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Chancen einer innovativen Gesundheitsberatung

Analysiert am Beispiel der ambulanten und stationären Versorgung im Landkreis Jerichower Land

Masterarbeit 2008 92 Seiten

Gesundheitswissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Gang der Untersuchung

2 Der Gesundheitsmarkt im 21.Jahrhundert
2.1 Das deutsche Gesundheitswesen der Zukunft
2.2 Herausforderungen an den Wachstumsmarkt Gesundheit

3 Die Notwendigkeit der Veränderungen im deutschen Gesundheitswesen
3.1 Das Gesundheitswesen als Jobmaschine im 6.Kondratieff
3.2 Die demographische Entwicklung im 6.Kondratieff
3.2.1 Demographische Entwicklung in Deutschland
3.2.2 Die demographische Entwicklung in Sachsen-Anhalt
3.2.3 Der Landkreis Jerichower Land im Jahr 2025
3.3 Stand der aktuellen Gesundheitsversorgung
3.3.1 Innovationsbedarf der Gesundheitsversorgung in Deutschland
3.3.2 Problemfelder der Gesundheitsversorgung in Sachsen-Anhalt
3.3.3 Die medizinische Gesundheitsversorgung im Landkreis JL

4 Gesundheitsberatung als Antwort auf veränderte Gesundheitsbedürfnisse
4.1 Theoretische Grundlagen der Gesundheitsberatung
4.2 Stand der internationalen Gesundheitsberatung
4.3 Stand der Gesundheitsberatung in Deutschland
4.3.1 Gesundheitsberatung durch die Krankenkassen
4.3.1.1 Gesetzliche Grundlagen
4.3.1.2 Das Beratungsangebot der Krankenkassen
4.3.2 Gesundheitsberatung durch andere Anbieter
4.3.2.1 Beratung durch Ärzte
4.3.2.2 Beratung durch professionell Pflegende
4.3.2.3 Beratung durch Verbraucherzentralen
4.3.2.4 Beratung durch Selbsthilfegruppen
4.3.2.5 Beratung durch andere Netzwerke
4.3.2.6 Beratung im Unternehmen
4.4 Gesundheitsberatung im Landkreis Jerichower Land im Jahr 2008
4.5 Innovative Gesundheitsberatung als Zukunftsaufgabe
4.5.1 Aufgaben
4.5.2 Ziele
4.5.3 Grenzen und Risiken

5 Möglichkeiten der Umsetzung im Landkreis Jerichower Land
5.1 Handlungsfelder innovativer Gesundheitsberatung aus Kundensicht
5.2 Handlungsfelder innovativer Gesundheitsberatung aus Sicht der Akteure – Experteninterviews
5.2.1 Aus Sicht der Krankenkasse
5.2.2 Aus Sicht des Gesundheitsamtes
5.2.3 Aus Sicht der Kassenärztlichen Vereinigung
5.2.4 Aus Sicht des niedergelassenen Arztes
5.2.5 Aus Sicht des Krankenhauses
5.3 Funktionen möglicher Beratungstätigkeit im Jerichower Land
5.4 Arbeitsfelder möglicher Beratungstätigkeit im Jerichower Land
5.5 Finanzierung von Gesundheitsberatung
5.6 Modellprojekt AGnES – Mobile Praxisassistentinnen in Sachsen-Anhalt

6 Zusammenfassung und Ausblick

Anhang

Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Expertengespräche

Vorwort

Die Motivation, mich nun bereits seit insgesamt fast sechs Jahren mit den „Gesundheitswissenschaften“ und der „Gesundheitsökonomie“ zu beschäftigen, erwuchs aus dem Interesse nach beruflicher Veränderung. Nach meinem Studium der „Angewandten Gesundheitswissenschaften“ mit dem Abschluss Bachelor of applied Health Science bot mir die Hochschule die Möglichkeit den neuen Masterstudiengang „Management im Gesundheitswesen“ zu belegen. Der Master of Health Business Administration M.A. eröffnete mir somit die Chance, die Zusammenhänge und das Zusammenwirken von Gesundheitsökonomie, Gesundheitspolitik und den dazugehörigen Managementprozessen im Gesundheitswesen zu erforschen und die bestehenden Zusammenhänge kritisch zu hinterfragen. Schwerpunkte im Studium waren neben der Betriebswirtschaft u.a. auch Themen wie Organisationsberatung und Personalentwicklung, Innovations- und Projektmanagement, Sozialversicherungs- und Arbeitsrecht, Marketingmöglichkeiten und Gesundheitsökonomie.

Im Rahmen der Themensuche für meine Masterthesis bot sich mir daher nun auch die Möglichkeit, ein komplexes Thema aus dem Bereich „Innovative Entwicklungen im Gesundheitswesen“ wissenschaftlich zu recherchieren, zu beschreiben und notwendige Konsequenzen zu diskutieren. Inspiration für diese Arbeit war Roland Berger´s „Studie zum zweiten Gesundheitsmarkt“ aus dem Jahr 2007. Darin lag der Grundstein für mein Thema: „Chancen einer innovativen Gesundheitsberatung“ als zukünftige Gesundheitsdienstleistung. Neben der Literaturrecherche und der Textarbeit führte ich dazu leitfadengestützte Experteninterviews durch und befragte Kosten- und Leistungsträger aus dem Landkreis Jerichower Land. Ohne ihre Bereitschaft und ihr engagiertes Zuarbeiten wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen – Vielen Dank.

In diesem Zusammenhang danke ich besonders Herrn Dr. Peter Rudolph von der EUMEDIAS Heilberufe AG der mir mit erstklassigen Ratschlägen und guten Tipps jederzeit hilfreich zur Seite stand.

Nicht zuletzt danke ich Jeannine für das schönste Geschenk auf der Welt - meinen kleinen Sohn Tobey der am 05.01.2007, in meinem zweiten Studiensemester, das Licht der Welt erblickte und mich stets mit seinem morgendlichen Lächeln die langen nächtlichen Arbeitsstunden vor Büchern und Computer vergessen ließ.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Zentrale Beratungsfunktionen

Abb. 2: Aufgaben der Gesundheitsberatung

Abb. 3: Ziele der Gesundheitsberatung

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Sachsen-Anhalt - Voraussichtliche Bevölkerungs-veränderung bis zum Jahr 2025

Tab. 2: Sachsen-Anhalt - Anteil ausgewählter Altersgruppen an der Bevölkerung insgesamt

Tab. 3: Landkreis Jerichower Land – Voraussichtliche Bevölkerungsveränderung bis zum Jahr 2025

Tab. 4: Landkreis Jerichower Land - Anteil ausgewählter Altersgruppen an der Bevölkerung insgesamt

Tab. 5: Krankenhäuser nach Trägern und Bettenzahl in Sachsen-Anhalt

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Gesundheit gehört seit jeher zu den wichtigsten Gütern eines Menschen und die Beratung in gesundheitsrelevanten Fragen damit zu den selbstverständlichen Handlungen gegenseitiger Hilfeleistung. Gesundheitsberatung ist daher kein neues Thema, sondern Teil des sozialen Handelns von Menschen in den verschiedensten historischen Kontexten. Aber der Bedarf an Gesundheitsberatung hat in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen. Die Beratung von Patienten und Nutzern des Gesundheitswesens ist in Deutschland wie anderenorts ein zunehmend wichtiges Praxisfeld, das angesichts gesundheitspolitischer und gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen zukünftig noch weiter an Bedeutung gewinnen wird.

Menschen nehmen Gesundheitsleistungen in Anspruch, um ihre Gesundheit zu erhalten oder Gesundheit wiederzuerlangen. Ein durchschnittlich gebildeter Bürger ist aber kaum noch in der Lage eigenständig zu entscheiden, welche Gesundheitsleistung er bevorzugt, sei es im präventiven, sei es im diagnostischen, therapeutischen oder rehabilitativen Bereich. Der Verbraucher von Gesundheitsleistungen entscheidet demzufolge meist nicht alleinverantwortlich, welche Leistungen er in Anspruch nehmen will. In der Regel benötigt er hierzu den Gesetzgeber oder es sind Stellvertreter und Sachverwalter beteiligt z.B. Ärzte, oder aber benötigt andere Experten die ihn dazu beraten.

Gesundheitspolitische Zielsetzungen und zahlreiche Modernisierungsprozesse haben zudem zu Veränderungen des Versorgungssystems und zu einer Ausdifferenzierung gesundheitsbezogener Leistungen geführt, die eine höhere Nachfrage nach Gesundheitsaufklärung und Information über geeignete Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsförderung und Prävention bewirken.

Da Gesundheit für die Menschen ein immer wichtigeres Thema wird, achten sie dabei nicht nur auf die empfohlene Vorsorge, sondern geben inzwischen auch privat immer mehr Geld für Gesundheitsleistungen und -produkte aus.

Roland Berger Strategy Consultants hat in einer Studie aus dem Jahr 2007 den Trend zu mehr Eigenverantwortlichkeit in der Gesundheit bestätigt gefunden. Danach gibt jeder Erwachsene mittlerweile im Jahr 900 Euro für zusätzliche gesundheitliche Leistungen aus. Das lässt den privaten, den so genannten Zweiten Gesundheitsmarkt deutlich in seinem Umsatzvolumen anschwellen. Seit 2000 sind damit die privaten Gesundheitsausgaben, die zusätzlich zur Krankenversicherung getätigt werden, jährlich um 6 Prozent gestiegen. Allerdings steht der Nachfrage bislang noch kein ausreichendes Angebot gegenüber. Da es nicht mehr nur die traditionellen Vorsorgebehandlungen gibt, sondern auch die Ernährung, der Sport, Wellness oder Tourismus in den neuen Markt drängen, bietet er vor allem für Berater ein interessantes Betätigungsfeld.[1]

Zielsetzung dieser textanalytischen Arbeit ist es, Chancen und Möglichkeiten einer innovativen Gesundheitsberatung, als individuelle Medizin- und Beratungsdienstleistung im zukünftigen Gesundheitsmarkt zu analysieren und zu beschreiben. Dies erfolgt am Beispiel der ambulanten und stationären Versorgung im Landkreis Jerichower Land.

Aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht ergeben sich daraus für diese Arbeit folgende Fragestellungen:

Inwieweit kann sich Innovative Gesundheitsberatung zukünftig als eine zentrale bürger- bzw. patientenorientierte Dienstleistung in unserem Gesundheitswesen und als neues Berufsfeld für Gesundheitsberufe etablieren? Kann Gesundheitsberatung zukünftig zu einem allgegenwärtigen Angebot der Orientierungs-, Entscheidungs-, Planungs- und Handlungsunterstützung werden und ist sie somit eine Möglichkeit, auf die zu erwartenden Veränderungen in der ambulanten und stationären Versorgung im Landkreis Jerichower Land zu reagieren?

Die nachfolgende Textarbeit wird sich eingehend und vertiefend mit der bestehenden Literatur zum Thema Gesundheitsberatung und deren Konzepte auseinandersetzen und in den durchgeführten Experteninterviews werden die erstellten Thesen am Beispiel der ambulanten und stationären Versorgung im Jerichower Land diskutiert und deren Umsetzung aus Expertensicht bewertet.

1.2 Gang der Untersuchung

Die vorliegende Masterarbeit setzt sich aus sechs Kapiteln zusammen. Nach der Einleitung setzt sich das zweite Kapitel, als Ausgangspunkt dieser Arbeit, mit dem Gesundheitsmarkt der Zukunft und der zunehmenden Bedeutung von Information, Aufklärung und Unterstützung auseinander. Die zukünftige Gewichtung von Gesundheitsberatung wird hier dargestellt und Herausforderungen an den Wachstumsmarkt Gesundheit werden beschrieben. Die Notwendigkeit der Veränderungen im deutschen Gesundheitswesen beschreibt das dritte Kapitel und verdeutlicht das am Beispiel der demographischen Entwicklung und deren Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung der Zukunft in Deutschland. Grundlage für diese Ausführungen sind die Kondratieffzyklen. Im Fokus des vierten Kapitels steht die Gesundheitsberatung, die als eine Antwort auf die veränderten Gesundheitsbedürfnisse der Menschen im deutschen Gesundheitswesen beschrieben wird. Unter anderem werden die verschiedenen Beratungsansätze diskutiert und bezogen auf den Landkreis Jerichower Land werden die aktuellen Gesundheitsberatungsangebote dargestellt. Von besonderem methodischem und wissenschaftlichem Interesse ist das Kapitel fünf. Anhand leitfadengestützter Experteninterviews werden Sichtweisen verschiedener Leistungserbringer, Kostenträger und Interessenvertreter des Landkreises Jerichower Land zum Thema Gesundheitsberatung erfragt und diskutiert. Daraus ergeben sich mögliche Funktionen und Arbeitsfelder einer innovativen Beratungstätigkeit. Als Beispiel für ein Modellvorhaben wird das Modellprojekt AGnES – Mobile Praxisassistentinnen in Sachsen-Anhalt vorgestellt. Die Masterarbeit endet mit Kapitel sechs in einer kritischen zusammenfassenden Schlussbetrachtung und einem Ausblick in die Zukunft.

2 Der Gesundheitsmarkt im 21.Jahrhundert

Zukunft ist ein spannendes und wichtiges Thema. Zu den wenigen wissenschaftlich fundierten Methoden, die es erlauben, verlässliche Prognosen über die Zukunft zu gewinnen, gehört die Theorie der langen Wellen von Nikolai Kondratieff. Sie besagt, dass die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung vom Rhythmus langer Konjunkturzyklen, die eine Periode von 40-60 Jahren aufweisen, maßgeblich bestimmt werden. Lange Konjunkturwellen, die in der Fachwelt Kondratieffzyklen genannt werden, wurden von Ökonomen seit dem späten 18.Jahrhundert und von Historikern seit dem 10.Jahrhundert empirisch nachgewiesen. Fünf Kondratieffzyklen konnten in den letzten 250 Jahren empirisch nachgewiesen werden. Aus ihrem Verlauf lässt sich die enge Interdependenz zwischen Wirtschaft und Gesellschaft zeigen. Wer das Muster der Kondratieffzyklen kennt und sie frühzeitig identifiziert, kann sich günstig auf die Zukunft positionieren, sich an die Spitze der Entwicklung setzen und vom Schwung der langen Wellen am meisten profitieren. Für Personen, Unternehmen, Regionen und Regierungen ist diese Theorie ein ungemein wichtiges Planungsinstrument.[2]

Mit dem Jahrhundertwechsel ist der letzte lange Konjunkturzyklus, der fünfte Kondratieff, der seine Antriebsenergie aus der Entwicklung und Anwendung der Informationstechnik bezog, zu Ende gegangen. Auf ein solides wissenschaftliches Fundament und auf ein breites Spektrum empirischer Daten, überprüfbarer Fakten und Trends stützt sich die Aussage, dass der sechste Kondratieffzyklus bereits parallel zum Auslauf des fünften begonnen hat. Sein Träger wird jener Bereich der Gesellschaft sein, der die größten unerschlossenen Produktivitäts- und Wachstumsreserven für einen sich selbsttragenden Aufschwung besitzt: der Gesundheitsmarkt.

Der neue, der sechste Kondratieff hat schon begonnen und in den letzten Jahren bereits rasch an Dynamik gewonnen, so dass seine Konturen von Jahr zu Jahr immer deutlicher erkennbar werden. Mit seiner Ausfaltung wird immer deutlicher, dass über den Begriff „Information“ ein ganz neuer Zugang zu Krankheit und Gesundheit eröffnet wird. Gesundheit ist zu Beginn des 21.Jahrhunderts zu einem riesigen Bedarfs- und Innovationsfeld geworden.[3]

2.1 Das deutsche Gesundheitswesen der Zukunft

Der Begriff Gesundheitswesen wurde in letzter Zeit im Zusammenhang mit dem weltwirtschaftlichen Strukturwandel immer mehr in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses gestellt. Das ist Grund genug Begrifflichkeiten klar und deutlich zu definieren, Schnittmengen zu erkennen und im weiteren Handlungsfelder und Bereiche als Ausgangspunkt für innovative Entwicklungen aufzuzeigen. Gesundheitswesen bzw. Gesundheitssystem werden synonym für alle Personen, Organisationen, Einrichtungen, Regelungen und Prozesse gebraucht, deren Aufgabe die Förderung und Erhaltung der Gesundheit bzw. die Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten und Verletzungen ist. Die Gesundheitswirtschaft ist dagegen eine neue Branche, diese besteht aus der Summe aller Unternehmen und Institutionen, die direkt und indirekt an Lösungen für erkrankte Menschen wirken respektive zur Vorsorge beitragen. Dabei betont der Begriff die wirtschaftlichen Interessen der Branche.[4]

Der Gesundheitsmarkt birgt ein großes Wachstumspotential für die kommenden Jahre. Nicht zuletzt auf Grund der steigenden Lebenserwartung hat sich das Gesundheitsbewusstsein der Deutschen stark verändert. Es entsteht eine aktive Nachfrage nach Leistungen, die ein möglichst gesundes Leben, auch im Alter, ermöglichen sollen. Setzt sich diese Entwicklung fort, kann der Markt gemäß Roland Bergers Prognosemodell bis 2020 um über 70 Prozent wachsen.[5]

Die Gesundheit ist die tragende Säule des Wirtschaftswachstums in der laufenden Periode des Kondratieffzyklus. Diese Entwicklung belegen auch die Verlautbarungen des statistischen Bundesamtes mit aller Deutlichkeit:

„Das Gesundheitswesen in Deutschland weist einen ausgeprägten Dienstleistungscharakter auf. Die menschliche Arbeitskraft ist die zentrale Ressource der gesundheitlichen Versorgung. Durch die personalintensive Leistungserstellung kommt dem Gesundheitswesen als Beschäftigungsfaktor eine große Bedeutung zu. Damit geht eine Neubewertung der ökonomischen Rolle des Gesundheitswesens einher, die lange von der Kostenseite dominiert wurde.“[6]

Diese Wachstumsrolle gilt sowohl für den überproportionalen Anteil an der BIP-Entwicklung als auch für die Beschäftigung. Daher besteht die Möglichkeit, diesen Wachstumsprozess, der sich in der beschriebenen Form trotz einer schier unüberschaubaren Fülle wachstumshemmender Interventionismen die sich durch die staatliche Gesundheitspolitik herausgebildet hat, auch für die Stimulierung regionaler Entwicklungspotentiale im Gesundheitssektor zu nutzen.[7]

Seit einem halben Jahrhundert lässt sich gleichfalls beobachten, dass die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen tendenziell stärker zunimmt als das Pro-Kopf-Einkommen. Diese Nachfrage ist auf höhere Lebensstandards und ein gestiegenes Bildungsniveau zurückzuführen. Dies hat im Wesentlichen drei Konsequenzen:

- Durch eine bessere Aufklärung können die Patienten zu einer gesünderen Lebensweise und zu vorbeugendem Verhalten veranlasst werden, wodurch sich die Inanspruchnahme von intensiven und kostspieligen Behandlungen langfristig vermeiden lässt. Aus diesem Grund müssen die Gesundheitseinrichtungen immer mehr Präventions- und Aufklärungsmaßnahmen durchführen.
- Die Patienten stellen immer höhere Ansprüche an Qualität und Effizienz der Gesundheitssysteme. Dank der Entwicklung der neuen Informationstechnologien können sie sich besser über das verfügbare Leistungsangebot informieren und eine bewusste Auswahl treffen.
- Die Patienten wollen von den Vertretern der Heilberufe ebenso wie von den öffentlichen Stellen als ebenbürtige Partner und Akteure der Gesundheitssysteme behandelt werden. Darüber hinaus erwarten sie mehr Transparenz in Bezug auf die Leistungsfähigkeit und die Qualität der Gesundheitsdienste.[8]

Das Zukunftsinstitut in Kelkheim hat 2004 in einer Studie den „Megamarkt Gesundheit“ untersucht und als Schlüsselbranche der nahen Zukunft beschrieben. Dazu wurden von ihnen 14 Thesen für das Health-Business von Morgen vorgelegt. Die Untersuchungen beschreiben und bewerten mögliche Entwicklungen des deutschen Gesundheitsmarktes, so z.B.:

Die steigende gesunde Eigenverantwortung der Patienten

Die Bereitschaft der Patienten, selbst Verantwortung für ihre Gesundheit und ihr persönliches Wohlbefinden zu übernehmen, steht im Zentrum des Megatrends Gesundheit. Gerade in der jüngsten Vergangenheit haben die Patienten ihre Eigenverant-

wortlichkeit ausgebaut. 48 Prozent von Ihnen kümmern sich heute „mehr um ihre Gesundheit“ als noch vor „vier oder fünf Jahren“. 36 Prozent sind der Meinung, dass man durch seine Lebensweise die Wahrscheinlichkeit krank zu werden „stark beeinflussen“ kann.[9]

Der Hausarzt als Gatekeeper

Ganz neue Marktchancen eröffnen sich für diejenigen Ärzte, die eine optimierte Patientenkommunikation in den Mittelpunkt ihrer Dienstleistung stellen, sowie für eine ganze Reihe neuartiger Health Consultans, die sich mit viel Energie der individuell-optimierten Gesundheitsvorsorge ihrer Klienten widmen. Die erste Gruppe, die prädestiniert für das Anbieten einer solch personalisierten Gesundheitsdienstleistung scheint, sind die Hausärzte. Würden ihre finanziellen Untersuchungs- und Behandlungsspielräume erweitert, würden sie am ehesten in die Lage versetzt werden, dem Patienten als eine Art persönlicher Medical Consultant in allen gesundheitlichen Fragestellungen zur Seite zu stehen. Doch neben dem Hausarzt-Modell gibt es noch eine ganze Reihe weiterer neuer Markt- und Veränderungschancen.

Simply Medicine

Das Beispiel des amerikanischen „Simply Medicine“-Ansatzes hat inzwischen weltweit Schule gemacht: Dr. Lisa Grigg, Ärztin in Wallingfort/Vermont, entschied bereits vor einigen Jahren, mit keinerlei Krankenversicherung mehr zusammenzuarbeiten. Frustriert von einem Gesundheitssystem, das ihr kaum Zeit für die tatsächliche Beschäftigung mit dem Patienten ließ, akzeptiert sie seither keine Versicherungsscheine bzw. Krankenversichertenkarten mehr. Stattdessen bietet sie ihren Kundenpatienten rasche und individualisierte Hilfestellung gegen eine personalisierte Einzelabrechnung an. Ihrer Erfahrung nach ist dadurch die Zufriedenheit der Patienten deutlich gestiegen, der Heilungsprozess beschleunigt sich in vielen Fällen. Mühlhausen hinterfragt diesen Ansatz in ihrer Untersuchung und zeigt Möglichkeiten der Übertragung ins deutsche Gesundheitswesen auf.[10]

Personal Health Coaches

Die Studie zeigt, dass von der Sehnsucht nach einer individualisierten Medizindienstleistung in Zukunft all diejenigen profitieren werden, die sich auch ohne Approbati-

on, dafür aber mit sehr viel Engagement, um das Wohlbefinden ihrer Klienten kümmern: Neuartige Gesundheitsberater werden den Gesundheitsmarkt erobern. So wie es heute Finanzberater gibt, werde es künftig dieses Berufsbild geben. Gesundheitsberater beantworten allgemeine Fragen zu Gesundheit, Vorsorge und Ernährung und stellen individualisierte Programme zur Vorsorge und Behandlung zusammen. Sie planen, koordinieren und verwirklichen Maßnahmen der Gesundheitsförderung und der Prävention.

Nach Grassegger (2002) muss sich dazu eine wissenschaftliche Sparte entwickeln, die diese Coaching-Aufgaben übernimmt, und als Gesundheitsberater oder Consulter positioniert ist, und als solche auch Wertschätzung und tarifäre Anreize erhält.[11]

2.2 Herausforderungen an den Wachstumsmarkt Gesundheit

Gegenwärtig befindet sich das Gesundheitswesen in Deutschland aufgrund der vielfältigen Mängel und Defizite an einem Wendepunkt. Die sozialen Sicherungssysteme und vor allem das System der gesetzlichen Krankenversicherung geraten zunehmend in einen Rechtfertigungszwang. Die Politik versucht mittels immer neuer Regulierungen und Reglementierungen den Herausforderungen im Gesundheitswesen zu begegnen. Auch wenn durch die verschiedenen Reformanstrengungen der letzten Jahre zwar augenscheinlich die Notwendigkeit einer Reform des Gesundheitssystems von fast allen Beteiligten akzeptiert worden ist, jedoch bleibt die Frage nach der Ausgestaltung noch immer offen.[12]

Vor allem der Gesundheitsbereich wird aber von den Herausforderungen der demographischen Entwicklung und des medizinisch-technischen Fortschritts profitieren. Stärker als in der Vergangenheit wird das Gesundheitswesen in einer Zeit, in der sich die Rahmenbedingungen zunehmend im Sinne einer marktwirtschaftlichen Orientierung wandeln, auch Personen aus nichtmedizinischen insbesondere kaufmännischen Berufen Beschäftigungsmöglichkeiten bieten. Hierauf haben sich bereits Bildungseinrichtungen, Fachhochschulen und Universitäten eingestellt. Mit dem medizinisch-technischen Fortschritt ist zugleich auch das Wissen breiter Bevölkerungsschichten

über Krankheiten und gesundheitsbewusste Faktoren angestiegen. Diese Entwicklung wird allgemein nachfragesteigernd nach Gesundheitsdienstleistungen wirken. Es wird sich ein Marktsegment für alle diejenigen Produkte und Leistungen eröffnen, welches über die klassische Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit hinaus auch die Steigerung der individuellen Lebensqualität zum Ziel hat. Hier liegen besondere Chancen für Wellnesseinrichtungen, Bäder, Kurorte und die Tourismusbranche.[13] Auch der Bereich an Information und Beratung wird zukünftig an Bedeutung gewinnen. Der Bedarf nach Informationen über die Zusammenhänge von individuellen Lebensgewohnheiten und Krankheitserscheinungen wird ebenfalls weiter zunehmen. Das Vordringen der Verbraucherzentrale und der Stiftung Warentest auf dem Gebiet der Informationsvermittlung im Bereich der individuellen Gesundheitsvorsorge belegt dies eindrucksvoll. Wie in allen anderen Versorgungssektoren gewinnt nun auch professionelle Beratung eine herausragende Bedeutung bei der Unterstützung von Einzelnen, Gruppen und Organisationen und sie gerät gleichzeitig unter den Innovationsdruck einer Zeit zunehmender und gesellschaftlicher Veränderungen.[14]

Bei den Krankenversicherungen werden ebenfalls die Segmente „Beratung“ und „Training“ an Bedeutung gewinnen. Denn um im Wettbewerb mit anderen bestehen zu können, ist der Aufbau von Wettbewerbsvorteilen unumgänglich. Derartige Angebote sind kostengünstig und leicht realisierbar, und darüber hinaus unterstützen sie den Aufbau von persönlichen Kontakten zwischen einer Kasse und ihren Versicherten. Neben Krankenkassen, sowohl aus dem Bereich der Regelversorgung als auch aus dem Bereich der Wahlleistungen, bietet der zukünftige Gesundheitsmarkt auch für weitere Anbieter Spielraum. Vor allem auf der Ebene der Einzel-, aber durchaus auch der Gruppenberatung bieten sich zukünftig auch Ärzten vielfältige Möglichkeiten der Betätigung und der Einkommenserzielung. Allerdings trägt das ärztliche Standesrecht derartigen Aktivitäten gegenwärtig noch nicht adäquat Rechnung.[15]

Beratung wird auch mehr und mehr zum Handwerkszeug und zur Funktion von Menschen, die in erziehenden, bildenden, pflegenden, versorgenden und helfenden Berufen arbeiten, auch wenn sie sich nicht als Berater bezeichnen. Sie diffundiert in unterschiedliche Berufsgruppen und viele verbinden damit einen Statusaufstieg auch

oder vornehmlich zu beraten. Dazu muss sich Beratung zukünftig aber in vielen Fel-

dern noch weiter professionalisieren. Gesundheitsberatung muss endgültig zur Profession durch Beratungstheorie und -wissenschaft, Beratungsstudiengänge in Aus- und Weiterbildung, Beratungsverbände und Richtlinien der Berufsausübung, Berufsethik, der Qualitätssicherung etc. werden. Diese Professionalisierungsprozesse sind aktuell dramatisch.[16]

Auch der Sachverständigenrat für die Konzentrierte Aktion im Gesundheitswesen beschäftigte sich in seinem Gutachten 2003 „Finanzierung, Nutzerorientierung und Qualität“ mit dem Thema Beratung und Patienteninformation und diskutierte anhand von drei Schwerpunkten (Einrichtungen und Anlaufstellen der persönlichen Beratung, Gesundheitsinformationen im Internet, medizinische Beratung durch Krankenkassen-Callcenter) den aktuellen Forschungsstand und daraus ableitbare gesundheitspolitische Ziele. Das Fazit des SVR lautete: „Bessere Information, Beratung und Schulung befähigt Versicherte und Patienten zu selbstbestimmterem Handeln, zur kritischen Nutzung von Gesundheitsdienstleistungen und führt dazu, dass der Betroffene sowohl zu einem effizienteren Umgang mit Ressourcen als auch zur Verbesserung der Versorgungsqualität beitragen können. Der informierte Patient wird bislang unzureichend als eine wichtige Kraft zur Lösung von Problemen im Gesundheitswesen erkannt. Noch investiert das Gesundheitssystem überwiegend in Experten und ihre technische Ausstattung und nur selten direkt in die Versicherten oder Patienten.“[17]

Ganz allmählich entwickelt sich eine Patienten- bzw. Gesundheitsberatungskultur als neue Gesundheitsleistung, die – ökonomisch betrachtet – den Übergang vom Produzenten- zum Konsumentenmarkt symbolisiert. Nicht mehr das überlegene Wissen oder die Machtstellung der Leistungserbringer entscheidet zukünftig über die weitere Entwicklung im Gesundheitswesen, sondern immer mehr das Verhalten und die Forderungen der Konsumenten, denen entsprechende Informationsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt werden.[18]

3 Die Notwendigkeit der Veränderungen im deutschen >Gesundheitswesen

Der Markt im Gesundheitswesen unterliegt einer starken Veränderungsdynamik. Die finanziellen, strukturellen und kulturellen Bedingungen der Leistungserbringung im Gesundheits- und Sozialwesen sind im Hinblick auf größere Kompliziertheit und Komplexität zunehmender Veränderung unterworfen. Dies zwingt alle Akteure im Gesundheitswesen, sich auf neue Anforderungen einzustellen.

Leo A. Nefiodow (1999) beschreibt diese Anforderungen bezogen auf den sechsten Kondratieff wie folgt: „Nun, der sechste ist noch in einer sehr frühen - in einer sehr embryonalen - Phase, aber man kann seine Konturen schon recht gut erkennen. Im nächsten, im sechsten Kondratieff-Zyklus, wird der gesellschaftliche Bedarf nach Gesundheit im Vordergrund stehen. Nicht nur rein körperliche Gesundheit, wie wir sie heute verstehen, sondern in einem ganzheitlichen Sinne: auch seelische, ökologische und soziale Gesundheit. ... Jeder Kondratieff-Zyklus ist nicht nur die Verwirklichung bestimmter Erfindungen - ein größerer Innovationsschub, der in die gesamte Gesellschaft hinein diffundiert -, sondern jeder Kondratieff-Zyklus befriedigt auch einen Bedarf der Gesellschaft. Ich bin der festen Überzeugung, dass der nächste Innovationsschub im Wesentlichen davon abhängt, dass wir künftig die weichen Faktoren besser nutzen. Damit meine ich Kompetenzen im Umgang mit Menschen, Kreativität, Motivation, Verantwortungsgefühl, und vor allem die Bereitschaft, sich für eine Sache einzusetzen.“[19]

Mit dem nächsten, den sechsten Kondratieff-Zyklus wird es demzufolge zu einer grundlegenden Veränderung in den produktivitätsbestimmenden Kompetenzen und Wettbewerbsfaktoren kommen. Was die Unternehmen und Volkswirtschaften im Wettbewerb der Zukunft unterscheiden wird, ist die Gesundheit ihrer Menschen und die Qualität ihres Gesundheitswesens ganzheitlich gesehen: körperlich, seelisch, geistig, sozial und ökologisch. In der Umstrukturierung des Gesundheitswesens von Krankheits- auf Gesundheitsorientierung schlummern deshalb die größten Produktivitätsreserven. Um diese Ressourcen zu erschließen, werden neue Konzepte, Strategien und Angebote benötigt, die nicht auf die Reparatur von Krankheiten, sondern

auf die Herstellung und Erhaltung von Gesundheit und Wohlbefinden ausgerichtet sind und den Menschen ganzheitlich ernst nehmen.[20]

3.1 Das Gesundheitswesen als Jobmaschine im 6.Kondratieff

Wie kaum ein anderer Bereich ist das Gesundheitswesen in der Lage, Konsum und Investitionen auf sinnvolle und arbeitsintensive Angebote und Nachfragen zu lenken. Das lässt sich an der Entwicklung der Beschäftigung deutlich ablesen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hat 2001 ein Gutachten vorgestellt in dem es wirtschaftliche Aspekte der Märkte für Gesundheitsdienstleistungen und deren ökonomischen Chancen unter sich verändernden demographischen und wettbewerblichen Bedingungen untersuchte. Das DIW stellte darin fest, dass der Anteil der Erwerbstätigen im Gesundheitswesen an den Erwerbstätigen insgesamt alleine in den alten Bundesländern von rund 3,9 % im Jahre 1970 auf 7,4 % in 1999 gestiegen ist. In absoluten Zahlen verdoppelte sich im selben Zeitraum die Zahl der Beschäftigten von 1,03 Mio. auf 2,1 Mio. In Gesamtdeutschland ist die Beschäftigung von 2,26 Mio. (1991) auf 2,57 Mio. (1999) angewachsen. Dazu zählt das DIW neben Ärzten, Zahnärzten, Apothekern sowie Assistenz- und Pflegepersonal in Praxen, Kliniken, ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen auch sonstige Gesundheitsdienstberufe (Masseure, Heilpraktiker etc.) sowie das Wirtschafts- und Verwaltungspersonal in Ämtern, Klinken und Krankenversicherungen. Einschränkend stellt das Institut fest, dass der Anteil der Teilzeit-Jobs im Gesundheitswesen überproportional hoch ist. Berücksichtigt man darüber hinaus die Impulse, die auf andere Wirtschaftsbereiche ausgehen, gibt das Gesundheitswesen direkt und indirekt sogar zirka 4,5 Mio. Menschen einen Job. Die größten Impulse bekommen Pharma-, Medizintechnik- und Medizinprodukte-Industrie, Groß- und Einzelhandel, Transportleistungen, Nahrungsmittel sowie Grundstücks- und Wohnungswesen.[21]

Um das Potential des sechsten Kondratieffs zu erschließen und Vollbeschäftigung zu erreichen müssten nach Nefiodow (2006) folgende vier Maßnahmen im Vordergrund stehen:

1. Das herkömmliche Gesundheitssystem – das auf den Umgang mit Kranken ausgerichtet ist – müsste weiter in seiner Effizienz verbessert werden, denn es wird immer Kranke und Krankheiten geben. Eine weitere Unterdrückung oder Deckelung dieses Systems ist fehl am Platz, es führt lediglich dazu, dass die dringend benötigten neuen Innovationen und Arbeitsplätze nicht entstehen können.
2. Dem neu aufkommenden Gesundheitssektor müssten mehr Finanzmittel zugeführt werden. Einer der Gründe, warum sich die neuen Angebote, die sich innerhalb und außerhalb der Schulmedizin auftun, nicht oder nur sehr langsam durchsetzen, ist der Mangel an Geld.
3. Parallel dazu müsste konsequent mit dem Aufbau eines Gesundheitssystems begonnen werden das diese Bezeichnung verdient. Krankheit ist die größte Produktivitäts- und Wachstumsreserve des 21.Jahrhunderts. In dem neuen Gesundheitssystem sollten Prävention, Gesundheitsvorsorge, Salutogenese und die Erkennung und Beseitigung der Krankheitsursachen im Vordergrund stehen. Das Ziel sollte sein, die Entstehung von Krankheiten zu verhindern und die notwendigen Erkenntnisse, Techniken und Therapien bereitzustellen, um im Krankheitsfall die Ursache zu finden und zu beseitigen. Ein Schwerpunkt der Prävention sollte die seelische und soziale Gesundheit bilden, weil in diesem Bereich die größten Produktivitätsreserven schlummern.
4. Produktivitätsverbesserungen sind die wichtigste Quelle und Voraussetzung für Wirtschaftswachstum. Im sechsten Kondratieff sollte es nicht nur um die Verbesserung der betriebswirtschaftlichen Produktivität, sondern auch um die volkswirtschaftliche gehen.[22]

Der sechste Kondratieff wird kommen und er wird ein „Gesundheits-Kondratieff“ sein. Der Motor dieses Langzyklus kann schon heute ziemlich genau angegeben werden, psychosoziale Gesundheit. Die Frage ist nicht, ob er realisiert werden kann, sondern welche Firmen, Länder und Regionen ihn gestalten und am meisten von seiner Antriebskraft profitieren.[23]

3.2 Die demographische Entwicklung im 6.Kondratieff

Der neue, der sechste Kondratieff, wird nicht nur das Gesundheitswesen revolutionären und ein kräftiger Innovationsschub sein, er wird auch – wie die Langzyklen davor – erhebliche Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes mit sich bringen. Das deutet sich bereits in der demographischen Entwicklung an.

Zwischen 1800 und 2000 hat das Durchschnittsalter der Menschen um das Zweieinhalbfache zugenommen. Angesichts der Innovationspotentiale die im Gesundheitswesen schlummern, kann nicht ausgeschlossen werden, dass zukünftig vergleichbare Steigerungen erreicht werden können. Neben Fortschritten in der medizinischen Forschung werden zukünftig Fortschritte in der Informationsmedizin ganz neue Möglichkeiten zur besseren Prävention und Gesundheitsvorsorge erschließen, die Heilung von bisher unheilbaren Krankheiten ermöglichen und dadurch wirksam zur Verlängerung des Lebens beitragen. Dadurch könnte sich das Lebensalter merklich verlängern, was dramatische Folgen für die Sozialsysteme hätte, die sich bereits in einer schweren Finanzierungskrise befinden.[24] Denn aufgrund der demographischen Entwicklung der deutschen Bevölkerung und des sich wandelnden Krankheitsspektrums ist damit zu rechnen, dass die Gesundheitsausgaben weiterhin enorm zunehmen werden. Die grundsätzliche Frage, ob es sich bei den infolge der zunehmenden Lebenserwartung gewonnenen Lebensjahre um Jahre handelt, die behinderungs- und beschwerdefrei verbracht werden können, oder ob diese von Krankheit und Pflegebedürftigkeit gekennzeichnet sind, wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert.[25] Unbestritten wird aber die demographische Veränderung in den nächsten Jahren eine höhere Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen der gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen mit sich bringen. Gegenüber der Wirkung des medizinisch-technischen Fortschritts hat dieser Faktor aber eine relativ geringere Bedeutung. Erst nach 2020 entfaltet die demographische Veränderung hier eine deutlich stärkere Dynamik.[26]

3.2.1 Demographische Entwicklung in Deutschland

Seit 33 Jahren liegen die Kinderzahlen in Deutschland unter jenem Wert, der für eine langfristig stabile Bevölkerungsentwicklung notwendig wäre.[27] Doch erst langsam stellt sich die Nation der demographischen Herausforderung. Denn geringe Kinderzahlen bei gleichzeitig zunehmender Lebenserwartung bedeuten hohe Kosten für eine alternde Gesellschaft bei gleichzeitig schwindender wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Betrachtet man die Zahl der Geburten je 1.000 Einwohner, so liegt Deutschland, wie schon vor 30 Jahren, weltweit auf dem letzten Platz. Dieser Messwert ist besonders wichtig, denn er beschreibt die Kopfstärke der nachwachsenden Generation, die für die Lösung der Zukunftsaufgaben zur Verfügung steht. Sie ist im Vergleich zu den Älteren, die es zu versorgen gilt, nirgendwo so klein wie in Deutschland. Das gesamte System der sozialen Versorgung, der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung gerät unter enormen Druck. Die Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wird daher durch eine disproportional verlaufende Entwicklung zwischen Bevölkerung und Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen gekennzeichnet sein. Obwohl die Zahl der Empfänger von Leistungen der GKV auf lange Sicht abnimmt, wird die Nachfrage nach altersgerechten Gesundheitsleistungen aufgrund der zukünftigen Veränderungen innerhalb der Bevölkerungsstruktur und auch im Hinblick auf die höhere Krankheitshäufigkeit älterer Menschen ansteigen.[28]

Aber eine nachhaltig funktionierende Gesellschaft braucht eine im Altersaufbau gut gemischte Bevölkerung sowie eine Wirtschaft, die ausreichend Werte schafft und alle notwendigen Gesundheitsdienstleistungen zur Verfügung stellt. Demographische und ökonomische Entwicklung sind somit für die Zukunftsaussichten der verschiedenen Regionen in Deutschland gleichermaßen wichtig: Eine florierende Wirtschaft sorgt für Wohlstand. Doch sie ist nichts ohne Konsumenten und Nachwuchs an motivierten und gut qualifizierten Arbeitskräften und Unternehmen.[29] Deutschland steht vor vielfältigen Herausforderungen, wobei die Veränderungen die Regionen Deutschlands in höchst unterschiedlichen Ausmaßen treffen werden.

3.2.2 Die demographische Entwicklung in Sachsen-Anhalt

Der demographische Wandel betrifft nicht allein Sachsen-Anhalt und Ostdeutschland, sondern die ganze Bundesrepublik und Europa und ist letztlich ein globales Phänomen. Seine Grundlinien – Verlängerung der Lebenserwartung, Verringerung der Geburtenzahlen, Zentralisierung und Urbanisierung – sind langfristige Entwicklungen, die sich politisch nur teilweise beeinflussen lassen. Dennoch hat dieser demographische Wandel neben der globalen auch eine - oft vernachlässigte - regionale Komponente. Die demographische Situation in Sachsen-Anhalt unterscheidet sich nicht wesentlich von der der anderen ostdeutschen Länder. Die Geburtenrate ist weiterhin niedriger als in Westdeutschland und der Wanderungssaldo negativ, d.h. jedes Jahr verlassen mehr Menschen das Land als zuwandern.[30] Sachsen-Anhalt verzeichnet seit 1950 eine kontinuierliche Abnahme der Bevölkerung. Lebten im Jahr 1950 in Sachsen-Anhalt noch 3.607.586 Personen, so fiel die Bevölkerungszahl mit der Wiedergründung Sachsen-Anhalts im Jahr 1990 erstmals unter die 3 Millionen-Marke und verringerte sich bis zum 31.12.2001 weiter auf 2.580.626 Personen.[31]

Bei einer Fortdauer der heutigen Trends würden 2025 nur noch 2 Millionen Menschen in Sachsen-Anhalt leben.[32] Damit wird das Land in gut einer Generation ein Drittel seiner Einwohner verloren haben. Gleichzeitig altert die Bevölkerung ganz erheblich. Neben den vielen materiellen Auswirkungen wird auch die Balance bzw. der Generationenvertrag zwischen älteren und jüngeren Bevölkerungsgruppen in Frage gestellt, wenn 2025 mehr als die Hälfte der Bevölkerung (54 Prozent) in Sachsen-Anhalt über 50 Jahre sein wird. Bis zum Jahr 2050 wird sich dieser Trend weiter verstärken. So werden im Jahr 2050 ca. nur noch 1,6 Millionen Menschen in Sachsen-Anhalt leben. Davon werden 38 Prozent älter als 65 Jahre sein und weitere 17,2 Prozent werden bereits 80 Jahre und älter sein.[33]

Frau Prof. Dr. Christiane Dienel von der Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) präsentierte 2005 im Rahmen eines Fachvortrages zu Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Regionalentwicklung verschiedene Maßnahmenvorschläge zur Beeinflussung von Wanderungsbewegungen. Nach Dienel kommt es u.a. darauf an, familienpolitische und gesundheitspolitische Maßnahmen in den jeweiligen loka-

len Kontext einzubetten. Ein Schwerpunkt muss hierbei die Unterstützung der Kommunen bei der Entwicklung integrierter Konzepte für lokale Gesundheits-, Sozial und Beratungsdienste sein.[34] Nach der Studie des Berlin-Instituts zur demographischen Lage der Nation und der Zukunftsfähigkeit der einzelnen Regionen wird es Sachsen-Anhalt, bezogen auf Geburtenrückgang, Überalterung und Abwanderung, am schlimmsten treffen. Die hohen Zukunftsrisiken der Landkreise lasten, nach vorliegender Untersuchung, fast alle flächendeckend auf Sachsen-Anhalt.[35]

In den nachfolgend abgebildeten Tabellen sind die prognostizierten Bevölkerungsänderungen für Sachsen-Anhalt bis zum Jahr 2025 (Tab.1) und die Verteilung auf die verschiedenen Altersgruppen (Tab.2) dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Sachsen-Anhalt - Voraussichtliche Bevölkerungsveränderung bis zum Jahr 2025[36]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2: Sachsen-Anhalt - Anteil ausgewählter Altersgruppen an Bevölkerung insgesamt[37]

3.2.3 Der Landkreis Jerichower Land im Jahr 2025

Durch die anhaltende Abwanderung und durch die Geburtendefizite wird das Land Sachsen-Anhalt in zunehmendem Maße mit dem Problem einer überalternden Bevölkerung konfrontiert werden. Doch auch hier ist die demographische Situation auf Landkreis- und kommunaler Ebene durchaus unterschiedlich.[38]

Der Landkreis Jerichower Land liegt im Nordosten des Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Durch die Kreisgebietsreform ist er flächenmäßig und nach Einwohnerzahl zum 1. 07. 2007 größer geworden und hat nun eine Fläche von ca. 1337 km2 und zählt damit zu den kleinsten Flächenkreisen im Land Sachsen-Anhalt. Auch die Einwohnerzahl je km2 ist relativ gering. Betrug sie im Jahr 2005 noch 65 Menschen so wird sie sich nach vorliegender Bevölkerungsprognose bis zum Jahr 2025 auf 51 Einwohner je km2 reduzieren. Betrachtet man den Nachbarkreis Anhalt-Bitterfeld mit einer Einwohnerzahl von 131 Einwohner je km2 im Jahr 2005 und laut Prognose 94 Einwohner je km2 im Jahr 2025, wird die explizite Stellung des Jerichower Landes deutlich.[39] Das Jerichower Land wird von seinen derzeit ca. 102.000 Einwohnern nach Schätzung bis zum Jahr 2025 21,5 Prozent verlieren. Auch hier sind die Ursachen im Geburtendefizit und in Abwanderungsbewegungen zu suchen. Im Jahr 2025 werden nur noch ca. 80.000 Menschen im Landkreis leben. Davon werden 32,2 Prozent älter als 65 Jahre sein. Im Jahr 2005 betrug diese Zahl noch 20,7 Prozent. Die Tabellen Nr.3 und Nr.4 belegen diese Zahlen eindrucksvoll. Für den Landkreis Jerichower Land bedeutet dies, dass aus einer ganzheitlichen Perspektive die Förderung der Übernahme regionaler Verantwortung zukünftig an Gewichtung gewinnen wird. Die Stärkung der Zivilgesellschaft ist möglicherweise das wichtigste nichtökonomische Ziel, um jungen Menschen Gründe zum Bleiben zu geben. Nicht nur der Mangel an Arbeitsplätzen sondern auch der Mangel an Zukunftsfähigkeit, der Mangel an gestaltbarer Zukunft bringt junge Menschen dazu, dass sie das Land verlassen.

[...]


[1] Vgl. Heeb (2007), S. 1 ff.

[2] Vgl. Nefiodow (2006), S. 4 ff.

[3] Vgl. Nefiodow (1997), S. 354 ff.

[4] Vgl. Prötzig (2007), S. 21 ff.

[5] Vgl. Heeb (2007), S. 3 ff.

[6] Heinze et al. (2006), S. 11.

[7] Vgl. Kreuter (1998), S. 343 ff.

[8] Vgl. Mitteilung der europäischen Kommission vom 5. Dezember 2001 - Die Zukunft des Gesund-
heitswesens und der Altenpflege – KOM (2001) 723 .

[9] Mühlhausen (2004), S. 20.

[10] Vgl. Mühlhausen (2004), S. 20 ff.

[11] Vgl. Grassegger (2002), S. 68-70.

[12] Vgl. Oberender et al. (2006), S. 33 ff.

[13] Vgl. Oberender et al. (2006), S. 171-176.

[14] Vgl. Nestmann/Engel (2001), S. 11 ff.

[15] Vgl. Oberender et al. (2006), S. 188-195.

[16] Vgl. Nestmann (2007), S. 17 ff.

[17] Sachverständigenrat für die Konzentrierte Aktion im Gesundheitswesen (2003), S. 220.

[18] Vgl. Behnke et al. (2001), S. 52-53.

[19] Nefiodow (1999), "Es gibt keinen Stillstand"- Der Wissenschaftler Leo A. Nefiodow über die Zukunft
der Wirtschaft und die Bedeutung der "soft skills". Interview in der MW – Magazin für Wissenschaft
und Kultur Nr.06/99.

[20] Vgl. Oberender et al. (2006), S. 19 ff.

[21] Vgl. DIW (2001), Wirtschaftliche Aspekte der Märkte für Gesundheitsdienstleistungen –
Ökonomische Chancen unter sich verändernden demographischen und wettbewerblichen Bedin-
gungen in der Europäischen Union. S. 132 ff.

[22] Vgl. Nefiodow (2006), S. 74-77.

[23] Vgl. Nefiodow (1997), S. 362.

[24] Vgl. Nefiodow (2006), S. 78-83.

[25] Vgl. Oberender et al. (2006), S. 111 ff.

[26] Vgl. Prötzig (2007), S. 23 ff.

[27] Kröhnert et al. (2006), S. 3.

[28] Vgl. Oberender et al. (2006), S. 110-115.

[29] Vgl. Kröhnert et al. (2006), S. 4 ff.

[30] Vgl. Dienel (2005), S. 2-12.

[31] Gender Report Sachsen-Anhalt (2002), S. 91.

[32] Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr Sachsen-Anhalt (2007), S. 1-6.

[33] Statistisches Bundesamt (2007): 11. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung/Sachsen-Anhalt.

[34] Dienel (2005), S. 10.

[35] Vgl. Kröhnert et al. (2006), S. 4.

[36] Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt (2007), 4. Regionalisierte Bevölkerungsprognose 2005 bis
2025/Land/nach Bewegungsdaten.

[37] Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt (2007), 4. Regionalisierte Bevölkerungsprognose 2005 bis
2025/Land/nach Altersgruppen.

[38] Vgl. Dienel (2005), S. 2 ff.

[39] Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr Sachsen-Anhalt (2007), S. 5.

Details

Seiten
92
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638038744
ISBN (Buch)
9783638935845
Dateigröße
772 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v90011
Institution / Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Magdeburg – Fachbereich Wirtschaft
Note
2.0
Schlagworte
Chancen Gesundheitsberatung

Autor

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Titel: Chancen einer innovativen Gesundheitsberatung