Lade Inhalt...

Thomas Kuhn und die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Kritische Diskussion einer Theorie der Wissenschaftsentwicklung

Seminararbeit 2000 26 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Paradigma und Normale Wissenschaft
1. Protowissenschaft und wissenschaftliche Gemeinschaft
2. Paradigmabegriff
3. Normalwissenschaft

III. Anomalie und Krise

IV. Wissenschaftliche Revolution
1. Ursachen, Entstehung und charakteristische Merkmale
2. Auswahlkriterien und Inkommensurabilitätsthese
3. Zusammenfassung

V. Fortschritt und Wahrheit
1. Normalwissenschaftlicher und revolutionärer Fortschritt
2. Relativer Wahrheitsbegriff

VI. Kritische Diskussion
1. Kritik an Normalwissenschaft
2. Kritik an wissenschaftlichen Revolutionen
3. Weitere Einwände und Zusammenfassung

VII. Literatur

I. Einleitung

In dieser Hausarbeit steht Thomas S. Kuhns Essay „ Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen “ im Mittelpunkt, dessen Argumentationsgang dargelegt und anschließend kritisch diskutiert wird. Es soll aufgezeigt werden, daß Kuhns Konzeption hinsichtlich des Wesens der Wissenschaftsentwicklung und der Analyse konkreter Wissenschaftsmodelle innerhalb ihrer jeweiligen Geschichtlichkeit ein plausibles Erklärungsmodell bietet.

Zuerst soll aber kurz auf jene Konzeption der Wissenschaft eingegangen werden, von der sich Kuhn bewußt absetzt. Er kritisiert „das weit verbreitete Bild der Wissenschaftsentwicklung als linearer Wissensakkumulation“ durch die stetige Weiterentwicklung und Verbesserung vergangener Theorien. Kuhn kritisiert ein Konzept, daß in der Wissenschaft den Prozeß eines sich kontinuierlich entwickelnden, teleologischen Fortschritts verwirklicht sieht, demzufolge „man sich die Wissenschaft als eine Beschreibung, eine Erfassung der Wirklichkeit vor[stellt], die sich asymptotisch der vollen Wahrheit nähert“. Dabei existierte ein objektiver Wahrheitsbegriff zumindest als Abstraktum, dessen Erreichbarkeit zwar in Frage gestellt wurde, der aber als regulative Idee stets präsent war und angestrebt werden sollte. Daraus ergab sich, daß Popper beispielsweise Wissenschaft mit dem Bau eines Hauses verglich, dem der Forscher gemäß trial-error-Prinzip Stein um Stein hinzufügen sollte.* [1]

In der Auseinandersetzung mit dem kurz skizzierten Modell entwickelte Kuhn seine Vorstellungen von Wissenschaft und Wissenschaftsentwicklung, Wahrheit und Fortschritt, die sich anhand der Begriffe Paradigma, normale Wissenschaft, wissenschaftliche Revolution etc. umreißen lassen und im Folgenden dargestellt und diskutiert werden.

II. Paradigma und Normale Wissenschaft

1. Protowissenschaft und wissenschaftliche Gemeinschaft

Ein Zustand ohne forschungsleitende (wissenschaftliche) Weltanschauung, der durch den ständigen Wettbewerb verschiedener Schulen gekennzeichnet ist, von denen jede bestimmte methodisch-theoretische Konzepte liefert, aber keine in der Lage ist, die gesamte Arbeit eines begrenzten Fachgebiets zu leiten, wird als Protowissenschaft bezeichnet. Mangels eindeutiger Auswahl- und Bewertungskriterien erscheinen dabei „alle Tatsachen, die irgendwie zu der Entwicklung einer bestimmten Wissenschaft gehören könnten, gleichermaßen relevant zu sein“. Ohne besondere Kriterien, welche die Leitung der Suche übernehmen könnten, bleibt wissenschaftliche Arbeit auf das Anhäufen oberflächlicher, leicht zugänglicher Daten beschränkt. Die Wissenschaft ist als solche nicht klar definiert und besitzt keine eindeutig festgelegten Kriterien oder Prüfungen. Verschiedene Theoriekonzepte kämpfen um die Vorherrschaft. Der Sieger wird zum Paradigma, er muß dabei ein hinreichendes Maß an Problemlösungskompetenz mit sich bringen, zugleich neuartig und offen genug sein, um eine genügend große Gruppe von Wissenschaftlern von seiner Nützlichkeit und Ergiebigkeit zu überzeugen.[2]

Die jeweilige wissenschaftliche Gemeinschaft hat als Träger von Wissenschaft und Fortschritt eine zentrale Funktion. Wissenschaftliche Gemeinschaften sind Gruppen von Fachleuten eines Spezialgebietes, die „durch ihre Bindung an einen gemeinsamen Bestand kognitiver Elemente bestimmt“ sind und einen gemeinsamen Ausbildungsweg durchlaufen haben. Die Mitglieder einer solchen Gemeinschaft teilen einen bestimmten Kanon von Fachliteratur und gewinnen daraus ähnliche Erkenntnisse. Diese wissenschaftliche Sozialisation hat „eine relativ starke Kommunikation und Einheitlichkeit fachlicher Urteile“ zur Folge, „die Mitglieder der Gruppe verfolgen gemeinsame Ziele“. Wissenschaftliche Gemeinschaften übernehmen im Regelfall die vollständige Verantwortung für „ihr“ Fachgebiet. Die sogenannte „community of scholars“ ist allein in der Lage, Theorien und Methoden abzulehnen oder anzuerkennen. Nur sie besitzt eine entsprechende Machtbasis. Der Erfolg eines Wissenschaftlers „wird durch die Anerkennung der Mitglieder seiner professionellen Gruppe belohnt, und nur die Anerkennung dieser Gruppe kommt für ihn in Frage [...] und die Bejahung durch Leute außerhalb der Spezialistengruppe hat für ihn nur einen negativen Wert oder überhaupt gar keinen“.[3]

Die Abhängigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis von funktionierenden Wissenschaftlergemeinschaften bedeutet, daß Wissenschaft insgesamt als soziales Unternehmen aufzufassen ist. Die einzelnen Individuen, aus denen letztendlich jede `community of scholars` besteht, sind fest in sozialen Prozessen eingebunden und können nur durch ihre gesellschaftlich bedingte Sprache und Wahrnehmung die `Wirklichkeit` strukturieren. Das führt dazu, daß Kuhn „mit dem Zusammenhang von Theorie, Sprache und Realität und dem Hinweis auf die Rolle wissenschaftlicher Gemeinschaften [...] zu einer dialektischen Erkenntnistheorie“ ansetzt.[4]

2. Der Paradigmabegriff

Nach Kuhn meint der Begriff Paradigma entweder „Konstellationen von Gruppenpositionen“ („disziplinäres System“) oder „gemeinsame Beispiele“. Ein disziplinäres System ist ein komplexes Netzwerk verschiedener Komponenten mit einer gemeinsamen Funktion. Paradigmen beinhalten „alles das, was gemeinsamer Besitz der Fachleute einer bestimmten Disziplin ist, also neben Theorien und Methoden auch ein bestimmtes Begriffssystem, Werte, vorwissenschaftliche Annahmen und Überzeugungen; [...] soziale Beziehungen [...] und individuelle psychisch-kognitive Faktoren“. Eine solche Matrix setzt sich nach Kuhn aus vier Bestandteilen zusammen. Als erstes nennt er symbolische Verallgemeinerungen, die eher dem formal-logischen Bereich zuzurechnen sind und aus Formeln, Gesetzen und Definitionen bestehen, die nahezu allgemein gültig sind und eine notwendige kommunikative Grundlage für die Wissenschaft darstellen. Symbolische Verallgemeinerungen machen einen fundamentalen Bestandteil des wissenschaftlichen Begriffssystems aus.[5]

Der zweite Bestandteil der disziplinären Matrix, die sogenannten Modelle, werden als metaphysische Paradigmen beziehungsweise als metaphysische Teile eines Paradigmas bezeichnet. Als Modelle gelten die Bindungen einer wissenschaftlichen Gemeinschaft an bestimmte Auffassungen, das Vertrauen in eine „Reihe von Glaubenssätzen“, einen „Maßstab“, ein „Organisationsprinzip, das selbst die Wahrnehmung beeinflußt“ und „etwas, was ein weites Gebiet der Realität determiniert“. Symbolische Verallgemeinerungen und Modelle bilden im groben die theoretische Komponente eines Paradigmas.[6]

Ein weiteres Kernstück eines Paradigmas stellt jener umfangreiche Wertekomplex dar, der von Gerhard Schurz als methodologische Komponente bezeichnet wurde und methodische, epistemologische und normative Elemente vereint. Gemeinsame Werte (z. B. Einfachheit, Widerspruchsfreiheit) stärken nicht nur das Gemeinschaftsgefühl innerhalb einer Fachwissenschaft, sondern bieten darüber hinaus noch nahezu die einzigen Kriterien, mit denen sich Wissenschaft überhaupt definieren läßt. Mehr als alle anderen Elemente eines Paradigmas hängt die Anwendung und Deutung dieser konkreten Werte von persönlichen Faktoren und subjektiven Interpretationen ab. Die individuellen, subjektiven, metaphysischen, also vor- beziehungsweise außerwissenschaftlichen Elemente werden jedoch stark durch die Rolle der Gruppe bestimmt, in der sie und ihre zulässigen Interpretationen diskutiert werden. Werte bilden den soziologischen Teil eines Paradigmas.[7]

Musterbeispielen, die als konkrete Problemlösungen die Feinstruktur des jeweiligen Paradigmas bilden und den gesamten empirischen Gehalt bestimmter Theorien, Gesetze und Hypothesen ausmachen, kommt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Wissenschaften zu.[8]

Ein Paradigma ist eine gemeinsame Forschungsgrundlage, die dazu dient, Probleme zu definieren, Regeln und Methoden bezüglich der Lösungsstrategien festzulegen und Inhalt und Gültigkeit bestimmter Forschungsnormen zu bestimmen. Stephen Toulmin, der in Kuhns Paradigma ein „begriffliches Schema“ zu erkennen glaubt, betont, daß dessen „intellektuelle Funktion“ darin besteht, daß es „die Muster der Theorie, die sinnvollen Fragen, die berechtigten Interpretationen etc. determiniert, innerhalb deren die theoretische Spekulation unterwegs ist“. Paradigmen schränken den Bereich aller möglichen wissenschaftlichen Beobachtungen notwendigerweise ein, indem sie vorgeben, welche Aspekte der Natur beobachtet werden sollen, welche Fakten interessant sind und welche nicht.[9]

3. Die Normalwissenschaft

Paradigmageleitete Wissenschaft wird von Kuhn als Normalwissenschaft bezeichnet. Sie ist hauptsächlich damit beschäftigt, die vom Paradigma gemachte „Verheißung von Erfolg“ zu verwirklichen. Normalwissenschaft erscheint als Versuch, die Natur in eine Schublade zu pressen, die das Paradigma vorgibt. Der Wissenschaftler arbeitet dabei an „drei Klassen von Problemen – Bestimmung bedeutender Tatsachen, gegenseitige Anpassung von Fakten und Theorie, Artikulation der Theorie – [... die] die gesamte Literatur der normalen Wissenschaft aus[machen]“. Um Natur und Paradigma in Einklang zu bringen, verfügt der Wissenschaftler in zweierlei Hinsicht über „seine“ Theorie. Wolfgang Stegmüller charakterisiert diese normalwissenschaftliche Tätigkeit als Hinzufügen und Verändern bestimmter Theorieerweiterungen, Hypothesen und Spezialgesetze, an einen Strukturkern, der sich in der Regel nicht ändert. Die flexiblen, sich nahezu in ständiger Bewegung befindlichen Kernerweiterungen dienen als Möglichkeit, die Arbeit und Leistungsfähigkeit zu verbessern und dem oben genannten Ziel näher zu kommen.[10]

Alltägliche Forschungsprobleme beschreibt Kuhn als Rätsel, deren Existenz vom Paradigma garantiert wird. Gleichzeitig werden verbindliche Regeln, Methoden und die zu erwartenden Lösungen oder zumindest deren Bandbreite mitgeliefert. Die Existenz einer Lösung kann in jedem Fall als sicher angenommen werden. In der normalen Wissenschaft steht die wissenschaftliche Gemeinschaft „zwar vor ungelösten Problemen [...], die sich im Rahmen des fraglichen Paradigmas [...] klar formulieren lassen, hat aber die Gewißheit, diese Probleme einer Lösung zuführen zu können, ohne jenen Rahmen zu sprengen“. Diese Art der wissenschaftlichen Arbeit schließt ein, daß die Forscher „sowenig bestrebt sind, bedeutende [unerwartete, TL] Neuheiten hervorzubringen“. Dabei „kommen zwar häufig Überprüfungen in der Normalwissenschaft vor, aber diese sind von einer besonderen Art; denn es ist letzten Endes der individuelle Wissenschaftler und nicht die gängige Theorie, die überprüft wird“. Überprüft wird nicht der Theoriekern, der erst das Fachgebiet definiert, sondern die variablen Kernerweiterungen, also die Handhabung der Theorie durch den einzelnen Wissenschaftler. Auf dem Prüfstand steht die intellektuelle Kapazität des Wissenschaftlers, der für erfolglose Hypothesen verantwortlich ist.[11]

Es soll an dieser Stelle bei der oben gegebenen Beschreibung belassen werden. Die Folgen und Ergebnisse jeder wissenschaftlichen Tätigkeit, die durchaus als Fortschritt bezeichnet werden können sollen im fünften Teil gesondert behandelt werden. Dies gilt sowohl für die bereits dargestellte Normalwissenschaft, als auch für die noch zu konkretisierende Wissenschaft in außerordentlichen Perioden.

[...]


* In der Regel werden die Anmerkungen am jeweiligen Absatzende plaziert und beinhalten die Nachweise für alle Zitate etc. in der Reihenfolge ihres Erscheinens.

[1] Schmidt, Wolfgang: Struktur, Bedingungen und Funktionen von Paradigmen und Paradigmen-wechsel – Eine wissenschafts-historisch-systematische Untersuchung der Theorie T. S. Kuhns am Beispiel der Empirischen Psychologie, Frankfurt/M./Bern 1981, S. 9; Hübner, Kurt: Thomas S. Kuhn – The Structure of Scientific Revolutions, in: Philosophische Rundschau, 1968, S. 187; Popper, Karl: Die Normalwissenschaft und ihre Gefahren, in: Lakatos; Musgrave, S. 51.

[2] Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 2., revidierte und um das Postskriptum von 1969 ergänzte Auflage, Frankfurt/M. 1997, S. 30ff.; Barber, Bernard: The Structure of Scientific Revolutions. by Thomas S. Kuhn, in: American Sociological Review, Bd. 28, Heft 1, 1963.

[3] Seiler, Signe: Wissenschaftstheorie in der Ethnologie – zur Kritik und Weiterführung der Theorie von Thomas S. Kuhn anhand ethnographischen Materials, Berlin 1980, S. 36, Kuhn, Thomas S.: Logik der Forschung oder Psychologie der wissenschaftlichen Arbeit ?, in: Lakatos; Musgrave, S. 22.

[4] Seiler, S. 56; Barnes, Barry: T. S. Kuhn and Social Science, London/Basingstoke 1982, S. 90: Wissenschaftliche Entscheidungen werden „in conjunction with the rest of society“ getroffen und die Grenzziezung einer Disziplin ist „a convention, generated by social processes“.

[5] Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, S. 193ff., 199ff .; Seiler, S. 4.

[6] Masterman, Margaret: Die Natur eines Paradigmas, in: Lakatos; Musgrave, S. 65, vgl. dazu: Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, S. 195ff.

[7] Schurz, Gerhard; Weingärtner, Paul: Koexistenz rivalisierender Paradigmen – Eine post-kuhnsche Bestandsaufnahme zur Struktur gegenwärtiger Wissenschaft, Opladen/Wiesbaden 1998, S. 10f.; Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, S. 196f.; Seiler, S. 39f.

[8] Ders., S. 9f.

[9] Toulmin, Stephen: Ist die Unterscheidung zwischen Normalwissenschaft und revolutionärer Wissenschaft stichhaltig ?, in: Lakatos; Musgrave, S. 40.; Kim, Bo-Hyun: Kritik des Strukturalismus – Eine Auseinandersetzung mit dem Strukturalismus vom Standpunkt der falsifikationistischen Wissenschaftstheorie, Amsterdam 1991, S. 36.

[10] Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, S. 38, 47, 39ff.; Stegmüller, Wolfgang: Theoriedynamik und logisches Verständnis, in: Diederich, Werner (Hg.):Theorien der Wissenschaftsgeschichte – Beiträge zur diachronischen Wissenschaftstheorie, Frankfurt/M. 1974, S. 183.

[11] Geymonat, Ludovico: Das Problem der wissenschaftlichen Revolution in der Theorie Thomas Kuhns, in: Bayertz, Kurt (Hg.): Wissenschaftsgeschichte und wissenschaftliche Revolution, o. O. 1981, S. 161; Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, S. 49;ders., Logik der Forschung oder Psychologie der wissenschaftlichen Arbeit ?, S. 5.

Details

Seiten
26
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638157841
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8958
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Institut für Politikwissenschaft
Note
sehr gut
Schlagworte
Thomas Kuhn Struktur Revolutionen Kritische Diskussion Theorie Wissenschaftsentwicklung Seminar Einführung Wissenschaftstheorien Sozialwissenschaften

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Thomas Kuhn und die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Kritische Diskussion einer Theorie der Wissenschaftsentwicklung