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Durchführung und Analyse problemzentrierter Interviews

Seminararbeit 2004 47 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Theoretische Aspekte qualitativer Sozialforschung
1.1 Das qualitative Interview als Methode der Datenerhebung
1.2 Das problemzentrierte Interview

2 Die Durchführung der Datenerhebung
2.1 Die Auswahl der zu Befragenden
2.2 Die Datenerhebung
2.3 Die Interviewsituation

3 Reflexion des Projekts
3.1 Die Problemformulierung des Projekts
3.2 Die Erstellung des Interviewleidfadens
3.3 Gewinnung der Interviewpartnerin
3.4 Die Durchführung des Interviews
3.5 Die Auswertung des Interviews
3.6 Fazit

4 Literaturverzeichnis

5 Anhang
5.1 Der Kurzfragebogen
5.2 Der Interviewleidfaden

1 Theoretische Aspekte qualitativer Sozialforschung

Die Methoden, die wir in der vorliegenden Arbeit betrachten, beruhen auf einem qualitativen Forschungsparadigma. Daher erscheint es uns als angebracht, kurz einige Aspekte qualitativer Sozialforschung darzustellen. Da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde erheben wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Hier sollen lediglich die Aspekte herausgearbeitet werden, die im Rahmen dieser Arbeit relevant sind.

Qualitative Sozialforschung unterscheidet sich von quantitativen naturwissenschaftlichen Forschungsparadigma. Der Qualitative Forschungsansatz nimmt Abstand davon, den Menschen und seine Umwelt mit standardisierten, an die Naturwissenschaft und ihre Gütekriterien angelehnten Methoden erforschen zu wollen. Stattdessen wird versucht, das Subjekt und seine subjektiv konstruierte Welt in aller Komplexität zu erfassen.[1]

Aus diesem Anspruch ergeben sich theoretische und methodologische Konsequenzen, von denen hier einige relevant erscheinende vorgestellt werden.

Eine für qualitative Forschung ganz entscheidende Konsequenz aus dem Prinzip der Offenheit zeigt sich auf dem Gebiet der Theoriebildung. Wollen die Forschenden dem Untersuchungsgegenstand gegenüber offen sein, widerspricht dem eine theoretische Vorstrukturierung desselben ebenso wie der Vorformulierung von Hypothesen.

Anstatt diese vorab festzulegen und ihnen den Untersuchungsvorgang zu unterwerfen, entstehen Hypothesen und theoretische Einschätzungen beim qualitativen Ansatz im Laufe des Forschungsprozesses. Eine Untersuchung dient also nicht wie bei quantitativer Sozialforschung der Überprüfung von Hypothesen, die zuvor aufgrund theoretisch abgehobenen, alltagsfremden Vorwissens gebildet wurden, sondern der prozessualen Hypothesengenerierung auf Basis dessen, was die Daten im Verlauf der Untersuchung zutage gebracht haben.[2]

„Eine Hypothese ist bei induktiver Vorgehensweise das Resultat und bei deduktiver Vorgehensweise der Ausgangspunkt einer empirischen Untersuchung.“[3]

Ein qualitativer Forschungsprozess ist von Flexibilität geprägt. Sowohl die beforschten Phänomene als auch deren Realität sind von großer Komplexität. Um jene erfassen, begreifen und verstehen zu können, ist Flexibilität nötig. Diese bezieht sich auf die verwendeten Methoden, die dem Forschungsgegenstand angemessen sein und auf ihn abgestimmt werden müssen.[4] Es darf sich also nicht um eine von diesem abgehobene, starre, immer dem gleichen Anwendungsprinzip folgende Methodik handeln. Flexibilität ist ebenso von den Forschenden selbst gefordert: Theoretischer Hintergrund und vage Konzepte bezüglich des Untersuchungsgegenstands sollen während des Forschungsprozesses flexibel gehandhabt werden, um das Phänomen aus der Perspektive des Subjekt zu verstehen. Auf diese Weise gewonnene Einsichten sollen dann in das Vorverständnis der Forschenden integriert werden, das dadurch eine Modifikation erfährt.[5]

Beim qualitativen Forschungsparadigma betrachten die ForscherInnen den Gegenstand nicht aus einer neutralen Perspektive von außen, sondern die Subjektivität der Untersucher ist ein Bestandteil des Forschungsprozesses. Um Sachlichkeit und Wissenschaftlichkeit zu gewährleisten müssen die Forschenden ständig sich, ihr Handeln und ihre Erkenntnisse kritisch reflektieren.[6]

Dass Tatsachen erst über ihre Bedeutung und deren Interpretation relevant werden hat Alfred Schütz folgendermaßen geschildert:

„ Genau genommen gibt es nirgends so etwas wie reine und einfache Tatsachen. Alle Tatsachen sind immer schon aus einem universellen Zusammenhang durch unsere Bewusstseinsabläufe ausgewählte Tatsachen. Somit sind sie immer interpretierte Tatsachen: entweder sind sie in künstlicher Abstraktion aus ihrem Zusammenhang gelöst oder aber sie werden nur in ihrem partikulären Zusammenhang gesehen. Daher tragen in beiden Fällen die Tatsachen ihren interpretativen inneren und äußeren Horizont mit sich“[7]

Aus diesem Grunde stehen die ForscherInnen vor dem Problem, dass die Welt die sie untersuchen, immer nur in der Version auftritt, die von den Subjekten „dieser Lebenswelt“ konstruiert werden. Hinzu kommt die Konstruktion und Interpretation der ForscherInnen zum Thema mit dazu. Demnach spielt das Alltagswissen der ForscherInnen eine wichtige Rolle und bedarf ihrer kritischen Reflexion.

1.1 Das qualitative Interview als Methode der Datenerhebung

Die Bezeichnung „qualitatives Interview“ stellt den Oberbegriff für verschiedene, in der Sozialforschung angewandte Befragungsmethoden dar, die sich z. B im Grad ihrer Strukturierung unterscheiden. Allen qualitativen Interviewformen ist die Offenheit und weitgehende Nicht-Standardisierung der Befragungssituation gemeinsam. Das Interview ist weder in seinen Fragen noch seinem Ablauf festgelegt, obwohl es sich um ein bestimmtes zu erforschendes Thema handelt. Entscheidend bei qualitativen Interviews ist, dass so die Relevanzsysteme der Betroffenen analysiert werden können.[8] Der subjektnahe Einblick in das Erleben der Wirklichkeit des Befragten ermöglicht neuartige oder überraschende Erkenntnisse. Im Gegensatz zu standardisierten Fragebögen zum Beispiel wird eine Prädetermination durch die ForscherInnen vermieden.[9] Beim qualitativen Interview werden im Gegensatz zu standardisierten Interviews keine vorab formulierten Konzepte oder Kategorien an die befragte Person gerichtet. Die Befragte Person kann diese selbst definieren.

„Die Erhebungssituation, in der das Gespräch zwischen Interviewpartner und Forscher/Interviewer stattfindet, sollte möglichst vertraulich und entspannt sein.“[10]

Auf diese Weise wird das Prinzip der Natürlichkeit gewahrt und die Vertrauensbasis der Interviewpartner geschaffen. Um authentische Informationen erhalten zu können, sollte das Interview möglichst im alltäglichen Milieu erfolgen.

Aufgrund von Informationenvielzahl sollte das Interview mindestens aufs Tonband aufgezeichnet werden. Ein als Protokoll bearbeiteter Fragebogen ist nicht ausreichend. Da die Tonaufzeichnungen nur die gesprochenen Worte und Laute wiedergeben, nicht aber die Mimik oder Gestik und Motorik des Befragten, sollte zusätzlich eine Videoaufzeichnung überlegt werden. Die Transkription von Videoaufzeichnungen gestaltet sich allerdings schwierig.

Das qualitative Interview ähnelt einem alltäglichen Gespräch. Somit kann die Dauer dieses Gesprächs einige Zeit betragen. Dazu Lamnek:

„Je nach Gegenstand, Population, Gesprächsbereitschaft, Artikulationskompetenz des Befragten etc. kann ein Interview zu demselben Thema zwischen einer halben und vier und mehr Stunden dauern; auch ganztägige und über mehrere Tage gehende Interviews hat es schon gegeben...“[11]

Das qualitative Interview erfordert vom „Befragten in der Regel ein höheres Maß an interkultureller und kommunikativer Kompetenz, denn die Antworten auf Fragen des Interviewers müssen verbalisiert und in versteh- und nachvollziehbarer Form artikuliert werden.“[12] Auch vom Interviewer wird hier höhere Kompetenz verlangt. „Da er sich nicht auf einen Fragebogen stützt, bestenfalls seinen Leitfaden hat, muß der Befrager mit dem Gegenstand der Befragung weitestgehend vertraut sein, er muß mitreden können.“[13] Der Interviewer muss in der Lage sein, das Untersuchungsgegenstand in Fragen und Erzählanreize für den Befragten umzusetzen. „Er muß durch seine Persönlichkeit und sein Verhalten eine permissive, offene Atmosphäre schaffen und den zu Befragenden (wenn möglich ohne direkte Aufforderung) zum Reden bringen; er muß sich zurückhaltend-interessiert und anteilnehmend geben, ohne dadurch zu beeinflussen.“[14]

Während der Interviewsituation bleibt der Interviewer in der Regel relativ passiv und greift erst dann ein, wenn der Interviewte nichts mehr sagt. Die dadurch im Gespräch entstandene Asymmetrie gleicht einer alttäglichen Gesprächssituation. Dazu Lamnek:

„Jemand erzählt und andere hören interessiert zu. Das zu erkennen gegebene Interesse ist für den Erzählenden eine positive Sanktion, die er willkommen als Stimulanz für deren Fortsetzung betrachtet.“[15]

Zu den qualitativen Interviews zählen das narrative, problemzentrierte, fokussierte, rezeptive sowie das Tiefeninterview. In der Literatur werden auch Begriffe, wie Intensiv-, unstrukturiertes, qualitatives, detailliertes, zentriertes, offenes, situationsflexibles Interview verwendet. Diese Begriffe haben manchmal gleiche Namen, ihre Autoren verknüpfen mit ihnen aber unterschiedliche Vorstellungsinhalte.

Hinsichtlich der verschiedenen Formen qualitativer Interviews ist darauf zu achten, dass die Auswahl der Befragungsmethode überprüft wird. „Nicht jedes Verfahren ist für jede Fragestellung geeignet: Biographische Verläufe lassen sich eher in Erzählungen als im Frage-Antwort-Schema von Leitfaden-Interviews darstellen…..“[16]

Aus der Fragestellung des zu untersuchenden Gegenstandes heraus kann man zunächst überprüfen, ob eine konkrete Methode in Frage kommt und/oder geeignet ist.

„Gegenstand, Fragestellung, untersuchte Subjekte und angestrebte Aussagen sind bei qualitativer Forschung Referenzpunkte zur Beurteilung der Angemessenheit konkreter Methoden.“[17]

1.2 Das problemzentrierte Interview

„Das Problemzentrierte Interview ist ein Teil einer problemzentrierten Forschungstechnik. „Bei diesem Verfahren handelt es sich um eine Methodenkombination bzw. –integration von qualitativem Interview, Fallanalyse, biographischer Methode, Gruppendiskussion und Inhaltsanalyse (Witzel 1985, S. 230). Mit dieser Methodenvielfalt wird ein Problembereich gesellschaftlicher Realität von verschiedenen Seiten, d.h. mit Hilfe verschiedener Methoden, betrachtet und analysiert.“[18]

Daher wurde das problemzentrierte Interview in den Zusammenhang einer Methodenkombination gestellt, innerhalb derer das Interview das wichtigste Instrument bildet. So kann es zum Beispiel sinnvoll sein ein Problembereich mit verschiedenen Methoden zu analysieren.[19]

In dieser Arbeit kommt das problemzentrierte Interview als Einzelmethode zur Anwendung.

Anders als im narrativen Interview, in dem die ForscherInnen ihr wissenschaftliches Konzept nachträglich auf den Äußerungen der Befragten aufbauen, treten sie im problemzentrierten mit theoretisch- wissenschaftlicher Verständnis in die Erhebungsphase ein. Durch „Literaturstudium, eigene Erkundungen im Untersuchgsfeld“, Fach- und Expertenwissen bereiten sich die ForscherInnen – wie das auch für das quantitative Forschungsparadigma üblich ist – auf ihre Studie vor.

Lamnek betont:

„Methodologisch gesehen wird also die streng induktive Vorgehensweise ohne Prädetermination durch den Forscher im narrativen Interview beim problemzentrierten Interview durch eine Kombination aus Induktion und Deduktion mit der Chance auf Modifikation der theoretischen Konzepte des Forschers abgelöst.“[20]

Dieses Vorverständnis dient in der Erhebungsphase als Rahmen für Frageideen im Dialog zwischen InterviewerIn und Befragten. Gleichzeitig wird das Offenheitsprinzip nicht reduziert, indem die subjektive Sichtweise der Befragten an erster Stelle steht. Das heißt der Erkenntnisgewinn ist sowohl im Erhebungs- als auch im Auswertungsprozess ein induktiv-deduktives Wechselverhältnis.[21]

Auch dem problemzentrierten Interview liegt das Erzählungsprinzip zu Grunde. Den Befragten wird die Bedeutungsstrukturierung der sozialen Wirklichkeit überlassen. Der für die ForscherInnen interessante Problembereich wird durch offene Fragen eingegrenzt und stimuliert ohne, dass sie den Befragten ihr theoretisches Verständnis bekannt geben. Somit wird der Anspruch der Unvoreingenommenheit der ForscherInnen begründet.

Das problemzentrierte Interview ist von drei zentralen Merkmalen gekennzeichnet:

Die Problemzentrierung erfordert die Behandlung einer „relevanten gesellschaftlichen Problemstellung“[22] im Interview, bei der die subjektiven Sichtweisen, Bedeutungszuweisungen und Auffassungen des Interviewpartners erfasst werden sollen.

Wie der Name schon sagt, soll im Interview das betreffende Problem aus Sicht und Erleben der befragten Person erfasst werden. Hier kommt der zweite Aspekt der Problemzentrierung zur Geltung, welcher auf Strategien abzielt, „die in der Lage sind, die Explikationsmöglichkeiten der Befragten so zu optimieren“[23], dass sie ihre Problemsicht unbeeinflusst von den Konzepten der Forschenden darstellen können. Durch die so gewonnenen Einsichten soll und kann das theoretische Hintergrundwissen der Forschenden modifiziert werden.

Gegenstandsorientierung ermöglicht ein gewisses Maß an Flexibilität im Umgang mit der Methode, die dem Forschungsgegenstand entsprechend angepasst werden kann und soll. Anhand der Abstimmung der Methode auf den Gegenstand können sinnvollere Ergebnisse erzielt werden.

Die Prozessorientierung des Interviews bezieht sich auf den gesamten Forschungsablauf sowie auf das allgemeine Verständnis des Untersuchungsgegenstands. Darüber hinaus soll sie auch während des Interviews durch eine wechselseitige Beeinflussung verständnis- und erzählungsgenerierender Kommunikationsformen gewährleistet sein.[24]

Die Interviewsituation des problemzentriertes Interviews kann in vier Phasen eingeteilt werden:

1. Zu Beginn des Gesprächs wird die erzählende Gesprächsstruktur und der Problembereich der sozialen Wirklichkeit des Interviewthemas festgelegt.
2. In der „allgemeinen Sondierungsphase“ wird die befragte Person durch die interviewende, mit Hilfe vom Erzählbeispiel – unter der Berücksichtigung von Alltagselementen der Befragten in die Erzählsituation – stimuliert. Die Erzählbeispiele haben dabei auch die Aufgabe, die Vorbehalte der Befragten gegenüber bestimmter Themeninhalte abzubauen.
3. Die Phase der „spezifischen Sondierung“ dient als aktive Verständnisgenerierung der Forschenden. Hier können die erzählten Informationen nachvollzogen und auf ihre Verständnis überprüft werden. Dazu kann sich die forschende Person der Zurückspiegelung, Verständnisfragen oder Konfrontation mit widersprüchlichen Aussagen der Interviewten bedienen.
4. Die letzte Phase wird für direkte Fragen, die von Befragten zum Thema von sich aus noch nicht genannt wurden, genutzt.[25]

Bei der Datenerhebung auf Grundlage des problemzentrierten Interviews können verschiedene Instrumentarien zur Hilfe genommen werden.[26] Hier ist zuerst der Kurzfragebogen zu nennen, der demographische und biographische Daten des Interviewpartners erfassen soll. Diese Informationen müssen dann nicht mehr während des Interviews erfragt werden und man/frau kann sich auf das wesentliche konzentrieren. Das gesamte Interview wird mittels eines Tonbandgerätes vollständig aufgezeichnet. Das hat den Vorteil, dass der gesamte Gesprächskontext einsehbar wird, was sich sowohl auf die Rolle der ForscherInnen als auch auf nonverbale Gesprächsinhalte wie etwa Stimmmodus der interviewten Person bezieht. Solche Informationen können damit bei der Interviewauswertung berücksichtigt werden. Voraussetzung ist dabei natürlich die vollständige Transkription des Gespräches. Über diese Tonbandaufnahme ermittelten Kontextinformationen hinaus gibt es noch andere Elemente, die beim Umgang mit den Daten wertvolle Informationen liefern können. Darunter fallen Inhalte wie z. B. bestimmte Rahmenbedingungen, Situationseinschätzungen oder Ahnungen und Gefühle der ForscherInnen, sowie Stimmung und Dynamik des Interviews. Diese Elemente werden im Anschluss an das Interview in einem Postscript festgehalten, die dann im Auswertungsvorgang ihre Beachtung findet.

Ein wichtiges Instrument des problemzentrierten Interviews ist der Leitfaden. Darin finden sich das bislang vorhandene wissenschaftliche und theoretische Vorwissen der ForscherInnen ebenso wie ihre Annahmen und Konzepte, aufgegliedert in zusammengehörige Themenbereiche.

Der Leitfaden dient jedoch nicht, wie bei standardisierten Interviews, der zwangsweisen und chronologischen Abdeckung aller aufgeführten Themen, sondern liefert den ForscherInnen organisierten Überblick darüber, welche Bereiche angesprochen wurden, was noch angesprochen werden könnte, was ausgespart wurde oder welche Themen zusammengehören.

Ausschlaggebend für die Steuerung des Interviews ist jedoch nicht der Leitfaden, sondern aktuelle Äußerungen des Gesprächspartners. Die Konzepte der ForscherInnen sollen der GesprächspartnerInnen während des Interviews nicht offen gelegt werden. Dies ist aus folgendem Grund sehr wichtig:

“Im problemzentrieten Interview hingegen steht die Konzeptgenerierung durch den Befragten zwar immer noch im Vordergrund, doch wird ein bereits bestehendes wissenschaftliches Konzept durch die Äußerungen des Erzählenden evtl. modifiziert.“[27]

Das bestehend wissenschaftliche Konzept kann durch die Erzählungen der Befragten „modifiziert, revidiert und erneut an der Wirklichkeit gemessen“[28] werden .

Das problemzentrierte Interview wird in drei Stufen ausgewertet:

1. In der Phase „methodologische Kommentierung“ werden Angaben über die Textart (handelt es sich um Argumentations-, Beschreibungs- oder Erzähltext) und Erläuterungen einzelner Wortwahl im Text gemacht.
2. In der Phase „kontrollierende Interpretation“ versuchen einzelne Mitglieder der Forschungsgruppe oder auch Außenstehende die Texte zu interpretieren.
3. In der Phase „vergleichende Systematisierung“ wird versucht in den gesammelten Interpretationen „typische Varianten herauszufiltern, mit dem Ziel, ,kollektive Handlungsmuster‘“ (Witzel,1995,S.243) zu entdecken.“ [29]

2 Die Durchführung der Datenerhebung

2.1 Die Auswahl der zu Befragenden

Die qualitative Sozialforschung generalisiert ihre Aussagen nicht im Sinne der quantitativen Methodologie. Hier geht es eher um Typisierungen und/oder Typologien. Somit spielt die Repräsentativität bei diesem Paradigma eine untergeordnete Rolle. „Andererseits sind Generalisierungen im Sinne von Existenzaussagen („Es gibt...“) durchaus möglich.“[30]

Das Ziel der qualitativen Forschung ist „nicht die Häufigkeit bestimmter Handlungsmuster, sondern ein möglichst zutreffendes Set der relevanten Handlungsmuster in einer sozialen Situation“ festzustellen.[31] Dadurch ergeben sich gewisse Hindernisse bei der Auswahl der zu Befragenden. Dazu Lamnek:

„Die Auswahl der zu Befragenden nach dem Prinzip des theoretical sampling kann sich auf das angestrebte Ziel einer Studie, nämlich einer realitätsgerechten Rekonstruktion von Typen von Bedeutungsstrukturierungen zu einem speziellen Themenbereich insofern negativ auswirken, als einzelne typische Deutungsmuster evtl. keine Berücksichtigung finden.“[32]

Ohne theoretischem Vorverständnis ist die Auswahl von typischen Befragungspersonen für das qualitative Interview nur selten realisierbar. Da die ForscherInnen nun diese typischen Personen aussuchen, werden sie möglicherweise nur die auswählen, die ihrem theoretischen Verständnis entsprechen. „Davon abweichende Fälle würden sich erst im Verlaufe des Forschungsprozesses (in der Erhebungsphase) und zwar eher zufällig ergeben, wenn ein erster – wenn auch eingeschränkter – Zugang zum sozialen Feld erfolgt ist.“[33]

Bei der Auswahlentscheidung spielen fast immer informelle Kontakte zu den untersuchenden Personengruppen eine wichtige Rolle. Deshalb können ForscherInnen nicht sicher sein, ob diese informellen Kontakte so weitreichend und umfassend sind, dass sie alle relevanten und typischen Handlungs- und Deutungsmuster erfasst haben .“[34]

Die Befragungssituation selbst soll von einer vertrauensvollen Atmosphäre gekennzeichnet sein. Diese zu schaffen gehört zur wichtigsten Aufgabe der InterviewerInnen. Da die Befragten Aufzeichnungen zulassen müssen, identifizierbar sind und ihre Persönlichkeit offen legen, müssen sie sich sicher sein, dass ihre Angaben vertraulich und anonym behandelt werden.

[...]


[1] vgl. Kleining 1995 S. 13 und Schmidt-Grunert 2004 S.21

[2] vgl. Flick 2002 S. 69-71 und S. 194-196

[3] Bortz/Doring S. 30

[4] vgl. Flick S. 67-68

[5] vgl. Lamnek Bd.2 S. 75 und Kleining 1995 S. 233-236

[6] vgl. Flick S.19-20

[7] Schütz 1971, S. 5

[8] vgl. Lamnek Bd.2 S.69

[9] ebd.

[10] Ebd. S. 65

[11] Lamnek, S. 66

[12] ebd.

[13] Ebd. S. 67

[14] ebd.

[15] Ebd.

[16] Flick S. 192

[17] Flick. S. 194

[18] Lamnek, S. 74

[19] vgl. Lamnek Bd.2 S. 74

[20] ebd. S. 74, 75

[21] vgl. Lamnek Bd.2 S. 75

[22] Witzel 1985 S. 230

[23] Witzel 1982 S. 69

[24] vgl. Lamnek Bd.2 S. 76

[25] vgl. Lamnek

[26] vgl. Lamnek Bd.2 S.77

[27] Lamnek Bd.2 S. 74

[28] ebd.

[29] Ebd. S. 78

[30] Lamnek, S. 92

[31] ebd.

[32] Ebd., S. 92

[33] ebd., S. 92

[34] vgl. ebd. S. 93

Details

Seiten
47
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638050111
ISBN (Buch)
9783638947190
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v90699
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Erziehungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Durchführung Analyse Interviews Forschungsmethoden

Autoren

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