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Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz

Bewältigungsanforderungen und Interventionsansätze im Hinblick auf unterstützende Faktoren und Risiken

Diplomarbeit 2007 86 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz – ein wachsendes Thema?
2.1 Begriffsbestimmungen und Eingrenzung
2.2 Statistische Kenntnisse und Aussagen zur Häufigkeit
2.3 Soziodemografische Daten

3 Theoretische Positionen und Forschungsansätze – Eine Literaturrecherche zur Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz
3.1 Suchterme und Suchläufe in der Datenbank Psyndex
3.2 Quantitative und qualitative Auswertung
3.2.1 Anzahl der Publikationen
3.2.2 Empirische Arbeiten
3.2.3 Theoretische Arbeiten

4 Hintergründe von Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz
4.2 Sexuelles Risikoverhalten und Kontrazeption
4.3 Psychologische Erklärungsansätze
4.3.1 Psychodynamische Aspekte
4.3.2 Bindungstheoretische Aspekte
4.4 Sozialisationstheoretische Betrachtungen

5 Bewältigungsanforderungen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz
5.1. Frühe Schwangerschaften und adoleszente Entwicklung
5.2. Frühe Schwangerschaft als nicht-normatives kritisches Lebensereignis
5.3. Spezifische Bewältigungsanforderungen bei früher Schwangerschaft und Mutterschaft
5.3.1 Körperliche Aspekte früher Schwangerschaften
5.3.2 Psychosoziale Aspekte früher Schwangerschaft und Mutterschaft

6 Bewältigung der Situation adoleszenter Schwangerschaft und Mutterschaft und Schlussfolgerungen für den Unterstützungsbedarf
6.1 Risiken früher Schwangerschaften und früher Mutterschaft
6.2 Die Bewältigung früher Schwangerschaft und Mutterschaft
6.2.1 Umgang der Mädchen mit einer frühen Schwangerschaft
6.2.2 Das Leben als junge Mutter
6.2.3 Unterstützende Faktoren im Hinblick auf die Bewältigung
6.3 Unterstützungsbedarf

7 Interventionsansätze im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz
7.1 Rechtliche Grundlagen und Ansprüche
7.2 Interventionsansätze
7.2.1 Beratung und Begleitung
7.2.2 Mutter-Kind-Einrichtungen
7.2.3 Interventionsansätze zur schulischen und beruflichen (Aus)Bildung
7.3 Kritische Einschätzung der Interventionsansätze

8 Zusammenfassung und Ausblick

Literatur

1. Einleitung

„Ich schaffe das, nie!“ (Süddeutsche Zeitung, 20.11.2006)

lautet die Schlagzeile einer aktuellen Tageszeitung. In dem Artikel geht es um sehr junge Mütter, die in einem Interview über ihre Reaktionen auf die Schwangerschaft, über den Alltag mit dem Kind, die Beziehungen zu den Eltern und zu den Vätern der Kinder und über ihre Erfahrungen mit Gleichaltrigen berichten. Die Mitteilung schwanger zu sein, habe eines der interviewten Mädchen wie „ein(en) Schlag ins Gesicht“ empfunden. Sie sei „auf dem Höhepunkt ihres Lebens“, „(ihrer) Jugend“ gewesen. Tatsächlich beschreiben die jungen Frauen die nervenaufreibenden alltäglichen Schwierigkeiten, das nicht mehr „flexibel-sein“, die Distanz zu früheren Freunden und Bekannten und das „sich-steinalt-fühlen“. Trotz der vielfältigen Schwierigkeiten berichten die Mädchen aber auch von für sie schönen Seiten des Mutterseins: „Das ich jetzt schon weiß, dass mein Leben nicht ganz umsonst gewesen sein wird. Und das ich die Entscheidung jetzt nicht mehr treffen muss, wann ich ein Kind kriege.“

Das Thema der vorliegenden Diplomarbeit entwickelte sich aus einem allgemeinen Studieninteresse für das sozialpädagogische Handlungsfeld der Mädchenarbeit. Im Zuge einer ersten Beschäftigung mit dem Thema kristallisierte sich ein besonderes Interesse für die Zielgruppe der jugendlichen Schwangeren und jungen Mütter heraus. Aufgrund meiner Situation als Mutter zweier Kinder habe ich mich zudem persönlich motiviert mit der Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auseinandergesetzt. Angesichts meiner persönlichen Eindrücke und der öffentlichen Diskussion hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die auch für erwachsene Frauen in Bezug auf die Familienplanung große Herausforderungen mit sich bringt, stellt sich die Frage, wie junge Mädchen und Frauen in der Phase der Adoleszenz mit einer Schwangerschaft bzw. mit der Situation nun Mutter zu sein umgehen können. Die Bewältigungsanforderungen am Übergang zur Elternschaft und die Entwicklungsaufgaben in der Phase der Adoleszenz fallen zusammen, gleichsam verdoppelt sich die ohnehin schwierige und konfliktreiche Adoleszenzthematik. Zudem prägen gesellschaftliche Faktoren wie z.B. der verstärkte Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt die objektiven Lebensmöglichkeiten und auch die subjektiven Lebensplanungen jugendlicher Mädchen und junger Frauen.

Der Zeitungsartikel gibt einige Denkanstöße in Bezug auf die vielfältigen Schwierigkeiten, mit denen sehr junge Mütter zu kämpfen haben. Den Aussagen der jungen Mütter ist jedoch auch zu entnehmen, das sie trotz dieser Belastungen durchaus auch positive Deutungen ihrer Situation vornehmen.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll aufzeigen, wie adoleszente Schwangere und Mütter in der Bewältigung ihrer aktuellen Lebenssituation unterstützt werden können. Dabei begleiten folgende Fragen die Auseinandersetzung:

- Welche spezifischen Bewältigungsanforderungen bestehen im Zusammenhang mit früher Schwangerschaft und Mutterschaft?
- Wie gehen die jungen Frauen mit der Situation um?
- Welche körperlichen und psychosozialen Risiken ergeben sich aus der frühen Schwangerschaft und Mutterschaft?
- Welche unterstützenden Faktoren gibt es?
- Welchen Unterstützungsbedarf gibt es bei der untersuchten Zielgruppe?
- Wie gestalten sich bedarfsgerechte Interventionen?

Im ersten Abschnitt erfolgt zunächst eine inhaltliche und formale Eingrenzung auf die Personengruppe, die Gegenstand der Betrachtungen im Rahmen dieser Diplomarbeit ist.

Anhand statistischer Angaben und soziodemografischer Daten, die zugleich die Relevanz des Themas verdeutlichen, sollen weitere spezifische Charakteristika der Personengruppe beschrieben werden.

Anschließend wird ein Überblick zum Umfang wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem Thema gegeben. Theoretische Positionen und bisherige Forschungsansätze zum Thema Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz werden in einem Review zur Literatur im deutschsprachigen Raum dargestellt.

Auf Grundlage der recherchierten Literatur werden im darauffolgenden Abschnitt die unterschiedlichen Erklärungsansätze zur Entstehung ungeplanter Schwangerschaften in der Adoleszenz aufgezeigt.

Im anschließenden Kapitel werden die spezifischen Bewältigungsanforderungen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Mutterschaft herausgearbeitet. Neben körperlichen Aspekten finden dabei psychosoziale Aspekte Berücksichtigung.

Die Bewältigung der Anforderungen im Zusammenhang mit früher Schwangerschaft und Mutterschaft ist Inhalt des nächsten Kapitels. Ausgehend von den Risiken früher Schwangerschaft und Mutterschaft, die in der vorliegenden Literatur diskutiert werden, soll auch die subjektive Perspektive der jungen Mädchen anhand der aktuellen Forschungsergebnisse in den Blick genommen werden. Auf Grundlage der Ergebnisse und anschließender eigener Reflexionen wird im Anschluss daran der Unterstützungsbedarf der betroffenen Mädchen erarbeitet.

Im darauf folgenden Kapitel werden verschiedene Interventionsansätze anhand vorliegender wissenschaftlicher Publikationen dargestellt und hinsichtlich des Unterstützungsbedarfs bewertet.

Im abschließenden Kapitel sollen die Ergebnisse der Diplomarbeit noch einmal zusammengefasst und in einen gesellschafts- bzw. sozialpolitischen Rahmen eingebettet betrachtet werden.

2 Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz – ein wachsendes Thema?

2.1 Begriffsbestimmungen und Eingrenzung

In der Literatur zu jugendlichen Schwangeren und Müttern und im institutionellen Kontext werden unterschiedliche Bezeichnungen auf die Personengruppe angewendet. Es ist unter anderem von schwangeren Teenagern oder Teenie-Müttern, von minderjährigen, jugendlichen, jungen oder adoleszenten Schwangeren und Müttern die Rede.

In empirischen Untersuchungen und auch in institutionellen Zusammenhängen findet eine Eingrenzung der Zielgruppe zumeist nach dem Alter und nach psychosozialen Bestimmungsmerkmalen statt. Auch aufgrund rechtlicher Grundlagen kann eine Eingrenzung erfolgen, vor allem in Bezug auf minderjährige Eltern (Amtsvormundschaft) oder hinsichtlich bestehender sozialrechtlicher Ansprüche (KJHG).

Die vorliegende Diplomarbeit stellt eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz dar. Die Fokussierung auf eine bestimmte Zielgruppe orientiert sich daher an den Definitionsmerkmalen des Begriffes „Adoleszenz“. Adoleszenz ist die Phase der Anpassung an die körperlichen Veränderungen der Pubertät, deren zentrale psychosoziale Aufgabe darin besteht, eine eigene soziale Identität zu entwickeln. Es geht also um Mädchen und junge Frauen, die in einer Phase schwanger werden, in der sich Individuationsprozesse noch nicht hinreichend stabilisiert haben. Zeitlich gesehen wird als Adoleszenz die Phase zwischen dem vollendeten 10. bis zum 21. Lebensjahr bezeichnet (Oerter & Montada, 1995, S. 312). Ein weit gefasster Altersrahmen erscheint sinnvoll, angesichts der immer früher einsetzenden Menarche und der damit verbundenen Geschlechtsreife (vgl. Gille, 2002, S. 910). Auch verschiebt sich die Verselbständigung von den eigenen Eltern aufgrund längerer Ausbildungszeiten immer weiter nach hinten (vgl. Allerbeck & Hoag, zit. n. Friedrich & Remberg, 2005, S. 17).

Die inhaltliche Auseinandersetzung im Rahmen dieser Diplomarbeit konzentriert sich zudem auf die Situation der adoleszenten Schwangeren, die sich für das Austragen des Kindes entscheiden. Auf wesentliche Aspekte, die im Zusammenhang mit einem Schwangerschaftsabbruch von Interesse sind, wird nicht weiter eingegangen, da diese Thematik eine eigene vertiefte Auseinandersetzung erfordert.

2.2 Statistische Kenntnisse und Aussagen zur Häufigkeit

In der Bundesrepublik Deutschland gibt es keine systematisch und methodisch einheitliche Erfassung von Schwangerschaften. Rückschlüsse über die Anzahl von Schwangerschaften sind im Wesentlichen daher nur über die Geburtenstatistik und die Schwangerschafts- abbruchstatistik möglich.

Die Schwangerschaftsabbruchstatistik wird auf der Grundlage des Schwangerschaftskonfliktgesetzes (SchKG) in der Fassung vom 21. August 1995 durchgeführt. Das SchKG legt in den §§ 15-18 fest, welche Daten vierteljährlich vom Statistischen Bundesamt zu erfragen sind, und wer für die Statistik Angaben machen muss.

Auskunftspflichtig sind die InhaberInnen der Arztpraxen und die LeiterInnen der Krankenhäuser, in denen Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden. Die Schwangerschaftsabbruchstatistik gibt Auskunft über die Anzahl der Abbrüche, über die rechtliche Grundlage und die Art der Abbrüche, sowie über die Dauer der abgebrochenen Schwangerschaften. Auch einige soziodemografische Daten der betroffenen Frauen wie Alter, Familienstand und Kinderzahl werden erfasst.

Über die Geburtenstatistik können die Zahl der Lebendgeborenen nach dem Alter der Mütter und alterspezifische Geburtenziffern (Geburten pro 1000 Frauen einer Altersgruppe) erfasst werden.

Im Jahr 2004 wurden in Deutschland 19.981 Kinder geboren, deren Mütter bis einschließlich 19 Jahre alt waren. Davon sind 4816 Kinder, von minderjährigen Müttern, d.h., die zum Zeitpunkt der Geburt bis einschließlich 17 Jahre alt waren.

In Abbildung 1 ist die Entwicklung der Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche

im Zeitraum von 1996 bis 2004 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1 Schwangerschafts-, Geburten- und Abbruchsraten von 15- bis 17jährigen Frauen pro 1.000 Frauen im Zeitraum von 1996 bis 2004 (Thoß u.a., 2006, S. 23)

Zwischen 1996 und 2001 gab es einen leichten Anstieg der Schwangerschafts- und Schwangerschaftsabbruchraten. Seit 2001 sind die Zahlen aber relativ stabil.

Derzeit werden also jährlich etwa acht bis neun von1.000 15- bis 17-Jährigen schwanger, etwa fünf von ihnen entscheiden sich für einen Abbruch. Im Vergleich mit den Schwangerschaftsraten junger Frauen in anderen westlichen Industriestaaten liegt Deutschland eher am unteren Ende der Skala (Thoß, Weiser, Block, Matthiesen, Mix & Schmidt, 2006, S. 24)

2.3 Soziodemografische Daten

Im deutschsprachigen Raum gibt es wenig empirisch fundierte Darstellungen zur Gruppe der schwangeren Mädchen und jungen Mütter.

Eine aktuelle Studie zum Schwangerschaftsabbruch bei minderjährigen Frauen hat der „Pro familia“-Bundesverband (2006) in Zusammenarbeit mit den „Pro familia“-Beratungsstellen durchgeführt. Im Zeitraum von Juni 2005 bis Februar 2006 wurden insgesamt 1801 schwangere Frauen unter 18 befragt. Die Studie umfasst also 20 % aller minderjährigen Frauen, die im Erhebungszeitraum in der Bundesrepublik schwanger wurden. In einer weiteren Studie in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) wurden qualitative Interviews mit jugendlichen Schwangeren zwischen 14 und 20 Jahren während der Schwangerschaft und zwei weitere Male im Folgezeitraum von zwei Jahren durchgeführt (Friedrich & Remberg, 2005). Die aktuellen soziodemografischen Daten zur Zielgruppe sollen hier zusammenfassend dargestellt werden:

Hinsichtlich des Alters werden eher ältere Jugendliche schwanger. Drei Viertel der schwangeren Minderjährigen waren 16 oder 17 Jahre alt, nur ein Prozent war 13 Jahre oder jünger (Thoß u.a., 2006; Friedrich & Remberg, 2005).

Die Schulbildung hat maßgeblichen Einfluss auf das Risiko schwanger zu werden, so war das Risiko einer Hauptschülerin, schwanger zu werden, etwa fünf mal so hoch, wie das einer Gymnasiastin. Die minderjährigen Schwangeren waren besonders oft arbeitslos bzw. ohne Ausbildungsplatz (Thoß u.a., 2006).

Die meisten Mädchen, die sich noch in Schulbildung befanden, unterbrachen mit der Schwangerschaft bzw. mit der Geburt des Kindes die Schule. Sie lösten sich innerhalb des Folgezeitraums von zwei Jahren nach und nach aus dem Bildungssystem, wobei von 36 Mädchen, die ca. zwei Jahre nach der Entbindung befragt wurden, sechs ohne Hauptschulabschluss blieben (Friedrich & Remberg, 2005).

Die soziale und familiäre Herkunft gestaltet sich wie folgt. Die schwangeren Mädchen hatten besonders oft arbeitslose Eltern. Auch die Partner waren häufig arbeitslos bzw. ohne Ausbildungsplatz und hatten oft eine geringe Schulbildung. In Bezug auf den Schwangerschaftsausgang nahm die Tendenz zum Abbruch mit dem Alter der Frau und mit dem Alter des Partners etwas ab. Den größten Einfluss auf den Schwangerschaftsausgang hatte die soziale Situation. Mit zunehmender sozialer Benachteiligung nahm die Tendenz zum Austragen deutlich zu (Thoß u.a., 2006).

Familienstand: Beim Eintritt der Schwangerschaft waren von 47 befragten Mädchen bis auf eine junge Frau, die bereits verheiratet war, alle ledig, wobei der Großteil der jungen Frauen mit dem Kindsvater in einer Beziehung stand. Im Folgezeitraum von zwei Jahren waren die Mädchen meist ein bis zwei neue Beziehungen eingegangen. 13 von 36 befragten Mädchen wurden im Zeitraum von zwei Jahren erneut schwanger (Friedrich & Remberg, 2005).

Die Väter waren im Durchschnitt vier bis fünf Jahre älter als ihre Partnerinnen (Thoß u.a., 2006; Friedrich & Remberg, 2005). Friedrich und Remberg (2005) erhoben in ihrer Studie Daten zur derzeitigen Tätigkeit der Väter. Von 29 Vätern, zu denen Aussagen getroffen werden konnten, befanden sich zum letzten Interviewzeitpunkt sieben in universitärer oder beruflicher Ausbildung und konnten ihren Lebensunterhalt noch nicht selbst bestreiten. 18 Väter waren erwerbstätig, davon jedoch nur sechs in ihrem Ausbildungsberuf.

Wohnort: Die Mädchen lebten während der Schwangerschaft hauptsächlich in ihren Herkunftsfamilien, in Mutter-Kind-Einrichtungen oder in eigenen Wohnungen. Innerhalb des Zeitraumes von zwei Jahren wechselte ein großer Anteil der Mädchen in die eigene Wohnung. Nur noch ein Mädchen lebte in der Herkunftsfamilie, nur zwei in einer Mutter-Kind-Einrichtung (Friedrich & Remberg, 2005).

Erfahrungen aus stationären Einrichtungen für junge Schwangere und Mütter lassen vermuten, dass Mädchen, die aus stabilen Familienverhältnissen kommen, eher im familiären Haushalt verbleiben. Die Mädchen, die in Mutter-Kind-Einrichtungen Unterstützung finden, weisen häufiger schwierige, familiäre Herkunftsverhältnisse auf. Trennung der Eltern, Vernachlässigung, Alkoholismus, Erwerbslosigkeit und materielle Not, körperliche Misshandlung oder sexueller Missbrauch scheinen in den Biografien der jungen Mütter häufig eine Rolle zu spielen (Garst, 2001).

3 Theoretische Positionen und Forschungsansätze – Eine Literaturrecherche zur Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz

Um die Literaturlage zum Thema Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz darzustellen, sollen an dieser Stelle die Ergebnisse einer am 10.11.2006 durchgeführten Psyndex Datenbankrecherche vorgestellt werden.

Nach einer kurzen Erläuterung zur Vorgehensweise soll sowohl eine quantitative als auch qualitative Auswertung der Ergebnisse erfolgen.

3.1 Suchterme und Suchläufe in der Datenbank Psyndex

Die Datenbank Psyndex erfasst deutschsprachige Literatur aus dem Gebiet der Psychologie und benachbarter Wissenschaften im Zeitraum ab 1977.

Aufgrund der im Vorfeld der ersten Beschäftigung mit dem Thema vermuteten geringen Publikationsdichte im deutschsprachigen Raum wurde keine Einschränkung des Zeitraumes vorgenommen.

Ziel der Recherche war es, einen Überblick über das allgemeine wissenschaftliche Interesse am Thema Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz innerhalb der Psychologie zu erhalten.

Die Suche erfolgte in PSYNDEXplus – Lit.AV 1977-2006/10 (ohne Tests) in zwei Suchläufen, deren Ergebnisse in Tabelle 1 dargestellt sind.

Tabelle 1: Suchläufe: Begriffskombinationen und Ergebnisse

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2 Quantitative und qualitative Auswertung

Die Auswertung erfolgt im Hinblick auf die Anzahl der Publikationen sowie auf die inhaltlichen Schwerpunkte differenziert nach empirischen und theoretischen Publikationen.

3.2.1 Anzahl der Publikationen

Die Trefferliste für beide Suchläufe beinhaltete insgesamt 102 Datensätze, von denen 52 Treffer als relevant eingestuft wurden. Von den 52 relevanten Datensätzen tauchten 10 Treffer in beiden Suchläufen auf. Die zugrundeliegende Anzahl relevanter Publikationen, die über die dargestellte Datenbankrecherche ermittelt wurden, beträgt demnach 42 Treffer, darunter 2 englischsprachige Beiträge.

Unter den als irrelevant eingestuften Treffern befanden sich beispielsweise Publikationen zu Verhaltensauffälligkeiten, Delinquenz oder Erkrankungen im Jugendalter und zu Beziehungsthemen zwischen Adoleszenten und ihren Eltern, des weiteren ein Beitrag zu auffallend späten Müttern und eine kriminalistische Analyse zu Kindesmörderinnen.

Zudem wurden Publikationen nicht berücksichtigt, die

- ausschließlich Einstellungen von Jugendlichen zu Themen der Sexualität und zu einer möglichen Schwangerschaft bzw. eines Schwangerschaftsabbruchs im Falle einer möglichen Schwangerschaft zum Inhalt haben.
- die Aspekte der Schwangerschaft und des Schwangerschaftsverlaufs bei Nicht-Adoleszentinnen behandeln.
- ausschließlich Entwicklungsabweichungen und Störungen bei Säuglingen und Kleinkindern aus Hochrisikogruppen wie z.B. adoleszenten Schwangeren und Müttern untersuchen.

Ausgeschlossen wurden auch zwei Treffer im Bereich der AV-Medien, die mir nicht zugänglich waren. Es handelte sich dabei um einen Filmbeitrag über ein Frauenhaus, sowie einen Beitrag, der sich mit der Nutzbarkeit des Konzepts Emotionaler Intelligenz für die Prävention von Problemen wie z.B. Teenagerschwangerschaften beschäftigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die recherchierten relevanten Publikationen erschienen im Zeitraum von 1979 bis 2006. In Abbildung 1 wird die Verteilung der Publikationen in Fünf-Jahres-Abschnitten dargestellt.

Abb.2: Anzahl der im Zeitraum von 1979-2006 erschienenen relevanten Publikationen (N=47)

Die Verteilung zeigt eine deutliche Häufung von Publikationen im Zeitraum von 1985-1989. In der Literatur (BzgA, 2006; Osthoff, 1999) wird eine erhöhte Zahl von Teenagerschwangerschaften in den achtziger Jahren angegeben, die eine vermehrte Beschäftigung mit dem Thema Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz begründen könnte. Für den jüngsten Zeitraum, von 2005 bis dato können bereits sechs Publikationen verzeichnet werden, davon drei in 2005 und drei in 2006.

Aufgrund der relativ geringen Anzahl der zur Verfügung stehenden Publikationen, wurden zusätzlich die Literaturverzeichnisse der relevanten Veröffentlichungen sowie Publikationsverzeichnisse der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gesichtet und weitere 22 Treffer ermittelt, die zur inhaltlichen Auswertung der Literatur mit herangezogen werden. Dabei wurden ausschließlich Beiträge aus dem deutschsprachigem Raum ab 1990 berücksichtigt. Die Sichtung der Literatur erfolgt mit einem besonderen Interesse für die Auseinandersetzung mit der Thematik in den letzten fünfzehn Jahren.

3.2.2 Empirische Arbeiten

Ungefähr ein Drittel der gesichteten Literatur sind empirische Beiträge zum Thema Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz.

Gegenstand empirischer Untersuchungen im deutschsprachigen Raum waren in den achtziger Jahren die Entwicklungsverläufe jugendlicher Mütter und ihrer Kinder (Berger, 1987, 1988) und Schwangerschaftsabbrüche bei Minderjährigen und die Verarbeitung des Schwangerschaftsabbruchs (Berger, 1984; Merz,1979, 1988). Des Weiteren wurden im Rahmen einer Doktorarbeit die Ergebnisse einer Vergleichsstudie zwischen Interruptio und Geburt vorgestellt (Nöstlinger, 1988). Zu den Untersuchungen von Berger ist kritisch anzumerken, dass es sich um klinische Stichproben ohne entsprechende Kontrollgruppe handelt. Die Datenerfassung und Analysen beziehen sich also von vorneherein ausschließlich auf eine Gruppe von adoleszenten Müttern aus besonders psychosozial belasteten Verhältnissen und könnten dadurch negativ verzerrt sein.

Fünf Untersuchungen stützen sich auf Daten aus dem Gebiet der früheren DDR. Interesse dieser Untersuchungen waren vor allem die Bewertung jugendlicher Mutterschaft aus Sicht der Jugendfürsorge und Mütterberatung (Lorenz & Grindel, 1987) das Eheschließungsverhalten und die Morbiditätsrate bei Kindern jugendlicher Mütter (Lorenz & Grindel, 1987, 1988), sowie Ursachen ungewollter Schwangerschaften im Jugendalter und die Möglichkeiten sozialmedizinischer Betreuung und Prävention (Neumann & Löffler, 1987).

Erfasst werden in den angeführten Untersuchungen vor allem Daten:

- zur sozialen und familiären Herkunft,
- zum Entwicklungsgang und der prägraviden Persönlichkeit,
- zum Verhütungsverhalten
- zur materiellen und beruflichen Situation,
- zur Partnerschaftssituation,
- zu den Beziehungen zur Herkunftsfamilie,
- zum Gesundheitsverhalten während der Schwangerschaft
- zur Entwicklung und zu Entwicklungsstörungen der Kinder jugendlicher Mütter sowie
- zu situativen Umständen zum Zeitpunkt der Konzeption und der Indikationsbeurteilung in Bezug auf einen Schwangerschaftsabbruch.

Dazu ist festzustellen, dass die meisten Beiträge jeweils nur einzelne Aspekte nebeneinander aufzeigen, und eine komplexe Datenerfassung und Auswertung in Bezug auf die Entstehung von ungewollten Schwangerschaften, die psychosoziale Lebenssituation jugendlicher Mütter, sowie den Unterstützungsbedarf und entsprechenden Interventionsmöglichkeiten weitestgehend fehlt. Nöstlinger (1988) verweist in ihrer Vergleichsstudie zu Interruptio und Geburt auf die im deutschsprachigen Raum ungenügende Forschung zum Thema Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz. Sie fragt unter anderem nach der Bedeutung für die betroffenen Mädchen und erhebt umfassende Daten zu Einstellungen und zum Erleben der betroffenen Mädchen. Diese Variablen finden in den empirischen Arbeiten der achtziger Jahre ansonsten wenig Berücksichtigung.

Seit Beginn der Neunziger Jahre finden sich in der deutschsprachigen, empirischen Literatur zum Thema Schwangerschaft und Mutterschaft neue Schwerpunkte, die bisherige Forschungsperspektiven erweitern. Die subjektive Sichtweise der betroffenen Mädchen gerät mehr ins Blickfeld und wird bei der Erfassung der Lebenssituation schwangerer Mädchen und junger Mütter als wesentlicher Bestandteil der Untersuchung berücksichtigt (Bünemann de Falcon & Bindel-Kögel, 1993; Friedrich & Remberg, 2005; Remberg, 2001). Im Zusammenhang mit Lebensplanung und Lebensentwürfen schwangerer Mädchen und jugendlicher Mütter, waren dabei folgende Fragen von Bedeutung:

- Welche Einstellungen und eigenen Erklärungsmuster haben betroffene Mädchen zur frühen Schwangerschaft und Mutterschaft?
- Welche Vorstellungen von Partnerschaft haben sie?
- Welche beruflichen und materiellen Vorstellungen haben junge Schwangere und Mütter?
- Welche Erfahrungen haben sie im Umgang mit Ämtern und Behörden?

Eine weitere wesentliche Variable in der empirischen Forschung ist zunehmend auch die Kontrazeption bei Jugendlichen vor allem im Hinblick auf die Entstehung ungeplanter Schwangerschaften und die Prävention von Teenagerschwangerschaften (Friedrich & Remberg, 2005; Klapp, Gille, Layer & Thomas, 2005; Remberg, 2001;Thoß u.a., 2006;). Das Forschungsinteresse zur Kontrazeption richtet sich auf das Verhütungswissen, auf die Einstellungen Jugendlicher zur Verhütung und auf das Verhütungsverhalten.

Die schulische und berufliche Situation wird unter den Gesichtspunkten:

- frühe Mutterschaft als Ursache für Berufslaufbahnunterbrechungen,
- die Auswirkungen familiärer Unterstützung auf die schulische und berufliche Entwicklung jugendlicher Mütter und
- Schwangerschaft als Alternative zu brüchigen Schulwerdegängen untersucht (Bünemann de Falcon & Bindel-Kögel, 1994; Friedrich & Remberg, 2005; Janig, 1994).

Ein weiterer Schwerpunkt in den empirischen Arbeiten ist die Evaluation bestehender Projekte und Maßnahmen zur Prävention und Intervention in Bezug auf die Wirksamkeit solcher Maßnahmen (Klapp u. a., 2005; Ziegenhain, Derksen & Dreisörner, 1999, 2004).

Drei Publikationen stellen eine Auswertung von Daten zu Schwangerschafts- und Geburtsverläufen bei minderjährigen Mädchen im Vergleich zu älteren Schwangeren hinsichtlich der medizinischen Risiken für Mutter und Kind dar (Hartey, 2003; Ketscher, Retzke & Schöne, 1990; Plöckinger, Chalubinski & Schaller, 1996).

Die Bindungsrepräsentationen von Jugendlichen in Heimerziehung, darunter eine Gruppe jugendlicher Mütter ist Forschungsgegenstand einer weiteren empirischen Untersuchung, wobei hier auf die besondere Spezifität der Zielgruppe hinzuweisen ist, die darin besteht, das es sich ausschließlich um Jugendliche aus schwierigen familiären Verhältnissen handelt (Schleiffer & Müller, 2002).

3.2.3 Theoretische Arbeiten

Ein Teil der theoretischen Auseinandersetzung mit der Thematik umfasst Reflexionen zu praktischen Erfahrungen aus Projekten und institutionellen Einrichtungen, die mit der Zielgruppe jugendlicher Schwangerer und Mütter zu tun haben. (Delisle, 2006; Garst, 2000, 2001; Hartle, 1993; Scarzella-Mazzocchi,1987, 1993; Ries, Ohlmeier, Gupta & Billigen, 1996)

Zur Erklärung von ungeplanten Schwangerschaften in der Adoleszenz existieren in den theoretischen Beiträgen unterschiedliche Sichtweisen. Neben psychodynamischen Ansätzen (Berger, 1987, 1988, 1989; Merz, 1979, 1984, 1988; Pines, 1993; Vogelgesang, 1997), die misslungene und traumatische Ablösungsversuche aufgrund früher und pubertärer Objektverluste zur Erklärung heranziehen, wird aus bindungstheoretischer Sicht (Bauer, 1993; Baradon, 2005; Downing & Ziegenhain, 2001; Ziegenhain u.a., 1999, 2004) ein erfahrener Mangel an Nähe und Geborgenheit konstatiert. In der Folge werden Schwangerschaften in der Adoleszenz als „Problemlösungsversuche mittels reproduktiven Agierens“ (Bürgin, 1993, S. 273) betrachtet. Andere Autoren sehen die Ursachen früher Schwangerschaften in sexuellem Risikoverhalten und falscher oder ungenügender Kontrazeption junger Mädchen (Bitzer, 2002; Delisle, 2006; Gille, 2002; Klapp u. a., 2005;). Weitestgehend Konsens besteht in der Annahme, dass frühe Schwangerschaften vor dem Hintergrund multifaktorieller Ursachen und Bedingungen einzuschätzen sind.

Spezifische Bewältigungsanforderungen der frühen Schwangerschaft und Mutterschaft werden aus entwicklungspsychologischer Sicht diskutiert. In diesem Zusammenhang wird vermehrt das Zusammentreffen von Entwicklungsaufgaben, die sonst in einer zeitlichen Abfolge stattfinden, beschrieben. Aus dieser „Doppelaufgabe“ (Bürgin, 1993, S. 299) resultieren erhebliche Anforderungen und Belastungen für die betroffenen Mädchen, die mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung in den vorliegenden Publikationen ausgeführt werden.

Neben medizinischen Risiken, die aber eher im Kontext der sozioökonomischen Herkunft gesehen werden, sind in erster Linie psychosoziale und sozioökonomische Risiken dargestellt (Bitzer, 2002; Gille, 2002; Kieselbach, Beelmann, Erdwien, Stitzel & Traiser, 2000; Klapp, 2003). Dabei sind in den Publikationen jüngeren Datums die schulische und ausbildungsbezogene Situation sowie die späteren beruflichen Möglichkeiten im Hinblick auf Schwierigkeiten und Einschränkungen von Interesse (Bünemann de Falcón & Bindel-Kögel; Friedrich & Remberg, 2005; Pregitzer & Jones, 2004). Aufgrund der Häufung verschiedener sich wechselseitig beeinflussender Risiken und Belastungen werden jugendliche Mütter zudem in bindungstheoretischer Sicht auf die Entwicklung einer positiven Mutter-Kind-Beziehung als Risikogruppe (Baradon, 2005; Downing & Ziegenhain, 2001; Ludwig-Körner & Koch, 2005; Ziegenhain u.a., 1999, 2004) eingeschätzt.

Zu den Kindsvätern und Partnern der jungen Frauen existieren auf den gesamten Zeitraum der Recherche bezogen nicht nur sehr wenig empirisch fundierte Informationen, sondern auch in der theoretischen Auseinandersetzung spielen sie kaum eine Rolle. Sehr wenige Publikationen behandeln Fragestellungen und Themen, die explizit die jungen Väter betreffen (Besuden-Krawinkel, 1999; Friedrich & Remberg, 2005, Osthoff, 1999).

Die in den vorliegenden Publikationen dargestellten Interventionsansätze beziehen sich in erster Linie auf Beratungskonzepte (Bitzer, 2002; Franz & Busch, 2004; Gille, 2002; Häußler-Sczepan & Michel, 2004, 2005; Merz, 1988), auf Mutter-Kind-Einrichtungen (Garst, 2001; Scarzella-Mazzocchi, 1987, 1999) und auf therapeutisch-orientierte Interventionen (Baradon, 2005; Downing & Ziegenhain, 2001; Ziegenhain, Derksen & Dreisörner, 1999). Weiterhin werden Interventionsansätze im Hinblick auf psychosoziale Hilfen für die Kinder der jugendlichen Mütter dargestellt (Downing & Ziegenhain, 2001; Ludwig-Körner & Koch, 2005; Ziegenhain u. a., 1999, 2004). Zwei Publikationen beschreiben Unterstützungsangebote, die jungen Schwangeren eine Fortsetzung der Schul- und Berufsausbildung ermöglichen sollen (Feddersen, 1999; Pregitzer & Jones, 2004).

Die Literaturlage zur Thematik „Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz“ erweist sich wie vermutet als nicht sehr umfangreich. Auf Grundlage der Recherche in Psyndex wird deutlich, dass im deutschsprachigen Raum zahlenmäßig nur wenige Veröffentlichungen zu diesem Thema vorzufinden sind.

Die qualitative Auswertung der Publikationen verweist zudem auf die noch ungenügende Forschung zu jugendlichen Schwangeren und Müttern. Aus diesem Grund wurde eine zusätzliche Sichtung der Literaturverzeichnisse der recherchierten Literatur sowie der Publikationsverzeichnisse der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung durchgeführt, die im Rahmen des Schwangerschaftskonfliktgesetzes den Auftrag zur Prävention von Teenagerschwangerschaften innehat, durchgeführt. Hierdurch konnten einige Publikationen ergänzend hinzugezogen werden, darunter auch Veröffentlichungen zu aktuellen Forschungsergebnissen (Friedrich & Remberg, 2005).

4 Hintergründe von Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz

Schwangerschaften in der Adoleszenz stellen in der Regel ungewollte Schwangerschaften im Sinne einer nicht bewusst vorgenommenen Entscheidung und Planung dar. Angesichts dieser Tatsache ist davon auszugehen, dass die Empfängnisverhütung nicht erfolgreich war oder gar nicht erst praktiziert wurde. Das Sexual- und Kontrazeptionsverhalten junger Mädchen ist folglich Gegenstand empirischer Forschung zur Entstehung ungeplanter Schwangerschaften im Jugendalter.

Darüber hinaus werden in den vorliegenden Publikationen verschiedene theoretische Erklärungsansätze diskutiert. Psychologische Erklärungsansätze behandeln psychodynamische und bindungstheoretische Aspekte basierend auf der Annahme eines latenten Kinderwunsches. Ausgehend von soziodemografischen Merkmalen schwangerer Mädchen und sehr junger Mütter werden ausgehend von Prämissen der Frauenforschung mögliche Hintergründe für eine frühe Mutterschaft auch unter sozialisationstheoretischen Gesichtspunkten betrachtet.

4.1 Kontrazeption und sexuelles Risikoverhalten

Die Ergebnisse eines „Pro familia“-Forschungsprojektes zur Schwangerschaft und zum Schwangerschaftsabbruch bei minderjährigen Frauen zeigen deutlich, dass es sich in der Mehrzahl um ungeplante Schwangerschaften handelt (Thoß u.a., 2006). 92% der befragten Mädchen gaben an, ungeplant schwanger geworden zu sein. Von denen, die die Schwangerschaft austragen, waren es noch 88%. 4% der Schwangerschaften waren geplant, und weitere 4% waren sich in ihrer Intention unsicher und haben es „darauf ankommen lassen“ (ebd., S. 25). 60% der schwangeren Mädchen sagten aus, mit der Pille und dem Kondom verhütet zu haben. Thoß u.a. (2006) folgerten hieraus, dass Anwendungsfehler bei Kondom und Pille recht häufig seien. Kaum noch Anwendung fanden Verhütungsmethoden wie der Koitus interruptus oder der Koitus kurz vor, während oder nach der Periode. 34% der schwangeren Mädchen hatten gar nicht verhütet. 50% der befragten jungen Frauen wussten zum Zeitpunkt der Konzeption nicht, dass es die „Pille danach“ gibt. Von den Frauen, die über die „Pille danach“ informiert waren, glaubten 70% sicher verhütet zu haben, für die anderen waren die Zugangsschwellen zu hoch oder sie zeigten eine hohe Bereitschaft zum Nichtwahrnehmen oder Verleugnen einer misslungenen Verhütung (vgl. S. 26).

Weitere empirische Untersuchungen zeigen, dass die schwangeren Mädchen und jungen Mütter zum Teil über erhebliche Wissensdefizite in sexualitäts- und verhütungsrelevanten Fragen verfügten (Remberg, 2001; Remberg & Weiser, 2003; Friedrich & Remberg, 2005). Sie besaßen unzureichende Kenntnisse über die Funktions-, Wirk- oder Anwendungsweisen von Verhütungsmitteln sowie über Wirkungseinschränkungen z.B. durch andere Medikamente. Auch hatten sie unklare Vorstellungen über die eigenen Körperfunktionen, den weiblichen Zyklus und deren Zusammenhänge.

Friedrich & Remberg (2005), die in einer Studie schwangere Mädchen zu den Gründen für das Zustandekommen der Schwangerschaft befragten, arbeiteten folgende Erklärungsmuster heraus (S.68 ff):

Erklärungsmuster bei misslungener Verhütung

- „Pillen-Unfälle“ bei Jugendlichen, die angeben, verhütet zu haben („Die Pille hat versagt oder nicht richtig gewirkt.“)
- „Pillen-Unfälle“ bei unregelmäßiger Einnahme des Kontrazeptivums
- „Interims-Unfälle“ bei geplanter Verhütung (ungeschützter Geschlechtsverkehr bereits vor Einnahmebeginn der Pille)
- „Unfälle“ bei Wechsel zu anderen Verhütungsmethoden (fälschlich negative Bewertung der Sicherheit von Kontrazeptiva)

Erklärungsmuster bei Nicht-Verhütung

- Vorrang sexuellen „Genusses“ und der Mythos, so jung noch nicht schwanger werden zu können
- Wunsch, den Partner zu „halten“ und ihn mit einem Kind an sich binden zu können
- Überforderung und eingestandene Inkonsequenz (Eigendynamik sexueller Situation)
- Ausgeprägter und erklärter früher Kinderwunsch
- Medizinische und quasi-medizinische Gründe (Absetzen der Pille bzw. Weglassen des Kondoms bei Erfahrungen mit Unverträglichkeit oder Beschwerden und Nebenwirkungen bei der Einnahme der Pille)

Die meisten Erklärungsmuster verwiesen laut Friedrich & Remberg auf die mangelnde Fähigkeit dieser jungen Frauen, die Schwangerschaft als Konsequenz eigenen Handelns zu verstehen. Die Selbstreflexion sei dabei oft mit Schuldgefühlen verbunden, ohne dass eine Mitverantwortung der Jungen in Betracht gezogen werden würde. Außerdem würde deutlich, dass es für diese jungen Frauen schwierig sei, vorhandenes Wissen bzw. Wissensfragmente situativ in konsequentes Verhütungsverhalten umzusetzen (vgl. ebd., S.72).

Klapp (2003) sieht die Ursachen zur Entstehung von Schwangerschaften in der Adoleszenz in einem „multifaktoriellen Gefüge von Ursachen und Bedingungen“ (S.213). Die Einschätzung der Normalität von besonders früh aufgenommenem Geschlechtsverkehr, gepaart mit Überschätzung des eigenen Wissens bei realen Informationsdefiziten ergebe eine besonders brisante Mischung hinsichtlich des Risikos von ungewollter Schwangerschaft oder Infektion für Minderjährige. Neben bestehenden Wissensdefiziten seien Informationen und Vorstellungen, magisches Denken und Befürchtungen eng miteinander verknüpft, und Informationen zur Verhütung könnten nicht in den richtigen Kontext gebracht werden (ebd.).

Einige Autoren (Gille, 2002; Klapp, 2003; Klapp u.a., 2005) verweisen zudem auf die früher einsetzende Menarche bei jungen Mädchen, in deren Folge auch geschlechtsspezifische Triebimpulse und sexuelle Bedürfnisse früher wach werden und der Einstieg ins Sexualleben immer früher erfolgt. Gille (2002) bezieht sich auf Daten der BzgA, wonach der Anteil koituserfahrener Mädchen in den jüngeren Jahrgängen im Zeitraum von 1996-2001 immer größer geworden ist (S.910 f). Der erste Geschlechtsverkehr erfolgt in der Regel ungeplant, was mit dem frühen Einstiegsalter ins Sexualleben zusammenhängt. Der Anteil der 14- bzw. 15-jährigen Mädchen, die den ersten Geschlechtsverkehr ohne Verhütung erleben, liegt bei fast 18% (ebd., S.914). Der Einstieg ins Sexualleben wird daher als ein besonders kritischer Moment eingeschätzt. Dies zeigen auch Erfahrungen aus der Arbeit in einer Mutter-Kind-Einrichtung:

„In der Pubertät, im Umgang mit Jungen, merken die Mädchen bald, dass sie widersprüchlichen und doppelbödigen Anforderungen gegenüberstehen. Einerseits sollen sie sich nicht zu schnell hingeben, um nicht als ‚Schlampe‘ gebrandmarkt zu werden, andererseits gelten sie als anomal, wenn sie den Freund ‚auf Abstand‘ halten und riskieren, ihn dadurch zu verlieren. Sie stellen dabei die eigenen, altersgemäßen Bedürfnisse nach schmusen, kuscheln und streicheln zurück und lassen sich auf den Geschlechtsverkehr ein, obwohl sie diesen noch gar nicht wollen. Das ‚erste Mal‘ kommt meistens ungeplant und unverhütet.“ (Garst, 2001, S.16)

In Bezug auf die Verhütung erfordere des weiteren gerade die genaue, regelmäßige Einnahme der Pille eine starke Disziplin und eine feste Tagesstruktur, Voraussetzungen, über die die Mädchen in dem Alter noch nicht verfügen würden. Im Umgang mit dem Kondom herrsche bei den Jugendlichen, Befangenheit, Unsicherheit und Unkenntnis in der Handhabung (Garst, 2001, S.16f). Besonders für sehr junge Mädchen stellt ein früher Einstieg ins Sexualleben nach Ansicht von Gille (2002) eine Überforderung dar:

„Wenn für sehr junge Mädchen die Sehnsucht nach Zärtlichkeit, Nähe und Angenommenwerden im Zentrum steht, dann realisieren viele nicht konkret genug, das der intensive Austausch von Zärtlichkeiten in eine Situation münden kann, mit der sie zum momentanen Stand ihrer psychosexuellen Entwicklung nicht adäquat umgehen können...“ (S.914)

Die Ergebnisse der „Pro familia“-Studie (Thoß u.a., 2006) verdeutlichen, dass riskantes Sexualverhalten und unzureichendes Verhütungsverhalten häufiger praktiziert wurde:

- beim Geschlechtsverkehr mit Partnern, zu denen keine feste Beziehung besteht und
- beim „ersten Mal“ mit einem Partner (vgl. S. 26).

Demnach steigt das Schwangerschaftsrisiko beim Geschlechtsverkehr mit sozial oder sexuell noch wenig bekannten Partnern (ebd.). Klapp u. a. (2005) beziehen sich zusätzlich auf Daten aus dem englischsprachigen Raum und geben an, dass das Risiko, schwanger zu werden desto höher wird, je mehr Sexualpartner ein Mädchen hat (vgl. Klapp u. a., 2005, S. 133).

Zu den jungen Frauen, die ein riskantes Sexualverhalten mit unzureichender Kontrazeption, praktizierten, zählten außerdem Mädchen aus sozial benachteiligten Gruppen und Musliminnen (Thoß u. a., 2006). Delisle (2006) gibt an, dass sich unter den sexuellen „Frühstartern“ verhältnismäßig viele unterprivilegierte Jugendliche befinden. Sie schlussfolgert, dass schulisch erfolgreiche und sozial gut integrierte Jugendliche weniger Grund hätten, sich durch frühe sexuelle Erfahrungen Selbstbestätigung zu suchen (vgl. S. 154). Häufigeres riskantes Sexualverhalten betrieben nach Klapp (2003) auch Mädchen, die sich Vorteile von einer Teenagerschwangerschaft erwarteten oder Mädchen mit schlechten Berufsaussichten, die sich in einer „Warteschleife“ befänden (vgl. S. 213).

Als „Vorteile“ werden angeführt:

- soziale Anerkennung,
- Ausklinken aus schulischen und beruflichen Verpflichtungen
- finanzielle Unterstützung durch das Sozialamt,
- Binden des Partners
- Ausgleich von Zärtlichkeitsdefiziten,
- Sehnsucht nach stabiler Beziehung, die vom Elternhaus nicht erfüllt wird (Klapp u. a., 2005, S. 133).

So führt Bitzer (2002) sexuelles Risikoverhalten nicht nur auf mangelnde Information sondern auch auf mangelnde Unterstützung im sozialen Umfeld zurück. Sexuelles Risikoverhalten entstehe aus der eigenen Lebensgeschichte heraus und stehe im Zusammenhang mit Ablösungskonflikten aus der Ursprungsfamilie und ungestillten Bedürfnissen nach Nähe und Sicherheit. Er verweist auf einen ambivalenten Kinderwunsch als „halbbewussten Versuch aus einer unerträglichen Familiensituation auszubrechen oder eine instabile Beziehungssituation zu klären“ (vgl. S. 449). Für Mädchen, dessen soziokulturelles Umfeld besonders sexualfeindlich und unterdrückend sei, seien zudem neben Unwissenheit auch die mangelnde Verfügbarkeit von Kontrazeptiva bedeutsam für die Entstehung ungewollter Schwangerschaften (vgl. ebd., S. 449). Die in der vorliegenden Literatur beschriebenen Risikogruppen für die Entstehung von Schwangerschaften in der Adoleszenz fasst Bitzer (2002) demnach wie folgt zusammen:

- Jugendliche mit geringer Schulbildung
- Jugendliche mit ambivalentem Kinderwunsch
- arbeitslose Jugendliche
- Jugendliche in starken sozialen Belastungssituationen (S. 449).

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Details

Seiten
86
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638046565
ISBN (Buch)
9783640511648
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89399
Institution / Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Magdeburg
Note
2,0
Schlagworte
Schwangerschaft Mutterschaft Adoleszenz

Autor

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Titel: Schwangerschaft und Mutterschaft in der Adoleszenz