafe im Ausbildungszentrum der Gebärerinnen, um dort auf ihren Dienst vorbereitet zu werden.

Das äussere Zeichen einer Dienerin manifestiert sich nicht nur in ihren Kleidern, sondern auch im Armreif, der ihr in einer Maschine angepasst wird. Das erinnert an eine ähnliche Begebenheit in einem anderen U.S.-amerikanischen Science Fiction Film . In „Logan`s Run / Flucht ins 23.Jahrhundert“ ( USA, 1976 )[10] müssen alle Menschen eine sog. Lebensuhr tragen, die über ihr weiteres Leben oder den Tod

( der Erneuerung ) mit dreissig Jahren im „Karussell“ entscheidet.

Auch der Deckname Of-Fred – das heisst „von Fred“ offenbart sich ein besonderes Besitzverhältnis.

In Freds privaten Räumen freundet sich Fred mit Kate langsam an.

Er weiss dabei von Kates Vergangenheit und sucht einen gemeinsamen Nenner im Scrabble[11] - einem Buchstaben-Legespiel – zu finden.

Nach der Weihe wechselt Kate zwischen Freds Heim und dem Ausbildungslager ständig ihren Aufenthaltsort. Fred tritt dabei in zweierlei Formen in ihr „Dienstleben“:

zum einen als Begatter während der „Zeremonie“

und

zum anderen als der mehr ( Liebe-haben-wollende und ) freundliche Hausherr

Gerade in Freds Haus kommen Kate immer wieder Erinnerungen an ihr erstes Kind – Jill – in Gestalt von filmischen Rückblenden hoch.

Trotz der Grüsse der Haus - Martha „Gesegnet sei die Frucht“ wirkt Freds Haus steril und unfruchtbar.

Nick wohnt nebenan und verhilft Kate auf lustvolle Weise zur neuen Menschenfrucht.

Die gestellte Frage an Kate zu diesem „Dienst„ ist wohl so zu beantworten :

> Ich, Kate, nehme dieses Schicksal, das auf mich zugekommen ist, gehorsam und demütig an. Trotz meiner Sehnsucht nach Freiheit rebelliere ich nicht <

Dieser inneren Botschaft gemäss ist Kate in ihrer Berufung wie Maria , die Mutter Jesu Christi, zu sehen. Zwar singt Kate kein „Magnifikat“[12] in die Welt, aber sie wird in ihrem und durch ihren „Dienst“ von dem gesellschaftlichen Umfeld „erhöht“.

Kates Mutterschaft[13] ist jedoch genau besehen eine Leihmutterschaft.

Was im Spielfilm offen bleibt, ist wie der seelische Zustand der Dienerin nach der Geburt des Kindes ausschaut. Bei Janine, einer Gefährtin im „Dienst“, kann man das wohl irgendwie abzulesen versuchen, aber es bleibt gleichwohl im Dunkeln.

Auch die Frage, inwiefern mehrere oder unbegrenzte „Dienste“ geleistet werden müssen, ist ein Geheimnis. Daher ergibt sich für mich ein Schreckgespenst der totalen biologischen Ausbeutung im Sinne der Gebärmaschine.

Von diesen Spekulationen und Umtrieben zurück zu Kates biblischem Vorbild.

Maria verweist durch ihre Haltung auf den christlichen Gehorsam gegenüber der staatlichen und göttlichen Gewalt.

Zwei biblische Stellen des neuen Testaments könnten hier zur Hilfe herangezogen werden –

„Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam.

Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott

eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die

Ordnung Gottes , und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen“

( Röm 13,1 – 2 )

und

„So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört“

( Mk 12,17 )

Hier wird eine weitere von Sam Keens Fragen wichtig :

Welche unsichtbaren kulturellen Mythen leiten Kate ?

Ich meine die Antwort auf diese Frage in der Gestalt der Bilha, der Nebenfrau zu entdecken. Jene soll auf den Knien der Herrin Rahel geboren und jener Hauptfrau zu Kindern verholfen haben ( Gen 30,3-5 )

„ Der Sinn solcher Aktionen ( in der Patriarchenzeit ) liegt in der Vorstellung von damals, dass sich der Lebenssinn der Frau unübertreffbar im Gebären von Kindern zeigt und dass des weiteren die Eltern in den Kindern weiterleben. Damit wird die Hoffnung auf das nicht endende Leben befriedigt“[14]

Auch die Kontakte über Nick und Of-Glen bleiben für Kate nicht ohne ( unsichtbar-mythische ) Folgen.

In Kates Gewalttat, der Ermordung Freds, offeriert sich hier der Judith-Mythos[15] im Tyrannenmord an Holofernes. Doch im Wechsel ihres Lebensplanes zeigt sich eine weitere Frage Sam Keens :

Wie sieht Kates persönlicher Mythos aus ?

Das Erdulden und Ertragen des bisherigen Dienstes wird Kate plötzlich durch die Ablehnung von seiten Serenas und Freds klar. Daher orientiert sie sich in Nicks Richtung und verändert sich auf die Seite der Terroristen, die sie ausser Gefahr bringen und ihr bis zur Geburt ( und wohl auch danach ) weiterhelfen ( Anlage 3 ).

[...]


[1] Paech, J., Ist Film lehrbar ?, in : Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik e.V. ( Hrsg. ),

medien praktisch Nr.1, Frankfurt/Main – 1987, 4-8

[2] Freiburger Diözesanforum ( Miteinander Kirche sein – für die Welt von heute ),

Arbeitshilfe nach der 2. Sitzungsperiode, Freiburg – 1991, 11

[3] Tilmans, F., Die Augen des Glaubens – Theologische Überlegungen zum Mediengespräch,

in : Kuhn, M. / Hahn, J.G. / Hoekstra, H. ( Hrsg. ),

Hinter den Augen ein eigenes Bild, Zürich – 1991, 131

[4] Höfer, J. / Rahner. K. ( Hrsg. ), Lexikon der Theologie und Kirche ( LThK ), 2. Auflage,

Freiburg – 1986, 604ff.

[5] Finkenzeller, J., Was kommt nach dem Tod ?, 1. Auflage, München – 1976, 22

[6] Dewald, J./ Oeste, C. / Weigold, W., Diözesanforum für Diakonat der Frau,

in : Konradsblatt Nr. 45, Karlsruhe – 1992, 3ff.

[7] Bauer, D.R. / Volk, B. ( Hrsg. ), Weibsbilder – Was Medien aus Frauen machen,

Hohenheimer Protokolle Band 33, Stuttgart – 1990, 42f.

[8] Weitershaus, F.W., Das neue Vornamenbuch, München – 1978, 126

[9] Keen, S., Die Mythen des Lebens, in . Psychologie heute Nr. 5, Weinheim/Basel – 1989, 28ff.

[10] Hahn, R.M. / Jansen, V., Lexikon des Science Fiction Films, München – 1987, 266ff.

[11] Lexikon-Institut Bertelsmann ( Hrsg. ), Bertelsmann Lexikon in 15 Bänden,

Band 13, Gütersloh – 1989, 143

[12] Obermayer, H. / Speidel, K. / Vogt, K. / Zieler, G., Kleines Stuttgarter Bibellexikon,

4. Auflage, Stuttgart – 1977, 186

[13] Grabner-Haider, A., ( Hrsg. ), Praktisches Bibel-Lexikon, 9. Auflage, Freiburg – 1987, 781

[14] Stubhann, M. ( Hrsg. ), Die Bibel von A – Z, Erlangen – 1985, 105

[15] Bocian, M., Lexikon der biblischen Personen, Stuttgart – 1989, 289f.

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