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Charlie Chaplins "Shoulder Arms" (1918) und "The Great Dictator" (1940)

Ein politischer Tramp im Kampf gegen Deutschland?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 27 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Biographische Angaben zu Charlie Chaplin

3. „Shoulder Arms“
3.1 Chaplin und die War Bonds
3.1.1 Kritik an Chaplins „Patriotismus“
3.1.2 Unterstützung des Krieges an der „Home Front“
3.2 Entstehung des Films
3.3. Rezeption/Kritik

4. Chaplin in der Zwischenkriegszeit
4.1 Chaplins Besuch in Deutschland, 1931
4.2 Beurteilung Chaplins in Amerika, Europa und Deutschland

5. „Der Große Diktator“
5.1 Entstehung des Films
5.1.1 Chaplin und Hitler
5.1.2 Entscheidung für den Film
5.1.3 Kritik und Produktion
5.2 Realität, Fiktion und Vision in „Der große Diktator“
5.3 Rezeption/Kritik
5.4 Chaplins weiterer Kampf gegen den Nationalsozialismus

6. Synthese

Bibliographie

1. Einleitung

WAR was in the air again. The Nazis were on the march. How soon we forgot the First World War and its torturous four years of dying. How soon we forgot the appalling human debris: the basket cases - the armless, the legless, the sightless, the jawless, the twisted, spastic cripples. 1

[Charles Chaplin]

Charlie Chaplin war einer der größten (pantomimischen) Schauspieler und Komiker, die die Welt je gesehen hatte. Bekannt wurde er durch seine grotesken Komödien, in denen er den „Tramp“ verkörperte: eine Figur irgendwo zwischen Landstreicher und Adeligem. Doch dieser Mensch, der zu seiner Zeit die ganze Welt zum Lachen veranlasste, benutzte seine Begabung, aus normalem Verhalten in besonderen Situationen Komödiantisches zu entwickeln, von Zeit zu Zeit auch dazu, seinem eigenen Gefühl und seinen Anliegen Ausdruck zu verleihen. So geschehen während des I. und II. Weltkrieges, als er 1918 „Shoulder Arms“ drehte und 1939/40 „The Great Dictator“ auf Leinwand bannte. Diese beiden Filme entstanden aus einer Idee Chaplins heraus. In beiden Filmen brachte er seine pazifistische Haltung und seinen Abscheu gegen den Krieg zum Ausdruck. Doch inwiefern kann man diese beiden Film miteinander vergleichen?

Ziel meiner Arbeit wird es sein, darzulegen, dass beide Filme Chaplins Versuch darstellten, den Menschen seine (friedlichen) Ansichten anzubieten. Dennoch gibt es erhebliche Unterschiede bezüglich der genauen Motivation Chaplins, sich an das jeweilige Projekt heranzumachen. Zunächst werde ich einen kurzen biographischen Überblick über das Leben des Filmemachers geben. In Punkt 3. und 5. Werden schließlich die Umstände dargestellt, die zu der Entscheidung führten, einen Film über das Leben an der Front, bzw. einen Film über einen Diktator zu machen. Neben Entstehung, Produktion und Entwicklung der Filme „Shoulder Arms“ und „The Great Dictator“, werde ich ebenso auf die Rezeption der beiden Filme beim Publikum, wie auch auf die Aufnahme durch die Kritiker eingehen (Punkte 3.3 und 5.3). Chaplins Filme waren schon immer Mittelpunkt von kontroversen Meinungen, aber gerade diese beiden Filme ließen die Meinungen noch weiter auseinander driften, als es bei den anderen üblich war.

Die essentielle Frage bei der Betrachtung der beiden Filme ist dann schließlich, ob „Gewehr über“ und „Der Große Diktator“ davon zeugen, dass Chaplin zu Zeiten des Krieges politisch Stellung bezog und sich gegen Deutschland wendete und mit diesen Filmen versuchte, die Kriegsbemühungen der Alliierten zu unterstützen. Um ein klares Bild von Chaplins politischem Denken und seiner Position während des Krieges zu bekommen, ist es außerdem wichtig aufzuzeigen, welche Anstrengungen Chaplin des weiteren unternahm, um den Krieg zu einem schnellen Ende zu führen. Die Punkte 3.1 und 5.4 zeigen, dass Chaplin sich auf so unterschiedliche Weise im Kampf gegen Deutschland, wie etwa durch den Verkauf von Kriegsanleihen oder der Propagierung der Errichtung einer zweiten Front, engagierte. Punkt 4 stellt dann schließlich noch kurz Chaplins politisches Verhalten und v.a. seine Wahrnehmung in den USA, Europa und Deutschland dar. In Punkt 6 versuche ich dann abschließend darzulegen, dass „Shoulder Arms“ ein Film gegen den Krieg, nicht aber bewusst gegen Deutschland, war. Chaplin klagt in diesem Film nicht die deutsche Politik, sondern die Brutalität des Krieges an. Zwar wurden die deutschen Soldaten lächerlich dargestellt, doch hätte Chaplin auch die Alliierten zu Zielen der Lächerlichkeit gemacht, wenn ihm diese Szenen nicht geschnitten worden wären. In der Zwischenkriegszeit beschäftigte sich Charlie Chaplin nicht viel mit Politik, wenn er doch eine Stellungnahme abgab, dann meist mit den Ansichten eines Linken, die aber ideologisch nicht zementiert waren. „The Great Dictator“ jedoch war anders. Chaplin machte ihn u.a. um die Parallelen zwischen ihm und Hitler aufzuarbeiten, aber besonders auch deswegen, weil er als einer der ersten die Gefahren des europäischen Faschismus erkannt hatte. Mit diesem Film wollte er warnen, und die Menschen dazu bringen, gegen den Faschismus zu kämpfen - Amerika beispielsweise war ja noch nicht am Kriegsgeschehen beteiligt. Und somit kann man bei diesem Werk sehr wohl sagen, dass Chaplins politische Einstellung (Antifaschismus), Motivation für den Film war, und dieser gegen den deutschen Nationalsozialismus gerichtet war.

Als Ausgangspunkt meiner Untersuchungen dienen dabei sowohl allgemeine Biographien über Chaplin und seine Filme, wie beispielsweise von Wolfram Tichy, Joe Hembus oder Adolf Heinzlmeier, als auch autobiographisches Material von Charlie Chaplin selbst. Zur genaueren Untersuchung der Entwicklung, Rezeption und Motivation der beiden Filme und den zeitlichen Umständen benutze ich neben themenspezifischen Zeitungsartikeln und Büchern, z.B. von Velten und Klein, Robert Cole oder Helmut Asper, auch historische Werke wie die von Norbert Frei, Sebastian Haffner u.a. Große Bedeutung haben bei der Untersuchung auch frühe Zeitungsartikel und Dokumente, sowie Protokolle von Chaplin selbst, die dank der Cineteca di Bologna im Internet als „Chaplin Archives“, genauestens protokolliert, jedermann zugänglich sind.

2. Biographische Angaben zu Charlie Chaplin

Charles Spencer Chaplin wurde am 16. April 1889 als viertes Kind von Hannah Chaplin, geborene Hill (siehe Anhang I.), in Whitechapel – einem ärmlichen Viertel in London - geboren. Der (wahrscheinliche) Vater war Charles Chaplin. Der Vater machte Musik und seine Frau war zunächst Theaterschauspielerin, dann Sängerin und Tänzerin in englischen Music Halls. Bald aber trennten sich die Eltern wieder und mit der Karriere von Hannah ging es bergab. Als seiner Mutter auf der Bühne wieder einmal die Stimme versagte, wurde Charlie im Alter von fünf Jahren von dem Direktor auf die Bühne gebracht und er sang für das Publikum. Mit dem „Beginn“ seiner Karriere war die seiner Mutter beendet, denn sie erholte sich nie wieder von dem Stimmverlust. Von da an ging es der Familie zeitweise sehr schlecht und Chaplin wanderte ständig zwischen Armenhäusern, der Mutter, die wegen ihrer Geisteskrankheit oft nicht in der Lage war, die Kinder zu versorgen, und dem Vater hin und her. Am 9. Mai 1901 starb Charles Chaplin Sr. an akutem Alkoholismus. Charlie Chaplin versuchte in der Folgezeit Geld als Friseur, Tänzer, Schauspieler im Theater, bei einem Druckverlag und vielen anderen Bereichen zu verdienen.

Nachdem er bereits einige Erfahrung als Komiker gesammelt hatte, kam er Ende 1906 in die Truppe von Fred Karno und seinen Slapstick-Pantomimen. Mit dieser Vaudeville-Truppe zog Chaplin für einige Jahre durch England und Frankreich. 1910 besuchte er mit ihnen zum ersten Mal Amerika, die Auftritte der englischen Truppe waren aber aufgrund des zu britischen Humors ein großer Misserfolg. Bei seiner Rückkehr nach Amerika 1913 jedoch, erhielt er von Adam Kessel die Möglichkeit für die Keystone Film Company zu arbeiten; schließlich unterschrieb er für die Produktionsfirma und verdiente $150 pro Woche. Im Januar 1914 arbeitete er an seinem ersten Film „Making a Living“, und wenig später wurde „Kid Auto Races at Venice“ verfilmt, in welchem der Zuschauer zum ersten Mal Chaplin im typischen Tramp-Outfit begutachten konnte: Melone, Schnurrbart, zu große Hosen, riesige Schuhe und Spazierstöckchen (siehe Anhang II.). Dennoch war die Figur , die ihn zu Weltruhm bringen sollte – und der er selbst den Namen Charlot gab - noch lange nicht ausgereift. Schon bald wurden für Chaplins Filme doppelt so viele Kopien erstellt wie für andere Keystone-Produktionen. Im November 1914 unterzeichnete er einen Vertrag mit Essanay Films für $1.250 pro Woche, für die er 14 Filme machen sollte, u.a. seinen zukunftsweisenden Film „The Tramp“ (1915), der den Charakter des kleinen Landstreichers zeigt, der sich in eine Frau verliebt, diese aber seine Liebe nicht erwidert. Zunächst geknickt, dann aber doch wieder fröhlich läuft der Tramp aus dem Bild. Im Februar 1916 unterzeichnete Chaplin bei Mutual Films, wo er $10.000 pro Woche verdiente und einen Bonus von $150.000 erhielt. Mittlerweile war Charlie Chaplin einer der bekanntesten Männer im Filmgeschehen geworden. Im Juni 1917 unterzeichnete er für First National Exhibitor’s Circuit für die er u.a. die Filme „The Cure“ und „The Immigrant“ (beide 1918) drehte – bei dieser Firma belief sich sein Jahresgehalt bereits auf über eine Million Dollar. Zu dieser Zeit musste sich Chaplin jedoch auch mit viel Kritik sowohl aus Amerika, als auch aus England auseinandersetzen: man warf ihm vor, sich dem Kriegsdienst entziehen zu wollen. Die Wahrheit aber war, dass Chaplin sich meldete, er aber als untauglich eingestuft wurde. In gewissem Sinne trat Chaplin dann aber doch auf der Seite der Alliierten in den Krieg ein, denn er nahm mit anderen Hollywoodschauspielern an den Liberty-Bonds Kundgebungen teil, die für die Unterzeichnung von Kriegsanleihen in Amerika warben: „By 1918 America had already launched two Liberty Bond Drives, and now Mary Pickford, Douglas Fairbanks and I were requested to open officially the Third Liberty Bond campaign in Washington.“2 Dazu kam im Oktober auch Chaplins Werbefilm „The Bond“ heraus. Zudem drehte er im Oktober „Shoulder Arms“, das auf satirische Weise das Leben der Soldaten an der Front darstellte. Im Oktober 1918 heiratete er seine erste Frau, Mildred Harris.

Zusammen mit Douglas Fairbanks, Mary Pickford und David Wark Griffith gründete Chaplin am 19. Januar 1919 United Artists. Durch diese Firma hatten die Beteiligten nun nicht mehr nur die Filmproduktion, sondern auch den Verleih dessen in ihrer Hand. In der Folgezeit stieg Chaplin zum größten Star am Filmhimmel auf, was sich auch finanziell niederschlug. Seine bedeutendsten Filme bis zu Beginn des II. Weltkrieges waren: „The Kid“ (1921), „The Goldrush“ (1925), „The Circus“ (1928), “City Lights” (1931) und “Modern Times” (1936). Privat hingegen lief es in dieser Zeit nicht so gut. 1920 ließen sich Harris und Chaplin scheiden und auch die folgenden Ehen mit Lita Grey und Paulette Goddard, seiner Partnerin aus „Modern Times“ und „The Great Dictator“, sollten nicht lange halten.

1939 schließlich machte er sich daran, „The Great Dictator“ zu drehen, der nicht nur sein erster Tonfilm, sondern auch sein größter finanzieller Erfolg werden sollte. Der Film kam im Oktober 1940 in die Kinos. Sein kontroversester Film brachte ihm zunächst viel Kritik aus dem In- und Ausland ein, später erntete er dafür größtes Lob und Anerkennung. Nicht nur mit diesem Film engagierte sich Charlie Chaplin gegen den Nationalsozialismus und für die Sache der Alliierten, sondern er nahm auch an Kundgebungen teil, die die Unterstützung der Sowjetunion und die Schaffung einer zweiten Front zum Ziel hatten. Danach machte Chaplin noch drei Filme, von denen aber keiner mehr an die Klasse und auch den finanziellen Erfolg seiner früheren Produktionen anknüpfen konnte. 1943 heiratete er schließlich Oona O’Neill, mit der er endlich glücklich sein und bis zu seinem Tode verheiraten bleiben sollte.

In der Nachkriegszeit wurde Chaplin als Kommunist abgestempelt und musste u.a. vor einem „Untersuchungsausschuss gegen unamerikanische Umtriebe“ aussagen. Zwar wurde er von allen Punkten freigesprochen, doch als er sich 1952 auf einer Europareise befand, wurde ihm die Wiedereinreise in die USA verweigert. Daraufhin zog er sich mit seiner Familie in die Schweiz, nach Corsier-sur-Vevey zurück. Chaplin kam noch einmal in die USA zurück, als er 1972 einen Academy Award für sein Lebenswerk und seine „unschätzbaren Verdienste für den Film“ erhielt. Der Empfang für ihn war frenetisch. Am 25. Dezember 1977 starb Charles Spencer Chaplin in der Schweiz.

3. „Shoulder Arms“

3.1 Chaplin und die War Bonds

3.1.1 Kritik an Chaplins „Patriotismus“

Als am 28. Juni 1914 der Thronfolger Österreich-Ungarns, Franz Ferdinand, in Sarajevo ermordet wurde, befand sich die Welt an der Schwelle zu einem globalen Krieg. Im August 1914 waren bereits alle großen Parteien Europas in dem Krieg involviert. So dauerte es nicht allzu lange, bis die Engländer auch von Charlie Chaplin forderten, er solle an ihrer Seite gegen die Mittelmächte in den Krieg ziehen. Chaplin hatte ja immer noch die englische Staatsbürgerschaft inne. Da er diesem Ersuchen aber nicht nachkam, sah er sich mit großer Kritik konfrontiert; man warf ihm vor, dass er jetzt, als wohlhabender Mann, alles daran setzte, nicht in den Krieg gezogen zu werden. Was die meisten aber nicht wussten, war, dass Chaplin bei der Unterzeichnung des Vertrages für Mutual im Februar 1916 auch eine Klausel unterschreiben musste, die dem Filmemacher untersagte, die Vereinigten Staaten ohne die Erlaubnis der Produktionsfirma zu verlassen. Da er für diese Firma Filme machen sollte, wäre ihm also eine Ausreise für längere Zeit auch gar nicht möglich gewesen. Nachdem die USA am 6. April 1917 Deutschland den Krieg erklärt hatten und sich nun auch im Kriegszustand befanden, wiederholte sich die Kritik an der Haltung Charlie Chaplins. Diesmal war es die amerikanische Bevölkerung, die ihm mangelnden Patriotismus vorwarf. Man glaubte, dass er sich seiner „Pflicht“ entziehen wollte und es stattdessen vorzog, Geld zu verdienen. Zu dieser Zeit „[...] nahm die Zahl der Briefe, die forderten, er solle aktiv daran teilnehmen, und ihm vorwarfen, er habe noch immer nicht die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen, ein beträchtliches Ausmaß an.“3 Doch auch diese Kritik war nicht ganz gerechtfertigt. In Wirklichkeit hatte sich Chaplin nämlich zur Musterung gemeldet, wurde jedoch aus gesundheitlichen Gründen – er war untergewichtig – für untauglich befunden und ausgemustert. Chaplin verzichtete darauf, auf die Kritik direkt zu antworten, die seinen „Patriotismus“ in Frage stellte. Chaplin selbst betonte in mehreren Interviews immer wieder seine pazifistische Einstellung und seine Abscheu gegen den Krieg, was ihn natürlich spätestens nach dem Kriegseintritt Amerikas zum Ziel vieler Kritiker werden ließ. Statt direkt für England oder die USA in den Krieg zu ziehen, sollte er sich bald auf andere Art und Weise am Kriegsgeschehen auf der Seite der Amerikaner beteiligen.

[...]


1 Charles Chaplin: My Autobiography. The Bodley Head Ltd.: London, 1964. S. 424.

2 Chaplin: My Autobiography. S. 229.

3 Wolfram Tichy: Charlie Chaplin. Rowohlt Taschenbuch Verlag: Hamburg, 1974. S. 58.

Details

Seiten
27
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638050081
ISBN (Buch)
9783638943925
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v90696
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,7
Schlagworte
Charlie Chaplins Shoulder Arms Great Dictator

Autor

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