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Musik und Tradition - eine Unterrichtseinheit am Beispiel des Alphorns

Examensarbeit 2006 52 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichte des Alphorns
2.1. Herkunft und Verwendung – früher und heute
2.2. Verwandte Instrumente bzw. Hirteninstrumente
2.2.1. Der Büchel
2.2.2. Der Pfiffel
2.2.3. Der Südtiroler Waldtuter
2.2.4. Das Busókürt
2.2.5. Das tibetische Dung Chen
2.2.6. Das Didgeridoo

3. Entstehung eines Alphorns
3.1 Akustik
3.2 Stimmungen
3.3 Herstellung

4. Verwendung des Alphorns
4.1. In der Kunstmusik
4.1.1. Johannes Brahms, 1. Symphonie, 4. Satz
4.1.2. Richard Wagner, Tristan und Isolde, 3. Akt
4.1.3. Ludwig van Beethoven, 6. Symphonie, 5. Satz
4.2. In der Popularmusik

5. Unterrichtseinheit: Das Alphorn

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

8. Bildquellenverzeichnis

9. Hörbeispiele

10. Anhang

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Alphorn[1]. Ein musikalischer Exot und Außenseiter jedoch mit einer langen Tradition - so könnte eines der ältesten Hirteninstrumente beschrieben werden mit dem sich diese Arbeit auseinandersetzten wird. Meiner Meinung nach wird das Alphorn, was schon beinahe als „Instrument einer anderer Kultur“ bezeichnet werden könnte, unterschätzt. Es ist wohl aus zwei Gründen ein Naturinstrument. Zum einen ist es ein Instrument, auf dem nur die Naturtonreihe spielbar ist, zum anderen ist es ein aus Holz gefertigtes konisches Rohr, das in der freien Natur gespielt werden soll – so zu sagen ein Naturinstrument im wörtlichen Sinne.

Mir ist es ein Anliegen, dieses schon exotische Instrument näher zu beleuchten.

Es beeindruckt mich dabei sein unverwechselbarer mystischer Klang, der über lange Strecken zu hören ist und die Ruhe, die die traditionelle Alphornmelodien ausstrahlen. Ein Anreiz zu diesem Thema ist für mich auch die Tatsache, dass das Alphorn ein Naturinstrument mit temperierter Stimmung ist, also ähnlich einer Naturtrompete. Da ich an der PH Weingarten als Hauptinstrument Trompete gewählt habe und mich besonders der Klang und die Spieltechnik von Naturinstrumenten interessiert, baute ich im Rahmen der Zulassungsarbeit zur 1. Staatsprüfung selbst ein Alphorn. Dabei konnte ich selbst die Erfahrung machen, wie wichtig eine präzise Arbeit ist, damit eine optimale Klangqualität erreicht wird. Auf welche bautechnischen Feinheiten es im Besonderen ankommt, wird unter „3. Entstehung eines Alphorns“ genauer erläutert.

Wie bereits aus dem Titel zu entnehmen ist, stehen Musik und Tradition zunächst im Vordergrund. Dabei setzt sich diese Arbeit hier mit der Geschichte, Herkunft, Verwendung und dem Bau sowie den instrumentalen Besonderheiten auseinander. Dabei wird Tradition im Sinne von geschichtlicher Herkunft verstanden.

Die Literaturrecherche stellte schon die erste Hürde dar, da Primärliteratur nicht mehr zu beschaffen ist. Zum einen gab es sehr wenige Wissenschaftler, die sich mit dem Alphorn beschäftigten. Zum anderen wird diese publizierte Literatur seit ca. 100 Jahren nicht mehr verlegt. So ist es nur zu gut zu verstehen, dass diese, wenn überhaupt vorhandene Literatur echte Antiquitäten darstellen und käuflich nicht mehr zu erwerben sind.

Im weiteren Verlauf wird die Verwendung des Alphorns in Bezug zum Unterricht dargestellt.

An dieser Stelle danke ich Herrn Josef Wagner, Instrumentenbauer aus Weissach bei Oberstaufen, der mir bei Bau meines Alphorns mit Rat und Tat zur Seite stand und der mir bei der Suche nach Literatur für diese Zulassungsarbeit behilflich war.

1. Einleitung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der folgende, überwiegend chronologisch aufgebaute Abschnitt setzt sich mit der Geschichte des Alphorns auseinander. Aufgrund der großen Vielfalt verwandter Instrumente kann nur auf wenige näher eingegangen werden.

2. Geschichte des Alphorns

2.1 Herkunft und Verwendung - früher und heute

Irgendwann in grauer Vorzeit der Menschheitsgeschichte erweckte einer unserer „musikalischen“ Vorfahren den ersten Horn- oder Trompetenton zum Leben. Ob dies mit einem hohlen Pflanzenstengel, einer Muschel, eines Knochens oder einem hohlen Baumstamm geschah, in das er hineinblies – er erfand den ersten Prototyp aller Hörner und Trompeten. In Tibet sind heute noch Trompeten aus dem Oberschenkelknochen eines Tigers in Gebrauch.

Aus Kreta sind aus der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. Schneckenhörner bekannt und aus der assyrischen Stadt Neviveh (2. Jahrtausend – 612 v. Chr.) ist sogar ein Schneckenhorn erhalten[2]. Diese Instrumente hat es jedoch schon viel früher gegeben. Aus Japan, Mexiko, Peru und der Südsee sind uns Schnecken - oder Muschelinstrumente bekannt, auf denen lediglich der Grundton und die Oktave geblasen werden können. Diese Instrumente haben einen sehr lauten und durchdringenden Klang. Weiterhin wurden auch Instrumente aus ausgehöhlte Hölzern, Knochen und Tierhörner zum blasen verwendet. Hiervon leiten sich wohl auch der Begriff Horn – Instrumente ab.

Die Sumerer haben beispielsweise 3000 Jahren v. Chr. schon aus Holz gefertigte Trompeten oder Hörner verwendet. Auf einem Felsrelief der Sassaniden (Persische Dynastie ca. 200 – 600 n. Chr.) in Tak-i-Bontan, sind dem alphorn-ähnliche, mannshohe, gebogene Instrumente abgebildet.[3] Aus diesem Fund nun zu folgern, dass das Alphorn aus Asien stammt und mit den Wanderungen der Nomaden nach Europa kam, ist sicher etwas weit her geholt. Wahrscheinlicher ist wohl, dass die Menschen aufgrund ähnlicher Lebens– und Umweltbedingungen auch gleichartige Bedürfnisse hatten, die zu annähernd identischen Lösungen geführt haben. Die Menschen waren lange Zeit Jäger und Sammler, Tierzüchter und Ackerbauern. So entwickelte sich in verschiedenen Kulturen der Welt mit Hilfe von einfachem Baumaterial Instrumente zur Verständigung, wie z.B. hölzerne Hirtentrompeten oder Hörner. Die Frage nach einer konkret historischen, regionalen Herkunft scheint somit unbeantwortbar.

Man findet auf fast allen Kontinenten kunstvoll verzierte Hörner von Tieren, Hörner aus Bronze, Kupfer oder Messing. So kann davon ausgegangen werden, dass diese Instrumente zum einen der Verständigung dienten, zum anderen der Abschreckung von Raubtieren dienten. Zudem fanden sie bei Treibjagden Verwendung. Nicht ganz von der Hand zu weisen, ist der magisch-kultische Aspekt dieser Instrumente bzw. deren Klänge, um mit den „markigen“ Tönen Dämonen oder Geister zu beeinflussen. Denkbar wäre es auch, dass diese Instrumente zunächst als Megaphon Verwendung fanden, wie beispielsweise in Schweden[4] und erst später als Musikinstrumente genutzt wurden.

Das so genannte Terrakottahorn (aus Lehm und Sand gebrannt), der etruskisch/römische lituus, der keltische Carnyx und die germanische Lure spielen in dieser oder abgewandelter Form bei allen Naturvölker eine wichtige Rolle, sei es als Instrumente der Jagd, als Kriegsinstrumente oder als Hirteninstrumente. Diese Instrumente können gemein hin als frühzeitliche Verwandte der hölzernen Alphörner gesehen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

B 2 Römischer Lituus aus Bronze, 74 cm lang, in Saalberg (Düsseldorf) gefunden

Im irischen Museum der Royal Irish Academy zu Dublin ist beispielsweise ein Holzhorn ausgestellt, dass sehr wahrscheinlich aus der Bronzezeit (3000 – 1000 v. Chr.) stammt. Des Weiteren wurden in Irland hölzerne Hörner aus der La-Téne- Zeit (500 – 58 v. Chr.) gefunden.[5]

Aus dem Jahre 397 n. Chr. stammenden Nonsberger Märtyrerberichten[6] ist zu entnehmen, dass es schon vor der großen Völkerwanderung Herdengeläut (intinnabula), tuabae (Trompeten, eventuell Rindentrompeten = Alphörner) gab.

Aus dem Alpenraum ist eine sehr frühe Darstellung eines alphornähnlichen Instrumentes bekannt: Ein römisches Mosaik aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. ausgegraben im schweizerischen Boscéaz bei Orbe (Westschweiz). Das Mosaik zeigt unter anderem einen Hirten, der einen Stock in der linken Hand und das Horn (bucina) in der rechten Hand haltend, ausschreitet um wahrscheinlich seine Herde zu sammeln. Das Horn ist mit einem konischen Anblasrohr und einem gekrümmten Becherteil dargestellt. Markant sind drei Wülste parallel zum Becherrad, die sich als Umwicklung mit Holzstreifen oder Wurzeln deuten lassen. Trotz der Ähnlichkeit kann man nicht behaupten, dieses Mosaik stelle das älteste Alphorn dar, da nicht eindeutig auf das Baumaterial Holz geschlossen werden kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

B 3 Hirte mit Hirtenhorn, Römischer Mosaikboden Boscéaz bei Orbe

Zweifellos weißt dieses Mosaik jedoch auf die frühe Verwendung von Hirtenhörnern hin. Die Meinung, dass das Alphorn dem römischen lituus nachgebildet worden ist, lässt sich nicht dokumentieren. Die, bei Saalburg in der Nähe von Düsseldorf und im Main bei Rüsselsheim gefundenen, 70 cm langen konischen Metallhörner mit abgebogenen Schallbechern lassen einen Vergleich mit dem Alphorn zu. Ob aber in grauer Vorzeit ein Alphirte beim Anblick eines römischen lituus, der als Kult – und Kriegsinstrument Verwendung fand, so inspiriert wurde, dass er ein ähnliches Instrument aus Holz nachbaute, lässt sich nicht belegen.

Allgemein betrachtet verlieren alle Ursprungstheorien an Bedeutung, wenn man an all die Blasinstrumente denkt, die Hirten in jeder Kultur aus ihren verfügbaren Materialien fertigten. Noch immer wissen einzelne, meist ältere, auf dem Land lebende Menschen in der Schweiz und im Alpenraum, wie aus Weiden, Haselnuss- oder Erlenzweigen Maienpfeifen oder wie sich aus Weidenrinde so genannte Rindentrichteroboen herstellen lassen.

B 4 „Alphorn“ (Rindentrichteroboe) Langenthal (Bern), 1972 von Fritz Ryf aus Weidenrinde hergestellt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

So liegt es nahe, dass möglicherweise ein Alphirte auf die Idee kam, eine am Hang und daher krumm gewachsene Tanne auszuhöhlen und das so entstandene lange Hirtenhorn zu spielen.

Auf Grund dieser Überlegung scheint es plausibel, dass sich Holztrompeten, also Alphorn ähnliche Instrumente im ganzen Alpenraum nachweisen lassen. So schreibt beispielsweise Heinrich Szadrowsky um 1860 folgende Zeilen: „ Es wird ganz gewiss zu den unnöthigen Bestrebungen gehören, in gelehrter Weise das Alphorn aus weiter Ferne herzuleiten und dabei das practisch Naheliegende ganz zu übersehen, wie nämlich die früheste Bergbevölkerung schon das Bedürfnis eines weithintragenden Signalhorns gehabt haben wird, bevor noch die Römer die Alpen überschritten“.[7]

Auf den Wandmalereien aus dem 14. Jahrhundert in der Burg Karlstein /Böhmen südwestlich von Prag sind durchweg Engel mit Hirteninstrumenten der damaligen Zeit abgebildet. Interessant sind hier zwei Abbildungen mit Instrumenten, auf der einen spielt eine Engel ein konisch verlaufendes Hirtenhorn mit Grifflöchern. Die andere Abbildung zeigt ein Engel mit einer Hirtentrompete. Auf Grund der Abbildungen kann nicht auf das Baumaterial Holz geschlossen werden, es kann aber mit großer Sicherheit davon ausgegangen werden, dass diese Instrumente aus Holz waren, da zu jener Zeit die Hirtenhörner- wie Trompeten durchwegs aus Holz gefertigt wurden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

B 5 Hölzerne Hirtentrompete Burg Karlstein, 14. Jahrhundert B 6 Hölzernes Hirtenhorn Burg Karlstein, 14. Jahrhundert

Im Jahre 1527 wird der Begriff „Alphorn“ erstmals nachweislich genannt, schriftlich im Rechnungsbuch des ehemaligen Klosters Urban / Luzern mit dem Eintrag: „ […] einem Walliser mit einem Alphorn gen 2 Batzen.“[8]

Die älteste Beschreibung des Alphorns findet sich in dem von Conrad Gesner 1555 geschriebenen Botanikwerk des Pilatusberges De raris et admirandis herbis, das in Zürich erschienen ist. Der Naturgelehrte berichtet über eine mit drei Freunden und Mitarbeitern unternommene Feldforschung am 21. und 22. August 1555: „[…] in supema casa vaccaria refecti sumus et lituum alpinum imflavimus (in der obersten Sennhütte sind wir geblieben und bliesen das Alphorn)“.[9]

Als aufmerksamer Beobachter erkennt man die von Gesner beschriebenen, wichtigsten Merkmale des lituum alpinum: „[…] duobus lignis incurvis et excavatis compactum et viminibus scite obligatu (aus zwei krummen und ausgehöhlten Hölzern zusammengesetzt und mit Weidenruten fest zusammengebunden).“[10]

Auch im Jahre 1555 erschien das Fasnachtsspiel Goliath von Hans Rütte. An der bekannten Stelle, an der Goliath von David erschlagen wird, schreibt Rütte als Bühnenmusik Chor/Alphorn vor.[11] Selbst bei Hofe war das Alphorn als musikalische Kuriosität begehrt. So orderte Prinz Léonor d´Orléans Longueville 1563 einen Alphornbläser als Tafelmusikanten.

Im Basler Ratsbuch wird ein wandernder Alphornbläser erwähnt, der 1606 wegen Radaus angeklagt worden war: „Demnach Geörg Stadellmeier von Feldkirch im Oberlandt/ mit einem Alphenhorn umbher zogen / und zuo nacht / […] einen unfuog angefangen.“[12]

Auch die Stadtrechnung aus Murten (Kanton Bern) weißt 1612, ähnlich wie die Buchhaltung aus dem Kloster St. Urban in Luzern von 1527, auf eine Zahlung an drei umherwandernde Alphornbläser hin: „[…] hem ussgäben dryen alphörner blaser“.[13]

Im 17. Jahrhundert war das Alphorn ein Arbeitsgerät der Hirten. Im Winter, wenn sich die Rinder nicht auf den Weiden im Hochgebirge befanden, waren die Hirten arbeitslos und mussten sich ihr Auskommen als Bettelmusikanten sichern.

Zu dieser Zeit waren hölzerne Hörner und Trompeten nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Vogtland, also zwischen dem Thüringer Wald und dem Erzgebirge und im Westerwald bekannt. Dies bestätigte im Jahre 1619 ein Bericht von Michael Praetorius im Traktat Syntagma Musicum, erschienen in Wolfbüttel mit folgenden Zeilen: „Auch findet man gar lange Trummetten/von Past also fest und dichte zusammen ineinader gewunden/darmit die Scaper außm Voigt und Schweizerlande in den Städten herümbher lauffen/und ihre Nahrung suchen.“[14]

Im Jahre 1767 veröffentlichte der Arzt Moritz Anton Capeler sein Werk Montis Pilati Historia, in dem er den Pilatusberg beschreibt. Dieses Werk ist für die Geschichte des Alphorns wichtig, da Capeler aus Beromünster Luzern stammend, darin nicht nur die Bauart, sondern auch die Verwendung des Alphorns schildert; ein kurzes, gebogenes Alphorn und dazu noch eine, sicher für ein Alphorn geschriebene Melodie abgedruckt hat. Diese Melodie wurde mit einem berndeutschen Text versehen und in die Sammlung Acht Schweizer=Kühreihen (Bern 1805) übernommen. Capeler gibt in seinem Werk die Länge der Alphörner mit 4 – 12 Fuß, also 1,20-3,60 m an. Diese Angabe und die dazugehörigen Abbildungen lassen darauf schließen, dass die Alphörner im 18. Jahrhundert kürzer waren als die heutigen und die im 16. Jahrhundert von Gesner beschrieben (ca. 330 cm). Dies deckt sich auch mit der Länge der zu dieser Zeit in Europa gebräuchlichen Hirtenhörner aus Holz. Auf Grund der Länge der Alphörner lässt sich ableiten, dass das Alphorn hier wohl eher ein Signalinstrument war, da auf einem Horn mit einer Länge von 1,20 nur sehr begrenzte Melodien spielbar waren und die hohen Naturtöne sehr schwer zu blasen sind. Des Weiteren ist es nachvollziehbar, dass ein Horn mit einer Länge von 3,60 m gerade im Hochgebirge sehr unhandlich zu transportieren war und ist.

Bis in das frühe 19. Jahrhundert hinein diente das Alphorn den Hirten als Werkzeug, sei es zur Verständigung mit der Talbevölkerung oder mit anderen Hirten auf anderen Alpen oder gar als Lockinstrument, um die Kühe in den Stall zum Melken zu rufen. Diesen Verwendungszweck beschrieb Abraham Kyburtz 1754 in seinem, in Bern erschienenen Werk Theologia Naturalis:

Dann blast er [der Hirte] in sein Horn

Und macht ein Feldgeschrey

Dass klein und grosses Vieh

Gelocket wird herbey.[15]

Das Anlocken der Weidetiere war selbst bis in das 19. Jahrhundert ein fester Bestandteil der Bräuche. So wird beispielsweise aus Zillikon (Kanton Zürich) berichtet: „Die Kühe […] waren über Tag bei Hause. Abends […] wurden sie vom Kuhhirten durch Hornruf auf einem langen Alphorn gesammelt.“[16]

Diese Tatsache lässt sich auf mehreren Bildzeugnissen beobachten. Andere Abbildungen, wie beispielsweise Daniel Lindtmayers Federzeichnung zur Käseherstellung, entstanden um 1601 in Schaffhausen auf einer Bauernscheibe und zeigen, wie das Alphorn während des Melkens als Musikinstrument eingesetzt wurde.

B 7 D. Lindtmayer, Darstellung einer Alpkäserei, 1601

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dass der Klang des Alphorns auf die Kühe eine besondere Wirkung hat, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Die Kühe oder Rinder werden beim Klang des Alphorns aufmerksame und interessierte „Zuhörer“ – sie neigen den Kopf in Richtung der Klangquelle und halten während des Spielens für einige Zeit inne.

Heutzutage werden die Kühe beim Melken auch wieder beschallt, jedoch nicht mehr mit dem Alphorn. Seinen Platz hat heute das Radio eingenommen und dies nicht nur zu Unterhaltung der Bauern. Viele Bauern bestätigen die Vorliebe der Kühe für Musik. Die Tiere belohnen den Genuss der Musik durch höheren Milchertrag.

In reformierten Gebieten des Alpenraumes hatte das Alphornspiel für Bewohner am Fuße eines Berges auch den Charakter eines Abendgebetes, welches in katholisch geprägten Regionen auch durch den Milchtrichter verkündet wurde. In den katholischen Gegenden der Schweiz wurde der Bättruef (Betruf/Alpsegen) in dreimal wiederholten Alphornweisen angekündigt. Dies geschieht vor Einbruch der Dunkelheit. Der Hirte ruft heilbringende Geister an, die alles Feindliche und Unheimliche der Nacht von der Alpe und von den Tieren fernhalten soll. So weit man den Klang der Stimme oder des Alphorns hört, so weit reicht der Schutz.[17]

[...]


[1] In den Alpen wird es aus einem trockenen, in zwei Hälften geschnittenen Tannenstamm herausgeschnitzt und mit Baumwurzeln oder Bast zusammengehalten (vgl. Riemann Musiklexikon 1967, S. 30)

[2] Behm, Friedrich; zit. in :Schüssele 2000,

[3] Gassmann, A.:S´Alphorn. Basel 1913

[4] Vgl. Schüssele 2000,

[5] Vgl. Hug, Zürich; zit. in: Schüssele 2000,

[6] Vgl. Acta sanctorum 29. V., S 38ff; zit. in: MGG, Band 1,

[7] Szadrowsky, Heinrich: Die Musik und die tonerzeugenden Instrumente der Alpenbewohner. In: Jahrbuch des Schweizer Alpenclub (SAC) 4, 1867/68,

Szadrowsky (1828 – 1878) war Musiker und Volksmusikexperte und gilt als einer der besten Kenner des Alp- und Hirtenhorns. Er immigrierte als gebürtiger Deutscher mit 20 Jahren in die Schweiz und war dort auch als Musikwissenschaftler tätig.

[8] Bachmann-Geiser 1999,

[9] Gesner 1555, 52; zit. in: Bachmann-Geiser 1999,

[10] Rütte 1555, 149; zit. in: Bachmann-Geiser 1999,

[11] Bachmann-Geiser 1999,

[12] Basel, St. Arch. Ratsüber 012, 156v; zit. in: Schüssele 2000,

[13] Stadtarchiv Murten, Stadtrechnungen 1612; zit. in: Bachmann-Geiser 1999,

[14] Praetorius, S. 33; zit. in: Schüssele 2000,

[15] Kyburtz 1754, 30; zit. in: Bachamnn-Geiser 1999,

[16] SAVK 2, 1898, 63; zit. in: Bachmann-Geiser 1999,

[17] Vgl. MGG neu, Sachteil: Hirtenmusik,

Details

Seiten
52
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638036313
ISBN (Buch)
9783638933117
Dateigröße
2.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88790
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Weingarten
Note
2,0
Schlagworte
Musik Tradition Unterrichtseinheit Beispiel Alphorns

Autor

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