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Individualisierung und Neue Stämme

Michel Maffesoli und “The Time of the Tribes”

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 18 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 „The Time of the Tribes“ - Darstellung
1.1 Michel Maffesoli: Hintergrund und Methodik
1.2 Der grundliegende Dualismus von „The Time of the Tribes“
1.3 Schlüsselkonzepte in „Time of the tribes“
1.3.1 Individuen und Personen
1.3.2 Stämme und Funktionen
1.3.3 Puissance und Power
1.3.4 Kultur und Zivilisation

2 Diskussion: Individualismus oder Massenstämme
2.1 Der Individualisierungsprozeß nach Beck und Beck-Gernsheim
2.2 Diskussion und Ausblick: Stämme oder Individualisierung

3 Nachwort

4 Literaturverzeichnis

Individualisierung und Neue Stämme:

- Michel Maffesoli und “Time of the Tribes”

“Individualisierung ist ein zentrales Thema in der Mode. Für den anspruchsvollen

Modekonsumenten ist das Gefühl, durch einen eigenen Stil oder ein ganz

bestimmtes Kleidungsstück seiner individuellen Persönlichkeit optimal Ausdruck zu

verleihen, wesentlicher Fun-Faktor und oft kaufentscheidend.”

Aus einer Werbung für eine Goretexjacke[1]

“Individualisierung” ist eines jener Worte, die auch außerhalb ihrer ursprünglichen akademischen Heimat häufig Verwendung finden. Ob als verkaufsförderndes Argument in der Produktwerbung, Fragebogenthema einer Jugendlichenzeitschrift oder Stammtischprognose für kommende Generationen, in Gesprächen oder Texten aus diversen Bereichen ist dieses Wort nicht mehr wegzudenken. Wie so häufig im alltäglichen Sprachgebrauch, wird unter diesem Wort jedoch verschiedenes verstanden; von der positiv konnotierten Individualisierung im Sinne eines “Herausbildens von Persönlichkeit”, die gerne in der Werbung Verwendung findet, bis hin zu Verwendungen des Wortes im kritischen Zusammenhang schwankt der Gebrauch des Wortes “Individualisierung” beträchtlich. Der Soziologe Markus Schroer merkt dazu an (Schroer 2000: 13): „In der Öffentlichkeit ist Individualisierung dabei schnell zur Generalformel avanciert, mit der man verschiedenartigste soziale Probleme erklären kann. Erklärt ist damit zwar nicht eines der angesprochenen Probleme, aber man verfügt zumindest über eine Formel, einen Hinweis, wo das Problem zu suchen ist. Individualisierung bedeutet in diesem Zusammenhang unübersehbar Egoismus, Vereinzelung, Yuppisierung, moralische Verwahrlosung.”

Aber auch in den auf klare Begrifflichkeiten angewiesenen Sozialwissenschaften ist das Wort selten klar definiert, häufig unterschiedlich konnotiert und als Konzept umstritten. Eine soziologische Arbeit kommt alleine in den Werken sechs klassischer Soziologen wie Simmel oder Durkheim auf nicht weniger als 24 verschiedene Dimensionen des Begriffes (Kippele 1998 in Kron 2000: 8), und selbst die „ Gallionsfiguren der Individualisierungsdiskussion” (Kron 2000: 7), Ulrich Beck und seine Ehefrau Elisabeth Beck-Gernsheim sehen Individualisierung als als vielgestaltiges und unscharfes Phänomen (Kron 2000: 7). Unklarheit der Begriffe, Verschiedenartigkeit der Ansätze und wenig eindeutige empirische Studien verleiten Thomas Kron, den Herausgeber eines Sammelbandes zu dem Thema (Kron 2000), zu der höhnischen Schlussfolgerung, dass das Positive im “Individualisierungs-Tohuwabohu” (Kron 2000: 8) systemtheoretisch betrachtet zumindest zur Autopoiesis, zur Selbstgenerierung des Systems Wissenschaft beiträgt und dem einen oder anderen Autoren ermöglichen würde, seine Individualität durch karrierefördernde Beiträge zum Thema “Individualisierung” unter Beweis zu stellen.

Einer der Gesellschaftstheoretiker, die sich explizit mit dem Phänomen “Individualisierung” auseinander gesetzt haben, ist der französische Sozialwissenschaftler Michel Maffesoli. In seinem 1988 erscheinen Buch “Le Temps de tribus” (1996 im Englischen als “The Time of the Tribes” erschienen) wehrt er sich vehement gegen eine Individualisierung im Sinne eines Rückzuges ins Individuum und stellt dieser Idee sein Konzept der “Neostämme” gegenüber. Ausgehend von diesem Konzept flüchtiger Gemeinschaften entwirft er über die Stellungnahme gegen vermeitliche Individualisierungstendenzen hinaus ein weiteres Bild der heutigen Gesellschaft, die er als postmoderne Gesellschaft begreift. In dieser Arbeit sollen die in dem Buch “Le temps de tribus” (bzw. der englischen Übersetzung) dargelegten Konzepte vorgestellt und kritisch diskutiert werden. Dazu sollen im ersten Teil der Arbeit nach einem wegen der Eigenwilligkeit der Methodik notwendigen Abschnitt über diese die einzelnen Ideen an den Kapiteln seines Buches zusammenfassend dargestellt werden.

In einem zweiten Teil der Arbeit soll dann vor allen Dingen die Haltung von Maffesoli zu der Frage der Individualisierung kritisch betrachtet werden. Dazu möchte ich Maffesolis Haltung zur Individualisierung und neuen emotionalen Gemeinschaften den Ansichten der schon erwähnten „Gallionsfiguren“ der Individualisierungsfrage, Ulrich Beck und seiner Ehefrau Elisabeth Beck-Gernsheim, gegenüberstellen, um zu zeigen, dass es sich keineswegs um gegensätzliche Positionen handelt, sondern um komplementäre Ansichten.

1 „The Time of the Tribes“ - Darstellung

1.1 Michel Maffesoli: Hintergrund und Methodik

Michel Maffesoli, Soziologe an der Pariser Universität Sorbonne und im letzten Jahr als Doktorvater einer Arbeit einer Astrologin über die Situation der Astrologie in der heutigen Gesellschaft bekannt(er) geworden (Thimm 2001), betrachtet nach eigener Aussage die Gesellschaft mit postmoderner Methodik (“I´m looking at Society from a Postmodern Perspektive “(Poncet 2000)), und geht dabei weniger empirisch als vielmehr “phänomenologisch” vor. Er betrachtet dabei grundsätzlich den Anspruch der Intellektuellen und Sozialwissenschaftler die “Gesellschaft” / “die Masse” auf Basis vorgefertigter Konzepte zu erklären, als von normativen Wertvorstellungen geprägt – er bezeichnet dies als “die Logik dessen was sein soll” (1996: 154) - und dem komplexen sozialen Ganzen einer Gesellschaft unangemessen . Er moniert, dass der Ausspruch von Hegel „Das Volk weiß nicht was es will, dass weiß nur der Prinz“ von den sich für die Masse verantwortlichen fühlenden Intellektuellen weitergelebt wurde (Maffesoli 1996: 154) in Form von zur Verachtung der Masse neigenden Außensichten und Verbesserungsvorschlägen, die dem „strukturell heterogenen, monströsen Alltäglichen“ (Maffesoli 1996: 155) nie gerecht wurden.

Demgegenüber basiert er seinen Ansatz auf einer wesentlich positiveren Sicht des Alltäglichen: „ Rather than falling into the trap of a certain form of well-meaning, all-knowing and moralistic gloominess which appears to have gained currency nowadays, I am struck by the incredible vitality of our world.“ (Poncet 2000) So basiert sein Ansatz nach eigener Aussage auf einem phänomenologischen „Eintauchen“ in die sich jeder wissenschaftlichen Reduzierung entziehende menschliche Welt; statt der positivistischen und reduzierenden Gesellschaftsanalyse vergangener Zeiten sieht er nun die Zeit für eine komplexe Phänomenologie kommen, die Teilnahme und Lebensgeschichten beinhaltet (Maffesoli 1996: 155). Diese Betrachtung von Gesellschaft als etwas Faszinierendem und nie oder wenig Erklärbarem durchzieht sein gesamtes Buch.

Auch seine Methodik wirkt eigenwillig: Er ruft in Erinnerung, dass sich die Gründerväter der Soziologie stets auch als Künstler sahen und verweist auf die Rolle von Intuition und Vorstellungskraft bei der Erschaffung von Theorien (Maffesoli 1996: 4).

Er beruft sich auf die Tradition der verstehenden Soziologie[2] und spricht sich in dieser Traditionslinie für metaphorisch ausgedrückte Annäherungswahrheiten und einen schleichende Annäherung an das Phänomen Gesellschaft aus: „ Just as a newborn is fragile, uncertain, imperfect, our appproach must posess the same qualities.“

(Maffesoli 1996: 5)

Er bemerkt (1996: 5) , dass eine verstohlene, flüchtige Annäherung an das Phänomen „Gesellschaft[3] “ deren in der Vergangenheit bewiesenen Fähigkeit zur Flucht aus modellhaften Vorstellungen angemessen sei, verweist auf die hermeneutische Erkenntnis, daß wir stets Teil dessen sind, was wir betrachten (1996: 5) , und schlägt statt objektivierender faktischer Erklärungen eine Annäherung über “Minikonzepte” (Maffesoli 1996: 5) vor: „ Thus, rather than trying to fool ourselves into thinking we can seize, explain and exhaust an object, we must be content to describe its shape, it´s movement, hesitations, accomplishments and it´s various convulsions.“ Zu diesem Zweck bemüht er in “Time of the Tribes” (Maffesoli 1996) verschiedene Mittel, wie Ergebnisse empirischer Studien und Theorien von Vorgängern, aber auch Anekdoten, persönliche Erfahrungen und Vergleiche aus Religion und Mystik. Ziel des Buches (Maffesoli 1996: 6) ist das Herausarbeiten gewisser „Formen”, die er als nicht unbedingt real einstuft, aber für ein (annäherungsweises) Verständnis des sozialen Ganzen notwendig erachtet; die wichtigste dieser Formen findet man als “tribes” / “Stämme” auch im Titel des Buches. Seine Neigung zu einer eher “intuitiven” Methodik findet seinen Widerhall auch in der Unschärfe dieser Formen; sie werden nie exakt definiert und zueinander in Beziehung gesetzt und sind –auch nach eigenem Eingeständnis (Maffesoli 1996: 7) - von einer gewissen Redundanz gekennzeichnet. Laut Maffesoli ist die Schuld für diese Überschneidungen in seinen “Minikonzepten” allerdings nicht bei ihm zu suchen, sondern liegt in der Natur der heutigen Gesellschaft begründet: “Each era hauntingly repeats multiple variations on a few familiar themes. Thus, the same preoccupations can be seen in every form we examine; only the angle of aproach is changed.” (Maffesoli 1996: 7).

Doch nicht nur sein Ansatz wirkt mit seiner Nähe zum Feyerabendschen „Anything goes“ postmodern, sondern auch sein Untersuchungsgegenstand, die Gesellschaft oder das soziale Ganze, befindet sich seiner Ansicht nach zumindest im Übergang in die Postmoderne ( Maffesoli 1969: 6, Auslassungen von mir): „.. the constant interplay between the growing massification and the development of micro-groups which i shall call `tribes`...aqppears to me the founding tension characterizing sociality at the end of the twentieth century.“ Er verwendet das folgende Schaubild, um dies zu illustrieren:

[...]


[1] Gore Air West Project; http://www.gore-tex.de/news/news5.cfm, zugriff vom 3.2.2002

[2] Damit meint er vermutlich Weber und Simmel.

[3] Er spricht hier (Maffesoli 1996: 5) von „sociality“; diese Wort übernimmt er in einer Fußnote als Übersetzung von Simmel´s „Geselligkeit“ (Maffesoli 1996: 101)

Details

Seiten
18
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638041942
ISBN (Buch)
9783640858293
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89795
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Publizisik /Kommunikationswissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Individualisierung Neue Stämme Globalisierung Gesellschaftstheorie

Autor

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