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Kinderzimmer als (H)orte der Individualisierung und familiärer Einflussnahme

Forschungsarbeit 2008 19 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsfrage

3. Untersuchungsmethode

4. Datenerhebung

5. Auswertung und Interpretation

6. Fazit und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Wintersemester 2007/2008 beschäftigte ich mich im Rahmen des Moduls 2A mit empirischer Bildungsforschung. In meiner vorliegenden Hausarbeit gehe ich der Frage nach, ob bereits in der frühen Kindheit Anzeichen von Individualität des Kindes im Kinderzimmer vorhanden sind oder die Entwicklung des Kindes ausschließlich in dem von der Familie vorgegebenem Rahmen erfolgt und eine Individualisierung im Kinderzimmer nicht möglich ist. Dabei beziehe ich mich auf Daten, die ich mit Hilfe von Beobachtungsstudien in Kombination mit ero- epischen Gesprächen nach Girtler in zwei Familien gewonnen habe. In beiden Familien wohnt ein Mädchen von etwa vier Jahren (jeweils Einzelkind; Alter zum Zeitpunkt der Erhebung 4,1 beziehungsweise 3,8 Jahre).

Zu dem Thema „Raumwirkung auf Kinder“ habe ich im Vorfeld bereits mehrere Bücher gelesen. Besonders interessant fand ich bisher die Wirkung von Farben und Materialien auf Kinder. Was regt an, was überfordert, was ist im Zweifel zugunsten anderer Dinge zu vernachlässigen? Aus diesem Grund interessierte mich in dieser Studie die Frage besonders, wie Kinder ihre eigenen, normalen, nicht nach diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen eingerichteten, Kinderzim- mer sehen. Ist in einem „normalem“ Kinderzimmer Raum für die Individualität eines Kindes? Ist diese von Eltern gewünscht? Wird sie gefördert oder unter- drückt? Ist das Zimmer rein praktisch eingerichtet oder (auch) nach ästhetischen Gesichtspunkten? Was sagen die Kinder zu ihren Zimmern? Was würden sie gerne verändern? Was wurde nach ihren Wünschen gestaltet? Und welche posi- tive oder negative Wirkung hat das Zimmer auf das darin wohnende Kind? Was spiegelt das Zimmer wieder?

In dieser Hausarbeit werde ich mich auf die Wirkung des Gesamt-Zimmers auf das darin wohnende Kind beschränken müssen. Aus Platzgründen kann ich leider nicht auf Einzelaspekte wie Wirkungen von Räumen an sich, Licht, Farbe und Materialien eingehen. Auch muss ich mich in dieser Arbeit auf das Kinderzimmer selbst konzentrieren und kann nicht auf das gesamte häusliche Wohnumfeld und die komplexe Familienstruktur eingehen, die natürlich neben dem Kinderzimmer wichtige Punkte der Individualisierung sind.

Ebenfalls bei der Darstellung der theoretischen Grundlagen und der Beschrei- bung des Ablaufs einer qualitativen Forschungsstudie werde ich mich auf das Wichtigste beschränken müssen. In ihrem Aufbau wird meine Hausarbeit dem Ablauf der verschiedenen Forschungsschritte folgen (Forschungsfrage, Unter- suchungsmethode, Datenerhebung, Auswertung und Interpretation, Fazit und Ausblick).

2. Forschungsfrage

Ist in einem „normalem“ Kinderzimmer Raum für die Individualisierung des Kin- des oder ist die familiäre Einflussnahme bei jungen Kindern dominierend? Um über Kinderzimmer eine empirische Untersuchung durchführen zu können, ist es nötig sich einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand / Forschungslü- cke zu verschaffen und die Fragestellung zu konkretisieren. Die Untersuchungs- frage „Kinderzimmer als (H)orte der Individualisierung und familiärer Einfluss- nahme“ lenkt den Blick auf das Kinderzimmer. Damit wird klar, dass das ganze weitere Umfeld des Kindes, welches zur Sozialisation und Individualisierung ebenfalls beiträgt, im Rahmen dieser Untersuchung außer Acht gelassen wird. Als Hort ist in diesem Zusammenhang ein sicherer Bereich zu verstehen, also das Kinderzimmer als Platz der Individualisierung, als geschützter Raum. Im Gegensatz zum Hort steht der Ort als Raum familiärer Einflussnahme.

Kinderzimmer selbst gibt es erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts (Weber-Kel- lermann 1979, S.138). Zunächst gab es sie jedoch nur in sehr wohlhabenden, großbürgerlichen Familien und auch dort war das Kinderzimmer oft „kein Spiel- paradies, sondern mehr ein Raum der Verwahrung zum Schlafen“ (Weber-Kel- lermann 1991, S.30). Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein hatte die Mehrzahl der Kinder kein Kinderzimmer (Weber-Kellermann 1991, S.119), ein Kinderzimmer war also lange Zeit ein Privileg. Heute wird ein Kinderzimmer neben seiner Funktion als Schlafzimmer des Kindes auch als Spiel-, Arbeits- und Rückzugsraum gesehen. Dabei liegt die Mindestforderung nach DIN für Kin- derzimmer gerade einmal bei 8m² (Wiucha 1996, S.6), was im Verhältnis zum übrigen Wohnraum meist verhältnismäßig wenig ist (die im Vergleich zum Kin- derzimmer wenig genutzten, reinen Schlafzimmer der Eltern sind oft bedeutend größer). Kinderzimmer sind heutzutage wichtiger denn je. Durch die allgemeine

Urbanisierung und die von Erwachsenen geschaffenen kinderspezifischen Ein- richtungen (Institutionalisierung der Kindheit) kommt es zu einer Verinselung der Lebensräume des Kindes. Wohnungen, Kindergärten, Schulen, Freizeitein- richtungen, Freunde, Lebensmittelversorgung, … sind räumlich getrennt und oft zu Fuß nicht erreichbar. Freies und selbst bestimmtes Spiel auf der Straße („Stra- ßensozialisation“, vgl. Rolff / Zimmermann 1990, S.65ff.) findet aus vielerlei Gründen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt statt: Die Kinder ziehen sich in die Häuser zurück. Dem Kinderzimmer obliegt immer mehr die Aufgabe eines Hortes der Entwicklung und Identitätsfindung.

Nach der Einarbeitung in das Thema können zu der Untersuchungsfrage weitere Unterfragestellungen formuliert werden. Damit kann während der Beobachtung im Feld gezielt auf bestimmte Dinge geachtet werden. Die Unterfragestellungen präzisieren und konkretisieren die Untersuchungsfrage und schärfen den Blick des Beobachters im Feld. Folgende Unterfragen formulierte ich für die Unter- suchungsfrage „Kinderzimmer als (H)orte der Individualisierung und familiärer Einflussnahme“:

- Ist das Zimmer anregend gestaltet und lässt es dem Kind selbst Handlungs- und Gestaltungsspielraum?
- Sind persönliche Gegenstände mit Bezug zu dem Kind direkt erkennbar (Fotos vom Kind, selbst gemalte Bilder, …)?
- Ist im Zimmer direkt erkennbar, wofür sich das Kind besonders interessiert (Raumfahrt, Sport, Lego, Bücher, Technik, Rollenspiele, Tiere, Malen, …) oder ist dies nur durch Nachfrage festzustellen?
- Wird das Zimmer ausschließlich als Kinderzimmer genutzt oder hat es noch eine weitere Funktion?
- Ist das Kind gerne in seinem Zimmer und verbringt es viel Zeit dort?
- Was gefällt dem Kind am Besten in seinem Zimmer? Was gefällt ihm gar nicht?

Mit der im Kinderzimmer gesuchten Individualisierung beziehe ich mich in dieser Arbeit nicht auf Individualisierungsthesen, die sich mit der Gesamtge- sellschaftlichen Individualisierung seit dem Mittelalter befassen (siehe hierzu ausführlich Junge 2002). Ich kennzeichne mit Individualisierung einen pri- vat-gesellschaftlichen Sachverhalt, der im Privaten zur Selbstbestimmung des Individuums führt. Im Kinderzimmer wäre dies also eine Selbst- und Mitbe- stimmung in der Art, dass das Kinderzimmer den spezifischen Wünschen und Bedürfnissen des darin wohnenden Individuums entspricht und seine Individu- alität unterstreicht und wider spiegelt; das Individuum sich dort seiner eigenen Natur gemäß ausleben kann.

Individualität ist neben Subjektivität und Personalität eine grundlegende Dimen- sion der Sozialisation (Korte / Schäfers 2000, S.52f.). Jeder Mensch weist eine Zusammensetzung von verschiedenen Fähigkeiten und Eigenschaften auf, die in dieser Form einmalig sind und seine Individualität ausmachen. Der Mensch ist also ein Individuum; er unterscheidet sich von allen anderen. Die Identität des Individuums ist das Wissen der Person um die eigene Gleichheit und Kontinuität im Zeitverlauf (vgl. Junge 2002, S.139). Die Person bleibt also trotz aller Verän- derungen sie selbst.

Die Individualität wird nach Korte / Schäfers (2000) gesellschaftlich sowohl ermöglicht als auch begrenzt. Individualität und Selbstbestimmung können sich nur in sozialen Zusammenhängen entwickeln. Daher ist die Gesellschaft „nicht nur das Gleichmachende und Typisierende, sondern auch das Individualisieren- de“ (vgl. Elias 1987, S.90, zitiert nach Korte / Schäfers 2000, S.53). Kinder brauchen also einen (von der Familie) vorgegebenen Rahmen, in dessen Gren- zen sie ihre Individualität ausbilden, ausdrücken und ausleben können. Die Fa- milie wird also immer Einfluss auf die Art der Individualisierung des Kindes haben und diese auch (bewusst oder unbewusst) steuern.

Von diesen Überlegungen ausgehend stelle ich meine Anfangshypothese zur In- dividualisierung von Kindern im Kinderzimmer auf. Zwar ist jeder Mensch ein Individuum und reagiert daher auf genau die gleichen Bedingungen anders. Da- her entwickelt er sich ungleich zu anderen Individuen (zum Beispiel entwickeln sich natürlich Geschwisterkinder individuell, obwohl sie das gleiche Wohn- und Familienumfeld, theoretisch (!) die gleiche Erziehung, et cetera haben). In die Entwicklung des Individuums spielen also sowohl Anlage als auch Umwelt hin- ein (Oerter / Montada 2002, S.22ff.).

Unabhängig davon denke ich, dass theoretisch drei Modelle der kindlichen Indi- vidualisierung im Kinderzimmer möglich sind:

1.) Gänzlich freie Entfaltung des Individuums Kind (in der Praxis nicht möglich, da durch verschiedenste Faktoren wie soziales Gefüge, Sozialisation und Erzie- hung, Größe des Kinderzimmers, Art des sozialen Zusammenlebens, Wohnort, Kultur, finanzielle Mittel der Eltern, Gesetze, gesellschaftliche Konventionen, et cetera widerlegt).
2.) Das Kind darf in den von den Eltern gesetzten Rahmenbedingungen mit ent- scheiden und seine Individualität in diesen Grenzen erwerben und ausleben.
3.) Das Kind hat keinerlei Mitspracherecht; die Eltern nehmen dem Kind jegliche Mit-Entscheidungsfunktion (auch im Kleinen), das Kind entwickelt keine eigene Meinungen, Vorlieben, Interessen.

Da Menschen einerseits Individuen sind und dementsprechend handeln, andererseits aber auch durch ihren jeweiligen gesellschaftlichen und sozialen Kontext beeinflusst werden, erwarte ich, dass ich das Modell 1 aus den oben genannten Gründen in der Praxis nicht finde. Bei den Modellen 2 und 3 hingegen bin ich mir sicher, sie in der Praxis zu finden. Allerdings erwarte ich in der Praxis nicht nur die Reinform sondern hauptsächlich fließende Übergänge und Mischformen zwischen den reinen Theoriemodelle 2 und 3.

3. Untersuchungsmethode

Für die Untersuchung der Forschungsfrage eignet sich eine Kombination aus Beobachtungsstudie und ero-epischem Gespräch. In der Soziologie werden The- orien durch die Empirie, also „Sinneserfahrungen“, gestützt. Zu Beginn der em- pirischen Sozialforschung stehen zufällige Beobachtungen. Um daraus folgende systematische Beobachtungen als wissenschaftliche Beobachtungen anzuerken- nen, müssen diese schriftlich fixiert sein, damit Dritte nachvollziehen können, was die Beobachtung selbst, und was der aus ihr gezogene, interpretierte theore- tische Schluss war (vgl. Brüsemeister 1999, S.6f.). Soziologische Forschungsme- thoden können quantitativ oder qualitativ sein. Quantitative Methoden arbeiten mit großen Datensätzen, es werden Messungen vorgenommen und Theoriehy- pothesen überprüft. Wesentliche Kennzeichen qualitativer Forschung sind „die Gegenstandangemessenheit von Methoden und Theorien [Anmerkung von B.R.: das heißt, dass die Untersuchungsmethoden der Forschungsfrage anzupassen sind], die Berücksichtigung und Analyse unterschiedlicher Perspektiven sowie der Reflexion des Forschers über die Forschung als Teil der Erkenntnis“ (Flick 2006, S.16). Dabei arbeitet man bei Verwendung von qualitativen Methoden mit kleineren Datensätzen als bei der Verwendung von quantitativen Methoden, denn für die Entdeckung einer neuen Theoriehypothese reicht bereits ein einzel- ner Fall („qualitative Einzelfallstudie“).

Beobachtungsstudien im Feld und ero-epische Gespräche werden der qualita- tiven Forschung zugeordnet. Der Begriff Feldforschung meint, dass sich der For- scher aus seinem Büro hinaus in das Untersuchungsfeld begibt (im Gegensatz zu Laborforschung oder Sekundärforschung am Schreibtisch). Beobachtungen erheben im Gegensatz zu Befragungen nicht nur Aussagen über das Verhalten, sondern machen das Verhalten selbst zum Gegenstand der Erhebung (vgl. Ha- bermehl 1992, S.195). Damit haben sie den Anspruch, der Wirklichkeit näher zu kommen, denn Aussagen können einfacher manipuliert werden als beobach- tetes Verhalten. Beobachtungen können sowohl verdeckt als auch offen sein und sind dabei zudem entweder teilnehmend oder nicht-teilnehmend. Für meine For- schungsfrage habe ich eine offene, teilnehmende Beobachtung gewählt. Ich habe also im Vorfeld alle anwesenden Personen über meine geplante Beobachtung informiert und um ihre Zustimmung gebeten (= offen). Zudem habe ich nicht am Rande gestanden und ausschließlich beobachtet, sondern mich aktiv im Untersu- chungsfeld beteiligt (= teilnehmend).

Gerade wegen der bei Beobachtungsstudien zwangsläufigen Interpretation durch den Beobachter stehen reine Beobachtungen als Methode oft in der Kritik hinter anderen Forschungsmethoden zurück und werden sogar als unwissenschaftlich kritisiert. Selbst wenn alles Beobachtete im Beobachtungsprotokoll schriftlich fixiert wird - könnte man argumentieren - kann es zu „Datenverzerrungen“ (Habermehl 1992, S.198) kommen.

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