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Entwicklung der Mahdi Doktrin in der iranisch-schiitischen Lehre. Schiitischer Messianismus und Utopie

Masterarbeit 2020 64 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen
2.1. Schia
2.2. Muhammad al-Mahdi
2.3. Theokratie/Gottesstaat

3. Klassifizierung des Schiitentums
3.1. 12er Schiiten
3.2. 7er Schiiten
3.3. 5er Schiiten
3.4. Aleviten
3.5. Alawiten

4. Messianismus, Millenarismus und Mahdi-Glauben in den abrahamitischen Religio-nen
4.1. Judentum
4.2. Christentum
4.3. Islam

5. Entstehung des Mahdi-Glaubens
5.1. Islamisches Schisma
5.2. Schiitische Geschichte und die Entstehung der Mahdi-Doktrin
5.3. Die Entwicklung der Mahdi-Doktrin im 19. und 20. Jahrhundert
5.4. Kernelemente des modernen Mahdi-Glaubens im Schiitentum

6. Die Analyse der Rede Ahmedinejads vor der UN-Vollversammlung 2012

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jews are waiting for the Messiah, Christians are waiting for Jesus, and Muslims are waiting for both the Mahdi and Jesus. All religions describe them as men coming to save the world.1

In Ägypten wurden seit Hassan Al-Banna Revitalisierungsversuche eines politischen Islams durch die Muslimbrüder initiiert. Ziel war und ist bis heute die Schaffung eines Islamischen Staates nach Vorbild des Stadtstaats Medina im 7. Jahrhundert. Dass für diese Gruppen dieses Ideal nach wie vor relevant ist, zeigen die Entwicklungen in Ägypten im Rahmen des arabi-schen Frühlings sowie die Entwicklungen nach der Machtergreifung durch die Muslimbruder-schaft.2 Geistige Väter dieser Bewegung sind Denker wie Sayyid Qutb, der zahlreiche Schriften darüber verfasst hat, wie eine Islamische Revolution auszusehen habe beziehungsweise wie ein Islamischer Staat gestaltet werden müsse. Eine andere Bewegung, die gezielt an der Idee eines Islamischen Staates arbeitet, ist die Hizb ut-Tahrir. Diese Strömung ist in vielen europäischen Ländern verboten, wie beispielsweise in Deutschland.3 An dieser Stelle könnten viele weitere fundamentalistische Strömungen aufgezählt werden, aber allen gemeinsam ist ihr Vorbild: die iranische Revolution. Denn die iranische Revolution hat nicht nur eine Theorie eines islamisch geprägten Staates aufgezeigt, sondern zugleich den Weg dorthin sowie die Implementierung des theokratisch-politischen Systems. Seit der iranischen Revolution im Jahr 1979 gelangte der Islam wieder in die Öffentlichkeit. Der Begründer der iranischen Revolution und Grossayatol-lah Ruhollah Khomeini schaffte es in einer modernen Zeit völlig überraschend einen islami-schen Staat zu realisieren. Khomeini schrieb 1942 ein Buch mit dem Titel ,,Die Enthüllung der Geheimnisse“ (Kasf al asrar)4, in dem er eine Lehre vom Islam und einer islamischen Herr-schaft unter Verantwortung von Gelehrten darlegte, die nicht zwingend eine Monarchie erfor-derte.5

In einem Interview von Januar 1979 auf CBS wurde Khomeini über seine Rolle in der irani-schen Regierung befragt. Darauf antwortete er, dass er keine Rolle in der Regierung anstrebe, sondern eher als Regierungsratgeber fungieren wolle: „CBS: ‚Then, you will in effect hold the highest authority in Iran?’ Homeyni replied; ‚God alone is the highest authority.’”6 Seit dem 15. November 1979 ist Khomeini in der iranischen Verfassung als ,,Führer der Islamischen Revolution im Iran“ 7 bestätigt. Am 3. Juni 1989 starb Khomeini und soll folgende letzte Worte von sich gegeben haben: I am at my last gasp; I hope I will not die a natural death. In my life I could not render a service to Islam; perhaps my death will occasion a service.“8

Obwohl das Kalifat, in dem der weltliche und geistliche Führer in einer Person vereint sind, im Jahr 1924 von ehemaligen türkischen Präsidenten Mustafa Kemal Atatürk abgeschafft wurde.9 Glaubte man, der Islam sei von der politischen Bühne verschwunden. Khomeini konnte als Gründer der islamischen Republik Iran durch die iranische Revolution eine Rückkehr des Is-lams in die Politik erzielen. Zeitungen und Nachrichtendienste überschlagen sich mit Schlag-zeilen über den Iran. So erregten nicht nur das von der EU initiierte gescheiterte Atomabkom-men oder der ständige Konflikt mit den USA Aufmerksamkeit, sondern auch die vom ehema­ligen Präsidenten der islamischen Republik Iran Mahmud Ahmedinejad gehaltene Rede im Jahr 2012 vor der UN-Vollversammlung. In der Rede kündigte Ahmedinejad das baldige Erscheinen des Messias Al-Mahdi an, wodurch er gleichzeitig empörte und begeisterte. Der Wunsch nach einer neuen Weltordnung, in der es Gerechtigkeit, Liebe und Frieden gäbe, prägte seine Rede und sollte durch das Erscheinen des Messias Al-Mahdi verwirklicht werden. Der Unbekannte Al-Mahdi geriet ab dem 21. Jahrhundert auch in den Fokus des Westens. Ob eine im Irak ent-standene Mahdi-Armee oder eine im Iran neu erbaute Strasse für den Messias - viele Handlun-gen wurden im Namen des Al-Mahdi gerechtfertigt.10 Auch das aus der iranischen Revolution resultierende theokratische System gab dem Al-Mahdi eine grosse (politische) Rolle, indem er offiziell durch Art. 5 der iranischen Verfassung zum Staatsoberhaupt des Irans gemacht wurde.11 Wer ist Al-Mahdi und wann und warum entstand der Glaube an einen im Verborgenen lebenden zwölften Imam? Um diese Frage beantworten zu können, ist es notwendig, die Ge-schichte der Schiiten zu verstehen und die historisch-theologische Rolle des Al-Mahdi zu erar-beiten. In dieser Arbeit soll die Frage, wie die historisch-theologische Rolle des Al-Mahdi die Tagespolitik im Iran beeinflusst, beantwortet werden. Im ersten Kapitel geht es darum, die Be-griffe Schia, Muhammad Al-Mahdi und Theokratie zu definieren. Im zweiten Kapitel werden die unterschiedlichen Strömungen im Schiitentum aufgeführt. Hier wird nur auf fünf grössten schiitischen Gruppierungen eingegangen: die 12er-, 7er- und 5er Schiiten sowie auf die Alevi-ten und Alawiten. Anschliessend wird die Idee der Erlösung aus der Sicht der abrahamitischen Religion aufgezeigt. Dabei wird kein tiefgehender Vergleich zwischen den Religionen ange-stellt, sondern vielmehr direkt auf den gemeinsamen Nenner dieser Religionen in Bezug auf den Messianismus eingegangen. Die historische Entwicklung des Mahdi-Glaubens von der Entstehung bis zur Gegenwart wird im vierten Kapitel behandelt. Hier wird chronologisch die Entwicklung des Mahdi-Glaubens aufgezeigt, vom Nachfolgestreit nach dem Tod des Prophe-ten Muhammad bis zur Sassanidendynastie. Danach werden die Kernelemente eines modernen Mahdi-Glaubens erarbeitet und aufgelistet, welche später mit der Rede des ehemaligen Präsi-denten Ahmedinejad vor der UN-Vollversammlung im September 2012 verglichen werden. Dabei wird die Rede im Ganzen wiedergegeben und abschnittweise analysiert. Im Fazit werden alle relevanten Erkenntnisse zusammengefasst und die Forschungsfragen beantwortet. Das Ziel dieser Arbeit ist es, zunächst die Entstehung des Mahdi-Glaubens nachzuvollziehen, um an-schließend den Gegenwartsbezug anhand der bestehenden islamischen Republik Iran und der Rede von Ahmedinejad aufzuzeigen.

2. Definitionen

2.1. Schia

Die Entstehungsgeschichte der Schiiten findet ihre Anfänge im Irak, der bis zum heutigen Tag eine bedeutende Rolle für den schiitischen Islam besitzt.12 So liegen nicht nur sechs der zwölf Imame im Irak begraben, es entwickelte sich hier im Mittelalter zudem die schiitische Lehre. Die Schia ist genauso wie der Islam selbst arabischer Abstammung, religiöse Schriften oder Literatur finden sich meist in arabischer Sprache. Im Irak gibt es ca. 18 Millionen Schiiten, die meisten von ihnen leben im südlichen Teil des Iraks.13 Im Iran waren die Schiiten lange Zeit eine Minderheit, erst nach der schiitischen Shah-Dynastie im Jahr 1501 wurde erfolgreich eine gezielte Schiitisierung der Bevölkerung vollzogen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts waren 90 % der iranischen Bevölkerung Schiiten, unter anderem auch die im Iran lebenden türkischspre-chenden Aserbeidschaner, die Azeris. Heute hat der Iran mit ca. 68 Millionen den höchsten Anteil an schiitischen Einwohnern im eigenen Land14. Schiiten gibt es auch in Afghanistan, Indien, Pakistan und in den Golfstaaten. .15

Im Folgenden wird erläutert, woran Schiiten glauben und worin die Unterschiede zum sunniti-schen Glauben liegen. Schiiten lassen sich in mehrere Gruppen unterteilen: Es gibt die 12er-, 7er- und 5er-Schiiten sowie Aleviten und Alawiten. Auf diese Klassifizierungen im Schiitentun wird in Kapitel 3 näher eingegangen. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die 12er-Schiiten, die sich hauptsächlich aufgrund ihres Glaubens an den verborgenen zwölften Imam Al-Mahdi von den anderen schiitischen Gruppierungen sowie von den Sunniten abgrenzen. Ein wesentlicher Grund, der die Spaltung in Sunniten und Schiiten hervorbrachte, war die Frage danach, wer nach dem Tod des Propheten Muhammad im Jahr 632 die muslimische Gemeinschaft führen sollte. Die Schiiten waren der Meinung, dass Ali ibn Abi Talib, der Vetter und spätere Schwie-gersohn von Muhammad, der rechtmässige Nachfolger des Propheten Muhammad sei.16 Damit legten sie das Kriterium der Blutsverwandtschaft für die Nachfolgeregelung fest. Als nach dem Tod des Propheten jedoch Abu Bakr und nicht Ali ibn Abi Talib Muhammads Nachfolger wurde, stiegen die politischen Spannungen. Diese verschärften sich noch, als Abu Bakr, bevor er nach zwei Jahren verstarb, Umar zu seinem Nachfolger ernannte und dieser vor seinem Ab-leben wiederum Uthman aus dem mekkanischen Clan Umayya auswählte. Ali ibn Abi Talib galt aus schiitischer Sicht als einzig legitimer Nachfolger des Propheten Muhammad, erhielt die Führung jedoch erst im Jahr 656. Später wurde er vor einer Moschee in Kufa niedergesto-chen und starb.

Die Bedeutung des arabischen Wortes Schia meint „Partei“. Die „Partei Alis“ (schīʿat ʿAlī) lebte auch nach der Ermordung Alis weiter, in der Hoffnung, dass seine Söhne den Platz ihres Vaters einnehmen würden.17 Die „Partei Alis“ hatte damals noch keine religiösen Züge, es ging lediglich darum, die politische Macht zurückzugewinnen.18

Die brutale Ermordung des dritten Imams Al-Husain und seiner Gefolgschaft in Kerbela im Jahre 680 ist der Ursprung des bis heute geltenden religiösen Trauermonats der Schiiten. Aus den Schuldgefühlen der Parteigenossen, die Al-Husain nicht beigestanden hatten, entstanden die Aschura-Riten, auch bekannt als Trauer-Ritual. Das Trauer-Ritual soll das Versagen und die Schuld der Partei deutlich machen und hat den Charakter einer Busse. Dabei fügen sich die Schiiten Verletzungen zu, die symbolisch für die Bereitschaft stehen mit dem Imam in Kerbela zu sterben.19

Über den neunten, zehnten und elften Imam sind keine weiteren politischen Aktivitäten in den historischen Quellen ersichtlich.20 Die frühen Tode der Imame, wurden nicht nur durch Kämpfe verursacht. Die Kalifen liessen die Imame umbringen, um die schiitische Gemeinde zu schwä-chen. Bis zum Jahr 873 erlitten die Schiiten viele Schicksalsschläge. Auch mit dem Tod des elften Imams wurde die schiitische Gemeinde erneut auf die Probe gestellt. Da auch der elfte Imam keine männlichen Nachkommen hatte, war die Frage darüber, wer nun das Imamat er-halten sollte, unklar. Dieser Zeitabschnitt wird als die Zeit der „Verwirrung“ bezeichnet, denn die schiitische Gemeinde zerfiel erneut in mehrere Gruppen. Eine Gruppe war der Meinung, dass der elfte Imam einen Sohn hatte, der 869 mit dem Namen Muhammad al-Mahdi geboren wurde, der von seinem Vater versteckt worden sein soll, um ihn vor den Kalifen zu schützen.21

2.2. Muhammad Al-Mahdi

Der Glaube an einen zwölften Imam Muhammad Al-Mahdi setzte sich erst im Verlauf von zwei Jahrhunderten richtig durch. Denn nach der mehrheitlichen islamischen, vor allem sunnitischen Auffassung, hatte der elfte Imam keine männlichen Nachkommen. Der Glaube an das Vorhan-densein eines zwölften Imams befreite die Schiiten von ihrer „Verwirrung“ und vereinigte die schiitische Gemeinde wieder. Die in der Zeit der „Verwirrung“ entstandenen Sekten und Grup-pen verschwanden. Der Glaube an die Existenz eines zwölften Imams, der im Verborgenen lebt und zurückkehren wird, gilt als wichtigstes Differenzierungsmerkmal zwischen den anderen schiitischen Gruppen, sowie den Sunniten. 22

Noch in der Zeit von 874 bis 941, welche als „die kleine Abwesenheit“ bekannt ist, soll der zwölfte Imam Briefe mit Anweisungen durch seine Botschafter an die Gemeinde übergeben haben. Nach 941 folgte die Zeit der ,,grossen Abwesenheit“, die bis heute andauert. Der zwölfte Imam hat keinen Stellvertreter auf Erden. Er sei von Gott vor den Augen der Menschen verbor-gen und seine Lebenszeit sei verlängert. Al-Mahdi trete gemäss schiitischem Glauben mit nie-mandem in Kontakt. Hin und wieder erscheine er jedoch Gläubigen, so die schriftlichen Quel-len, in Träumen oder Visionen. Er solle erst wiedererscheinen, wenn Gott es bestimme. Die Rückkehr werde vor dem Eintreten des Jüngsten Gerichts erfolgen. Dabei werde er seine Feinde besiegen und für eine bestimmte Dauer der legitime Herrscher auf Erden sein.23 Al-Mahdi sei ein hübscher junger Mann, mit schönem schwarzem Haar, heller Haut und von mittlerer Statur:

A line of green hair is said to extend from his neck to his navel; he has a tanned complexion, a bright forehead, stretched and long eyebrows, and a delicate body. His teeth are white and gapped and are much like scattered pearls. On his right cheek there is a bright Hashemite mole. His hair and beard are long and darkish brown in color, and he wears an Arabic turban.24

Obwohl Al-Mahdi sehr alt sei, besitze er ein junges Aussehen, so dass er nicht älter als 40 Jahre geschätzt werde. Er wird eine neue Weltordnung erschaffen und mit den loyalen Muslimen gegen die Juden kämpfen um Israel erobern.25

Seine Rückkehr werde auf den 10. Muharram fallen, den Tag von al-Husains Schicksal bei Kerbela, das Jahr und der Monat seien jedoch unbekannt. Er werde in Mekka an der Kaaba erscheinen und die Menschen dazu auffordern ihm zu folgen.26 Vor seiner Wiederkehr werde es zahlreiche apokalyptische Vorzeichen geben. So werde die Sonne sich verfinstern, Heuschre-ckenschwärme würden verstärkt erscheinen und die Erde würde beben:

Daraufhin werden alle Krankheiten und Leiden hinweggenommen von den Parteigängern (schî‘a) des Mahdi – Friede auf ihm! – ,die die Wahrheit glauben, und zu diesem Zeitpunkt werden sie wissen, daß er in Mekka erschienen ist, und sie werden hineilen, ihm beizustehen.27

Die detailliert ausgeschmückten Vorzeichen, erregen Furcht, geben aber gleichzeitig, einen Ori-entierungsrahmen für die Erscheinung des al-Mahdi.

Der zwölfte Imam werde allerdings nicht allein erscheinen, sondern umgeben von seiner Ar-mee, die sich aus „den Engeln“, „der Furcht“ und „den Gefährten“ zusammensetzt, und über das Übel in der Welt siegen. Die 313 Engel seien jene, die auch schon für den Propheten ge-kämpft hatten, „die Furcht“ deute auf eigenartige himmlische Wesen hin und die 313 Gefährten, die vermutlich persischsprachigen Gefährten, besäßen besondere Fähigkeiten. So sollen sie un-besiegbar sein und über Wasserflächen gehen können.28 Während seiner Herrschaft werde Al-Mahdi die Kaaba niederreißen und nach dem Beispiel von Abraham und Ismael neu aufbauen. Er werde durch mehrere Ortschaften wandern und alle falschen Moscheen der autoritären Ka-lifen zerstören und Kufa zu seiner Hauptstadt machen. Von dort aus werde er in einer neuen Moschee zu seinen Anhängern sprechen. Nach der Eroberung Iraks und der Landschaft Hid-schaz, in dem Mekka und Medina liegen, werde Al-Mahdi Syrien und Ägypten erobern. Sein Ziel sei es, eine faire Welt frei von Unterdrückung zu schaffen. Unter der Herrschaft Al-Mahdis sollen paradiesische Zustände existieren, die zu einer perfekten islamischen Gesellschaft führ-ten. Es gebe keine Bedürftigen mehr, Gewalt und Leid seien fremd und alle Menschen lebten friedlich nebeneinander.29

Über die Dauer seiner Herrschaft gibt es unterschiedliche Quellen. Es wird von sieben, neun oder neunzehn Jahren gesprochen, auch 319 Jahre könnte Al-Mahdi auf der Welt herrschen. Was jedoch nach seiner Herrschaft passiert, darüber sind die schiitischen Autoren uneinig. Die einen sind überzeugt davon, dass die Toten auferstehen und das Jüngste Gericht eintritt. Andere dagegen meinen, dass Al-Mahdi während seiner Herrschaft sterben wird und seine Helfer, bis zum Anbruch des Jüngsten Gerichts, die Welt regieren werden.30

Da die Ankunft des Al-Mahdi immer noch ungewiss war und er sich in seiner „grossen Abwe-senheit“ befand, war die schiitische Gemeinde bei der Frage, wer während der Abwesenheit des zwölften Imams als sein Stellvertreter die Gemeinde führen werde. Die schiitische Geschichte beschäftigt sich seither immer wieder mit dieser Frage. Ein Beispiel dafür ist die Revolution im Iran 1979.31

2.3. Theokratie/Gottesstaat

Der Begriff ,,Theokratie“ wurde vom griechischen Schreiber Flavius Josephus in seiner Schrift Contra Apionem um das Jahr 96 begründet und fand seine Rückkehr im 17. Jahrhundert. Jo-sephus vergleicht darin die jüdische Verfassung mit den griechischen Staatslehren (Monarchie, Aristokratie und Demokratie) vergleichen. Richard Baxter übernahm den Begriff und beschrieb damit ein Gesellschaftssystem, welches sich vollständig nach religiösen Normen richtet. Damit wurde der Begriff ,,Theokratie“ erstmals in einen politischen Kontext gebracht und im 18. Jahr-hundert sogleich für die Beschreibung der Priesterherrschaft genutzt.32

Theokratie meint im politischen Kontext eine Gesellschaft, in der „die von Gott etablierten Normen alleiniges Fundament menschlicher Gemeinschaftsbildung sind“33. Die Machthaber legitimieren ihre Herrschaft, indem sie sich auf den Willen Gottes beziehen, dabei werden reli-giöse Normen zu staatlichen Gesetzen. In einer Theokratie sind Herrscher politische wie auch religiöse Führer. Oft wird der Begriff „Theokratie“ mit dem Begriff „Gottesstaat“ gleichge-setzt.34 Theokratie im engeren Sinne lehnt die menschliche Herrschaft ab, obgleich ein Wettbe-werb zwischen göttlicher und menschlicher Herrschaft existiert. Theokratie im weitesten Sinne hingegen meint die alleinige Gottesherrschaft, die von menschlicher Herrschaft auf Erden nur repräsentiert wird. Der menschliche Herrscher erkennt die Gottesherrschaft voll und ganz an und steht nicht im Wettbewerb zu dieser.35 Mittels der Theokratie lässt sich die Bevölkerung leichter bändigen, da der Verweis auf religiöse Gesetze oft effektiver ist. Dabei wird beim gläu-bigen Individuum eine innere Zustimmung für das Handeln des theokratischen Staates ausge-löst.36 Unabhängig vom sozialen und politischen Status der Menschen müssen die göttlichen Gesetze in einer Theokratie anerkannt und eingehalten werden. Weltliche Gesetze sind, sofern diese gegen die göttlichen Gesetze verstossen, unzulässig. Aus politischer Sicht funktioniere die Theokratie nur in gewissen Bereichen der Welt. Herrscher und Institutionen können mit dem Verweis auf die Religion ihre Macht begründen und stabilisieren.37 Tocqueville beschäf-tigte sich mit dem Thema der Religion als politische Einrichtung und sagt hierzu:

Jede Religion wird von einer ihr verwandten politischen Meinung begleitet. Überlässt man den mensch-lichen Geist seiner Neigung, wird er die politische Gesellschaft und den Gottesstaat übereinstimmend ordnen; er wird, wenn ich so sagen darf, die Erde mit dem Himmel in Einklang zu bringen suchen.38

Trampedach und Pecar definieren den Begriff Theokratie als ,,eine Ordnung, in der Gott selbst herrscht“39. Dabei besitzen die drei monotheistischen Weltreligionen jeweils eine andere Auf-fassung von Gottesherrschaft. In einer Theokratie müssen neben religiösen Gesetzen auch Ent-scheidungen und politische Handlungen göttlichen Ursprungs sein. Beispielsweise erhielten die ersten Kalifen von der Gemeinde Anerkennung, da diese den Islam weiterverbreiteten und zu-dem aus dem Umkreis des Propheten Muhammads stammten und so ihre Herrschaft legitimie-ren konnten. Trampedach und Pecar nennen eine weitere Möglichkeit, um Herrschaft in einem theokratischen Staat zu legitimieren: Die Inszenierung der eigenen Religiosität, welche beson-ders im 16. und 17. Jahrhundert unter den französischen Königen beliebt war.40 Im Islam sei es, gemäss iranischer Verfassung, Gott, als absoluter Herrscher, der über die Menschen herrscht.41 In der Islamischen Republik Iran wird jedoch auf mehr als nur auf die Höhere Macht gesetzt; auch die Einhaltung der Glaubensprinzipien – ,,Glaube an Gott, die Offenbarung, das Imamet und das Jenseits“ 42 – der Menschen sind wichtig. Strobel beschreibt das politische System des heutigen Irans als „Khomeinismus“, der theokratische, autoritäre und demokrati-sche Merkmale beinhalte.43

3. Klassifizierung des Schiitentums 3.1. 12er Schiiten

Die 12er Schiiten, auch ,,Imamiya“ (Imamiten) genannt, glauben wie beschrieben an zwölf Imame, von denen der zwölfte Imam Muhammad Al-Mahdi seit dem Jahr 874 in der Verbor-genheit lebt und irgendwann wiederkehren wird, um die Welt zu erneuern. Diese Richtung des Islam ist heute Staatsreligion des Irans und die Basis der persischen Jurisprudenz. Der Glaube an die zwölf Imame beginnt mit dem Tod des Propheten Muhammad im Jahr 632 und endet mit der ,,grossen Verborgenheit“ des zwölften Imam Al-Mahdi.44 Als erster Imam gilt nach schii-tischer Sicht Ali ibn Abi Talib, er lebte von 598-661 und galt als einer der ersten, die an den Propheten Muhammad glaubten, und besass eine besondere Position beim Propheten. Ali be-herrschte das Kalifat nur fünf Jahre lang, da er im Jahr 661, im Alter von 63 Jahren, ermordet wurde.45 Alis Nachfolger und zweiter Imam war sein Sohn Al-Hasan, der aus einer Ehe mit der Prophetentochter Fatima stammte. Al-Hasan war zum Zeitpunkt des Todes Alis ca. 36 Jahre alt und starb zwischen 670 und 680. Al-Hasan nahm nie das Kalifat an, sondern überreichte wäh-rend Verhandlungen in Al-Mada am Tigris für einen hohen Geldbetrag das Kalifat in Kufa an Muawiya.46 Die Nachfolge ging also über auf Alis zweiten Sohn und dritten Imam Al-Husain, der nun seinen Anspruch auf das Kalifat gelten machen wollte. Auch Al-Husain schaffte es nicht auf den Thron, da er und seine Gefolgschaft im Jahr 680 bei der Tragödie von Kerbela ermordet wurden. Vierter und Fünfter Imam waren Ali Zain Al-Abidin und Muhammad Al-Baqir; beide starben zu Beginn des achten Jahrhunderts.47 Der sechste Imam Dschafar As-Sa-diq, Sohn des fünften Imams Muhammad Al-Baqir, starb im Jahr 765 und galt als Begründer des schiitischen Rechts. Er war, liberal und aufgeklärt. Er führte Diskussionen mit Gelehrten verschiedener Denkrichtungen und war Privatgelehrter für rechtliche und religiöse Fragen.48

Da Dschafars Söhne, die für das Imamat geeignet gewesen wären, vor ihm starben und es damit keine klaren Nachfolger gab, zerteilte sich die schiitische Gemeinde in mehrere Gruppen, von denen es heute nur noch die Ismailiten gibt. Musa Al-Kazim, auch ein Sohn Dschafars, wurde zum siebten Imam, der aber unter dem Kalifen Harun Ar-Rashid in Bagdad gefangen gehalten wurde. Musa starb im Jahr 799. Sein Sohn Ali Ar-Rida, der achte Imam, wurde ebenfalls von Al-Mamun, Sohn des Kalifen Harun Ar-Rashid, im Jahr 816 von Medina in das östliche Mary, Turkmenistan deportiert.49 Der Kalif machte Ali Ar-Rida zu seinem Schwiegersohn und Thron-folger, indem er ihm seine Tochter zur Frau übergab. Imam Ali Ar-Rida starb im Jahr 818 im Osten Irans und ist damit der einzige Imam, der im Iran begraben liegt. Der neunte Imam, Muhammad Al-Dschawad, starb sehr früh im Jahr 835 mit 24 Jahren und der zehnte Imam Ali Al-Hadi starb im Alter von 40 Jahren in der Stadt Samarra, nordwestlich von Bagdad, die da-mals als Hauptstadt des Kalifenreichs galt. Der elfte Imam war Al-Hasan Al-Askari, welcher unfreiwillig im Heerlager des Kalifen Al-Mutawakkil in Samarra lebte und mit 28 Jahren starb. Er liegt neben seinem Vater Ali Al-Hadi begraben.50

3.2. 7er Schiiten

Die 7er Schiiten oder auch Ismailiten bilden nach den 12er Schiiten die zweitgrösste schiitische Gemeinschaft und folgen nur sieben Imamen. Die Ismailiten leiten sich, wie der Name schon verrät, von Ismail ab, einem Sohn von Dschafar As-Sadiq. Als religiöse Minorität sind die 7er Schiiten auf über 35 Länder auf fast allen Kontinenten verteilt.51 Die weltweit ca. 20 Millionen Ismailiten52 leben heute vor allem in Pakistan, Syrien, Afghanistan und Indien53. Wegen unter-schiedlicher Ansichten über die Imamatsnachfolge zersplitterte die schiitische Gemeinde in mehrere Gruppen. Die 7er Schiiten entstanden, als es um die Nachfolge von Imam Dschafar As-Sadiq im Jahr 765 ging.54 Der Glaube an den Sohn Ismail, des sechsten Imams Dschafars, als siebten Imam unterscheidet die 7er Schiiten von anderen schiitischen Gruppen. Nach der ismailitischen Auffassung ernannte Dschafar As-Sadiq vor seinem Tod Ismail als seinen Nach-folger.55 Dieser sei gemäß anderen schiitischen Gruppen jedoch nach Al-Mufid schon vor sei-nem Vater gestorben. Nach ismailitischen Aussagen aber überlebte Ismail seinen Vater und Sadiq_AS_An_Analysis_of_a_Text_in_English/data/5a02d25d4585155c96d2c800/Discourse-Ethics-in-the-Tra-dition-of-Imam-Jafar-As-Sadiq-An-Analysis-of-a-Text-in-English.pdf. (zugegriffen am 12.03.2019). wurde zum siebten Imam.56 Nichtsdestotrotz wollten drei andere Söhne Dschafars das Erbe ihres Vaters einfordern. Einige der Ismailiten glaubten, dass Ismail als Al-Mahdi wiederkom-men werde und sein ältester Sohn Muhammad in der „Periode der Verhüllung“ leben würde, um sich vor den Abbasiden zu schützen.57 Anders als bei den 12er Schiiten, die immer noch auf die Rückkehr des Al-Mahdi warten, soll der Al-Mahdi der Ismailiten bereits im 9. Jahrhundert erschienen sein. Durch ihre spirituelle Einstellung und die Neigung zur Theosophie58 interpre-tieren die 7er Schiiten islamische Gesetze nach ihrer Vorstellung. .59 Auch zeichnen sie sich durch ihre tolerante Einstellung gegenüber anderen Ethnien und Religionen aus.60 Dies soll folgendes Zitat eines Imams der 7er Schiiten verdeutlichen:

In the Muslim ethical tradition, which links spirit and matter, the Imam not only leads in the interpretation of the faith, but also in the effort to improve the quality of life of his community, and of the wider societies within which it lives; for a guiding principle of the Imamat’s institutions is to replace walls which divide with bridges that unite.61

Aus den 7er Schiiten kristallisierten sich später andere Gruppen wie die Assassinnen und die Karmaten heraus,62 auf die im Folgenden jedoch nicht weiter eingegangen wird.

3.3. Die 5er Schiiten

Die 5er Schiiten, oder auch vermehrt Zaiditen genannt, berufen sich auf die Lehre des Zaid Ibn Ali, den Enkel Al-Husains. Um das Jahr 730 führte Zaid Ibn Ali einen Aufstand in Kufa an und starb durch die Männer des Kalifen Hischam.63 Eine feste Imam-Reihenfolge gibt es bei den 5er Schiiten nicht, d. h. sie akzeptieren jeden der Nachkommen Al-Hasans oder Al-Husains als Imam, der sich mit dem Schwert die Nachfolge Muhammads erkämpfen konnte. Neben der Abstammung muss der Imam das islamische Recht kennen, als tapfer gelten und ein enthaltsa-mes Leben führen.64 Unter den Zaiditen gibt es zwei Abspaltungen, die in den historischen Quellen erwähnt werden: die Butriten, welche Abu Bakr und Umar als Kalifen anerkannten, und die Garuditen, welche Ali Ibn Abi Talib als rechtmässigen Nachfolger Muhammads ansa-hen.65 Für die 5er Schiiten hatte Ali aufgrund seines frühen Glaubens an den Islam und als Vorbild für alle Muslime zweifellos ein Recht auf das Imamat, sowie seine Söhne Al-Hasan und Al-Husain. Danach gibt es keine konkrete Reihenfolge, wer das Imamat erhält, sondern jeder der Nachkommen Alis Ibn Abi Talib ist für sie für das Imamat qualifiziert und muss sich mit einem Schwert gegen die anderen durchsetzen – der „Sieger“ würde dann zum neuen Imam.66 Heinz Halm beschreibt den Unterschied zwischen den Imamiten und den Zaiditen fol-gendermaßen:

Die ersteren neigen in der Staatslehre zum Determinismus, nehmen glaubig [sic] den als Imäm [sic] hin, den ihnen Gott schenkt. Die Zatditen [sic]sind Synergisten, wollen unbeschadet der Anerkennung Gottes eben als seine Beauftragten am Geschick der Nationen mitwirken.67

Die 5er Schiiten glauben weder an einen im Verborgenen lebenden Imam, noch an einen feh-lerlosen Imam oder an einen Imam, der Wunder bewirkt. Verfestigt wurden die Lehren der 5er Schiiten während zweier Staatsgründungen im neunten Jahrhundert, in Tabaristan südlich vom kaspischen Meer und im Jemen. Tabaristan fand jedoch unter der Herrschaft von Al-Hasan Ibn Al-Qasim während der Kämpfe gegen die Samaniden von Buchara im Jahr 928 sein Ende. Die übriggebliebenen kaspischen Zaiditen verloren sich später in den Ismailiten und in den 12er Schiiten.68 Im zehnten Jahrhundert schwächelte das jemenitische Imamat aufgrund der Konfu-sion bezüglich der Nachfolge. Dies machten sich die ägyptischen Fatimiden zu Nutze und drängten die zaiditischen Jemeniten nach Norden.

Im Jemen wurde das Imamat während der Revolution vom 26. September 1962 von republika-nischen Offizieren komplett abgeschafft.69 Auch Muhammad Al-Badr Al-Mansur, der letzte König der Zaiditen, versuchte seinen Thron zurückzuerobern und scheiterte. Er starb im engli-schen Exil. Bis heute ist ungewiss, wer seine Nachfolge antreten wird. Doch nach den Lehren der 5er Schiiten ist der gegenwärtige Zustand nichts Unbekanntes, da ein neuer Imam jederzeit hervortreten könnte. Die insgesamt vier Millionen 5er Schiiten70 sind heute nur noch im Jemen zu finden, fast jeder dritte Jemenit gehört den 5er Schiiten an.71

3.4. Aleviten

Aleviten leben heute hauptsächlich in der Türkei72 und gelten, mit 15 bis 20 Millionen Anhän-gern, als religiöse Minderheit.73 Auch im deutschsprachigen Raum machen Aleviten 13 % aller Muslime in Deutschland aus.74 Sie mussten sowohl im osmanischen Reich als auch in der mo-dernen Türkei ihre Identität aufgrund von Verfolgung verstecken. Seit 1990 gelangten die Ale-viten durch eine strukturiertere Organisation zu neuem Selbstbewusstsein und einem Identitäts-gefühl.75 Der Begriff ,,Alevi“ bedeutet auf Türkisch und Arabisch „Anhänger des Ali“.76 Wie die 12er und 7er Schiiten glauben auch die Aleviten an Ali Ibn Abi Talib als rechtmässigen Nachfolger des Propheten und an die zwölf Imame. Sie erkennen die drei Kalifen Abu Bakr, Uthman und Umar, die sich die Nachfolge des Propheten sicherten, nicht an.77 Die alevitische Glaubensgemeinschaft entstand im 13. Jahrhundert im östlichen Anatolien und besitzt neben schiitischen Einflüssen auch vorislamische und mystische Elemente.78 Im 15. und 16. Jahrhun-dert wurden Aleviten aufgrund ihrer roten Kopfbedeckung Kizilbasch (Rotköpfe) genannt. Als im 15. Jahrhundert durch Sultan Selim I. die Verfolgung der alevitischen Gruppen ins Rollen gebracht wurde, insbesondere weil diese als Ketzer galten und sich mit den Safawiden gegen die Osmanen verbündet hatten, vereinigten sich die Kizilbasch-Aleviten mit den Bektashis.79 Über die Geschichte der Aleviten ab dem 16. Jahrhundert gibt es nur wenige Quellen. Gründe dafür sieht Sökefeld im Rückzug der Aleviten während der Verfolgung durch Sultan Selim I. Die Entstehungsgeschichte und die Glaubensvorstellungen verbinden die Aleviten mit den Schiiten, die einzige Ausnahme bildet jedoch die religiöse Ausübung.80 Die Einhaltung der fünf Säulen des Islam wird von den Aleviten abgelehnt. Aleviten beten nicht fünfmal am Tag, fasten im Ramadan nicht und pilgern auch nicht nach Mekka. Sie lehnen unter anderem die Gesetz-gebung der Scharia und die Moschee als Gebetshaus ab.81 Darüber hinaus soll der Koran in-haltlich verfälscht sein, den Grund sehen die Aleviten in der Niederschrift des Korans durch Die Bektashi sind ein, im 13. Jahrundert in Anatolien entstandener, islamisch-alevitischer Mystikerorden, der sich auf den Sufi Hadschi Bektash beruft (Wunn, S.282). den dritten Kalifen Uthman.82 Die Offenbarungen werden von den Aleviten nicht wörtlich ge-nommen, sondern interpretiert. Die Tragödie von Kerbela, in der Al-Husain und seine Nach-kommen starben, hat auch für die Aleviten eine zentrale Bedeutung. So fasten die Aleviten während des islamischen Monats Muharram drei Tage. Ihre rituellen Praktiken, wie Tänze oder das Vorlesen von Gedichten, werden in Gemeindehäusern oder im Haus eines Gläubigen, auch Cem- Häuser genannt, abgehalten.83 Das Ziel der Aleviten ist die Vervollkommnung des Men-schen (insan-i kamil olmak). Diese soll durch den Glauben an eine von Gott gegebene „heilige Kraft“ erreicht werden. Diese ,,heilige Kraft“ soll dem Einzelnen zu innerem Frieden und Stärke verhelfen und eine Verbindung mit Gott herstellen. Dabei sollen die Regeln der „vier Tore und vierzig Stufen“, die vom Koran abgeleitet sind, helfen. Diese Stufen bestehen aus Werten und Tugenden wie beispielsweise Nächstenliebe, Achtung vor der Natur, Bekämpfung des Egos und ehrliches Verhalten. Mit der Einhaltung der „vier Tore und vierzig Stufen“ beschäftigen sich die gläubigen Aleviten ihr ganzes Leben lang.84 Eine Konversion zum Alevitentum ist nicht möglich, da man nur als Alevit geboren werden kann.85 Zur Frage, ob Aleviten nun zu den Schiiten gehören oder eine eigenständige Konfession innerhalb des Islam sind, gibt es un-terschiedliche Meinungen.86 Die meisten Aleviten sind Türken oder Kurden. Die arabischspre-chenden Aleviten im Süden der Türkei gehören ursprünglich zu den Alawiten (auch Nusairier genannt).87 Die türkischen Aleviten unterscheiden sich in ihren Bräuchen von den syrischen Alawiten.88

3.5. Alawiten

[...]


1 Kabbani, Muhammad Hisham: The Approach of Armageddon? An Islamic Perspective. Islamic Supreme Council of America, Washington 2003, S. 228.

2 Vgl. Lübben, Ivesa: Wir sind ein Teil des Volkes: Zur Rolle und Strategie der Muslimbrüder in der ägyptischen Revolution, in: Holger, Abrecht; Demmelhuber, Thomas: Revolution und Regimewechsel in Ägypten, 14 (1), 2013, S. 245–246, unter: https://doi.org/10.5771/9783845243498-233 (zugegriffen am 11.03.2020).

3 Vgl. Hedayat, Ali: Politischer Islamismus und die internationale Politik. Die mobilisierende Rhetorik von Hizb ut-Tahrir, in: Journal for Deradicalization, (2), 2015, S. 52, unter: http://journals.sfu.ca/jd/index.php/jd/ar-ticle/view/11 (zugegriffen am 11.03.2020); Calvert, John: Sayyid Qutb and the origins of radical Islamism. Lon­don 2018, S.4.

4 Vgl. Hajatpour Reza: Iranische Geistlichkeit zwischen Utopie und Realismus. Ludwig Reichert Verlag, Wies­baden 2002, S. 203.

5 Vgl. Thoß, Gabriele; Richter, Franz-Helmut: Ayatollah Khomeini. Wurf Verlag, Münster 1991, S. 71.

6 Montazam, Mir Ali Asghar: The Life and Times of Ayatollah Khomeini. Anglo-European Publishing Ltd, Lon­don 1994, S. 184.

7 Schreiner, Hans-Peter et al.: Der Imam. St. Michael Verlag, Bläschke 1982, S. 141–143.

8 Montazam: S. 455.

9 Vgl. Duda, Herbert W.: Vom Kalifat zur Republik. Die Türkei im 19. und 20. Jahrhundert, in: Wiener Zeit-schrift für die Kunden des Morgenlandes, (51), 1948, S. 170, unter: https://www.jstor.org/stable/23867948 (zu-gegriffen am 11.03.2020).

10 Vgl. Steinberg, Guido: Trägt die neue Strategie im Irak, S. 2, unter: https://www.fi-les.ethz.ch/isn/118788/2007_Iraq_D.pdf (zugegriffen am 06.02.2020).

11 Constitution of the Islamic Republic of Iran, S. 8, unter: https://www.wipo.int/edocs/lexdocs/laws/en/ir/ir001en.pdf (zugegriffen am 16.03.2020).

12 Vgl. Bayram, Hacer: Die schiitischen Zentren an-Nağaf und al-Kūfa: ein historischer Überblick, 2014, S. 3, unter: http://www.academia.edu/download/33344892/Seminararbeit-Die_schiitischen_Zentren_an-Nagaf_und_al-Kufa.doc (zugegriffen am 05.10.2019).

13 Vgl. Stausberg, Michael: Der Zoroastrismus als iranische religion und die Semantik von ,Iran' in der zoroastri-schen Religionsgeschichte, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, 63 (4), 2011, S. 313–314, unter: https://doi.org/10.1163/157007311798293575 (zugegriffen am 05.10.2019).

14 Vgl. Gorges, Michael: Business-Knigge Iran. Mit interkultureller Kompetenz zum Erfolg im Iran-Geschäft. Springer Gabler, Wiesbaden 2016, S.6.

15 Vgl. Amirpur, Katajun: Der schiitische Islam. Reclam, Stuttgart 2015, S. 11.

16 Vgl. Fiedler, Markus: Die Schia im Islam. Eine Einführung in Entstehung, Geschichte und religiöses Denken der Schiiten. Traugott Bautz Verlag, Nordhausen 2016, S. 47–48.

17 Vgl. Stanford, Peter: Sunniten und Schiiten, in: 50 Schlüsselideen Religion. Spektrum Akademischer Ver-lag, Heidelberg 2011, S. 112–113.

18 Nasr, Hossein, in: Stanford, S. 114.

19 Vgl. Nejad Masoudi, Reza: The Discursive Manifestation of Past and Present Trough the Spatial Organization of the Ashura Procession, in: Space and Culture, 16 (2), 2013, S. 134, unter: https://doi.org/10.1177/1206331213475747 (zugegriffen am 09.03.2020).

20 Vgl. Halm 1998, S. 30–31.

21 Vgl. Fiedler, S. 74–75.

22 Vgl. Ourghi, Mariella: Schiitischer Messianismus und Mahdi-Glaube in der Neuzeit, Mitteilung zur Sozial-und Kulturgeschichte der islamischen Welt. Bd, 26, Ergon-Verlag, Würzburg 2008, S. 29.

23 Vgl. Richardson, Joel: Der Islamische Antichrist oder Ist der Islam unsere Zukunft, übersetzt von: Maria San­der, 2. Auflage, S. 17, unter: http://www.crash-news.com/web/wp-content/uploads/2012/12/Der-Islamische-An-tichrist.pdf (zugegriffen am 27.11.2019).

24 Ourghi 2008, S. 166; vgl. auch Haydari al-Suri, Muhammad: The countenance of al-Mahdi, unter: https://www.imamreza.net/old/eng/imamreza.php?id=7124 (zugegriffen am 09.03.2020).

25 Vgl. Richardson, S. 23.

26 Vgl. Halm 1998, S. 39.

27 Shayk al-Mufid, Kitab al-Irshad. The Book of Guidance into Lives of the twelve Imams. Engl. Übersetzung von I.K.A. Howard, London 1981, S. 541; Vgl. Harst, Sylva: Brauchen wir einen Messias? Messias-Erwartung und Endzeitsehnsucht vom alten Ägypten bis zum neuen Amerika. LIT Verlag, Münster 2009, S. 150.

28 Vgl. Cook, David: Contemporary Muslim Apocalyptic Literature. University Press, Syracuse 2005,S.203–209.

29 Vgl. Halm 1998, S. 46.

30 Vgl. ebd., S. 47.

31 Vgl. Trampedach, Kai; Pecar, Andreas: Theokratie und theokratischer Diskurs. Die Rede von der Gottesherr-schaft und ihre politisch-sozialen Auswirkungen im interkulturellen Vergleich (Colloquia historica et theologica 1), Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2013, S.10.

32 Vgl. Trampedach; Pecar, S. 5–6.

33 Ebd., S. 7.

34 Vgl. Schneider, Gerd; Toyka-Seid, Christiane: Theokratie. Der Staat beruft sich auf Gottes Gesetz, unter: http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/das-junge-politik-lexikon/222299/theokratie (zugegriffen am 16.10.2019).

35 Vgl. Assman, Jan: Theokratie im alten Ägypten, S.19, in: Trampedach, Kai; Pecar, Andreas (Hg.): Theokratie und theokratischer Diskurs. Die Rede von der Gottesherrschaft und ihre politisch-sozialen Auswirkungen im in-terkulturellen Vergleich (Colloquia historica et theologica 1), Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2013, S. 15–24.

36 Vgl. Krabbe, H.: Kritische Darstellung der Staatslehre. Springer, Dordrecht 1930, S. 3, unter: https://doi.org/10.1007/978-94-015-0745-5_10 (zugegriffen am 17.10.2019).

37 Vgl. Trampedach; Pecar, S. 1–2.

38 De Tocqueville, Alexis: Über die Demokratie in Amerika. Dtv Verlag, München 1976, S. 332.

39 Trampedach; Pecar, S. 8.

40 Vgl. ebd., S. 10.

41 Constitution of the Islamic Republic of Iran, S. 15, unter: https://www.wipo.int/e-docs/lexdocs/laws/en/ir/ir001en.pdf (zugegriffen am 07.03.2020).

42 Wahdat-Hagh, Wahied: Die islamische Republik Iran. Die Herrschaft des politischen Islam als eine Spielart des Totalitarismus. LIT Verlag, Münster 2003, S. 248.

43 Vgl. Strobel, Bastian: Gott + Staat= Gottesstaat. Das Verhältnis von Staat und Religion in Christentum und Islam. Baden Baden, 2017, S.74

44 Vgl. Falaturi, A. Djavad: Die Vernunft als Letztbegründung des Rechts in der schiitischen Lehre, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, 45 (3), 1959, S. 369, unter: https://www.jstor.org/stable/23677567 (zugegrif-fen am 12.03.2020).

45 Vgl. Al-Mufid: Kitab al-Irschad. Das Buch der Rechtleitung. Deutsche Übersetzung von Özoguz, Fatima, Bre­men 2006, S. 19; 22, unter: https://mabarrat.de/media/pdf/c8/c6/b9/Leseprobe_0003.pdf (zugegriffen am 12.03.2020).

46 Vgl. Lakhani, Ali, Shah-Kazemi, Reza und Leonard Lewisohn: The Sacred foundations of Justice in Islam: The teaching of Ali ibn Abi Talib. World Wisdom Inc, Vancouver 2006, S.109-110; Aslan, Reza: Kein Gott au-ßer Gott: Der Glaube der Muslime von Muhammad bis zur Gegenwart. C. H. Beck Verlag, München 2019, S.161.

47 Vgl. Halm 1998, S. 16; 26.

48 Vgl. Eesa Tahir, Maha: Discourse Ethics in the Tradition of Imam Jafar As_Sadiq (A.S.): An Analysis of a Text in English. University of Al_Qadisiyah, 2017, S. 8; 12, unter: https://www.researchgate.net/pro-file/Maha_Tahir_Eesa/publication/320922803_Discourse_Ethics_in_the_Tradition_of_Imam_Jafar_As-

49 Vgl. Halm 1998, S. 29.

50 Vgl. ebd., S. 27–31.

51 Vgl. Lakhani, M. Ali: Faith and ethics. The vision of the Ismaili Imamat. I. B. Tauris, London 2018, S. 3.

52 Vgl. Chebel, Malek: Islam für Anfänger. WBG Verlag, Darmstadt 2012, S. 65.

53 Vgl. Amirpur, S. 11.

54 Vgl. ebd., S. 5.

55 Vgl. ebd., S. 44.

56 Vgl. Al-Mufid, S. 431.

57 Vgl. Daftary, Farhad: Kurze Geschichte der Ismailiten. Kultur, Recht und Politik in muslimischen Gemein-schaften. Bd, 4, Ergon-Verlag, Würzburg 2003, S. 46–47.

58 Vgl. Chebel, S. 65.

59 Vgl. Daftary, S. 76.

60 Vgl. Lakhani, S. 3.

61 Ebd., S. 5.

62 Vgl. Daftary, S. 77.

63 Vgl. Halm 1998, S. 26.

64 Vgl. Van Ess, Josef: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert der Hidschra. Eine frühe Geschichte des religiösen Denkens im frühen Islam, Band 1. De Gruyter, Berlin; New York 1991, S. 259.

65 Vgl. Halm, Heinz: Die Schia. WBG Verlag, Darmstadt 1988, S. 244.

66 Vgl. Halm 1998, S. 244–245.

67 Strothmann, Rudolf: Das Staatsrecht der Zaiditen. Karl J. Trübner Verlag, Strassburg 1912, S. 46.

68 Vgl. Halm 1988, S. 247.

69 Vgl. ebd., S. 247–248.

70 Vgl. ebd., S. 249.

71 Vgl. Bawey, Ben: Assads Kampf um die Macht. Eine Einführung zum Syrienkonflikt. Springer VS, Wiesba­den 2016, S. 23–24.

72 Vgl. Fiedler, S. 81.

73 Vgl. Sökefeld, Martin: Aleviten in Deutschland: Identitätsprozesse einer Religionsgemeinschaft in der Diaspora. Transcript Verlag, Bielefeld 2008, S. 10.

74 Vgl. Haug, Sonja, Müssig, Stephanie und Anja Stichs : Muslimisches Leben in Deutschland – im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz. Nürnberg 2009, S. 97.

75 Vgl. Güzelmansur, Timo: Gott und Mensch in der Lehre der anatolischen Aleviten: Eine systematisch-theolo-gische Reflexion aus christlicher Sicht. Friedrich Pustet Verlag, Regensburg 2014, S. 28.

76 Vgl. Schweizer, Gerhard: Die Türkei. Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2008, S. 147.

77 Vgl. Sökefeld, S. 10.

78 Vgl. Alkan, Necati: Alawiten, Aleviten oder Nusairier?, unter: https://www.researchgate.net/profile/Ne-cati_Alkan/publication/292139250_Alawiten_Aleviten_oder_Nusairier/links/56a9d71108aef6e05df2ee72/Ala-witen-Aleviten-oder-Nusairier.pdf (zugegriffen am 02.11.2019).

79 Vgl. Wunn, Ina: Barbaren, Geister, Gotteskrieger. Die Evolution der Religionen – entschlüsselt. Springer Ver-lag, Berlin 2018, S. 303–305.

80 Vgl. Sökefeld, S.10–11.

81 Vgl. Sökefeld, Martin: Sind Aleviten Muslime. Aspekte einer Debatte unter Aleviten in Deutschland. Band 7, Ethnoscripts, München 2005, S. 129, unter: https://epub.ub.uni-muenchen.de/22316/2/Soekefeld_Sind_Alevi-ten_Muslime.pdf (zugegriffen am 01.11.2019).

82 Vgl. Kaplan, Ismail: Alevitische Grundlagen zum interreligiösen Lernen, in: Schreiner, Peter; Sieg, Ursula; Elsenbast, Volker (Hg.): Handbuch Interreligiöses Lernen. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2005, S. 150.

83 Vgl. Fiedler, S.81–81.

84 Vgl. Kaplan, S.152–153.

85 Vgl. Shindeldecker, John: Turkish Alevis today. II Alevi population Size and Distribution, S. 4, unter: https://www.alevibektasi.eu/index.php?option=com_content&view=article&id=684:turkish-alevis-to-day&catid=46:aratrmalar-ingilizce&Itemid=69 (zugegriffen am 07.03.2020).

86 Vgl. Olsson, Tord; Ozdalga, Elisabeth; Raudvere, Catharina: Alevi identity. Cultural, religious and social per­spectives. Routledge, Istanbul 2005, S. 7.

87 Vgl. Van Bruinessen, Martin: Kurds, Turks and the Alevi revival in Turkey. Middle East Report, Nr. 200, 1996, S. 7., unter: doi:10.2307/3013260 (zugegriffen am 02.11.2019).

88 Vgl. Schweizer, S. 147–148.

Details

Seiten
64
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346210654
ISBN (Buch)
9783346210661
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v900933
Institution / Hochschule
Universität Zürich
Note
2,0 (CH 5,0)
Schlagworte
Iran Messianismus Schiiten Ahmedinejad Safaviden Schiitische Geschichte Politisches System Religion Islam Vereinte Nationen Al-Mahdi Zwölfter Imam Endzustand Messias Jesus Judentum Christentum

Autor

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Titel: Entwicklung der Mahdi Doktrin in der iranisch-schiitischen Lehre. Schiitischer Messianismus und Utopie