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Das Internet als Ort historischer Wahrheit?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 24 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Medium Internet
2.1. Das Internet als Informationsmedium und Publikationsmedium
2.2. Zur Problematik von Online-Informationen

3. Internetethik
3.1 Ein pragmatischer Ansatz für eine Internetethik nach Mike Sandbothe
3.2 Ein handlungstheoretischer Ansatz für eine Internetethik nach Bernhard Debatin
3.2.1 Der Funktionsbereich Wissen: Elektronisch erzeugte Wahrheit?
3.2.2 Der Funktionsbereich Freiheit: Elektronische Öffentlichkeiten?
3.3 Medienrecht

4. Konsequenzen für den Einsatz des Mediums Internet im Geschichtsunterricht
4.1 Gefahren und Probleme des Interneteinsatzes im Geschichtsunterricht
4.2 Methodik und Didaktik des Interneteinsatzes im Geschichtsunterricht
4.3 Medienkompetenz/Online-Kompetenz
4.4 Evaluationskriterien im Internet

5. Der Nationalsozialismus im internetgestützten Geschichtsunterricht

6. Fazit

7. Literatur- und Medienverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Von vielen wird das Internet noch immer als eine „Bedrohung durch das Neue, Fremde und Verbotene“[1] wahrgenommen. Bestätigung finden sie, wenn die Problematiken um Computerkriminalität oder die Verbreitung von Pornographie und Propaganda im Internet öffentlich diskutiert werden. In diesem Zusammenhang werden ethische Fragen erörtert, die besonders das Verhältnis von Zensur und Freiheit der Rede im Netz betreffen. In diesen Bereich fällt auch folgende Frage: „Internet als Ort historischer Wahrheit?“

Doch wie definiert sich „Wahrheit“ – insbesondere die historische? Zunächst ist sie ein moralischer Anspruch, dem man gerade in der Geschichtswissenschaft gerecht werden sollte. Und erreicht wird sie, indem die Forschung alles begründet, belegt und nachvollziehbar macht. Die Schwierigkeit besteht dabei in der Quellenarbeit, da diese unvoreingenommen und ganzheitlich erfolgen sollte. Im Internet stehen neben den Primärquellen aber hauptsächlich Sekundärliteraturen zur Verfügung, aus denen Informationen entnommen werden. In diesen Geschichtsdarstellungen ist es dann nicht immer einfach, eine eventuelle Selektivität oder gar Verfälschung aufzudecken.

Um hierfür Ansatzpunkte zu finden, wurden zahlreiche Orientierungen für die kritische Bewertung von Internetseiten im Bereich der Medienethik ausgearbeitet. Diese stellen den Versuch dar, einen Qualitätsmaßstab zu erarbeiten, der es zumindest erlaubt, illegale und schädliche Quellen aus den Rechercheergebnissen zu streichen. Dennoch wird die Problematik der Ethik im Internet, besonders im Zusammenhang mit der Geschichtswissenschaft, in den meisten Fällen nur angerissen. Daher soll in dieser Arbeit versucht werden, die Gefahren aber auch die Vorteile der Internetnutzung aufzuzeigen. Dabei ist es unumgänglich, auf die Internetethik und das Medienrecht einzugehen. Hiervon ausgehend sollen die Konsequenzen aufgezeigt werden, die sich für den Einsatz des Internet im Geschichtsunterricht ergeben, da „das Internet als globales Netzwerk von Informationen […] für Lehrer wie für Schüler heute nicht mehr aus den verschiedenen Bereichen des Unterrichts wegzudenken [ist,] und […] besondere Aufmerksamkeit in der schulischen Praxis [verdient]“[2].

2. Das Medium Internet

Zweifellos ist es nicht einfach, das Internet zu beschreiben. Dass es multimedial ist und zu den neuen Medien gehört, wäre bei Weitem nicht ausreichend. Besonders im Hinblick auf die Beleuchtung der ethischen Problematik, die sich bei der Arbeit im und mit dem Internet ergibt, erhält man mit folgender Definition von Fasching erste Ansatzpunkte: „Das Internet ist ein globales Netzwerk unterschiedlicher Computernetze, das, technisch hierarchisch aufgebaut, Daten mittels TCP/IP-Protokollierung, als selbst­steuernde Pakete transportiert, um den Nutzern Programm-, Datei- und Informa­tionsaustausch und gegenseitige Kommunikation mittels verschiedener Dienste zu ermöglichen. Dieses Netzwerk ist ein von seinen Nutzern selbst verwaltetes System ohne zentrale Instanzen mit formell legitimierter Sanktionsgewalt; das Miteinander vollzieht sich nach einem informellen dynamischen Regelwerk, das Teil einer gewachsenen Kultur ist.“[3]

Hieraus werden die drei Einsatzformen des Internet ersichtlich: als Informationsmedium, als Kommunikationsmedium und als Publika­tionsmedium.

2.1. Das Internet als Informationsmedium und Publikationsmedium

Das Internet ermöglicht es, zeit- und ortsunabhängig auf viele Informationen zuzugreifen. Um jedoch geeignete zu finden, ist es meist erforderlich, sich der Suchmaschinen zu bedienen, durch welche thematische Einschränkungen vorgenommen werden können. Des Weiteren kann das Internet für eine umfassende Literaturrecherche eingesetzt werden, da hier die OPACs (Online Public Access Catalogues) zahlreicher Bibliotheken zur Verfügung stehen.

Wählt man jedoch den ersten Weg, so ist es erforderlich, zu wissen, dass nahezu jeder in der Lage ist, im Internet zu publizieren. Dafür ist es lediglich notwendig, ein Dokument in HTML (Hypertext Markup Language) zu formatieren und sich einen Provider zu suchen, über den es veröffentlicht wird. Hierauf kann dann jeder Nutzer des Netzes zugreifen. Für Urheber wie „User“ ergeben sich dabei folgende Probleme: "In vielen Fällen besteht für eine Publikation elektronischer Daten kein Rahmen, es fehlt die Qualitätskontrolle, es fehlen verbindliche Vereinbarungen über den Schutz des geistigen Eigentums, es gibt keine befriedigende Methode der Honorierung und es fehlt an Verzeichnissen."[4] Aus diesen Gründen wird das Internet als Publikationsort wissenschaftlicher Arbeiten nie ausschließliches Medium werden, da es zwar kostengünstiger als der Buchdruck ist, aber ein finanzieller Verdienst nur mit einer Einschränkung der Zugänglichkeit zu erreichen wäre. Hinzu kommt in diesem Zusammenhang die mangelnde Akzeptanz des Internet im wissenschaftlichen Diskurs.[5] Aber genau diese Einstellung erleichtert populärwissenschaftlichen Auseinandersetzungen die Verbreitung und Rezeption im Netz.

2.2. Zur Problematik von Online-Informationen

Es ist also absolut notwendig – besonders im Bereich der Schule –, dass ein Kriterienkatalog entwickelt wird, der es ermöglicht, Webseiten hinsichtlich ihrer Qualität zu überprüfen, „weil ansonsten die Gefahr besteht, dass falsche Informationen unreflektiert übernommen werden“[6]. Besonders da das Internet laut der JIM-Studie von 2005 mit 64 Prozent als das wichtigste Informationsmedium für den Bereich Schule gilt.[7] Doch bevor diese Bewertungskriterien Anwendung finden können, sind weitere Hürden zu überwinden.

Zunächst gilt es, die Komplexität der Informationen im Netz durch Selektion entsprechend den eigenen Bedürfnisse zu verringern, denn es ist theoretisch möglich, dass die gesamte Weltbevölkerung jeden Tag eine neue Seite ins Internet stellt.[8] Diese Auswahl durch Suchmaschinen, Filter oder Softwareagenten wirft jedoch das Selektionsproblem auf, da die durchgeführte Reduktion für den Nutzer nicht nachvollziehbar ist. Die Vorgänge können manipuliert werden, oder die Betreiber werden bezahlt, damit sie bestimmte Seiten immer wieder ganz oben auflisten. Da man auf diese Selektionsprozesse jedoch nicht verzichten kann, wird zunehmend eine Transparenz der Suchvorgänge gefordert. Zumindest im Bereich der angewandten Merkmalsanalyse sollte dies umgesetzt werden können.

Ein weiteres Manko des Internet ist die Instabilität der Online-Quellen. „Das Ende der ‚Gutenberg Galaxis’ liegt in der ungeheuren Schnelligkeit, Variabilität und Kapazität elektronischer Speicher-, Kommunikations- und Verbreitungsmedien.“[9] Nachdem man also die Suchergebnisliste vorliegen hat, ist es nicht zwingend, dass alle Web-Adressen noch existieren. Damit geht auch einher, dass eine spätere Überprüfung nicht gewährleistet ist, denn „im Internet ist jedes einzelne Dokument immer nur bis zu seinem nächsten ‚Update’ wahr und kann in seiner nächsten Version dann auch wieder völlig anders aussehen“[10]. In diesem Zusammenhang verweist Debatin auch auf die „geschichtslose Selbstreferentialität“, die im Internet vorherrscht – im Gegensatz zu den Printmedien.[11] Will man jedoch einem wissenschaftlichen Anspruch gerecht werden, so wird man auch bei Publikationen im Internet auf „historische Referenzen“ verweisen, die sich im Bereich der Printmedien befinden, wodurch die Ausführungen leichter belegbar sind.

Alle bisher angesprochenen Problemaspekte des Internet münden letztlich in der Frage nach der Wahrheit und Glaubwürdigkeit.[12] Dabei stellt Debatin fest, dass „Wahrheit, Qualität und Authentizität der Informationen […] kaum immanent überprüft werden“ können.[13] Denn die Bewertung der vorgefundenen Informationen ist auch deshalb so schwierig, weil – setzt man die Selbstreferentialität voraus – durch die Hypertextualität eine Dekontextualisierung erfolgt. Dabei kann es geschehen, dass aufgrund der Verlinkung bestimmter Begriffe oder Bilder die neuen Kontexte diese in einen ganz anderen Sinnzusammenhang setzen.

3. Internetethik

Die offensichtlichen Nachteile des Internet sind skizziert, doch besonders die latenten werfen ethische Fragen auf. Nachdem man noch in der Lage ist, mit Hilfe der Trefferlisten der Suchmaschinen wertlose Informationen von gehaltvollen zu unterscheiden, kann ein weiteres Pro-blem bei der Recherche auftreten. „Spätestens dann aber, wenn man vor einer absichtlich und geschickt verfälschten Information steht, fällt es dem Laien oder dem fachwissenschaftlich nicht so versierten Schüler sicherlich schwer, hier eine geeignete Differenzierung vorzunehmen. Wichtig ist in diesem Fall, um nur ein Beispiel zu nennen, die Kenntnis der Absicht, mit der eben diese Seite ins Netz gestellt wurde.“[14]

Dies weist auf den Konflikt von „Freiheit, Wahrheit und Zensur im Internet“ hin.[15] Ohne Refernzbezüge kann die Geschichtsdarstellung manipuliert werden und ihrerseits manipulierend wirken. Die dadurch entstehende Verwendung als Propagandamittel kann aber aufgrund der bestehenden freien Meinungsäußerung nicht sanktioniert werden. Wenn also die Gesetzgebung nicht in der Lage ist, hier einzugreifen – sofern dadurch nicht die Grundfesten des Staates angegriffen werden –, dann muss eine Selbstregulierung innerhalb des Internet stattfinden.

3.1 Ein pragmatischer Ansatz für eine Internetethik nach Mike Sandbothe

Entgegen dem traditionellen Ethikkonzept geht Sandbothe davon aus, dass moralische Prinzipien immer in Bezug auf die Zeit und ihren gesellschaftlichen Kontext gesehen werden müssen, und somit nicht als universell und feststehend betrachtet werden können. Diese Anpassung sei erforderlich, da sich das Internet durch eine Dezentralisierung, das Aufbrechen von Hierarchien und die Unabhängigkeit von einem geographischen Kontext auszeichnet.[16] [17] Sein „Pfad der Interpretation“ fordert also im Sinne der Moralphilosophie, dass die bestehenden moralischen Normen und Werte aufgrund dieser Veränderungen neu ausgelegt werden müssen.

Mit dieser Sichtweise nimmt er der Gesetzgebung die Verantwortung, neue Gesetze zu schaffen, da die bestehenden Normen Grundlage sein sollen. Dabei vergisst er aber, dass nur auf gesellschaftlichem Konsens beruhende ethische Richtlinien nicht praktikabel sind, denn sie bestehen bereits. Trotzdem sehen sich die Verantwortlichen, denen unmoralisches Verhalten vorgeworfen werden kann, nicht dazu verpflichtet, diese einzuhalten. Auch die bestehende „Netiquette“[18] als Verhaltenskodex für das Internet, welche in die gleiche Richtung schlägt wie Sandbothes Ansatz, bildet zwar einen Versuch die ethischen Richtlinien durchzusetzen, ist damit aber offensichtlich nicht immer erfolgreich. Sie kann allerdings als guter Ausgangspunkt betrachtet werden, um durch die vorhandenen Normen, die gesetzliche Regulierung des Internet zu unterstützen.

3.2 Ein handlungstheoretischer Ansatz für eine Internetethik nach Bernhard Debatin

Debatin teilt für seinen handlungstheoretischen Ansatz das Internet in folgende drei Funktionsbereiche ein: Identität, Wissen und Freiheit. In Bezug auf die Frage nach historischer Wahrheit im Internet, ist der von Debatin ausgewiesene Bereich der Identität nur im Zusammenhang mit der Normenproblematik relevant, welche aus dem Verhalten der Internetnutzer und sozialen Konflikten aufgrund von amoralischen Handlungen entsteht. So wird im Rahmen der „Netiquette“ von den Teilnehmern verschiedener Newsgroups, Foren und Chats die Zustimmung zu bestimmten Verhaltensnormen verlangt. „Die Einhaltung dieser Normen wird oft durch Sysops (System Operators) und ähnliche Funktionsträger kontrolliert und mittels entsprechender Sanktionen (bis hin zum Ausschluss) durchgesetzt.“[19] [20]

Im Funktionsbereich Wissen werden Fragen der Ethik in Bezug auf Wahrheit, Möglichkeiten der Manipulation sowie – im Rahmen der geforderten Transparenz – die Kompetenz der Suchmaschinen diskutiert. Dabei kommt es teilweise zu einer Überschneidung mit dem Funktionsbereich der Freiheit, da sich hier besonders dem Problem der Regulierung der Online-Öffentlichkeit angenommen wird.

[...]


[1] Debatin, B. (1998): Ethik und Internet. Überlegungen zur normativen Problematik von hochvernetzter Computerkommunikation, S. 1.

[2] Sachse, M. (2000): Quellenkritik im Internet. Untersuchung zu Anwendungsmöglichkeiten der Historischen Fachwissenschaft im Bereich der Neuen Medien, S. 1.

[3] Fasching, T. (1997): Internet und Pädagogik. Kommunikation, Bildung und Lernen im Netz, S. 49.

[4] Horvath, P. (1997): Geschichte Online. Neue Möglichkeiten für die historische Fachinformation, S. 154.

[5] Vgl. Marra, S.: Online Angebote zwischen Popularität und Wissenschaft, in: Jenks, S.; Marra, S. (2001): Internet-Handbuch Geschichte. S. 249. Vgl. Gersmann, G.: Neue Medien und Geschichtswissenschaft. Ein Zwischenbericht, in: GWU 50 (1999), S. 245.

[6] Sachse, M. (2000): Quellenkritik im Internet, S. 24.

[7] JIM 2005, Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest, S. 23.

[8] Dabei liegt die Betonung auf „theoretisch“, da in der Forschung immer wieder ein „digital divide“ beklagt wird, der abhängig von der Technologiezugänglichkeit der einzelnen Länder der Welt ist.

[9] Debatin, B. (1998): Evaluationskriterien zur Beurteilung von Online-Information, S. 1.

[10] Debatin, B. (1998): Evaluationskriterien, S. 2.

[11] Debatin, B. (1998): Evaluationskriterien, S. 2. Vgl. Enderle, W. (2001): Geschichtswissenschaft, Fachinformationen und das Internet1. Vgl. Herzig, B.: Medienethische Kompetenzen. Anmerkungen und Beispiele. S. 5. Vgl. Jenks, S.: Die Verlässlichkeit von Informationen im Internet, in: Jenks, S.; Marra, S. (2001): Internet-Handbuch, S. 268.

[12] Vgl. Buschbacher, W.; Erdmann, E.: Geschichtsdidaktik, in: Jenks, S.; Marra, S. (2001): Internet-Handbuch, S. 146-147. Jenks, S. (2001): Verlässlichkeit, S. 265-271. Vgl. Greis, A. (Hg.) (2003): Medienethik: ein Arbeitsbuch, S. 9. Vgl. Gersmann, G.: Neue Medien und Geschichtswissenschaft, S. 246.

[13] Debatin, B. (1998): Evaluationskriterien, S. 2.

[14] Sachse, M. (2000): Quellenkritik im Internet, S. 3. Vgl. Amerbauer, M. (2003): Einführung in die Informationsethik, S. 7. Vgl. Blank, R: Internet und Rechtsextremismus, in: Praxis Geschichte 14 (2001), H. 5, S. 32.

[15] Esch, P.; Gorse, C.; Rausch, S. (1998): Projektseminar: Internet und Ethik - Teil I, S. 2.

[16] Vgl. Sandbothe, M. (1996): Philosophische Überlegungen zur Medienethik des Internet.

[17] Vgl. Sandbothe, M.: Medienethik im Zeitalter des Internet, S. 1.

[18] Vgl. Greis, A. (2003): Medienethik, S. 191-193, 199-201, 209. Vgl. Hartwig, U. (2001): Internet im Geschichtsunterricht, S. 69.

[19] Vgl. Esch, P.; Gorse, C.; Rausch, S. (1998): Projektseminar. Vgl. Debatin, B. (1998): Ethik und Internet.

[20] Debatin, B. (1998): Ethik und Internet, S. 8.

Details

Seiten
24
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638025584
ISBN (Buch)
9783640108893
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89096
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
1,0
Schlagworte
Internet Wahrheit Ethik Moral Geschichte

Autor

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