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Zu Oswalds von Wolkenstein - aus dessen Lied „Ain tunckle farb“ (Kl. 33)

Hausarbeit 2004 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

1 Benennung und Abgrenzung des Themas

2 Prosaübersetzung des Lieds „Ain tunckle farb“

3 Interpretatorische Kurzanalyse

4 Gattungssituation und sprachliche Besonderheiten

5 Abschließende Betrachtungen und weiterführende Fragen

6 Literaturverzeichnis
Primärliteratur (Textausgabe):
Sekundärliteratur:

7 Anhang
Ain tunckle farb (Textausgabe)

1 Benennung und Abgrenzung des Themas

In der vorliegenden Arbeit habe ich mich mit der vergleichenden Gegenüberstellung ausgewählter Aspekte der Sekundärliteratur zu Oswalds von Wolkenstein Lied 33 Ain tunckle farb beschäftigt . Hauptaugenmerk habe ich dabei auf die Untersuchung seiner Gattungszugehörigkeit gerichtet, da wissenschaftliche Standpunkte dazu durchaus widersprüchliche Argumente liefern. In Folge dessen zeigten sich für mich substanziell unheimlich interessante Grundlagen auf.

Um den Bezug des Autors zu seinem Werk in ausreichendem Maße herstellen zu können, ergibt sich insofern die unumgängliche Notwendigkeit, an gegebener Stelle einige wichtige biographische Parallelen in der Erarbeitung zu exponieren.

Beginnen werde ich zunächst mit der Übersetzung des im Mittelhochdeutschen verfassten Orginaltextes Ain tunckle farb.

Diesem Prosapart aus dem ursprünglichen Gedicht schließe ich im folgenden Teil unmittelbar die Interpretation des Inhalts an, welcher bei literarischen Werken immer ein sehr wesentliches Faktum zur Kontexterschließung darstellt. Mit den dadurch geschaffenen Grundlagen beim Rezipienten kann im anschließenden Gliederungspunkt nun die Untersuchung des eingangs formulierten Schwerpunktes erfolgen. Dabei sollen die kursierenden Meinungen vergleichend gegenübergestellt werde. Eine Beleuchtung wichtiger Entwicklungen aus sprachwissenschaftlicher Sicht werden an dieser Stelle natürlich nicht unterschlagen – diese nehmen allerdings auch nur einen exemplarischen Status ein. Im abschließenden Resümee möchte ich mich schließlich wieder dem Kern meiner Ausführungen nähern und einen Versuch wagen, die anfänglich formulierte Frage nach der Gattungszugehörigkeit zu klären. Letztlich mögen weiterführende Fragen und Überlegungen die Bandbreite und die Möglichkeiten dieses Liedinhaltes demonstrieren. Die innerhalb der Hausarbeit bearbeiteten Schwerpunkte liefern weder beweisträchtige Aufschlüsse bis ins kleinste Detail noch wird meinerseits irgendein Anspruch auf Vollkommenheit erhoben, da dies Umfang und Rahmen der Arbeit sprengen würde. Dennoch bemühe ich mich um die Herausstellung relevanter Aspekte zur schlüssig argumentativen Überprüfung gängiger Thesen.

2 Prosaübersetzung des Lieds „Ain tunckle farb“

Eine dunkle Farbe (Kl. 33)

I Eine dunkle Farbe im Westen erfüllt mich sehnsüchtig mit Schmerz, da ich sie entbehren muss und einsam (verlassen) daliege – nachts unbedeckt.

Sie, die mich mit eng umschlossenen weißen Ärmchen und hellen Händchen liebevoll an sich drücken kann - die ist so weit weg, dass ich von Angst erfüllt in meinem Lied mein Klagen nicht zu unterdrücken vermag.

Vom Hin- und Herwenden knacken mir alle Knochen (Glieder), wenn ich der Geliebten seufzend gedenke, die alleinig meine Begierde erweckt (mich erregt) – hinzu kommt mein stetiges, männliches Verlangen.

II Durch Wälzen bewege ich mich des Nachts schlaflos hin und her - begierige Gedanken nahen mir aus der Ferne entgegen, gegen deren Waffen es keine Hilfe gibt. Wenn ich meinen Schatz nicht dort an seinem Platz vorfinde, wann immer ich auch nach ihm fasse, ach, so ist bei mir ungestüm (quälend) Feuer im Dach, als ob mich Frost verbrennen würde. Und sie umwindet und fesselt mich dann ohne Seil bis zum nächsten Morgen (bei Tagesanbruch). Ihr Mund weckt in mir zu jeder Stunde das lüsterne Verlangen – verbunden mit sehnsüchtigem Klagen.

III Auf diese Weise verbringe ich , liebe Grete , die Nacht bis zum Morgen.

Dein schöner Körper bewegt mein Herz, das singe ich ohne dies vor jemandem zu verbergen.

Komme, liebster Schatz! Mich trietzt eine (die) Ratte mit großer, [ihr innewohnender] Hartnäckigkeit, sodass ich davon aufwache.

Du, als meine Liebe, die mir weder früh noch spät Ruhe gönnt – trage deinen Part dazu bei, dass unser Bettlein kracht!

Vor lauter Freude würde ich auf hohem Stuhle sprühen, wenn sich mein Herz vorstellt, dass mich mein schönes Mädchen gegen Morgen liebevoll umarmt.

3 Interpretatorische Kurzanalyse

Zur äußeren Form sei vorangestellt, dass jede der drei Strophen aus drei Vierzeilern besteht, von denen die ersten beiden Stollen den Aufgesang bilden (8 Verse), der dritte den Abgesang (restliche 4 Verse). Das Reimschema weist eine auffällig verwickelte Struktur auf, insbesondere im Hinblick auf die häufig vorkommenden Binnenreime. Bei der Betrachtung von metrischer Form und musikalischer Gestalt bezieht Jones dahingehend Stellung, dass „dieses Lied in der Tradition der Minnesänger [...] [steht] und [...] sogar manches von ihrem traditionellen Wortschatz [verwendet]“.[1] Ausführlichere Auseinandersetzungen mit der Gattungsproblematik und den dazu sehr kontrovers existierenden Standpunkten der Wissenschaft sollen jedoch im anschließenden Gliederungspunkt 4 erfolgen.

Mit dem in Strophe eins formulierten Vers Ain tunckle farb von occident wird der Leser gleich zu Beginn mit der umstrittensten Stelle des Liedes konfrontiert: Denn die übersetzte dunkle Farbe im Westen ist unmittelbar die genaue Umkehr der Morgensituation nach Dagmar Hirschberg, auf deren Darlegungen die folgenden Ausführungen basieren[2]: Ihrer Meinung nach gelte jenes geschilderte tageliedübliche Erschrecken (V. 2) in dem Fall dem Abendhimmel. Jones hält hierbei dagegen, indem er die Methode des ‚doppelten Gegensatzes’ erläutert: die dunkle Farbe im Westen also folglich der Morgendämmerung und damit dem herannahenden Tag und nicht der herannahenden Nacht entspreche.[3] Darin begründet sich seine Bezeichnung als „Morgen-Lied“. (Inhalt Oswalds Sehnsucht, so Jones weiter, ist die Erleichterung seiner sexuellen Spannung.)

Dass das Erschrecken als senlich (V. 2) eingestuft wird, unterstützt im gesamten weiteren Verlauf dieser Strophe den nun naheliegenden Umkehrprozess des Tageliedtypus. Bekräftigt wird dies z.B. auch durch die Abwesenheit der Geliebten (die ist so lang V. 7) begründet. Der Schein zur Anlehnung an den hier diskutierten Typus wird durch das Nachtmotiv (V. 4) zwar kurzzeitig genährt, erweist sich jedoch bei näherer Betrachtung als unzureichend: Die Geliebte als Person ist dem lyrischen Ich nur aus der Vergangenheit herrührend präsent – zum Zeitpunkt der erzählten Szene erinnern jedoch lediglich einzelne Körperteile (V. 5) an den nackten Körper der Frau. Faktisch ist sie jedoch nicht in derselben Zeit-Raum-Koordinate einzuordnen, auch von „Minnefreuden“ kann in diesem Zusammenhang nicht die Rede sein. Die folgenden Verse 7 und 8 wird schließlich die entstandene Minnenot durch die Abwesenheit der Geliebten durch die Schilderung körperlicher Entzugserscheinungen deutlich: Es wird das bekannte Krachen der Knochen (krecken V. 9) erwähnt; ebenfalls greift das Seufzen (V. 10) das Klagemotiv neu auf. Schließlich vollzieht sich gegen Ende dieser ersten Strophe noch eine markante Wandlung des bis dato klassischen Minnevokabulars: senlichen, darb, ellend, freuntlich, pang, gesang klag und beseuffte erfahren einen drastischen Schnitt, indem plötzlich von Begierde, Erregung, dem männlichen Druck und damit nach Hirschberg vom Geschlechtsakt die Rede (V. 11 und 12) ist.

[...]


[1] Jones: ‚Ain tunckle farb’ – Zwar kein „tageliet“, aber doch ein Morgen-Lied, S. 144.

[2] Hirschberg: Funktion der biographischen Konkretisierung in O.v.W. Tagelied-Experiment ‚Ain...’ , S. 380 ff.

[3] Vgl. Anm. 1, S. 145.

Details

Seiten
16
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638029711
ISBN (Buch)
9783638928120
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88775
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Germanistische Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Oswalds Wolkenstein Lied Proseminar Oswald

Autor

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