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Die Behandlung und Darstellung des Holocaust in "Jakob der Lügner" und "Jakob the Liar"

Eine vergleichende Analyse von Frank Beyers DEFA-Verfilmung und Peter Kassovitz’ Hollywood-Remake

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 19 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Bedeutung des Holocaust
1.1. Die DEFA und der Holocaust
1.2. Hollywood und der Holocaust

2. Das Verhältnis zur historischen Realität des Holocaust
2.1. Das Konzept des Märchenhaften
2.2. Das Konzept des Komischen
2.3. Das Konzept des Authentischen

3. Der Umgang mit der historischen Realität
3.1. Die Darstellung des Holocaust bei „Jakob der Lügner“
3.2. Die Darstellung des Holocaust bei „Jakob the Liar“

Schluss

Literaturverzeichnis

Primärquellen

Sekundärquellen

Einleitung

Ausgehend von den unterschiedlichen Bedeutungen, die dem Holocaust in der filmischen Aufarbeitung der DEFA-Tradition und des Hollywood-Kinos zukommen, soll in der vorliegenden Arbeit zunächst das jeweilige Verhältnis der beiden Verfilmungen von „Jakob der Lügner“ zur historischen Realität des Holocaust sowie die Erzählhaltungen der beiden Regisseure Frank Beyer und Peter Kassovitz dargelegt werden. Dabei sollen die unterschiedlichen Konzeptionen der Filme herausgearbeitet und im einzelnen näher betrachtet werden.

In einem dritten Schritt interessiert der Umgang beider Regisseure mit dem Holocaust in seiner konkreten visuellen Darstellung, bevor sich das abschließende Resümee damit beschäftigt, wie der jeweilige konzeptionelle Ansatz die Wirkung der filmischen Mittel beeinflusst und welcher der beiden Ansätze dem Wesen der Geschichte an sich näher kommt.

Auf die - durch Roberto Benignis Film "La vita è bella" (1998) ausgelöste - Debatte über die Legitimität, den Holocaust darzustellen, zumal nicht in dokumentarischer, sondern in fiktionaler Weise und noch dazu mit den Mitteln der Komik, soll im Rahmen dieser Arbeit nur am Rande eingegangen werden.[1]

1. Die Bedeutung des Holocaust

1.1. Die DEFA und der Holocaust

Jurek Beckers und Frank Beyers „Jakob der Lügner“ steht in einem fruchtbaren Kontext innerhalb der DEFA-Produktion, die sich durch eine ernsthafte und intensive Auseinandersetzung mit der Thematik des Holocaust bzw. Faschismus auszeichnete. Zur filmischen Aufarbeitung des Faschismus’, seiner Ursprünge und Auswirkungen, hat die DEFA wohl mehr beigetragen als jede andere nationale Filmproduktion.[2]

Von offizieller Seite wurde die Bereitschaft zur politisch-moralischen Reflexion der Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes und dementsprechend ein antifaschistisches Engagement bei den Filmschaffenden vorausgesetzt. Die Filmschaffenden ihrerseits ließen sich gerne auf die antifaschistische Thematik ein, da sie ihnen größere künstlerische Freiheit als Gegenwartsfilme gestattete.[3]

Die Tradition des antifaschistischen DDR-Films geht bereits auf die Zeit vor der Gründung der DEFA 1950 zurück: Mit "Die Mörder sind unter uns" (Wolfgang Staudte, 1946), "Affaire Blum" (Erich Engel, 1948) und "Rotation" (Staudte, 1949) widmeten sich Filmschaffende bereits unmittelbar nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft diesem historischen Kapitel.

Auch in der Folgezeit wurde das Thema kontinuierlich und in vielfältigen Variationen bearbeitet[4], bevor in den siebziger Jahren antifaschistische Filme wieder etwas in den Hintergrund rückten: Neben "Jakob der Lügner", der nach dem Willen Beyers und Beckers allerdings eigentlich auch bereits in den sechziger Jahren gedreht werden sollte[5] und zum ersten Mal in der DEFA-Geschichte den Holocaust aus jüdischer Perspektive erzählt[6], stellt "Wolz - Leben und Verklärung eines deutschen Anarchisten" (Günter Reisch, 1974) einen der wenigen antifaschistischen Filme in den Siebzigern dar, bevor die antifaschistische Thematik Anfang der achziger Jahre mit "Die Verlobte" (Reisch) und "Der Aufenthalt" (1982, Beyer) wieder größere Beachtung fand.[7]

Auch bei Jurek Becker[8] und Frank Beyer[9] persönlich stellt die Aufarbeitung des Faschismus’ das zentrale künstlerische Sujet dar. Zu einer zweiten Zusammenarbeit zwischen Beyer und Becker kam es 1995, also bereits nach dem Ende der DEFA-Ära: "Wenn alle Deutschen schlafen", entstanden nach Beckers Kurzgeschichte "Die Mauer", beschäftigt sich ebenfalls mit dem Faschismus bzw. dem Holocaust und spielt wie "Jakob der Lügner" im Ghetto.[10]

1.2. Hollywood und der Holocaust

Stellte die Beschäftigung mit dem Holocaust bei der DEFA also ein politisches Anliegen dar, so dient der Holocaust in Hollywood-Filmen (mittlerweile) oft lediglich als düstere Folie sowie abenteuerliche Kulisse für eine dramatische Filmgeschichte. Dabei spekulieren die Verantwortlichen darauf, dass dieses Sujet – wie auch andere Stoffe über die Zeit des nationalsozialistischen Regimes – bei vielen Zuschauern eine Mischung aus Schrecken und Faszination auslöst und demnach geradezu dazu prädestiniert dafür ist, das Publikum in hohem Maße zu emotionalisieren.

Der Holocaust wird zu diesem Zweck universalisiert und metaphorisiert, um ihn so als Trauma in allgemeingültiger Weise einsetzbar und projizierbar zu machen.

Damit „funktioniert“ der Holocaust als kollektives Trauma in ähnlicher Weise wie – für ein amerikanisches Publikum – Vietnam oder neuerdings „September 11“.

Das bedeutet, dass sich Filme der Chiffren, Fragmente und Klischees des Holocaust-Diskurses bedienen, die den Holocaust gar nicht thematisieren (z.B. "Chicken Run" oder "Komm, süßer Tod"). Die Intention derartiger Zitate beruht nicht auf Information, Aufklärung oder Gedenken, sondern auf bloße Emotionalisierung. Diese verlorene Scheu vor der inflationären Darstellung des Holocaust lediglich als unbefangenen Umgang mit einem düsteren Kapitel der Geschichte zu bezeichnen, würde die moralisch und ethisch bedenkliche Tatsache verharmlosen, dass der Holocaust durch diese Praxis automatisch instrumentalisiert, sinnentleert und entpolitisiert wird: Sprüche wie "There is no business like Shoah-business"[11] oder "Auschwitz als Disneyland"[12] weisen bereits auf die Gefahr der Kommerzialisierung und Trivialisierung des Holocaust hin. Denn Holocaust-Verbrechen werden zu Schrecken, Terror und Gewalt dramatisiert, um so als filmische Attraktionen zu fungieren. Diese sollen zur Unterhaltung beitragen, indem sie beim Zuschauer entweder voyeuristische Schaulust, also ästhetischen Genuss, erzeugen oder Furcht und Schauer im Aristotelischen Sinne der kathartischen Befriedigung auslösen.[13]

2. Das Verhältnis zur historischen Realität des Holocaust

Wie kann und soll in einem Film, der sich thematisch mit Wahrheit und Lüge befasst, mit der historische Realität verfahren werden? Zu dieser Frage mussten sowohl Beyer als auch Kassovitz eine Position entwickeln.

2.1. Das Konzept des Märchenhaften

Beyer hielt sich in dieser Frage eng an Jurek Becker und dessen Haltung zu Lüge und Wahrheit, die sich bereits im Umgang mit dem wahren Grundkern der Geschichte widerspiegelt: Denn ausgehend von der authentischen Geschichte eines Juden, der im Ghetto Lódz trotz Verbot ein Radio besaß und die Mitbewohner des Ghettos mit Nachrichten versorgte, bis er aufflog und hingerichtet wurde, konstruiert Becker eine fiktionale Geschichte und verkehrt sie in dem Sinne, dass der Protagonist bloß vorgibt, ein Radio zu besitzen.[14]

Becker und Beyer setzten der äußeren Authentizität eine innere Wahrhaftigkeit bzw. Wahrheit entgegen:[15] Gleich zu Beginn des Films erscheinen drei Texttafeln, die den Zuschauer mit dem Grundton der Geschichte vertraut machen sollen: "Die Geschichte von Jakob dem Lügner hat sich niemals so zugetragen." – "Ganz bestimmt nicht." –"Vielleicht hat sie sich aber doch so zugetragen."

[...]


[1] Siehe Frölich/Loewy/Steinert: Lachen, S. 9ff.; Loshitzky: Politik, S. 21ff.; Schmidt: Jurek, S. 7.

[2] Vgl.: Jung: Widerstandskämpfer, S. 121; Schmidt: Jurek, S. 18.

[3] Vgl.: Gersch: Film, S. 358, 373.

[4] Vgl.: "Der Rat der Götter" (Kurt Maetzig, 1950), "Der Untertan" (Staudte, 1951), "Sie nannten ihn Amigo" (Heiner Carow, 1959), "Sterne" (Konrad Wolf, 1959), "Fünf Patronenhülsen" (Frank Beyer, 1960), "Professor Mamlock" (Wolf, 1961), "Der Fall Gleiwitz" (Gerhard Klein, 1961), "Königskinder" (Beyer, 1962), "Nackt unter Wölfen" (Beyer, 1963).

[5] Kulturpolitische Restriktionen verhinderten eine frühere Realisierung: Zunächst scheiterte das Filmvorhaben am Widerstand der polnischen Behörden. Später führte die Kulturkrise in der DDR 1965 dazu, dass Beyer ans Dresdner Staatsschauspiel zwangsversetzt und mit einem insgesamt achtjährigen Arbeitsverbot als DEFA-Regisseur belegt wurde, nachdem sein Film „Spur der Steine“ als letzter von insgesamt zwölf Filmen vom Zentralkomitee der SED verboten worden war (Vgl.: Frölich: Märchen, S. 247; Jung: Widerstandskämpfer, S. 123, 128; Meyer: Amerikaner, S. 215; Schmidt: Jurek, S. 5f., 13, 17f.).

[6] Vgl.: Frölich: Märchen, S. 255.

[7] Vgl.: Gersch: Film, S. 398.

[8] Siehe auch "Die Mauer" oder "Der Boxer".

[9] Siehe auch "Fünf Patronenhülsen", "Königskinder", "Nackt unter Wölfen", "Der Aufenthalt", "Wenn alle Deutschen schlafen".

[10] Vgl.: Frölich: Märchen, S. 267; Schmidt: Jurek, S. 18f.

[11] Vgl.: Zitiert nach Joswig: Tragikomödie, S. 59.

[12] Vgl.: Zitiert nach Oster/Uka: Holocaust, S. 252.

[13] Vgl.: Joswig: Tragikomödie, S. 59f.; Lorenz: Holocaust, S. 267ff.; Oster/Uka: Holocaust, S. 251f., 260, 265.

[14] Vgl.: Frölich: Märchen, S. 268; Joswig: Tragikomödie, S. 72; Jung: Widerstandskämpfer, S. 103f.; Schmidt: Jurek, S. 5.

[15] Vgl.: Joswig: Tragikomödie, S. 68.

Details

Seiten
19
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638026390
ISBN (Buch)
9783638925556
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89283
Institution / Hochschule
Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg
Note
1,0
Schlagworte
Behandlung Darstellung Holocaust Jakob Lügner Liar

Autor

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