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Kennst du das Land wo die Kanonen blühn - Militarismuskritik in der Lyrik Erich Kästners

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 40 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Prolegomena zum Werk Kästners
2.1. „Kurzgefaßter Lebenslauf“ bis 1933
2.2. Weimarer Republik – Versuche, eine Gesellschaft zu ändern
2.3. Neue Sachlichkeit
2.4. Kästners Gebrauchslyrik
2.5. Die vier Gedichtbände

3. Auseinandersetzung mit dem Militarismus
3.1. Opfer
3.1.1. Lost Generation - überlebende Opfer
3.1.2. Stimmen aus dem Massengrab – tote Opfer
3.2. Täter
3.2.1. „Verlaßt Euch nie auf Gott und seine Leute!“
3.2.2. Staatliche Institutionen (Schule, Militär) und ihre militaristischen Vertreter
3.2.3. Ansprache an Millionäre
3.2.4. Hände an die Hosennaht! - Die Untertanen
3.3. Zusammenfassung

4. Gebrauchslyrik ohne Gebrauchswert?
4.1. Wirkung und Wirkungslosigkeit - Kritikerstimmen
4.2. Der „Kästnerton“
4.3. Die Weltsicht Kästners in der Lyrik
4.4. Die Weltsicht Kästners in der Militarismuskritik

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?“ Es ist das Land Goethes und Lessings, Friedrich des Großen und Wilhelm II., jenes Land, in dem Geist und Untertanengeist in ewiger Rivalität zu stehen scheinen. Nach dem Ersten Weltkrieg hofften deutsche Intellektuelle, dass der Geist der Weimarer Republik den Untertanengeist des Wilhelminischen Reich ablösen könnte. Dazu musste die Intelligenz jedoch aus ihrem elitären Zirkel heraus, um massenwirksam zu werden.

Kaum ein politischer Dichter der Weimarer Republik vollzog diesen Paradigmenwechsel konsequenter als Erich Kästner. Er „wagte es, gleich und immer zu sagen, worauf es ihm ankam. Unzählige Leser waren ihm dafür dankbar; nur daß viele Kritiker es ihm nicht verzeihen wollten.“[1] Denn kaum ein politischer Dichter der Weimarer Republik wurde so vehement von allen politischen Lagern kritisiert. Wurde kritisiert, was Kästner populär machte? Was machte seine Lyrik populär, wie entwickelte sie sich? Unter welchen Wirkungsbedingungen schrieb Kästner Gedichte?

Da Kästners Werk von autobiographischen Eindrücken[2] geprägt ist, soll in den einleitenden Prolegomena zum Werk Kästners Determinanten seines Schreibstils untersucht werden: seine Sozialisation, die kulturellen Wirkungsbedingungen in der Weimarer Republik, die „Neue Sachlichkeit“. Im Unterkapitel 2.4. wird die von diesen drei Einflussfaktoren geprägte Gebrauchslyrik Kästners vorgestellt. Dabei wird kurz auf den Einfluss Lessings und Heines auf Kästners Schreibstil eingegangen.

In Kästners vier Gedichtbänden der Weimarer Republik Herz auf Taille (HT), Lärm im Spiegel (LS), Gesang zwischen den Stühlen (GS) und Ein Mann gibt Auskunft (MA) kristallisiert sich die Kritik am Kasernenhofdenken als ein Hauptthema heraus. In der Auseinandersetzung mit dem Militarismus sollen die Hauptkritikpunkte in Kästners antimilitaristischer Lyrik festgestellt werden. Wen oder was macht der Autor für den Militarismus verantwortlich? Welche Lösungsvorschläge bietet er dem Rezipienten? Mit welchen Strategien versucht er dem Militarismus entgegenzuwirken?

Versucht Kästner überhaupt entgegenzuwirken? Oder unterliegt seine Kritik der Massenwirksamkeit? Mit Hilfe zeitgenössischer und heutiger Kritiken wird im Kapitel 4 der „Gebrauchswert“ Kästnerscher Lyrik untersucht. Die in diesem Zusammenhang wichtige Frage nach der Weltsicht des Autors wird in den Unterkapiteln 4.2. und 4.3. versucht zu klären.

2. Prolegomena zum Werk Kästners

2.1. „Kurzgefaßter Lebenslauf“ bis 1933

Als Klassenprimus voller guter Eigenschaften, jedoch ohne erkennbares politisches Interesse, wuchs Kästner in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Dresden auf. Durch die positiven Erfahrungen mit den zur Untermiete wohnenden Lehrern reifte bei ihm der Entschluss auch Lehrer zu werden. Ab 1913 besuchte er deshalb das Freiherrlich von Fletscher’sche Lehrerseminar in Dresden. Seine Unzufriedenheit mit dem Wilhelminischen Drill in der Schule und Lehrerausbildung verarbeitet er in der Kleine[n] Führung durch die Jugend (HT, 41) .

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurden auch Seminaristen zum Kriegsdienst eingezogen. Bereits 1915[3] setzte sich Kästner literarisch mit dem Tod seiner Mitschüler auseinander. In der militärischen Ausbildung, an der Kästner ab 1917 teilnehmen musste, wird er von einem sadistischen Ausbilder namens Waurich so geschunden, dass er mit einem schweren Herzleiden ins Lazarett überwiesen wird. Kästner blieb vom Fronteinsatz verschont, der Krieg prägte trotzdem sein Leben. Er verlor Mitschüler und wuchs unter den Einflüssen des Ersten Weltkriegs zum Mann.

Der Drill im Lehrerseminar, der Tod seiner Mitschüler und seine Erfahrungen als Rekrut haben dem bisher unpolitischen Kästner einen lebenslangen Hass auf den Militarismus und alle seine Auswüchse eingeimpft.

Während seiner Studienjahre in Leipzig begann Kästner als Redakteur zu arbeiten. Der Schreibstil und die Thematik des „lyrischen Reporters seines Zeitalters“[4] wurden wesentlich durch die Zeitungsarbeit geprägt. Immer wieder finden sich in den Gedichten publizistische Stilelemente: „raffendes Erzähltempo, seine Erzähldistanz als Berichterstatter und seine […] manchmal kommentierenden und andere Male zusammenfassenden Gedichtschlüsse.“[5] Um das Zeitungsgedicht konkurrenzfähig zu machen, musste es Aufsehen erregen und verständlich sein. Die zuvor in Zeitungen publizierten Gedichte wurden 1928 in einem ersten Sammelband (Herz auf Taille) veröffentlicht. Im Abstand von jeweils einem Jahr erschienen Lärm im Spiegel und Ein Mann gibt Auskunft. 1932 erschien sein letzter Gedichtband der Weimarer Republik – Gesang zwischen den Stühlen. Neben den Gedichtbänden war Kästner ständig vertreten in Zeitungen und Anthologien und erlangte Weltruhm mit seinem 1928 veröffentlichten Kinderbuch Emil und die Detektive[6].

Trotz seiner Zusammenarbeit mit vielen linksintellektuellen Schriftstellern blieb Kästner konsequenter Individualist. Er schloss sich keiner Partei oder Schutzvereinigung an, da er befürchtete, seine Meinung unterordnen zu müssen.[7] Während sich andere Schriftsteller in Schutzverbänden einreihten, „sang“ Kästner bis zum 30. Januar 1933 „zwischen den Stühlen“.[8] Nach der Machtübernahme Hitlers wurden Kästners Schriften mit den Worten „gegen Dekadenz und moralischen Verfall“ dem Feuer übergeben.[9]

Die Jugenderlebnisse prägten Kästners Sichtweise auf die Weimarer Republik. Zwei Erfahrungsbereiche des jungen Kästners lassen sich feststellen:

1. Kästner sah trotz seines Erfolges die unerfüllten Träume der Menschen aus Sicht des Sohnes von Kleinbürgern.
2. Kästner erlebte die Macht und Willkür autoritärer Institutionen (Bildungseinrichtungen, Militär).

2.2. Weimarer Republik – Versuche, eine Gesellschaft zu ändern

Wie viele Autoren der Weimarer Republik verarbeitete der junge Publizist Kästner seine Jugenderlebnisse und machte sich so zum Sprecher einer Generation, die durch eine sehr ähnliche Sozialisation geprägt wurde. Das kurzzeitige Machtvakuum, entstanden durch das politisch-ökonomische Chaos, beflügelte die Intellektuellen der Weimarer Republik, endlich das geistige Deutschland an die Macht zu bringen. Intellektuelle und Staat, Geist und Macht sollten in der neuen Republik ihre Synthese finden. „In ihrer Rolle als ‚universelle Intellektuelle’ (Michel Foucault) boten sie [d.i. die Literaten] dem Volk Deutungsmuster an, mit deren Hilfe die sonst unverständliche Welt sinnhaft ausgelegt werden konnte.“[10]

Das kulturelle Leben in der Weimarer Republik wurde von den politischen und sozialen Spannungen geprägt. Die Vielfalt an politischen Meinungen und ihren Vertretern spiegelte sich in der Vielfalt publizistischer Organe wider. Etwa 3400 Tageszeitungen bildeten die wichtigste Informationsquelle für die Bevölkerung.

Allerdings führte die Lebensunsicherheit der Inflationszeit zu einem gesteigerten Bedürfnis nach Vergnügen und leichter Unterhaltung. „Überdruss am Geist geht von rechts nach links, keiner von uns, der es nicht erlitten und empfunden hätte“, schimpfte Klaus Mann 1927[11]. Die entsprechenden Massenmedien führten zu einer Amerikanisierung, aber auch Uniformierung des Geschmacks. Das hieß vor allem, dass die Kultur unter Verkaufszwang stand. Kunst ohne Käufer war unvorstellbar.

Alfred Döblin forderte angesichts dieser neuen Situation in seinem Essay Der Schriftsteller und der Staat (1922) einen neuen Typus des Schriftstellers, der „mit diesem zu ihm drängenden Volk zu fühlen lernt, an ihm lebendig wird und ihre Art aufweckt. Es wird bald die Zeit kommen, wo wir einfacher werden müssen, viel einfacher, verständlicher und darum lebensvoller als wir jetzt sind“.[12]

2.3. Neue Sachlichkeit

Döblins Forderung entsprach der dominierende Stil der Weimarer Republik, die Neue Sachlichkeit. Trotz aller literaturwissenschaftlichen Kontroversen[13] werden die Hinwendung zur Alltagswelt und der veristische Stil als Grundeigenschaften der Neuen Sachlichkeit akzeptiert. Durch den Abbau von Rhetorik und Bildlichkeit nahm die Literatur publizistische Züge an. Oft wurde Lyrik (so auch von Kästner) sogar aus Tagesanlässen für die Zeitung oder das Kabarett geschrieben.

„Stiltypologisch verstanden meint [Neue Sachlichkeit] die dem Journalismus verwandte Tendenz zur Berichterstattung und Informationsvermittlung, was in Gattungsbegriffe wie ‚Gebrauchslyrik’, ‚Tatsachenroman’ und ‚Zeitstück’ als Bedeutungskomponente mit eingeht.“[14]

Vor allem der Begriff der „Gebrauchslyrik“ impliziert, dass sie aktuell und handlungs-anleitend sein müsse. Die Dichter sollten sich von der „hohen Kunst“ abwenden und den direkten Kontakt mit dem Publikum suchen.

Die Merkmale des „Neuen“ in der Neuen Sachlichkeit sollen noch einmal explizit aufgezählt werden, da sie sich ausnahmslos in Kästners Lyrik finden lassen[15].

- neuer Denkstil (sachlich, objektiv, beinahe wissenschaftlich)
- desillusionierte, gefühlskalte Haltung
- neue Generation („lost generation“[16], Kriegsjugend)
- neue soziale Gruppen (Angestellte, Arbeitslose)
- neues überindividuelles Verständnis des Subjekts
- neue Umwelt (Großstadt, Technik, Massenmedien), die auch bejaht wird

Der Autor der Texte sollte sich als Sprecher der neuen Generation verstehen und sein Publikum ansprechen. Formal[17] und inhaltlich sollte die neue Haltung erkennbar sein.

2.4. Kästners „Gebrauchslyrik“

Kästner bekannte sich zur Verwendbarkeit von Lyrik, indem er das Brechtsche Schlagwort vom „Gebrauchswert“[18] aufgriff und in der Prosaischen Zwischenbemerkung (LS, 51ff.) einen Paradigmenwechsel anmahnte. Statt Originalitätssucht des Autors wäre die Verständlichkeit der Inhalte wichtig, statt Intuition die handwerklichen Fertigkeiten des Autors.

Im ergänzenden Aufsatz in der Weltbühne Diarrhoe des Gefühls[19] verhöhnte Kästner namhafte Schriftsteller, die mit ihren „göttlichen Konzessionen“ prahlten. Kästner zählte sich zu den Gebrauchspoeten, „die wie natürliche Menschen empfinden und die Empfindungen […] in Stellvertretung ausdrücken“[20], und zwar in Lyrik, die „seelisch verwendbar“[21] sei. Er wollte die Menschen mit seiner Lyrik erziehen. Kästners Mittel zur Aufklärung und Bewusstseinsbildung war die Satire. Denn sie gehörte „von ihrem Zweck her beurteilt, nicht zur Literatur, sondern in die Pädagogik“.[22] Im „Zerrspiegel“ der Satire wollte Kästner Dummheit, Bosheit, Trägheit und verwandte Eigenschaften zeigen, damit sich die Menschen ärgerten und dadurch gescheiter werden. Als Variante der Littérature engagée wollte die Gebrauchslyrik die zuerst die kritische Erkenntnis der eigenen Lage und als Resultat die Überwindung des passiven Ertragens der Misere. Ihm war durchaus bewusst, dass „der Satire als didaktischer Anstrengung nur der Charakter einer idealistisch auszuhaltenden Sisyphos-Arbeit zukommt.“[23] Denn Satire hatte es vor allem in Deutschland sehr schwer.[24]

„Mag es zunächst zweifelhaft erscheinen, ob überhaupt Satire […]

noch einmal Bedeutung gewinnen kann, so ist doch gewiß,

daß Literatur als Aufklärung eine primäre Funktion der Literatur

selbst ist, und von ihr her wird auch Satire sich immer wieder

rekonstruieren. Dies heißt zugleich, daß die Geschicke der

Satire unmittelbar an jeden der Aufklärung gebunden sind.“[25]

Geprägt durch das Studium der Literatur der Aufklärung und Klassik bei Köster und Witkowski in Leipzig waren Kästners Maximen des Denkens tatsächlich von denen der Aufklärung hergeleitet. Als er sich in seiner Dissertation „Friedrich der Große und die deutsche Literatur. Die Erwiderung auf seine Schrift ‚De la littérature allemand’“ mit der späten Aufklärung auseinandersetzte, pries er die Geistesbewegung der deutschen Schriftsteller, vor allem Lessings.

Das, was er schrieb, war manchmal Dichtung,

doch um zu dichten schrieb er nie.

Es gab kein Ziel. Er fand die Richtung.

Er war ein Mann und kein Genie.

[…]

Er war ein Mann, wie keiner wieder,

obwohl er keinen Säbel schwang.

Er schlug den Feind mit Worten nieder,

und keinen gab’s, den er nicht zwang.

Er stand allein und kämpfte ehrlich

Und schlug der Zeit die Fenster ein.

Nichts auf der Welt macht so gefährlich,

als tapfer und allein zu sein.

(Lessing (1929))[26]

Den von ihm geschätzten Grundsätzen Lessings (Wahrheitsliebe, Zivilcourage, Schreiben nicht zum Selbstzweck, sondern um eines moralischen Zieles willen) versuchte Kästner treu zu bleiben. Wie Lessing wollte auch er die Menschen wachrütteln.

„Aber er kam auch zu dem kritischen Ergebnis […], dass der ‚neue Geist,

der zwischen 1765 und 1775 eine Schar von Menschen zu Hingabe und

Werk zwang, … für die Gesamtheit des Volkes unwirksam’ blieb.“[27]

Aus dieser Kritik lässt sich das Engagement Kästners ableiten, dass sein eigenes literarisches Wirken nicht einer elitären Gruppe vorbehalten, sondern stets populär sein sollte[28]. Bereits in seiner Dissertation 1925 ließen sich drei Positionen zu seinem literarischem Wirken erkennen, die er 1949 noch einmal (wenn auch mit anderen Worten) in seiner Rede Kästner über Kästner zusammenfasste:

„Er ist Urenkel der deutschen Aufklärung, spinnefeind der unechten

‚Tiefe’ […] zugetan den drei unveräußerlichen Forderungen: nach

der Aufrichtigkeit des Empfindens, nach der Klarheit des Denkens

und nach der Einfachheit in Wort und Satz.“[29]

Ein weiteres Vorbild für Kästners Gebrauchsdichtung muss erwähnt werden: Heinrich Heine (1797 – 1856). Seine Lyrik aus der Zeit des Vormärz hat Schweickert[30] zufolge nicht nur Kästner, sondern vielen jungen Dichtern der Neuen Sachlichkeit geholfen, ihren eigenen Stil zu finden.

„Kästner hat von Heine gelernt, die knappste und treffendste Formulierung einzusetzen. […] Von Heine bezog er nicht zuletzt Anregungen, in welcher Dosierung Sarkasmus und Ironie, Hohn und Spott im Dienst der Satire am

besten zur Wirkung kommen.“[31]

Den geballten ironischen Eklat am Ende des Gedichtes, die „Überpointe“, verwendete er oft und „verstand es, nach eingehender Schulung an Heineschen Vorlagen, mit ihnen zu provozieren, zu konsternieren, zu foppen und zu verblüffen.“[32] Auch die Dechiffrierung der Relativität der Dinge, also Banales ironisch zu beschreiben und Tiefgründiges trivial, habe Kästner nachgeahmt. Den Thesen Schweickerts, Kästner habe als „literarisches Leichtgewicht“[33] bloß nachgeahmt, widerspricht Seidel mit der Behauptung Kästner würde eher Tradition stiften, als sie fortsetzen.[34]

2.5. Die vier Gedichtbände

Im Stil der Neuen Sachlichkeit versuchte Kästner verwendbare Lyrik zu schreiben, mit dem Ziel die Menschen zu bessern. Dieses Ziel setzte voraus, dass seine Gedichte möglichst massenwirksam werden. Zwangsläufig kam Kästner so den Forderungen nach leicht verständlicher Lyrik nach.

Die „Empfindung in Stellvertretung“ als Forderung der Neuen Sachlichkeit spiegelt sich in der häufigen Rollenlyrik[35] wider, in der Kästner biographische Details verarbeitet, „die zugleich gesellschaftlich repräsentativ sind.“[36] Statt des Autor-Ich „sprechen“ repräsentative Typen oder Gruppen : Jahrgang 1899, Meyer IX im Schnee, Chor der Fräuleins et cetera. Damit war eine Identifizierung möglich. Die Scheinneutralität führt allerdings auch zu kontroversen Interpretationen: Wo steht der Autor? Was ist seine Ansicht? Darüber muss sich der Rezipient ein eigenes Urteil bilden.

Die Gedichtbände zeichnen sich durch weitgehende stilistische und thematische Einheit aus. Wichtigste Motive sind die Hilflosigkeit des Individuums, die Enttäuschung der „lost generation“, Arbeitslosigkeit und amoralisches Verhalten. Kästner schreibt über seine Leser: verlassene Mädchen, kleine Angestellte, Benachteiligte, Beleidigte. Die satirisch verfremdeten Fallbeispiele bedienen vor allem die zwei Lebensbereiche, die Kästner in seiner Sozialisation prägten:

Zum einen beschreibt Kästner die wenig intakte, amoralische Privatsphäre, auf die im Rahmen dieser Arbeit nicht näher eingegangen werden soll. Zum anderen warnt er vor den Destabilisierungstendenzen des monopolistisch ausgerichteten kapitalistischen Wirtschaftssystems, d.h. dem Verfall der Werte durch die Herabsetzung des Individuums zur funktionierenden Maschine. Dazu gehört Kritik am Abhängigkeitsverhältnis im wirtschaftlichen Machtgefüge und auch die Kritik am Krieg, der Militarisierung und dem aufkommenden Faschismus.

[...]


[1] Reich-Ranicki: Der Dichter der kleinen Freiheit. 1974.

[2] „Viele seiner Gedichte, Romane, Dramen, Träume und Visionen liefern Details aus seinem privaten Leben.“ (Kesten: Erich Kästner. 1999. S. 198.)

[3] Bisher wurden die frühesten Publikationen auf 1919 datiert. 1999 wurden drei frühe Gedichte in der Bibliothek des Dresdner Stadtarchivs entdeckt, die Kästner als Schüler in dem „Fletscheranerboten“ publizierte. Kästner widmete u.a. gefallenen Freunden das Gedicht Helden (1915), drei Jahre später erschien Jungsein heißt Sterben-Müssen. (Vgl. Sterbende Helden. FAZ 1999).

[4] Becker: Wider die „Grossisten der Intuition“. 1998. S. 210.

[5] Brendel: Gebrauchslyrik. 1975. S. 123.

[6] Vergleicht man Kästner mit den oft drittklassigen Kinderbuchautoren seiner Zeit, so ist sein Wirken geradezu revolutionär anzusehen. Das Ideal des gehorsamen Kindes des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurde abgelöst von selbstständigen, zupackenden Helden, die in (zuvor verpönter) Alltagssprache ihr Leben in die Hand nahmen.

[7] Vgl. dazu auch Kleine Rechenaufgabe (GS, 93): „Allein ging jedem alles schief. / Da packte sie die Wut. / Sie bildeten ein Kollektiv / und glaubten, nun sei’s gut. // […] // Addiert die Null zehntausendmal! […] // Zum Schluss kommt Null heraus.“

[8] Sein Ausspruch über Tucholsky galt auch für ihn: „Er war bereit, dem arbeitenden Volk […] alles hinzugeben, nur eines niemals: die eigene Meinung.“ (Kästner: Begegnung mit Tucho. In: Erich Kästner lesen. 1999. S. 157).

[9] Kästner musste übrigens im Oktober 1965 ein zweites Mal miterleben, wie seine Schriften verbrannt wurden. Diesmal von der Düsseldorfer Jugendgruppe entschiedener Christen.

[10] Kaes: Weimarer Republik. 1998. S. 26819.

[11] Zitiert nach: ebd. S. 26830.

[12] Ebd. S. 26835.

[13] Vgl. Werke von H. Bayerdörfer, A. Kaes, K. Petersen, U. Stadler-Altmann.

[14] Petersen: Neue Sachlichkeit. 2000. S. 699.

[15] Erstaunlicherweise wurde Kästner zum Teil dem Expressionismus zugeordnet (Clemens Heselhaus nahm Kästner 1956 in seine Anthologie expressionistischer Dichter auf: Die Lyrik des Expressionismus, Deutsche Texte 5.) oder in der Neuen Sachlichkeit ignoriert. Da das expressionistisch Pathetische und Prophetische für Kästner jedoch vollkommen uncharakteristisch und seine Sprache, wie bereits dargestellt, sehr sachlich ist, kann er nicht dem Expressionismus zugeordnet werden. Mittlerweile wird er von literaturwissenschaftlichen Referenzen (z.B. Wilpert) als Vertreter der Neuen Sachlichkeit verstanden.

[16] Der Begriff „lost generation“ wurde von Hemingway popularisiert. Gertrude Stein wurde mit ihm Zeuge einer Auseinandersetzung, in der ein junger Mann zurechtgewiesen wurde: „Ihr seid alle eine génération perdue.“ Als „verloren“ wurde die „Generation“ bezeichnet, die noch vor Ende der Schulzeit zum Kriegsdienst verpflichtet wurde und das Leben im Krieg kennen lernten. Der Unschuld beraubt, kamen sie ins Nachkriegsdeutschland, dessen überfüllter Arbeitsmarkt der Weltwirtschaftskrise keine Verwendung für sie hatte. Viele hielten ihr Leben für nutzlos und begingen Selbstmord. Dieser Nährboden aus Angst und Hoffnungslosigkeit ließ die Keime der massiven nationalsozialistischen Propaganda sprießen.

[17] Zwar lassen sich alle anderen stiltypologischen Merkmale in Kästners Lyrik finden. Vorausgreifend soll hier schon festgestellt werden, dass Kästner in der Form auf traditionelle Lyrik zurückgreift.

[18] Als Preisrichter bei einem Lyrikwettbewerb der Literarischen Welt wies Brecht in seinem Kurzen Bericht über 400 (vierhundert) junge Lyriker alle Einsendungen als sentimental, unecht und weltfremd, als Nachahmung reiner Lyrik eines Rilke oder Stefan George zurück. Stattdessen zeichnete er das nicht eingesandte Gedicht He! He! The Iron Man! von Hannes Küpper über den Sechs-Tage-Champion Reggie MacNamara aus, das in einer Radsportzeitung erschienen war. Dieses würde ein dokumentarischer Wert auszeichnen, denn „gerade Lyrik muß zweifellos etwas sein, was man ohne weiteres auf den Gebrauchswert untersuchen können muß.“ (Zitiert nach: Kaes: Vom Expressionismus zum Exil. 1998. S. 286f.).

[19] Ein Wiener Professor wollte wissen, wie Dichtung entstehe, und lud sich namhafte Schriftsteller ein.

„Und nun legen […] diese männlichen, vom Größenwahn befallenen Backfische, gründlich los. Sie reden dem Vollbart ein, daß sie ein intimes Verhältnis mit dem Heiligen Geist hätten und bei der Ausgießung jedes Mal die doppelte Portion kriegten. Ernst von Wolzogen renommiert mit dem ‚seligen Schauer des Entrücktseins’. Wildgans schreibt ‚wie nach einem mystischen Diktat’. Ginzkey gerät aus beruflichen Gründen in Trance […] Und so sitzen denn der Herr Professor zum Schluß da und reden mit Zittern in der Stimme vom Unbewußten, anstatt den angesammelten Quatsch ins Feuer zu werfen, da wo der Ofen am tiefsten ist.“ (Zitiert nach: Bemmann: Humor auf Taille. 1983. S. 144f.).

[20] Kästner: Prosaische Zwischenbemerkung. 1999. S. 53.

[21] Ebd. S. 52.

[22] Kästner: Eine kleine Sonntagspredigt. 1999. S. 164.

[23] Fischer: Erich Kästner. 2002. S. 2.

[24] „Die hiesige Empfindlichkeit grenzt ans Pathologische. […] Das Wort ‚Ehre’ wird zu oft gebraucht, der Verstand zu wenig und die Selbstironie – nie.“ (Kästner: Eine kleine Sonntagspredigt. 1999. S. 164.)

[25] Hieb und Stich: Deutsche Satire in 300 Jahren. Hrsg. von Heinrich Vormweg. Köln/Berlin 1968. S. 480f. (Zitiert nach: Benson: Erich Kästner. 1976. S. 12).

[26] Vogel/Gans: Erich Kästner lesen. 1999. S. 26.

[27] Doderer: Erich Kästner: 2002. S. 110.

[28] Vgl dazu ein Gespräch mit Hermann Kesten: „Wir waren uns bald einig, daß wir Moralisten und Satiriker waren. Ich behauptete, man müsse auf die Besten seines Jahrhunderts wirken. Kästner sagte, er wolle dem Volke gefallen, und je mehr Lesern, desto besser.“ (Zitiert nach: Kordon: Die Zeit ist kaputt. 1995. S. 69).

[29] Kästner: Kästner über Kästner. 1999. S. 17.

[30] Vgl. Schweickert: Notizen zu den Einflüssen Heinrich Heines auf die Lyrik von Kerr, Klabund, Tucholsky und Erich Kästner. 1969.

[31] Bemmann: Humor auf Taille. 1983. S. 257.

[32] Schweickert: Notizen zu den Einflüssen Heinrich Heines auf die Lyrik von Kerr, Klabund, Tucholsky und Erich Kästner. 1969. S. 103.

[33] Schweickert: Notizen zu den Einflüssen Heinrich Heines auf die Lyrik von Kerr, Klabund, Tucholsky und Erich Kästner. 1969. S. 104.

[34] Seidel: Links vom Möglichen. 1986. S. 768.

[35] Die Rollenlyrik wurde von Kästner auch deshalb bevorzugt, weil er viele Stücke für das Kabarett schrieb.

[36] Walter: Zeitkritik und Idyllensehnsucht. 1977. S. 222.

Details

Seiten
40
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638159012
ISBN (Buch)
9783638640848
Dateigröße
714 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9108
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Germanistik
Note
sehr gut
Schlagworte
Kennst Land Kanonen Militarismuskritik Lyrik Erich Kästners Satire Weimarer Republik

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Titel: Kennst du das Land wo die Kanonen blühn - Militarismuskritik in der Lyrik Erich Kästners