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Historische Realität vs. Literarische Wirklichkeit im postmodernen Roman

Zur Authentizität medizinischer Versuche in Marcel Beyers „Flughunde“

Seminararbeit 2007 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. ‚Historische Realität‘ und ‚Literarische Wirklichkeit‘
2.1 Definitionen relevanter Begriffe
2.2 Die Stellung der Geschichtswissenschaft in der Postmoderne
2.3 Marcel Beyers ‚Flughunde‘ – ein postmoderner Roman

3. Medizinische Versuche im Dritten Reich
3.1 Die Situation der Ärzte – Ein ‚Grund‘ für ihr Handeln?
3.2 Der Menschenversuch in ‚Flughunde‘
3.3 Karnaus Stimmenkartenprojekt

4. Fazit

1. Einleitung

„Medizin [lateinisch, von ‚ars medicina‘, Anmerkung von A.F.] die Heilkunde, Wissenschaft vom gesunden und kranken Funktionszustand des menschlichen, tierischen und pflanzlichen Organismus.“[1]

Es war ein langer Weg von den Anfängen der medizinischen Forschung bis in unsere Zeit. Der Begriff ‚Heilen‘ stand immer im Mittelpunkt, wenn es um Forschung und die Aufgabe von Ärzten ging. Natürlich spielten Humanexperimente zwangsläufig eine wichtige Rolle, alles geschah jedoch zum ‚Wohle der Allgemeinheit‘, was allerdings ein sehr subjektiver Begriff ist. Im Nationalsozialismus fiel er besonders häufig, von ‚ethnischer Säuberung‘, dem ‚Ausmerzen nicht-arischer Gene‘ und dem Züchten einer ‚Leistungs-Elite‘ war die Rede.

Nationalsozialismus im Allgemeinen und Versuche an ‚unliebsamen Personen‘, wie körperlich und psychisch Beeinträchtigter, ethnischer Minderheiten (insbesondere Juden) und anderen, ‚dem Allgemeinwohl Schadender‘, im Speziellen waren lange Zeit Tabuthemen. Obwohl sich das Ende des Zweiten Weltkrieges im Mai dieses Jahres bereits zum 62. Mal gejährt hat, hat niemand die Verbrechen der Nationalsozialisten vergessen – allen voran die Zeitzeugen. Der Großteil der deutschen Bevölkerung hat das Dritte Reich zwar nicht miterlebt, die Ereignisse lasten dennoch auf ihren Schultern. Deutsche Schriftsteller, die ebenfalls zu dieser Nachkriegs-Generation gehören, arbeiten mittlerweile das Geschehene in ihren Romanen auf. Eine neue Sicht der Dinge, nicht allein aus historisch belegten Fakten bestehend, wird ermöglicht. Auch Marcel Beyer hat mit seinem 1995 erschienen Roman ‚Flughunde‘ einen solchen Versuch unternommen.

Die vorliegende Arbeit soll sich nun in erster Linie mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen der historischen Realität und der literarischen Wirklichkeit des besagten Romans befassen. Hierbei soll zunächst auf die Besonderheiten des postmodernen Romans im Allgemeinen und später im Speziellen am Beispiel von ‚Flughunde‘ eingegangen werden, auch die dezidierte Meinung der Postmodernisten über die Geschichtswissenschaft wird hierbei Erwähnung finden. Der zweite Teil der Arbeit soll ganz im Zeichen des Humanexperiments im Nationalsozialismus stehen. Hierbei wird zunächst auf die reale Lage von Medizinern im frühen 20. Jahrhundert eingegangen werden. Im Anschluss soll ein Vergleich von Realgeschichte und den in ‚Flughunde‘ beschriebenen Humanexperimenten gegeben werden, im Genaueren soll zusätzlich Hermann Karnaus Stimmkartenprojekt untersucht werden. Den Abschluss der Arbeit wird ein kurzes Fazit bilden.

2. ‚Historische Realität‘ und ‚Literarische Wirklichkeit‘

Dieser erste Abschnitt der Arbeit soll sich mit der Unterscheidung von historischer und literarischer Wirklichkeit befassen. Dies soll anhand des Romans ‚Flughunde‘ von Marcel Beyer geschehen, einem postmodernen Werk, welches bereits kurz nach dem Erscheinen allseits als „außergewöhnliches Buch“[2] mit „großartig gefundenen und erfundenen [Erzählperspektiven]“[3] gelobt wurde.

Zunächst sollen für die Untersuchung relevante Begriffe näher erläutert werden. Im Anschluss daran wird es nötig sein, die speziellen Ansichten der Postmodernisten zur Geschichtswissenschaft zu skizzieren. Zuletzt soll geklärt werden, was ‚Flughunde‘ zu einem postmodernen Roman macht.

2.1 Definitionen relevanter Begriffe

Um die so genannte ‚historische Realität‘ mit der ‚literarischen Wirklichkeit‘ in Marcel Beyers Roman ‚Flughunde‘ vergleichen zu können, muss zunächst eine Grundlage aus Begriffsdefinitionen geschaffen werden. An erster Stelle soll hier die ‚Postmoderne‘ genannt werden, da sie den Ausgangspunkt für die Analyse darstellt.

Der französische Philosoph Jean-Francois Lyotard führte den Begriff 1979 mit seinem Aufsatz ‚La condition postmoderne‘ in die Literaturwissenschaft ein.[4] Die Postmoderne lässt sich auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts datieren, „die künstlerischen, politischen und medialen Umbrüche der 1960er Jahre in den USA [gelten] als Ausgangspunkt“[5]. Sie bezeichnet „die kulturgeschichtliche Periode nach der Moderne“[6], von welcher sie sich abgrenzen will:

Während die P. [Postmoderne, Anmerkung von A.F.] in vieler Hinsicht als Fortsetzung und Radikalisierung der in der Moderne angelegten Erkenntnisskepsis und Repräsentationskrise gesehen werden kann, markiert sie andererseits den Bruch mit dem elitären Kunstverständnis und Wissensbegriff der Moderne: ‚Hochkultur‘ und Populärliteratur greifen ineinander, eine Vielzahl von Minderheiten und Subkulturen stellen dominante Wertmaßstäbe in Frage […][7]

Bei diesem Zitat handelt es sich allerdings nicht um eine Definition im herkömmlichen Sinne – eine solche existiert nicht. Vielmehr wird dargestellt, was die Postmoderne nicht ist, wozu sie einen Gegenpol bilden will. Es gibt einige wenige Merkmale, welche für den postmodernen Roman repräsentativ sein sollen. Dabei wären unter anderem eine nicht lineare Erzählweise, nicht selbstbestimmende Protagonisten, Intertextualität und die Ermangelung eines Lebenssinnes zu nennen. Diese Kriterien werden jedoch nicht von jedem postmodernen Roman erfüllt und können daher nicht als allgemeingültig erachtet werden.

Dennoch lässt sich feststellen: obwohl nicht einmal eine allgemein gültige Definition der Postmoderne vorliegt, hat sie starke Veränderungen mit sich gebracht. Stil und Inhalt der Literatur haben sich verändert, also musste sich auch die Literaturwissenschaft ‚anpassen‘ und weiterentwickeln.

Im Zuge dieser Weiterentwicklung kamen mehrere neue Literaturtheorien auf, wie beispielsweise der ‚New Historicism‘ oder der ‚Poststrukturalismus‘. An dieser Stelle sollte der US-amerikanische Literaturwissenschaftler und Historiker Hayden White Erwähnung finden. In seinen Arbeiten ‚Metahistory‘ und ‚Auch Klio dichtet‘ befasste er sich mit dem Wahrheitsanspruch der Geschichtswissenschaft, worauf jedoch später näher eingegangen werden soll.

Die groben Unterschiede zwischen historischer und literarischer Wirklichkeit erklären sich bereits durch die Begriffsbezeichnungen selbst. Die der historischen Wirklichkeit (im Folgenden mit HW abgekürzt) zugeordneten Ereignisse haben in der realen Geschichtsschreibung stattgefunden, sie sind nicht erdichtet und können anhand von zeitgenössischen Quellen belegt werden. Die Kritik der Postmodernisten an diesen Kriterien soll unter Punkt 2.2 erläutert werden.

Die literarische Wirklichkeit (LW) ist, was beispielsweise in einem Roman oder einer anderen Art von Erzählung als HW ‚verkauft‘ wird. Die Ereignisse sind nicht zwangsläufig komplett erfunden, möglich ist auch, dass der Schriftsteller der HW nur einige Details hinzugefügt hat, welche seiner Phantasie entsprungen sind. Dadurch wird die zunächst HW zur LW gewandelt, da sie nun nicht mehr dem entspricht, was in einem geschichtswissenschaftlichen Buch zu finden wäre. Hierbei kann es sich um zusätzliche, in manchen Fällen nicht widerlegbare Ideen handeln oder auch um Ereignisse, die tatsächlich anders oder gar nicht stattgefunden haben. Ein Beispiel für die erste Variante stellen manche ‚Geschehnisse‘ aus dem Leben der Helga Goebbels in Beyers Roman ‚Flughunde‘ dar. Zwar wird der Name ‚Goebbels‘ (wie auch der Name ‚Hitler‘) nie konkret genannt – aus dem Kontext der Geschichte im Roman und anderen, doch namentlich genannten Institutionen (z.B. den „HJ-Jungen“[8] ) lässt sich ohne weiteres ein engerer und logischer Zusammenhang aufbauen.

Die Existenz der ältesten Tochter von Joseph Goebbels ist belegt, ihre Person wurde in den korrekten zeitlichen und familiären Kontext eingebettet und dass sie ihren Vater von Zeit zu Zeit bei der Arbeit besuchte ist ebenfalls anzunehmen. Helga wurde jedoch bereits im Alter von zwölf Jahren im Führerbunker vergiftet und hat keine autobiographischen Aufzeichnungen hinterlassen. Daher kann nicht belegt werden, dass sie ihren Vater tatsächlich eines Tages mit seiner Geliebten im Büro gesehen und sich damit auseinandergesetzt hat.[9] Faktisch spricht allerdings nichts dagegen.

Die zweite Variante wäre in Christoph Ransmayrs ‚Morbus Kitahara‘ zu finden. Hier wird eine alternative Weltgeschichte dargestellt, welche möglicherweise eingetreten wäre, wenn nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht der Marshall-, sondern der Morgenthau-Plan in Kraft getreten wäre. Auch in diesem Roman wird ohne die konkrete Nennung des Zweiten Weltkriegs oder des Morgenthau-Plans (welcher hier als ‚Frieden von Oranienburg‘ bezeichnet wird) klar, um welche Zeit und Situation es sich handelt und dass zumindest die ‚Voraussetzung‘ für die Geschichte der HW entspricht. Im Gegensatz hierzu wäre zum Beispiel ‚Der Herr der Ringe‘ von J. R. R. Tolkien zu nennen. Die Geschichte spielt in einer fiktiven Mythenwelt, welche nachweislich nie existiert hat – dasselbe gilt demnach auch für die Ereignisse im Roman.

2.2 Die Stellung der Geschichtswissenschaft in der Postmoderne

Die Geschichte als eigenständige Wissenschaft existiert erst seit der Zeit der Romantik, kann also auf das ausgehende 18./frühe 19. Jahrhundert datiert werden.[10] In der Antike hatte es sich bei der Geschichtsschreibung noch um das Aufzeichnen des Wirkens göttlicher Absichten in der Welt gehandelt und später, seit der Aufklärung, das Verwerfen von religiösem Glauben, Aberglauben und Fanatismus.

Leopold von Ranke gilt als der Entwickler der modernen Geschichtswissenschaft, die

[…] von ihm maßgeblich entwickelte Quellenkritik beansprucht bis heute als ‚historische Methode‘ Gültigkeit, auch wenn seine Beschränkung auf amtliche Dokumente und damit auf die Perspektive der Regierenden seitdem zu kritischer Weiterung etwa auf sozial- und kulturgeschichtliche Quellen und Fragestellungen veranlaßte [sic!].[11]

[...]


[1] Meyers Lexikon Online: Medizin. http://lexikon.meyers.de/meyers/Medizin (30. September 2007)

[2] Rauch, Marja: Stimmenlandschaften – Todeslandschaften. Marcel Beyer: „Flughunde“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. In: Neuere Deutsche Literatur 43 (1995), S. 157 – 159.

[3] Karasek, Hellmuth: Schreien und Flüstern. Hellmuth Karasek über Marcel Beyers Roman “Flughunde”. In: Der Spiegel 27 (1995), S. 171 -173.

[4] Vgl. Ostrowicz, Philipp Alexander: Die Poetik des Möglichen. Das Verhältnis von „historischer Realität“ und „literarischer Wirklichkeit“ in Marcel Beyers Roman „Flughunde“. Stuttgart 2005, S. 12.

[5] Mayer, Ruth: Postmoderne/Postmodernismus. In: Nünning, Ansgar (Hg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen - Grundbegriffe. Dritte, aktualisierte und erweiterte Auflage, Stuttgart/Weimar 2004, S. 543.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Beyer, Marcel: Flughunde. Frankfurt am Main 1995 (= Suhrkamp Taschenbuch 2626), S. 10.

[9] Vgl. Beyer, Marcel: Flughunde, S. 130 ff.

[10] Vgl. Beutin, Wolfgang et al.: Deutsche Literaturgeschichte: Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 6. Auflage, Stuttgart/ Weimar: Metzler 2001, S.202 ff.

[11] Vom Bruch, Rüdiger: Historikergalerie des Instituts für Geschichtswissenschaften: Leopold von Ranke. http://www.geschichte.hu-berlin.de/galerie/texte/ranke.htm (26. September 2007)

Details

Seiten
20
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638032254
ISBN (Buch)
9783638930086
Dateigröße
700 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88815
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Schlagworte
Historische Realität Literarische Wirklichkeit Roman Proseminar

Autor

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Titel: Historische Realität vs. Literarische Wirklichkeit im postmodernen Roman