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Die Bedeutung der Namen im Zusammenhang mit den Eigenschaften der literarischen Figuren untersucht an ausgewählten Kinderbüchern Astrid Lindgrens

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Theoretische Betrachtung der Namensgebung am Beispiel Astrid Lindgrens

3. Analyse der Namenbedeutung im Zusammenhang mit den Eigenschaften der Figuren in den einzelnen Werken Lindgrens
3 . 1. Wir Kinder aus Bullerbü
3.2. Pippi Langstrumpf
3.3. Madita
3.4. Die Brüder Löwenherz
3.5. Ronja Räubertochter

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1.Einleitung

„1941 lag meine damals siebenjährige Tochter Karin mit Lungenentzündung im Bett. Jeden Abend, wenn ich auf ihrem Bettrand saß, quengelte sie wie alle Kinder: ,Erzähl mir was!´ Und eines Abends, als ich sie ganz erschöpft fragte: ,Was soll ich denn erzählen?´ da antwortete sie: ,Erzähl mir was von Pippi Langstrumpf!´ Sie hatte den Namen just in diesem Augenblick erfunden. Ich fragte sie nicht, wer Pippi Langstrumpf sei, ich fing einfach an zu erzählen, und da es ein eigenartiger Name war, wurde auch ein eigenartiges Kind daraus“.[1]

Dieses Zitat Astrid Lindgrens zeigt, wie der Name ihrer bekanntesten Kinderbuchfigur entstanden ist und wie der Name und die Eigenschaften der literarischen Figur in Beziehung stehen. Lindgrens Tochter hat sich diesen Namen ausgedacht. Vervollständigt wurde er von Astrid Lindgren erst später.

Doch dass diese Art von Namensgebung in anderen Büchern der Autorin zum Tragen gekommen ist, wage ich zu bezweifeln, denn Dichter und Schriftsteller verwenden auf die Namensgebung in der Regel große Sorgfalt, da sie wissen, dass Namen wichtige Strukturelemente eines Textes darstellen.

Viele der Figuren in Lindgrens Kinderbüchern haben Namen, die einen biblischen Bezug aufweisen und deren Bedeutung mit den der einzelnen literarischen Figuren übereinstimmt.

Somit ist zu vermuten, dass viele der Namen in den Kinderbüchern Lindgrens nicht durch Zufall entstanden sind.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Untersuchung einzelner Protagonisten und deren Namen in ausgewählten Kinderbüchern von Astrid Lindgren.

2. Theoretische Betrachtung der Namensgebung am Beispiel Astrid Lindgrens

Um Wesen und Objekte in der Wirklichkeit und Literatur in „[…] ihrer Einmaligkeit unverwechselbar zu identifizieren und unmittelbar zu bezeichnen [.]“[2], erhalten diese Eigennamen (Propria). „Mit dem Benennen im Namengebungsakt beginnt nach alter Auffassung die eigentliche Existenz des Menschen.“[3], somit auch die der literarischen Figur, „[…] denn [erst] der Name […] schafft seine Person. Darum ist der Name kostbarster Besitz, ohne den ein Mensch nicht wirklich leben kann.“[4], und eine Figur in der Literatur nicht auskommt.

„Ernst Cassirer hat Mythos und Sprache in enger Wechselbeziehung gesehen […].:

Mythos und Sprache stehen in ständiger wechselseitiger Berührung – ihre Inhalte tragen und bedingen einander. Neben dem Bildzauber steht der Wort- und Namenszauber, der einen integrierenden Bestandteil der magischen Weltansicht ausmacht. Aber die entscheidende Voraussetzung liegt auch hier darin, dass das Wort und der Name keine bloße Darstellungsfunktion besitzen, sondern dass in beiden der Gegenstand selbst und seine realen Kräfte enthalten sind.“[5]

Um die Beziehung zwischen Eigenname und der Eigenheit der literarischen Figuren in Astrid Lindgrens Kinderbüchern verstehen und analysieren zu können, bedarf es zuvor eines kurzen Überblicks der literarischen Namensgebung, der Bestimmung und der Wirkung literarischer Namen.

Friedhelm Debus vertritt die Meinung, dass „ [v]iele Dichter […] besondere Feinheiten [bergen], sie überlegen genau, wie sie ihre Geschöpfe nennen, spielen damit auf Älteres an, spielen damit.“[6] Zu vermuten ist, dass auch Astrid Lindgren die Namen ihrer Figuren gezielt auswählt, denn „[D]ie literarische Figur entspricht in aller Regel dem Wunschbild ihres Namens, weil ihr Schöpfer sie dieses handelnd verwirklichen lässt.“[7] Somit „[…] [eröffnet] [d]ie Wahl eines Namens für eine literarische Figur [Astrid Lindgren] große Möglichkeiten, auch in lautmalerisch-spielerischer Hinsicht.“[8]

Nun stellt sich natürlich die Frage, nach welchen Aspekten Astrid Lindgren ihre Namen ausgewählt hat. Grundsätzlich standen ihr zwei Möglichkeiten zur Verfügung.

„Entweder erfindet oder findet [sie] diese. Es handelt sich also einerseits um fiktive und andererseits um authentisch-reale Namen, die [sie] aus dem existierenden reichen historischen bzw. rezenten Namenschatz auswählt[e] oder die [sie] bereits mit dem Stoff [vorfand].“[9]

„Der literarische Name erhält durch den handelnden und in Handlungen verwickelten Namenträger seinen individuell – einmaligen Inhalt. Name und Namenträger werden vom Dichter nach seiner Vorstellung zur Einheit geformt […]“[10]

„[…]der Autor [kann] genau das hineinprojizieren, was die […]Figur kennzeichnen soll.“[11]

Somit ist zu vermuten, dass Astrid Lindgren die Namen ihrer Figuren „findet“, um sie mit den entsprechenden Eigenschaften zu versehen.

Dass die Bedeutung des Namens und die charakteristischen Merkmale der literarischen Figuren, also die Behauptung Debus´, auch auf die Kinderbücher Lindgrens zu übertragen ist, werde ich im Kapitel 3 anhand ausgewählter Beispiele verdeutlichen.

Um die Funktionen der Namen in Lindgrens Kinderbüchern zu ermitteln, stehen Analysemethoden zur Verfügung. Eine dieser Möglichkeiten ist, die Autorin selbst zu befragen. Im Falle des Namens ihrer bekanntesten Figur „Pippi Langstrumpf“ hat sie bereits im oben genanten Zitat die Entstehung des Namens erläutert. Durch die Phantasie ihres Kindes ist dieser Name entstanden. Der Unterschied zu den auf andere Weise entstandenen Namen ist hier, dass der Name der Beginn des literarischen Werkes gewesen ist, d.h. die Ausgangslage und Grundlage war der Name. Um diesen Namen hat Lindgren die Geschichte um „Pippi Langstrumpf“ entwickelt.

Durch Befragungen verschiedener Dichter fand die Wissenschaft heraus, dass „[a]uf (Er)Findung und Verwendung der Namen […] offensichtlich besondere Sorgfalt verwendet [wird], sie ist keineswegs willkürlich, sondern wird nicht selten als schwierig empfunden.“[12]

Somit ist davon auszugehen, dass auch Astrid Lindgren mit großer Sorgfalt die Namen ihrer Protagonisten ausgewählt hat, denn nicht selten ist „das ganze Nameninventar [eines] Werkes […] [miteinander vernetzt], etwa durch Namenidentität oder Namenähnlichkeit […].“[13]

An den folgenden Beispielen untersuche ich die Bedeutung der Namen in Beziehung zu den Charaktereigenschaften der einzelnen literarischen Figuren.

3. Analyse der Namenbedeutung im Zusammenhang mit den Eigenschaften der Figuren in den einzelnen Werken Lindgrens

3.1. Wir Kinder aus Bullerbü

Das Buch stammt aus dem Jahre 1947 und ist 1954 das erste Mal in Deutschland erschienen. Die zu untersuchenden Namen aus diesem Buch sind „Lisa, Lasse, Bosse, Britta, und Inga“.

Der Name des Mädchens, welche die Geschichte erzählt, ist „Lisa“. „Lisa“ ist die weibliche Kurzform von „Elisabeth“ und kommt ursprünglich von dem Hebräischen „Elischaba“.[14] Die Bedeutung des Namens ist aus der Bibel übernommen; „Elischaba“ bedeutet: „Gott ist Vollkommenheit“; „Elischaba“ war die Mutter Johannes´ des Täufers und Frau des Zacharias.[15]

Als Ich-Erzählerin der Geschichte kann man „Lisa“ das vollkommene Wissen zuordnen. Somit wäre ein Zusammenhang zwischen der literarischen Figur und der Bedeutung des Namens „Elisabeth“ hergestellt in Bezug auf die „Vollkommenheit“. Zusätzlich kann man dem Mädchen die Rolle einer Mutter zuordnen, denn sie spielt sehr gerne „Puppen-Mutter“.

„Ich putze auch die Türklinke und wische überall Staub und stelle frische Blumen hinein und mache das Puppenbett und den Puppenwagen“.[16]

Der Name „Lasse“ ist ein männlicher Vorname und die schwedische Koseform von „Laurentius“, „mit Lorbeer geschmückt“.[17] Dieser Name steht im Zusammenhang mit der literarischen Figur, denn „Lasse“ ist der älteste Junge mit den meisten Erfahrungen unter den Kindern. Um „mit Lorbeer geschmückt“ zu werden, wie etwa bei den Olympischen Spielen, bedarf es einer besonderen Qualifikation und Leistung. Diese Qualifikation bringt die Figur des Lasses mit, was das folgende Zitat verdeutlichen soll. Der Junge ist so intelligent, dass er seine Kräfte, perfekt einschätzen kann.

„Lasse ist neun Jahre alt und Bosse acht. Lasse ist mächtig stark und kann viel schneller rennen als ich. […]. Manchmal, wenn Lasse und Bosse mich nicht mitnehmen wollen, hält Lasse mich fest, während Bosse ein Stück läuft, damit er einen Vorsprung bekommt. Dann lässt Lasse mich los und rennt mir einfach davon.“[18]

Auch zeigt der Junge rebellische, zum Anführer werdende Züge, was diese Textstellen belegen sollen:

„ ,Wer hat eigentlich bestimmt, dass man nur auf dem Weg gehen darf?´ Britta sagte, das habe sicherlich irgendein Erwachsener erfunden. , Ja, dass sähe ihnen ähnlich´, sagte Lasse. Wir gingen eine lange, lange Zeit auf dem Zaun, und das war so lustig, dass ich dachte, ich möchte nie mehr auf dem Weg gehen.“[19]

„ ,Findet ihr, dass die Mädchen mitmachen dürfen?´ sagte Lasse zu Bosse und Ole. ,Tja, was findest du selbst?´ sagten sie, denn sie wollten natürlich erst hören, was Lasse fand.“[20]

Der Name seines Bruders „Bosse“, der die Wesensmerkmale des Starksein und der Kraft ausdrückt, spiegelt dies in seiner Bedeutung wieder. „Bosse“ oder auch „Bosso“ ist die männliche niederdeutsche Kurzform von „Burkhard“. „Burkhard“ setzt sich zusammen aus althochdeutsch burg (Burg) und harti, herti (hart, stark).[21] Die beiden Jungen bilden eine starke Einheit, was sich in den Bedeutungen ihrer Namen wieder findet.

„Britta” ist ein weiblicher Vorname und die Kurzform von „Brigitte“, welche aus dem keltischen, altirischen „Brigit“ zurückzuführen ist. „Brigit“ bedeutet „die Erhabene“ und ist ein Heiligenname irischer Herkunft nach der ersten irischen Nonne benannt.[22] Die literarische Figur der Britta hat zwar keine erhabenen Züge, jedoch ist sie das älteste der Mädchen, und verfügt so über die größten Erfahrungen.

„Inga“ ist ein aus dem Nordischen übernommener weiblicher Vorname und die Kurzform von „Ingeborg“. Außerdem führt diese Form zurück auf den altisländischen Namen „Ingi“, welcher sich aufteilt in Ingvi (Name eines Gottes) und bjorg (Schutz, Hilfe). Zusätzlich ist „Inga“ die dänische und schwedische Form von „Agnes“. Die griechische Übersetzung des Namens ist hagne (die Reine, Keusche, Heilige), die lateinische Übersetzung lautet agna (Lämmchen).[23]

„Inga“ ist in Lisas Alter und spielt viel mit dem Mädchen. Ihre leichte Unsicherheit ist an dieser Textstelle zu beobachten:

[...]


[1] Sammlung Profile: Astrid Lindgren, Rezeption in der Bundesrepublik, Wolff, Rudolf (Hrsg.), Band 10, Bonn, 1986, Seite 8.

[2] Kunze, Konrad: Dtv-Atlas Namenkunde, Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet, München, 5., durchgesehene und korrigierte Auflage, 2004, Seite 11.

[3] Debus, Friedhelm: Namen in literarischen Werken: (Er-)Findung – Form – Funktion, Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Abhandlungen der Geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse, Jahrgang 2002, Nr.2, Mainz. – Stuttgart, 2002, Seite 13.

[4] Ebd.; Seite 13.

[5] Ebd.; Seite 13.

[6] Ebd.; Seite 19.

[7] Ebd.; Seite 19.

[8] Ebd.; Seite 22-23.

[9] Debus, Friedhelm; Namen in literarischen Werken: (Er-)Findung – Form – Funktion, Seite 34.

[10] Ebd.; Seite 35.

[11] Ebd.; Seite 35.

[12] Ebd.; Seite 40.

[13] Debus, Friedhelm: Namen in literarischen Werken: (Er-)Findung – Form – Funktion, Seite 41.

[14] Burkart, Walter: Neues Lexikon der Vornamen, Köln, 1987, Seite 112.

[15] Duden Lexikon der Vornamen, Herkunft, Bedeutung und Gebrauch von mehreren tausend Vornamen, Mit 75 Abbildungen von Günther Drosdowski, Mannheim, 2., neu bearbeitete erweiterte Auflage, 1974, Seite 69.

[16] Lindgren, Astrid: Wir Kinder aus Bullerbü, Hamburg, 1954, Seite 26.

[17] Burkart, Walter: Neues Lexikon der Vornamen, Seite 250-251.

[18] Lindgren, Astrid: Wir Kinder aus Bullerbü, Seite 5.

[19] Lindgren, Astrid: Wir Kinder aus Bullerbü, Seite 30.

[20] Lindgren, Astrid: Wir Kinder aus Bullerbü, Seite 85.

[21] Duden Lexikon der Namen, Seite 51.

[22] Burkart, Walter: Neues Lexikon der Vornamen, Seite 77.

[23] Burkart, Walter: Neues Lexikon der Vornamen, Seite 204, 27.

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638030601
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89378
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Germanistisches Seminar Kiel
Note
2,3
Schlagworte
Bedeutung Namen Zusammenhang Eigenschaften Figuren Kinderbüchern Astrid Lindgrens Namenkunde

Autor

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