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Erforschung von Jugendsprache in Deutschland und Großbritannien im Vergleich

Examensarbeit 2006 103 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Verortung der Jugendsprache im Bereich der Linguistik
2.1 Jugend in soziologischer Perspektive
2.1.1 Jugendliche Subkulturen
2. 2 Soziolinguistik und Sprachvarietäten
2.2.1 Varietätenlinguistik
2.2.1.1 Varietätenanalyse
2.2.1.2 Jugendsprache und Standardsprache

3 Jugendspracheforschung in Deutschland bis etwa 1993
3.1 Historischer Überblick
3.2 Methodik der Erforschung von Jugendsprache
3.2.1 Der lexikalische Ansatz
3.2.2 Der ethnografische Ansatz

4 Jugendspracheforschung in Deutschland heute
4.1 Aktueller Forschungsstand
4.2 Interessengebiete
4.2.1 Strukturen der deutschen Jugendsprache
4.2.1.1 Peer-group-Kommunikation
4.2.1.2 Systemlinguistische Untersuchungen
4.2.1.2.1 Jugendtypische Wortbildung
4.2.1.2.2 Jugendtypische Syntax
4.2.1.2.3 Jugendtypischer Wortschatz
4.2.1.2.4 Entlehnungen
4.2.2 Funktionen von Jugendsprache
4.2.2.1 Die Abgrenzungsfunktion
4.2.2.2 Die Identifikationsfunktion

5 Jugendspracheforschung in Großbritannien
5.1 Der Begriff des „slang“
5.2 Ausgewählte Forschungsprojekte
5.3 Ursprünge des alternativen Vokabulars britischer Jugendlicher

6 Vergleich zwischen Deutschland und Großbritannien

7 Grundlegende didaktische Überlegungen
7.1 Unterschiede zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit
7.2 Einordnung des Themas „Jugendsprache“ in Lernbereiche inner- halb des Deutschunterrichts
7.2.1 Analyse des Bildungsplans für die Hauptschule des Landes Baden- Württemberg
7.3 Kompetenzbereiche
7.4 Perspektivenvielfalt der Thematik

8 Analyse von Sprachbuchmaterial zum Thema „Jugendsprache“
8.1 Das Thema „Jugendsprache“ im Schulbuch
8.2 Zu Grunde liegende grammatikdidaktische Positionen
8.3 Umsetzung in zwei Sprachbüchern für die Hauptschule
8.3.1 „Sprachbuch Deutsch 9“
8.3.2 „Mit eigenen Worten 2“
8.3.3 Resumée

9 Eigene Vorschläge zur didaktischen Umsetzung
9.1 Modalpartikeln (Partikeln der Abtönung)
9.1.1 Die Partikel „ey“
9.2 Unterrichtskonzeption

10 Bilanzierende Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Sprache ist kein Produkt, kein fixierbares System, sondern ein Prozess: die geistige Tätigkeit von Menschen in einer Sprachgemeinschaft.“ (Weisgerber 1998: 68).

Sprache ändert sich also, ist Wandlungen unterworfen und kommt in verschiedenen Variationen vor, so gibt es unter anderem die große Gruppe der Dialekte.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich aber mit der Erforschung einer anderen Sprachvarietät auseinandersetzen, der Sprache Jugendlicher.

Jugendliche sind das Objekt vieler Forschungsbereiche (u.a. auch der Pädagogik), aber „ihre“ Sprache ist dabei von besonderem Interesse, da sie als ein markantes Merkmal ihrer Sprecher hervortritt.

Die Beobachtung sprachlicher Divergenzen zwischen den Generationen wird dabei besonders auffällig, wenn der Generationenkonflikt krisenhafte Formen annimmt (Jakob 1988: 320), dies bedeutet, die ältere Generation sieht in dem Sprachgebrauch Jugendlicher einen Verfall der deutschen Sprache.

Doch ist dies wirklich wahr oder ist die Vorstellung, dass es sich bei der Jugendsprache um eine Sprache handelt, die den standardsprachlichen Normen nicht entspricht und daher weniger wert oder gar schlecht ist, vereinfacht bzw. schlicht falsch?

Ich möchte in meiner Arbeit unter anderem dieser Frage nachgehen, was genau ist „Jugendsprache“? Ist es überhaupt eine eigenständige Sprache oder vielmehr ein Ensemble verschiedener Sprechstile? Spricht nicht jeder Jugendliche eine andere Sprache bzw. spricht jeder Jugendliche auch gleichzeitig Jugendsprache?

Von besonderem Interesse war für mich dabei die Frage nach der Erforschung von Jugendsprache, d.h. seit wann wird überhaupt auf diesem Gebiet geforscht, welche Forschungsinteressen verbinden die Linguisten mit diesem Gebiet?

Doch werden die Antworten auf diese Fragen noch bedeutsamer in einem direkten Vergleich mit einem anderen europäischen Land, nämlich Großbritannien (bzw. hier vor allem England). So hat in Birmingham das Centre for Contemporary Cultural Studies seinen Sitz, das sich bereits Ende der 70er Jahre mit dem Jugendphänomen auseinander gesetzt hat, so erschien es mir sehr interessant zu erfahren, in wieweit sich das Forschungsinteresse auch auf die jugendlichen Sprechweisen ausweitet.

Dabei musste ich jedoch feststellen, dass die Forschungsliteratur zu diesem Thema in Großbritannien sehr dünn ist und mir daher nicht viel Vergleichsmaterial zur Verfügung stand.

Dagegen habe ich zahlreiche deutsche Publikationen zum Thema „Jugendsprache“ gefunden. Darunter sind auch Aufsätze aus dem Buch „Perspektiven der Jugendsprachforschung / Trends and Developments in Youth Language Research“ von Christa Dürscheid und Jürgen Spitzmüller von der Universität Zürich. Dieses Buch ist erst im April 2006 erschienen, Herr Jürgen Spitzmüller war aber so freundlich, mir bereits vorab unveröffentlichte Aufsätze zukommen zu lassen.

In der folgenden Arbeit zeige ich also die Forschungslage in der Jugendspracheforschung in Deutschland und Großbritannien ebenso wie grundsätzliche didaktische Überlegungen bei der Behandlung des Themas im Unterricht, bevor ich zwei Sprachbücher und das in ihnen präsentierte Material zum Thema „Jugendsprache“ analysiere und abschließend eigene Unterrichtsvorschläge präsentiere.

Beginnen werde ich in Kapitel 2 mit einer Verortung der Jugendsprache im Bereich der Linguistik, wobei ich hier den soziologischen Begriff der Jugend aufgreife und anschließend auf die Varietätenlinguistik zu sprechen komme.

Das Kapitel 3 befasst sich mit der Erforschung von Jugendsprache in Deutschland bis etwa 1993, diese Jahreszahl habe ich deshalb gewählt, weil in diesem Jahr das Buch „Jugendsprache: Fiktion und Wirklichkeit“ von Schlobinski et al. erschienen ist, das eine grundsätzliche Wende in der traditionellen Jugendspracheforschung bedeutet. Hier geht es also um die verschiedenen Forschungsmethoden.

Im folgenden Kapitel 4 befasse ich mich mit der aktuellen Jugendspracheforschung und gehe dabei auf unterschiedliche Interessengebiete ein, so auf die Strukturmerkmale und Funktionen der deutschen Jugendsprache.

Das Kapitel 5 widmet sich im Anschluss der Jugendspracheforschung in Großbritannien und stellt hauptsächlich einige Forschungsprojekte vor.

Im Anschluss daran erfolgt ein Vergleich zwischen Deutschland und Großbritannien, wobei es dabei um folgende Kriterien gehen soll: Begrifflichkeit der Thematik, die Forschungsmethoden, Forschungsinteressen, die Veröffentlichung populärwissenschaftlicher Werke sowie die Akzeptanz jugendlicher Sprechweisen in der Bevölkerung und die Perspektiven für die Behandlung in der Schule.

Das Kapitel 7 zeigt grundlegende didaktische Überlegungen auf, hier geht es um Lernbereiche und Kompetenzen ebenso wie um die Perspektivenvielfalt des Themas.

Im Kapitel 8 analysiere ich zwei Sprachbücher, die sich mit dem Thema „Jugendsprache“ auseinandergesetzt haben. Dazu werden zunächst die zu Grunde liegenden grammatikdidaktischen Konzeptionen dargelegt, bevor ich anhand eines von mir erstellten Kriterienkatalogs die Werke analysiere.

Kapitel 9 bietet eigene Vorschläge zur didaktischen Umsetzung am Beispiel von Modalpartikeln.

Abschließend folgt eine bilanzierende Schlussbetrachtung.

2 Verortung der Jugendsprache im Bereich der Linguistik

Vor einer eingehenderen Untersuchung mit der Erforschung von Jugendsprache muss zunächst einmal die Frage geklärt werden, in welches Teilgebiet der Linguistik sich die Jugendsprache einordnen lässt, um dieser einen größeren sprachwissenschaftlichen Rahmen zu geben.

Dies möchte ich im Folgenden dahingehend tun, dass zu Beginn eine kurze Darstellung des Jugendbegriffs aus soziologischer Perspektive erfolgt, woran sich eine kurze Beschreibung von Jugendsubkulturen und anschließend ein Überblick über Varietätenlinguistik anschließt.

2.1 Jugend in soziologischer Perspektive

Folgt man der soziologischen Betrachtungsweise von Jugend, so wird unter dem Begriff „Jugend“ keine natürliche, d.h. vom biologischen Alter her bestimmte, sondern eine gesellschaftlich definierte und institutionalisierte Gruppe verstanden, wobei das biologische Alter als wesentliche Grundlage dient (Bühler-Niederberger 2003: 11).

Eine sehr bekannte Definition des Jugendbegriffs stammt aus dem Jahr 1949 von August Hollingshead:

“Soziologisch gesehen ist die Jugend die Periode im Leben eines Menschen, in

welcher die Gesellschaft, in der er lebt, ihn [...] nicht mehr als Kind ansieht, ihm aber

den vollen Status, die Rollen und Funktionen des Erwachsenen noch nicht zuerkennt.

Hinsichtlich des Verhaltens ist sie definiert durch die Rollen, die der junge Mensch

kraft seines Status in der Gesellschaft spielen soll und darf, zu spielen genötigt oder

verhindert ist. Sie ist nicht durch einen besonderen Zeitpunkt bestimmt, etwa die

körliche Pubertät, sondern nach Form, Inhalt, Dauer und Abschnitt im Lebenslauf von verschiedenen Kulturen und Gesellschaften verschieden eingegrenzt.“ (Hollingshead 1949, zitiert nach: Bühler-Niederberger 2003: 11).

Diese Definition verdeutlicht noch einmal, dass Jugend vor allem als ein soziales Konstrukt angesehen wird, als „Produkt von Prozessen der Bedeutungszuschreibung und ihrer Institutionalisierung“ (Bühler-Niederberger 2003: 11).

Nach Schlobinski kann man Jugend demnach als eine biologische Altersphase, als eine soziale Altersgruppe, als Subkultur oder schlicht als eine Problemgruppe ansehen (Schlobinski 1989, zitiert nach: Dittmar 1997: 229). Auf die Definition der Jugend auf der Ebene jugendlicher Subkulturen wird im Folgenden noch näher eingegangen.

Grundsätzlich unterscheidet man in der Jugend(sprach)forschung zwischen drei Gruppenbegriffen. Zum einen wird von einer „Großgruppe Jugend“ (Nowottnick 1989, zitiert nach: Androutsopoulos 1998: 4) gesprochen, bevor auf die Ebene der jugendlichen Subkulturen und die der peer-groups, also Kleingruppen Gleichaltriger, verwiesen wird (ebd.: 4). Dies verdeutlicht insbesondere die definitorischen Schwierigkeiten bei der Erfassung von Jugend. Hier ist also ein mulitperspektivischer Blick erforderlich.

Für Karlheinz Jakob ist die Phase der Jugendlichkeit dagegen die Phase, in der das Kind allmählich in die uneingeschränkte Erwachsenenrolle hinübergleitet (Jakob 1988: 343). Somit stellt die Jugendlichkeit eine transitorische Phase auf dem Weg in die Erwachsenenwelt mit all ihren Rechten und Pflichten dar.

Der Teilbereich der Soziologie, der sich mit der Jugend beschäftigt, die Jugendsoziologie emphasierte dagegen lange Zeit die Andersartigkeit der Jugend und lenkte ihren Blick insbesondere auf die devianten Erscheinungen innerhalb der Jugend. Dies waren die ausgeprägten Szenen bzw. Gruppen, denen ein großes öffentliches Interesse galt, so z.B. Hooligans oder Rechtsradikale (Bühler-Niederberger 2003: 13). Anhand dieser Gruppen wurde aufgezeigt, was Jugend bedeutet. Erst seit einigen Jahren thematisiert die Jugendsoziologie diese eingeschränkte Sichtweise und distanziert sich von der sogenannten „Erfindung der Jugend“ (Bühler-Niederberger 2003: 13).

Ein weiterer wichtiger Punkt, der im Zusammenhang mit dem Jugendbegriff genannt werden muss, ist die Tendenz zur Abwertung und infolge dessen zur defizitären Orientierung an der Jugend.

So sind die Klagen über die Jugend seit jeher bekannt. Schon Sokrates beklagte, dass die Jugendlichen Erwachsenen gegenüber respektlos seien und ihre Zeit damit verbrächten miteinander zu schwätzen statt einer vernünftigen Tätigkeit nachzugehen (Bühler-Niederberger 2003: 14).

Stets heißt es in der Öffentlichkeit und hier vor allem bei der Erwachsenengeneration, die aktuelle Jugendgeneration sei problematisch, amoralisch und zeige keinen Respekt gegenüber Erwachsenen bzw. Loyalität gegenüber der Gesellschaft. Dies lässt den Schluss zu, diese Erwachsenengeneration sei aus einer nahezu idealen Jugendgeneration herangewachsen.

So formulierte Erich Fromm 1964 in einem Interview: „Wir werden einst von ihr [der deutschen Jugend; Anmerkung J.K.] hören, und es werden keine guten Nachrichten sein.“ (Bühler-Niederberger 2003: 17).

Eine extreme Abwertung der Jugend erfolgt so vor allem im massenmedialen Diskurs und wird anschließend von der breiten Öffentlichkeit aufgegriffen und verinnerlicht.

Im Folgenden wird nun eine der oben genannten soziologischen Sichtweisen auf die Jugend eingehender dargestellt, nämlich die Jugend als Subkultur. Ich gehe aus dem Grund näher auf diesen Aspekt ein, da der Begriff (Jugend)subkulturen im Laufe der Arbeit immer wieder auftaucht, und er deshalb einer Klärung bedarf.

2.1.1 Jugendliche Subkulturen

Von einer Jugendbewegung und –kultur im modernen Sinne wird etwa seit Beginn des 20. Jahrhunderts gesprochen (Rosenmayr 1976, zitiert nach: Jakob, Karlheinz. „Jugendkultur und Jugendsprache“ in Deutsche Sprache: 341), allerdings so Farin

„determinieren politisch-pädagogische Vorgaben, aber auch die Eigeninteressen der um

Medienaufmerksamkeit und Forschungsetats konkurrierenden WissenschaftlerInnen und

‚Schulen’ die entscheidenden Fragen und Antworten der Jugendkulturforschung“,

die Empirie schmücke diesen theoretisch festgelegten Rahmen allenfalls aus (Farin 2003: 63).

Hieraus wird deutlich, dass sich zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen dem Forschungsgegenstand „Jugendkulturforschung“ widmen, so u.a. die Pädagogik und die Politik, dabei jedoch der empirische Aspekt aus den Augen verloren wird.

Pioniere auf dem Gebiet der modernen Jugendsubkulturforschung waren die Studien des 1964 gegründeten Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) an der Universität Birmingham. Hierbei standen die Herkunftsmilieus der Jugendlichen im Mittelpunkt der Untersuchungen. Jugendliche Subkulturen wurden als generationsspezifische Subkulturen übergeordneter Stammkulturen verstanden (Neuland 1987: 68), ein Ansatz der in Zeiten kultureller Pluralisierungsprozesse nicht mehr aufrecht erhalten werden kann.

Doch um den Ansatz des CCCS überhaupt zu verstehen, muss zunächst einmal geklärt werden, was unter dem Begriff „Kultur“ verstanden wird, um anschließend den Terminus „Jugendsubkultur“ genauer fassen zu können.

Unter Kultur im allgemeinen Sinne wird die Summe aller Institutionen, Bräuche, Werkzeuge, Normen, Wertordnungssysteme, Präferenzen und Bedürfnisse einer konkreten Gesellschaft verstanden (Farin 2003: 65).

Eine Subkultur ist also als ein Teil dieser die Gesellschaft umfassenden Kultur aufzufassen, die sich jedoch erheblich von jener unterscheidet. Nach dem „Subkultur-Modell“ von Schwendter ist eine Subkultur demnach eine Teilkultur (so z.B. eine Kultur der Jugendlichen), keinesfalls eine eigenständige Kultur (Schwendter in Griese 2000, zitiert nach Farin 2003: 66).

Eine Form dieser Subkulturen ist die Ausprägung von Jugendsubkulturen, Zusammenschlüsse Gleichaltriger zu einer Gruppe, wobei unter Gruppe ein gesellschaftliches Gebilde mehrerer Personen mit gemeinsamen Werten und Interessen sowie Lebensstilelementen, also Kleidung, Sprache etc. verstanden wird (Reinke 1994: 296).

Die Bildung solcher Subkulturen – die Benutzung des Plurals impliziert bereits, dass es

sich dabei nicht um eine definierte Subkultur handelt – ist häufig eine Folge von auftretenden Übergangsproblemen zwischen der Familie und der Gesellschaft, die durch die Teilnahme an sogenannten peer-groups bewältigt werden können (u.a. Bell 1971, zitiert nach: Bühler-Niederberger 2003: 18).

Eine peer-group, eine Kleingruppe Gleichaltriger, stellt folglich die unterste – da sehr spezifische – Ebene einer Subkultur dar und konstituiert sich durch die gemeinsame Umgestaltung von aus ihrem normalen sozialen Kontext herausgelösten Symbolen und Aktivitäten zu einer neuen Einheit, die von allen Gruppenmitgliedern akzeptiert wird und somit in Zeiten zunehmender Individualisierung verbindliche Gemeinsamkeiten und Orientierungen schafft (Clarke et al. 1979, zitiert nach: Hess-Lüttich 1987:31).

Dabei ist sich die Fachwelt über eine geeignete Bezeichnung für diese Gruppen nicht einig, so wird parallel auch von „Jugendszenen“ gesprochen, die keine eindeutig von einander

abgegrenzten sozialen Strukturen darstellen, und die sich in ihrem Kampf um Authenzität

vor allem gegen die Wirtschaft und folglich der Werbung als Verbreiter eines sogenannten

„Szene-Virus“ durchsetzen müssen (Farin 2003: 77).

Zudem wird in der Fachwissenschaft (u.a. Vollbrecht 1997) die Frage diskutiert, ob der Begriff „Jugendsubkulturen“ durch den des „jugendlichen Lebensstils“ ersetzt werden solle, um die negative Konnotation des Wortes „sub“ zu vermeiden. Es bleibt aber einzuwenden, dass Menschen meist nur einen Lebensstil haben, dagegen aber mehreren Subkulturen angehören können (Vollbrecht 1997, zitiert nach: Farin 2003: 65).

Es wird deutlich, dass jugendliche Subkulturen durchaus vielschichtig sind, und der

Wissenschaft gerade deshalb als ein besonders interessanter Forschungsgegenstand dienen.

Die simple Interpretation verschiedener Zeichen spezifischer Subkulturen, wie es oftmals

von Journalisten, Richtern und Polizisten, Bürgern und Politikern getan wird, reicht dabei

keinesfalls aus. So gibt es nicht den Jugendlichen, der nur zu einer bestimmten Szene

gehört, dieser Jugendliche kann zum Beispiel gleichzeitig der Karlsruher Punk-Szene und

einer Szene angehören, die sich am Wochenende zu stundenlangen sogenannter LAN-

Partys trifft[1].

2. 2 Soziolinguistik und Sprachvarietäten

Unter Punkt 2.1 wurde versucht, den Begriff der Jugend aus soziologischer Sichtweise darzustellen, im Folgenden muss es nun darum gehen, zu zeigen, wie sich die Sprache der Jugend – wenn es eine solche denn überhaupt gibt – in den linguistischen Kontext einbetten lässt.

„Reden Menschen wie sie reden, weil sie es nicht anders können, oder weil sie es so und nicht anders wollen?“ (Henn-Memmesheimer 2004: 26).

Das Gebiet der Linguistik, das sich mit dieser Fragestellung beschäftigt, d.h. mit dem großen Komplex „Sprache und Sozialstruktur“, ist die Soziolinguistik, deren Aufgabe vor allem darin besteht, sozial bedingte Unterschiede im sprachlichen Verhalten von Menschen zu untersuchen (Neumann 82003: 59).

Eine systematische Erforschung dieser Unterschiede findet erst seit etwa 25 Jahren statt (Neumann 82003: 60).[2]

Dabei wird Sprache primär als soziales Handeln verstanden, das sozial determinierten Regeln folgt (Neumann 82003: 60). Sie ist jedoch nicht als ein festes Konstrukt anzusehen, sondern gliedert sich nach Löffler in sprachliche Großbereiche, sogenannte „Lekte“, zu denen z.B. Dialekte (nach der arealen Verteilung), Soziolekte (nach den Sprechergruppen) oder Sexolekte (nach Alter und Geschlecht) gehören (Löffler 1994). Diese „Lekte“ erfüllen in der Regeln eine soziale Funktion (Neumann 82003: 60).

2.2.1 Varietätenlinguistik

Einer eindeutigeren Systematisierung dieser zuvor angesprochenen sprachlichen Heterogenität widmet sich die Varietätenlinguistik (Neuland 2003 b: 136).

Nach Berruto wird eine Sprachvarietät gekennzeichnet „durch die Kookurrenz von sprachlichen und außersprachlichen Merkmalen, d.h. von Realisierungsformen des Sprachsystems mit sozialen und funktionalen Merkmalen von Sprachgebrauchssituationen“ (Berruto 1987, zitiert nach: Neuland 2003e: 55).

Diese Definition verweist neben dem sprachsystematischen Aspekt vor allem auch auf die interaktionale Dimension, eine Sprachgemeinschaft ist so keine homogene Gruppe von Sprechern, sondern vielmehr ist jeder Sprecher eingebunden in ein soziales Netz.

Allen Varietäten übergeordnet ist die sogenannte Standardvarietät[3], nach Ammon gekennzeichnet durch die Attribute überregional, oberschichtlich, invariant, ausgebaut, geschrieben und kodifiziert (Ammon 1987, zitiert nach: Neuland 2003e: 55).

Innerhalb der Varietätenlinguistik finden sich noch zwei weitere zentrale Begriffe, die den Fokus stärker auf die eigentliche Kommunikationssituation legen.

Die Wahl bzw. das Vermeiden bestimmter sprachlicher Formen in ganz spezifischen Kommunikationssituationen, die wiederum bestimmte Sprachformen erwartbar machen, wird in der Soziolinguistik mit dem Begriff Register bezeichnet. Diese Kommunikationssituationen werden u.a. konstituiert durch den Ort, die Zeit, den Handlungszusammenhang, das Verhältnis der Gesprächteilnehmer zueinander bzw. deren Erwartungen an die Kommunikation (Linke, Voigt 1991: 14).

Unter dem Begriff Stil wird eine sprachliche Variation innerhalb eines Registers verstanden, die stark persönlich motiviert ist. Die außersprachlichen Faktoren, die den Stil einer Sprachhandlung bestimmen, sind dabei kurzlebiger als die eine Varietät prägenden (Linke, Voigt 1991: 14). Schlobinski, Kohl und Ludewigt bezeichnen situativ gebundene Sprechweisen als Sprechstile (Schlobinski, Kohl, Ludewigt 1993: 40).

Androutsopoulos versteht unter dem Begriff eine für spezifische Gruppen und Kontexte sozial bedeutsame Sprech- oder Schreibweise (Androutsopoulos 1998: 307).

Hieraus wird deutlich, dass diese Begriffe nicht klar definiert sind und auch in der Fachliteratur nicht immer einheitlich gebraucht werden, allen gemeinsam ist aber dennoch die Einbeziehung der situativen Rahmenbedingungen.

Ich möchte noch einmal auf das Zitat zu Beginn dieses Kapitels zu sprechen kommen: „Reden Menschen wie sie reden...“ (Henn-Memmesheimer 2004: 26). Wie aber reden Menschen? Die Klärung dieser Frage ist sicherlich alles andere als einfach, doch es bliebt festzuhalten, dass „ein strukturalistisches Varietätenmodell mit einer strikten Grenzziehung zwischen einzelnen Varietäten der Dynamik und Komplexität konkreten Sprachgebrauchs“ nicht gerecht wird (Neuland 2003 b: 137).

Neuland plädiert vielmehr dafür, Sprachgebrauchsweisen in einem multidimensionalen Varietätenraum anzusiedeln, der unterhalb der Standardsprache lokalisiert ist, und gleichzeitig die sprecherbezogene Perspektive bei der Untersuchung dieser Sprachgebrauchsweisen mit einzubeziehen (z.B. die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Subkultur, das Alter, das Geschlecht oder die soziale Herkunft) (Neuland 2003b: 138 ff.):

„Im Sprecherbewusstsein können substandardliche Merkmale, z.B. Gruppensolidarität,

regionale Verbundenheit, Informalität [...] sprachliches und soziales Selbstbewusst-

sein symbolisieren.“ (Neuland 2003e: 57).

Hier lässt sich nun auch die Jugendsprache als eine der zahlreichen existierenden Varietäten verorten, wobei in der Regel nicht von einer Varietät, sondern vielmehr von einem Ensemble sprachlicher Stile gesprochen wird, so z.B. bei Schlobinski et al.:

„Jugendliche Sprechweisen sind in erster Linie umgangssprachliche Sprechstile,

die allerdings hinsichtlich ihrer Ausgestaltung eigene Charakteristika aufweisen.

Diese zeigen sich in einzelnen Sprachspielen und Stilbasteleien, die aber eher

‚High-Lights’ in einer überwiegend umgangssprachlich geführten Kommunikation

sind.“ (Schlobinski, Kohl, Ludewigt 1993: 211).

Neuland wendet das Prinzip, Sprachgebrauchsweisen in einem multidimensionalen Varietätenraum anzusiedeln, auch auf die Jugendsprache an:

„Subkulturelle Sprachstile Jugendlicher weisen oft zugleich gruppenspezifische

und fachsprachliche, regionale, situative und geschlechtstypische

Merkmale eines multidimensionalen Varietätenraumes auf”. (Neuland 2003e: 57)

2.2.1.1 Varietätenanalyse

Die Aufgaben einer soziolinguistischen Varietätenanalyse sind nun die Entwicklung von Verfahren zur systematischen Beschreibung einzelner Varietäten, wobei hier das Problem der geeigneten Datenbeschaffung auftritt, sowie die Erklärung, wie diese Varietäten entstanden sind. Zudem müssen Kriterien zur Bewertung entworfen und die Frage nach dem Anwendungsbereich der Varietäten geklärt werden (Neumann 82003: 73).

Darüber hinaus bleibt weiterhin zu klären, wie groß die Menge der sprachlichen Merkmale sein muss um eine eigenständige Varietät bestimmen zu können (Neuland 2003e: 55).

Richtet man den Blick bei der Analyse einzelner Varietäten nun auf die Erfassung des jugendlichen Sprachgebrauchs, so erfolgt diese nach Neuland am geeignetsten unter dem soziolinguistischen Begriff der subkulturellen Stile[4], da diese „im Unterschied zu Varietäten, aber auch zu Registern, die hauptsächlich grammatisch und lexikalisch bestimmt werden, als Ausdrucksformen sprachlichen wie nichtsprachlichen Handelns überdies auch paralinguistische und nonverbale Merkmale aufweisen.“ (Neuland 2003b: 140) [Kursivdruck im Original].

So wird bei dieser Form der Analyse der soziale Kontext berücksichtigt, ohne den der Sprachgebrauch auf einen bloßen Gebrauch des sprachlichen Systems reduziert wird.

Um die Verortung der Jugendsprache bzw. der jugendsprachlichen Sprechstile in der Linguistik abzurunden, wird im Folgenden die Beziehung zwischen der Jugend- und der Standardsprache dargelegt. Zudem bezeichnet dieses Verhältnis die traditionelle Fragestellung in der linguistischen Beschäftigung mit Jugendsprache im Hinblick auf die Dichotomie bereichernder – gefährdender Einfluss der Jugendsprache auf die Standardsprache (Neuland 1993: 143).

2.2.1.2 Jugendsprache und Standardsprache

Neuland konstatiert, dass ein systematischer Ort der Behandlung des Verhältnisses von Jugendsprache und Standardsprache in der einschlägigen Forschung kaum erkennbar sei, und dass, obwohl dieses Verhältnis eine zentrale Rolle bei der Erforschung von Jugendsprache spiele (Neuland 1993: 143).

So liegt der Fokus meist auf der Analyse von Wörterbüchern, bei denen eine Zunahme expliziter stilistischer Variation zu verzeichnen ist, Henne spricht in diesem Zusammenhang von einer „Tendenz zur lexikalischen Popularisierung“, also einer Öffnung der Standardsprache gegenüber Ausdrücken aus verschiedenen Varietäten (Henne 1986, zitiert nach: Neuland 1993: 143).

Dadurch verändert sich natürlich der Wortschatz der deutschen Gegenwartssprache, es kommt zu Ausgleichsprozessen zwischen der Standardsprache und meist einer spezifischen Varietät, die Rückwirkungen auf die Standardsprache haben. Diese Prozesse werden als Substandardisierungsprozesse bezeichnet (ebd.: 144).

Betrachtet man nun die Einflüsse der Jugendsprache auf die Standardsprache, so wird deutlich, dass jugendtypische Ausdrucksweisen schon in Wörterbücher aufgenommen werden, allerdings zum Teil noch mit ihrer standardsprachlichen Bedeutung[5].

Durch die Aufnahme in Wörterbücher[6] verlieren diese Ausdrücke allerdings ihre sozialstilistische Konnotationen, was bedeutet, dass der situative und soziale Verwendungskontext dieser Bezeichnungen völlig außer Acht gelassen wird, ihre Markierung als „jugendlich“ wird aufgehoben (Neuland 1993: 153).

Weitgehend unerforscht ist in diesem Zusammenhang der gegenläufige Prozess, also die Entbindung einzelner sprachlicher Elemente aus dem jugendsprachlichen Kontext und die anschließende Transformation in die Standardsprache, der als „Restandardisierung“ bezeichnet wird (Neuland 1993: 145).

Neuland vermutet, „daß [sic] sich die gegenläufigen Prozesse auf einzelne, besonders auffällige lexikalische und phraseologische Elemente jugendlicher Sprachstile mit einem hohen sozialen Distinktionswert beziehen.“ (ebd.: 145).

Zum Abschluss dieses Kapitels möchte ich noch auf das Forschungsprojekt „Jugendsprache und Standardsprache“ an der Bergischen Universität Wuppertal eingehen, das seit 1999 im Fachbereich Germanistik läuft.

Dieses Projekt zeigt unter anderem, welch hohes Forschungsinteresse mit diesem Gebiet verbunden ist.

Geleitet wird das Projekt von Eva Neuland mit dem Ziel, zum einen wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse über den Sprachgebrauch und die Spracheinstellungen von Jugendlichen in Deutschland und zum anderen Erkenntnisse über Unterschiede der Jugendsprache zur deutschen Standardsprache zu gewinnen (Neuland/Martin/Watzlawik 2003: 44 ff.).

Vergleichende Untersuchungen fanden in neun Bundesländern statt, dabei wurden verschiedene Jahrgangsstufen (Klasse 7, 9 und 11) und Schultypen (Hauptschule, Gymnasium, Berufsbildende Schulen) berücksichtigt.

Die Ergebnisse dieses Projekts fließen in die Ausführungen unter Punkt 4.1 ein. Es bleibt aber festzuhalten, dass die Jugendlichen bei den Spracheinstellungsdaten, also der Meinung zu typischen Erscheinungsmerkmalen der Jugendsprache und Gründe für deren Verwendung unerwartet selten angaben „um anders zu reden als Erwachsene“ (ebd.: 53).

Es geht also nicht bloß darum, sich von den Erwachsenen und ihrer angenommenen Standardsprache abzusetzen.

Das Verhältnis zwischen Jugend- und Standardsprache lässt sich also in zweierlei Hinsicht beschreiben. Zum einen wird die Jugendsprache in der Standardsprache gebraucht, d.h. es werden beide Varietäten nebeneinander benutzt, zum anderen kann Jugendsprache statt Standardsprache verwendet werden.

Stets besteht zwischen beiden Varietäten jedoch ein ambivalentes Verhältnis. Die Jugendsprache „nimmt“ von der Standardsprache, gleichzeitig „gibt“ die Jugendsprache in Form von Ausdrücken, die im Prozess der Restandardisierung (Neuland 1993: 145) wieder in die Standardsprache aufgenommen werden.

Jugendsprache „setzt die Standardsprache voraus, wandelt sie schöpferisch ab, stereotypisiert sie zugleich und pflegt spezifische Formen ihres sprachlichen Spiels.“ (Henne 1986: 208).

Doch „weder die standardsprachlichen noch die jugendsprachlichen Wörterbücher erfassen die sozialen Bedeutungen des jugendsprachlichen Wortgebrauchs in adäquater Weise.“ (Neuland 1993: 153).

3 Jugendspracheforschung in Deutschland bis etwa 1993

Die Kapitel 3 und 4 befassen sich jeweils mit der Erforschung von Jugendsprache in Deutschland. Doch hier tritt bereits das erste Problem auf: Was ist genau ist eigentlich „Jugendsprache“? So konstatiert Androutsopoulos: „Eine gewisse Uneinheitlichkeit herrscht über den terminologischen wie auch den begrifflichen Status des Forschungsgegenstandes.“ (Androutsopoulos 1998: 32).

Es erfolgt zunächst ein kurzer historischer Überblick über die wissenschaftliche Tradition der Jugendspracheforschung im deutschen Sprachraum, dem sich eine Übersicht über die zwei wesentlichen Methoden – der lexikalischen und der ethnografischen – bei der Erforschung von Jugendsprache anschließt.

Ich möchte zudem noch darauf hinweisen, dass die Strukturen der deutschen Jugendsprache selbstverständlich auch in der Zeit bis etwa 1993 von Bedeutung für die Wissenschaft waren, ich behandle sie aber der Übersichtlichkeit halber erst unter Punkt 4.2.1.

3.1 Historischer Überblick

„Jugendsprachen sind nicht nur aktuelle Phänomene der Gegenwartssprache; sie

sind vielmehr historische Phänomene, die in verschiedenen Ausprägungsformen bereits

in früheren Entwicklungsetappen der Sprachgeschichte dokumentiert und analysiert

wurden.“ (Neuland 2003a: 91).

Das folgende Kapitel will einen kurzen historischen Überblick über die Erforschung von Jugendsprache im deutschen Sprachraum geben, insbesondere der Schüler- und Studentensprachen unter sondersprachlichen Fragestellungen. So dient die Aufarbeitung dieser historischen Aspekte der Jugendsprache auch aktuellen Erkenntnisinteressen (Neuland 2003a: 91).

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Sondersprache der studentischen Jugend untersucht, wobei es sich bei diesen Studenten um männliche, gesellschaftlich gut situierte Personen handelte. Die Studentensprache galt also als Sprache eines bestimmten Alters und Standes (ebd: 91).

Es ging bei der Erforschung vor allem um die planmäßige Sammlung von Begriffen aus dem studentischen Wortschatz wie etwa das Werk „Academica juventus. Die deutschen Studenten nach Sprache und Sitte“ von 1878 dokumentiert, deren Verfasser, soweit bekannt, Theologen, Juristen, Mediziner und Philosophen waren, die selbst aus dem Studententum hervorgegangen waren (ebd.: 92).

Als Grundlage dienten überwiegend persönliche Anschauungen und literarische Belege aus der sogenannten „burschikosen“ Literatur, „den seit dem Ende des 18. Jahrhunderts schriftlich fixierten Studentenkomments“ (ebd: 92).

Eine eigentliche wissenschaftliche Erforschung der historischen Studentensprache datiert allerdings erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit Meiers Untersuchungen der Hallischen Studentensprache (1894) mit dem vorrangigen Ziel, zu untersuchen, welchen Anteil die Studentensprache an der Gesamtsprache hat[7], wobei die Konzentration besonders auf etymologischen und lexikologischen Fragestellungen lag (ebd.: 93).

Dabei wurden die regionalen Differenzierungen (v.a. in Bezug auf die unterschiedlichen Universitäten) noch kaum berücksichtigt (ebd.: 97).

Es wird konstatiert, dass die Verwendung anstößiger Begriffe im studentischen Sprachstil aus der Lust an Normverstößen herrühre sowie der oppositionellen Haltung gegenüber den Konventionen der dominanten Sprachkultur und Lebensweise[8] (ebd: 108).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich eine Nebenlinie in der Sondersprachenforschung: die Erforschung von Schülersprache (auch Pennälersprache genannt), die ihre Ergebnisse bereits aus eigenen Nachforschungen gewann (Henne 1986: 25). So will Melzer „in kritischer Abgrenzung von reinen Wörterverzeichnissen der Schülersprache mit den spezifischen Ausdrucksweisen das spezifische, zeitlich und örtlich gebundene Schülerleben darstellen“ (Neuland 2003a: 94).

In den Jahren des Faschismus finden die Forschungen zur Schülersprache keine Fortsetzung, erst mit dem 1957 von Ohms verfassten Essay „Vorspiel“ wird diese Tradition wieder aufgegriffen.

„Ohms präsentiert sprachliche Beispiele (z.B. Synonyme für ‚prima’: pfundig, wuchtig...) und versucht, die dieser ‚jugendlichen Umgangssprache’ zugrunde liegende ‚Phantasie’, aber auch die ‚Denkfaulheit’ vieler Jugendlicher herauszuarbeiten.“ (Henne 1986: 222).

Neuland kommt zu der Schlussfolgerung, dass „die historischen Schüler- und Studentensprachen als zeit- und sozialgeschichtliche Vorläufer in der Entwicklung von heutigen Jugendkulturen und Jugendsprachen gelten können“. (Neuland 2003a: 94).

3.2 Methodik der Erforschung von Jugendsprache

Grundsätzlich werden bei der Erforschung von jugendlichen Sprechweisen zwei unterschiedliche methodische Herangehensweisen beschrieben bzw. angewendet.

Zum einen handelt es sich dabei um die lexikalische Methode, die bereits unter Punkt 3.1 angesprochen wurde und bis Anfang der 90er Jahre die grundlegende Methode zur Gewinnung von Erkenntnissen über Jugendsprache darstellte; daran schließt sich (sowohl in meiner Arbeit als auch in der Forschungspraxis) die ethnografische Methode an, die Methode der teilnehmenden Beobachtung.

3.2.1 Der lexikalische Ansatz

Pape forderte bereits 1970 der Form der reinen Lexikographierung, also dem Sammeln und Sichten einzelner lexikalischer Belege, des jugendlichen Wortschatzes keine Chance zu geben, sondern vielmehr auch die emotionale Seite dieses Wortschatzes zu berücksichtigen und eine soziale und regionale Eingrenzung vorzunehmen (Henne 1986: 224).

„Wo die sozio- und pragmalinguistische Perspektive fehlt, kommt es zu Fehlurteilen über Sprache und Sprecher“ (Pape 1970, zitiert nach: Schlobinski/Kohl/Ludewigt 1993: 38).

Doch gerade Anfang der 70er Jahre erlebte die Jugendspracheforschung an sich (in Folge der Studentenrevolten) und auch die lexikalische Methode einen Höhepunkt.

1972 erschien z.B. das Wörterbuch „Schülerdeutsch“ von Marianne und Heinz Küpper mit einem Aufruf an alle, die „der besonderen Welt- und Lebensauffassung der Schüler das Daseinsrecht“ zuerkennen (Küpper & Küpper 1972, zitiert nach: Henne 1986: 225) den Wortschatz zu ergänzen „damit auf sprachlichem Weg das Verständnis für die heutige Jugend vertieft wird“. (Küpper & Küpper 1972, zitiert nach: Henne 1986: 225).

Dieser Aufruf verdeutlicht in besonderer Weise die Auffassung, die hinter diesem Ansatz steht, nämlich, dass die Kenntnis über (vermeintliche) jugendsprachliche Ausdrücke dazu führt, die Jugend (als ein Gesamt ) verstehen zu können.

Die aktuellere linguistische Jugendspracheforschung wird vor allem mit der Preisfrage der Akademie für Sprache und Dichtung im Jahr 1980 eingeleitet: „Spricht die Jugend eine andere Sprache?“ (Neuland 2003b: 131).

Bis zum Anfang der 80er Jahre war die Jugendspracheforschung ein noch nicht „legitimierter Forschungsgegenstand“ (Henne 1981, zitiert nach: Androutsopoulos 1998: 1).

Doch bis in die 80er Jahre bestanden die sprachwissenschaftlichen Konzepte darin, sprachliche Einzelphänomene vor allem mit Hilfe von Befragungen und Fragebögen zu ermitteln und zu dokumentieren. Es gab zwar erste Versuche einer systematischeren Erfassung von Jugendsprache (u.a. die Erfassung pragmatischer Aspekte wie der Verwendung von Begrüßungsformeln oder Intensivierungen), diese waren aber noch recht unsystematisch (Henne 1986: 225).

So bestand ein zentrales Problem in der Entwicklung geeigneter Methoden im Sinne einer sprachgebrauchsorientierten Linguistik, um den Sprachgebrauch Jugendlicher adäquat erfassen zu können.

Die favorisierte Methode bestand nun darin, die Vorgehensweise der Lexikologie als einem Instrument zur Erfassung des Sprachgebrauchs zu nutzen.

„Der Lexikologie kommt im Prozeß [sic] der an der sprachlichen Realität und somit am Sprachgebrauch orientierten Modellierung des Erfassens von Wortschätzen eine zentrale Aufgabe zu.“ (Schlobinski 2003: 233).

Dabei müssen bezüglich der empirisch-lexikologischen Voraussetzungen einige kritische Fragen bedacht werden. So geht es zunächst um die Frage der Beschaffung geeigneter empirischer Belege, die die Grundlage eines Wörterbuches bilden sollen sowie anschließend darum, welche empirischen Verfahren für welche Problemstellungen angewendet werden sollen und in wieweit die Ergebnisse für den Sprachgebrauch einer Varietät (in diesem Fall der Jugendsprache) verallgemeinerbar sind (Schlobinski 2003: 235).

Ergebnisse dieser Einzelfallbeobachtungen und der Auswertung „fragwürdiger Fragebogen“ (Schlobinski/Kohl/Ludewigt 1993: 11) waren Publikationen von Wörterbüchern wie etwa von Claus-Peter Müller-Thurau, deren Botschaft folgende war: „Lerne die Jugendsprache und du wirst die Jugend besser verstehen.“ (Schlobinski/Kohl/Ludewigt 1993: 10).

„Die sogenannte ‚Jugendsprache’ erfuhr in den Achtzigerjahren gar eine Vermarktung im schillernden Gewand unterhaltsamer Wörter- und Sprüchesammlungen.“ (Osthoff 1996: 178).

Das Bild von der Jugendsprache in den 80er Jahren ist so auch geprägt von Phänomenen auf der lexikalisch-semantischen Ebene[9] (Beneke 1985, zitiert nach: Androutsopoulos 1998: 1)

Vertreter dieser lexematisch orientierten Forschung, die den situativen und sozialen Verwendungsrahmen wenig bis gar nicht berücksichtigte, waren vor allem Henne und Heinemann.

Im Folgenden möchte ich nun näher auf die Fragebogenerhebung von Henne (Henne 1986: 63 ff.) eingehen.

Sie bildete die erste breit empirisch fundierte Untersuchung vom Sprachgebrauch von Jugendlichen (Schlobinski/Kohl/Ludewigt 1993: 22).

536 Schülerinnen und Schüler aus Gymnasien, Realschulen, Hauptschulen und einer Berufsbildenden Schule (Klasse 8-13) waren dazu aufgerufen innerhalb einer Unterrichtsstunde einen halboffenen Fragebogen auszufüllen, der unter anderem Fragen zu biografischen und sozialen Daten sowie zu Musik und Literatur enthielt. 17 Fragen waren spezielle Fragen zur Jugendsprache, die sich in vier Fragetypen kategorisieren lassen:

1. Erfragung von Kenntnissen zu sprachlichen Phänomenen
2. Übersetzungen von jugendsprachlichen Ausdrücken in die Standardsprache
3. Erfragung von Bezeichnungen
4. Fragen zum Gebrauch von sprachlichen Formen in bestimmten (aber fiktiven) Situationen

Die Auswertung ergab vor allem, dass es einen sprachlichen Jugendton gebe, der einzelne jugendliche Gruppenstile übergreife und somit allgemeine Gültigkeit erlange (Schlobinski/Kohl/Ludewigt 1993: 23).

So veröffentlicht Henne die Ergebnisse dieser Fragebogenerhebung unter dem programmatischen Titel „Die Jugend und ihre Sprache“. Der Terminus „ihre“ impliziert dabei, sehr stark, dass es eine Sprache gebe, die der Jugend „gehöre“.

Die Kritik an dieser Fragebogenerhebung bzw. an der lexikalischen Methode im Allgemeinen ließ nicht lang auf sich warten.

Schon 1989 formulierten Brandmeier und Wüller, diese Art der Datenerhebung sei eine reine Untersuchung von Sprachwissensstrukturen und nur eine indirekte Erfassung von Sprechsprache (Brandmeier/Wüller 1989, zitiert nach: Schlobinski/Kohl/Ludewigt 1993: 23).

Schlobinski kritisiert die (einseitige) Methode der Fragebogenerhebung.

So sei sie eine „wenig kontrollierbare empirische Methode“ (Schlobinski 2003: 235), die häufig zur „Elizitierung von Wortschätzen von Varietäten“ (ebd.: 235) angewendet werde.

Hinsichtlich des Fragebogens von Henne ergeben sich Fragen und Probleme in Bezug auf die zu erfassenden Gegenstände sowie die Analyse der Struktur des Wortschatzes (ebd.: 235 ff.).

So bleibe die Frage offen, nach welchen Kriterien die Auswahl von Wörtern wie in der Aufgabe: „Erkläre bitte (wenn Du kannst) die Bedeutung folgender Wörter: Tussi,... (Henne 1986: 71) erfolge.

Ebenso stelle sich die Frage, welche Rückschlüsse sich von der Erfassung des Sprachwissens auf den eigentlichen Sprachgebrauch ziehen ließen (wie in der Frage „Kennst du ‚jugendliche’ Ausdrücke für jugendliche Kleidungsstücke?“ (ebd.: 70)). Kann man aus der Antwort einer Schülerin oder eines Schülers[10] darauf schließen, dass sie oder er diesen Ausdruck auch in ihrer/seiner alltäglichen Kommunikation verwendet? Vielmehr seien diese Listen von lexikalischen Varianten oftmals nach willkürlichen Gruppierungen zusammengestellt worden.

Zudem handle es sich hier um die schriftliche Fixierung von Wörtern in einer künstlichen Situation. Lassen sich hieraus Rückschlüsse auf den Gebrauch in der Alltagssprache ziehen?

Kritik erfolgt in diesem Zusammenhang auch an der Publikation von Wörterbüchern zur Jugendsprache.

Die meist wahllos zusammengetragenen Belege seien per Fragebogen ermittelt worden, der Unterschied zwischen der Schriftsprache und der gesprochenen Sprache werde nicht berücksichtigt (Schlobinski 2003: 234). Es handle sich vielmehr um eine Sammlung sprachlicher Formen ohne Gebrauchsfunktion (Schlobinski/Kohl/ Ludewigt 1993: 24).

Osthoff und andere (Schlobinski et al. u.a.) sprechen in diesem Zusammenhang von „lexikalischem Voyeurismus“, der eine verzerrte Interpretation der Jugendsprache liefere (Osthoff 1996: 180).

Hess-Lüttich konstatiert: „Der Wissenschaftler will die Jugend „beobachten, redet über die Sprache der Jugend, aber spricht nicht mit ihr.“ (Hess-Lüttich 1987: 32) [Kursivdruck im Original].

In der folgenden Zeit wurden Forderungen nach Erhebungen authentischer Sprachaufnahmen von Jugendlichen in verschiedenen Kontexten immer lauter.

Ein Umdenken in der Jugendspracheforschung wurde vor allem auf einem Kolloquium zur selbigen im März 1992 in Leipzig deutlich: „Es gilt, empirisch und methodisch neu anzusetzen und diskursanalytische Verfahren zu benutzen.“ (Heinemann 1993, zitiert nach: Schlobinski/Kohl/Ludewigt 1993: 38).

3.2.2 Der ethnografische Ansatz

Der Umschwung in der Methodik der linguistischen Jugendspracheforschung wurde vor allem durch soziolinguistische Studien aus dem amerikanischen Sprachraum ausgelöst und verabschiedete sozusagen die Annahme von einer Homogenität der Jugendsprache (Neuland 2003a: 13).

Statt der Sammlung einzelner lexikalischer Besonderheiten wurden jetzt ethnografische – teilnehmende – Einzelfallbeobachtungen durchgeführt um Erkenntnisse über Erscheinungs-und Funktionsweisen gruppenspezifischer Kommunikation von Jugendlichen zu erhalten (ebd.: 13).

Es erfolgte somit ein Paradigmenwechsel von der „Jugendsprachforschung“ hin zu einer soziolinguistischen Analyse von gruppenspezifischen Sprechweisen. Man ging nicht mehr von der Jugendsprache mit einer vielbeschworenen spezifischen Lexik aus[11], sondern erkannte, dass die Jugendsprache als Ensemble von Sprechstilen verstanden werden muss (Januschek/Schlobinksi 1989 OBST 41:1).

Eine Grundannahme der ethnografischen Beobachtung besteht nun darin, dass die „Untersuchten“ einen abgrenzbaren Interaktionszusammenhang bilden, in dem sie sich bewegen und in dem eine gruppenspezifische Kommunikation herrscht.

Schlobinski et al. haben auf der Grundlage dieser Erkenntnisse gefolgert, es müssten einzelne Sprechmuster von Jugendlichen in ihrem kontextuellen Gebrauch untersucht werden, eine Beschreibung der Jugendsprache sei der falsche Weg. Die Ergebnisse der teilnehmenden Beobachtung eines Jugendlichen würden für genau diesen Jugendlichen gelten, nicht aber automatisch für eine ganze Jugendgruppe, denn „selbst wenn man unterstellt, man wüßte [sic], was eine Jugendgruppe ist, dann gibt es immer noch so viele Jugendsprachen wie es Jugendgruppen gibt.“ (Schlobinski/Kohl/Ludewigt 1993: 39 ff.).

„Das Interesse dieses Ansatzes [Ethnografie des Sprechens, meine Anmerkung, J.K.]

gilt dem Sprechen in spezifischen Verhaltenskontexten. Gegenstand der Analyse

sind konkrete Sprechereignisse und somit sprachliche Formen in Gebrauchs-

kontexten.“ (Schlobinski, Kohl, Ludewigt 1993: 38 ff.)

[...]


[1] Dies sind Partys, auf denen Computer zu einem internen Netzwerk zusammengeschlossen werden, um miteinander die unterschiedlichsten Computerstrategiespiele zu spielen.

[2] Ausgangspunkt war die Theorie des schichtenspezifischen Sprachverhaltens von Basil Bernstein, nach der die soziale Position eines Indiviuums von seiner spezifischen Sprechweise abhängig ist. Bernstein sprach von einem restringierten und einem elaborierten Kode, wobei letzterer im Zuge eines kompensatorischen Sprachunterrichts zur Verbesserung persönlicher Qualifikationen vermittelt wurde. Man spricht auch von der sogenannten „Defizithypothese“ (Neumann 82003: 61), die aber empirischen Untersuchungen nicht standhielt. Vielmehr wird von der prinzipiellen Gleichwertigkeit der verschiedenen gesellschaftlichen Sprechweisen ausgegangen (vgl. vor allem die Arbeiten von William Labov).

[3] Dieser Begriff hat die zuvor gebräuchliche Bezeichnung „Hochsprache“ weitestgehend abgelöst, die bereits impliziert, dass es neben einer Hoch- auch eine Niedersprache (also eine qualitativ schlechtere) gebe.

[4] Soziolinguistische Sprachstile sind u.a. gekennzeichnet durch ihre Rekurrenz sowie ihre dynamische und immer neue Bildung in Folge von Abwandlungen sprachlicher Merkmale (Neuland 2003b: 141 ff).

[5] Dabei wurde der Ausdruck „geil“ am häufigsten als jugendsprachlich erkannt und auch mit dieser Konnotation versehen (im Sinne von super, klasse) (Neuland 1993: 149).

[6] Zu nennen wäre hier das DUDEN Szenewörterbuch von 2000.

[7] Also ähnlich der aktuellen Erforschung des Verhältnisses von Jugend- und Standardsprache.

[8] Eine Übersicht über die Funktionen von Jugendsprache in der aktuellen Jugendspracheforschung findet sich unter Punkt 4.2.2.

[9] So etwa ein „Rückgang von Anredeformeln, solidarisierende Du-Anrede, Enttabuisierung von Wörtern, gruppensymptomatische Neuwörter und Redewendungen, wie null Bock haben auf, cool sein“ (von Polenz 1990, zitiert nach: Androutspoulos 1998: 1).

[10] Beispielsweise hat eine Schülerin das Paar Schuhe = Latschen angegeben (Henne 1986: 71).

[11] Schlobinski et al. sprechen in diesem Zusammenhang sogar von dem „Mythos und der Fiktion von der Jugendsprache“ (Schlobinski/Kohl/Ludewigt 1993: 7).

Details

Seiten
103
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638037037
ISBN (Buch)
9783656757580
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89648
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Karlsruhe
Note
1,5
Schlagworte
Erforschung Jugendsprache Deutschland Großbritannien Vergleich Möglichkeiten Umsetzung Hauptschule Thema Jugendsprache

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Titel: Erforschung von Jugendsprache in Deutschland und Großbritannien im Vergleich