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Russland - eine Demokratie oder ein autoritäres Regime?

Diplomarbeit 2007 132 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Russland, Länder der ehemal. Sowjetunion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abstract

1 Einleitung und Ziele der Arbeit

2 Die Relevanz des Falles und methodologischer Rahmen der gesamten Arbeit
2.1 Zur Relevanz des Falles
2.2 Methodologischer Rahmen für die gesamte Arbeit

3 Historischer Hintergrund Russlands

4 Konzept zur Klassifikation der Grauzonenregime und seine Anwendung am Fall Russland
4.1 Entwicklungen in der Demokratie- und Autoritarismusforschung
4.2 Verschiedene Strategien zur Klassifikation der Regime in der Grauzone
4.2.1 Strategie der Bildung autoritärer Subtypen
4.2.2 Die Strategie der Bildung hybrider Regimetypen
4.2.3 Die Strategie dichotomer Klassifikation
4.2.4 Die Strategie der Bildung unvollständiger Subtypen
4.2.5 Kritik an den vier oben genannten Strategien
4.2.6 Unterschiedliche Indizes. Indizesbildung als Lösung?
4.3 Forschungsdesign:
4.4 Entwicklung des Konzepts zur Klassifikation der Grauzonenregime Das neue Erhebungsinstrument
4.4.1 Definition von Demokratie, Autoritarismus und Totalitarismus
4.4.2 Klassifikation der Regimetypen in der Grauzone
4.4.2.1 Operationalisierung: Näheres zu Dimensionen und Indikatoren
4.5 Erhebung
4.5.1 Pluralismus, pluralistischer Wettbewerb
4.5.1.1 Politischer Pluralismus
4.5.1.2 Meinungspluralismus
4.5.1.3 Gesellschaftlicher Pluralismus: Zivilgesellschaft
4.5.2 Bürgerliche Freiheitsrechte
4.5.3 Gewaltenkontrolle
4.6 Klassifikation des Regimetyps in Russland

5 Suche nach den Ursachen für den Misserfolg der Demokratisierung in Russland
5.1 Fragestellung und Vorgehen
5.2 Theorien und daraus abgeleitete Hypothesen
5.2.1 Theorie des Veto-Spielers und Politisch-Institutionelle Reformtheorie und die daraus abgeleitete Hypothese
5.2.2 Sozioökonomische Theorien, Politische Kultur und die daraus abgeleitete Hypothese
5.2.3 Staatlichkeit und die daraus abgeleitete Hypothese
5.2.4 Historisches Erbe. Typ des Vorgängerregimes und Transitionsmodus und die daraus abgeleitete Hypothese
5.2.5 Internationaler Kontext und die daraus abgeleitete Hypothese
5.3 Überprüfung der Hypothesen und empirische Befunde
5.3.1 PIR: Politisch Institutionelle Reformtheorie
5.3.2 Sozioökonomische Faktoren
5.3.3 Staatlichkeit
5.3.4 Historisches Erbe
5.3.5 Internationales Umfeld
5.4 Zusammenfassung

6 Fazit und Ausblick

7 Anhang

8 Literaturverzeichnis
8.1 Literaturverzeichnis nach Autoren
8.2 Literaturverzeichnis nach Organisationen, Zeitungen, usw.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 5–1: Akteurszentrierter Institutionalismus und Demokratisierung

Abbildung 5–2: Akteurszentrierter Institutionalismus, Kontexte einer Gesellschaft und Demokratisierung

Abbildung 5–3: Entwicklung des BIPs von 1989 bis 2006 graphisch dargestellt

Tabellenverzeichnis

Tabelle 4-1: Rekombination von zentralen Merkmalen demokratischer und autoritärer Regime im „hybriden Regime“

Tabelle 4-2: Dimensionen, Teilregime und Kriterien der embedded democracy

Tabelle 4-3: Demokratische Institutionen müssen diese Rechte und Freiheiten garantieren

Tabelle 4-4: Strukturen in den Medien gegen Ende von 1999

Tabelle 4-5: CPI (Transparency International)

Tabelle 4-6: „Control of Corruption“ und „Rule of Law“

Tabelle 5-1: BIP und BIP pro Kopf und pro Jahr in Russland von 1989 bis 2006

Tabelle 5-2: Einkommensverteilung in Russland, Gini-Index

Tabelle 7-1: Russland: Nations in Transit Ratings von 1997 bis 2006

Tabelle 7-2: Ergebnisse der Dumawahlen 1993

Tabelle 7-3: Ergebnisse der Dumawahlen 1995

Tabelle 7-4: Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen in Russland 1996

Tabelle 7-5: Ergebnisse der Dumawahlen 1999

Tabelle 7-6: Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen in Russland 2000

Tabelle 7-7: Ergebnisse der Dumawahlen 2003

Tabelle 7-8: Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen in Russland 2004

Tabelle 7-9: Umfrage von Levada Zentrum über das Nutzen des Internets in Russland

Tabelle 7-10: Medienimperien in Russland gegen Ende von 2003

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abstract

The end of the twentieth century has brought the rise of a great number of regimes that cannot be easily classified as either authoritarian or democratic and display some characteristics of both. One of them is the Russian Federation. After the collapse of Soviet Union it belongs to the vast grey zone that occupies the space between authoritarianism at one end and consolidated democracy at the other. Political scientists who focus on regime type classification classify Russia into different regime types. For example Merkel et al. (2003; 2006) classify it as defective democracy with delegative and illiberal defects, Rüb (2002) as hybrid regime, Levitsky and Way (2002) as competitive authoritarian regime, and Shevtsova (2004; 2006) as bureaucratic authoritarian regime. Therefore, in the literature on regime types it remains further on unclear, whether Russia is already to count among democracies or not.

The aim of this diploma thesis is firstly to reach clarification about Russian regime type. What kind of political system is in place in Russia since 1991? Could democracy be consolidated or has it moved back in an antidemocratic direction in the last 16 years? Therefore this work is a case study, involving an in-depth longitudinal analysis of one single case Russian Federation, with its political regime type. This paper suggests that current approaches on regime classification leave something to be desired and therefore explores potential deficiencies of the existing approaches. Taking a lot of things into account I constructed a new classification typology of regime types in the grey zone. On the basis of degree on pluralistic contestation (vgl. Dahl 1971: Public Contestation and Inclusiveness) it distinguishes between four different regime types: liberal democracy (consolidated and functioning democracy), semi-democratic regime, semi-authoritarian regime, and fully authoritarian regime. Thus, I propose to fill the space between the opposite poles of liberal democracy and fully authoritarian regime with two further categories: semi-democratic and semi-authoritarian regime. After the creation of the new approach for regime classification, Russia under Jelzin and Russia under Putin were exhaustively examined and it turned out that under Jelzin Russia is to count among semi-democratic regimes and under Putin it is to count among semi-authoritarian regimes. Democracy couldn’t be consolidated in Russia, Russia has moved away from democracy back to an authoritarian regime.

Accordingly, secondly, this paper is concerned with causes of such one development. On the basis of different theories for explanation what causes political regimes (democracy) to rise, to endure and to fall, I derive hypothesises about a failure of democratization processes. Young democracies (yet not consolidated) are still facing an ongoing danger of failure of democratization and consequently of falling back to an authoritarian regime. This is more likely when young democracies (actors) choose president or president-parliamentary political systems, when there is unfavourable economic situation and unfavourable political culture, when a country has to fight with the stateness problem, and when there are unfavourable preceding history and unfavourable international political climate. All hypothesises could be verified in my analysis, all these factors had an impact on the negative development of democracy in Russia. Furthermore, in the last chapter of this paper, in the last step of this work, it is being shown, that current conditions also are not favourable for new democratization. With the next round of parliamentary and presidential elections in Russia in December of 2007 and in March of 2008 nothing will change in Russian regime type.

1 Einleitung und Ziele der Arbeit

„I cannot forecast to you the action of Russia. It is a riddle, wrapped in a mystery, inside an enigma; but perhaps there is a key. That key is Russian national interest.“ Winston Churchill

Es sind schon mehr als 15 Jahre seit dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion und der Herausbildung des neuen russischen Nationalstaates vergangen[1], und es bleibt immer noch unklar, ob dieses neue Gebilde sich jemals als konsolidierte Demokratie bezeichnen darf. Schaut man die im Dezember 1993 in einem Referendum angenommene Verfassung an, so kommt man zum Schluss, dass Russland alle notwendigen Voraussetzungen für einen demokratischen Rechtsstaat erfüllt. Die regelmäßige Wahl und Abwahl des Parlaments und des Präsidenten sind geregelt, es gibt eine unabhängige Judikative und außerdem werden wichtige Bürger- und politische Rechte garantiert[2].

Die Realität sieht aber ganz anders aus. Viele Elemente des russischen Regimes stehen im Konflikt mit der Verfassung und lassen sich bei näherem Betrachten weder als eindeutig demokratisch noch als autokratisch charakterisieren. Denkt man nur an die zwei Tschetschenien Kriege und damit an die zahlreichen, sogar unzähligen Menschenrechtsverletzungen, oder denkt man an die garantierten Meinungs- und Informationsfreiheiten und an die Zahl der umgebrachten oder verschwundenen Journalisten, so hat man ein ganz anderes Bild vor sich.

Der Optimismus zur Demokratieentwicklung, der am Ende der 80er und am Anfang der 90er Jahre bei den Osteuropaforschern, anderen Experten und bei den einfachen Menschen dominierte, ist mit der Zeit stark zurückgegangen. Den westlichen Experten fällt es heute sehr schwer, Russland als eine Demokratie zu bezeichnen. Es wird oft als illiberale oder delegative (vgl. Merkel et al. 2003; O`Donnell 1994), autoritäre oder elektorale Demokratie abgestempelt (vgl. Schedler 2002). In der letzten Zeit wird Russland immer öfter unter den so genannten „hybriden Regimen“[3] oder unter den autoritären Regimen eingeordnet. So subsumieren Levitsky und Way (2002) Russland unter „competitive authoritarianism“, Shevtsova (2004; 2006) unter „bureaucratic authoritarianism“ und Rüb (2002) unter einem „hybriden Regime“.

Die russischen Politiker und ein großer Teil der russischen Bevölkerung teilen die Ansicht, dass Russland eine besondere, den russischen Verhältnissen entsprechende, Demokratie braucht. Auch Vladimir Putin[4] verteidigt ständig einen besonderen unabhängigen Weg zur Demokratie[5]. Die Polittechnologen des Kremls bezeichnen das russische politische System unter Putin als „gelenkte Demokratie“ (upravljaemaja demokratija) (vgl. Papp 2005). Mit diesem Ausdruck wollen sie die Anwendung von bestimmten politischen Methoden rechtfertigen. Im Rahmen der gelenkten Demokratie werden die Probleme, die sich mit demokratischen Methoden lösen lassen, demokratisch gelöst. Dagegen die Probleme, die sich demokratisch nicht lösen lassen, werden mit anderen, autoritären, Methoden gelöst. Der vorübergehende Einsatz von autoritären Methoden soll demnach die Entwicklung und Modernisierung des Landes fördern und Voraussetzungen für eine liberale Demokratie schaffen (vgl. Pribylovskij 2005). Westliche Experten warnen hingegen, dass die gelenkte Demokratie keine Demokratie im westlichen Sinne ist, und dass die demokratischen Institutionen nur als Fassade benutzt werden, um den Anschein einer Demokratie in der internationalen Sphäre zu wahren. In der letzten Zeit ist ein neuer Terminus „souveräne Demokratie“ (suverennaja demokratija) Mode geworden. Vladislav Surkov, der Vizeleiter der Präsidialadministration und Assistent des Präsidenten der Russländischen Föderation, hat diesen Begriff enorm geprägt und diesen zur Ideologie der Partei „Einiges Russland“ (Edinnaja Rossija) angehoben. Der Adjektiv „souveräne“ rechtfertigt dabei den eigenen unabhängigen Weg Russlands zur Demokratie und stellt Souveränität des Landes als höheres Ziel als Demokratie selbst dar[6] (vgl. Surkov 2006).

Seitens der deutschen und insgesamt von den westlichen Medien wird Putins Regierungsstil sehr stark kritisiert. Denkt man nur an die aktuellen Ereignisse in Russland (April/Mai 2007), an die Märsche der so genannten „Nicht Einverstandenen“ und an den Einsatz von Miliz gegen die Demonstranten, so wird einem schnell klar warum.

Diese Uneindeutigkeit zum russischen Regimetyp lässt sich auch bei einem Vergleich der verschiedenen Demokratie-Indizes feststellen. So wird Russland seit 2005 und damit das erste Mal seit 1991 im Index von Freedom House in die Kategorie „not free“ eingeordnet[7]. Im Länderreport „Nations in Transit“, von der gleichen Organisation, ist es seit 2004 in der Kategorie „semi-consolidated authoritarian regime“ und nicht mehr unter „transitional government or hybrid regimes“ zu finden[8]. Wenn man die Ratings zu den einzelnen Skalen des „Nations in Transit“ anschaut, erkennt man einen klaren Trend in Richtung Autoritarismus (siehe Anhang: Tabelle 7-1). Die gleiche Tendenz zeigt uns auch der Bertelsmann-Transformation-Index 2006, in dem Russland im Vergleich zu 2003 von Rang 31 auf Rang 87 bei 119 untersuchten Ländern fiel[9]. Während in der Amtszeit Jelzins Russland noch zu den Transitionsländern angehört hat, tendiert es unter Präsident Putin dazu, autoritäre Züge zu entwickeln und ein autoritäres Regime zu stabilisieren.

Einen vergleichbaren Demokratie-Index liefert uns das neue Projekt „Der politische Atlas der Gegenwart“, der von dem Außenministerium der Russländischen Föderation zusammen mit MGIMO (Moskauer staatliches Institut für internationale Beziehungen) und Teilnahme des Institutes für die öffentliche Projektierung und informativer Gruppe „Expert“ für das Jahr 2006 vorgelegt wurde[10]. Hier hat sich Russland Platz 93 zugesichert und liegt somit noch vor der Türkei (99) und Venezuela (112). Insgesamt wurden in diesem Projekt 192 Länder untersucht. Dieser Demokratie-Index prüft das Vorhandensein von institutionellen Grundlagen der Demokratie. Russland liegt hier klar im Mittelfeld und gehört somit zu der Gruppe der Länder, die sich in der Grauzone befinden. Es liegt sogar in der ersten Hälfte der Grauzone (siehe Fußnote 11).

Dies alles zeigt uns, dass es sehr schwierig, praktisch unmöglich ist, Russland einem bestimmten Regimetyp zuzuweisen. Wenn es keine Demokratie ist, was ist es dann? Wenn es eine Demokratie ist, dann welchen Typs? Es herrscht nur die Einigkeit darüber, dass Russland kein totalitäres Regime mehr ist und sich nicht zu liberal-demokratischen Staaten zählen darf. Es befindet sich also in der „grauen Zone“[11], irgendwo zwischen einer liberalen Demokratie und einem reinen Autoritarismus.

Gerade diese uneindeutige Regimeklassifikation anhand der verschiedenen Demokratie-Indizes, auch der uneindeutige Forschungsstand zum russischen Regimetyp, regen dazu an, die Frage nach dem Charakter des politischen und gesellschaftlichen Systems in Russland theoretisch fundiert zu stellen und zu beantworten. Wie lässt sich das russische politische System in allgemeinen wissenschaftlichen Begriffen erfassen? Unter welchem Regimetyp lässt es sich einordnen? Ist es eine Demokratie oder hat es ein autoritäres Regime? Lässt sich eine Tendenz in der Entwicklung Russlands feststellen? Hat es bereits in den letzten 16 Jahren einen Regimetypwechsel gegeben? Dies sind einige Fragen, die im Rahmen der Diplomarbeit beantwortet werden sollen.

Um diese Fragen beantworten zu können, sollen zunächst die für uns relevanten Theorien und Konzepte zur Demokratie- und Autoritarismusforschung vorgestellt werden. Anhand dieser soll dann ein für die Zwecke dieser Arbeit passendes Vorgehen ausgesucht und weiterentwickelt werden. Dieses neue Modell soll zwar die russischen Spezifika aufdecken können, es soll aber auch auf andere Fälle anwendbar sein und mit sich einen Gewinn für die komparative Demokratie- und Autoritarismusforschung bringen.

Obwohl im Rahmen dieser Arbeit nur ein Land behandelt wird, wird diese durchaus vergleichend angelegt. Die Präsidentschaft von dem zweiten russischen Präsident Vladimir Putin geht im Frühjahr 2008 zu Ende, und wie es aussieht, wird das russische Volk einen neuen Präsidenten wählen müssen. Putin bleibt seinen Worten treu und lehnt eine Änderung der Verfassung, um seine Zeit als Präsident zu verlängern, strikt ab (vgl. Putin 2007). So ist es höchste Zeit, die Ergebnisse seiner Präsidentschaft unter die Lupe zu nehmen. Dies eröffnet uns die Möglichkeit, die demokratierelevanten Entwicklungen des Landes sowohl unter Präsident Jelzin als auch unter Präsident Putin zu untersuchen. Ich werde versuchen, die Klassifikation des Regimetyps nicht nur für die Zeit der Präsidentschaft Putin sondern auch für die Zeit der Präsidentschaft Jelzin vorzunehmen. Unterscheiden sich die Regimetypen unter Jelzin und unter Putin, dann gab es bereits einen Regimetypwechsel in Russland in den letzten 16 Jahren.

Außerdem, um diesen Vergleich abzurunden, werden die einzelnen für das Entstehen des einen oder des anderen Regimetyps verantwortlichen Ursachen, bzw. die Ursachen, die den Regimetypwechsel von einem in den anderen Regimetyp beschleunigt haben könnten, angesprochen. Besteht in Russland überhaupt grundsätzlich die Möglichkeit zur Ausformung einer liberalen Demokratie, oder sind die Konditionen so schlecht, dass Konsolidierung einer demokratischen Ordnung in Russland praktisch unmöglich ist und der Rückfall in ein autoritäres System vorprogrammiert ist? Anhand verschiedener theoretischen Ansätze zur Erklärung von Demokratie, deren Konsolidierung oder deren Verfall, werden eine Reihe von Hypothesen gebildet, die mit dem Untersuchungsgegenstand Russland auf ihre Gültigkeit geprüft werden.

Abschließend wird noch ein Bezug zwischen den Befunden dieser Arbeit und den Erfolgsaussichten für die Demokratisierung Russlands in der Zukunft hergestellt.

Fassen wir noch ein Mal die Ziele dieser Arbeit zusammen, so kommen wir auch auf die Struktur dieser Arbeit. Nach einem knappen Überblick über den Forschungsstand zum russischen Regimetyp und der Erläuterung der Ziele dieser Arbeit in der Einleitung, wird im zweiten Kapitel zunächst die Relevanz des Falles angegangen, um dann den methodologischen Rahmen der gesamten Arbeit festzusetzen. Im dritten Kapitel will ich dann dem Leser einen relativ kurzen geschichtlichen Überblick liefern, damit er die Arbeit, bzw. die letzten 16 Jahre der Geschichte Russlands, in den historischen Verlauf besser einordnen kann und vielleicht bereits an dieser Stelle sich ein Paar Gedanken über den möglichen Einfluss der Geschichte Russlands auf den in den 80er und den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts gestarteten Demokratisierungsprozess macht. Kapitel vier präsentiert anfangs den Forschungsstand zu Demokratie- und Autoritarismusforschung. Dann werden die wichtigsten Konzepte zur Klassifikation der politischen Systeme in der grauen Zone unter einem Regimetyp explizit dargestellt. Anhand dieser Modelle zu Regimeklassifikation wird ein für das russische politische System geeignetes Konzept entwickelt. Im Anschluss daran widmen wir uns den eigentlichen Fragen dieser Arbeit, Russland wird also anhand der einzelnen Dimensionen der entwickelten Klassifikation untersucht. Dabei wird immer getrennt Bezug auf die Zeit unter Präsident Jelzin (1991-1999) und die Zeit unter Präsident Putin (2000-2007) genommen. Im letzten Abschnitt des vierten Kapitels findet dann die Klassifikation Russlands unter einem Regimetyp statt. Die Unterschiede zwischen der Zeit Jelzins und der Zeit Putins in den Ausprägungen einzelner Dimensionen werden betrachtet und der Trend in der Entwicklung festgestellt. Außerdem wird die Frage beantwortet, ob es in diesen 16 Jahren bereits einen Regimetypwechsel gegeben hat. Kapitel fünf distanziert sich von bis hierhin gestellten und beantworteten Fragen und sucht nach den Ursachen für den in Russland entstandenen Regimetyp. Die anhand von etablierten Theorien aufgestellten Hypothesen werden auf ihre Erklärungsfähigkeit getestet. Dabei werden auch die Ursachen für den Verlauf der Demokratisierung in Russland aufgedeckt. Den Abschluss, Kapitel sechs, bilden dann ein Rückblick auf die Fragestellungen der Arbeit sowie ein Blick in die Zukunft, der vor allem die Demokratisierungsaussichten für Russländische Föderation aufzuzeigen versucht.

2 Die Relevanz des Falles und methodologischer Rahmen der gesamten Arbeit

2.1 Zur Relevanz des Falles

Die Fragen, ob Russland eine Demokratie ist oder nicht und welche Faktoren eine Auswirkung auf den Demokratisierungsprozess in Russland gehabt haben bzw. immer noch haben, sind von großer Relevanz. Es ist aber nicht nur der uneindeutige Forschungsstand, der uns zum Klären dieser Fragen bewegt, sondern auch das Vorliegen viel wichtiger Gründe.

Die Transformation in Russland ist von Interesse, da es sich von der in anderen Staaten zum Teil sehr stark unterscheidet. In Russland kam es zu einer gleichzeitigen Transformation des politischen und des ökonomischen Systems, und zwar von Sozialismus zur Demokratie und von einer Planwirtschaft zu einer freien Marktwirtschaft. Ebenso kam es mit Zusammenbruch der Sowjetunion zur Herausbildung des neuen Nationalstaates. Die Transformation des ökonomischen Systems und Herausbildung des neuen Staates könnten den Verlauf des Demokratisierungsprozesses in starker Weise beeinflusst haben.

Darüber hinaus ist Russland ein „außergewöhnliches“ Land. Mit der Auflösung der Sowjetunion bleibt es flächenmäßig immer noch der größte Einzelstaat der Welt. Vom Territorium her ist es etwa 47-mal größer als Deutschland, hat aber nur knapp die doppelte Bevölkerungszahl. Russland ist eine Macht, die über sehr reiche Naturressourcen verfügt. Vor allem sind hier Öl und Erdgas zu erwähnen, mit deren Export die Russländische Föderation eine sehr wichtige Rolle nicht nur in Europa spielt. Außerdem spielt es eine wichtige Rolle in der Außenpolitik, vor allem seit Putin im Jahr 2000 zum Präsident gewählt wurde und sich nach den Ereignissen am 11. September 2001 eine Anti-Terror-Koalition gebildet hat. Auch bleibt Russland eine der mächtigsten Atomkräfte der Welt[12], was ihr Gewicht in der internationalen Politik weiterhin stärkt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Russland eine sehr hohe politische und ökonomische Bedeutung zumindest in Europa und Asien einnimmt. Daher ist es für seine politischen und wirtschaftlichen Partner sehr wichtig, welches politische Regierungssystem sich in Russland etabliert. Da alle westeuropäischen Staaten Demokratien sind, und mehrere empirische Untersuchungen bezeugen, dass demokratische Staaten eher keine Kriege untereinander führen (vgl. Ray 1998), ist es für diese Staaten von Interesse, dass Russland auch eine Demokratie ist[13] und zu mehr Frieden in der Welt beiträgt.

Russland ist außerdem ein wichtiges Land für die Demokratisierung Osteuropas, Asiens und überall auf der Welt. Mit seiner kommunistischen Vergangenheit könnte Russland eine Art Katalysator für die erfolgreiche Demokratisierung der anderen Staaten sein. Wenn Russland irgendwann mal eine liberale Demokratie sein wird, könnten ihm zum Beispiel Länder wie Kasachstan, Kirgisien und vielleicht auch Weißrussland folgen. Russland könnte nach meiner Ansicht folglich zu einer neuen (vierten[14] ) Welle der Demokratisierung führen.

2.2 Methodologischer Rahmen für die gesamte Arbeit

Im Hinblick dieser Einzigartigkeit Russlands und seiner besonderen Bedeutung für Demokratisierung ist die vorliegende Arbeit als eine Einzelfallstudie angelegt. Ein Vergleich mit den anderen Ländern, auch postkommunistischen Ländern, wäre aus den oben kurz skizzierten Gründen nur begrenzt sinnvoll. Die Einzelfallstudie stellt dabei auch eine angemessene Strategie zur Beantwortung der Fragestellungen dieser Arbeit dar. Eine Einzelfallstudie zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es die Fälle die besonders interessant sind, über einen längeren Zeitraum zu beobachten erlaubt und ein ganzheitliches Bild des Falles, jedoch mit genauem Einblick in alle relevanten Dimensionen, liefern kann. Es handelt sich hier um eine „embedded“ Einzelfallstudie (vgl. Yin 2003a: 42-43), die sich nicht nur auf die Außenkontakte eines einzelnen Falles als Ganzes konzentriert, sondern sich bei der Untersuchung auf die Binnenstrukturen der Komponenten untereinander bezieht.

Die Untersuchungseinheit in dieser Einzelfallstudie bildet das Land Russland, mit einem besonderen Augenmerk auf dessen politisches System, und zwar, ob es sich bei diesem um einen demokratischen oder einen autoritären Regimetyp handelt. Nach der Feststellung des Regimetyps werden obendrein die Ursachen für Stabilisierung des einen oder des anderen Regimetyps untersucht. Dabei ist das Ziel dieser Arbeit nicht die statistische Generalisierung, bzw. die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf die anderen Fälle, sondern eine Art theoretische Generalisierung[15]. Es soll die Erklärungskraft der unterschiedlichen Theorien zur Erklärung des Verlaufs des Demokratisierungsprozesses am Fall Russland geprüft werden. Können diese Theorien den Verlauf bzw. das Ergebnis der Demokratisierung in diesem besonderen und andererseits einem für einen Vertreter der Grauzone typischen Fall erklären?

Der Untersuchungszeitraum beträgt etwa sechzehn Jahre und umfasst zum einen die Zeit der Präsidentschaft Jelzins von Mitte 1991 bis Ende 1999, zum anderen die Zeit der Präsidentschaft Putins von Anfang 2000 bis in die Gegenwart, also etwa bis Mitte 2007. Es werden dabei die demokratierelevanten Ereignisse und Entwicklungen Russlands systematisch untersucht, um dann eine Klassifikation des Regimetyps sowohl für die Zeit Jelzins als auch für die Zeit Putins vorzunehmen.

Die vorliegende Arbeit lässt sich somit in zwei Hauptteile, Kapitel 4 und Kapitel 5, untergliedern. Im ersten Hauptteil soll zunächst festgestellt werden, wie das in Russland bestehende Herrschaftsregime typologisch einzuordnen ist. Im zweiten Hauptteil wird dann das Vorliegen der Voraussetzungen für die Entstehung und Verfestigung der Demokratie bzw. deren Verfall in Russland geprüft. Dabei bildet das Ergebnis des ersten Hauptteils das Explanandum des zweiten Hauptteils. Der Zweck des ersten Hauptteils der Arbeit ist also eine Exploration, der des zweiten eine Explanation. Da die zwei Hauptteile auch zum Teil unterschiedliche Vorgehensweisen aufweisen, werde ich erst jeweils in den entsprechenden Kapiteln der Arbeit auf die Besonderheiten des Vorgehens im jeweiligen Teil näher eingehen.

Methodisch orientiert sich diese Arbeit an der Hermeneutik. Es handelt sich also hier um eine Arbeit, die vor allem interpretativ vorgeht. Die Argumentation wird im Stil einer Narration bzw. einer dichten Deskription abgehalten, die dann mit einer Schlussziehung endet. Des Weiteren baut die Argumentation auf den theoretischen Vorüberlegungen auf. Das empirische Material ist dabei eher qualitativer Natur und wird hauptsächlich durch die Inhaltsanalyse und Interpretation von existierender Primär- und Sekundärliteratur gewonnen. Auch die Auswahl der Daten ist durch die vorherigen theoretischen Überlegungen geleitet. Als Quellen für das empirische Material wurden unterschiedliche Monographien, Berichte von unterschiedlichen Organisationen, Informationen aus verschiedenen Internetzeitungen, wissenschaftliche Fallstudien und viele weitere Datenquellen benutzt. Viele dieser Quellen waren nur online zugänglich und stehen als Downloads zur Verfügung.

Ich weise hier gleich darauf hin, dass die Informationen aus einigen Quellen wegen ihrer zum Teil zweifelhaften Validität und Objektivität nur mit Vorsicht zu genießen sind. Diese könnten zum Beispiel von der Subjektivität des Untersuchenden betroffen sein. Das Problem der Subjektivität, das in der Demokratieforschung eher üblich ist, versuche ich damit zu minimieren, dass ich die Auswahl der Datenquellen soweit wie möglich transparent zu halten versuche, die Analyse auf möglichst viele unterschiedliche Daten aufbaue, und die Texte möglichst von Autoren nehme, die Experten für Russland auf ihrem besonderen Gebiet (jeweilige zu untersuchende Dimension) sind.

3 Historischer Hintergrund Russlands

Dieses Kapitel beschäftigt sich nun mit der Geschichte Russlands. Dies ist für die Einordnung und das Verstehen dieser Arbeit von großer Bedeutung. Der Einblick in die Geschichte soll dabei helfen, die Probleme des Landes aufzuzeigen und somit die Entwicklung des Landes nach 1991 besser zu verstehen. Außerdem hilft die Kenntnis der Geschichte realistischere Prognosen von Russlands Entwicklungsperspektiven aufzustellen.

Die Anfänge Russlands werden in vielen Geschichtsbüchern über Russland auf die Mitte des 9. Jahrhunderts datiert (vgl. Linke 2006: 7). Im Verlauf des 9. Jahrhunderts wanderten Waräger von Skandinavien nach Süden und setzten sich im heutigen europäischen Teil Russlands fest. Der Wikingerfürsten Rjurik kam in dieser Zeit nach Russland und gründete die ersten russischen Herrschaften in Novgorod und Kiew. Diese sollten sich später miteinander verschmolzen und weiter ausgedehnt haben. Diese neue politische und gesellschaftliche Organisation ist unter dem Namen Kiewer Reich (Kiewskaja Rus`) bekannt.

Im Jahre 988, unter dem Kiewer Großfürsten Wladimir I. (dem Heiligen), erfolgte die Annahme des griechisch-orthodoxen Christentums im Reich. Während des 11. und Anfang des 12. Jahrhunderts, unter den Großfürsten Jaroslav dem Weisen (1019-1054) und Vladimir Monomach (1113-1125), erlebte dann das Kiewer Reich seine Blütezeit.

1240 wurde das Kiewer Reich durch den Einfall von Mongolen/Tataren zerstört und die ganze Region in kleinere Teilfürstentümer aufgespaltet. Die Zerstrittenheit der russischen Fürsten erleichterte dabei die Eroberung des Gebietes durch die Mongolen. Das Mongolische Reich erstreckte sich damit weit über den asiatischen Kontinent bis in den europäischen Teil Russlands. In den folgenden zwei Jahrhunderten entwickelte sich Moskau zum neuen Macht- und Religionszentrum des russischen Reiches (vgl. Linke 2006: 7-17).

In der Schlacht von Kulikovo im Jahr 1380 gelang es dem Moskauer Großfürsten Dmitrij Donskoj die Mongolen erstmals in einer Schlacht zu schlagen und damit den Niedergang des Reiches der Goldenen Horde einzuleiten. Im späten 15. Jahrhundert befreite Herzog Ivan III. Russland vollständig von Tributzahlungen an die Mongolen und annektierte Novgorod (1478) und Tver (1475). Mit der Eheschließung Ivans III. mit der Nichte des letzten byzantinischen Kaisers und Übernahme des Doppeladlers in das Siegel des Großfürsten betonte er seinen Anspruch auf die Gleichberechtigung mit dem Kaiserhaus „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ (vgl. Schröder 2003).

Ivan IV. (1533-84), der Schreckliche (Grosnyj), festigte den russischen Zentralstaat mit zum Teil brutalen Mitteln und unter Mithilfe seiner Leibgarde, Opritschnina, und vollendete damit den Aufstieg Moskaus zur Hauptstadt. Unter seiner Herrschaft wurde das Reich nach Osten und Süden ausgedehnt. Das Territorium des Moskauer Staates hat sich unter Ivan IV. fast verdoppelt. Dabei wurden die Tataren-Hauptstadt Kasan (1552) sowie Astrachan (1556) erobert und damit der Weg nach Sibirien geöffnet. Es war Ivan IV., der sich als erster als „Zar und Selbstherrscher des ganzen großen Russlands“ (Schröder 2003: 8) krönen ließ. Auch hat er die Leibeigenschaft von Bauern eingeführt.

Der Sohn Ivans IV. starb 1598 ohne Nachfolger und damit endete die Dynastie der „Rjurikiden“. Erst 1613, mit der Wahl des Bojaren Michail Romanov zum Zar, nach einer Phase „der Wirren“ (Smuta), wurde ein Neuanfang gemacht. 1694 übernahm Peter I. (der Große), ein Enkel Michael Romanovs, die Regierungsgeschäfte. Peter der Große machte seinerseits Russland zu einer Großmacht in Nordeuropa: Vor allem indem er den Sieg über Karl XII. von Schweden in der Schlacht von Poltava 1709 errungen hat. Damit löste Russland Schweden als vorherrschende Ostseegroßmacht ab. Peter der Große öffnete Russland in Richtung Westen, verstärkte die Armee, baute die russische Flotte auf und förderte Technik und Wissenschaft. Außerdem baute er die Zentralverwaltung um, indem er nach Fachaufgaben strukturierte Ministerien schuf[16]. Darüber hinaus förderte er den Handel und die heimische Produktion durch Errichtung von Manufakturen. Seine Bedeutung für Russland hat er selbst so formuliert: „Durch unsere Kriegstaten sind wir aus der Dunkelheit ins Licht der Welt emporgestiegen, und diejenigen im Licht, die wir nicht kannten, haben jetzt Achtung vor uns“ (Massie 1982, zitiert nach Linke 2006: 66).

Katharina II. (1762-96), die Große, führte die Politik der Öffnung nach Westen fort und war in der Außenpolitik sehr erfolgreich. Außerdem setzte sie den noch von Peter angeschlagenen Modernisierungskurs fort. In der Innenpolitik machte ihr jedoch der massive Bauern- und Kosakenaufstand zu schaffen[17].

Unter Alexander I. (1801-25) wurde der zunächst erfolgreiche Feldzug Napoleons I. gegen Russland zerschlagen. Nachdem die Franzosen 1812 schon vor Moskau standen, wurden sie zurückgedrängt und haben endgültig in der Schlacht an der Beresina (Fluss) den Krieg gegen Russland verloren. Danach beteiligte sich Russland an der Befreiung Europas von den Franzosen und errang in Europa sehr große Macht. Zar Alexander I. wurde als „Retter Europas“ gefeiert und bestimmte beim Wiener Kongress maßgeblich die Neuordnung des europäischen Kontinents mit (vgl. Schröder 2003).

Nach dem Tod Alexanders I. kam es aus Enttäuschung über ausgebliebene innenpolitische Reformen 1825 zum Dekabristen-Aufstand. Eine Gruppe von jungen reformorientierten Offizieren, welche eine konstitutionelle Monarchie forderten, wurde blutig niedergeschlagen. Russland blieb ein absolutistischer und monozentristischer Staat. Alexander II. leitete eine Reihe von weitreichenden Reformen ein. Zu erwähnen ist hier vor allem die Aufhebung der Leibeigenschaft 1861. Darüber hinaus förderte er die industrielle Entwicklung, begann den Bau der längsten Eisenbahn der Welt und nahm eine neue Militärorganisation in Angriff. 1881 wurde Alexander II. durch ein Bombenattentat getötet.

Es entstanden in Russland Kreise von Intellektuellen, Kommunisten und Anarchisten, die vom Sohn Alexander II., Alexander III., brutal verfolgt wurden. 1905 bis 1907 kam es unter Nikolaus II. zu einer Revolution, bei der sich nicht nur Intelligenz und Industrieproletariat, sondern auch große Teile der Bauernschaft, gegen den Zaren wandten. Die Revolution blieb insgesamt erfolglos, das Zarenregime wurde durch den Einsatz von Militär gerettet. Die Revolution hat dem Zaren die Unzufriedenheit im Land gezeigt und ihn zur Einrichtung eines Parlaments, der Duma, bewegt. Dieses konstituierte sich 1906, hatte aber insgesamt wenig Einfluss (vgl. Linke 2006).

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, erlitt die schlecht ausgerüstete russische Armee katastrophale Niederlagen. In den Städten kam es erneut zu Unruhen, die in der Februarrevolution und im Ausruf einer demokratischen Republik gipfelten. Nikolaus II. trat schließlich am 15. März 1917 ab. Die Macht ging in die Hände einer provisorischen Regierung unter der Leitung des Prinzen Lvov und des gemäßigten Alexander Kerenskij über. Die provisorische Regierung weigerte sich aber den Krieg zu beenden und Landumverteilungsreform durchzuführen.

Neben der Regierung entwickelte sich der Petersburger Sowjet, der Arbeiter- und Soldatenrat, zu einer eigenständigen Kraft. Mit Hilfe des Deutschen Reiches gelang es dem bisher in Schweizer Exil lebenden Vladimir Iljitsch Lenin[18] Petersburg zu erreichen. Dort wurde er zur ideologischen Leitfigur der Bolschewiken. Am 7. November 1917 kam es dann zu einem von Bolschewiken initiierten Umsturz[19] der provisorischen Regierung und Übernahme der Macht.

Mit dem Vertrag von Brest-Litovsk von 3. März 1918 endete der Krieg mit Deutschland. Im Anschluss daran entbrannte in Russland ein brutaler Bürgerkrieg, in dem vor allem die Intelligenzija (Elite) zum Opfer wurde. Letztendlich hat die Weiße Armee[20], trotz der Unterstützung ausländischer Interventionstruppen, den Kampf gegen die kommunistische Rote Armee verloren. 1922 kam es dann zur Gründung der UdSSR (Sowjetunion), indem die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik, die 1918 gegründet wurde, sich mit den Sowjetrepubliken Weißrussland, Ukraine und Georgien zusammenschloss.

Die russische kommunistische Partei, tatsächlich aber nur das aus der Mitte des Zentralkomitees gewählte Politbüro, übte im Land die reale Macht aus. Die Wirtschaft wurde völlig von dem Staat kontrolliert, Eigentümer von Boden und Produktionsmitteln wurden die Sowjets. Nach dem Tod Lenins wurde Iosif Wissarionowitsch Stalin[21] die dominierende Figur innerhalb dieses Apparates, vor allem dadurch, dass er seine Macht durch gezielten Terror gegen seine Gegner ausübte. Ende der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde unter seiner Führung ein mächtiger Repressionsapparat aufgebaut, der sogar die Machtstellung der Partei selbst marginalisierte. NKWD (Volkskommissariat des Inneren), eine Art politische Polizei, führte eine scharfe Überwachung der Gesellschaft durch. Millionen von Bürgern des Landes kamen gewaltsam in Lagern oder Gefängnissen ums Leben. Auch der 1941 von den Deutschen mit der Sowjetunion angefangene Krieg und sehr teure Sieg der Sowjetunion in diesem änderte kaum etwas an den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen im Land. Erst mit Stalins Tod (1953) kam es unter Nikita Chruschtschow zum leichten Abbau des Repressionsapparates.

[...]


[1] Zerfall der Sowjetunion nach dem Augustputsch in 1991; Seit 01.01.1992 ist Russland ein selbständiges Gebilde.

[2] Siehe z. B. Art. 17-19, 30, 31 der Verfassung von 1993, <http://www.constitution.ru>, auch mit einer deutschen Übersetzung <http://constitution.ru/de/index.htm> (letzter Zugriff am 20.09.2007).

[3] Regime ist hybrid, wenn „formally democratic institutions, such as multiparty electoral competition mask the reality of authoritarian domination“(Diamond 2002: 24).

[4] Putin wurde von G. Schröder als „lupenreiner“ Demokrat bezeichnet.

[5] Putin argumentiert so beim Treffen mit G.W. Bush im Vorfeld des G-8 Gipfels in Sankt Petersburg im Juli 2006, als eine Antwort darauf, dass Russland sich am Beispiel der Irakischen Demokratie orientieren soll. In: Komsomolskaja Prawda, 17.07.2006, <http://www.kp.ru/daily/23739.5/55240/> (letzter Zugriff am 18.07.2007).

[6] <http://edinros.ru/news.html?id=114545>, einiges zu Einiges Russland – Partei der souveränen Demokratie (letzter Zugriff am 17.08.2007).

[7] Siehe Freedom House: Freedom in the World, Russia, <http://www.freedomhouse.org> (letzter Zugriff am 20.06.2007).

[8] Siehe Freedom House: Nations in Transit, Russia, <www.freedomhouse.org> (letzter Zugriff am 20.06.2007).

[9] BTI konkretisiert den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungsstand sowie die Wirkung von Reformstrategien auf dem Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft. BTI für 2003 und 2006, <www.bertelsmann-transformation-index.de> (letzter Zugriff am 24.08.2007).

[10] Der politische Atlas der Gegenwart, 2006, <http://worldpolities.org> (letzter Zugriff am 24.08.2007). Sowie auf Englisch <http://www.inop.ru/files/atlas.ppt>.

[11] Grauzonenregime sind politische Systeme, welche nicht den idealtypischen Vorstellungen politischer Systeme analytisch zugeordnet werden können, also weder der rein funktionierenden Demokratien noch autoritären Regimen.

[12] Streit zwischen USA und Russland in 2006 und 2007 um den Aufbau des automatischen Raketenabwehrsystems in Polen und Tschechien.

[13] Und mit ungeheuren atomaren Macht eher Europa schützt, anstatt diese zu bedrohen.

[14] Vgl. Huntington (1991): Dritte Welle der Demokratisierung.

[15] Methodologische Überlegungen zu dieser Arbeit wurden anhand der folgenden Literatur angestellt: George/Bennett 2004; Yin 2003a; Yin 2003b; Gerring 2007.

[16] Er veranlasste auch den Bau der neuen russischen Hauptstadt Petersburg (Petrograd).

[17] So genannter Emilijan Pugatschows Aufstand, der aus den verschärften Regelungen für die Leibeigenschaft entstand.

[18] Lenin ist nur ein Pseudonym; Sein richtiger Name ist Vladimir Iljitsch Uljanov.

[19] Oktoberrevolution: Der 7. November fiel nach altem Russischen Kalender auf den 25. Oktober, damit erhielt der Umsturz den Namen Oktoberrevolution.

[20] Gegner des Oktoberumsturzes, manche von ihnen wollten die alte zaristische Ordnung wiederherstellen, andere wollten, dass das Volk selbst über seine Zukunft entscheidet.

[21] Sein „echter“ Name war Josef Dschugaschwili.

Details

Seiten
132
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638042079
ISBN (Buch)
9783638940016
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89894
Institution / Hochschule
Universität Konstanz – Universität
Note
2,3
Schlagworte
Russland Demokratie Regime

Autor

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Titel: Russland - eine Demokratie oder ein autoritäres Regime?