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Caesars nächtliche Adria-Odyssee auf Amyclas' Fischkutter

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 13 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Lucans Motiv
Lucan, der Anti-Caesarianer
Humor als ‘Waffe’ gegen Unterdrückung
Ausführlichkeit
Stilmittel

2 Amyclas’ Bedenken und Caesars vermessene Zuversicht
‘Sola . . . causa’?
Vergleich mit Parallelquellen
Gewichtung

3 Lucans Darstellung von Caesars Verhalten
Überheblichkeit
Kontrastfigur Amyclas
Irrationalität

4 Zusammenfassung

5 Bibliographie

1 Lucans Motiv

Lucan, der Die Lucanforschung hat sich in der Vergangenheit immer wieder mit dem Aspekt be- Anti-Caesarianer schäftigt, wie der Diktator- und somit Caesar-feindlich gesinnte junge Dichter das Kai- sertum mit (zum Teil verkappten) Pointen brüskiert.[1] Quintilian schrieb seinerzeit über den jungen Dichter, er sei ‘magis oratoribus quam poetis imitandus’[2], und in der Tat wird Lucan heute vielfach nachgesagt, er habe die Wirklichkeit zugunsten der Rhetorik in den Hintergrund gestellt:

It should be noted that, as history, Lucan’s work is far from being scrupu- lously accurate, frequently ignoring historical fact for the benefit of drama and rhetoric. For this reason, it should not be read as a reliable account of the Roman Civil War. However, as a work of poetic literature, it has few ri- vals; its powerful depiction of civil war and its consequences have haunted readers for centuries, and prompted many Medieval and Renaissance poets to regard Lucan among the ranks of Homer, Virgil, and Ovid.[3]

Auch wirft man Lucan gern vor, er habe zu unausgewogen geschrieben, Nebensäch- lichkeiten viel zu umfangreich geschildert.[4] Dem ist jedoch entgegenzusetzen, dass hu- morvolle Verwendung und quantitative Gewichtung von einzelnen Textteilen in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen, was gerade bei dieser Textstelle (Phars. V, 504 - 678) hervorsticht. Dass Lucan Caesar hier lächerlich machen will, darf wohl als unbe- stritten gelten. Ebendieses Motiv soll im Laufe der vorliegenden Arbeit zum zentralen Aspekt werden.

Im Rom der Kaiserzeit war freie Meinungsäußerung nicht zugelassen, was sich auf die damalige Literatur gravierend auswirkte. Pfligersdorffer formuliert dies folgender- maßen: ...für die Menschen der julisch-claudischen war die Kaiserzeit als die Zeit ohne Freiheit die perpetuierte Frucht der Bürgerkriegssiege.[5] Humor als ‘Waffe’ Es ist in entmündigten oder sonstwie unterdrückten Völkern ein immer wieder vor- gegen Unterdrückung zufindendes Phänomen, dass die Menschen sich mit Humor gegen das zur Wehr set- zen, was sie sonst nicht abwenden können.[6] Jüngere Beispiele hierfür sind die poli- tischen Witze aus der ehemaligen DDR.[7] Dieser subversive Humor ist uns aber auch schon aus der Antike überliefert (aus der römischen Kaiserzeit z.B. Phaedrus’ lateini- sche Fassung der Fabeln Aesops[8]). Anekdoten sind als nicht-fiktionales Pendant zum (fiktionalen) Witz auf derselben Stufe anzusiedeln, wenn nicht sogar noch höher. Denn gerade das, was als Fakt nicht abgestritten werden kann, wird gelegentlich auch schrift- lich der Nachwelt überliefert, während Witze in der Regel nach einer gewissen Zeit nicht mehr aktuell sind und nicht mehr erzählt werden. So müssen wir uns bei Witzen mit den Epigrammen und Inschriften zufrieden geben, wohingegen Anekdoten und Zitate auch in den übrigen Literaturgattungen zu finden sind (zum Beispiel die letzten Worte Neros).

Auch von Caesar, dem großen Feldherrn, der vor Ehrgeiz nichts unversucht ließ, um seinem Ziel näher zu kommen, überlieferte der römische Volksmund natürlich viel Ko- misches. Die vorliegende Textstelle, in der geschildert wird, wie er in einem kleinen Boot bei Nacht die winterlich-stürmische Adria überqueren will, ist so eine Anekdote. Sie ist uns bis heute - außer bei Lucan - in den Werken der Griechen Plutarch, Dio Cas- sius und Appian sowie denen der Römer Sueton und Valerius Maximus erhalten[9], und wir dürfen davon ausgehen, dass in der zeitgenössischen Literatur Südeuropas noch ein Vielfaches davon im Umlauf war, was im Laufe der Jahrhunderte untergegangen ist. Wenn die antiken Schriftsteller über Jahrzehnte hinweg diese Episode wieder und wieder berichten, spricht das für den Bekanntheitsgrad der Anekdote in der gebilde- ten damaligen Oberschicht. In dieser Analyse wird daher von einem römischen Leser ausgegangen, der mit der Anekdote an sich vertraut ist.

Gegen unliebsames, gar peinliches Schicksal ist niemand gefeit, aber Prominenten haften solche Ereignisse in der Regel recht lange an: je berühmter ein Mensch ist, desto mehr Leute wollen so viel wie möglich von ihm wissen. Und da der Mensch einen in- stinktiven Drang zum Komischen hat, werden die Sachen, über die man lachen kann, stets weitergesagt, selbst wenn der Betroffene nicht davon begeistert ist. Wer sich durch Ehrgeiz und Machtanspruch viele Feinde erwirbt, muss erst recht damit leben, dass man über ihn lacht. Wie Platon schon sagte, ist ‘âpi toØc tÀn âqjrÀn kakoØc to qaÐrein’[10] keineswegs verwerflich, wobei man âqjrìc hier nicht im engeren Sinn des Begriffs ‘Feind’ einstufen darf, sondern unsympathische Menschen generell einschließen muss.

Lucan schlachtet die Anekdote über Caesars nächtliche Adria-Odyssee nach Her- Ausführlichkeit zenslust aus. Satte 174 Verse lang schildert er pointenreich und ausführlichst das, was die o. g. griechischen Paralleltexte in ein bis zwei Kapiteln und dennoch recht ausführ- lich darstellen; Sueton und Valerius Maximus gehen hingegen nur in je einem Kapitel kurz darauf ein. Natürlich spielt bei Lucan auch die genrespezifische epische Breite ei- ne Rolle, die aber nicht der einzige Aspekt bleiben darf. Man ziehe zum Vergleich ein paar andere wichtige Stellen der Pharsalia herbei, und wird dabei feststellen, dass Lu- can in der Regel mit weniger Versen auskommt. Selbst die Episode über die Meuterei bei Placentia[11] mit ihren langen und aussagekräftigen Reden[12] ist nach 135 Versen zu Ende.

Stilmittel Auch spart der rhetorisch versierte Dichter im vorliegenden Abschnitt nicht an Poin- ten und anderen Stilmitteln, mit denen er Caesars Wahnsinn genüsslich durch den Kakao zieht. Dies beginnt mit der kurzen Zusammenfassung des Vorfalls in der Überleitung zu dieser Textstelle (V. 499-504), die da endet mit ‘fluctusque verendos | classibus exigua sperat superare carina’. Die semantische Antithese ‘fluctusque verendos’ vs. ‘exigua . . . carina’ wird durch die Endstellung der zwei letzteren Wörter im jeweiligen Halbvers (d.h. vor der Zäsur und am Versende) sowie das damit einhergehende Hyperbaton noch einmal hervorgehoben, eine lexikale Antithese ‘classibus’ vs. ‘carina’ am Anfang und Ende von V. 504 kommt noch hinzu; überdies wird der Zusammenhang dieser zwei Begriffe durch eine Alliteration verdeutlicht.

Nach dieser vorweggenommenen pointierten Inhaltsangabe weiß der Leser, welche wohlbekannte[13] Geschichte als nächstes kommt, und kann ergänzend zur ihm bekann- ten Legende die von Lucan erdichteten Einzelheiten genießen; die nächste sententia folgt auf dem Fuß. Dass ein Feldherr es nötig hat, sich heimlich[14] aus dem Lager zu schleichen, erscheint paradox. Lucan aber geht noch einen Schritt weiter und lästert, selbst Sklaven (die immerhin nichts zu verlieren hatten) würden kaum so etwas wagen wie das, was Caesar hier versucht, nämlich sich einzig und allein dem Schicksal anzu- vertrauen: ‘vix famulis audenda parat cunctisque relictis | sola placet Fortuna comes’ (V. 509-510).

Zahlreiche weitere Stellen, an denen Lucan über den ihm verhassten Feldherrn spottet, werden dem folgen. Einige davon sind in den nachfolgenden Abschnitten dieser Arbeit Gegenstand der Analyse.

2 Amyclas’ Bedenken und Caesars vermessene Zuversicht

Nachdem Amyclas akute Bedenken aufgrund des Unwetters geäußert hat, befolgt er ‘Sola . . . causa’? doch die Weisung Caesars und wagt sich mit seinem Fischkutter und seinem Fahrgast aufs Meer. Kurz darauf will er aufgeben und ans sichere Ufer zurückkehren, weil er sich dem Sturm und den Wellen nicht gewachsen sieht. Caesars Reaktion fällt bei Lu- can äußerst hochmütig aus: ‘sola tibi causa est haec iusta timoris | vectorem non nosse tuum’ (V. 580 f.), was im Kontrast zu den vielen einzeln aufgelisteten Umkehr-Gründen steht, die Lucan dem Fischer Amyclas zuvor in den Mund gelegt hat. Letzteres kann man zwar genauso gut dadurch erklären, dass es im Epos durchaus üblich ist, die Din- ge ganz ausführlich zu schildern (epische Breite); wenn jedoch Caesar rechtmäßig von nur einem Grund sprechen will, dann ist dieser das von Amyclas beschriebene Un- wetter bzw. die Wetteraussichten für die Nacht.Egal ob wir das, was Amyclas sagt, zu einem Grund zusammenfassen oder ob wir die Vielzahl der Einzelheiten stehen lassen, so bleibt auf jeden Fall festzustellen, dass Amyclas realistisch argumentiert, während Caesar sich selbst als Argument vorbringt (V. 580 bzw. namentlich in V. 585), was ihn als lächerlich darstellt. (Zur Rede Caesars im Übrigen siehe nächsten Abschnitt.)

Caesars übertriebenes Vertrauen auf sein Glück wird im Zusammenhang mit der hier Vergleich mit vorliegenden Anekdote auch von mehreren anderen antiken Schriftstellern in Verbin-Parallelquellen dung gebracht[15], was für den Wahrheitsgehalt der Legende an sich spricht. Die Details wusste natürlich niemand außer den Beteiligten selbst - aber allein schon darüber, wer und wie viele das waren, gibt es keine Übereinstimmung in der Überlieferung, ebenso wenig über die Beschaffenheit des Bootes. Somit können wir in keinem Fall von einem Tatsachenbericht ausgehen. Alle Überlieferungen dieser Anekdote legen den Wert nicht auf Wahrheit, sondern auf Wirkung (konkret: auf den Unterhaltungswert).

Soweit die betroffenen Schiffer Caesar zur Umkehr zu bewegen versuchen, ist de- ren einziges Motiv das Unwetter. Vor der Abfahrt leistet wohlgemerkt nur der bei Dio genannte Steuermann Widerstand[16]; bei den anderen Darstellungen kommt der Um- kehrwille der Seeleute erst unterwegs auf.[17] Man kann Appian und Dio am Wortlaut ablesen, dass auch sie sich über Caesar leicht amüsieren[18]; bei der Beschreibung des Wasserfahrzeugs lässt sich Ähnliches beobachten. Plutarch spricht von einem ‘Schiff mit der Größe eines Zwölfruderers’[19]

[...]


[1]Sogar beim Nerolob (Phars. I, 23-66) lesen einige Forscher einen ironischen Unterton heraus; zur Diskussion vgl. Lebek 1976: 81-83, 102.

[2]Quint. inst. X, 1, 90; vgl. hierzu Heitland 1897 (Einl.): lxx.

[3]Killings 1996: ‘Preparer’s Notes’. Vgl. auch Duff 1977 (Einl.): xii f. ‘To him [Lucan] the narrative is of secondary importance: his interest lies elsewhere; the words said matter more in his view than the things done.’

[4]Vgl. Heitland 1897 (Einl.): xxiii f., xxxiii, lxxii.

[5]Pfligersdorffer 1959: 345.

[6]Zu Humor als Defensivmechanismus im Allgemeinen siehe Nezlek/Derks 2001: 395.

[7]Vgl. Damm 1990.

[8]Vgl. Henderson 2001: 4; auch die Interpretation von Phaedr. 4, 13 auf S. 180.

[9]Im Nachfolgenden wird noch deutlich werden, dass man bei den griechischen Autoren von einer einer Nacherzählung der Anekdote als solcher sprechen kann, während die beiden genannten Römer nur den historischen Sachverhalt erörtern.

[10]Plat. Phil. 49d.

[11]Phars. V, 237-373

[12]Vgl. Barratt 1979 ab S. 103.

[13]Zu den zugrunde gelegeten gesellschaftlichen Voraussetzungen s. S. 5.

[14]‘per vasta silentia gressu’ 508.

[15]Vgl. z.B. Appian B.C. II, 9, 58 ‘. . . OÕtw màn Šnti logismÀn KaÐsar âpepoÐjei t¬ tÔqù’; siehe auch Dio XLI, 46, 4 ‘toioÜton màn d˜ frìnhma kaÈ toiaÔthn âlpÐda . . . eÚqen ¹ste kaÈ par€ t€ fainìmena pÐstin t¨c swthrÐac âqègguon poieØsjai’. Bei den römischen Autoren, die auf diese legendäre Nacht eingehen, finden wir hingegen keine kritische Anmerkung von ‘übertriebener’ Zuversicht oder Waghalsigkeit, vielmehr wird von Sueton (Iul. 58, 2) und Valerius Maximus (IX, 8, 2) Caesars Mut hervorgehoben, wenn auch nicht gerühmt.

[16]Dio schreibt am Ende von XLI, 46, 2 ‘. . . kaÈ tän kubern thn aÎtoÜ kaÐper pneÔmatoc întoc âxebiˆsato ‚naqj¨nai’.

[17]Bei Plutarch in 38, 4 ‘präc dà t˜n plhmmÔran t¨c jalˆtthc kaÈ t˜n ‚ntÐbasin toÜ klÔdwnoc ‚griaÐnwn å potamìc . . . ’; bei Appian Mitte § 57 ‘±c d'âpÈ t€c âkbol€c ‚fÐketo kaÈ ™ jˆlassa sÌn kludwnÐú kaÈ pneÔmati tä ûeÜma ‚nèkopten . . . ’.

[18]Siehe unterstrichene Stellen des Wortlauts in Fußnote 15.

[19]Plut. Caes. 38, 1 ‘eÊc ploØon âmb€c tä mègejoc dwdekˆskalmon . . . ’.

Details

Seiten
13
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638051194
ISBN (Buch)
9783638945677
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v90263
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt – Lehrstuhl für Klassische Philologie
Note
2,00
Schlagworte
Amyclas Fischkutter Caesarbild Caesar Lucan Humor Humorforschung Epos Adria Odyssee Pharsalia Latein

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