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Die Königsberger Krönungsfeierlichkeiten von 1701 als Mittel politischer Kommunikation

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 20 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Zeremoniell als Kommunikationsmedium in der Frühen Neuzeit

3. Die Königsberger Krönungsfeierlichkeiten
3.1 Die „pragmatischen“ Elemente des Krönungszeremoniells
3.2 Traditionelle Elemente der Krönung und Herrscherrepräsentation

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Quellen

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Es war ein gewaltiger Tross, der sich am 17. Dezember 1700 von Berlin aus nach Königsberg in Bewegung setzte. Um den brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III. samt dessen Hofstaat zur Krönung ins preußische Königsberg zu transportieren, mussten vier getrennt fahrende Gruppen gebildet werden, die insgesamt circa 30.000 Vorspannpferde benötigten. Allein die Suite des Kurfürstenpaares umfasste 200 bis 300 Karossen und Rüstwagen. Dieser enorme logistische Aufwand bildete jedoch nur Auftakt und Vorgeschmack zu einer bis dahin in Brandenburg und Preußen beispiellosen Prunkentfaltung.[1]

Gespart wurde während der sich über fünf Monate hinziehenden und erst am 21. Juni 1701 mit einem gewaltigen Feuerwerk in Berlin endenden Krönungsfeierlichkeiten an nichts. Eine Ahnung von den horrenden Kosten dieses Unternehmens – für das den Historikern keine Gesamtrechnung vorliegt – vermittelt folgendes Beispiel: Die in allen Landesteilen erhobene Kronsteuer erbrachte 500.000 Taler. Zudem bewilligten die kurmärkischen Stände für die Krönung weitere 100.000 Taler. Demgegenüber soll allein die Krone Sophie Charlottes 300.000 Taler gekostet haben.[2]

Angesichts solcher Ausgaben erscheint das harsche Urteil Friedrichs II. über seinen Großvater und Vorgänger auf den ersten Blick zutreffend. Er warf diesem die Verschwendungssucht eines eitlen Fürsten vor und meinte, Friedrich III./I. hätte nur nach der Königswürde gestrebt, um seinen Hang zum Zeremonienwesen zu befriedigen und Vorwände für eben jene Verschwendungssucht zu finden.[3]

Diese Auffassung – geäußert mehr als 40 Jahre nach der Krönung Friedrichs zum ersten König in Preußen – verkennt jedoch womöglich die politischen Erfordernisse des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Damals, zur Blütezeit des Absolutismus, waren das Zeremoniell und die Prunkentfaltung ein wesentlicher Indikator für Status und Rang eines Herrschers innerhalb des europäischen Mächtesystems und somit ein Mittel zur politischen Kommunikation. König war nur, wer wie ein König behandelt wurde, und auf die brandenburgischen Kurfürsten traf dies nun mal nicht zu. Die nachteiligen politischen Folgen für Brandenburg hatte bereits der Große Kurfürst auf diversen Friedensverhandlungen zu spüren bekommen, und der Vorrang gekrönter Häupter im europäischen Mächtespiel nahm während der Regierungszeit Friedrichs III. noch zu, so dass Brandenburg in die politische Bedeutungslosigkeit zu geraten drohte. Die angestrebte Rangerhöhung war somit ein sehr rationales und politisch motiviertes Ziel.[4] Wenn zudem innerhalb der höfischen Öffentlichkeit Zeremonienwesen und verschwenderische Repräsentation das eigentliche Medium waren, in dem sich der Rang manifestierte, liegt die Vermutung nahe, dass auch hinter Friedrichs Hang zum Zeremoniell mehr steckte als nur persönliche Eitelkeit und die bombastischen Krönungsfeierlichkeiten womöglich einem ebenso rationalen Zweck dienten, wie die Rangerhöhung.

Die vorliegende Arbeit will darum der Frage nachgehen, inwiefern das aufwendige Zeremoniell und die Prachtentfaltung bei der Krönungsfeier in Königsberg (und auf Königsberg sollen sich die Ausführungen beschränken) einen Akt politischer Kommunikation darstellten, welche Aussagen kommuniziert wurden und welches Ziel Friedrich auf diesem Wege erreichen wollte. Zudem soll eine Unterscheidung getroffen werden zwischen symbolischen Handlungen, die traditionell bei Krönungszeremonien zum Einsatz kamen und solchen, die für die Standeserhöhung Friedrichs III. bewusst abgewandelt oder neu hinzugenommen wurden. Die Beantwortung der Frage setzt zunächst voraus, den bereits angedeuteten Stellenwert des Zeremoniells in einem gesonderten – freilich knapp zu haltenden – Kapitel ein wenig näher zu erläutern.

2. Das Zeremoniell als Kommunikationsmedium in der Frühen Neuzeit

1696 traf Friedrich III. in Haag zu einer Besprechung mit König Wilhelm von Oranien zusammen. Der König sollte seinem Rang gemäß in einem Armsessel Platz nehmen, während dem niederrangigen Kurfürsten nur ein einfacher Stuhl zugestanden wurde. Friedrich fühlte sich dadurch tief gekränkt und bestand auf einer gleichberechtigten Sitzordnung. Um ernsthafte diplomatische Zwistigkeiten zu vermeiden, sollen sich beide daraufhin gar nicht gesetzt haben.[5]

Was heute wie ein etwas lächerliches Insistieren auf reinen Äußerlichkeiten anmutet, war zu jener Zeit jedoch symbolische – und damit handfeste – Politik. In der Frühen Neuzeit waren politische Kommunikation und politisches Handeln in der europäischen Fürstengesellschaft wesentlich bestimmt durch Formen und Rituale. Am bedeutsamsten war hierbei das Zeremoniell, innerhalb dessen bestimmten und exakt kalkulierten Handlungen auch eine bestimmte Bedeutung zukam, die ihrerseits die Rangverhältnisse der handelnden Personen genau erkennbar werden ließ.[6]

Demnach wurde Friedrich bei der Begegnung mir dem englischen König mehr verweigert, als nur ein Armsessel. Es war die Verweigerung der königlichen Ehren, der „honores regii“, die ihm als Kurfürsten nicht zustanden. Damit wurde ihm und allen anderen unmissverständlich vor Augen geführt, dass ihn die Gemeinschaft der souveränen europäischen Herrscher lediglich als zweitrangigen Potentaten und damit nicht als gleichwertigen Verhandlungspartner wahrnahm. Das hatte für Brandenburg – wie bereits angedeutet - unmittelbare politische Folgen, denn innerhalb eines Mächtespiels, in dem die Vorrangstellung der europäischen Kronen galt, konnte Brandenburg als zweitrangige Macht kein nennenswertes politisches Gewicht beanspruchen und drohte ins Hintertreffen zu geraten.[7]

Friedrichs Streben musste also darauf abzielen, als „Gleicher unter Gleichen“ auftreten können, was wiederum hieß, dass er einen Königstitel erlangen musste.[8] Jedoch reichte der Titel alleine auch nicht aus, denn König war, wer König genannt, vor allem aber derjenige, der wie ein König behandelt wurde – und zwar von den anderen Königen. Erst die zeremonielle Behandlung als König durch die restlichen Könige machte das Königtum eines Potentaten zu einer Tatsache. Die Geltung eines Königstitels hing demnach von der Anerkennung durch die übrigen Monarchen ab. Allerdings war vor Friedrichs Krönung keineswegs klar, ob die europäischen Mächte seinen neu erworbenen Titel wirklich anerkennen und ihm künftig die entsprechende zeremonielle Behandlung - und daraus folgend die diplomatische Gleichrangigkeit - zugestehen würden. Um keinen Zweifel an seinem neuen Rang und den ihm von nun an zustehenden königlichen Ehren aufkommen zu lassen, musste Friedrich sein Königtum als unwiderlegbare Tatsache präsentieren und zwar - den Spielregeln frühneuzeitlicher politischer Kommunikation entsprechend - mittels symbolischen, d. h. zeremoniellen Handelns bei seiner Krönung.[9]

Die Adressaten der aufwendigen Inszenierung in Königsberg waren demzufolge weit weniger die eigenen Untertanen, die es zu beeindrucken galt, als vielmehr die höfische Öffentlichkeit Europas, die von der Rechtmäßigkeit des neuen Status überzeugt werden musste.[10]

3. Die Königsberger Krönungsfeierlichkeiten

Bei der Krönungszeremonie, deren Planung Friedrich und sein Dignitätsconseil[11] – und hierbei vor allem den Oberzeremonienmeister Johann von Besser – lange Zeit beschäftigte, verfügte Friedrich über den Vorteil, als erster gekrönter Herrscher seines Hauses nicht an ein fest gefügtes Hauszeremoniell gebunden zu sein, sondern frei entscheiden zu können, welche der zur Verfügung stehenden Elemente der Herrscherweihe er für sein neues Königtum übernehmen wollte. Ihm standen viele Vorbilder zur Verfügung, an die er seinen eigenen Vorstellungen entsprechend anknüpfen konnte. Dabei orientierte er sich einerseits, wie seinerzeit die meisten europäischen Fürsten, an der Repräsentation und Prunkentfaltung Ludwigs XIV. Zum anderen flossen auch sehr traditionelle Zeremonien königlicher Repräsentation ein, die teilweise bis in die Antike zurückreichten. Ganz entscheidend jedoch war der Einfluss der bis dahin vollzogenen protestantischen Krönungen in Dänemark und Schweden.[12]

Friedrich selbst unterschied bei der Planung zwischen „traditionellen“ und „pragmatischen“ Elementen, wobei er unter den „traditionellen“ diejenigen zeremoniellen Handlungen verstand, die ihm für eine rasche Anerkennung innerhalb der Adelsgesellschaft unverzichtbar erschienen. Mit den „pragmatischen“ Elementen meinte er alle direkten Abweichungen von dem, was bis dahin bei derartigen Gelegenheiten als üblich galt.[13] Die vorliegende Arbeit wird Friedrich in dieser Unterscheidung folgen.

[...]


[1] Meiner, Jörg, „Diese so ungemein als rühmliche Weise König zu werden“. Ein Diarium der Krönungs-feierlichkeiten in Königsberg, in: Preußen 1701. Eine europäische Geschichte, Bd. 2: Essays, hg. v. Franziska Windt, Berlin 2001, S. 192.

[2] Baumgart, Peter, Die preußische Königskrönung von 1701, das Reich und die europäische Politik, in: Preußen, Europa und das Reich, hg. v. Oswald Hauser (= Neue Forschungen zur Brandenburg-Preußischen Geschichte 7), Köln u. Wien 1987, S. 75-76 u. 83.

[3] Friedrich der Große, Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg, hg. v. Klaus Förster, München 1963, S. 65 u. 85-86.

[4] Kunisch, Johannes, Friedrich der Große und die preußische Königskrönung von 1701, in: Dreihundert Jahre preußische Königskrönung. Eine Tagungsdokumentation, hg. v. Johannes Kunisch (= Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte, Beiheft 6), Berlin 2002, S. 269-275; Stollberg-Rilinger, Barbara, Honores regii. Die Königswürde im zeremoniellen Zeichensystem der Frühen Neuzeit, in: Dreihundert Jahre preußische Königskrönung. Eine Tagungsdokumentation, hg. v. Johannes Kunisch (= Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte, Beiheft 6), Berlin 2002, S. 7.

[5] Fuchs, Thomas, Dynastische Politik, symbolische Repräsentation und Standeserhöhung. Die preußische Königskrönung 1701, in: Vom Kurfürstentum zum „Königreich der Landstriche“. Brandenburg-Preußen im Zeitalter von Absolutismus und Aufklärung, hg. v. Günther Lottes, Berlin 2004,S. 32.

[6] Elias, Norbert, Die höfische Gesellschaft. Untersuchungen zur Soziologie des Königtums und der höfischen Aristokratie mit einer Einleitung: Soziologie und Geschichtswissenschaft (= Soziologische Texte 54), Neuwied u. Berlin 1969, S. 153-154; Pečar, Andreas, Symbolische Politik. Handlungsspielräume im politischen Umgang mit zeremoniellen Normen: Brandenburg-Preußen und der Kaiserhof im Vergleich (1700-1740), in: Preußen, Deutschland und Europa 1701-2001, hg. v. Jürgen Luh u. a. (= Baltic Studies 8), Groningen 2003, S. 280-282.

[7] Baumgart, Die preußische Königskrönung, S. 70 u. 73-74; Stollberg-Rilinger, Honores regii, S. 7 u. 19-21.

[8] Zur damaligen Vorrangstellung souveräner Herrscher im europäischen Mächtespiel, der „Monarchi-sierungswelle“, der daraus resultierenden politischen Notwendigkeit der Rangerhöhung und den diplomatischen Vorausetzungen siehe exemplarisch: Baumgart, Peter, Ein neuer König in Europa. Interne Planung, diplomatische Vorbereitung und internationale Anerkennung der Standeserhöhung des brandenburgischen Kurfürsten, in: Preußen 1701. Eine europäische Geschichte, Bd. 2: Essays, hg. v. Franziska Windt, Berlin 2001, S. 166-168.

[9] Stollberg-Rilinger, Honores regii, S. 7 u. 22-23.

[10] Vec, Miloš, Das preußische Zeremonialrecht. Eine Zerfallsgeschichte, in: Preußische Stile. Ein Staat als Kunststück, hg. v. Patrick Bahners u. Gerd Roellecke, Stuttgart 2001, S. 104.

[11] Das Dignitätsconseil hatte Friedrich III. 1699 als ein Beratungskollegium gegründet, dass sich mit allen Fragen zur geplanten Standeserhebung beschäftigte. Dem Conseil gehörte neben Johann von Besser unter anderem auch Johann Kasimir Kolbe von Wartenberg an. Vgl. hierzu Baumgart, Ein neuer König in Europa, S. 169.

[12] Duchhardt, Heinz, Die preußische Königkrönung 1701. Ein europäisches Modell?, in: Herrscherweihe und Königskrönung im frühneuzeitlichen Europa, hg. v. Heinz Duchhardt (= Schriften der Mainzer Philosophischen Fakultätsgesellschaft 8), Wiesbaden 1983, S. 82 u. 94; Sösemann, Bernd, Preußens Krönungsjubiläen als Rituale der Kommunikation. Dignitätspolitik in höfischer und öffentlicher Inszenierung von 1701 bis 1901, in: Preußische Stile. Ein Staat als Kunststück, hg. v. Patrick Bahners u. Gerd Roellecke, Stuttgart 2001, S. 116.

[13] Sösemann, Preußens Krönungsjubiläen, S. 116.

Details

Seiten
20
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638025829
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89151
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1
Schlagworte
Königsberger Krönungsfeierlichkeiten Mittel Kommunikation

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