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Michel Foucault und die Disziplinarmacht. Aspekte einer Analytik der Macht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 35 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung
1. Thema, Darstellungsabsicht und Grenzen der Arbeit
2. Aufbau der Arbeit

II. Grundlagen einer Machtanalytik
1. Prämissen und Abgrenzung von Alternativmodellen
2.. Macht als allgegenwärtiges Verhältnis
3. Produktivität von Macht
4. Strategien und Taktiken in Spiel und Krieg
5. Macht als Handlung zwischen freien Subjekten
6. Verfestigungen der Machtverhältnisse
7. Zusammenfassung

III. Inhalt und Entwicklung historischer Machtformen und –typen
1. Souveränitätsmacht
a) Entstehung und Begriff
b) Repressive Exklusion: Gesetz, Asymmetrie, Gewalt und Blut
c) Öffentlich Marter und Recht des Schwertes
d) Probleme und Krisen
2. Humanistische Reformjuristen
a) Entstehung und Begriff
b) Normative Integration: Norm und Gesellschaftsvertrag
c) Menschlichkeit und Besserung
3. Disziplinarmacht
a) Entstehung und Begriff
b) Produktive Disziplin: Omnipräsenz, Individuen, Ordnung und Detail
c) Gefängnis und Delinquenz
4. Biomacht
a) Entstehung und Begriff
b) Leben, Bevölkerung, Tod und Rassismus
c) Produktivität, Sexualität und Normalisierung
d) Freiheit
5. Zusammenwirken verschiedener Machtformen und Pastoralmacht

IV. Schlußbemerkung

V. Literatur

I. Einleitung

1. Thema, Darstellungsabsicht und Grenzen

In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich mit der von Foucault konzipierten Machtanalytik beschäftigen. Auch wenn sich die vorliegende Arbeit mit Fragen beschäftigt, die sich um den Begriff „Macht“ zentrieren lassen, so heißt das nicht, Foucault einzig und allein als Machttheoretiker zu präsentieren. Es geht auch nicht um eine möglichst authentische und/oder umfassende Foucault interpretation oder um das Herauskristallisieren eines vermeintlich universalen Leitgedankens. Vielmehr werde ich lediglich einige mir interessant und ergiebig erscheinende Ideen aus der foucault´schen Werkzeugkiste herausgreifen.

Die komplexen Verknüpfungen der Machtthematik mit diskurstheoretischen Überlegungen, d. h. die Wechselwirkungen zwischen Macht und Wissen/Wahrheit werden nicht untersucht. Ich verzichte ebenfalls auf eine Konkretisierung der Rolle des Subjekts in diesem Feld. Aufgrund des theoretisch-analytischen Schwerpunkts dieser Arbeit erfolgt keine Prüfung der konkreten Umsetzung und historischen Anwendung der foucault´schen Kategorien. Die Evidenz einzelner Ergebnisse oder „empirischer Unzulänglichkeiten“ werden nicht diskutiert. Innerhalb des so abgesteckten Rahmens kann auch der Bereich der Sozialphilosophie und politischen Theorie mit den dazugehörigen Fragen nach normativem Gehalt, ethischen Programmen und politischen Handlungsanweisungen nicht berücksichtigt werden. Darüber hinaus werden erkenntnistheoretische und methodologische Fragen vernachlässigt oder wie die anderen genannten Bereiche nur sporadisch bearbeitet, obwohl sie an vielen Punkten die von mir gewählte Thematik tangieren.

2. Aufbau der Arbeit

Im ersten Teil der Arbeit stelle ich die abstrakten analytischen Grundlagen und methodischen Vorkehrungen vor, d. h. ich werde versuchen, Foucault s Machtanalytik inhaltlich und begrifflich näher zu bestimmen. Im zweiten Teil beschäftige ich mich mit den konkreten Machtformen und –typen. Dabei geht es vornehmlich um die verschiedenen historischen Formationen, die aus der im ersten Teil beschriebenen allgemeinen Funktionsweise von Macht hervorgingen, einander ablösten und zusammenwirkten.

II. Grundlagen einer Machtanalytik

1. Prämissen und Abgrenzung von Alternativmodellen

Foucault s zentrale Prämisse bei der Konzeption seines Machtbegriffs lautet: Die Macht existiert nicht. Marti s Vorwurf, Foucault verwende trotz dieser mehrmals artikulierten Absicht immer noch den Begriff der Macht als „zentrale Instanz“, ließe sich entgegenhalten, daß „die Macht“ bei Foucault „konkret-historische Macht-Techniken und -Dispositive“ meint. Im Rahmen einer systematischen Funktionsanalyse verschiedener historischer Machtpraktiken richtete sich Foucault gerade gegen herkömmliche Machtheorien und deren Frage nach dem Inhalt und der Substanz von Macht. Er fragte mit seinem analytischen Zugang, nach dem „Wie?“ der Machtausübung.[1]

Foucault sah die Überwindung existierender Machtmodelle als Voraussetzung für die angestrebte Analytik an. Er wollte sich von Konzepten absetzen, die Macht wesentlich juristisch und repressiv interpretieren. Foucault versuchte dadurch, Macht nicht primär in den Gegensätzen legitim und illegitim oder Kampf und Unterwerfung zu bearbeiten, sondern diese zu erweitern und ihre Schwerpunkte zu verlagern. Diese Beschränkung auf Grenzziehung, Beherrschung und Gehorsam (in den meisten Fällen in Bezug auf Recht und Gesetz) würde, sofern man sie als alleinige Mechanismen der Macht betrachtet, die komplexen Funktionen von Macht unzulänglich beschreiben.[2]

Juridisch und repressiv geprägte Machtkonzepte gingen von einer homogen wirkenden Zentralinstanz aus, die ihre Ziele hierarchisch von oben nach unten durchsetzt und den rechtlichen Code von Verboten nutzt. Rechtssubjekte, (imaginär) zwischen ihnen geschlossene Verträge, Souveränität und die Legitimität von Herrschaft standen im Mittelpunkt. Darüber hinaus behauptete das repressive Modell, Macht ginge in Unterdrückung und Verbot auf. Dabei wurde immer ein zu unterdrückendes Positives, sei es Sexualität, sei es die Arbeiterklasse oder seien es ganz allgemein Wissen und Wahrheit, vorausgesetzt. Häufig wurde im Anschluß daran einfach nur die Befreiung der unterdrückten Elemente gefordert. Foucault lehnte diese Vorstellungen ab, leugnete aber keineswegs die Existenz von Repression überhaupt. Er wehrte sich lediglich gegen die Subsumption aller Machtwirkungen und Praktiken unter diese Kategorie.[3]

2. Macht als allgegenwärtiges Verhältnis

Im Anschluß an die Darstellung der Prämissen und Abgrenzungen widme ich mich nun dem konkreten Inhalt foucault´scher Machtanalytik. Foucault sprach, wie gesagt, nicht von der Macht, sondern von vielfältigen Machtverhältnissen. Die Macht existiert nicht, man kann ihr weder einen konkreten Raum noch eine genaue Zeit oder einen spezifischen Inhalt zuweisen, d. h. man kann sie nicht substantiell fassen. Foucault setzte Macht mit der „Vielfältigkeit von Kräfteverhältnissen [gleich], die ein Gebiet bevölkern“. Diese Definition schließt es explizit aus, Macht als „Regierungsmacht, als Gesamtheit der Institutionen und Apparate“ zu beschreiben, unter ihr „eine Unterwerfungsart“ zu verstehen oder sie als „allgemeines Herrschaftssystem“ im Dienste einer Seite gegen eine andere zu interpretieren. Allgemeiner gesagt: Macht ist „keine rohe Tatsache, keine institutionelle Gegebenheit, auch nicht eine Struktur, die besteht oder zerbricht“. „Die Macht hat kein Wesen, sie ist operativ. Sie ist kein Attribut, sondern ein Verhältnis“. Macht beschreibt in diesem Kontext also eine allgemeine Matrix von Kräfteverhältnissen und deren konkrete historische Ausprägungen.[4]

Macht als Kräfteverhältnis zu fassen bedeutet, zu verneinen, daß sie besessen werden kann. „Die Formel: `Sie haben die Macht` mag politisch ihren Wert haben, zu einer historischen Analyse [der Machtverhältnisse] taugt sie nicht“. Macht ist kein feststellbares Vermögen, das einem Individuum oder einer sozialen Gruppe „als vertraglich vereinbarter oder gewaltsam angeeigneter Besitz zugerechnet“ werden kann. Da Macht von Foucault generell nicht ökonomisch, d. h. in Begriffen von Besitz, Aneignung, Veräußerung oder Tausch beschrieben wurde, ging er auch nicht von einer stabilen Klassenmacht, d. h. Macht als Besitz einer und nur einer Klasse aus. Damit leugnete Foucault Klassen(-kämpfe) zwar nicht insgesamt, interpretierte sie aber auch nicht als Konfrontationen einer homogenen Gruppe der Machthaber mit der Klasse der Machtlosen, sondern beschrieb sie als komplexere Machtverhältnisse. Macht ist „niemals voll und ganz auf einer Seite“, niemals monolithisch und „sie wird nie völlig von nur einem Gesichtspunkt aus kontrolliert“. Macht läßt sich nicht in einem aktiv-passiv Schema analysieren, denn es gibt nicht „auf der einen Seite diejenigen [...], die die Macht haben und auf der anderen die, die sie nicht haben“. Mit diesen Überlegungen zielte Foucault gleichzeitig gegen Versuche, Macht und Herrschaft in einer strikten Herr-Knecht-Dialektik zu fassen.[5]

Macht stellt kein Eigentum dar und wird nicht besessen, sondern sie zirkuliert ununterbrochen in der Gesellschaft und ist „niemals hier und dort anzutreffen“, d. h. sie läßt sich nicht dauerhaft und eindeutig lokalisieren. Foucault beschrieb Macht als Bewegung, die sich augenscheinlich von oben nach unten vollzieht, sich aber genauso in der Gegenbewegung von unten nach oben realisiert. Weder der Staat mit seinen Institutionen, noch die ökonomischen Verhältnisse oder irgendein unabhängiger Wille individueller oder kollektiver Akteure sind der „privilegierte[...] Ort als Quelle der Macht“. Foucault s dezentrales Modell von Macht begreift Staatsapparate und Institutionen nur als durch bestimmte Machtverhältnisse bedingt. Machtverhältnisse gehören zwar zu den konstitutiven Elementen von Produktionsweisen (oder auch Staatsapparaten), die Aufrechterhaltung derselben ist jedoch nicht ihre primäre Aufgabe. Macht dient nicht der Ökonomie oder dem Staat als Garant und ist diesen nicht untergeordnet.[6]

Macht ist bei Foucault keine Substanz, Struktur, Institution oder Person und kann nicht auf einen bestimmten Ort beschränkt werden. Sie kommt vielmehr von überall her. Macht ist ein allgegenwärtiges Verhältnis, das „immer schon da“ ist und kein Außen[7] hat. Es gibt keinen machtfreien sozialen Raum, weil die Beziehungen zwischen Subjekten bereits notwendig Machtverhältnisse darstellen. Selbst Widerstand, der i. d. R. als gegen Macht gerichtet angesehen wird, ist bei Foucault ein machtinternes Phänomen. „Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand. Und doch oder vielmehr gerade deswegen liegt der Widerstand niemals außerhalb der Macht“. Machtverhältnisse können nur kraft existierender Widerstandspunkte bestehen. Widerstand ist immer im Machtnetz präsent und dient Macht als Gegner, Zielscheibe, Stützpunkt und Einfallstor. Es gibt „nicht den einen Ort der Großen Weigerung. [...] Sondern es gibt einzelne Widerstände“, die aber nicht zur Überwindung von Macht überhaupt führen. „Ich sage einfach: sobald es ein Machtverhältnis gibt, gibt es eine Widerstandsmöglichkeit“. Widerstand geht Macht nicht voraus, ist aber auch nicht nachgeordnet. Beide wirken gleichzeitig und funktionieren als einander notwendige Gegenüber in identischer Weise. Foucault formulierte seine Überlegungen ausgehend von Widerstandsmöglichkeiten, die er aber als spezifische Kämpfe gegen die alltäglichen Formen der Macht ausübung (nicht gegen die Existenz von Macht überhaupt) konzipierte. Da Machtverhältnisse „tief im gesellschaftlichen Nexus wurzeln, und nicht über der `Gesellschaft` eine zusätzliche Struktur bilden“, können sie nicht radikal beseitigt werden. „Eine Gesellschaft `ohne Machtverhältnisse` kann nur eine Abstraktion sein“, was jedoch nicht heißt, „daß die jeweils gegebenen auch notwendig sind“.[8]

Foucault wurde im Anschluß an die Allgegenwart von Macht, die selbst Widerstand integriere, vorgeworfen, er verwende Macht als Universalschlüssel für alle sozialen Phänomene. So war z. B. kritisch und vorwurfsvoll von einem „lebensphilosophisch-ontologisch verstandenen Willen zur Macht“ oder einer „Metaphysik der Macht“ die Rede. Der Vorwurf einer vermeintlich ontologischen Verwendung des Machtbegriffs durch Foucault trat in Verbindung mit dem Einwand auf, daß Foucault sich einzig und allein durch einen „Unbegriff der Macht“ auszeichne, der „weil er alles und jedes so nennt, zuletzt nichts mehr genau“ bezeichnet. Dem kann jedoch entgegen gehalten werden, daß Foucault „Gesellschaft nie als ein strukturiertes Ganzes, in diesem Fall: als Gesellschaft mit Machtdominante, sondern als ein Ensemble variabler Kräftezusammenhänge“ konzipierte. Foucault selbst wies die Behauptung, er wolle alles mit und durch Macht erklären, als „grobe [vielleicht selbst (mit-)verschuldete] Fehldeutung“ zurück. Sein Anliegen sei es keinesfalls gewesen, „an die Stelle einer ökonomischen Erklärung eine Erklärung durch die Macht zu setzen“.[9]

3. Produktivität von Macht

Bei der Beschäftigung mit Foucault s Machtbegriff muß berücksichtigt werden, daß Macht von ihm nicht vordergründig negativ und repressiv verstanden wurde. „Macht ist nicht begriffen in der Alternative: Gewalt oder Ideologie“. Machtausübung bringt Wissen und Individuen als wissenschaftliche Objektbereiche und historische Figuren hervor. Diese bilden die positiven Wirkungen einer Macht, die sich eben nicht primär durch Polizei oder Propaganda äußert, denn sie „produziert `Reales`, bevor sie unterdrückt. Und sie produziert ebenfalls Wahrheiten, bevor sie ideologisiert, abstrahiert oder maskiert“. Die Beschreibung der positiven Produktivität und Notwendigkeit von Machtbeziehungen läßt die oben dargestellte Omnipräsenz von Macht und die daran gekoppelte Unmöglichkeit externen, Macht als solche überwindenden Widerstandes, in einem anderen Licht erscheinen. Macht muß dann nämlich nicht mehr überwunden werden, um positive Produkte wie Wahrheit oder Freiheit zu erreichen.

4. Strategien und Taktiken in Spiel und Krieg

Foucault versuchte, Macht in ihrer Allgegenwart und Produktivität plausibel zu machen, indem er sie als „eine bestimmte Form augenblickhafter und beständig wiederholter Zusammenstöße innerhalb einer bestimmten Anzahl von Individuen“ beschrieb. Macht funktioniert als Spiel oder Schlacht. Sie kann gewonnen oder verloren, aber nicht besessen werden. Machtbeziehungen sind kriegerische Verhältnisse und keine Aneignungsvorgänge. „Die Macht ist eine permanente Strategie, die man sich vor dem Hintergrund des Bürgerkrieges denken muß“. Macht läßt sich dann „vor allem in Kategorien wie Kampf, Konfrontation und Krieg analysier[en]“, die im Gegensatz zu „Kategorien wie Übertragung, Vertrag, Veräußerung oder [...] Erhaltung der Produktionsverhältnisse“ stehen. Unter Umkehrung der clausewitz´schen Formel erscheint Macht als allgemeiner Krieg, der in der Politik mit anderen Mitteln fortgesetzt würde. „Der Frieden wäre dann eine Art des Krieges und der Staat eine Form ihn zu führen“. Oder vielleicht besser: Krieg und Politik sind zwei verschiedene Strategien innerhalb von Machtverhältnissen, die jederzeit ineinander überschlagen können. Friedensschlüsse, Verträge und politische Organisation von Machtausübung beenden die Machtkämpfe nicht, denn „das Gesetz bedeutet nicht Befriedung“. „Unterhalb des Gesetzes wütet der Krieg in allen Machtmechanismen, selbst in den geregeltsten weiter“. Das Gesetz ist „der Krieg selbst“, es stellt eine mögliche Strategie dar. Jede Gesellschaft wird permanent von Schlachtlinien durchzogen und jeder ist darin „zwangsläufig immer jemandes Gegner“. Die konkreten Ausübungsmodalitäten von Macht wurden als Strategien oder Taktiken gefaßt, deren Entschlüsselung die Aufgabe einer Machtanalytik wäre. Unter Verwendung der an militärisches Vokabular angelehnten Begriffe Strategie und Taktik, aber auch Gewalt und politische Ziele, kann Macht unter Verzicht auf die Unterscheidung legitim und illegitim untersucht werden. Die Konzeption von Machtbeziehungen als Krieg, Konflikt und Widerstand impliziert in jedem Fall die Existenz einer Kampfstrategie, die darauf zielt, „in Situationen der Gegnerschaft – Krieg oder Spiel – [...] auf einen Gegner dergestalt einzuwirken, daß der Kampf für ihn unmöglich wird“. Strategie meint demnach entweder „die aufgewandte Rationalität zur Erreichung eines Ziels“ oder „die Weise, in der man versucht, die anderen in den Griff zu bekommen “ oder aber die Gesamtheit der Verfahren und „Mittel zur Erringung des Siegs “.[10]

5. Macht als Handlung zwischen freien Subjekte

Im Anschluß an die Kriegsmetapher „gibt [es] Macht nur als von den `einen` auf die `anderen` ausgeübte. Macht existiert nur in actu, auch wenn sie sich [...] auf permanente Strukturen stützt“. Machtbeziehungen werden als Handlungsbeziehungen gefaßt und „auf strategische Auseinandersetzungen in alltäglichen Handlungskonflikten zurückverfolg[t]“. Macht bezeichnet den Versuch, das Feld möglicher Handlungen eines Gegenübers zu strukturieren, d. h. seine gegenwärtigen oder zukünftigen Handlungen gemäß eigener Vorstellungen zu verändern. „Macht wird nur auf `freie Subjekte` ausgeübt“ und Freiheit bedeutet in diesem Zusammenhang eben gerade die Möglichkeit zu verschiedenen Reaktionen und die Chance, im Grenzfall entweichen zu können. Diese Grundidee impliziert eine Trennung von Machtverhältnissen und Sklaverei, in der keine Wahl zwischen verschiedenen Optionen mehr erfolgen kann. In jedem Falle hat das gegenüberstehende Subjekt eine Vielzahl von Reaktionsmöglichkeiten auf die Einwirkungsversuche anderer. Die verschiedenen Praktiken gehen nicht im Dualismus von Gehorsam und Widerstand auf, d. h., Subjekte nehmen nicht einfach mehr oder weniger passiv hin, sondern behalten ihre Interessen stets im Blick, wirken aktiv mit und nehmen zwangsläufig steuernd Einfluß auf die scheinbaren „Herren“.[11] Die Quintessenz der Machtverhältnisse besteht also darin, daß diese danach trachten, einen anderen Menschen dazu zu bringen, sich freiwillig unter Abwägung verschiedener, real möglicher Alternativen in meinem Sinne zu verhalten. Geschieht diese Handlungsbeeinflussung mit Erfolg, so ist diese Situation ungleich günstiger und effektiver als ein Gewaltakt, der mein Gegenüber zu der gleichen Handlung zwingt. Der Sklave liegt in Ketten und tut alles, was sein Herr von ihm fordert – jedoch nur solange die Ketten ihn zwingen. Ein freies Subjekt wird dagegen die von ihm freiwillig gewählte, dabei aber meinen Vorstellungen entsprechende Handlung oder Überzeugung auch dann beibehalten, wenn es keinem (körperlichen) Zwang unterliegt, denn es hält sein Vorgehen für richtig.

Um die dargestellte Konzeption von Macht als strategische Konfrontation (frei) handelnder Subjekte zu operationalisieren, führte Foucault den Begriff „Regierung“ ein, „die Gesamtheit der Institutionen und Praktiken [meint], mittels derer man die Menschen lenkt“, d. h. auf ihre Handlungsmöglichkeiten einzuwirken versucht. Dabei gilt es, Differenzierungen im sozialen Feld zu untersuchen. Individuelle Ziele müssen entschlüsselt und die zum Einsatz kommenden intrumentellen Modalitäten betrachtet werden. Darüber hinaus analysierte Foucault Formen der Institutionalisierung, Verfestigungen und Stabilisierungen von Machtverhältnissen und er beschäftigte sich mit unterschiedlichen Graden der Rationalisierung im Hinblick auf „Wirksamkeit der Instrumente“ und „Gewißheit der Ergebnisse“.[12]

6. Verfestigungen der Machtverhältnisse

Foucault betonte zwar mit seinem Konzept von Spiel und Krieg die Instabilität der Machtverhältnisse und rückte deren Dynamik in den Blick, sprach aber auch von Verfestigungen der Machtkämpfe. Die Kämpfe können sich demnach zu einflußreichen Strukturen gerinnen, Institutionen, soziale Systeme oder auch Staaten bilden. Dabei geht es u. a. darum, das Erstarren beweglicher und umkehrbarer Vorgänge zu Herrschaftsverhältnissen näher zu untersuchen. Was bedeuten nun „Herrschaft“ oder „Herrschaftsverhältnis“ bei Foucault ? Zunächst einmal „eine umfassende Machtstruktur, deren Verzweigungen und Konsequenzen bis in das feinste Gestränge der Gesellschaft reichen können, aber zugleich ist [Herrschaft] eine strategische Situation, die in einer historisch langwährenden Auseinandersetzung zustandegekommen und auf Dauer gestellt worden ist“. Im Gegensatz zu den flexiblen und multiplen Machtbeziehungen sind Herrschaftszustände nicht mehr einfach so umkehrbar, sondern sie bezeichnen „die feste Etablierung und Erstarrung ganz bestimmter Machtverhältnisse“. Soziale Herrschaftsordnungen entstehen nicht von einem zentralen Punkt aus, sondern bilden lediglich eine kontingente Verknüpfung unterschiedlicher Handlungserfolge. So entwickeln sich verfestigte Netze „ohne die zentralisierte Tätigkeit eines Staatsapparates“.[13]

[...]


[1] Foucault; Seitter, S. 29; Marti, S. 103; Brieler, Historizität, S. 428; Dreyfus; Rabinow, S. 184; ebd., S. 188; Kögler, S. 98; Cousins; Hussain, S. 225; ebd., S. 227. [In den Fußnoten werden alle Titel verkürzt zitiert, für die vollständigen Angaben siehe Literaturverzeichnis am Ende der Arbeit. Fußnoten werden i. d. R. am Ende eines Abschnitts gesetzt. Dort finden sich dann alle Nachweise in der Reihenfolge ihres Erscheinens gesammelt wieder. Hervorhebungen, soweit nicht anders vermerkt, im Original].

[2] Foucault, Dispositive, S. 73f.; ders., Wille, S. 102ff.

[3] Fink-Eitel, in: Kittler, S. 58; Cousins; Hussain, S. 238f.; ebd., S. 240f., vgl. Kammler, S. 139f. u. Honneth, S. 173; Fink-Eitel, S. 81; Foucault, Maschen, S. 23f.; Dreyfus; Rabinow, S. 129f. Detel, S. 41, vgl. Kammler, S. 140f.; Cousins; Hussain, S. 234.

[4] Ders.; Seitter, S. 34; Foucault, Dispositive, S. 126; ebd., S. 111; ders., Wille, S. 113; ders.; Seitter, S. 42; Deleuze, S. 42f., vgl. Schmid, S. 79.; Dreyfus; Rabinow, S. 186.

[5] Foucault, Mikrophysik, S. 114; Honneth, S. 173f.; Kammler, S. 142f.; Foucault, Mikrophysik, S. 115; ders., Maschen, S. 41f.; Cousins; Hussain, S. 244.

[6] Foucault, Vorlesungen, S. 38f., ders., Dispositive, S. 129f.; Deleuze, S. 40f., vgl. Foucault, Mikrophysik, S. 115f.; Kögler, S. 94f.; Foucault, Mikrophysik, S. 116f., vgl. Deleuze, S. 41f.

[7] systemtheoretisch gesprochen, könnte man evtl. formulieren, daß Macht immer auf Macht verweist und nicht auf Nichtmacht.

[8] Althoff; Leppelt, S. 50, vgl. Foucault, Wille, S. 114; ders., Dispositive, S. 210; Neuenhaus, S. 67f.; Foucault, Wille, S. 116ff., ders., Dispositive, S. 195f.; ders., Erfahrungstier, S. 97f.; ders.; Seitter, S. 40f.

[9] Breuer, S. 324; Kögler, S. 107; Wehler, S. 66; Brieler, Historizität, S. 339; Foucault, Erfahrungstier, S. 99.

[10] Foucault, Mikrophysik, S. 114f.; ders., Dispositive, S. 71f.; Cousins; Hussain, S. 245; Foucault, Dispositive, S. 40; ders., Wille, S.114f.; ders., Vorlesungen, S. 61; Deleuze, S. 45ff.; Neuenhaus, S. 50; Cousins; Hussain, S. 245f.; Foucault; Seitter, S. 44f.

[11] Ebd., S. 34f., vgl. Cousins; Hussain, S. 229: „There is nothing more to power relations beyond their exercise“!; Honneth, S. 179; Foucault; Seitter, S. 36, vgl. Schneck, S. 29; Foucault; Seitter, S. 37f.; Lüdtke, S. 49ff.

[12] Brieler, Geschichte, S. 273; Foucault; Seitter, S. 36ff.

[13] Neuenhaus, S. 54; Detel, S. 62; Neuenhaus, S. 66f.; Foucault; Seitter, S. 47; Schmid, S. 80; Honneth, S. 176ff.

Details

Seiten
35
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638157865
Dateigröße
655 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8962
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Historisches Seminar
Note
sehr gut
Schlagworte
Michel Foucault Disziplinarmacht Aspekte Analytik Macht Hauptseminar Fürsorgewesen Sozialpolitik Jahrhundert

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Titel: Michel Foucault und die Disziplinarmacht. Aspekte einer Analytik der Macht