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Zu: Emile Zola - La Bête Humaine

Hausarbeit 2008 18 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Zola – Sein schriftstellerischer Werdegang
2.1 Der Naturalismus in der Literatur
2.2 Die Milieutheorie
2.3 Darwin'sche Vererbungslehre

3 La Bête Humaine
3.1 Inhaltsanalyse
3.2 Jacques Lantier – Charakterisierung
3.3 Textstellenanalyse zur ererbten Krankheit von Jacques Lantier

4 Schlussbetrachtung

5 Bibliographie

1 Einleitung

Der französische Schriftsteller Emile Zola (1840 - 1902), Hauptvertreter des naturalistischen Romans, lebte in einer Zeit, in der die geistige und politische Situation in Europa durch einen ungebrochenen Glauben an den Fortschritt und die Naturwissenschaft geprägt war. Die ‚Wirklichkeit’ trat in den Mittelpunkt von Philosophie, Politik, Ökonomie, Literatur und Kunst. Allgemeine ethische Werte traten zugunsten der Anerkennung und Beobachtung der realen Gegebenheiten zurück. Ausgehend von dieser Grundlage entwickelte sich der Positivismus, der jegliche metaphysischen Überlegungen ablehnte. Außerdem beherrschten zwei Grundideen die Politik im 19. Jahrhundert: der Konservatismus und der Liberalismus. Für weite Teile der Unterschicht - Arbeiterschaft, Kleinbürger und Heimarbeiter - waren die Wohn- und Lebensverhältnisse von äußerster Armut geprägt. Dem entsprechend waren auch die hygienischen Verhältnisse miserabel. Tuberkulose war eine weit verbreitete Krankheit bei der arbeitenden Bevölkerung. Von der Unterschicht und dem Proletariat hob sich das Leben des gut gestellten Bürgertums deutlich ab. Aus dieser Zeit heraus entwickelte sich der literarische Naturalismus, der die widersprüchlichen Lebensverhältnisse wirklichkeitsgetreu beschrieb.

Nach dieser kurzen Erläuterung der historischen Hintergründe wird sich die vorliegende Seminararbeit im Folgenden zunächst mit Zola und seinem Leben beschäftigen. Darauf aufbauend soll Zolas Roman, La Bête Humaine, der 17. Band aus dem Rougon-Macquart Zyklus, behandelt werden. La Bête Humaine gehört mit zu den berühmtesten Romanen Zolas und handelt von der Geschichte einer qualvollen Liebe im Leben des Lokomotivführers Jacques Lantier, der unter einer vererbten psychischen Krankheit leidet. Ziel der Arbeit ist es, das Verhalten des Protagonisten gegenüber seinen Mitmenschen als Ausdruck seiner psychischen Erkrankung zu analysieren. Die Analyse erfolgt aus dem zeitgenössischen Kontext heraus, der durch die Industrialisierung und die menschenunwürdigen und von Unterdrückung geprägten Lebensumstände der Arbeiterklasse im industrialisierten Europa des 19. Jahrhunderts geprägt war. Um den sozialkritischen Hintergrund zu verstehen, wird zunächst auf den Naturalismus in der Literatur eingegangen, zu dessen Hauptvertreter Zola gehört. Die Milieutheorie von Taines sowie die Vererbungslehre von Darwin sind eng verbunden mit dem Naturalismus. Sie dienen als theoretische Grundlage und geben Aufschluss über die Ursachen der Krankheit des Protagonisten.

Die Arbeit schließt damit ab, die Verbindung zwischen den oben genannten Theorien und dem von Zola beschriebenen Verhalten Jacques Lantiers herzustellen sowie die Frage zu klären, woher seine Krankheit rührt und was Zola mit der Schilderung der Krankheit Lantiers erreichen wollte.

2 Zola – Sein schriftstellerischer Werdegang

Zola wurde 1840 als Sohn eines eingebürgerten italienischen Ingenieurs in Paris geboren, seine Kindheit verbrachte er seit 1843 in Aix-en-Provence. 1847 geriet die Familie durch den Tod des Vaters in Armut. 1858 kehrte Zola nach Paris zurück, fiel durch das Baccalauréat, fand darauf Arbeit als Schreiber beim Hafenzoll, arbeitete als freier Journalist und später im Verlagshaus Hachette, das er nach dem Erfolg seiner ersten beiden Bücher wieder verließ. Zola war mit dem späteren impressionistischen Maler Paul Cézanne befreundet und hatte in seiner Paris Zeit auch Kontakt zu anderen Künstlern. (Vgl. Daus 1976: 25f). Sein erster größerer Roman, Thérèse Raquin, erschien 1867 (Vgl. Hamon 1994: 20). Er erzählt darin eine spannende Handlung von einer zur Ehebrecherin und Mörderin werdende Titelheldin mit einer ungeschönten Schilderung des Pariser Kleinbürgertums.

Zolas Romane schildern mit außergewöhnlicher Klarheit die Zustände der Gesellschaft. Das Verhalten seiner Protagonisten wird nicht durch Willkür oder Mysterium bestimmt, sondern als Folge bestimmter Grundvoraussetzungen dargestellt: So hasst beispielsweise Thérèse Raquin ihren Mann nicht zufällig oder aufgrund einer freien Entscheidung, sondern weil ihr Charakter neurotisch, heiß, unbefriedigt – mit dem ihres extrem ruhigen und passiven Gatten unvereinbar ist (Vgl. Daus 1976: 38).

1871 begann Zola dann eine Serie von 20 Romanen, Les Rougon-Macquart. Histoire naturelle et sociale d'une famille sous le Second Empire, zu schreiben, die er 1893 vollendete (Vgl. Hamon 1994: 17). Dieser Zyklus ist eine Art positivistisch begründete Familiengeschichte, wobei die einzelnen durch Verwandtschaft miteinander verbundenen Figuren determiniert sind durch ihre Erbanlagen (z.B. den Hang zum Alkoholismus), durch ihr Milieu (Bourgeoisie oder Unterschicht) und durch die historischen Umstände, die sozio-ökonomischen Verhältnisse des Zweiten Kaiserreichs. (Vgl. Beci 2002: 95 f). Er schildert darin das Schicksal zweier Familien – eine davon angesehen, die andere verrufen.

Der Vollständigkeit halber soll erwähnt werden, dass Zola besonderen Ruhm erlangte, als er 1898 in einer Zeitung unter dem Titel J’accuse einen offenen Brief an den Staatspräsidenten veröffentlichte, in dem er die Regierung des Antisemitismus anklagte, weil sie den jüdischen Armeeoffizier Dreyfus widerrechtlich ins Gefängnis brachte. Zola wurde daraufhin strafrechtlich verfolgt, konnte aber nach London fliehen und kehrte ein Jahr später nach Frankreich zurück, nachdem ihm während der Dritten Französischen Republik von der amtierenden Regierung 1898 die Amnestie gewährt worden war (Vgl. Daus 1976: 28). Er starb im Herbst 1902 in seiner Pariser Wohnung.

2.1 Der Naturalismus in der Literatur

Grundlage der naturalistischen Bewegung waren vor allem die positivistische Philosophie Auguste Comtes und neue naturwissenschaftliche Theorien (die Vererbungslehre nach Charles Darwin und Prosper Lucas, die Milieutheorie Hippolyte Taines und die Experimentalmedizin Claude Bernards) (Vgl. Becker 1993: 406). Der Mensch, so lassen sich diese Theorien zunächst verkürzt zusammenfassen, könne den Vorbestimmungen durch seine ererbte und soziale Herkunft nicht entgehen.

Emile Zola ist Hauptvertreter des literarischen Naturalismus. Er verfolgte das Ziel, die naturwissenschaftlichen Methoden und Erkenntnisse in der Literatur fruchtbar zu machen. Darin unterscheidet sich der literarische Naturalismus vom Realismus. Die Wirklichkeit wird exakt abgebildet, ohne jegliche Ausschmückungen oder subjektive Ansichten. Der Naturalismus kommt durch exakte Beobachtung, Genauigkeit, strenge Objektivität und Streben nach der ungeschönten Wahrheit zum Ausdruck (Vgl. Daus 1976: 6). Alles Übernatürliche und Unerklärbare wird abgelehnt, Spekulationen werden verneint. Man stellt gerade das Hässliche, Böse, Krankhafte und Geschmacklose dar (Vgl. Beci 2002: 169). In seiner Schrift Le roman expérimental (1880) orientierte Emile Zola den literarischen Naturalismus an der experimentellen Medizin. Ebenso entwickelte er „dokumentarische“ Erzählformen wie den Sekundenstil, eine Technik, deren Ziel die Deckungsgleichheit von Erzählzeit und erzählter Zeit ist. Die kleinsten Bewegungen, Geräusche und optische Eindrücke werden sekundenweise registriert, jedes noch so banales Detail wird geradezu protokollarische festgehalten, um die Handlung, die Figuren und auch die Raumbeschreibungen so realistisch wie möglich darzustellen.

Für die Figuren in Zolas Romanen gibt es trotz ihrer heroischen Anstrengungen kein Entrinnen aus ihrem sozialen Milieu und ihrer erblichen Veranlagung. Dies gilt auch für den Protagonisten in La Bête Humaine, Jacques Lantier, worauf später ausführlich eingegangen wird. Zola postuliert die Determination eines jeden menschlichen Vorgangs (Vgl. Daus 1976: 38). Realitätsversessen und drastisch schildert er die Schattenseiten des bürgerlichen Lebens mit Kriminalität, Prostitution, Erbkrankheiten und Elend des Industrieproletariats, des Kleinbürgertums und der aus der Gesellschaft Ausgestoßenen.

Er schöpfte dabei aus seinen angeeigneten Erkenntnissen aus der Sozialgeschichte und aus wissenschaftlichen Beobachtungen der Arbeits- und Lebensbedingungen in den Industriegebieten (Vgl. Becker, 1993: 290). Als einer der ersten Autoren recherchiert Zola fast journalistisch vor Ort: in den Kohlerevieren und in Lourdes, in den Bordellen und an der Börse, auf der Lok und im Kaufhaus. Er war sich sicher, dass der Mensch durch bestimmte Faktoren determiniert ist und dass sein Verhalten aufgrund seiner gesellschaftlichen Umgebung, in der er lebt, adaptiert ist (Vgl. Hamann/Hermand 1972: 216).

In diesem Zusammenhang stützte Zola seine Sichtweise des Naturalismus auf drei Säulen: Er bezog sich auf die bereits erwähnte Milieutheorie Taines (siehe Kapitel 2.2), nach der der Mensch nicht nur lokal geprägt wird (Klima, etc.), sondern vor allem auch sozial. Somit ist das Individuum dem historischen Wandel unterworfen, was sein Denken und Handeln betrifft. Die zweite Säule, die Darwin’sche Vererbungslehre (siehe Kapitel 2.3), war ein weiterer Aspekt seiner literarischen Ästhetik. Hier griff er das Prinzip der Election (ein Merkmal setzt sich durch), der Mélange (Merkmale treten gemeinsam auf) und der Combinaison (durch Mischung der Merkmale entsteht ein neues Merkmal) bei der Vererbung auf. Die Experimentelle Methode als dritte Säule wurde von den theoretischen Ausführungen des Mediziners Claude Bernard inspiriert, der der Medizin erstmals den Vorschlag machte, ihre Erkenntnisse auf experimentellem Wege zu gewinnen. Hiernach sammelt der Autor empirische Fakten, bettet diese in neue Kontexte ein und beobachtet die entstehenden kausalen Ereignisketten.

Nachfolgend sollen die Milieutheorie Taines und ergänzend dazu die Darwin’sche Vererbungslehre veranschaulicht werden, die für die Interpretation der Krankheitssymptome des Protagonisten Jacques Lantiers eine wichtige theoretische Erklärungsgrundlage bieten.

2.2 Die Milieutheorie

Die Milieutheorie des französischen Geschichtsphilosophen Hippolyte Taine sieht den Menschen als abhängig von der Umwelt, in der er sich bewegt. Die Grundannahme der Milieutheorie lautet, dass die Entwicklung und die Eigenart, insbesondere Intelligenz und Charakter, Fähigkeiten, Orientierungen und Handlungsdispositionen der Individuen, durch deren soziale Umwelt determiniert sind, also gerade nicht durch die genetische Anlage oder durch die Freiheit der willentlichen Entscheidung. Das Leben und die Handlungen des Einzelnen sind vom Milieu bestimmt, wobei Milieu die Gesamtheit der natürlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten, die auf ein Lebewesen oder eine soziale Gruppe einwirken, bezeichnet. Der Mensch wird als Produkt des Kräftespiels von Rasse, Vererbung, geschichtlicher Lage und Umwelt betrachtet. Besonders das Milieu, in das der Mensch hineingeboren wird, bestimmt die Entfaltung seiner ererbten Anlagen.

Taines betrachtete das Kausalitätsprinzip auch bei den Untersuchungen sozialer Phänomene und Zola versuchte, dies praktisch im Bereich der Literaturgeschichte anzuwenden. Taines behauptet in seiner Histoire de la littérature anglaise 1869, dass er jedes Individuum vollständig durch die Beschreibung dreier Faktoren erklären könne: Die Rasse, das Milieu und die Situation (Vgl. Daus 1976: 39).

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Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638029001
ISBN (Buch)
9783640385584
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89443
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
2,0
Schlagworte
Emile Zola Bête Humaine

Autor

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