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China – Neue alte Großmacht in Fernost? Chinas geopolitische Interessen in der Region und ihre Bedeutung für die Weltpolitik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 33 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südasien

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Das „Reich der Mitte“ im Wandel der Zeiten

Das Kaiserreich

Chinas Niedergang

Isolationismus unter Mao Zedong, Öffnung unter Deng Xiaoping

China heute

Der Traum von „Großchina“

Chinas Rolle in der Region

Russland

Zentralasien

Japan

Korea

Indien

Die ASEAN-Staaten

Die Rollen der politischen Global Players außerhalb Asiens

Europa

USA

Und in Zukunft? Weltmacht, regionale Großmacht oder Demontage eines Scheinriesen?

Literatur

Bücher

Wissenschaftliche Aufsätze

Artikel

Einleitung

Wieder einmal blickt die westliche Welt alarmiert in den Fernen Osten. Während man in den achtziger und frühen neunziger Jahren besorgt war, die so genannten Tigerstaaten könnten dem Westen die wirtschaftliche und politische Führungsposition streitig machen, rückt seit Ende der neunziger Jahre verstärkt die Volksrepublik China in diesen Fokus. „In absehbarer Zeit, mit allen Vorbehalten, wird vor allem China eine solche Weltmacht darstellen, […] dass wir im alten Westen nicht mehr allein die Agenda der Weltpolitik bestimmen können. Wir im Westen haben nur noch 20, höchstens 30 Jahre Zeit, in denen wir die Tagesordnung der Weltpolitik festlegen“, sagte Timothy Garton Ash vor zwei Jahren. Muss der Westen Angst haben vor diesem Land?

Chinas geostrategischen Voraussetzungen sind geradezu ideal: Es liegt in direkter Nachbarschaft zu dem, was Harold Mackinder zu Beginn des 20. Jahrhunderts als „pivot area“, später als „heartland“ bezeichnete – nämlich den Weiten Zentralasiens im Herzen der eurasischen Landmasse – einerseits und dem „outer crescent“ der pazifischen See- und Inselwelt andererseits. Das Land verfügt also über das Potential eines prototypischen Staates im „inner crescent“ – oder auch „rimland“, wie es Nicholas Spykman später nannte – eine dominante See- und Landmacht zu werden. Es nimmt kaum Wunder, dass Spykman schon 1942 zu prognostizieren wagte, das Land werde einst eine „continental power of huge dimensions“ – angesichts der geographischen Superlative, die ihm zu eigen sind: 1,3 Milliarden Einwohner, 14 direkte Nachbarländer, 22 000 Kilometer Landgrenze und 18 000 Kilometer Küste.

Gepaart mit der Tatsache, dass China über die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt verfügt – in den letzten Jahren immer um die zehn Prozent – und damit die westlichen Industrienationen bald überholen könnte, lohnt es sich zu analysieren, wie China diese Potentiale einsetzt. Die vorliegende Arbeit soll deshalb untersuchen, welche außenpolitischen Interessen die „China AG“, das derzeit erfolgreichste Unternehmen der Welt, verfolgt und welche Absichten sich dahinter verbergen.

Zu diesem Zweck sollen zentrale Elemente der Interessen Chinas in seinen Nachbarstaaten hervorgehoben werden, zudem die Rolle, die Europa und die USA als derzeit – noch? – führende Weltmacht für Chinas geopolitische Unternehmungen spielen. Über allem steht dabei die Frage, ob China eine aufstrebende Weltmacht oder eher regionale Großmacht ist – oder ob sich der rote Riese früher oder später als Scheinriese entpuppen wird.

Das „Reich der Mitte“ im Wandel der Zeiten

Um den heutigen Status Chinas in der Weltpolitik sowie sein heutiges Selbstbild in Bezug auf den Rest der Welt zu verstehen, muss man auf seine ebenso wechselvolle wie einzigartige Geschichte zurückblicken. Im Gegensatz zu Großmächten des westlichen und islamischen Kulturkreises bildete China über 22 Jahrhunderte lang fast durchweg eine politische Einheit und konnte territoriale Verluste immer wieder kompensieren. Kulturell war es dem Rest der Welt bis in die europäische Neuzeit hinein weit überlegen. Gleichzeitig war die chinesische Geschichte bis in die Gegenwart immer wieder von langen Perioden des Isolationismus und der Selbstbezogenheit geprägt. All das nährt bis heute Nationalstolz und Selbstverständnis der Chinesen.

Das Kaiserreich

Das chinesische Kaiserreich entstand, als das Qin-Reich im Jahr 221 v. Chr. sieben bestehende Königreiche auf einem Gebiet, das sich in etwa vom heutigen Shanghai bis südlich des heutigen Peking erstreckte, in sich vereinte. Kurze Zeit später wurde mit dem Bau der Großen Mauer an der Nordgrenze begonnen, um den Staat vor der Welt der „Barbaren“, als welche die Chinesen ihre nördlichen Nachbarn betrachteten, zu schützen. In den folgenden Jahrhun-derten konnten die Kaiserdynastien fast durchgehend an Raum gewinnen, vor allem in Rich-tung Süden, bis zur Insel Hainan, und Westen, teilweise bis an die Grenzen der heutigen zent-ralasiatischen Staaten.

Im fünfzehnten Jahrhundert regten sich in der Landmacht China Ambitionen, eine Seemacht von Weltrang zu etablieren. Die Flotte unter Admiral Zheng He war den europäischen Flotten der Zeit quantitativ wie qualitativ weit überlegen, als sie in der ersten Hälfte des Jahrhunderts ganz Südostasien und sogar die Küste Ostafrikas besegelte. Doch bald erstarb das Interesse an weiteren Erkundungsfahrten, da man den Machtstatus Chinas in der Region nicht durch maritime Experimente gefährden wollte und wohl auch aus dem Grunde, dass China, von der eigenen kulturellen Überlegenheit und Einzigartigkeit überzeugt, schlichtweg kein Interesse an Völkern jenseits seines Einflussbereiches hatte. Somit besann sich das „Reich der Mitte“ also auf seinen Status als vorherrschende Landmacht der Region.

In die frühe Qing-Dynastie des 18. Jahrhunderts fiel die Zeit der größten Machtentfaltung: Chinas Machtzentrum war von Vasallen und tributpflichtigen Staaten umgeben; der Einflussbereich erstreckte sich vom fernen Osten Russlands über das heutige Kasachstan und Assam weiter ostwärts über Laos und bis nach Vietnam. Dabei war der Einfluss auf die Vasallenstaaten vor allem kultureller und militärischer Art: „Exportiert“ wurden Philosophie, Kunst, Wissenschaft und Alltagskultur; militärischer Schutz wurde als „gütige Gewährleistung“ geboten. Am Außenhandel, zumal mit entfernteren Weltregionen, war China kaum interessiert: Tee, Seide und Porzellan wurden in erster Linie exportiert, da man ohnehin zuviel davon hatte; importiert wurde ausschließlich Opium. Dieses isolationistische Denken sollte dann bald den Niedergang des chinesischen Weltreiches einläuten.

Chinas Niedergang

Denn mit der Kolonialisierung Asiens durch europäische Seemächte endete Chinas Vorherrschaft in Ostasien äußerst rasch. Die Tatsache, dass Chinas Selbstabschottung ebenso wie die hohen Kosten der territorialen Expansion und der prunkvolle Lebensstil in Kaiserpalast und Administration um den Wechsel das Reich von innen schwächten, wussten äußere Mächte auszunutzen . Nach dem verlorenen Opiumkrieg gegen England von 1839 bis 1842 musste China an das überlegene europäische Königreich Hongkong, Tibet und Zentralchina entlang des Jangtse abtreten, später an Frankreich Yunnan und Teile Südchinas, an Russland Ostturkestan, die Mongolei und Teile Nordostchinas, an Portugal Macao und an das Deutsche Reich Teile Shandongs. 1895 schließlich, im Anschluss an den Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg, hatte es gar den Verlust Taiwans an das vormals deutlich schwächere Japan hinzunehmen. „So gesehen“, formuliert es der polnisch-amerikanische Geostratege Zbigniew Brzezinski, „ist Chinas Niedergang – die Demütigung der letzten 150 Jahre – eine Verirrung, eine Entweihung des besonderen Ranges, den China immer genoß, und eine für jeden Chinesen persönliche Beleidigung.“ In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kollidierte das uralte Bewusstsein kultureller Überlegenheit mit der Realität des spät- und nachkaiserlichen China, was die Chinesen tief in ihrem Nationalstolz verletzte. „Nur so“, schreibt der Journalist und China-Experte Wolfgang Hirn, „lassen sich viele außenpolitische Ressentiments der Chinesen von heute erklären.“

Kurz darauf endeten auch 22 Jahrhunderte der Kaiserdynastien: 1912 riefen die nationalistischen Guomindang unter Chiang Kai-shek die Republik aus und setzten den letzten, nur fünf Jahre alten Kaiser Puyi ab. In den Folgejahren zerfiel Chinas Macht in der Region weiter: Japan entwickelte Interesse an den Rohstoffen der Mandschurei , die es 1931 besetzte, um dort den Marionettenstaat Mandschuko unter der Herrschaft Puyis zu errichten. Im 1937 begonnenen Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg unterlag Japan erst nach dem Eingreifen der USA. Es folgte ein Bürgerkrieg zwischen den Guomindang und den Kommunisten unter Mao Zedong, der mit dem Zurückdrängen der Guomindang nach Taiwan endete. Die kommunistische Volksrepublik China wurde am 1. Oktober 1949 ausgerufen.

Isolationismus unter Mao Zedong, Öffnung unter Deng Xiaoping

Nachdem die ersten Jahre der Volksrepublik geprägt waren von ideologischer Verbundenheit mit dem „großen Bruder“ Sowjetunion, kam es gegen Ende der fünfziger Jahre zum Zerwürfnis der beiden kommunistischen Staaten. Was folgte, war eine Zeit des ausgeprägten Isolationismus, in der China auf dem weltpolitischen Parkett keine stabilen Beziehungen pflegte. Zur sehr war Chinas Außenpolitik von Sprunghaftigkeit und Unzuverlässigkeit geprägt – eine Tendenz, die teilweise noch heute zu beobachten ist – und zu sehr war das Land von zwei „desaströsen Experimenten“ gebeutelt: zuerst vom so genannten „Großen Sprung nach vorne“ von 1958 bis 1961, der die Volksrepublik zur führenden Militär- und Wirtschaftsmacht in der Region machen sollte, aber als gigantischer Akt der Misswirtschaft für zig Millionen Chinesen in den Hungertod führte; dann ab 1966 von der „Kulturrevolution“, die das gesellschaftliche Leben in der Volksrepublik fast ein Jahrzehnt lang völlig lähmte. Allerdings fiel in diese Zeit die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit vielen wichtigen Industrienationen, nachdem die Volksrepublik im Jahr 1971 Mitglied der Vereinten Nationen sowie Ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrates wurde.

Maos Tod 1976 läutete eine neue Ära in Chinas Innen- und Außenpolitik ein. Zu seinem Nachfolger wurde 1978 Deng Xiaoping. „Chinas Reformzar“ machte die „vier Modernisierungen“ der Landwirtschaft, der Industrie, der nationalen Verteidigung sowie der Wissenschaft und Verteidigung zu seinem Regierungsprogramm und öffnete die Volksrepublik gegenüber der Außenwelt. Sein Fokus lag dabei auf dem Wiederaufbau der am Boden liegenden chinesischen Volkswirtschaft, um den Massen einen gewissen Wohlstand zurückzugeben, aber wohl in erster Linie, um internationales Ansehen sowie die Chance auf politische und militärische Stärke wiederzuerlangen.

Das Tiananmen-Massaker vom Juni 1989, als die chinesische Führung Tausende für Demokratie demonstrierende Studenten töten ließ, führte zu einer radikalen Wendung in den Außenbeziehungen. Die Vereinten Nationen verurteilten das Vorgehen harsch; die westliche Welt reagierte mit politischen, wirtschaftlichen und militärischen Sanktionen ; die EU mit einem Waffenembargo, das bis heute gilt. Als Konsequenz brach China die diplomatischen Kontakte zu den meisten Staaten der Welt ab. Die Verhältnisse normalisierten sich allerdings relativ rasch schon zu Beginn der neunziger Jahre, was wohl vor allem darauf zurückzuführen ist, dass Chinas Handelspartner nicht auf den lukrativen Markt und Produktionsstandort verzichten wollten.

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Details

Seiten
33
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638048859
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91101
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,0
Schlagworte
China Neue Großmacht Fernost Chinas Interessen Region Bedeutung Weltpolitik

Autor

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