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Theodor Storms 'Immensee' als Werk des bürgerlichen Realismus

Eine epochale Einordnung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Die Literatur des bürgerlichen Realismus
2.1.1 Literaturprogrammatik
2.1.2 Künstlerisch-ästhetische Realisierung der Programmatik
2.1.3 Praktische Umsetzung auf stilistisch-formaler Ebene
2.1.4 Praktische Umsetzung auf inhaltlich-thematischer Ebene
2.1.5 Abgrenzung von Biedermeier und Vormärz
2.2 Immensee als Werk des bürgerlichen Realismus
2.2.1 Kongruenz mit typischen Merkmalen des Realismus
2.2.2 Vereinbarkeit charakteristischer Merkmale mit der Realismusprogrammatik
2.2.3 Erfüllung der zentralen Forderungen der Programmatik

3 Schluss

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Eckart Pastor bezeichnet Immensee als „eine Dichtung zwischen den Zeiten“[1] und charakterisiert damit nicht nur den Entstehungszeitpunkt von Storms Werk, sondern auch dessen Rezeptionsgeschichte. Während die ältere Stormforschung die frühen Novellen Storms, und damit auch Immensee, insgesamt der Biedermeierdichtung zuordnete[2], wirft beispielsweise Ritchie die Behauptung auf, „dass der deutsche Realismus seinen entscheidenden Durchbruch gerade durch Storms ‚Immensee’ erzielt.“[3] Die zahlreichen Untersuchungen zu diesem Werk und die Interpretationsvielfalt in den Ergebnissen deuten darauf hin, dass es sich hierbei um mehr als nur eine rührselige Liebesgeschichte handelt.

Die unterschiedlichen Interpretationsansätze sollen hier zwar einbezogen werden, allerdings nicht mit dem Ziel einer Gesamtinterpretation, sondern in Verbindung mit dem Versuch einer klaren epochalen Einordnung von Storms Immensee. Konkret soll in dieser Arbeit untersucht werden, inwiefern sich die Novelle Immensee dem bürgerlichen Realismus zuordnen lässt und damit als typisches Beispiel für diese Epoche angesehen werden kann.

Hierzu erscheint es sinnvoll zunächst die Literaturprogrammatik des bürgerlichen Realismus und anschließend deren Umsetzung in dieser Epoche herauszuarbeiten. Um eine klare Einordnung vornehmen zu können, soll dabei auch eine Abgrenzung zu den unmittelbar vorangehenden epochalen Strömungen Biedermeier und Vormärz aufgezeigt werden. Auf eine Darstellung der durchaus wichtigen politischen, philosophischen oder gesellschaftlich-soziale Einflüsse hingegen, kann im Sinne dieser Arbeit verzichtet werden, da es nicht darum geht, das Zustandekommen der Programmatik des Realismus[4] zu erklären. Es geht vielmehr darum, inwiefern sich diese Programmatik in Immensee wieder findet.

Auf dieser Grundlage soll zunächst überprüft werden, ob Immensee mit den inhaltlichen und formalen Merkmalen der Literatur aus dieser Epoche kongruiert. Im Anschluss daran müssen stilistische Besonderheiten und besonders auffällige Merkmale der Novelle daraufhin untersucht werden, inwiefern sich diese mit der Programmatik des Realismus vereinbaren lässt. Letztlich wird die entscheidende Frage zu klären sein, ob Immensee den zentralen Forderungen der Programmatik gerecht wird.

2 Hauptteil

2.1 Die Literatur des bürgerlichen Realismus

2.1.1 Literaturprogrammatik

Die Programmatik des bürgerlichen Realismus lässt sich als Mittelweg zwischen Gegenwartszuwendung und Verklärung beschreiben. Einerseits bedeutete Realismus Nachahmung der Natur als Reaktion auf den Idealismus. Andererseits war diese Reaktion nicht gegen schöne Formen überhaupt gerichtet.[5] Im Gegenteil wurde nur das als darstellungswürdig empfunden, was in idealer Form dargestellt werden konnte. Ausgeschlossen wurde „das wirklich Häßliche, ja das Widerwärtige“[6]. „Der Realismus will nicht die bloße Sinnenwelt und nichts als diese, er will am allerwenigsten das bloß Handgreifliche, aber er will das Wahre.“[7] Dieses künstlerisch Wahre manifestiere sich nicht in der empirischen Darstellung der Wirklichkeit, sondern darin das Wesentliche der Dinge und insbesondere der Menschen herauszuarbeiten. Julian Schmitt spricht dem „wahren Realismus“ im Gegensatz zum „falschen Realismus“ die Fähigkeit zu, bei jeder Individualität die charakteristischen Züge und letztlich den wahren Inhalt der Dinge zu erkennen.[8]

Notwendig sind folglich eine Selektion und eine Konzentration auf das Wesentliche. Die Kunst besteht dabei nicht in der möglichst objektiven und detailgetreuen Darstellung der Menschen, sondern darin „der Natur ab[zu]lauschen, was sie aus ihnen machen wollte“[9] Damit ist nicht etwa eine Idealisierung im romantischen oder klassischen Sinne gemeint, sondern eine Verbindung von Ideal und Wirklichkeit. Dies kommt in der Vorstellung zum Ausdruck, dass sich die Idee in der Wirklichkeit realisiert und folglich auch in dieser aufzusuchen und herauszuarbeiten ist.[10]

Der geeignete Stoff ist vor diesem Hintergrund die gegenwärtige und präsente Wirklichkeit. „’Greif nun hinein ins volle Menschenleben, wo du es packst, da ist’s interessant.’“[11] Dies treffe laut Fontane zu, solange der Griff ein künstlerischer sei und damit definiert er Realismus als die Widerspiegelung alles wirklichen Lebens in der Kunst.[12]

Es soll mit Hilfe der Kunst eine Welt erschaffen werden, deren Zusammenhang sichtbarer ist als in der wirklichen Welt, da alles Unwesentliche weggelassen wird. Das Ergebnis ist ein erhöhtes Spiegelbild der Wirklichkeit.[13] Damit ist gleichzeitig auf eine klare Trennung von Literatur und Wirklichkeit durch die Verklärung hingewiesen Das zentrale Moment in der Programmatik des bürgerlichen Realismus ist somit die Poetisierung beziehungsweise die Verklärung bei der Darstellung der gegenwärtigen Wirklichkeit.

2.1.2 Künstlerisch-ästhetische Realisierung der Programmatik

Grundlegend für die künstlerisch-ästhetische Realisierung der Programmatik war ein geeignetes Mischungsverhältnis zwischen Gegenwartsnähe und Verklärung.[14] In diesem Zusammenhang taucht auch der Begriff des ‚Real-Idealismus’ als Mittelweg auf.[15]

Die Verklärung wurde durch die bewusst subjektive Deutung des objektiven Geschehens realisiert. Damit ergab sich ein subjektiver Blick der Wirklichkeit und eine Spiegelung derselben, die von der persönlichen Interpretation geprägt war.[16] Martini spricht in diesem Zusammenhang davon, dass sich „Subjektivierung und Objektivierung ineinander verweben.“[17] Inhaltlich bedeutete die Verklärung einen Harmonisierungs- bzw. Glättungsversuch, da gesellschaftlich problematische Themen und Aspekte ausgespart wurden.[18]

Ästhetisch umgesetzt wurde die subjektive Deutung und damit letztlich die Verklärung sowohl durch Sentimentalismus als auch durch Humor. Der Sentimentalismus entspricht dabei dem Rührenden oder dem Traurigen und Resignativen. Der Humor, der hier gemeint ist, ist keinesfalls mit einem scharf-kritischen Sarkasmus zu verwechseln, da das Verklärugspostulat gewahrt bleiben muss.[19]

Der Gegenwartsnähe wird die Realisierung der Programmatik durch ein resolutes Plausibilitätsprinzip gerecht. Handlungen werden logisch zusammenhängend, plausibel, wahrscheinlich und psychologisch motiviert vorgeführt. Hinzu kommt, dass häufig eine möglichst genaue Situierung der Handlung in der gegenwärtigen Wirklichkeit aufgezeigt wird.[20]

2.1.3 Praktische Umsetzung auf stilistisch-formaler Ebene

Die vorherrschenden Genres des bürgerlichen Realismus sind der Roman und die Novelle.[21] Die Erzählweise zeichnet sich durch Chronologie und Kausalität aus. Häufig ist eine möglichst genaue zeitliche, örtliche, gesellschaftliche und soziologische Fixierung des Geschehens.[22]

Im Sprachstil findet sich der im vorigen Abschnitt angesprochene Mittelweg wieder. Es ist einerseits eine gehobene Sprache als Abgrenzung zu den Naturwissenschaften zu beobachten. Andererseits erscheint die Sprache im Vergleich zum Idealismus als einfach und natürlich. Auf ausgefallene stilistische Mittel wird in diesem Sinne meist verzichtet.[23]

Weiterhin wird Rhetorik vermieden und oftmals ein ‚Tatsachenstil’ benutzt, dessen Sprache einzig auf die Mitteilung ausgelegt ist. Außerdem lässt sich häufig in der Sprache ein Hang zum Begrenzten, Geordneten und Gemäßigten erkennen.[24] Das Sprach- und Stilbild wirkt damit relativ ausgeglichen und konservativ.[25]

Die Erzählinstanz mischt sich nicht kommentierend in das Geschehen ein. Autor und Erzähler ziehen sich vielmehr zugunsten eines objektiven Gesamtbildes zurück. Es gilt das Postulat der strikten Vermeidung von subjektiver erzählerischer Willkür.[26] Angemerkt sei hier, dass die Autoren des Realismus keineswegs auf eine indirekte Kommentierung und damit subjektive Interpretation des Geschehens verzichteten. Allerdings geschah dies mit ästhetischen Mitteln der Verklärung, wie zum Beispiel dem Sentimentalismus oder dem Humor.[27]

[...]


[1] Eckart Pastor: Die Sprache der Erinnerung. Zu den Novellen von Theodor Storm. Frankfurt/M. 1988, S. 69.

[2] Regina Fasold: Theodor Storm. Stuttgart 1997, S. 95.

[3] J. M. Ritchie: Theodor Storm und der sogenannte Realismus. In: Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft 34 (1985), S. 30.

[4] Mit ‚Realismus’ sei im Verlauf dieser Arbeit immer der bürgerliche Realismus gemeint.

[5] Vgl. Julian Schmidt: Der moderne Realismus. In: Theorie des bürgerlichen Realismus, hrsg. von Gerhard Plumpe. Stuttgart 1997, S. 110f.

[6] Schmidt: Der moderne Realismus, S. 111.

[7] Theodor Fontane: Realismus. In: Theorie des bürgerlichen Realismus, hrsg. von Gerhard Plumpe. Stuttgart 1997, S. 147.

[8] Vgl. Julian Schmitt: Wahrer und falscher Realismus. In: Theorie des bürgerlichen Realismus, hrsg. von Gerhard Plumpe. Stuttgart 1997, S. 120f.

[9] Vgl. Schmitt: Der moderne Realismus, S. 112.

[10] Vgl. Julian Schmitt: Idee und Wirklichkeit. In: Theorie des bürgerlichen Realismus, hrsg. von Gerhard Plumpe. Stuttgart 1997, S. 124.

[11] Goethe, zitiert bei Fontane: Realismus, S. 146.

[12] Vgl. Fontane: Realismus, S. 146f.

[13] Vgl. Otto Ludwig: Der poetische Realismus. In: Theorie des bürgerlichen Realismus, hrsg. von Gerhard Plumpe. Stuttgart 1997, S. 148-150.

[14] Vgl. Annemarie und Wolfgang van Rinsum: Realismus und Naturalismus. München 1994, S.46.

[15] Vgl. Sabine Becker: Bürgerlicher Realismus. Literatur und Kultur im bürgerlichen Zeitalter 1848-1900. Tübingen 2003, S. 102.

[16] Vgl. ebd., S. 130-133.

[17] Fritz Martini: Deutsche Literatur im bürgerlichen Realismus. 1848-1898. Dritte, mit einem ergänzenden Nachwort versehene Auflage. Stuttgart 1974, S. 77.

[18] Vgl. Becker: Bürgerlicher Realismus, S. 122.

[19] Vgl. ebd., S. 134-144.

[20] Vgl. ebd., S. 127-129.

[21] Vgl. ebd., S. 132.

[22] Vgl. ebd., S. 124f.

[23] Vgl. Rinsum: Realismus und Naturalismus, S. 47.

[24] Vgl. Becker: Bürgerlicher Realismus, S. 129f.

[25] Vgl. Martini: Deutsche Literatur im bürgerlichen Realismus, S. 72f.

[26] Vgl. Becker: Bürgerlicher Realismus, S. 130.

[27] Vgl. ebd., S. 130f.

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638025201
ISBN (Buch)
9783638921909
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v89025
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,0
Schlagworte
Theodor Storms Immensee Werk Realismus

Autor

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Titel: Theodor Storms 'Immensee' als Werk des bürgerlichen Realismus