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Werk und musikalische Idee

Philosophie der Musik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 23 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Musik

2 Die Identität musikalischer Werke
2.1 Das Identitätsprinzip
2.2 Die Musikalische Idee und das Werk
2.2.1 Die Musikalische Idee
2.2.2 Werke
2.3 Tonträger

3 Ästhetik
3.1 Die Musik und das Ding an sich
3.1.1 Die Musikalische und die Platonische Idee
3.2 Absolute Musik
3.2.1 Vokal- und Programmmusik

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

In dieser Hausarbeit möchte ich versuchen, das Phänomen Musik anhand zweier Kategorien zu beleuchten. Die erste dieser Kategorien ist die Art und Weise, in der uns musikalische Werke heute begegnen können und die damit verbundene Frage nach der Identität musikalischer Werke, also danach, was sie uns eben als ein bestimmtes Werk und nicht als ein anderes erkennen lässt. Die zweite Kategorie fällt in den Bereich der Ästhetik und der musikalischen Reflexion.

Da es sich bei Musik um akustische Ereignisse handelt, muss zuerst untersucht bzw. definiert werden, was genau ein akustisches Ereignis zur Musik macht und wie sich dieses manifestiert. Im ersten Kapitel gebe ich eine solche Definition unter Berück- sichtigung des Ursprungs sowie der physikalischen Größen des Klangereignisses selbst. Das zweite Kapitel widmet sich dann der Frage nach der Identität musikalischer Wer- ke, ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Die Ästhetik, die im dritten Kapitel behandelt wird, basiert auf den ästhetischen Überlegungen Arthur Schopenhauers, wie sie in „Die Welt als Wille und Vorstellung“ dargelegt wurden und führt diese weiter.

1 Musik

In diesem Kapitel möchte ich zunächst in etwas allgemeinerer Form das beleuchten, was im weiteren Verlauf der Arbeit als Musik bezeichnet wird. Allgemein ausgedrückt könnte Musik als zeitliche Folge einzelner oder mehrerer akustischer Ereignisse defi- niert werden. Nun wird sicherlich jeder zustimmen, wenn man das Geräusch eines um- fallenden Baumes für sich genommen noch nicht als Musik bezeichnet. Allerdings gibt es Strömungen in der klangschaffenden Gesellschaft, Gräusche natürlicher Ereignisse wie z.B. das Gezwitscher von Vögeln oder das Rauschen des Meeres in den Zusam- menhang eines Werkes aufzunehmen. Ton und Geräusch sind wohl definiert, als solche auch meistens gut zu auszumachen und voneinander zu trennen; ein Teil von Musik können sie beide sein. Was nun das für sich stehende Geräusch des umfallenden Bau- mes als solches von der Musik ausschließt, ihr andererseits aber auch einverleiben kann, ist die Absicht des Klangschaffenden. Die Geräusche des Meeres und des umfallenden Baumes können erst dann zur Musik gezählt werden, wenn eine Absicht es schafft, das akustische Ereignis vom körperlichen zu trennen. Denn das Meer rauscht nicht um des Rauschens willen, so wenig wie ein Vogel zum Selbstzwecke zwitschert. Ein Kompo- nist kann allerdings das Meeresrauschen, das Vogelgezwitscher oder das Geräusch des umfallenden Baumes aufnehmen und durch Weiterverarbeitung zu Musik machen. Es muss also die oben formulierte Definition von Musik dahingehend erweitert werden, dass sie mit Absicht wegen des Klanges an sich geschaffen sein muss.

Fünf Parameter sind es, die sich in der Musik finden lassen und die, je nach Aus- prägung, den Charakter einer Musik ausmachen. Sie lassen sich von den physikali- schen Größen eines Tons - und bedingt auch eines Geräusches - Dauer, Frequenz und Amplitude ableiten. Das Aneinanderreihen unterschiedlicher bzw. gleicher Tondauern ergibt einen Rhythmus, die Gleichzeitigkeit von Frequenzen Harmonie und das Auftreten verschiedener Amplituden bezeichnen wir als Dynamik. Aus der Kombination von Tondauer und Frequenz entsteht Melodie. Der fünfte Parameter schließlich setzt sich aus der Harmonie und der Melodie zusammen: Die Polyphonie.

Der ursprünglichste und ebenfalls allumfassendste dieser Parameter ist der Rhyth- mus. Ausgehend vom Metrum, bildlich dem Pulsschlag der Musik, ist er es, der den zeitlichen Ablauf einer Musik organisiert. Sie ist ohne ihn nicht möglich. Seit der Er- findung der Musik wird an ihm variiert und herumexperimentiert und Schwerpunkte werden ebenso auf seine einfachste Erscheinungsform gelegt wie auf die Bestrebungen, ihn aus der Musik (zumindest klanglich) zu verbannen. Sein Naturell macht jedoch sei- ne Verbannung unmöglich, bzw. wäre eine Musik ohne einen Rhythmus, also ohne die Organisation der Abläufe akustischer Ereignisse in der Zeit, keine Musik. Diese kann sich zumindest jeweils einer der anderen Parameter entledigen und noch als Musik gel- ten. Den Rhythmus kann sie jedoch nicht ablegen, ohne sich ihrer eigenen Grundlage zu berauben.

Der Parameter Harmonie erfasst diejenigen akustischen Ereignisse, die in der Musik gleichzeitig geschehen. Durch Überlagerungen verschiedener Frequenzen bilden sich zwei Formen der Harmonie heraus. Auf der einen Seite diejenige, welche den tonalen Charakter, auf der anderen Seite diejenige, welche die Klangfarbe eines akustischen Er- eignisses beschreibt. Beides sind Ergebnisse ein und desselben Phänomens, der Gleich- zeitigkeit von Frequenzen. Der Ton a hat auf einer Violine oder auf einem Klavier ge- spielt die selbe Tonhöhe, die Klangfärbungen aber sind unterschiedlich. Verschiedene Frequenzen, die zusammen mit der Grundfrequenz des Tones a mitschwingen, sich aus ganzzahligen Vielfachen bzw. Teilern der Grundfrequenz zusammensetzten und z.B. im Klangkörper des jeweiligen Instrumentes entstehen, ergeben je nach unterschiedli- cher Dominanz eine andere Klangfarbe. (Ein Ton, der nur aus einer einzelnen Frequenz besteht, wird als Sinuston bezeichnet.) Der Teil der Harmonie, der sich mit der Gleich- zeitigkeit der Grundfrequenzen befasst und sich somit auf den tonalen Charakter von Zusammenklängen bezieht, ist die Harmonik. Geprägt ist sie von Begriffen wie Dur und Moll, Konsonanz und Dissonanz, Tonalität bzw. Atonalität. Alles Begriffe, die zu dem Zweck geschaffen worden sind, die Zusammenhänge verschiedener akustischer Ereignisse zu beschreiben, die auf den Überlagerungen von Grundfrequenzen beruhen. Die Dynamik, also das Auftreten verschiedener Lautstärken in der Musik, ist der Parameter, der, allgemein gesprochen, den Faktor des „musikalischen Audrucks“ we- sentlich mitbestimmt.

Wenn von der Melodie als Kombination von Dauer und Frequenz die rede ist, dann denkt man bei Frequenz wohl zuerst an die Variation der Grundfrequenzen, weil einem wohl ein rhythmischer Verlauf verschiedener Tonhöhen als die erste Assoziation mit dem Begriff Melodie vor Ohren tritt. Ob die rhythmische Variation einzig der Klangfarbe, ohne eine Veränderung des Grundtones, als Melodie gewertet werden kann, möchte ich an dieser Stelle ausklammern.

Die Polyphonie schließlich bildet einen akustisch komplexeren Parameter, weil er sich aus mindestens zwei der bereits besprochenen Parameter und nicht nur aus des- sen „urgrößen“ zusammensetzt. Polyphonie als „Mehrstimmigkeit“, also z.B. als zwei parallel ablaufende musikalische Stimmen, bildet automatisch Harmonie. Die einzel- nen Stimmen bringen durch ihre Klangfarbe sowieso schon einen harmonischen Faktor mit sich. Durch eine zweite Stimme tritt nun auch eine zweite Grundfrequenz zum Klang hinzu und bildet den tonalen Charakter der Harmonie. Die Polyphonie beinhal- tet also zum einen den parallelen Ablauf einzelner Melodien sowie die Harmonien, die sich aus deren Zusammenklang ergeben.

2 Die Identität musikalischer Werke

In diesem Kapitel soll die Identität musikalischer Werke untersucht werden. Die Frage nach der Identität stellt sich, wenn man sich die Tatsache vor Augen führt, dass es von einem einzelnen Werk mehrere Formen der Reproduzierbarkeit geben kann, die rein klanglich unterschiedlich sein können, jedoch immer das gleiche Werk repräsentieren. Sehr einfach zu verdeutlichen ist dieser Umstand am Beispiel des Konzertes. Keine von mehreren Aufführungen des gleichen Werkes klingt gleich einer anderen, da es, gerade im Rahmen eines Konzertes, die unterschiedlichsten Faktoren gibt, die auf den Prozess der Klangerzeugung unterschiedlichen Einfluss haben und die bei keiner zweiten Aufführung allesamt die gleichen sein können.

Derlei Faktoren gibt es viele. Der offensichtlichste, welcher sich von Aufführung zu Aufführung immer neu unterscheidet, ist wohl der menschliche. Viele Bedingungen dafür können einem einfallen, dass der Mensch - der Musiker - ein Werk nicht zwei- mal in jeder Hinsicht gleich zu spielen vermag. Die Vorstellung, dass solches gelingen kann, erscheint absurd, da es bedeuten müsste, dass der Musiker - der Mensch - sich bei beiden Aufführungen in exakt der gleichen körperlichen wie geistigen Verfassung befindet. (Von der exakten Gleichheit der äußeren Umstände ganz zu schweigen.)

2.1 Das Identitätsprinzip

Eine Formulierung des Identitätsprinzips nach Leibnitz könnte folgendermaßen lauten: Ein Gegenstand A ist mit einem Gegenstand B identisch, wenn alle Eigenschaften, die A zukommen, auch B zukommen und umgekehrt.

Ziehen wir als Gegenstand die Aufführung eines Werkes heran, so wäre die Auf- führung A eines Werkes mit der Aufführung B des gleichen Werkes identisch, wenn alle Eigenschaften, die der Aufführung A zukommen, auch Aufführung B zukommen und umgekehrt. Eine wesentliche Eigenschaft jeder musikalischen Aufführung ist der erzeugte Klang. Da nun aber gezeigt wurde, dass keine von mehreren Aufführungen des gleichen Werkes gleich einer anderen klingen kann, so könnte man nun zwei Be- hauptungen aufstellen:

1. Aufführung A und Aufführung B unterscheiden sich ob der Eigenschaft des erzeug- ten Klanges nicht, da sowohl Aufführung A als auch Aufführung B zwar nicht gleich, aber trotzdem jeweils erklingen. Diese Aussage ist natürlich sehr schwach und lässt den Schluss zu, dass jede Aufführung mit jeder identlich ist, weil sie die Reduzierung aller Eigenschaften jeder Aufführung darauf zulässt, dass sie nun einmal aufgeführt werden, was absurd ist. Das Erklingen selbst einer Aufführung kann also nicht Ei- genschaft einer Aufführung sein. Man kann nun aber das Erklingen selbst auf ein „in-bestimmter-Weise-Erklingen“ erweitern, woraus sich die zweite mögliche Aussage ergibt:

2. Aufführung A und Aufführung B unterscheiden sich ob der Eigenschaft des und sind deshalb nicht identisch. Mehr noch können zwei Aufführungen A und B auch des gleichen Werkes niemals identisch sein, weil sie sich zumindest immer in der Weise des Erklingens unterscheiden werden.

Trotzdem erkennen wir in beiden unterschiedlichen Aufführung eines gleichen Wer- kes eben dieses Werk. Es muss also etwas geben, was ein Werk als dieses charakterisiert und was trotz der besprochenen Unterschiedlichkeiten innerhalb der einzelnen Klang- wiedergaben erkennbar bleibt. Etwas, was unabhängig von den numerischen Identitä- ten der einzelnen Aufführungen eines Werkes das Werk selbst identifiziert; etwas, das unabhängig vom „Hier und Jetzt“ existiert und einzig mit eben diesem Werk verknüpft ist. Dieses Etwas lässt sich am besten ausdrücken als die Musikalische Idee, die einem Werk inne wohnt.

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Details

Seiten
23
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638068611
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89255
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Philosophie
Note
1,7
Schlagworte
Werk Idee Philosophie Musik

Autor

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