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Die Anwendung des Modells der Selektiven Optimierung mit Kompensation auf die Kunsttherapie

Diplomarbeit 2006 71 Seiten

Kunst - Uebergreifende Betrachtungen

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Das Modell der Selektiven Optimierung mit Kompensation (SOC)
1.1 Die Position des Modells der Selektiven Optimierung mit Kompensation innerhalb der deutschen Entwicklungspsychologie
1.1.1 Entwicklungspsychologie bezogen auf die Lebensspanne
1.1.2 Lebensspannenpsychologie und Intelligenzforschung
1.1.3 Die Alternsforschung als Teilgebiet der Lebensspannenpsychologie
1.2 Das Modell der Selektiven Optimierung mit Kompensation
1.2.1 Die Prozesse des Modells der Selektiven Optimierung mit Kompensation und deren Orchestrierung
1.2.2 Die Veränderungen der Nutzung von SOC-Strategien im Verlauf der Lebensspanne

2. Die Anwendung des Modells der Selektiven Optimierung mit Kompensation auf die Kunsttherapie
2.1 Bedingungen der Übertragbarkeit
2.2 Ressourcen als Arbeitsgrundlage
2.2.1 Der Ressourcenbegriff innerhalb des SOC-Modells
2.2.2 Der Ressourcenbegriff in der Kunsttherapie
2.3 Wohlbefinden als Spiegel erfolgreicher Entwicklung
2.3.1 Emotionales, kognitives und psychologisches Wohlbefinden als Kriterien erfolgreicher Entwicklung im Rahmen des SOC-Modells
2.3.2 Beziehungen zwischen Ressourcen, SOC und Wohlbefinden
2.3.3 Wohlbefinden als Erfolgskriterium der Kunsttherapie
2.4 Exemplarische Übertragung auf die Kunsttherapie
2.4.1 Anwendung des SOC-Modells auf den kunsttherapeutischen Prozess nach Marianne Altmaier
2.4.2 Ableitung eines Modellvorschlages zum Auftreten von SOC- Funktionen im kunsttherapeutischen Prozess
2.4.3 Untersuchung des Modellvorschlages anhand anderer kunsttherapeutischer Konzepte
2.4.4 Untersuchung der Hypothese anhand SOC-basierter verhaltenstherapeutischer Interventionen
2.5 Reformulierung der Hypothese
2.6 Schlussfolgerungen für eine SOC-Strategien-bewusste Kunsttherapie

3. Kritik
3.1 Kritik der Ausführungen zum Modell der Selektiven Optimierung mit Kompensation
3.2 Kritik der Ausführungen zur Übertragung des SOC-Modells auf den kunsttherapeutischen Prozess
3.3 Kritik der Arbeitsweise

Schlusswort

Glossar

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang

Einleitung

Im Rahmen meiner letzten Hausarbeit, in welcher ich die Entwicklung der wissen-schaftlichen Intelligenzforschung und deren aktuelle internationale Schwerpunkte untersuchte, stieß ich auf das Modell der Selektiven Optimierung mit Kompensation. Die darin beschriebenen Strategien zur Bewältigung von Alltags-situationen sowie der Bezug auf die lebenslange Entwicklung des Menschen weckten mein Interesse an deren Übertragbarkeit auf die Kunsttherapie, welchem ich in der vorliegenden Diplomarbeit unter der Fragestellung nach der Anwendung des Modells der Selektiven Optimierung mit Kompensation (SOC-Modell) auf die Kunsttherapie nachgehen werde.

Der erste Teil der Arbeit widmet sich dem Modell der Selektiven Optimierung mit Kompensation. Hierzu soll einleitend die Position und der Ursprung des Modells in der deutschen Entwicklungspsychologie geschildert werden, wobei besonderer Wert auf die Bedeutung der gesamten Lebensspanne für die menschliche Onto-genese gelegt wird. Nach einem kurzen Exkurs in die Intelligenzforschung und eine Beschreibung der Grundlagen des Modells in der Alternsforschung, werden die Prozesse des Modells und deren Veränderungen im Lebenslauf dargestellt. Der folgende zweite Teil der Diplomarbeit schildert die Anwendung des Modells der Selektiven Optimierung mit Kompensation auf die Kunsttherapie. Hierbei werden zuerst die Bedingungen der Übertragbarkeit beschrieben, die zugrunde liegenden Ressourcen und das Erfolgskriterium Wohlbefinden dargestellt und nachfolgend das SOC-Modell exemplarisch auf den kunsttherapeutischen Pro-zess nach Altmaier übertragen. Aus dieser Übertragung wird ein Modellvorschlag zum Auftreten der SOC-Strategien im kunsttherapeutischen Prozess abgeleitet, welches anhand der Konzepte anderer Kunsttherapeuten hinterfragt und gege-benenfalls verändert werden soll. Nachfolgend wird untersucht, inwieweit Schluss-folgerungen aus den gewonnenen Erkenntnissen gezogen werden können. Den Abschluss der Arbeit bilden Kritik und Schlusswort. Im Verlauf der Diplomarbeit wird die männliche Wortform im Sinne besserer Lesbarkeit für beide Geschlechter verwandt. Werden Fachbegriffe ohne nachfolgende Definitionen verwandt, sind diese im Glossar erklärt.

1. Das Modell der Selektiven Optimierung mit Kompensation (SOC)

1.1 Die Position des Modells der Selektiven Optimierung mit Kompensation innerhalb der deutschen Entwicklungspsychologie

Eine bedeutsame Besonderheit der deutschen Entwicklungspsychologie ist die Betrachtung der gesamten Lebensspanne. Statt menschliche Entwicklung allein auf die Reifung in der Kindheit und Jugend zu beziehen, unterschied bereits einer der frühen geistigen Väter der deutschen Entwicklungspsychologie, Johannes Tetens, das Wachstum des intellektuellen Leistungsvermögens, dessen zeitliche Stabilität auf dem Maximum sowie die Abnahme der Leistungsfähigkeit im Alter als drei aufeinander folgende Phasen. Eine gezielte, empirische Erforschung der lebenslangen Entwicklung begann jedoch erst vor etwa drei Jahrzehnten, ausgelöst im Wesentlichen durch den demografischen Wandel und die daraus folgende Konfrontation der Gesellschaft mit einer zunehmenden Zahl alter Menschen. (Baltes, 1987, S. 611-626)

1.1.1 Entwicklungspsychologie bezogen auf die Lebensspanne

Das Forschungsgebiet der Lebensspannenpsychologie ist die Ontogenese des Menschen, seine psychologische Entwicklung von der Empfängnis bis zum Tod. Dieses Teilgebiet der Psychologie untersucht sowohl die allgemeinen Prinzipien der menschlichen Entwicklung als auch die interindividuellen Unterschiede und die individuelle Plastizität der innerhalb der Entwicklung. Die Lebensspannen-psychologie versucht dabei das psychische Potential eines Menschen zu beschreiben, die Eigenschaften dieses Potentials und seine Veränderungen im Lebensverlauf aufgrund biologischer und kultureller Faktoren zu begründen und so Wege zu dessen Erweiterung zu eröffnen. „Developmental psychologists aspire to understand the behavioral, mental, social, motivational, and inter-personal characteristics and processes that constitute, accompany, and modify lifetime development. “ (Lindberger, 2004, S. 155)

Zwar fokussieren die Richtungen der Lebensspannenpsychologie meist einzelne Abschnitte der Ontogenese, jedoch basieren sie alle auf sieben Grundannahmen:

1. Lebenslange Entwicklung:

Der ontogenetische Prozess ist eine lebenslange Entwicklung, in der keine Lebensphase die Entwicklungsrichtung dominiert, wobei immer sowohl konti-nuierliche als auch diskontinuierliche Prozesse wirksam sind.

2. Multidirektionalität:

Die Ontogenese zeichnet sich durch eine Vielzahl möglicher Wandlungs-richtung aus. Während einer Entwicklungsphase können gleichzeitig Funktions-zunahmen einem Bereich und -abnahmen in einem anderen auftreten.

3. Entwicklung als Gewinn und Verlust:

Die Entwicklung wird nicht als fortwährende Zunahme der Funktionsfähigkeit betrachtet, sondern als ständiges Wiederkehren von Gewinnen (Wachstum) und Verlusten (Abnahme).

4. Plastizität:

Trotz gegebener Lebensumstände und Erfahrungen kann die individuelle Ent-wicklung aufgrund der innerpersönlichen Plastizität eine Fülle verschiedener Richtungen einschlagen, wobei sich der Umfang des grundlegenden Entwick-lungspotentials innerhalb der Lebensspanne verändert.

5. Historischer Bezug:

Die soziokulturellen Umstände und deren Veränderungen einer historischen Phase beeinflussen wesentlich den Verlauf der menschlichen Ontogenese.

6. Kontextualismus:

Jeder Entwicklungsverlauf wird als das Ergebnis der Interaktion altersspezifi-scher, geschichtsspezifischer und nicht-normativer Systeme angesehen.

7. Multidisziplinäre Betrachtungsweise:

Die psychologische Entwicklung muss im Licht aller Disziplinen gesehen wer-den, die sich mit der menschlichen Ontogenese befassen (Biologie, Soziologie, Anthropologie). (Baltes, 1987, S. 611-626; Lindberger, 2004, S. 155-158)

Die Plastizität der menschlichen Ontogenese wird dabei von drei Makrobe-dingungen eingegrenzt: Im Lebensverlauf verlieren die evolutionären Selektions-gewinne an Wirksamkeit, damit eine weitere Entwicklung möglich ist, steigt der Bedarf an Kultur mit dem Lebensalter. Kulturelle Ressourcen ermöglichen einen Erhalt oder sogar die Erhöhung des Funktionsniveaus und dienen als Kompen-sation für das nachlassende biologische Potential. Jedoch nimmt die Wirkungs-kraft der kulturellen Ressourcen durch den Abbau innerhalb des biologischen Alterungsprozesses immer mehr ab. Diese drei Bedingungen bewirken im Gesamtverlauf eine Abnahme der Plastizität. Die Ziele der menschlichen Onto-genese unterscheiden sich infolge dieser Entwicklung Während in der Kindheit und Jugend der Großteil der verfügbaren Ressourcen für Wachstumsprozesse eingesetzt wird, ist im Erwachsenenalter der Erhalt des Funktionsniveaus und im Alter die Regulation von Verlusten das Hauptziel (Allokation von Ressourcen). Wie dieser adaptive Entwicklungsprozess optimal gestaltet werden kann, ist das Thema des Modells der Selektiven Optimierung mit Kompensation. (Baltes, 1997, S. 191-210)

1.1.2 Lebensspannenpsychologie und Intelligenzforschung

Ähnlich, wie sich der Blick der Entwicklungspsychologie auf ihr Forschungsobjekt erweitert hat, bildete die Intelligenzforschung in den vergangenen zwei Jahr-zehnten einen flexibleren und umfassenderen Intelligenzbegriff aus. Zwar stellt die psychometrische Erfassung derjenigen Funktionen der Intelligenz, die im akademischen Rahmen entscheidend sind, noch immer einen Schwerpunkt der Forschung dar, es steht jedoch vermehrt die Bedeutung von Intelligenz und intelligentem Verhalten als Anpassungsmechanismen im Fordergrund. In der menschlichen Ontogenese ist die Anpassung an neue und/oder komplexe Situ-ationen aufgrund biologischer, umweltbedingter und kultureller Veränderungen ständig von Nöten, der Erfolg oder das Fehlschlagen der Anpassung wird zum richtungweisenden Faktor für die weitere Entwicklung. Innerhalb der lebens-langen Entwicklung betrachtet die deutsche Intelligenzforschung zwei duale Prozesse der Intelligenz, die ein interaktives und kollaboratives System bilden. Die biologisch begründeten Voraussetzungen für Gedächtnisleistung und Lern-fähigkeit, welche sich im Verlauf der Menschheitsentwicklung gewandelt haben und eine individuell verschiedene Ontogenese aufweisen, werden als kognitiv-mechanische Prozesse beschrieben. Durch lebenslanges Lernen und Bewegung in der sozialen und physischen Umgebung entstandene, kulturabhängige Wis-sensinhalte werden als kognitiv-pragmatische Prozesses bezeichnet. Sie bein-halten neben sprachbasiertem Wissen auch praktische, soziale und emotionale Kompetenzen. Die mechanischen Prozesse werden hauptsächlich für akade-mische oder intellektuelle Probleme herangezogen, die einen abgegrenzten und spezialisierten Teil der Realität repräsentieren, während sich pragmatische Pro-zesse auf Wissensinhalte und Fähigkeiten beziehen, die dem Individuum helfen, sich mit den ungenauer definierten, jedoch komplexen Alltagsproblemen ausein-anderzusetzen. Beide Prozesse unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Alterungs-kurven. Während kognitiv-mechanische Prozesse ein frühes Wachstum zeigen, aber bereits vor der Lebensmitte abnehmen, erweisen sich die stark auf Lebens-erfahrung und Lerngeschichte bezogenen kognitiv-pragmatischen Prozesse auch bis ins hohe Alter stabil und zeigen erst dann deutliche Verluste, wenn ihre biologischen Vorraussetzungen unter eine bestimmte Grenze fallen. (Sternberg, 2004, S. 139-140) (Lindberger, 2004, S. 159, 160)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Alterungskurven der kognitiv-pragmatischen, kognitiv-mechanischen und der Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit (Lindberger, 2004, S. 162)

Zu den aktuellen Schwerpunkten der Intelligenzforschung zählt die Untersuchung von Prozessen des Lösens komplexer Probleme, welche besonders den Einsatz kognitiv pragmatischer Mechanismen erfordern (z.B. das Lohausen-Projekt). Eine umfassende Definition für Probleme dieser Art geben Frensch und Funke: „Complex problem solving occurs to overcome barriers between a given state and a desired goal state […, d. A.]. The given state, goal state, and barriers between given state and goal state are complex, change dynamically during problem solving, and are intransparent. The exact properties of the given state, goal state, and the barriers are unknown to the solver at the outset, complex problem solving implies the efficient interaction between a solver and the situational requirements of the task and involves a solver’s cognitive, emotional, personal, and social abilities and knowledge.” (Frensch und Funke, 1995, S. 18) Dieser Art von Problemen stehen Menschen im Verlauf ihres Lebens ständig gegenüber, sowohl als Herausforderungen des Alltags, als auch in Form von Lebenskrisen, daher ist der Umgang mit ihnen für die Lebensspannenpsychologie von besonderem Inter-esse. Erfolgreiche Entwicklung erfordert dabei vom Individuum die Kenntnis und den Einsatz wirksamer Lebensmanagementstrategien, die das erfolgreiche Lösen solcher Probleme oder die Anpassung an nicht erfolgreich lösbare Situationen ermöglichen.

1.1.3 Die Alternsforschung als Teilgebiet der Lebensspannenpsychologie

Die Alternsforschung konzentriert sich auf die Entwicklung in der dritten und vierten Lebensphase, die, wie vorangehend beschrieben, durch eine deutliche Abnahme der Plastizität und einschneidende Ressourcenverluste gekennzeichnet ist. Besonderes Interesse gilt dabei dem Wohlbefindensparadox, der Unter-suchung der Ursachen des empirisch ermittelten hohen subjektiven Wohlbefin-dens alter und sehr alter Menschen trotz massiver Ressourcenverluste in diesem Lebensabschnitt. Wesentliche Vertreter der aktuellen deutschen Alternsforschung sind P. Baltes und M. Baltes, J. Heckhausen und R. Schulz sowie Brandtstädter und Kollegen.

Jochen Brandtstädter sieht im Erreichen und Erhalten einer positiven Identität das übergeordnete Ziel menschlicher Entwicklung, welches durch die Herstellung der Kongruenz zwischen aktueller und erwünschter Entwicklung erreicht wird. Wird die Stabilität der positiven Identität durch Entwicklungsverluste bedroht, wirken dem die Strategien der Assimilation und Akkommodation entgegen. (z.B. Brandtstädter, 1999) Das Modell der Selektiven Optimierung mit Kompensation von P. Baltes und M. Baltes wird nachfolgend eingehend beschrieben und daher hier nicht näher beleuchtet. J. Heckhausen und R. Schulz stützen sich auf die Grundgedanken des von Baltes und Baltes entwickelten Modells und erweitern es in ihrer Theorie der Primären und Sekundären Kontrolle (z.B. Heckhausen & Schulz, 1995). Hierbei steht die langfristige Maximierung des personalen Kontrollpotentials im Mittelpunkt. Ihr Modell schenkt der Bestimmung des Entwicklungsverlaufes durch biologische und soziale Einflussfaktoren sowie der Endlichkeit des Lebens besondere Aufmerksamkeit. Innerhalb dieser Ein-schränkungen reguliert das Individuum seine Entwicklung durch die primäre und sekundäre Kontrolle. Primäre Kontrolle zielt auf die Veränderung externer Konstellationen im Sinne der Übereinstimmung mit eigenen Entwicklungszielen. Sekundäre Kontrolle beschreibt die Anpassung innerer Wünsche und Über-zeugungen an die Gegebenheiten der äußeren Welt. Diese beiden Mechanismen der Kontrolle werden selektiv oder kompensatorisch angewandt. (Jopp, 2003, S. 26-31)

Das Modell der Selektiven Optimierung mit Kompensation (Selective Optimization with Compensation – SOC) wurde in diesem Spannungsfeld von Paul B. Baltes, Margret M. Baltes und deren Mitarbeitern am Zentrum für Lebensspannen-psychologie des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung entwickelt. Neben seiner speziellen Anwendung auf den Prozess des erfolgreichen Alterns wurde die Theorie als Metamodell auf die Entwicklung über die Lebensspanne hinweg übertragen. (Baltes, 2005, S. 65) Eine Anzahl von Studien, sowohl in Bezug auf erfolgreiches Altern, als auch auf anderen Gebieten, konnte die Theorie bestätigen. (z. B. zur Sozioemotionalen Selektivitätstheorie; Carstensen, 1998) (Lindberger, 2004)

1.2 Das Modell der Selektiven Optimierung mit Kompensation

1.2.1 Die Prozesse des Modells der Selektiven Optimierung mit Kompensation und deren Orchestrierung

Das Modell der Selektiven Optimierung mit Kompensation ist eine systemische sowie funktionsbezogene Theorie und beschreibt als Metamodell den Prozess erfolgreicher, lebenslanger Entwicklung. „Entwicklung“ bezeichnet hierbei den lebenslangen adaptiven Prozess, welcher durch die Endlichkeit der verfügbaren Ressourcen, deren Veränderungen über die Lebensspanne und deren Verlusten gekennzeichnet ist. Diese Annahmen gelten als Antezedenzien, aus denen sich eine Handlungsmotivation zur ressourcenorientierten Zielwahl und zum optimalen Einsatz der verfügbaren Ressourcen ableitet. Erfolgreiche Entwicklung wird dabei als Maximierung von Gewinnen bei gleichzeitiger Minimierung von Verlusten definiert. (Baltes, 1997, S. 191-200; Jopp, 2003, S. X-XI)

Das SOC-Modell umfasst die drei Prozesse Selektion, Optimierung und Kom-pensation sowie deren Orchestrierung. Diese Prozesse werden als universal angesehen, sie können sowohl bewusst als auch unbewusst ablaufen und ihren Schwerpunkt im Entwicklungsverlauf verlagern.

Selektion bezeichnet dabei eine Strategie der ressourcenorientierten Zielwahl, welche die lebenslange Entwicklung eines Menschen reguliert. Sie gibt die Richtung des ontogenetischen Prozesses vor, indem Ziele ausgewählt werden, in denen die Anforderungen der Umwelt mit der persönlichen Motivation, den individuellen Fertigkeiten und Fähigkeiten sowie der Leistungsfähigkeit des Men-schen übereinstimmen. Solche Präferenzsetzungen tragen der Begrenztheit der Ressourcen eines Menschen Rechnung. Die vorhandenen Ressourcen werden dadurch eingeteilt und verschiedenen Aufgaben und Lebensbereichen zuge-ordnet. Es werden zwei Arten von Selektionsprozessen unterschieden: Werden Ziele und Zielhierarchien aufbauend auf individuelle Präferenzen gebildet, spricht man von elektiver Selektion. Sie strebt das Erreichen erwünschter Entwicklungen an. Die Auswahl spezifischer Entwicklungsaufgaben reduziert die Anzahl der übrigen Handlungsalternativen und ist somit an jedem Entwicklungsprozess und der Entwicklungsrichtung wesentlich beteiligt. Verliert eine Person jedoch ziel-relevante Handlungsmittel, wird eine Rekonstruktion der Zielhierarchie notwendig um das bisherige Funktionsniveau zu erhalten. Dies geschieht durch die verlust-basierte Selektion. Ihr geht demnach per se ein Verlust voraus. Entwicklungs-regulierend wirkt die verlustbasierte Selektion dann, wenn die durch einen Verlust blockierten Ziele abgewählt und so Handlungsmittel für ein anderes, entwick-lungsförderndes Ziel frei werden. (Jopp, 2003, S. 28-29, S. 56)

Wurde mittels Selektion ein Entwicklungsziel ausgewählt, beschreibt die Optimie-rung den Einsatz von Ressourcen zum Erreichen dieses Zieles. Sie bezeichnet dabei das Verbessern und Verfeinern der zur Verfügung stehenden Handlungs-mittel und ihren Einsatz sowie den Erwerb neuer, zieldienlicher Handlungsmittel und den dafür nötigen Aufwand an Zeit und Energie. Optimierung zielt somit auf Entwicklungsfortschritt ab, erweitert und präzisiert die verfügbaren Mittel und Ressourcen. Optimierung verbessert die Chancen, das gewählte Ziel zu erreichen. Welche Mittel dem Erreichen des gewählten Zieles am zuträglichsten sind, hängt vom Zielbereich, dem soziokulturellen Kontext mit den Möglichkeiten, die er bietet, und persönlichen Eigenschaften ab. Das Sprichwort „Es gibt viele Wege nach Rom“ illustriert anschaulich die Vielzahl möglicher Optimierungswege. (Lindberger, 2004, S. 164, 165)

Verliert ein Individuum ein wesentlich zur Zielerreichung notwendiges Handlungs-mittel, ist dieses Mittel nicht mehr funktionsadäquat effektiv oder wird ein ent-sprechender Verlust erwartet, kann das Individuum trotz des Verlustes an dem gewählten Ziel festhalten, indem es mittels Kompensation dieses Mittel durch ein alternatives anderes ersetzt um das Funktionsniveau in diesem Lebensbereich zu erhalten. Die Substitution der Handlungsmittel kann einerseits durch Zurückgrei-fen auf bereits vorhandene, bisher nicht eingesetzte interne Mittel oder anderer-seits durch den Einsatz externer Mittel erfolgen. Kompensation dient demnach dem Erhalt des Funktionsniveaus, der Erholung von Verlusten sowie der Ver-lustregulation. Wie bei der Optimierung hängen auch hier die Möglichkeiten zu kompensieren vom Zielbereich, dem soziokulturellen Kontext und Persönlichkeits-eigenschaften ab. Meist sind die kompensatorisch eingesetzten Handlungsmittel weniger effektiv als das vor dem Verlust aktive Handlungsmittel, was sich beispielsweise in der geringeren Flexibilität des Fahrens mit einem Rollstuhl gegenüber dem Laufen auf gesunden Beinen zeigt. (Jopp, 2003, S. 28-29, S.56-57; Lindberger, 2004, S. 165)

Im handlungstheoretischen Kontext stellen die beschriebenen Prozesse Strategien der Zielwahl und des Handelns dar, wodurch das Individuum durch die Anwendung der Strategien zum aktiven Gestalter seiner Entwicklung wird. In diesem Rahmen werden die Prozesse als Lebensmanagementstrategien bezeich-net. (Jopp, 2003, S. 28)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Handlungstheoretische Definition der SOC-Prozesse

(Jopp, 2003, S. 57)

Die SOC-Prozesse sind keine isolierten Abläufe, sie befinden sich in dynamischer Interaktion, die als Orchestrierung bezeichnet wird. Sie stellen einen zirkulären Entwicklungsverlauf dar, dessen Zusammenspiel inneren Regeln unterliegt. Durch elektive Selektion werden Lebensbereiche ausgewählt, in die Ressourcen inves-tiert werden sollen. Optimierung bewirkt Weiterentwicklung in zielrelevanten Bereichen, wodurch das Erreichen des Zieles möglich wird. Kompensation verhin-dert den Stillstand bzw. die Rückläufigkeit der Entwicklung und bietet Möglichkei-ten zum Umgang mit Verlusten. Durch verlustbasierte Selektion werden nicht mehr realistischer Ziele abgewählt, was Handlungsmittel für andere Ziele freistellt. Im Idealfall führt die Anwendung der SOC-Strategien auf Basis der Antezeden-zien zu einer verbesserten Ausgangslage für die weitere Ontogenese. Das daraus resultierende Wohlbefinden wird rückwirkend zur Motivation für die wiederholte Anwendung der Lebensmanagementstrategien. (Jopp, 2003, S.56-58 )

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2: Die sich über die Zeit hinweg fortsetzende Dynamik der Selektiven Optimierung mit Kompensation (Jopp, 2003, S. 29)

Zusammenfassend sind die Ergebnisse des Einsatzes von SOC-Strategien:

1. Maximierung von Entwicklungsgewinnen, Minimierung von Verlusten,
2. Erreichen der Entwicklungsziele,
3. Aufrechterhaltung des Funktionsniveaus,
4. Wiederherstellung des Funktionsniveaus nach Verlusten,
5. Verlustregulation.

(Jopp, 2003, S. 28-29)

1.2.2 Die Veränderungen der Nutzung von SOC-Strategien im Verlauf der Lebensspanne

Im Verlauf der menschlichen Ontogenese zeigt sich ein unterschiedlich starker Einsatz der verschiedenen SOC-Strategien. Während verlustbasierte Selektion, Optimierung und Kompensation bis zu einem Höhepunkt im Erwachsenenalter ansteigen und danach abnehmen, nimmt die elektive Selektion linear über die gesamte Lebensspanne zu. Die geringe Nutzung der Strategien im Kindes- und Jugendalter wird mit der Suche nach dem eigenen Lebensweg und der damit verbundenen hohen Anzahl wechselnder Ziele in dieser Zeit begründet. Eine Vielzahl möglicher Entwicklungswege wird in Betracht gezogen und im Allge-meinen stehen in dieser Lebensphase den Entwicklungswegen viele nutzbare Ressourcen gegenüber. Im mittleren Erwachsenenalter sind die Lebensziele meist klarer und werden zielgerichteter angestrebt, wobei diesen Zielen trotz einiger Verluste weiterhin ausreichend Ressourcen gegenüberstehen. Angesichts der im Lebensverlauf zusehends abnehmenden Ressourcen und der Erkenntnis, dass die Anwendung von SOC-Strategien selbst den Einsatz von Ressourcen erfordert, wird die Nutzbarkeit dieser Strategien mit zunehmendem Alter infolge multipler Verluste eingeschränkt. Daraus folgt eine Abnahme von verlustbasierter Selektion, Optimierung und Kompensation. Die elektive Selektion steigt weiter an, um die verbleibenden Ressourcen auf wenige, aber bedeutsame Ziele zu richten, beispielsweise die Konzentration darauf, Zeit mit Angehörigen zu verbringen. (Lindberger, 2004, S. 187, 188)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Altersunterschiede in der Anwendung von Selektion, Optimierung und Kompensation

(Baltes, 2005, S. 41)

Weiterhin zeigen sich in den Beziehungen der selektierten Ziele zueinander Veränderungen im Lebensverlauf. Sie stehen in einer fördernden Beziehung zueinander, wenn das Anstreben eines Zieles durch optimierende und kompensierende Lebensmanagementstrategien zugleich die Wahrscheinlichkeit, ein anderes gewähltes Ziel zu erreichen, erhöht. Interferenz zwischen Hand-lungszielen tritt dann auf, wenn das Verfolgen eines Zieles die Erfolgs-wahrscheinlichkeit eines anderen Zieles aufgrund widerstrebender Strategien oder mangelnder übriger Ressourcen behindert. Während bei jüngeren Erwachsenen häufiger Interferenz zwischen den angestrebten Zielen berichtet wird, stehen die Ziele älterer Erwachsener in stärker fördernden Beziehungen, wodurch sich die Intensität, mit welcher auf diese zugearbeitet werden kann, erhöht. (Lindberger, 2004, S. 189, 190)

2. Die Anwendung des Modells der Selektiven Optimierung mit Kompensation auf die Kunsttherapie

2.1 Bedingungen der Übertragbarkeit

Die Übertragung von Modellen und Theorien eines Fachbereiches auf den Forschungsgegenstand eines anderen Fachbereiches wird dann möglich, wenn auf theoretischer oder praktischer Ebene Anknüpfungspunkte oder Gemeinsam-keiten zwischen beiden existieren. Des Weiteren ist eine solche Übersetzung nur dann sinnvoll, wenn sie nicht Selbstzweck, sondern ein- oder beidseitig bereichernder, erweiternder oder anregender Natur ist. Der Versuch der Anwendung des Modells der Selektiven Optimierung mit Kompensation auf die Kunsttherapie im Rahmen dieser Diplomarbeit genügt dieser Forderung, indem hier angestrebt wird, der Kunsttherapie eine mögliche Wirkungsbegründung an die Hand zu geben, deren theoretische Grundlage bereits im Rahmen anderer wissenschaftlicher Fachgebiete angewandt, empirisch untersucht und bestätigt worden ist.

Die SOC-Theorie als Metamodell

Das grundlegende Argument für die Übertragbarkeit des Modells der Selektiven Optimierung mit Kompensation auf die Kunsttherapie ergibt sich aus dessen Eigenschaften als Metamodell. Baltes und Baltes postulieren, „dass die SOC-Theorie ein Metamodell erfolgreicher Entwicklung ist, das auf unterschiedliche Analyseebenen, Funktionsbereiche und Lebensphasen anwendbar sei“ (persön-liche Kommunikation mit Dr. M. Riediger im Auftrag von P. Baltes), wobei die SOC-Prozesse auf den Kontext bezogen verschiedene spezifische Formen an-nehmen können. Unter Verwendung eines handlungstheoretischen Rahmens wurde dieses Metamodell bereits auf diverse Lebensbereiche angewandt, bei-spielsweise auf soziale Interaktionen und Vorlieben (Carstensen, Lang, et al.), Sprachverhalten (Kemper et al.), Arthritis (Gignac et al.) und Beziehungen zwischen beruflichem Erfolg und familiärem Leben (Baltes; Wiese et al.). (Baltes, 2005, S. 43, 64)

Die SOC-Theorie in Alltags- und Krisensituationen

Im Unterschied zu Copingkonzepten umfasst das Modell der Selektiven Opti-mierung mit Kompensation sowohl den Umgang mit akuten Stresssituationen als auch die lebenslange, alltägliche Entwicklung des Menschen. Dabei stehen sich der Umgang mit Verlusten und das Erzielen von Entwicklungsgewinnen gleich-wertig gegenüber. (Jopp, 2003, S. 58)

Eine ähnliche Struktur weisen die Anwendungsfelder der Kunsttherapie auf. In Abhängigkeit vom jeweiligen Arbeitsgebiet zeigt sich entweder eine stärkere Orientierung auf den Umgang mit der Krankheitssituation und deren Folgen oder auf die lebenslange Entwicklung des individuellen Patienten, zumeist vermischen sich jedoch beide Interessen. So fokussiert die Kunsttherapie in der Onkologie nicht allein auf den momentan vorliegenden, durch Verluste dominierten kör-perlichen Zustand, sondern gleichermaßen auf den Bezug zur gesamten Onto-genese, und, in Abhängigkeit vom geistigen Hintergrund, teilweise auch darüber hinaus.

Das SOC-Modell als implizite Theorie

Eine Untersuchung von Sprichwörtern durch Baltes et al. offenbarte, dass das Wissen um die Prozesse der Selektion, Optimierung und Kompensation allen Menschen, abhängig vom kulturellen Rahmen, zugänglich ist. Im deutsch-sprachigen Raum fallen darunter Sprichwörter wie: „Man kann nicht zwei Herren dienen.“ (Selektion) „Was du heute kannst besorgen, dass verschiebe nicht auf morgen“ oder „Übung macht den Meister.“ (Optimierung) „Verzweifelte Situatio-nen erfordern verzweifelte Lösungen.“ (Kompensation) (in Baltes’ Studie ge-nutzte Sprichwörter: siehe Anhang A) Zudem zeigte sich, dass Wendungen, die sich an den SOC-Prozessen orientieren, häufiger gewählt werden als alternative Sprichwörter. (Baltes, 2005, S. 45)

Die weite Verbreitung des Wissens um die Prozesse der Selektion, Optimierung und Kompensation lässt folgern, dass sowohl Klient als auch Therapeut im kunst-therapeutischen Setting sowohl eine Grundkenntnis dieser Prozesse als auch ein Maß an Erfahrungen in der Anwendung derselben besitzen, welche auf den therapeutischen Prozess einwirken und in dessen Verlauf nutzbar gemacht werden können.

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Details

Seiten
71
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638038720
ISBN (Buch)
9783638935517
Dateigröße
722 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v90006
Institution / Hochschule
Fachhochschule Ottersberg
Note
1,00
Schlagworte
Anwendung Modells Selektiven Optimierung Kompensation Kunsttherapie Entwicklungspsychologie Intelligenzforschung kunsttherapeutischer Prozess SOC

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Titel: Die Anwendung des Modells der Selektiven Optimierung mit Kompensation auf die Kunsttherapie