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Kulturgeschichte des Heiligen Grals und das Gralmotiv im Film

Magisterarbeit 2007 110 Seiten

Kulturwissenschaften - Empirische Kulturwissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ursprung des Heiligen Grals

3 Der Heilige Gral im Wandel der Zeit
3.1 Mittelalter
3.1.1 Chrétien de Troyes - Perceval
3.1.2 Wolfram von Eschenbach - Parzival
3.1.3 Robert de Boron - Geschichte vom Graal
3.1.4 Der Gral im späten Mittelalter
3.2 Neuzeit
3.2.1 Verschiedene Werke zum Gralthema
3.2.2 England und das „Arthurian Revival“
3.2.3 Richard Wagner - Lohengrin und Parsifal
3.3 Das 20. Jahrhundert
3.3.1 Der Gral unter dem Einfluss der Weltkriege
3.3.2 Spätes 20. Jahrhundert
3.4 Wandlung des Gralmotivs

4 Der Heilige Gral im Film
4.1 Filme zum Gralthema
4.1.1 The Knights of the Round Table
4.1.2 Das Gralthema im französischen Autorenfilm
4.1.3 Monty Python and the Holy Grail
4.1.4 Richard Wagners Parsifal. Verfilmung von H.-J. Syberberg
4.1.5 Excalibur
4.1.6 Indiana Jones and the last Crusade
4.1.7 The Fisher King
4.1.8 The Da Vinci Code
4.2 Unterschiede des Gralmotivs im Film

5 Resümee

6 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Der Mythos vom Heiligen Gral ist in der abendländischen Kultur eine der bekanntesten und zugleich sagenumwobensten Erzählungen seit dem Mittelalter. Die allgemeine Vorstellung vom Gral bezieht sich dabei zumeist auf den Kelch Christi, mit dem er beim letzten Abendmahl speiste und welcher durch diesen mit geheimnisvollen Kräften erfüllt ist, wobei die gebräuchlichste Version hierbei sicherlich ist, dass der Gral dem Besitzer ewiges Leben verleihen kann. Eine Vorstellung, die sicher auch deshalb gerne aufgegriffen wird, da sie gleich zwei große Mythen miteinander vereint, den des Heiligen Grals und den des ewigen Lebens. Auch werden dem Gral Attribute zugesprochen, die demjenigen, der ihn zu finden imstande ist, Gesundheit und Wohlergehen oder sogar Erleuchtung, schenken können. So stellen sich bereits die ihm innewohnenden Kräfte als Mysterium heraus, ein Rätsel, das jedoch weiterhin zu der bestehenden Legende beiträgt. Durch die Zuordnung zur Heilsgeschichte Jesu spricht man den Gral explizit dem Christentum zu, er erscheint gar als höchste Reliquie Christi, da keiner anderen derartige Wunder zugesprochen werden als diesem Objekt. Dabei ist allerdings von dessen wahrer Herkunft im Allgemeinen wenig bekannt. Ob es sich tatsächlich um ein Motiv christlichen Ursprungs handelt, es demzufolge auch ein einheitliches Bild vom Gral gibt, oder dieser gar auf andere Quellen zurückzuführen ist, soll im Folgenden behandelt werden. Ebenso soll untersucht werden, wie unterschiedlich sich auch die Literatur der vergangenen Jahrhunderte seit dem ersten Erscheinen des Heiligen Grals zu diesem Thema darstellt, was deren eigentlicher Ursprung gewesen ist, wie sich das Bild vom Gral über die Zeit verändert hat und was im Übrigen dazu geführt hat, dass dieses Objekt zu einen Mythos hat werden lassen, der die Menschen bis heute fasziniert.

Im 20. Jahrhundert übernahmen auch Filmemacher das Gralmotiv in zahlreichen Werken, in denen es zumeist ein zentrales Element im Handlungsschema darstellt. Weitgehend tritt auch hier der Gral als Abendmahlskelch Christi in Erscheinung, der in zahlreichen Versionen das Ziel der Suche heldenhafter Charaktere ist. In jüngster Zeit entstanden zudem immer neue Varianten des Gralfilms, in denen das mythische Objekt aus dem mittelalterlichen Umfeld in die Moderne versetzt gezeigt wird. Bei diesen scheinen die vormals ritterlichen Motive zur sagenhaften Suche vordergründig nicht der aktuellen Grundhaltung zu entsprechen. Insgesamt weisen auch die Filme zum Gralthema ein breites Spektrum an Variationen auf, wobei sich die Regisseure nicht auf ein bestimmtes Genre beschränken, sondern das Gralmotiv in den unterschiedlichsten Filmgattungen unterzubringen wissen. In den meisten Fällen ist dabei dem Zuschauer vermutlich unbekannt, auf welche Quellen sich der jeweilige Filmemacher bei seiner Version bezieht. Auf der Basis der untersuchten Literatur soll somit anhand verschiedener Filme mögliche Quellen und somit Darstellungsschemata betrachtet werden und ebenso, inwiefern sich der bestehende Mythos mit Hilfe des Mediums Film verändert und weiterentwickelt hat.

2 Ursprung des Heiligen Grals

Die Legende vom Heiligen Gral ist eine der bekanntesten Erzählungen der abendländischen Kultur und tritt bis heute in sämtlichen Medien vom Buch bis zum Film in Erscheinung. Die Anfänge dieser Sage sind den meisten Menschen dabei wohl ebenso wenig bekannt wie die ursprüngliche Bedeutung und die Entwicklung, welches das Gralmotiv im Verlauf der Zeit gemacht hat. Diese Kulturgeschichte des Grals soll nun im Folgenden einer genauen Betrachtung unterzogen werden.

Das Gralmotiv, wie es heute allgemein bekannt ist, geht auf Romane des frühen Mittelalters zurück. Die erste uns bekannte Niederschrift dieses Themas ist der Roman Le Conte du Graal (im Deutschen: Erzählung vom Graal) oder einfach Perceval von Chrétien de Troyes aus der Zeit gegen Ende des 12. Jahrhunderts. Beschrieb Chrétien den Gral hier noch als eine mit Edelsteinen besetzte goldene Schale ohne jeglichen christlichen Hintergrund, gingen spätere Autoren bereits dazu über, den Gral in direkten Bezug zu Jesus zu setzen. So schilderte ihn erstmal der französische Dichter Robert de Boron in seiner Dichtung Estoire dou Graal (Geschichte vom Graal) als Kelch Jesu, aus dem dieser beim letzten Abendmahl trank und welcher später dessen Blut bei der Kreuzigung auffing.

Lange Zeit verblieb man in der Annahme, der Gral sei christlichen Ursprungs und so wurden zahlreiche weitere Werke auf der Grundlage dieses Motivs verfasst. Erst in der Romantik suchte man nach Gemeinsamkeiten der Grallegende in den Urmythen. Joseph Görres fand im Jahr 1813 Gemeinsamkeiten zu anderen - auch außereuropäischen – Überlieferungen. Dabei handelte es sich zumeist um Mythen von Fruchtbarkeit, Speise und Trank und vom gemeinsamen Mahl, welche in vielen Kulturen zu finden sind. Diese Bezüge zu Urmythen aus dem zumeist indischen und orientalischen Raum sind jedoch sehr allgemein und somit nur bedingt aussagekräftig.[1]

Eine jüngere These verweist dagegen auf den Ursprung des Gralmythos in der keltischen Kultur. Speziell in der irischen und kymrischen (walisischen) Literatur finden sich einige Übereinstimmungen zum Gralmotiv der späteren Artusromane. Während die indoeuropäische These hauptsächlich auf Fruchtbarkeits- und Gemeinschaftsriten abhebt, bezieht sich die keltische These auf die Herrschaftsübertragung an einen neuen König.[2] So gibt es im irischen Königszyklus (vermutlich Beginn 11. Jahrhundert) eine Passage, in der der sagenhafte König Corn in der Anderswelt (Überbegriff der keltischen Jenseitsvorstellungen) auf ein Mädchen mit einer goldenen Krone trifft, welche die „Herrschaft über Irland“ personifiziert. Diese fragt den Gott Lug, wen sie mit ihrem goldenen Becher bedienen soll, worauf dieser König Corn und dessen Nachkommen nennt. Dieser Akt steht dabei symbolisch für die Herrschaftsübergabe. Ein ähnliches Ritual, speziell in Verbindung mit einer vorhergehenden Frage, taucht bereits im Perceval von Chrétien de Troyes wieder auf und könnte somit als ein Ursprung des Gralmotivs gedeutet werden.[3]

Da auch die Artussagen generell im Kern mit der keltischen Geschichte und Kultur verknüpft sind, erscheint eine Herkunft der Gralsage in der keltischen Mythologie durchaus wahrscheinlich. So galt Artus (oder: Arthur) den sterbenden britischen Stämmen als der letzte sagenumwobene Volksheld, der das Land gegen die eindringenden Sachsen verteidigt. Als Symbol einer glorreichen Wiedergeburt der gebrochenen keltischen Rasse, erwartete man seine Rückkehr von der Insel Avalon, wohin er, der Sage nach, einst verletzt gebracht worden sei.

Da es jedoch keine vollkommen überzeugende Antwort auf einen keltischen Ausgangspunkt des Gralmythos gibt, können diesem tatsächlich auch christliche Motive zu Grunde liegen. Da die christlichen Elemente in Betrachtung der verschiedenen Werke homogener und gewichtiger erscheinen, als das erkennbar keltische in den Geschichten, ist diese These weiterhin wahrscheinlicher, allerdings auch nicht sicher.[4] Auch gibt es Auffassungen, dass die Gralsage gar auf einer christlich-jüdischen Tradition beruhe, da man vermutet, Chrétien sei ein konvertierter Jude gewesen.[5] Diese These wird hauptsächlich in den USA vertreten, hat jedoch nur wenige Befürworter, da sie lediglich auf verschiedenen Anspielungen in den Gralromanen auf das Alte Testament beruht und relativ leicht zu entkräften ist. Ebenso halten einige Wissenschaftler, wie der Historiker H. Adolf, die Gralgeschichte vornehmlich für ein Produkt der damaligen Kreuzzugpropaganda und sehen darin lediglich eine Umsetzung der historischen Situation in ein episches Werk. Aufgrund vollkommen andersgearteter genealogischer und theologischer Sachverhalte zwischen den historischen Fakten und den Geschichten kann aber auch diese Ansicht nahezu ausgeschlossen werden und spielt somit in der Diskussion um die Herkunft des Grals kaum eine Rolle.[6]

Die wohl logischste Alternative ist demzufolge eine Vermischung keltischer und christlicher Traditionen, die zu diesem ganz eigenen Stil geführt hat. Dies wird vor allem dadurch untermauert, dass es im Gros der Gralepen und -romane um den Übergang vom Glauben an die alten Naturreligionen hin zum Christentum geht, also ebenfalls um eine Kombination der alten Traditionen mit den heraufziehenden neuen christlichen Werten. Der keltische Volksgeist, d.h. ihre Mythen und Religion, wurde im Zuge dieses Prozesses der inspirierende Geist des esoterischen Christentums[7], insbesondere in jenen Regionen, wo das Keltentum noch bestand hatte; ein Faktor, der möglicherweise als Inspirationsquelle für die Artus- und Gralgeschichten diente.

Die eigentlichen Schwierigkeiten, eine direkte Verbindung zwischen Chrétiens Gralroman und dessen möglichen Ursprüngen ziehen zu können, liegen in der Eigenart mittelalterlicher Erzählungen, die zumeist mündlich überliefert wurden und sich stets den aktuellen Bedürfnissen und Ereignissen anpassten. Die schriftlichen Überlieferungen waren zudem ebenfalls nur zum Teil mit der mündlichen identisch, was auf den keltischen Raum im besonderen Maße zutrifft. Ein weiteres Problem besteht in der Erscheinung des Grals an sich, welcher immer wieder anders beschrieben wird und kein eindeutiges Bild zulässt. So wurden gerade in der Folgezeit zu Chrétiens Erzählung viele weitere Werke zum Gralthema verfasst, welche allerdings stets die Ideen Chrétiens umgestalteten. Als wichtigste Vertreter in dieser Reihe sind vor allem Wolframs von Eschenbach Parzival sowie Roberts de Boron Estoire dou Graal (Geschichte vom Graal) zu nennen, welche beide nur wenige Jahre nach dem Perceval verfasst worden sind. Im späten Mittelalter gelangt zudem Albrechts (vermutlicher Name: von Scharfenberg) Jüngerer Titurel zu hohem Ansehen. Die heutigen Gralgeschichten berufen sich jedoch zumeist auf 2 andere Werke. So zeichnet sich die 1816/17 erschienene Neuveröffentlichung von Thomas Malorys Roman Le morte d’Arthur (später: Morte Darthur) aus dem 15. Jahrhundert für das so genannte. „Arthurian Revival“ in Großbritannien verantwortlich und prägt bis heute das Bild der Gralgeschichte im angelsächsischen Raum. Auch englische wie amerikanische Filme zu diesem Thema beziehen sich hauptsächlich auf Malorys Werk. Im deutschsprachigen Raum dagegen ist Richard Wagners Graloper Parsifal das einflussreichste Werk dieses Themas in der Moderne. Auch wenn Wagners wichtigste Quelle Wolframs Parzival ist, unterscheiden sie sich jedoch nicht zuletzt in der Darstellung des Grals selbst. So übernimmt Wagner die Christusanalogien von Robert de Boron, welche bei Wolfram nicht vorhanden sind.

Die verschiedenen Ausführungen der Autoren lassen auch kein eindeutiges Erscheinungsbild des Grals zu und werfen somit ebenfalls die Frage auf, wie entscheidend das eigentliche Objekt für den Gralmythos tatsächlich ist. Mal ist der Gral ein Stein oder Kleinod (etwa bei Wolfram), eine scheinbar einfache Schale, die nicht weiter charakterisiert wird (Chrétien) oder schließlich der Abendmahlskelch Christi (Robert und Wagner), als der er heute im Allgemeinen gesehen wird. Dessen Aussehen scheint hinsichtlich des Reizes, welchen der Gral bis heute auf die Menschen auszuüben vermag, damit also eine eher untergeordnete Bedeutung zu haben. Im Übrigen ist er in einigen Werken nicht einmal von zentraler Bedeutung (z.B. bei Wagner, wo nach dem magischen Speer gesucht wird). Es geht von ihm jedoch stets eine Art übernatürliche Kraft aus, die ihn so außergewöhnlich macht. Eines ist den verschiedenen Ausführungen jedoch immer gemein: Der Gral ist jeweils innerhalb eines bestimmten Rituals zu finden. Gemäß der unterschiedlichen Autoren kann sich dieses auf die Suche danach beschränken, es kann einen Rachevollzug beinhalten, oder in einer Frage bestehen, die entweder nach dem magischen Gegenstand und seinem Zweck (Chrétien) oder nach dem Leid des Gralhüters (Wolfram) gestellt werden muss. Der Gral als Objekt spiegelt nur die magische Aura des Rituals, er ist eine unterschiedlich zu füllende Leerstelle.[8] Vor allem ist es aber wohl das Unerklärte und Unerklärbare, was die besondere Faszination am Gral ausmacht, welche nochmals durch die rätselhafte Suche danach gesteigert wird.

Sucht man nach der schlichten Bedeutung des Wortes Gral oder „Graal“, wie es in früheren Romanen heißt, stößt man ebenfalls auf unterschiedliche Ansätze, um welches Objekt es sich hierbei handeln könnte. Der einfachsten These nach liegt ihm das altfranzösische Wort „graal“ zu Grunde, welches ganz allgemein eine Schüssel bezeichnet. „Graal“ wiederum soll vom Wort „gradale“ entstammen, was etwas stufenweise Enthüllendes bezeichnet (im mittelalterlichen Latein: „gradatim“). So heißt es in den Chroniken des Heliandus, in dem dieser Jahr für Jahr die ihm wichtigen Ereignisse beschrieb, über das Jahr 717 n. Chr., dass ein Eremit eine Vision hatte, in der er von einem Engel über den Heiligen Gral, der Schale Christi vom letzten Abendmahl, unterrichtet wurde. Der Gral wird hier als „gradalis“ oder „gradale“ bezeichnet, womit eine tiefe, weite Schüssel gemeint ist, auf der man stufenweise (gradatim) die Speisen anrichtet. Im ersten altfranzösischen Prosaroman zum Gralthema Li livre dou St. Graal wird ebenfalls von einem Eremiten berichtet, der im Jahr 717 nach der Passion Christi eine Christusvision empfangen hat.[9] Vermutlich diente dieses Buch als Vorlage, jedoch wurde die Angabe „nach der Passion Christi“ übersehen, weshalb dieses Ereignis eigentlich im Jahr 750 stattgefunden haben müsste. Dieses Buch könnte eine Quelle für Robert de Borons Gralroman gewesen sein, da er nach Meinung einiger Wissenschaftler ein Exemplar besessen haben soll, was jedoch ebenfalls ohne faktischen Beweis ist.

Eine weitere These zur Wortbedeutung war ebenfalls der Anstoß zum Film The Da Vinci Code. Die Idee besagt, dass die einstige Bezeichnung „Sangreal“ nicht als „San Greal“ (also: Heiliger Gral) gelesen werden muss, sondern als „Sang Real“, was „heiliges Blut“ bedeuten würde und so dem Mythos einen ganz anderen Sinn geben würde. Laut den Untersuchungen Henry Lincolns, die er in seinem Buch Der Heilige Gral und seine Erben veröffentlicht hat, gebe es eine geheime Blutlinie von den Nachfahren Jesu und Maria Magdalena, welche bis heute bestehen soll. Lincoln zufolge verweist also das Wort „Sangreal“ auf das Erbe Christi, ebenso wie auf dessen geheim gehaltene Ehe mit Maria Magdalena und, seinen Ausführungen nach, auch auf dessen Sterblichkeit, was seiner göttlichen Abstammung widersprechen würde.[10] Eben deswegen soll diese vermeintliche Tatsache auch von der Kirche verschleiert worden sein. Tatsächlich basiert Lincolns These jedoch auf der Zuhilfenahme verschiedener Dokumente, die sich erst einige Jahre nach der Veröffentlichung seines Buches als Fälschungen herausgestellt haben. Zwar gab es bereits vor ihm die Theorie, die Bedeutung des Wortes „San Graal“ bezeichne in Wahrheit nicht einen heiligen Kelch, sondern das heilige Blut Christi, wie es bereits Gotthold Ephraim Lessing vermutete,[11] jedoch war damit stets das Blut gemeint, welches vom Kelch aus den Wunden Jesu während der Kreuzigung aufgefangen worden sein und von dem die eigentliche übernatürliche Kraft ausgehen soll. Die Idee einer direkten Ahnenreihe von Jesus bis in die heutige Zeit ist sicherlich eine interessante und zweifelsohne spannende Vorstellung, welche allerdings bereits an Lincolns Zuhilfenahme eben genannter gefälschter mittelalterlicher Quellen scheitert. Im Übrigen beruhen seine Annahmen weiterhin zu weiten Teilen auf Neuinterpretationen verschiedener Bibelstellen, was sicherlich ebenso wenig als Beweis für seine Theorie angesehen werden kann. Diese Hypothesen wurden demzufolge auch bis zum Erscheinen von Dan Browns Welterfolg „The Da Vinci Code“ und dem gleichnamigen Film nicht weiter beachtet und auch dann zumeist ohne einen tatsächlich wissenschaftlichen Anspruch zu verfolgen.

3 Der Heilige Gral im Wandel der Zeit

Wie bereits erwähnt, gibt es eine Vielzahl verschiedener Gralgeschichten, die vom Mittelalter bis zur Moderne das Thema mit immer neuen Elementen versehen und neu belebt haben. So erwuchs eine stete Weiterentwicklung von den ersten Graldichtungen und -romanen des 12. Jahrhunderts bis zu den heutigen Filmen des Fantasy- und Abenteuergenres. Dabei versuchten die Autoren meist die ursprünglichen Erzählungen dem jeweiligem Zeitgeist, aber auch den gegebenen politischen und gesellschaftlichen Umständen anzupassen. Inhaltliche Veränderungen sind vor allem bei den ersten Werken zum Gralthema offensichtlich. Zwischen Chrétiens Perceval und Albrechts Jüngerem Titurel wird die Geschichte immer wieder anders wiedergegeben. Auch die Darstellung des Grals und das ihn einschließende Ritual wird in unterschiedlicher Weise präsentiert. In den darauf folgenden Werken kommen kaum noch neue Elemente hinzu, sondern man geht größtenteils dazu über, die alten Romane neu zu interpretieren.

Im Folgenden sollen die Veränderungen des Gralmotivs von seinen Anfängen im Mittelalter bis zur Literatur und zum Bühnenstück der Moderne einer näheren Betrachtung unterzogen werden.

3.1 Mittelalter

Grundlage für alle bis heute erschienenen Werke zum Gralthema sind die im 12. und 13. Jahrhundert erschienenen Gralepen und -romane, beginnend mit dem Perceval von Chrétien de Troyes. Zwar sollen auch jene Autoren die Geschichte vom Gral bereits zuvor gekannt und lediglich in ihren eigenen Worten wiedergegeben haben, jedoch ist keines dieser vermeintlich ursprünglichen Werke überliefert. Wolfram von Eschenbach beschreibt in seinem Parzival gar die Existenz der Erzählung eines „Meister Kyot“[12], welche er besessen und in der dieser von der angeblich wahren Gralsuche des Ritters Parzival berichtet haben soll. Ob Wolfram tatsächlich im Besitz eines solchen Buches war, oder ob es lediglich von ihm selbst erdacht worden ist, um den Wahrheitsgehalt seiner eigenen Geschichte zu untermauern, ist bis heute umstritten.[13] Fest steht jedoch, dass auch Chrétien sich auf ein „Buch vom Graal“ beruft, welches er von seinem Auftraggeber Graf Philipp von Flandern erhalten habe. Zwar könnte es sich hierbei um das gleiche Werk handeln, von dem beide Autoren ausgingen, doch wird Chrétien für seine Version von Wolfram stark kritisiert, da sie nämlich nicht den Vorgaben des Meisters Kyot entsprochen hätte.

Neben diesen beiden herausragenden Werken der Gralliteratur des Mittelalters, ist ebenso Robert de Borons Geschichte von Graal zu nennen, in der er als erster den Gral in direkten Zusammenhang mit dem Abendmahlskelch Jesu bringt und so das heutige Bild vom Heiligen Gral maßgeblich geprägt hat. Des Weiteren ergänzt Albrecht im Jüngeren Titurel das Epos um die genauen Zusammenhänge des Gralgeschlechtes, der Familie des Gralkönigs Amfortas und seines greisen Großvaters Titurel (in anderen Versionen ist dieser zumeist dessen Vater). Gerade im Mittelalter entstand eine Vielzahl an Gralromanen, die mit immer neuen Ideen aufwarteten, jedoch können diese vier Werke wohl als zentrale Ausgangswerke jener Zeit betrachtet werden, deren Ausführungen in späteren Werken kaum noch Neuerungen hinzugefügt wurden, weshalb sie im Folgenden näher untersucht werden sollen.

3.1.1 Chrétien de Troyes - Perceval

Chrétiens um 1180 erschienene Erzählung vom Graal oder einfach Perceval, war sein fünfter und auch letzter Artusroman, der in seiner ursprünglichen Fassung 9000 Verse in Reimform enthält. Die Tatsache, dass dieser unvollendet blieb, führt man ganz einfach darauf zurück, dass der Autor verstarb, bevor er ihn abschließen konnte. Doch trotz des offenen Endes, gelangte sein Werk sehr bald zu großer Beliebtheit, weshalb bereits zu Begin des 13. Jahrhunderts mehrere Fortsetzungen von anderen Autoren verfasst wurden. Bekannt sind die Continuation Gauvain und die Continuation Perceval (benannt nach ihren jeweiligen Protagonisten), sowie die Continuation Manessier (nach dem Autor benannt) und die Quatrième Continuation (die vierte Fortsetzung), die Gerbert de Montreuil zugeschrieben wird.[14] Chrétiens ursprüngliches Werk erzählt die Geschichte des jungen Perceval, seinem Weg zum Rittertum und der Suche nach dem Gral und wird vom Autor folgendermaßen berichtet.

Der junge Perceval lebt mit seiner Mutter, einer Witwe aus adeligem Haus, zurückgezogen im Wald. Er weiß jedoch nichts von seiner edlen Herkunft, da seine Mutter ihn vor dem gleichen Schicksal seines Vater sowie seiner Brüder bewahren will, die alle als Ritter im Kampf ihr Leben ließen. Als Perceval eines Tages im Wald mehreren Rittern begegnet, ist er sogleich von ihnen eingenommen, hält sie gar in ihren funkelnden Rüstungen für Gott und Engel und entscheidet selbst zu einem von ihnen zu werden. Auf seine Frage hin, wie er ein Ritter werden kann, verweisen sie ihn an den Hof König Artus’. Zurück bei seiner Mutter, berichtet er ihr von seiner Begegnung und der Entscheidung, fort zu gehen, um ein Ritter zu werden. Sie reagiert zwar erschüttert, erzählt ihm darauf jedoch von seiner Abstammung und gibt ihm noch einige Ratschläge mit auf den Weg, um in der hohen Gesellschaft akzeptiert zu werden. Als er fort reitet, sieht er noch, wie seine Mutter zu Boden fällt, kehrt jedoch nicht zurück, um ihr zu helfen, im Glauben, sie sei lediglich in Ohnmacht gefallen.

Fortan wird seine Wandlung vom Unerfahrenen Jüngling zum Ritter erzählt. So tötet er nach seinem Eintreffen in Carduel, dem Hof König Artus’, einen Ritter in roter Rüstung, welcher die Herrschaft des Königs für sich beansprucht hatte. Der König selbst wirkt niedergeschlagen und geradezu hilflos, wodurch das Land ohne rechte Führung erscheint. Im Anschluss an den siegreichen Kampf legt Perceval die rote Rüstung seines Gegners selbst an, da er meint, mit dieser Tat selber zum Ritter aufgestiegen zu sein. Doch erst als er auf der Burg von Gornemant de Goort freundlich aufgenommen wird, erhält er eine entsprechende Ausbildung und schließlich auch die Ritterweihe vom Burgherrn selbst. Nachdem er sich zuvor in vielen Situationen seiner Unerfahrenheit wegen ungeschickt verhalten hat, ist nun der Zeitpunkt gekommen, an dem er seine Torenhaftigkeit hinter sich lässt und von nun an bereit ist für echte Heldentaten.

Bald darauf erreicht er die Burg der Dame Blancheflor, einer Nichte des Gornemant, welche von Engyngeron, dem Seneschall (etwa: Hofmarschall) des Clamadeu belagert wird. Dieser verlangt sie zur Ehefrau, um so die Landesherrschaft an sich nehmen zu können. Auch hier ist Perceval siegreich, nachdem er sich beiden zum Kampf gestellt hat, und erobert so das Herz der Burgherrin. Doch auch bei ihr bleibt Perceval nicht lange, sondern zieht bald weiter, um nun nach seiner Mutter zu suchen, nachdem er die Sünde seiner unterlassenen Hilfeleistung bei seiner Abreise erkannt hat.

Er kommt an einen reißenden Fluss, über den er keinen Weg zum anderen Ufer entdecken kann. Als er schließlich auf einen Fischer trifft, weist dieser ihm vorerst den Weg zu seiner Burg, wo Perceval die Nacht verbringen kann. Kurz darauf erscheint sie ihm auch wie aus dem Nichts und so kehrt er dort ein. Der Fischer-König ist auf wundersame Weise bereits vor ihm eingetroffen und leidet zudem an einer mysteriösen Krankheit, die ihn ans Bett fesselt. Während des gemeinsamen Abendmahls folgt eine Prozession, deren Sinn von Perceval nicht verstanden wird. So bekommt er zu Beginn vom Burgherrn ein Schwert überreicht, was einer Szene einer Herrschaftsinventur gleichkommt, doch von ihm nicht als eine solche erkannt wird. Darauf erscheinen einige Knappen, die erst eine blutverschmierte Lanze und dann zwei Kerzenleuchter hineintragen. Da sich Perceval an die Worte von Gornemant erinnert, der ihm gebot, nicht zu viel zu reden, schweigt er an dieser Stelle und fragt nicht nach dem Sinn der Objekte oder dem Mysterium des Blutes, das aus der Lanze tropft. Anschließend betritt ein Edelfräulein mit einem „Graal“ den Raum.

In ihren beiden Händen trug sie einen Gral. Als sie mit diesem in die Halle getreten war, da verbreitete sich dort eine so strahlende Helligkeit, dass die Kerzen ihren Glanz verloren, ebenso wie die Sterne oder der Mond tun, wenn sich die Sonne erhebt.[15]

Im Original verwendet Chrétien das Wort „Graal“, jedoch nicht als Eigenname, sondern lediglich als Sachbezeichnung für eine weite Schale, die in diesem Fall aus Gold und mit Edelsteinen besetzt ist. Ihr folgt ein zweites Fräulein mit einer silbernen Schale. Perceval versäumt es abermals, aufgrund seiner erlernten Diskretion, danach zu fragen, wen man mit dem Graal bediene. Auch während des Abendmahles wird dieser wiederholt an der Tafel vorbei getragen, ohne dass der junge Ritter den Burgherrn auf diesen oder auch auf dessen Gebrechen anspricht.

Als Perceval am nächsten Tag erwacht, sind alle Bewohner der Burg verschwunden und in dem Moment, in dem er diese verwundert verlässt, fährt ruckartig die Zugbrücke hinter ihm hoch. Ihm wird klar, dass er etwas Falsches gemacht haben muss, ohne jedoch bereits zu ahnen, was es gewesen sein kann. Durch dieses Ereignis hat er nun zwei ungelöste Rätsel zu ergründen: das Schicksal seiner Mutter und das Graalrätsel, wobei beide auf geheimnisvolle Weise miteinander zusammenzuhängen scheinen.

Nach seinem Versagen in der Burg trifft er ein Fräulein mit ihrem toten Freund auf ihren Knien liegend. Diese tadelt ihn sogleich wegen seines Fehlverhaltens, erzählt ihm vom Fischerkönig, der durch einen Speer in beiden Beinen verwundet wurde und fragt daraufhin nach seinem Namen. Auf ihre Frage gibt der junge Ritter zum ersten Mal in der Geschichte seinen Namen preis und stellt sich ihr als Perceval, der Waliser, vor, eine Identität, die er scheinbar erst durch seine Entwicklung wiedererlangt hat. Dies verdeutlicht, dass sein Nichthandeln auf der Burg etwas mit seiner Herkunft zu tun haben könnte. Das Mädchen stellt sich als seine Cousine heraus, die ebenso den Grund seines Versagens vor dem Graal zu kennen glaubt: Es ist die Folge der Sünde an seiner eigenen Mutter, der er einst nicht geholfen hat und welche an jenem Tag an gebrochenem Herzen gestorben ist.

Währenddessen schickt Artus den auf Carduel eingetroffenen Gauvain mit anderen Rittern los, um den vermissten Perceval zu suchen. Diese können ihn schließlich finden und bringen ihn zurück zum Königshof. Da er neben dem Erlebnis in der Graalburg zahlreiche Kämpfe siegreich bestreiten konnte und seine Taten bis nach Carduel berichtet worden waren, wird er dort triumphal empfangen und in der Tafelrunde von König Artus aufgenommen. Am Abend seiner Einführung erscheint jedoch eine Botin, die ihn wegen seines Schweigens in der Graalburg verflucht und sein Versagen einen nicht wieder gutzumachenden Fehler nennt. Perceval schwört daraufhin, dass er nicht ruhen will, ehe er hinter das Geheimnis des Graals und der blutenden Lanze gekommen ist. Die Botin legt den Artusrittern noch weitere Aufgaben auf, denen jeder Einzelne Folge leistet. Allerdings ist die Suche Percevals kein gewöhnliches Abenteuer wie die der anderen Ritter, sondern ein Weg der Erkenntnis.

An dieser Stelle tritt Ritter Gauvain immer mehr ins Geschehen, seine Abenteuer stehen fortan im Mittelpunkt der Erzählung. Diese führen ihn schließlich nach Escavalon, wo er durch ein Missverständnis des Mordes am Burgherrn bezichtigt und festgenommen wird. Um die Gemüter zu beruhigen, erhält auch er nun den Auftrag, nach dem Geheimnis der blutenden Lanze zu suchen, was ihn somit auf denselben Weg wie Perceval führt.

Nachdem fünf Jahre vergangen sind, hat Perceval noch immer nicht die Graalburg auffinden können. Er konnte jedoch seine Ritterehre in zahlreichen Schlachten unter Beweis stellen in denen er 60 Ritter besiegt hat. Doch in all der Zeit hat er auch seinen Glauben an Gott verloren. Als er auf seinem Weg einen Eremiten trifft, bei dem die Büßer einkehren, um zu beichten, fragt er diesen nach der Graalburg. Der Einsiedler kennt sie und ihre Geheimnisse tatsächlich und klärt Perceval über die verwandtschaftlichen Zusammenhänge auf. So ist der Fischerkönig der Vetter Percevals, der Eremit selber sein Onkel mütterlicherseits. Mit dem Graal wird der Vater des Fischerkönigs bedient, der bereits seit 15 Jahren von der Hostie lebt, die ihm im Graal überbracht wird. Sein Fehlverhalten beim Fischerkönig wird zudem im direkten Zusammenhang mit seiner unterlassenen Hilfeleistung an seiner Mutter gebracht: Wegen dieser Sünde war es dir unmöglich, nach Lanze und Gral zu fragen; deswegen wurdest du von mancherlei Übel heimgesucht.[16] Aus der ersten Sünde resultierten also noch weitere. Die folgenden zwei Tage bis zum Osterfest teilt Perceval das Leben des Einsiedlers, um dann von ihm die heilige Kommunion zu empfangen. Perceval gelangt in dieser Zeit zu der Erkenntnis, der Bitte seiner Mutter nicht nachgekommen zu sein, gottesfürchtig zu leben und er deshalb den falschen Weg zum Graal eingeschlagen hat. Denn nicht durch Heldentaten, sondern nur durch Gottes- und Nächstenliebe ist der Graal zu finden.

Durch diese Begegnung versteht er nun endlich die Zusammenhänge zwischen seinem Versagen auf der Graalburg und dem Tod seiner Mutter. Da er von dem Eremiten auch über das Mysterium des Graals und wer damit zu bedienen ist, aufgeklärt wurde, bleibt ihm nunmehr lediglich die Frage nach der blutenden Lanze zu stellen. Dieser Teil wird von Chrétien aber nicht weiter ausgeführt. Erzählt werden einzig noch die Abenteuer Gauvains fünf Jahre zuvor, bevor die Erzählung abrupt endet. Welche Auflösung sich Chrétien jedoch erdacht hat, bleibt spekulativ. Nach allem was zuvor noch aufgeklärt wurde, ist allerdings zu vermuten, dass Perceval schließlich zur Graalburg zurückkehren kann und dort die entscheidende Frage stellt. Damit heilt er den Fischerkönig von seinem Leid und tritt selbst dessen Nachfolge und die Herrschaft über die Graalburg an.

Im Percevalroman steht die Grundaussage im Gegensatz zu den vorherigen Artusgeschichten. Der Held muss sich nach den begangenen Missetaten nicht wieder der höfischen, ritterlichen Gesellschaft eingliedern, denn seine Verfehlungen sind religiöser Natur, welche er vor Gott zu verantworten hat. Sein Ziel erlangt er durch beichten und bereuen statt durch das Vollbringen von Heldentaten und dem ritterlichen Zweikampf. Percevals Notwendigkeit, seinen Weg allein in der Zuwendung zu Gott zu finden, ist Spiegelbild der damaligen Gesellschaft, in der eine neue Frömmigkeit im Rittertum und der Gesellschaft das oberste zu erstrebende Ziel war. Ausgangspunkt dafür war vor allem Bernhards von Clairvaux Programmschrift De laude novae militiae, in der er die Idealvorstellung des christlichen Ritters und der Ritterschaft im Sinne Christi als nova militia, als neues Rittertum, beschreibt und diesem den Kampf gegen die Sünde als eigentliche Aufgabe stellt. Die nova militia setzt eine nova devotio, eine neue Fömmigkeitshaltung, voraus. Bernhards Forderungen haben seine Predigten für den zweiten Kreuzzug bestimmt, waren aber auch noch maßgebend für die Aufrufe für den dritten Kreuzzug.[17] Auch Philipp von Flandern, der Mäzen von Chrétien, war dieser Art der Frömmigkeit zugeneigt, was wohlmöglich ausschlaggebend für die thematische Ausrichtung der Geschichte war. Verdeutlicht wird diese Haltung auch dadurch, dass Chrétien im Perceval mehrfach aus der Bibel zitiert, so bereits im Prolog[18], und er damit sein Werk in die nähe geistlicher Literatur stellt.

In Anbetracht der Tatsache, dass dieses Werk als ein Ausgangspunkt der Grallegende gilt, bleibt der Gral im Verlauf der Geschichte allerdings faktisch ein eher uninteressantes Objekt. Seine Geschichte erscheint nur wenig geheimnisvoll. Vielmehr ist von Interesse, was der Held daraus macht und der Weg zum Gral wiederum aus ihm. Die blutende Lanze stellt gegenüber dem Gral ein größeres Rätsel dar. Bis zum abrupten Ende ist ihre Bedeutung ungeklärt, eine Frage Percevals nach ihrem Sinn bleibt schließlich aus. Jedoch erscheint die Vermutung, es handle sich bei dieser um die legendäre Lanze des Römers Longinus, mit welcher er dem gekreuzigten Jesus eine tiefe und tödliche Wunde zugefügt haben soll, hinsichtlich der biblischen Nähe des Werkes am sinnvollsten. Doch auch mit dieser Erklärung bleibt ihr letztendlicher Zweck im Dunkeln.

Das fehlende Finale macht eine vollständige Analyse des Perceval leider unmöglich, die Bedeutung der verschiedenen Objekte bei Percevals letztem Gang zur Graalburg bleibt ungeklärt. In Anbetracht der Tatsache, dass Chrétien seinen Roman Le Conte du Graal genannt hat, muss er jedoch eben jener Goldschale einen Sonderstatus zugedacht haben, auch für das Schicksal des Helden, den er dem Leser jedoch nicht mehr offenbaren konnte. Ob gar Chrétien in der goldenen Schüssel die Abendmahlsschale Jesu sah, ist ebenso kaum zu beantworten. Die offensichtliche Bibelnähe, die Ähnlichkeit der blutenden Lanze zum Longinus-Speer, aber auch das an eine kirchliche Prozession erinnernde Graalritual könnten Indizien für diese These sein. Allerdings gibt es bei der Erklärung zur Bedeutung des Graals von der Cousine des Perceval und dem Eremiten keine Andeutungen zu dessen Herkunft, speziell einer vermeintlich göttlichen. Auch ist die Prozession auf der Graalburg nur scheinbar ein kirchliches Sakrament, von Chrétien vermutlich nicht einmal als Konzession an kirchliche Bräuche gedacht, denn die Teilnahme einer Jungfrau, welche gar eine entscheidende Rolle während des Ritus spielt, wäre zu jener Zeit in der katholischen Kirche undenkbar gewesen. Es ist vielmehr das Urbild für das, was in der sakramentalen Handlung von außen her an uns herantreten darf. Es will dem Gläubigen die Kraft vermitteln, sich immer inniger mit diesen Heilswirkungen verbinden zu lernen; sie mit dem vollbewussten Menschen zu ergreifen.[19] Tatsächlich erscheint die Graalprozession in Verbindung mit der vorherigen Schwertübergabe wie eine Vermischung aus keltischen, christlichen sowie märchenhaften Elementen, die sich in allen Bereichen bedient, ohne die exakten Vorgaben des einzelnen nachzuahmen.

Das Motiv des Graals kann jedoch nicht ohne die Rolle Percevals gesehen werden. Wie auch in den späteren Werken zu diesem Thema ist der junge Ritter der entscheidende Faktor für die Bedeutung des Graals selbst. Dabei ist das Schicksal des Objekts vollkommen mit dem des Percevals verbunden. Dessen Suche ist eine Suche nach Erleuchtung, nicht nach einem Ort. Trotz aller Heldentaten, die er auf seinem Weg vollbringt, kommt er der Graalburg nicht näher. Erst durch Einsicht, seine Reife und Zuwendung zu Gott, ist es ihm möglich, sein Ziel zu erreichen. Der Weg, den er zu beschreiten hat, ist also ein innerer, was ihm jedoch lange nicht bewusst wird. „Zum Raum wird hier die Zeit“, wie es in Richard Wagners Parsifal vielleicht am treffendsten beschrieben wird. Allerdings braucht es auch einen unerfahrenen und zum Teil torenhaften Helden wie Perceval, der noch imstande ist, zu lernen und eine innere Reife zu vollziehen. So gilt Gauvain im Artusuniversum des Chrétien als der beste und erfahrenste Ritter am Hofe des Königs, jedoch ist er eine starre Figur, die sich nicht mehr entwickeln kann. Diese Tatsache macht ihn unfähig für die Suche nach dem Graal, denn sein Reifeprozess ist bereits abgeschlossen. Er entspricht damit dem alten Ideal des Rittertums, Perceval dagegen, am Ende seine Entwicklung, dem neuen, Gott zugewandten Bild des perfekten Ritters. Da der Gral an sich von den verschiedenen Autoren immer wieder anders dargestellt wird, wird deutlich, dass seine Form oder sein Aussehen weniger entscheidend sind, als das, was er verkörpert, nämlich ein Idealbild des Menschen am Ende einer Entwicklung.

3.1.2 Wolfram von Eschenbach - Parzival

Wolfram von Eschenbachs Roman Parzival entstand vermutlich in den Jahren 1205 bis 1210, was man aus den historischen und astronomischen Andeutungen darin folgern kann. Das 24810 Verse umfassende Werk ist heute in 16 Bücher aufgeteilt, wobei die Geschichte von Buch III bis XIII parallel zu der von Chrétien verläuft und sich von dieser inhaltlich nicht wesentlich unterscheidet. Wolfram nennt im Parzival jedoch einen Gewissen „Meister Kyot“ aus der Provence als seine Quelle, der die Geschichte des Grals bereits zuvor niedergeschrieben und als historische Wahrheit dargestellt habe. Chrétiens Perceval bezeichnet Wolfram dagegen als schlechte Wiedergabe des ursprünglichen Textes von Kyot, die dem Vorbild in keiner Weise gerecht wird. Doch hat Wolfram selbst vermutlich den Perceval ebenso als Vorlage genutzt und schließlich ein eigenes Ende hinzu geschrieben. Bis zum Anfang des 13. Jahrhunderts war es zudem für deutsche Erzähler eine Selbstverständlichkeit, französische Literatur als Grundlage der eigenen Erzählungen zu nehmen.[20] Doch selbst in diesem Fall ist Wolframs Werk weit mehr als eine einfache Kopie. Der Parzival ist um ein vielfaches komplexer als die Erzählung Chrétiens. Die inhaltlichen Zusammenhänge sind deutlich ausgefeilter, die Charaktere mit mehr Tiefe versehen. Dies zeigt sich bereits in der Tatsache, dass jede Figur bei Wolfram einen Namen erhält, statt diese nur, wie es bei Chrétien der Fall ist, mit Appellativen (z.B. „der reiche Fischer“) zu umschreiben. Außerdem bilden sich im Geflecht der Personen zwei große Sippen heraus, die entscheidend sind für den Fortgang der Geschichte: die Gralfamilie (oder Titurelsippe) und die Artusfamilie. Auf Grund dieses Umfangs und der inhaltlichen Tiefe der Erzählung gilt der Parzival als eigentliches Meisterwerk des Gralromans im Mittelalter und ist in dieser Epoche insgesamt höchstens noch mit Dantes Divina Commedia zu vergleichen.[21]

Zu Beginn wird die Geschichte von Parzivals Vater Gahmuret erzählt, welcher zur Familie der Anschouwe (vermutlich ist hiermit das Haus Anjou gemeint) gehört, welche gemeinsame Vorfahren mit der Artussippe hat. Da er als jüngerer Sohn des Königs Gandin keinen Anspruch auf den Thron hat, entschließt er sich zu einem Leben als Ritter. Während seiner Reisen durch den Orient, zeugt er mit der dunkelhäutigen Königin Belakane einen Sohn, dem späteren Halbbruder Parzivals. Auf Grund der Glaubensverschiedenheit beider, ist Gahmuret aber nicht bereit Belakane zu ehelichen und so verlässt er sie wieder, noch vor der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes Feirefîz.

Nach langen Irrfahrten, erfährt Gahmuret in Spanien von einem Turnier in Wâleis, an dem auch sein Vetter teilnehmen wird, und macht sich ebenfalls dorthin auf. Der Preis für den Sieger ist die Hand der verwitweten Königin Herzeloyde und damit auch ihre gesamten Ländereien. Gahmuret kann sich sehr bald als bester Ritter des Turniers auszeichnen, weshalb er, trotz seiner noch währenden Liebe zu Belakane, Herzeloyde zur Frau nimmt, wodurch er zum König von Wâleis und Norgals wird. Der Tod seines älteren Bruders Galoës macht ihn zusätzlich zum König von Anschouwe. Doch auch dieses Mal bleibt er nicht lange. Bereits kurze Zeit später zieht es ihn wieder fort.

Nach einigen siegreichen Turnieren kommt er wieder in den Orient, wo er im Dienst seines ehemaligen Kriegsherrn, dem Kalifen Baruc, das Leben verliert. Als Herzeloyde davon erfährt, ist sie gebrochen und überlebt nur durch die Geburt ihres gemeinsamen Sohnes wenige Tage später, den sie Parzival nennt. Doch sieht sie sich nun ohne Ehemann schutzlos ihren Feinden ausgeliefert und so entscheidet sie, ihre Herrschaft aufzugeben sowie ihr Land zu verlassen, um ihren Sohn in einfachen Verhältnissen und ohne ritterliche Ausbildung aufzuziehen, damit ihm nicht das gleiche Schicksal ereilt, wie das seines Vaters. Durch den Rückzug von ihren Ländereien kann sich nun der Ritter Lähelîn derer kampflos bemächtigen, was ihn zum Erbfeind der Familie Parzivals macht.

Bis zu diesem Zeitpunkt wird die Welt im Zeichen des alten Ritterideals gezeigt. Die Verfehlungen Gahmurets, gerade in Hinblick auf seine Geliebten und seine Ehefrau, werden nicht als solche dargestellt. Der Weg, den er einschlägt, ist vielmehr für die damaligen Verhältnisse ein durchaus ehrenvoller. Es ist eine reine Männerwelt, in der die Frauen lediglich eine Art Gewinn darstellen, was von den Männern gewollt ist. Doch es wird deutlich, dass die beiden Antriebskräfte Liebe und Rittertum grundsätzlich nicht vereinbar sind[22], weshalb das Ritterideal als in sich widersprüchlich und revisionsbedürftig[23] erscheint. Es wird zwar bereits der Weg geebnet für den ideologischen Ausgangspunkt der späteren Erzählung, der Fatalität von Kampf und Liebe, jedoch wird in dem Prolog zum Parzival, also der Geschichte Gahmurets, nichts von der eigentlichen Problematik Parzivals im geistig-geistlichen Bereich erwähnt, geschweige denn von einem Gral, auch nicht in den Passagen hinsichtlich des Orients, aus dem er angeblich stammt.

Ab hier verläuft die Geschichte weitestgehend wie bei Chrétien. Anders als bei diesem, erhält allerdings Parzival vor seiner Abreise zum Hof König Artus’ von seiner Mutter ein Torenkostüm, in ihrer Hoffnung, er würde so vom König missachtet und wieder heimgeschickt werden. Auch verstirbt seine Mutter in dieser Version erst nach seiner Abreise, weshalb er auch nicht der unterlassen Hilfeleistung verantwortlich ist, doch er muss trotz allem mit der ungewollten Schuld am Tod seiner Mutter zurechtkommen. Auch trifft er bereits auf dem Weg zur Artusburg auf Sigûne, seine Cousine, die ihm schon dort von seiner Abstammung berichtet und er ihr auch an dieser Stelle bereits seinen Namen nennen kann (vermutlich als Zeichen des neu erworbenen Wissens über seine Herkunft). Am Artushof wartet Ither, der rote Ritter, den er im Kampf besiegen kann, worauf er dessen Rüstung übernimmt. Doch stellt sich später heraus, dass Ither als Verwandter von Artus auch in den entfernten Familienkreis Parzivals gehört, weshalb er sich nun des Verwandtenmordes schuldig gemacht hat. Da ihm auch die endgültige Ritterweihe durch Gornemant (bei Wolfram: Gurnemanz) in dieser Version nicht zuteil wird, lastet von nun an stets dieser Schandfleck auf ihm. Auf seiner folgenden Reise trifft er aber auf jenen Fürst Gurnemanz, der ihm für seinen Weg einige Ratschläge geben kann. So lässt er Parzival endlich das Torenkostüm abnehmen, welches er noch immer unter seiner Rüstung getragen hat, um seinem Stande gemäß als Edelmann zu erscheinen. Außerdem empfiehlt Gurnemanz ihm, in der Gesellschaft anderer nicht zu viele Fragen zu stellen.

Daraufhin gelangt Parzival ins Königreich Brôbarz, wo die Burg der Königin Condwîramurs von König Clâmidê belagert wird, weil sie sich der Ehe mit ihm verweigert. Wolfram hat den bei Chrétien vorgefundenen Namen der Königin, Blancheflor, geändert und ihr einen „Satznamen“ gegeben. Passend zu Parzival („Dring-durchs-Tal“ oder „Mitten-durchs-Herz“?) bedeutet der Name „Führ-zur-Liebe“[24]. Die Situation, welche wir bereits von Chrétien kennen, entspricht in etwa der des Vaters Gahmuret bei Belakane, weshalb Parzival vorerst das Handlungsmuster seines Vaters zu wiederholen scheint. Er rettet die Königin durch den Sieg über Clâmidê und wird nach mittelalterlichem Brauch mit ihr vermählt. Doch bereits nach kurzer Zeit bricht auch er wieder auf, um nun das Schicksal seiner Mutter zu ergründen. Da er die besiegten Gegner Condwîramurs zum Zeichen seines Triumphes zum Artushof schickt, werden dort die Taten des einst jungen Toren mit Staunen vernommen.

Nun kommt Parzival zu seiner schicksalhaften Prüfung auf der Gralburg, die von Wolfram „Munsalvæsche“ genannt wird. Wolfram weicht hierbei vorerst nur wenig vom Werk Chrétiens ab. So trifft Parzival auf seinem Weg den Fischerkönig, welcher ihn zu seiner Burg weist. Als Parzival dort eintrifft, befindet sich der Burgherr jedoch bereits dort, ist allerdings mysteriöserweise schwer verwundet und bewegungsunfähig. Parzival erhält neben dem bekannten Schwert zusätzlich noch den Mantel der Königin, wodurch die bei Chrétien erwähnte Herrschaftsinventur noch erweitert wird. Im Gegensatz zum Perceval ist auch die Gralprozession während des Abendmahls ungleich umfangreicher und üppiger ausgestattet. So ist der Speisesaal in ein Lichtermeer aus Kronleuchtern getaucht, die Prozession besteht aus 25 schönen Frauen und vor allem der Gral spendet Speise und Trank in Fülle, ähnlich dem Märchen vom „Tischlein-deck-dich“, und nicht allein eine Hostie für einen Mann. Außerdem hat er eine lebenserhaltende Wirkung. So ist es König Anfortas nur möglich, seine Qualen zu ertragen und nicht an diesen zu sterben, indem er regelmäßig den Gral betrachtet. Die Frage, die Parzival sich nicht zu stellen traut, ist ebenfalls eine andere. Sollte Chrétiens Perceval noch nach der Person fragen, welche mit dem Gral bedient wird, ist es im Parzival gar die Frage, was mit dem gesamten Hof nicht stimme, also eine allgemeine Neugierfrage, die sich jedoch bis zur schließlich gestellten noch verändern soll.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der entscheidende Unterschied besteht dagegen in der Darstellung des Grals an sich, dessen Aussehen vorerst noch nicht genau definiert wird.

Wolfram beschreibt ihn somit ganz allgemein als ein „Ding[25], welches von der Königin hineingetragen wird. Im späteren Verlauf erfährt man genauer, dass es sich beim Gral um einen Stein handelt, der den lateinisch wirkenden Fantasienamen lapsit exillis trägt. Weiterhin wird erklärt, der Gral gehe zurück auf den Anfang der Schöpfung, der Zeit des Abfallens des Erzengels Luzifer in die Hölle. Die im Kampf zwischen Gott und Luzifer neutral gebliebenen Engel behüteten den Gral und übergaben ihn dann christlichen Gralhütern, die von Gott bestimmt wurden. Die Gralkönige stammen aus der Familie Titurels, dem Vater des verwundeten Königs Anfortas, zu der auch Parzival und seine Mutter gehören.

Eine entscheidende Änderung gegenüber Chrétien ist zudem die Angabe der Gralritterschaft, genannt templeise, die den Stein bewacht und wohl auf den Orden der Tempelritter verweisen soll. Der 1120 in Jerusalem gegründete Ritterorden geht ebenfalls auf die bereits erwähnten Ausführungen Bernhards von Clairvaux zurück, der ein geistlich ausgerichtetes Rittertum forderte.[26] Auch wenn dessen Vorstellungen bereits bei Chrétiens Konzept des Rittertums aufgegriffen, wenn auch nicht direkt benannt werden, nimmt Wolfram diese Ideen wieder auf und stellt zudem einen direkten Zusammenhang mit dem real existierenden Orden.[27]

Auch die blutige Lanze erscheint während des Abendmahls auf der Gralburg, doch steht diese bei Wolfram nicht im Verhältnis zum Gral, ist auch nicht etwa die Waffe, mit der der Gralkönig verwundet wurde, sondern ist im Gegensatz dazu ein medizinisches Instrument, mit der seine Verwundung behandelt, allerdings nicht geheilt, werden kann. Zwar haben somit Gral und Lanze eine deutliche heilsgeschichtliche Dimension, doch vermeidet es auch Wolfram, diese namentlich als christliche Reliquien (Abendmahlsschüssel, Longinuslanze) zu identifizieren.

Als Parzival am nächsten Morgen die leere Gralburg verlässt, trifft er wieder auf Sigûne, die ihn über die Titurelsippe aufklärt, jedoch nicht, dass er selber von dieser abstammt und macht ihm Vorwürfe, wegen seines Frageversäumnisses in der Burg. Zurück am Artushof erscheint die Gralbotin Cundrîe und verflucht Parzival, wegen seines Fehlhandelns und seiner angeblichen Mitleidlosigkeit und erteilt der Tafelrunde verschiedene Aufgaben. Auch bei Wolfram gibt es nun die parallele Handlungsstruktur zwischen Parzival und Gâwân, welcher seinerseits zur Wunderburg reisen muss, um seine weibliche Verwandtschaft zu retten.[28] Diese wirkt wie ein Gegenentwurf zu Parzivals Gralburg, da auch dort dessen mütterlicher Zweig der Familie ist.

Parzival hat inzwischen Gott entsagt, da er sich ungerecht von ihm in die Schande gedrängt sieht. Nach langer Zeit des Umherirrens trifft Parzival an einem Karfreitag auf eine Pilgergruppe, die ihn wegen seiner Bewaffnung zurechtweist, worauf er antwortet, dass er keine Kenntnis vom Jahresverlauf und den Tagesnamen hatte und nicht wusste, welche Bedeutung der Karfreitag hat. Tatsächlich hatte Parzival nahezu keine Ahnung von Jesus und dessen Passionsweg und suchte demnach stets nach einem falschen Gott, nämlich einem, der ihm treu ist, ohne zu verstehen, dass er selber in Gottvertrauen zu leben hat. Das Treffen mit den Pilgern verhilft ihm jedoch zu einer neuen Wahrnehmung seiner eigenen Haltung gegenüber Gott.

Bald darauf trifft er auf einen Einsiedler namens Trevrizent. Dieser stellt sich als der Bruder des Gralkönigs heraus, von dem er endlich Rat und Hilfe für seine Suche erhält. Trevrizent klärt ihn über die heilsgeschichtliche Situation des Menschen zwischen Erbsünde und Erlösung auf, erläutert ihm die Geheimnisse des Grals und seiner Hüter und verweist ihn schließlich auf seine Verwandtschaft zum Gralgeschlecht. Die Verletzungen des Gralkönigs Anfortas resultieren aus einem Kampf mit einem Heiden um die Liebe zu einer Frau, der ihn mit einem vergifteten Speer verwundet habe. Da ein solcher Kampf aus „Minnelust“ jedoch gegen das Gralgesetz verstößt, sind die Leiden des Anfortas tiefer als es eine Vergiftung bewirken könnte und nur durch die richtige Frage eines Ritters zu heilen, welche er zudem aus tiefem Herzen und ohne Aufforderung zu stellen hat. Für seine Hauptsünde, der Tötung des roten Ritters Ither, erhält Parzival anschließend die Absolution vom Eremiten. An dieser Stelle endet bei Chrétien die Geschichte, welche Wolfram somit erstmals fortführt. Parzival gerät wenig später in einen Kampf mit seinem Verwandten Vergulaht sowie anschließend mit Ritter Gâwân, im Unwissen über dessen Identität, wodurch ihm immer deutlicher wird, dass er einen falschen Weg zum Gral eingeschlagen hat. Bei dem Aufeinandertreffen mit seinem ihm bislang unbekannten Halbbruder Feirefîz kann er schließlich nur durch Gottes Eingreifen davon abgehalten werden, diesen zu töten, weshalb er selber von seiner „verfluchten Hand“ spricht und einsieht, dass er nicht durch Krieg und Kampf zum Gral finden kann, sondern nur durch Gottvertrauen. Die beiden Brüder kehren zurück zum Artushof, wo auch Feirefîz in die Tafelrunde aufgenommen wird. Abermals erscheint Cundrîe und verkündet, dass Parzival zum Gral berufen worden ist, worauf er mit seinem Bruder dorthin aufbricht, um endlich das Rätsel lösen zu können.

[...]


[1] vgl.: Mertens, Volker. Der Gral – Mythos und Literatur. Reclam. Stuttgart 2003. S. 11

[2] Ebd. S. 12

[3] vgl.: Chrétien de Troyes: Perceval. Übers. von Felicitas Olef-Krafft. Reclam. Stuttgart 1991. S. 181 ff.

[4] vgl.: Bayer, Hans. Gral. Die hochmittelalterliche Glaubenskrise im Spiegel der Literatur. Erster Halbband. Hiersemann Verlag. Stuttgart 1983. S. 15

[5] Ebd. S. 15 f.

[6] Ebd. S. 16 f.

[7] Meyer, Rudolph. Zum Raum wird hier die Zeit. Urachhaus Verlag. Stuttgart 1980. S. 91

[8] Mertens, Volker. Der Gral – Mythos und Literatur. Reclam. Stuttgart 2003. S. 10

[9] vgl.: Meyer, Rudolph. Zum Raum wird hier die Zeit. Urachhaus Verlag. Stuttgart 1980. S. 80 f.

[10] vgl.: Lincoln, Henry; Baigent, Michael: Leigh, Richard: Der heilige Gral und seine Erben. Bastei Lübbe. Bergisch Gladbach 1984. S. 286

[11] vgl.: Lessing, Gotthold Ephraim. Sanctus cruor in: Kircher, Bertram (Hrsg.). Das Buch vom Gral. Albatros Verlag. Düsseldorf 2006. S. 27

[12] Wolfram von Eschenbach: Parzival Bd. II. Übers. von Dieter Kühn. Deutscher Klassiker Verlag. Frankfurt a. M.. 1994. S. 689 ff.

[13] Mertens, Volker. Der Gral – Mythos und Literatur. Reclam. Stuttgart 2003. S. 51

[14] vgl.: Drüner, Ulrich (Hrsg.).Der Opernführer: Wagner - Parsifal. PremOp Verlag. München 1990. S. 23 f.

[15] Chrétien de Troyes: Perceval. Übers. von Felicitas Olef-Krafft. Reclam. Stuttgart 1991. S. 181

[16] Chrétien de Troyes: Perceval. Übers. von Felicitas Olef-Krafft. Reclam. Stuttgart 1991. S. 359

[17] Mertens, Volker. Der Gral – Mythos und Literatur. Reclam. Stuttgart 2003. S. 46

[18] vgl.: Chrétien de Troyes: Perceval. Übers. von Felicitas Olef-Krafft. Reclam. Stuttgart 1991. S. 6 f.

[19] Meyer, Rudolph. Zum Raum wird hier die Zeit. Urachhaus Verlag. Stuttgart 1980. S. 29

[20] Mertens, Volker. Der Gral – Mythos und Literatur. Reclam. Stuttgart 2003. S. 51 f.

[21] Ebd. S. 53

[22] Ebd. S. 58

[23] Ebd.

[24] Ebd. S. 66

[25] Wolfram von Eschenbach: Parzival Bd. I. Übers. von Dieter Kühn. Deutscher Klassiker Verlag. Frankfurt a. M.. 1994. S. 393

[26] vgl.: Mertens, Volker. Der Gral – Mythos und Literatur. Reclam. Stuttgart 2003. S. 71

[27] Wolfram von Eschenbach: Parzival Bd. I. Übers. von Dieter Kühn. Deutscher Klassiker Verlag. Frankfurt a. M.. 1994. S. 776 f.

[28] vgl.: Ebd. S. 913 ff.

Details

Seiten
110
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638038751
ISBN (Buch)
9783638935524
Dateigröße
795 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v90015
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Schlagworte
Kulturgeschichte Heiligen Grals Hinblick Gralmotiv Film heiliger Gral Gralmythos Gral Mythos Parzival Artus Ritter der Kokosnuss Indiana Jones letzte Kreuzzug König der Fischer Monthy Python Richard Wagner Daniel Graf da Vinci Code

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Titel: Kulturgeschichte des Heiligen Grals und das Gralmotiv im Film