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Tonio Kröger als Wiedergeburt Hanno Buddenbrooks?

Parallelen und Unterschiede zweier Künstlerfiguren im Werk Thomas Manns

Hausarbeit (Hauptseminar) 1998 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Tonio Kröger als Wiedergeburt Hanno Buddenbrooks ?
2.1 Entstehungsgeschichten von „Buddenbrooks“ und „Tonio Kröger“
2.2 Hanno Buddenbrook und Tonio Kröger – Ein Vergleich
2.2.1 Äußerliche Erscheinung
2.2.2 Familiengeschichtlicher Hintergrund
2.2.3 Eigenschaften und Charakterzüge
2.3 Schopenhauer und Nietzsche als „Väter“ der Figuren

3 Schlusswort

4 Literaturverzeichnis
Primärtexte
Sekundärliteratur

1 Einleitung

„‘Leben‘ ist das eigentliche Thema und Zentrum der Literatur um 1900 (...)“[1], konstatiert Helmut Koopmann in seinem Buch „Deutsche Literaturtheorien zwischen 1880 und 1920“. In einer Zeit der Mechanisierung und Industrialisierung, des Empirismus und Positivismus beginnen die Literaten „(...) unterhalb der mechanisch-physikalisch faßbaren Welt nach einem unbekannten Etwas zu suchen, das tiefer reicht als die Schicht der physikalisch erklärbaren Phänomene und Gesetze.“[2] Leben wird als etwas Mystisches gedeutet und die Literaten begeben sich auf die Suche nach einer neuen Sprache, um dem eigentlich Nicht-Darstellbaren beizukommen. Die Beschäftigung mit dem eigenen Medium Sprache wiederum hat zur Folge, dass Kunst und Literatur einen extrem hohen Stellenwert erhalten. Koopmann fasst dies prägnant zusammen in der Formel „(...) die Orientierung auf das ‚Leben‘ führt hin zu einer neuen Sprache, die Betonung der Sprache zu einem neuen Primat der Kunst.“[3] Dies gilt seiner Ansicht nach für alle Stilrichtungen der Frühen Moderne gleichermaßen, für Naturalismus, Ästhetizismus und Expressionismus.

Vor allem. in der Literatur der Décadence entsteht nun ein Interesse an einer pathologischen Unfähigkeit zum Leben, Kunst wird immer mehr zum Lebensersatz. Beim frühen Thomas Mann äußert sich dies in der vielfachen Thematisierung des Gegensatzes von Kunst und Leben. Zwei besonders prägnante Künstlerfiguren, die mit dieser Problematik zu kämpfen haben und in engen Zusammenhang gesehen werden müssen, sind Hanno Buddenbrook aus Manns erstem Roman und Tonio Kröger aus der nur wenig später entstandenen gleichnamigen Novelle. Die vorliegende Arbeit versucht nun anhand eines Vergleichs die Verbindungslinien zwischen den beiden Figuren aufzuzeigen – Koopmann spricht von Tonio Kröger als „(...) Hanno Buddenbrook redivivus (...)“[4]. Gleichzeitig soll dadurch verdeutlicht werden, welche zentrale Rolle der Themenkomplex Kunst – Leben beim frühen Thomas Mann einnahm und inwieweit sich Manns Sichtweise auf das Verhältnis des Künstlers zum Leben und zur Gesellschaft v. a. durch den Einfluss Friedrich Nietzsches veränderte.

2 Tonio Kröger als Wiedergeburt Hanno Buddenbrooks ?

Parallelen und Unterschiede zweier Künstlerfiguren im Werk Thomas Manns

2.1 Entstehungsgeschichten von „Buddenbrooks“ und „Tonio Kröger“

1897 entschloss sich der S. Fischer Verlag zu der Veröffentlichung eines Sammelbandes mit mehreren Novellen des damals gerade 22-jährigen Thomas Mann. Dieser hatte bisher nur in Zeitschriften und dort v.a. Artikel veröffentlicht, in denen er sich aber schon in erster Linie mit den Zentralthemen seines ganzen Frühwerkes beschäftigte: dem Konflikt zwischen Kunst und Leben, zwischen Künstlertum und Bürgertum und der Rolle des Künstlers innerhalb der Gesellschaft. Auch seine frühen Novellen sind von dieser Thematik geprägt, so z. B. „Der Wille zum Glück“ oder „Bajazzo“ Gleichzeitig mit der Zusage zu dem Novellenband erhielt Thomas Mann von Fischer die Anregung zu einen Roman: „Ich würde mich aber freuen, wenn Sie mir Gelegenheit geben würden, ein größeres Prosawerk von Ihnen zu veröffentlichen, vielleicht einen Roman, wenn er auch nicht so lang ist.“[5] [6] Den Ausführungen Ken Mouldens zufolge, beschäftigte sich Thomas Mann zu dieser Zeit wohl schon mit einem neuen Novellenprojekt:

Möglicherweise arbeitete Thomas Mann bei Erhalt von Fischers Anregung schon an einer „Knabennovelle“ (RuA 10) autobiographischen Charakters, die diesen eigenständigen Begriff des Verfalls (Abstieg verbunden mit einer geistig-künstlerischen Verfeinerung) zum Thema hatte. In späteren Schriften hat Thomas Mann wiederholt betont, genau diese Novelle, diese „Geschichte des sensitiven Spätlings Hanno“ (Üms 33), bilde die Keimzelle der „Buddenbrooks“. Der Umfang der Arbeit wuchs, als ‘ein epischer Instinkt‘ den Dichter dazu trieb (...) , ‘die ganze Vorgeschichte‘ des kleinen ‘Verfallsprinzen‘ (Üms 10f) mit aufzunehmen.[7]

Überspitzt formuliert wurden die „Buddenbrooks“ also von hinten nach vorne geschrieben. Thomas Mann arbeitete an Recherchen und Niederschrift über drei Jahre und aus einer Novelle, die zu einem „Roman von zweihundert bis zweihundertfünfzig Seiten“[8] umkonzipiert wurde, entstand schließlich ein Werk von ungefähr vierfachem Umfang. Trotz der Bedenken Fischers aufgrund der Länge der „Buddenbrooks“, erschien der Roman im Oktober 1901.

Die Konzeption seiner Novelle „Tonio Kröger“ reicht nach Selbstzeugnissen Thomas Manns noch in die Zeit der Arbeit an den „Buddenbrooks“ zurück. So reiste er im September 1899 wegen Recherchen für die Gestaltung von Hanno Buddenbrooks Kindheit nach Lübeck und nach Dänemark und er selber erklärte, dass dort „(...) der ‘Tonio Kröger‘ unbewußt entworfen wurde.“[9] In „Lebensabriß“ schreibt er dazu:

Ich benutzte damals einen vierzehntägigen Sommerurlaub zu jener Reise über Lübeck nach Dänemark, von der in der Novelle die Rede ist, und meine Eindrücke in dem kleinen Badeort Aalsgaard am Sund, nahe Helsingör, bildeten den Erlebniskern, um den nun die beziehungsreiche kleine Dichtung zusammenschoß.“[10]

Vaget weist daraufhin, dass Mann sich, von dieser Reise wieder zurück, in München drei Notizen machte, die sich in leicht veränderter Form in der Novelle wiederfinden lassen, und dass der Name „Tonio Kröger“ für den Protagonisten hier schon feststand.[11] Nach Beendigung der „Buddenbrooks“ und der „Gleichsam als Nachgeburt (...)“[12] entstandenen Novelle „Der Weg zum Friedhof“ nimmt Thomas Mann Ende 1900/Anfang1901 die Beschäftigung mit dem Kröger-Sujet wieder auf. Die Konzeption des laut Vaget bisher wohl als Erinnerungsnovelle nach dem Vorbild Theodor Storms geplanten Projekts wird nun endgültig um die Künstlerthematik erweitert: Thomas Mann will sie sogar explizit „Litteratur“ nennen.[13] Doch er verschiebt die Arbeit erneut wegen anderer Projekte. So schreibt Mann zuvor noch die Novellen „Tristan“, „Gladius Dei“ und „Die Hungernden“, bevor er ab dem Frühjahr 1902 endlich kontinuierlich an „Tonio Kröger“ arbeitet. Diese drei Novellen beschäftigen sich bezeichnenderweise ebenfalls mit der Künstlerproblematik. „Die Hungernden“ wird von Mann sogar mit der Bezeichnung „Studie“ versehen und er übernimmt daraus einige Passagen fast wörtlich in „Tonio Kröger“. V. a. auf „Tristan“ bezogen meint Vaget: „Offenbar wollte die Künstler-Thematik, das Schicksal eines überlebenden Hanno, zuerst anders, weniger selbstquälerisch durchgespielt sein.“[14] Die Niederschrift von „Tonio Kröger“ selbst fällt Thomas Mann äußerst schwer: „Es ist wohl selten, daß soviel nagender Ehrgeiz mit soviel nervöser Trägheit, soviel Leidenschaft (...) mit soviel Schwerfälligkeit tragisch zusammentrifft.“[15] schreibt er 1902 an Paul Ehrenberg und aus der Rückschau in „Lebensabriß“ 1930: „Ich schrieb sie [die Novelle; Anmerk. des Verf.] sehr langsam. Namentlich das lyrisch-essayistische Mittelstück, das Gespräch mit der (durchaus fingierten) russischen Freundin, kostete mich Monate (...)“.[16] Im Dezember 1902 beendet er endlich die Novelle, die schon im Februar 1903 in der Neuen Deutschen Rundschau gedruckt wird und einen Monat später im Novellenband „Tristan. Sechs Novellen“ gemeinsam mit „Der Weg zum Friedhof“, „Tristan“, „Der Kleiderschrank“, „Luischen“, „Gladius Dei“ und „Die Hungernden“ erscheint.

Die Entstehungsgeschichten von Manns erstem Roman „Buddenbrooks“ und seiner Novelle „Tonio Kröger“ zeigen nun zweierlei: Zum einen wird daran ersichtlich, welche große Bedeutung der Themenkomplex Kunst – Leben beim frühen Thomas Mann einnimmt. So läßt er sich zum einen wie schon angedeutet in den meisten der Texte dieser Zeit feststellen. Zum anderen hatte Mann bei der Arbeit an den beiden wohl wichtigsten Texten zur Künstlerproblematik große Schwierigkeiten: so wuchs sich die Knabennovelle um Hanno zu einem ganzen Roman aus; bei einer erneuten Beschäftigung mit dem Thema in Novellenform musste Thomas Mann ein extrem langsames Vorwärtskommen konstatieren, und versucht man den traditionellen Novellenbegriff des 19. Jahrhunderts auf „Tonio Kröger“ anzuwenden, so zeigt sich, wie problematisch das ist und dass der Text, zumindest was das theoretisierende vierte Kapitel - das Gespräch mit Lisaweta -betrifft, diesen sprengt.[17] Noch einsichtiger wird die zentrale Rolle der Künstlerproblematik bei Thomas Mann, betrachtet man neben den Entstehungsgeschichten auch Manns Selbstrezeption, v. a. von „Tonio Kröger“. Mann bezeichnete die Novelle mehrfach als sein Lieblingswerk, sein „(...) literarisches Lieblingskind (...)“.[18] Nach Vaget ist diese hohe Selbsteinschätzung allerdings insofern zu relativieren, dass Mann als äußerst rezeptionsorientierter Autor in seinem Urteil von der durchwegs positiven Rezeptionsgeschichte beeinflußt wurde.[19] Auch dass Mann auf „Tonio Kröger“ bezogen von seinem „Werther“ spricht, ist wohl in erster Linie darauf zurückzuführen, dass die Novelle speziell auch von jungen Menschen begeistert angenommen wurde und so schon bald zur Schullektüre wurde[20]: „(...) bei ‘Tonio Kröger‘ kann man an Werther denken, angesichts der Rolle, die er seinerzeit für eine Jugendgeneration spielte (...)“.[21]

Neben der Bedeutung der Künstlerproblematik für Thomas Mann zeigen die Entstehungsgeschichten aber v. a. auch, wie eng diese beiden für sein Frühwerk so zentralen Texte im Zusammenhang gesehen werden müssen. Thomas Mann selbst weist mehrfach auf diese Verbindung hin. „Tonio Kröger“ bezeichnet er z. B. als „(...) Prosa-Ballade, die freilich ohne ‘Buddenbrooks‘ schlecht bestünde und die so recht ein Lied war, gespielt auf dem selbst gebauten Instrumente des großen Romans...“[22]. An anderer Stelle schreibt er: „Der Gegensatz von Geist und Leben war in dem Bürger-Roman schon latent. Er wurde zu dem mit liebevoller Ironie umspielten Hauptmotiv der Geschichte (...) des ‘Tonio Kröger‘.“[23]

Im Folgenden sollen diese Verbindungen an den Figuren Hanno Buddenbrook und Tonio Kröger konkretisiert werden.

2.2 Hanno Buddenbrook und Tonio Kröger – Ein Vergleich

2.2.1 Äußerliche Erscheinung

Schon was die äußerliche Erscheinung Hannos und die des jungen Tonio betrifft, zeigt sich deren Verwandtschaft. Hannos Äußeres ist gekennzeichnet von dem „(...) lockig in die Schläfen fallenden hellbraunen Haar (...)“[24], von „(...) goldbraunen(...) von bläulichen Schatten umlagerte[n] Augen (...)“[25] mit „(...) langen, braunen Wimpern (...)“[26]. Er hat Arme „(...) weich wie ein Mädchen (...)“[27], ist vom ganzen Körperbau her ein „(...) Weichling, welcher allem, wozu ein wenig Mut, Kraft, Gewandtheit und Munterkeit gehört[e], scheu aus dem Wege (...)“[28] geht. Von seinem Blick heißt es, er sei von einem „(...) zagen und ablehnenden Ausdruck (...)“[29]. Koopmann spricht von den „(...) nur zu offenkundigen Attribute[n] eines Späten (...)“.[30] Die Erscheinung des jungen Tonio wird von Thomas Mann z. T. bis ins Detail gleich gezeichnet: „Aber unter Tonio´s runder Pelzmütze blickten aus einem brünetten und ganz südlich geschnittenen Gesicht dunkel und zart umschattete Augen mit schweren Lidern träumerisch und ein wenig zaghaft hervor ... Mund und Kinn waren ihm ungewöhnlich weich gebildet.“[31]

[...]


[1] Koopmann 1997, S. 14

[2] Koopmann 1997, S. 12

[3] Koopmann 1997, S. 14

[4] Wolff 1984, S. 92

[5] Zur Entstehungsgeschichte „Buddenbrooks“, vgl. Moulden 1988, S. 1-9, zur

Entstehungsgeschichte „Tonio Kröger“, vgl. Vaget 1984, S. 108-111

[6] Fischer, zitiert in: Moulden 1988, S. 3

[7] Moulden 1988, S. 4

[8] Thomas Mann, zitiert in: Moulden 1988, S. 6

[9] Thomas Mann, zitiert in: Wyseling 1975, S. 158

[10] Thomas Mann, zitiert in: Wyseling 1975, S. 159

[11] Vgl. Vaget 1984, S. 109

[12] Vaget 1984, ebd.

[13] Vgl. Vaget 1984, S. 110

[14] Vaget 1984, ebd.

[15] Thomas Mann, zitiert in: Wyseling 1975, S. 142

[16] Thomas Mann, zitiert in: Wyseling 1975, S. 159

[17] Die traditionelle Novellentheorie fordert für die Gattung eine „unerhörte Begebenheit“, eine

dramatisch zugespitzte Handlung mit überraschendem Wendepunkt und ein Dingsymbol

bzw. Paul Heyses „Falken“. Nach Ansicht Hermann Kurzkes erfüllt „Tonio Kröger“ diese

drei Kriterien nicht. Er findet im Text „(...) Stationen eines jungen Künstlers (...)lyrisch

anmutende Beschreibungen von Gemütszuständen (...) Gespräche und theoretische

Reflexionen.“ vor (Kurzke 1985, S.99) Hermann Wiegmann wendet gegen diese

Sichtweise ein, sie gehe nur von der äußeren Handlung aus, und er stellt in der inneren

Handlung durchaus zumindest die unerhörte Begebenheit fest: „(...) der Versuch, mit der

Reise in die eigene Kindheit die Spannung Künstler-Leben bewältigen zu wollen, quasi als

psychoanalytische Aufarbeitung.“ (Wiegmann 1992, S. 104 f.)

[18] Thomas Mann, zitiert in: Wyseling 1975, S. 164

[19] vgl. Vaget 1984, S. 111 ff.

[20] vgl. Vaget 1984, S. 112

[21] Thomas Mann, zitiert in: Wyseling 1975, S. 163

[22] Thomas Mann, zitiert in: Wyseling 1975, S. 145

[23] Thomas Mann, zitiert in: Wyseling 1975, S. 164

[24] Buddenbrooks, S. 588

[25] Buddenbrooks, ebd.

[26] Buddenbrooks, S. 620

[27] Buddenbrooks, ebd.

[28] Buddenbrooks, S. 621

[29] Buddenbrooks, S. 620

[30] Wolff 1984, S. 88

[31] Tonio Kröger, S. 8

Details

Seiten
23
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638046657
ISBN (Buch)
9783640261833
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v90276
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Tonio Kröger Wiedergeburt Hanno Buddenbrooks Literaturtheorie Moderne Thomas Mann Mann Buddenbrook

Autor

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Titel: Tonio Kröger als Wiedergeburt Hanno Buddenbrooks?