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Leistungsbestimmende Faktoren im Judo

Seminararbeit 2004 28 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportarten: Theorie und Praxis

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Judoprinzipien

2. Erklärungsebenen der komplexen sportlichen Leistung im Judo

3. Zum Anforderungsprofil der Zweikampfsportart Judo
3.1 Technisch-koordinative Leistungsvoraussetzungen
3.1.1 Technische Fertigkeiten
3.1.2 Koordinative Leistungsvoraussetzungen
3.1.3 Koordinative Merkmale der Technik im Judo
3.2 Konditionelle Leistungsvoraussetzungen
3.2.1 Allgemeine konditionelle Leistungsvoraussetzungen
3.2.2 Spezielle technikgebundene konditionelle Leistungsvoraussetzungen
3.2.3 Komplexe wettkampfadäquate konditionelle Leistungsvoraussetzungen
3.3 Strategisch-Taktische Leistungsvoraussetzungen
3.4 Psychische Leistungsvoraussetzungen

4. Die Komplexität der Zweikampfsportart Judo

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

1. Judoprinzipien

Judo ist eine Kampfsportart, die um 1880 von Jigoro Kano in Japan aus dem Ju-Jitsu entwickelt und 1882 offiziell eingeführt wurde. Kano legte bei der Entwicklung des Judo Wert auf die geistige und moralische Erziehung des Menschen und nicht auf das Ziel der Kampfunfähigkeit bzw. des Todes des Gegners. Demzufolge entfernte er aus dem alten Selbstverteidigungssystem Ju-Jitsu alle gefährlichen Techniken wie Schläge und Tritte.

Mit der Lehre vom Judo verfolgte Kano die Absicht, zur Befolgung zweier Grundsätze zu erziehen. Der erste war der „Grundsatz des möglichst wirksamen Gebrauchs von Geist und Körper“ (Kano 1981, 174f.), der sich u.a. im Siegen durch Nachgeben verwirklichen lässt. Das zweite Axiom wurde von Kano (1981, 182) als das „Prinzip der allgemeinen Wohlfahrt und des Glücks“ bezeichnet.

Sei-Ryoku-Zen-Yo (technisches Prinzip)

Der beste Einsatz von Geist und Körper bezieht sich auf den besten Einsatz der vorhandenen Kräfte. In der Judopraxis bedeutet dies, dass der Judoka die Bewegung des Gegners und des eigenen Schwungs ausnutzt, wobei er das eigene Gewicht mehr einsetzt als die eigene Kraft, dass er die Hebelgesetze anwendet und dass er den Gegner studiert, um dessen Schwachpunkte zu nutzen und den optimalen Zeitpunkt einer Angriffsaktion zu erfassen. In diesem Prinzip findet das Siegen durch Nachgeben seinen Ausdruck, denn die Judotechniken beruhen nicht darauf, einer Kraft entgegenzuwirken, sondern diese zu seinem Vorteil zu nutzen. „Technik ist die Anstrengung Anstrengungen zu vermeiden“ (y Gasset zitiert nach Weinmann 1998, 17). Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist dabei die Gleichgewichtsbrechung in Richtung der generischen Bewegung. Denn bei einem unausgeglichenen Kräfteverhältnis ist es nutzlos, mit geringer Kraft gegen eine übermächtige Kraft anzukämpfen. Besonders im Bodenkampf gibt es aber auch Situationen, bei denen man durch Nachgeben keinen Erfolg hat. Dann sollte man seine Kräfte so geschickt wie möglich gebrauchen, um eine maximale Wirkung zu erreichen. Es ist die rationelle Kraftanwendung, die hier als Prinzip gilt (vgl. KANO 1981, 182).

Ji-Tai-Kyo-Ei (moralisches Prinzip)

Die „allgemeine Wohlfahrt“ äußert sich darin, dass das Ziel des Judo nicht darin besteht, den Gegner zu verletzten, sondern mit ihm gemeinsam zu üben und zu kämpfen. Hierdurch soll ein wechselseitiger Fortschritt erreicht und das beiderseitige Wohlergehen aufrechterhalten werden. So trainieren grundsätzlich alle Übenden miteinander. Präferenzen sollten sich nur aus trainingstheoretischer Sicht ergeben und es sollte im Hinblick auf Ukes Körpergewicht gewährleistet sein, dass Tori die Kontrolle über die Fallübung von Uke behält, da er die Verantwortung für dessen Landung hat. Des Weiteren sollte beim Randori rücksichtsvoller gekämpft werden als beim Shiai, auch um wechselseitige Erfolgserlebnisse zu ermöglichen.

In diesem moralischen Prinzip kommt die Erziehung aus dem Geist und zum Geist des Judo zur Geltung. Dies betrifft nicht nur die Herausbildung eines Kampfwillens und die Überwindung von Ängsten, sondern insbesondere die Judoetikette, die sich in den Grußritualen, dem Sitzverhalten und der Sitzordnung widerspiegelt, sowie die Achtung des Partners. So formulieren Kriegel/Süssenguth (1997), dass zwar mit zunehmendem Trainingsalter primär das „Beherrschen der sportlichen Technik“ (382) wichtig ist, sich aber der „‚Geist des Judo‘ […] über die soziale Interaktion im Kontext von Übereinkünften und Regeln“ (387) ständig offenbart. Daher werden Beschimpfungen des Gegners bei Judoturnieren nicht geduldet und in der Regel mit einer Disqualifikation geahndet.

Auch deshalb bedeutet Judo so viel wie „Weg der Sanftheit, des Nachgebens”, der durch die Beachtung der zugrundeliegenden sich gegenseitig bedingenden und ergänzenden technischen und moralischen Prinzipien erfolgreich beschritten wird.

2. Erklärungsebenen der komplexen sportlichen Leistung im Judo

Der Kampfsport Judo gehört zu den situativen Sportarten und basiert sowohl auf der physischen als auch der psychischen sportlichen Leistung. Der Judoka muss nicht nur viele Wurftechniken beherrschen, er sollte diese ebenfalls unter Wettkampfbedingungen, das heißt gegen den Widerstand eines anderen, anwenden können. Aufgrund dieser Aspekte findet auch im Judo Schnabels (1993) Gliederung der Leistung in drei Strukturebenen Anwendung: die komplexe sportliche Leistung ist determiniert durch die Wettkampfstruktur, die Leistungsfähigkeit und das Training (vgl. Abbildung 1).

Im Wettkampf entstehen viele Situationen und Möglichkeiten, um Judotechniken für eine erfolgreiche Kampfführung im Stand und am Boden anzuwenden. Es gibt aber ebenso viele Gelegenheiten für den Gegner, den Kontrahenten mittels dieser Techniken zu besiegen. Das bedeutet, dass der Judoka nicht nur viele Angriffs- und Verteidigungsaktionen kennen, sondern auch unter Druck können muss (vgl. Lehmann & Müller-Deck 1987). Es gibt nur wenige Sportarten, bei denen eine so allseitige Ausbildung wie im Judo notwendig ist. Voraussetzungen sind Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Nervenstärke. Um all das zu erlangen, ist ein sehr vielseitiges Training nötig. Es reicht vom Laufen über verschiedene Spiele bis hin zum Gewichts-, Kraft- sowie Techniktraining. Hinzu kommt, dass der Ausgang eines Kampfes oft in Bruchteilen von Sekunden entschieden wird. In kürzester Zeit muss eine Situation im Kampf durch blitzartiges Anwenden einer Technik ausgenutzt werden oder der Judoka muss sehr schnell auf den Angriff seines Gegners reagieren. Daher sollte dem Training der Bewegungsschnelligkeit und der Reaktionsfähigkeit ein großer Stellenwert zugeschrieben werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Leistungsanforderungen und Einflussfaktoren im Judo (in Anlehnung an Schnabel, Harre & Borde 1997; Grosser 1986; Bauersfeld & Schröter 1979; Weinmann 1998)

Judo ist also durch äußerst variable Umweltbedingungen gekennzeichnet und verlangt die zielgerichtete Auswahl und Variation bereits beherrschter Einzelbewegungen oder Aufgabenkombinationen. Dementsprechend hat diese Sportart ein ganz eigenes Anforderungsprofil, welches hinsichtlich der Leistungsvoraussetzungen im Folgenden beschrieben werden soll. Dabei gilt für die Vielzahl der dargestellten Einflussfaktoren das Minimalprinzip: „Wahrscheinlich ist das Leistungsniveau nur so weit steigerbar, wie es die am wenigsten vorhanden oder trainierten Eigenschaften zulassen“ (Weinmann 1998, 18).

3. Zum Anforderungsprofil der Zweikampfsportart Judo

In einem Anforderungsprofil im Sport werden alle für eine bestimmte Sportart notwendigen und somit leistungslimitierenden Fähigkeiten und Fertigkeiten eingeordnet. Sie sind bei hohen sportlichen Leistungen nicht kompensierbar, d. h. ein unzureichender Ausprägungsgrad ist nicht durch eine überdurchschnittliche Ausprägung einer anderen elementaren Leistungsvoraussetzung auszugleichen. Durch eine Analyse der Sportart im Hinblick auf die Wettkampfbestimmungen, die Handlungsziele und die sich verändernden Handlungsstrukturen wird das Anforderungsprofil erstellt (vgl. Kirchner 1991, 98). Das Maß an Übereinstimmung der Leistung eines Athleten mit dem Anforderungsprofil determiniert dessen Leistung. Schubert, Kirchgässner & Barth (1976, 419) beschreiben die Struktur der Zweikampfsportart Judo wie folgt:

„Das Ziel der sportlichen Auseinandersetzung der Judokas besteht darin, den Gegner im Rahmen vorgegebener Wettkampfregeln zu besiegen. Zur Realisierung dieses Zieles können verschiedene komplexe, zeitlich und räumlich strukturierte Handlungen angewendet werden, die in sich sehr schnell ändernden Kampfsituationen und unter hohen physischen und psychischen Belastungen ausgeführt werden müssen. Dabei ist der ständig wechselnde Widerstand des Gegners zu beachten, zu kontrollieren und für die eigenen Handlungen, die stets eine bestimmte Zielgerichtetheit aufweisen, zu nutzen. Jeder Judoka wird in relativ kurzer zeitlicher Aufeinanderfolge mit Gegnern kon-frontiert, die sich in ihrer Kampfweise, ihrem technischen Repertoire und ihrer psycho-physischen Zustände grundlegend voneinander unterscheiden können.“

Der Leistungsstruktur im Judo folgend können verschiedene Anforderungen an das Leistungsniveau eines Judoka abgeleitet werden. Es handelt sich hierbei um Anforderungen aus vier größeren Bereichen, aus denen wiederum weitere Unterbereiche abgeleitet werden[1] (vgl. Lehmann 1997, 12):

1. Technisch-koordinative Leistungsvoraussetzungen
2. Sportartspezifische konditionelle Leistungsvoraussetzungen
3. Taktik
4. Psychische Voraussetzungen

3.1 Technisch-koordinative Leistungsvoraussetzungen

Das Repertoire eines Judoka sollte sich durch das Vorhandensein eines großen Komplexes komplizierter motorischer Handlungen, die an ein hohes Niveau der Schnelligkeitsfähigkeiten gebunden und gleichzeitig an eine bestimmte Anpassungsvariabilität an die sich verändernden Wettkampfbedingungen geknüpft sind, auszeichnen. Dabei sollen selbst unter Ermüdungsbedingungen stets effektive technische und taktische Handlungen und Aktionen durchgeführt werden können. Nach Hirtz (1994, 127) bezeichnen motorische Fertigkeiten „speziell erworbene und gespeicherte dispositionelle Eigenschaften im Sinne von relativ stabilen motorischen Handlungen bzw. von automatisierten Komponenten, Teilhandlungen bzw. Operationen. Es handelt sich also um den konkreten, individuellen koordinativen Aneignungsgrad bestimmter motorischer Handlungen und Handlungskombinationen.“ Daher beziehen sie sich auf eine konkrete Bewegungstechnik, im Gegensatz zu den Fähigkeiten, die eher eine bewegungsübergreifende Bedeutung haben (vgl. Roth & Willimczik 1999, 233). Natürlich spielen bei der Bewegungsausführung auch konditionelle Aspekte und die Interaktion zwischen Koordination und Kondition ebenso eine Rolle wie Beweglichkeit, Gelenkigkeit und Dehnfähigkeit.

3.1.1 Technische Fertigkeiten

„Das Ziel der Wurftechnik besteht darin, den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen und ihn durch ökonomische Bewegungen mit Hilfe eines Wurfes schwungvoll so zu Boden zu werfen, dass er mit Wucht auf dem Rücken landet“ (Erbach et al. 1972, 383 ff.). Dabei wählt der Judoka aus seinem Repertoire der Stand- und Bodentechniken, über welches seine Graduierung Auskunft gibt, diejenigen aus, die am erfolgversprechendsten als Kampfhandlung und somit für die entscheidenden Wertungen sind. Dies erfolgt auf der Basis der sensomotorischen Handlungsregulation, an welcher Bewegungserfahrung und motorische Lernfähigkeit einen entscheidenden Anteil haben. Dieser Prozess der Herausbildung von Spezialwürfen erfordert jahrelange Übung, denn nur so wird es möglich, Würfe mit den zugehörigen Kombinations- und Täuschungsmanövern wirklich zu beherrschen. Dabei sollte man seine Spezialwürfe so auswählen, dass sich für verschiedene Verteidigungsstellungen des Gegners jeweils eine Angriffsmöglichkeit ergibt, also z.B. ein Wurf nach vorn, nach hinten und mit Linkseingang. Auch für alle anderen Techniken gilt, dass man sie durch intensive und dauerhafte Übung genauer, schneller und sicherer ausführen kann. Man lernt, seine Kraft rationell und koordiniert mit den Bewegungen einzusetzen, und handelt automatisch.

Da die Sportart Judo aber unumstritten eine vergleichsweise große Vielzahl von Techniken bzw. Bewegungsabläufen auf dem Gebiet von sehr unterschiedlichen Bewegungsfeldern umfasst (Fall-, Wurf-, Würge- und Armhebeltechniken), kann ein Judoka nie alle vorhandenen Techniken perfekt beherrschen, so dass sein Repertoire, welches er für wirksame Kampfhandlungen nutzen kann, immer begrenzt bleibt. Ist ein Wurf erfolgreich, sind für Uke die Ukemi (Fallübungen) sind essentiell, weil sie ein sicheres Fallen gewährleisten und die sich ergebenden Nachteile so gering wie möglich halten können. Schließlich kann man nicht jeden Kampf gewinnen bzw. ausschließen, den gegnerischen Techniken zu „erliegen“.

Die Wettkampfregeln bestimmen dabei die Möglichkeiten, mit welchen Wirkungsweisen die Kämpfer zum Erfolg kommen können. Offen bleibt, auf welche Art und Weise man zu diesen gelangt, d.h. die jeweiligen Lösungswege sind nicht eindeutig festgelegt. Die Technik beschreibt Wolf (1986, 37) daher folgendermaßen:

„Unter Technik im Judo verstehen wir ein bestimmtes, der eigenen und gegnerischen Konstitution sowie den Wettkampfregeln angepasstes rationelles (d.h. unter biomechanischen Aspekten zweckmäßiges und ökonomisches) und wirksames (d.h. Nutzung aller mechanischen, funktionell-anatomischen und physiologischen Einwirkungsmöglichkeiten auf den Gegner) Lösungsverfahren einer sportlichen Bewegungsaufgabe.“

3.1.1.1 Die Phasen eines Judowurfes

Im Judo gibt es eine Einteilung der wurftechnischen Handlungen in drei Phasen, die als motorische Funktionseinheit zu verstehen sind, da sie in einer typischen zeitlichen und dynamischen Aufeinanderfolge realisiert werden (vgl. Lehmann & Müller-Deck 1987, 46). Wurftechniken im Judo sind komplexe Aktionen, die durch vorbereitende Aktivitäten unterstützt werden. So ergibt sich folgender Ablauf: das Finden einer sinnvollen Ausgangsposition, das Kuzushi (Gleichgewichtsbrechung), die Eingangsform, der Tsukuri (Wurfansatz) und der Kake (Niederwurf). Diese traditionell überlieferten Phasen eines Judowurfes existieren unabhängig von einer bestimmten Wurftechnik. Sie gliedern die Bewegung dahingehend, dass das, was in der Gliederung herausgehoben wird, eine bestimmte Funktion in Bezug auf das Bewegungsziel hat und zudem zeitlich abgrenzbaren Abschnitten zugeordnet werden kann (vgl. Göhner 1992, 126). Dennoch setzen sich die einzelnen Phasen gegenseitig voraus und fließen bei der praktischen Ausführung stetig ineinander über.

[...]


[1] In Tabelle 1 (Anhang) werden die einzelnen Bereiche mitsamt ihrer Unterbereiche dargestellt.

Details

Seiten
28
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638025652
ISBN (Buch)
9783640108923
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89112
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
1,3
Schlagworte
Leistungsbestimmende Faktoren Judo Spezialkurs

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