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Der Genozid in Ruanda

Hausarbeit 2002 23 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Afrika

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung

II. Überblick: Der Genozid in Ruanda

III. Genozid als Erscheinung von Gewalt in der Moderne

IV. Der Begriff des Genozids

V. Ursachen und Entwicklungen
5.1. Ethnische Ursprünge
5.2. Kolonisation
5.3. Unabhängigkeit
5.4. Überbevölkerung und Verarmung

VI. Die Rolle von Staat und Medien
6.1. Organisation der Gewalt
6.2. Propaganda der Gewalt

Schluss

I. Einleitung

Über lange Zeit haben in Zentralafrika Konflikte zwischen Hutu und Tutsi geschwelt. Im Jahr 1994 kam es zum Ausbruch von organisierter Gewalt, einem Völkermord an den Tutsi. Der Genozid war seit Monaten geplant und wurde systematisch und in kurzer Zeit durchgeführt. Heute, sieben Jahre nach dem Völkermord, erinnert im Westen kaum jemand an die Ereignisse, die sich in Zentralafrika abspielten. Gewalt in diesem Ausmaß kann jedoch nur verhindert werden, wenn die Ursachen analysiert, wenn gesellschaftliche Spannungen und negative Entwicklungen frühzeitig erkannt werden. Im Fall Ruanda hat letztlich auch die internationale Gemeinschaft in dieser Hinsicht versagt.

In dieser Arbeit werden mögliche Ursachen des Völkermordes untersucht, die zu einem besseren Verständnis des Genozids beitragen sollen. Unter welchen Umständen ist der Mensch fähig, Aggressionen in solch einem Ausmaß zuzulassen? Wie ist es möglich, dass einer großen Bevölkerungsgruppe die Menschenwürde aberkannt wird? Wie kam es zur Spaltung der Bevölkerung?

Um in das Thema einzuführen, werden die Ereignisse von 1994 zu Beginn der Arbeit kurz dargestellt. Kapitel 3 diskutiert Erklärungsversuche für den Genozid im 20. Jahrhundert. Welchen Einfluss hat die Moderne? Im vierten Kapitel werden unterschiedliche Definitionen und Formen des Umgangs mit dem Begriff Genozid vorgestellt. Darauf aufbauend soll gezeigt werden, wie es zu der Abgrenzung zwischen Hutu und Tutsi kam. Als Ursachen und Bedingungen kommen die Ethnisierung, die zurückliegenden historischen Entwicklungen von der Kolonisation zur Unabhängigkeit und auch die Auswirkung von Überbevölkerung und Verarmung in Frage. Der letzte Teil der Arbeit demonstriert die Organisation der Tötungsmaschinerie. Inwieweit machte Propaganda den Völkermord erst möglich? Hier wird insbesondere der Einfluss der Medien, der Politik und der Verwaltung diskutiert.

II. Überblick: Der Genozid in Ruanda

Lange schon hatten extremistische Hutu den Völkermord vorbereitet, ohne dass die internationale Gemeinschaft reagierte. Der damalige Präsident Habyarimana (ein Hutu) fühlte sich zunehmend von RPF[1] -Rebellen bedroht und versuchte, mit allen Mitteln an der Macht zu bleiben. Im August 1993 wurden Friedenskräfte - die UNAMIR (United Nations Assistance Mission in Ruanda) stationiert, die für Frieden zwischen der ruandischen Regierung und der RPF[2] sorgen sollten, doch die Vorbereitungen des Genozids schienen sie nicht zu bemerken. Die Partei Habyarimanas MRND[3] versuchte zwar den Konflikt zu entschärfen, doch verhinderte auch sie nicht, dass Hutu-Extremisten die Bevölkerung aufhetzten und die Vernichtung der Tutsi planten. Man wartete nur noch auf einen Anlass, loszuschlagen.

Am 6. April 1994 wurde ein Flugzeug abgeschossen, in dem Habyarimana und andere wichtige politische Persönlichkeiten saßen. Alle Insassen starben. Die Verantwortung für den Anschlag wurde bis heute nicht geklärt. Einige Tutsi behaupten, es habe sich um einen geplanten Mord der extremen Hutu gehandelt, die den in ihren Augen noch zu gemäßigten Präsidenten ausschalten wollten. Von Seiten der Hutu wurden pauschal die Tutsi beschuldigt und es begannen zunächst Pogrome, später organisiertes und systematisches Morden. Mit grausamen, qualvollen Methoden wurde getötet. Ohne Unterschiede fielen Kinder, Frauen und politisch Oppositionelle dem Genozid zum Opfer.

Schockiert von den Ereignissen in Ruanda rüstete die RPF auf und griff die ruandische Regierung an. Lange schaute die UN tatenlos zu., bis sie sich entschied, einzugreifen. Als die Friedenstruppe UNAMIR II letztendlich in Ruanda eintraf, war die Regierung schon von der RPF gestürzt und eine neue Regierung an der Macht.

Nur wenige Tutsi überlebten, da Hutu sie versteckt hielten, doch heute gibt es „nahezu keinen Menschen in Ruanda, der nicht vom Völkermord betroffen ist.“[4]

Die meisten Opfer waren Tutsi oder Hutu, die sich dem Massenmord nicht anschlossen oder Tutsi versteckt hielten. Über die Zahl der Toten ist sich die Literatur nicht einig. Meist wird sie auf 500.000 geschätzt, anderen Berichten zufolge ist es mindestens eine Million[5].

Die Berichterstattung im Westen enthielt oft dramatische Beschreibungen der Grausamkeiten, weniger Analysen der Ursachen, z.B.: „700.000 Menschen in 100 Tagen zerschlagen, zerstückelt, zerhackt. Zurück blieben 95.000 Waisenkinder, ungezählte Witwen, Millionen von Flüchtlingen, Leichenberge und Massengräber...“[6]

Auch wurden die unmenschlichen Bedingungen in den Flüchtlingslagern angeprangert: „Sie winden und bäumen sich im Schmerz auf. Oder sie liegen ganz still und starren zur Decke hoch. Manche haben die Pupillen verdreht oder zeigen glasige, stumpfe Blicke. Abgründe tun sich auf, wenn man in diese Augen schaut. Es ist, als ob einen das ganze Unglück der Welt anfiele, wenn man die Kinder sieht, ihre aufgedunsenen Bäuche, ihre spindeldürren Beinchen.“[7].

III. Genozid als Erscheinung von Gewalt in der Moderne

Massenmorde gab es viele in der Geschichte. Grausamkeit, Mordlust, erbitterte Feindschaft mit der Bereitschaft zur Ausrottung von Andersartigen waren früheren Zeiten nicht fremd. Was die Moderne von der Vergangenheit unterscheiden soll, ist gerade die durch die Aufklärung ermöglichte Überwindung von Hass und blinder Aggression und die Fähigkeit zu rationaler und friedlicher Konfliktlösung.

Im Westen propagierten Philosophen, individuelle Gewalt durch Institutionen einzugrenzen: „ Soziale Ordnung ist eine notwendige Bedingung der Eindämmung von Gewalt - Gewalt ist eine notwendige Bedingung zur Aufrechterhaltung sozialer Ordnung.[8]. Andererseits behauptet z.B. Z. Baumann, dass es in der Gegenwart noch keine Institution geschafft habe, Massenmorde zu verhindern und noch keine Wissenschaft erreicht, das „Tier im Menschen“[9] zu vernichten. Baumann empfindet als besonders erschreckend, dass die Genozide des 20. Jahrhunderts nicht vorherzusehen waren. Der moderne Mensch vermeine nur, die Welt zu verstehen, in Wahrheit könne er selbst die ärgsten sozialen Katastrophen nicht vorausahnen, d.h. auch: Er kann sie nicht verstehen.

„Was wir in diesem Jahrhundert gelernt haben, ist, daß Modernität nicht allein bedeutet mehr zu produzieren und schneller zu reisen, reicher zu werden und sich freier zu bewegen. Modernität besteht ebenso - und bestand - in der hochtechnisierten, schnellen und effizienten Art des Mordens, im wissenschaftlich geplanten und verwalteten Genozid; in einer Kunst, die die Modernität großzügig für ihre eigenen, modernen Zwecke genutzt hat, während sie diese zudem in den Dienst jeglicher beliebiger Heterophobie gestellt hat - stammes- oder klassenbezogener, ethnischer, rassischer oder irgend einer anderen-; welche als prämodern und veraltet angesehen war.“[10] Die moderne, immer schneller reagierende, aber auch immer schneller sich entwickelnde Welt verhindert oft, Gefahren rechtzeitig zu erkennen. In seinem Drang zur Weltbeherrschung setzt der Mensch Entwicklungsprozesse in Gang, deren Tragweite er nicht begriffen hat und die er daher nicht beherrschen kann.

Valéry warnte davor, dass sich die Entwicklung der Gesellschaft nicht mehr regulieren lässt und Schwierigkeiten auftreten, die nicht mehr zu bewältigen sind: „ On peut dire que tout ce que nous savons, c’est-a-dire tout ce que nous pouvons, a fini par s’opposer a ce que nous sommes[11] Das Wissen und das Können des Menschen, d.h. die Wissenschaft und die Technik, die er erforscht und entwickelt hat, richten sich nun gegen ihn selbst und sind zu einer Bedrohung seiner Existenz geworden.

Um erklären zu können, wie es zu einem Genozid kommen kann, darf nach Baumann nicht nur auf offensichtliche, vordergründige Erscheinungen geblickt werden. Vielmehr muss beobachtet werden, wie Gesellschaften im Laufe der Zeit Grenzen zwischen realem Handeln und Gefühlen, zwischen kollektivem und individuellem Verhalten kreieren. Das spezifische Phänomen der Moderne ist die „Fähigkeit, aus einer Distanz heraus zu handeln, die Ausschaltung moralischer Zwänge des Handelns und jenes „gärtnerische Handlungsmuster“, -das Streben nach einer „künstlerischen, rational gestalteten Ordnung“. In der modernen Organisation schwindet die persönliche Verantwortung. Positionen sind jederzeit austauschbar. Der einzelne fühlt sich nicht mehr verantwortlich für sein Tun und kann alles aus einer gewissen Distanz betrachten. So wird von den Protagonisten des Genozids Ruandas Bevölkerung als ein Blumenbeet beschrieben, das von Unkraut befreit werden müsse. Handelnde können so grausame Taten vom Schreibtisch aus begehen oder ihre angestachelte Mordlust ausleben, ohne sich als unmenschlich zu empfinden, da es ja „nur“ ums „Unkrautjäten“ geht.

[...]


[1] s.Anhang.

[2] s.Anhang.

[3] s.Anhang.

[4] vgl.: Bitala, M.: „115.000 Verdächtige warten seit Jahren auf ihr Verfahren - Dorfgerichte sollen Völkermord in Ruanda aufarbeiten“, in: Süddeutsche Zeitung Nr.139, Mittwoch, 19.Juni 2002, S.9.

[5] vgl.: amnesty international: Länderbericht Ruanda - Übersetzung der Koordinationsgruppe Ruanda“, Juni 1999.

[6] vgl.:Fechner, C.: „Hunger der Seele, Hunger im Bauch“, focus-film GmbH, 1996 Immendingen.

[7] vgl.: Grill, B.: „ Cholera, Ruhr, Mord: Der Tod wütet weiter unter den ruandischen Flüchtlingen in Zaire. Die Anhänger der alten Regierung drohen den neuen Machthabern in Kigali: „Wir werden zurückschlagen“ - Warten auf die Zeit der Rache“, DIE ZEIT Nr.12, 5.August 1994, S.3.

[8] vgl.: Popitz,H.: „Phänomene der Macht“, J.C.B.Mohr, Tübingen, 1992, S.63.

Auf Hannah Arendt und Popitz gehe ich in der Arbeit nur begrenzt ein, da ihr Verständnis von Gewalt im Seminar schon weitgehend diskutiert wurde.

[9] vgl.: Baumann,Z.: „Das Jahrhundert der Lager?“ in: „Genozid und Moderne - Strukturen kollektiver Gewalt im 20.Jahrhundert“, herausgegeben von Mihran Dabag und Kristin Platt, Leske + Budrich, Opladen 1998, S.82

Die Schlussfolgerung von Beobachtungen des Tieres auf einen Aggressionstrieb im Menschen ist stark kritisiert worden. Die Theorie geht insbesondere auf den Verhaltensforscher Lorenz zurück. Gewalt ist nach ihm ein natürlicher Instinkt jedes Lebewesens. Da der Mensch im Gegensatz zum Tier jedoch Vernunft besitzt, neigt er dazu den Aggressionstrieb zu unterdrücken. Gewalt lebt sich so irrational aus, d.h. der Täter empfindet keine Beziehung mehr zum Opfer. Er handelt nicht aufgrund seines Triebes, sondern weil ihm durch rationale Überlegungen die Aufgabe gegeben wurde Gewalt auszuüben.

[10] vgl.: Baumann, ebd.

[11] vgl.: Arendt, H.: „Macht und Gewalt“Piper Verlag, München 1970, S.86.

Details

Seiten
23
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638157360
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8884
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
1
Schlagworte
Genozid Ruanda

Autor

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Titel: Der Genozid in Ruanda