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Psychosoziale Diagnostik in der Sozialen Arbeit

unter besonderer Berücksichtigung der Schwangerschaftskonfliktberatung

Hausarbeit 2007 18 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

1. Psychosoziale Diagnostik allgemein
1.1. Merkmale Psychosozialer Diagnostik in der Sozialen Arbeit
1.2. Phasen des Hilfeprozesses
1.3. Methoden des Diagnostischen Fallverstehens

2. Psychosoziale Besonderheiten in weiblichen Beratungskontexten
2.1. Gesetzliche Grundlagen zur SKB
2.2. Besonderheiten bei der SKB
2.3. Methoden
2.4. Grundsätzliche Inhalte der SKB
2.5. Hintergründe für eine SKB

3. Verschiedene Beratungsansätze
3.1. Die Birke e.V.
3.2. Pro Familia e.V.
3.3. Zusammenfassung der beiden Beratungsansätze

4. Schluss

5. Quellenangaben

1. Einleitung

Im Fach „Psychosoziale Diagnostik und Fallananalyse“ lernte ich die Vorgehensweisen in verschiedenen Beratungssituationen kennen. Unterschiedliche Methoden zur Anamnese und Diagnose, wie standardisierte Testverfahren, Fragebögen und Interviews, helfen der Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin[1] bei der Übersicht und Lösung eines Falls.

Hauptsächlich wird jedoch in der Literatur die Psychosoziale Diagnostik im Zusammenhang mit der Jugendhilfe erörtert. Dies ist mit Sicherheit ein sehr zentraler Teil der Sozialen Arbeit und oft auch beispielhaft für viele andere Situationen.

In einer Seminarstunde kam es jedoch in unserem Kurs zu einer Diskussion, wie dieser und jener Fall denn behandelt würde, wenn es sich um einen Schwangerschaftskonflikt handeln würde. Hier gibt es teilweise ganz andere Gesetzeslagen und andere Besonderheiten, die nicht parallel zu den üblichen Fragestellungen der Jugendhilfe verlaufen. Leider führte dies im Rahmen der Unterrichtseinheit zu weit. Somit kam ich zu dem Schluss, mich etwas eingehender mit diesem Thema zu beschäftigen.

In einem anderen Kurs lernte ich, dass hauptsächlich Frauen Beratung in Anspruch nehmen. Somit ergab sich relativ schnell das Thema meiner folgenden Arbeit.

1. Psychosoziale Diagnostik allgemein

Zunächst möchte ich definieren, was Psychosoziale Diagnostik in der Sozialen Arbeit überhaupt bedeutet.

Man könnte vielleicht denken, in der Sozialen Arbeit wären Diagnosen nicht so wichtig, geht es doch eher um Einfühlungsvermögen und Gesprächsführungskompetenz.

Allerdings finden sich erste Ansätze für systematisches Fallverstehen bereits in den 1920er Jahren in einem der ersten methodischen Lehrbücher zum Thema soziale Diagnosen von Alice Salomon (1926) : „Diagnostizieren verlangt von der Fachkraft, Material zu sammeln (eigene Beobachtungen und Aussagen anderer), das beschaffte Material zu prüfen und zu vergleichen, es zu bewerten, Schlüsse daraus zu ziehen – schließlich ein Gesamtbild zu erstellen, das erlaubt, einen Plan für die Abhilfe (Behandlung) zu schaffen“ Seit den 1990er Jahren findet eine Entwicklung statt, die zeigt, dass die „fachliche Debatte über Fallrekonstruktionen, Fallverstehen und Diagnostik in der sozialen Arbeit“ an Bedeutung gewinnt.[2]

Viola Harnach-Beck schreibt in ihrem Buch: „Diagnostizieren heißt, im Hinblick auf ein angestrebte Ziel regelgeleitet Informationen zu gewinnen“[3] Also geht es darum, das Erleben und Verhalten von Menschen auf professionelle Weise zu erkennen, und zwar im Kontext mit dem Sozialen Umfeld der Klientin. Das Problem soll in seinen Bezügen zur Lebenslage der Klientin erfasst werden, damit die Hilfen möglichst genau abgestimmt werden können.

Theoretisch lässt sich Diagnostik mit einem Puzzlespiel vergleichen.[4] Die einzelnen Puzzlesteine sind gezielte Gespräche und verschiedene psychologische Diagnostikmethoden, wie z.B. standardisierte Fragebögen. Am Ende soll sich daraus ein umfassendes Bild ergeben, mit dessen Hilfe ein individuell abgestimmtes Hilfe- beziehungsweise Therapiekonzept ermöglicht werden kann. Wichtig hierbei ist zunächst, die persönlichen Stärken und Ressourcen zu erkennen und eventuell zu stabilisieren, denn diese sind die nächsten und einfachsten Helfer in der Problemlösung.

Hauptsächlich geht es darum, die Situation der Familie angemessen zu erfassen und akzeptable Formen der Hilfe mit ihr zu vereinbaren. Sabine Ader zählt hierzu die Wahrnehmung komplexer Sachverhalte wie materielle Lebensumstände, den historischen Hintergrund der Klientin, die Tragfähigkeit aller engeren sozialen Beziehungen, die Belastungsfähigkeit sowie Veränderungs- und Lernbereitschaft der Beteiligten sowie deren ambivalenten, widerstreitenden Interessen, Hoffnungen und Ängsten.[5]

1.1. Merkmale Psychosozialer Diagnostik in der Sozialen Arbeit

Grundsätzlich versteht sich psychosoziale Beratung als ein Angebot an Menschen, die bestimmte Konflikte und Probleme in ihrem Leben nicht alleine bewältigen können. Durch psychologische, psychotherapeutische, sozialpädagogische (und eventuell seelsorgerische/theologische) Aspekte in der Beratung soll diesen Menschen ein besserer Überblick über ihre eigene Situation mitsamt deren Einflussmöglichkeiten gegeben werden, sodass sie am Ende befähigt sind, eigene Lösungen zu finden.[6]

Selten sind die herangetragenen Probleme einfach und leicht zu erkennen. Viel eher sind die Tatbestände sehr komplex und undurchsichtig, außerdem einem schnellen Wandel unterzogen. Oft wird die Situation noch unübersichtlicher, wenn verschiedene Handlungssituationen miteinander vernetzt sind und nicht getrennt voneinander betrachtet werden können.

Denn die Klientin ist zwar ein Individuum, das sich jedoch immer in der Interaktion mit seinen Mitmenschen im sozialen Umfeld bewegt. Somit kann nie nur eine Person allein im Mittelpunkt der Beratung stehen. Nicht umsonst heißt es psychosoziale Diagnostik; ohne das Umfeld in die Beratung mit einzubeziehen, ist kaum eine umfassende Problemlösung zu erzielen.

Zudem gehört zum Verstehen eines Falls immer, diesen aus verschiedenen Blickrichtungen der einzelnen Beteiligten zu sehen. Es gibt also keine „richtige“ Sicht der Dinge. Die verschiedenen Bewertungen und Interpretationen dienen im weiteren Verlauf der Beratung dazu, zukünftige Reaktionen und Verhaltensweisen aller Beteiligten zu berücksichtigen und mit in die Hilfe einzuplanen.[7]

Weiterhin muss mit Systemen gearbeitet werden, die eine enorme Dynamik aufweisen. Die Klientin befindet sich zum Zeitpunkt der Beratung nicht im Stillstand. Im Gegenteil, eher überschlagen sich die Ereignisse, mit denen sie alleine nicht mehr fertig wird; sonst wäre sie kaum zur Beratung gekommen. Somit kann die Sozialarbeiterin nicht mal eben abwarten, um sich später weiter in die Lage zu vertiefen. Dann kann es schon zu spät sein. Die Handlungssituationen entwickeln oft ein Eigenleben, und das unter Umständen mit Wechselwirkung zur Beratung. Dies erzeugt Zeitdruck.

Ein entscheidender Punkt, der bei der Hilfeplanung berücksichtigt werden muss, ist die Tatsache, dass die Sozialarbeiterin selten von Anfang an alle entscheidenden Faktoren kennt. Denn die Klientin entscheidet, was sie offen legen möchte und was nicht. Welche Informationen hiervon wichtig für den Beratungsprozess sind, lässt sich oft nicht auf den ersten Blick durchschauen. Zudem sind die Daten nicht objektiv, sondern durch die Gefühle und Interpretationen der Klientin beeinflusst. Diese Intransparenz erschwert der Beraterin die Diagnostik.

In der Regel haben Sozialarbeiterinnen also mit Situationen zu tun, die schwer durchschaubar, dynamisch und sehr komplex sind. Daher ist es zwingend erforderlich, dass die Beratung nicht „ins Blaue hinein“ erfolgt, sondern strategisch sinnvoll geplant wird.

Die Abklärung sämtlicher Voraussetzungen, Ziele und Mittel ist die Grundlage für eine gute Beratung.

Erschwerend für die Beraterin lässt sich also wie folgt zusammenfassen:

Einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung gibt es kaum, genauso wenig wie eine eindeutige Zuordnung von Problemen und Lösungen. Stets ist dies ein individueller Prozess, der so und so ausgehen kann.

Einmal gewonnene Erkenntnisse sind immer nur auf den Einzelfall bezogen und können nicht auf zukünftige Entscheidungen übertragen werden. Zudem gibt es nur einen begrenzten Zusammenhang zwischen fachlich getroffenen Entscheidungen beziehungsweise Interventionen und deren Ergebnissen.[8]

Umso wichtiger ist es also, einen genauen „Leitfaden“ in der Beratung zu befolgen, um sein Vorgehen jederzeit überprüfbar zu machen.

1.2. Phasen des Hilfeprozesses

Als Erstes erfolgt die Problemsichtung und Beratung. Hier wird der unmittelbare Handlungsbedarf erörtert und die Zuständigkeit überprüft. Hierfür ist eine ausführliche Anamnese, die schriftlich dokumentiert wird, vorteilhaft.

Anschließend erfolgt eine Klärung der individuellen Situation. Nach Abschluss der Diagnose erfolgt die Entscheidung über die Hilfe sowie deren Erbringung.

Während und nach Abschluss der Hilfe erfolgt geeigneterweise regelmäßig eine Evaluation, um ein weiteres „richtiges“ Vorgehen zu gewährleisten.

Dieser Leitfaden ist jeweils individuell geprägt von der Persönlichkeit der Beraterin. Hier spielen die persönliche Wahrnehmung und Erfahrung wie auch die Zugehörigkeit der Organisation mit wiederum eigenen Werten und Interpretationssystemen eine große Rolle. Dies wird sich in Kapitel 3. deutlich zeigen.

Somit ist fachliches Handeln trotz noch so gutem Fallverstehen, trotz planvollem, zielgerichtetem Tun immer auch eine gewisse Art von Experiment, dessen Ausgang niemand kennt.[9]

Doch was sind nach Kenntnis dieser ganzen Umstände die „richtigen“ Verfahren und Konzepte, auf welche Methoden und Arbeitsweisen kann sich die Beraterin verlassen?

1.3. Methoden des Diagnostischen Fallverstehens

Eine eindeutige, sicher passende Methode für jeden Einzelfall gibt es, wie bereits oben beschrieben, leider nicht.

Zunächst möchte ich jedoch die wesentlichen Zugänge und Materialen zu einem Fall nach Sabine Ader darstellen.

Hier geht es erst einmal darum, die Lebenssituation, Lebensgeschichten und das Lebensumfeld der Klientin kennen zu lernen. Dazu zählen Informationen wie:

- Daten und Fakten
- soziale und materielle Situation
- kritische Lebensereignisse
- Beeinträchtigungen und Gefährdungen
- individuelle und umfeldbezogene Ressourcen
- Aufträge und Erwartungen.

Hierbei sollte die Beraterin die Information möglichst aus verschiedenen Quellen erhalten.

[...]


[1] Der Einfachheit halber verwende ich nachfolgend stets die Abkürzung „SP/SA“ für den Terminus: die Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin

Unter Berücksichtigung von Gender-Aspekten möchte ich darauf hinweisen, dass ich im Folgenden ausschließlich weibliche Bezeichnungen wie „Beraterin“, „Klientin“ usw. verwenden werde. Dies soll jedoch nicht ausschließen, dass - mit Ausnahme von „die Schwangere“ - auch Männer gemeint sein können.

[2] Vgl. Quelle 1, S. 21

[3] vgl. Quelle 2, S. 18

[4] vgl. Quelle 10

[5] vgl. Quelle 3, S. 15

[6] vgl. Quelle 5, S. 18

[7] vgl. Quelle 1, S. 16

[8] vgl. Quelle 1, S. 16

[9] vgl. Quelle 1, S. 16

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638042420
ISBN (Buch)
9783640305667
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v90142
Institution / Hochschule
Hochschule Mannheim
Note
1,7
Schlagworte
Psychosoziale Diagnostik Fallanalyse Schwangerschaftskonfliktberatung

Autor

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Titel: Psychosoziale Diagnostik in der Sozialen Arbeit