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Wissensgesellschaft - Diskussion einer Gesellschaftstheorie anhand von Nico Stehrs "Zerbrechlichkeit moderner Gesellschaften"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 22 Seiten

Soziologie - Wissen und Information

Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Wissen als neues Merkmal.

III. Wissen als Handlungsmöglichkeit. Eine Begriffsbestimmung.

IV. Die Zerbrechlichkeit der modernen Gesellschaft.

V. Schlußbemerkung

VI. Literatur

I. Einleitung

Die moderne Gesellschaft ist in Begriff sich zu einer neuen Gesellschaftsform zu transformieren, die von Nico Stehr und anderen als die Wissensgesellschaft beschrieben wird. Er grenzt sein Konzept jedoch gegenüber bisherigen Theorien aufkommender Gesellschaftsformen ab. Die Idee der Informationsgesellschaft sei zu technologiezentrisch und würde die Produktionsprozesse und den Inhalt der Information und das Kommunikationsmedium Mensch nicht berücksichtigen. Manuel Castells Konzept von der Netzwerkgesellschaft unterscheidet zwar zwischen Information und informationell und zielt damit auf Veränderungen der inneren Organisation sozialen Handelns ab. Er beleuchtet aber auch eher die situationsungebundenen Folgen der Technik als die sozialen Prozesse welche zu technologischen Fortschritten führen. Daniel Bell´s Theorie der postindustrielle Gesellschaft bewertet das Anwachsen der Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor zu stark, und folgt daraus eine Marginalisierung des industriellen Sektors, der aber nach Stehr weiterhin wichtig bleiben wird. Auch die Theorie von der Wissenschaftsgesellschaft konzentriert sich zu stark auf dieses gesellschaftliche Teilsystem, dessen Auswirkungen sie, ohne die jeweiligen Rückwirkungen der anderen Teilsysteme zu berücksichtigen, beschreibt (Stehr 2000: 66f.).

Stehr will nun mit seinem Konzept der Wissensgesellschaft einen Schritt weiter gehen. Er versteht unter Wissen eine Handlungskapazität. Damit zielt er viel mehr auf die sozialen Bedingungen für die Produktion von Wissen und dessen gesellschaftlichen Funktionen ab, und geht mit dieser Definition weit über rein wissenschaftliches Wissen hinaus. „Wissen kann zu sozialem Handeln führen und ist gleichzeitig Ergebnis von sozialem Handeln“ (Stehr 2000: 84) Eine neue Gesellschaftsform zeichnet sich deshalb ab, da so definiertes Wissen als drittes konstituives Element neben die beiden bisherigen gesellschaftsbildenden Faktoren Arbeit und Kapital tritt.

In allen Gesellschaftsbereichen wird die Bedeutung, welche dem zunehmenden Wissen beigemessen wird, größer werden. Dadurch werden gesellschaftliche Transformationsprozesse beschleunigt und zum Teil gegensätzliche Entwicklungen in Gang gesetzt. Mit der Zunahme und ständigen Verbreitung von Wissen nehmen auch die Handlungsmöglichkeiten zu und werden in größer werdenden Umfang auf die Mitglieder der Gesellschaft verteilt. Dadurch gewinnen gerade kleine soziale Kollektive und Individuen bisher benachteiligter Gruppen an Einfluß- und Handlungschancen. Die Möglichkeiten an Entscheidungen zu partizipieren, Widerstand zu leisten und auf Entwicklungen Einfluß zu nehmen werden für immer mehr Menschen durch Wissen neu eröffnet. Bestehende Ungleichheiten werden dadurch teilweise aufgehoben, dafür verhärten sich aber andere oder entstehen neu durch die Zugangschancen zu Wissen. Als neues stratifizierendes Merkmal kommt Wissen so eine wichtige Bedeutung zu.

Der Zunahme an Handlungsmöglichkeiten stehen allerdings der Verlust von Kontrolle und Handlungsalternativen gegenüber, welcher sich vor allem auf die großen gesellschaftlichen Institutionen, wie Regierungen, Bildungseinrichtungen, Kirche oder Wirtschaft bezieht. Gesellschaftliche Entwicklungen und Prozesse werden durch die Zunahme von Wissen, und damit auch der Zunahme von Nichtwissen immer weniger plan- und steuerbar.

Daraus ergibt sich Stehr ´s dritte These von der Zerbrechlichkeit moderner Gesellschaften. Da durch die Beschleunigung von sozialen Prozessen nicht nur die Gestaltbarkeit von Verhältnissen schwerer wird, sondern auch Unsicherheiten zunehmen. Das zunehmende Wissen, Expertise und Gegenexpertise, führt zu vermehrten Dissens, und seine Verbreitung führt zu stärkeren Infragestellung kollektiver Entscheidungen und Wahrheiten.

Ich möchte nun im Folgenden auf diese drei Haupthesen näher eingehen, und versuchen Stehrs Argumentation mit bisherigen soziologischen Theorien zu Wissen und Gesellschaft zu vergleichen.

II. Wissen als neues Merkmal

Theorien moderner Gesellschaften beziehen sich in der Regel auf das für zentral gehaltene Merkmal. Diese sind Faktoren welche die Gesellschaft stratifizieren, Strukturen schaffen, soziales Handeln leiten und quer durch alle Teilsysteme eine konstituierende Rolle spielen. So beziehen sich Theorien von der modernen industriellen Gesellschaft auf die zentrale Rolle der Industrie, welche im Gegensatz zur Agrargesellschaft eine neue Struktur schuf. Diese aufkommende bürgerliche im Gegensatz zu feudalen Gesellschaft wird anfangs als Eigentumsgesellschaft beschrieben, da Privateigentum das neue zentrale Moment wurde. Später entwickelte sich diese dann zu einer Arbeitsgesellschaft, welche sich nun zu einer Wissensgesellschaft bewegt. Das soll nicht heißen, daß diese neuen Eigenschaften nicht schon vorher vorhanden gewesen wären, oder sie mit dem Aufkommen eines neuen Merkmals verschwinden würden (Stehr 2000: 54f.).

Stehr betont einerseits daß Eigentum als auch Arbeit weiterhin zentrale Bedeutung haben werden. Andererseits verweist er darauf, dass Wissen bereits immer schon eine Voraussetzung für soziales Handeln war, und eine wichtige Rolle bei der Konstitution von Kollektiven gespielt habe. Seine These zielt eher auf die neue, wachsende Bedeutung ab, welche dem Wissen quer durch alle Bereiche, vor allem in der Ökonomie, zukommt (Stehr 2000: 56ff.)

An dieser Stelle möchte ich kurz auf den von Stehr verwendeten Wissensbegriff eingehen, da er das zentrale Moment seiner Argumentation darstellt, und er sich von bisherigen sozialwissenschaftlichen Diskursen über wissensbasierte Gesellschaften abzuheben versucht. Seine immer wiederkehrende Kritik an diesen ist die Behandlung des Wissens als „black box“, was er vermeiden möchte, indem er auf die sozialen Funktionen des Wissens und seiner Produktion abzielt. Er spricht daher nicht nur von objektiviertem, wissenschaftlichem Wissen, sondern definiert Wissen als „eine Handlungskapazität. Es gibt dem Handelnden in Verbindung mit der Kontrolle über die Eventualitäten des Handelns die Möglichkeit, etwas in Gang zu setzen. Wissen ist eine notwendige, aber keine ausreichende Fähigkeit zum Handeln“ (Stehr 1994: 242). Ich möchte an dieser Stelle nicht näher auf diese Definition von Wissen eingehen, da ich dieses Konzept erst im dritten Kapitel mit bisherigen Wissenskonzeptionen und Gesellschaftstheorien vergleichen möchte. Es ist jedoch wichtig für das Verständnis seiner These von einem neuen zentralen Moment hervorzuheben, dass Stehr hier einen sehr weitgefassten Wissensbegriff verwendet. Wissen wird hier zum entscheidenden Motor für den gesellschaftlichen Wandel erklärt. In bisherigen Gesellschaftstheorien wurde so verstandenes Wissen immer nur am Rande betrachtet, oder auf seine sozialen Folgen verkürzt.

Martin Heidenreich beschreibt die Geschichte der industriellen Gesellschaft als ein ständiges Streben nach einer methodischeren, enttraditionalisierten, und damit rationaleren Verwendung von Wissen. Er beruft sich dabei auf die frühen Klassiker der Gesellschaftstheorien (Heidenreich 2001: 2ff.).

So beschreibt Karl Marx bereits das Aufkommen einer neuen Gruppe von Wissensarbeitern, welche ihr Wissen als Produktionsmittel verkaufen. Die kapitalistische Bourgeoisie sei darauf angewiesen ihre Produkte sowie die dafür notwendigen Produktionsmittel ständig zu revolutionieren. Wissen kann daher in der kapitalistischen Gesellschaft nie von längerem Bestand sein, da es einer ständigen Erneuerung bedarf, um im Wettbewerb mithalten zu können. Dieser Prozeß der immerwährenden Revision vorhandener Wissensbestände und damit verbundenen Veränderung gesellschaftlicher Zustände wird bei Marx jedoch nur am Rande als Folge kapitalistischer Produktionsweise analysiert (Marx 1971: 465).

Max Weber stellt auch einen spezifischen Umgang der modernen Gesellschaften mit Wissen fest. Der Unterschied zu anderen Gesellschaften besteht bei ihm in der rationalen Produktion von Wissen in den modernen Wissenschaften und dem rationalen Umgang mit Wissensbeständen in bürokratischen Organisationen. Die Rationalisierung ist bei ihm die Ursache für die Überlegenheit des westlichen Wirtschaftsmodells, welches seine Macht vor allem durch die rational-kapitalistische Organisation von freier Arbeit erhält. Sein Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der Rationalisierung, insbesondere des Wirtschaftslebens, was ohne die spezifisch moderne, rationale Wissenschaft, des rationalen Rechts und der rationalen Verwaltung nicht möglich gewesen wäre (Weber 1972: 1ff.). Der spezifische, rationale Umgang mit Wissen ist bei Weber jedoch außerhalb des Wissenschaftssystems in erster Linie auf Organisationen, vor allem bürokratische, beschränkt. Er verortet hier die Ursache für den enormen sozialen Wandel innerhalb moderner Gesellschaften.

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Details

Seiten
22
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638157650
ISBN (Buch)
9783638640749
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8931
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Insitut für Soziologie
Note
eins
Schlagworte
Wissen moderne Gesellschaft

Autor

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