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Stadt- und Raumdarstellung in Bohumil Hrabals 'Allzu laute Einsamkeit'

Verschiedene Ansätze im Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 19 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Inhalt und kurze Autorvorstellung
2.2. Schauplätze
2.3. Expressionistische Großstadtdarstellung
2.4. Hanta als Flaneur
2.5. Magisches Prag
2.6. Exkurs: weitere Forschungsergebnisse

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Forschungsliteratur:

1. Einleitung

Prag, Hauptstadt Tschechiens, idyllisch gelegen an der Moldau, Heimat von Rabbi Löw und seinem Golem, ist Schauplatz zahlreicher literarischer Werke und bis heute vielen als 'goldene Stadt' im Gedächtnis.

Im Hauptseminar Magisches Prag im WS 06/07 haben wir uns mit der literarischen Darstellung der Stadt Prag sowohl aus kulturgeschichtlicher Perspektive als auch mit Hilfe unterschiedlicher theoretischer Ansätze beschäftigt. In dieser Arbeit soll es nun darum gehen, noch einmal gezielt verschiedene Stadt-Theorien an nur einem Text vorzustellen: Allzu laute Einsamkeit von Bohumil Hrabal bietet sich hierfür vorzüglich an, weil hier ganz unterschiedliche Beschreibungen und Vorstellungen von Prag in vereint werden.

So ist zum Beispiel der Entwurf von Prag als magisch-mythischer Raum zu nennen – was ist Fiktion, was Imagination, was schließlich doch Realität? Ist die Stadt ein konkretes Abbild der Wirklichkeit oder steht sie als Sinnbild oder Struktur für etwas ganz anderes? Wie verhält sie sich im Kontext zum eigentlichen Geschehen, wie ist sie in Bezug und in Beziehung zu den handelnden Personen zu setzen? Erfährt die Stadt im Verlauf der Geschichte eine Wandlung oder bleibt sie von Anfang bis zum Ende eher statisch? Eine wichtige Rolle in Allzu laute Einsamkeit spielt auch das Verhältnis vom Kunstraum zum Stadtraum. So flüchtet sich der Protagonist Hanta in eine Gegenwelt aus Büchern und auch andere Personen im Text haben sich ihre eigene kleine Kunstwelt erschaffen. Schließlich spielt noch die kulturelle, politische und soziale Mehrschichtigkeit in diesem Text eine Rolle, die sich auch in differierenden Beschreibungen der Stadt und ihrer Umgebung widerspiegelt.

All diese Aspekte sollen in den folgenden Kapitel näher beleuchtet werden. Dazu bediene ich mich drei sehr unterschiedlichen theoretischen Ansätzen über Städte in der Literatur. Zum einen soll geklärt werden, ob es in Allzu laute Einsamkeit Parallelen zur expressionistischen Großstadtdarstellung gibt. Zum zweiten analysiere ich, ob Hanta Züge eines Flaneurs hat und schließlich geht es um die Darstellung des so genannten 'Magischen Prags'. Nach einem kurzen Exkurs über weitere Forschungsergebnisse werden im Fazit die Ergebnisse zusammengefasst.

2. Hauptteil

2.1. Inhalt und kurze Autorvorstellung

Zur Einführung soll hier kurz nochmal der Inhalt von Allzu laute Einsamkeit wiedergegeben und ihr Autor vorgestellt werden:

Hauptfigur des Romans ist Hanta, der seit 35 Jahren als Altpapierpacker in einem Prager Keller arbeitet. Er geht sehr in dieser monotonen Arbeit auf, weil sie ihm die Möglichkeit bietet, in all dem Altpapier doch immer wieder auf lesenswerte, schöne und seltene Bücher zu stoßen. Körbeweise schleppt er diese Bücher mit nach Hause und auch seine Sprache strotzt nur so vor intertextuellen Bezügen. Er hat wenig soziale Kontakte oder Interessen außerhalb der Arbeit und des Lesens und lebt recht zurückgezogen in seiner eigenen Bücherwelt, die vorwiegend aus sehr anspruchsvollen philosophischen Texten und Klassikern der Weltliteratur besteht. In einigen Rückblenden erzählt Hanta Episoden aus seiner Jugend und berichtet auch über zwei Liebesbeziehungen. Im Mittelpunkt steht jedoch die Arbeit als Altpapierpacker. Der Besuch einer modernen Fabrik, in der die Papierpresse ohne Unterlass arbeitet und die Angestellten ohne jedes Gefühl Bücher einstampfen, erschüttert ihn sehr. Da er – nach Meinung seines Chefs - zu viel Zeit darauf verwendet, möglichst kunstvolle Pakete zu pressen und sein Pensum nie schafft, soll er schließlich versetzt werden und fortan nur unbeschriebenes, weißes Papier pressen. Hanta ist nun endgültig überzeugt, in dieser veränderten Welt nicht mehr zurecht zu kommen und träumt davon, sich selbst zu Tode zu pressen.

Bohumil Hrabal, geboren am 28.03.1914 schrieb bereits während des Jurastudiums erste Gedichte und veröffentlichte 1945 zusammen mit Marysko das 'Manifest des Neo-Poetismus', das als verschollen gilt.[1] Durch den „kulturellen Kahlschlag“[2] der 1950er Jahre in Tschechien wurde auch Bohumil Hrabal nachhaltig geprägt, der in dieser Zeit selbst als Altpapierpacker in Prag gearbeitet hat und so die „Zerstörung der Kultur [...] am eigenen Leibe miterleben musste“.[3] 1963 erschien sein spätes, aber erfolgreiches Debüt - der Erzählband Perlchen auf dem Grund. 1968 erhielt er den Tschecheslowakischen Staatspreis für Literatur, Hrabal gilt als der „originellste tschechische Prosaiker der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts“[4]. Merkmal seiner Prosa ist die Verwendung von gesprochener bzw. der Umgangssprache. Die Erzählwerke der 60er zeigen eine bekannte Welt, die jedoch vor ungeahnten Wendungen, Brüchen und Abgründen strotzt. Die Erzählwerke der 70er Jahre sind stark autobiografisch geprägt und arbeiten gegen das Vergessen an. Als die Kommunisten nach dem Prager Frühling ihre Zwangsherrschaft erneuern, entsteht in einer Situation der Einsamkeit und Angst vor Zukunftslosigkeit die Allzu laute Einsamkeit. Der Text[5] existiert in drei Varianten, die sich sowohl sprachlich (Versform, Umgangssprache, Hochsprache) als auch inhaltlich (Selbstmord, Traum vom Selbstmord) unterscheiden. „Konfrontation und Variation [sind] die beiden dominierenden Stilmittel [...], die sich im Schaffen des Schriftstellers durchgehend beobachten lassen.“[6] Viele von Hrabals Texten existieren in verschiedenen Fassungen – und dies ist nicht allein der Zensur geschuldet. Grundlage meiner Analyse ist die letzte Fassung in der deutschen Übersetzung von Peter Sacher.[7]

Im Februar 1997 stirbt Hrabal nach einem Fenstersturz aus dem Krankenhaus; bis heute halten sich Gerüchte über Selbstmord.

2.2. Schauplätze

„Der Mensch kann nicht ohne seine Umwelt gesehen und verstanden werden, da sie einer der Bestimmungsfaktoren seiner Persönlichkeit ist.“[8]

Da im Mittelpunkt dieser Arbeit die Analyse der Stadt- und Raumdarstellung stehen soll, scheint es sinnvoll, zuerst einmal zu klären, wo der Roman Allzu laute Einsamkeit überhaupt spielt. Orte, die nur in den Rückblicken begangen werden, sind im Rahmen dieser Arbeit zu vernachlässigen, da sie zumeist nicht in Prag zu finden sind (z.B. das Skigebiet, in dem Hanta mit seiner Jugendliebe Macinka Urlaub gemacht hat) und zudem auch innerhalb der Handlung keine nennenswerte Bedeutung haben.

Widmen wir uns also zuerst einmal den Orten der Gegenwart: Dazu gehört Hantas Arbeitsplatz im Keller in der Spalenagasse, ein spärlich beleuchteter, dreckiger Raum, den er sich mit allerlei Ungeziefer und Mäusen teilen muss. Hier steht seine Presse und hier wird durch ein Loch in der Decke das zu pressende Altpapier hinunter geschüttet, das sich überall türmt und sich auch noch auf dem Hof über dem Keller breit macht. Die gepressten Pakete werden dreimal in der Woche von einem Lastwagen zum Bahnhof gebracht, von dort weiter zu Papiermühlen transportiert und schließlich durch Lauge endgültig zerstört.[9] Kurz angesprochen werden soll hier bereits die Unterscheidung zwischen der Ober- und der Unterwelt in Allzu laute Einsamkeit. Neben Hantas Arbeitsplatz befinden sich weitere Kellerräume, in denen hochgebildete Menschen niedere Arbeiten, bspw. als Kanalputzer, verrichten müssen. Akademiker verfassen dort universitäre Studien und klären Hanta auch über die Besonderheiten der Prager Unterwelt auf.[10] Er, der „gebildet gegen [s]einen Willen“[11] ist, fühlt sich dort unten sehr wohl. An der Oberwelt wartet im Gegenzug nur sein übellauniger Chef auf ihn. „Das Paradies ist ein Kellergeschoß, die Erdoberfläche ist die Hölle, da auf ihr Menschen leben, die einmalige und unwiederbringliche Botschaften in Form von Büchern vernichten lassen, die vielleicht der Schlüssel zu ungelösten Fragen der Menschheit sein können.“[12]

Da Hanta ständig Bier trinkt um „Kraft zu haben für diese gottgefällige Arbeit“[13] hält er sich auch desöfteren in der Kneipe Huskenskýs auf, die sich ganz in der Nähe seines Arbeitsplatzes befindet. „Das Milieu der Kneipe ist eng verbunden mit der Vorstellung von großstädtischer Peripherie. Auch in einem Land wie der Tschecheslowakei, in dem dem die Kneipe [...] einen wichtigen Platz im täglichen Leben einnimmt, steht das Kneipengeschwätz im Grunde am Rande der Gesellschaft, in scharfer Opposition zu allen gebildeten und offiziellen Äußerungen 'draußen' [...].“[14] Es ist für Hanta zum festen Ritual geworden, sich während der Arbeit von Zeit zu Zeit einen Krug Bier zu holen.

[...]


[1] Sofern nicht anders angegeben, folge ich in diesem Absatz den biografischen Angaben von Eckard Thiele im Nachwort zu Allzu laute Einsamkeit, S. 177-184

[2] S. Roth: Laute Einsamkeit und bitteres Glück,

[3] S. Roth: Laute Einsamkeit und bitteres Glück,

[4] E. Thiele:

[5] Hrabal wählt als Genrebezeichnung für seine Werke häufig nur das Wörtchen Text – „ damit weist er einmal mehr darauf hin, dass er in kein Schema passt und nicht etikettiert werden will“. (S. Roth: Laute Einsamkeit und bitteres Glück, S. 83)

[6] S. Roth: Laute Einsamkeit und bitteres Glück,

[7] Zu einem ausführlichem Vergleich der drei Fassungen vgl. weiter S. Roth, Laute Einsamkeit und bitteres Glück. An keiner Stelle werden jedoch differierende Ortsbeschreibungen aufgezeigt. Da ich des Tschechischen nicht mächtig bin und mir nur diese eine Fassung zur Verfügung steht, kann ich darüber leider auch keine Auskunft geben.

[8] E. Griesenhagen: Die Stadt tritt ins Bewusstsein,

[9] Die Zahl drei tritt noch häufiger im Text auf., so gibt es z.B auch drei Waggons mit den Büchern der Preußische Bibliothek. S. Roth erklärt dies damit, dass Hrabal bestimmte ordnende Muster verwendet, um einen Gegenpol zu der Welt zu schaffen, in der es selbst keine verbindlichen Werte gibt. Mir er-scheint diese Erklärung zwar logisch, befinde aber die Nachweise im Text für zu schwach.

[10] Etwa über den in der Kanalisation tobenden Krieg zweier verfeindeter Rattenvölker

[11] B. Hrabal, Einsamkeit,

[12] M. Zgustová: Im Paradiesgarten, S. 254. Zgustová bezieht sich hier auf mehrere Episoden in Allzu laute Einsamkeit, in denen explizit die Massenvernichtung von Büchern beschrieben wird. Dies geschieht zwar nicht grundsätzlich aus Vorsatz, aber immer aus Ignoranz gegenüber den Bücherschätzen. So z.B. die Bestände der Preußischen Bibliothek, die tagelang im Regen stehen gelassen wurden. Obwohl Hanta keine Schuld daran hat, will er sich selbst wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit anklagen“ (S.16). Jahre später hat er sich jedoch daran gewöhnt, ganze Bibliotheks-bestände zu zerpressen. Er gelangt zur Erkenntnis, dass „Verwüstung und Unglück auch schön sein können“ (ebd.).

[13] B. Hrabal: Einsamkeit,

[14] A. Götz: Bilder aus der Tiefe der Zeit, S. 61. Götz spricht in seinem Essay auch von der „Kneipe als Universität“ (S.59). Findet dies zwar so in Allzu laute Einsamkeit keine Anwendung, so lässt es sich jedoch auf die Kellerräume übertragen, man kann von einem 'Keller der Universität' sprechen.

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638040037
ISBN (Buch)
9783638936606
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88703
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Seminar für Slawische Philologie
Note
1,3
Schlagworte
Stadt- Raumdarstellung Bohumil Hrabals Allzu Einsamkeit Magisches Prag

Autor

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