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Eine Analyse zu Martin Walsers "Ein fliehendes Pferd"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 11 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0. Einleitung
1.1 Aufbau der Arbeit

2.0. Figurenanalyse der beiden männlichen Protagonisten
2.1. Helmut Halm
2.2. Klaus Buch

3. Die Schlüsselszenen der Novelle

4. Flucht als zentrales Motiv der Novelle

5. Ein fliehendes Pferd – eine Novelle im klassischen Sinne ?

6. Schlussbetrachtungen

7.0. Literaturverzeichnis
7.1. Verzeichnis der Primärliteratur
7.2. Verzeichnis der Sekundärliteratur

1.0. Einleitung

„Martin Walsers Novelle ‚Ein fliehendes Pferd’ halte ich für sein reifstes, sein schönstes und bestes Buch. Diese Geschichte zweier Ehepaare, die sich zufällig während ihrer Ferien in einem Ort am Bodensee treffen, ist das Glanzstück deutscher Prosa dieser Jahre, in dem sich Martin Walser als Meister der Beobachtung und der Psychologie, als Virtuose der Sprache bewährt.“[1]

So lobend urteilte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, als er den Vorabdruck der Walserschen Novelle im Jahr 1978 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung las. Entstanden innerhalb von wenigen Wochen im Sommer 1977[2] und ab dem 24. Januar 1978 erschienen als Vorabdruck in der FAZ, wurde der Text bereits einen Monat später im Suhrkamp-Verlag als Hardcover veröffentlicht.

Die zahlreichen positiven Rezensionen, allen voran die des oben genannten Kritikers trugen wohl auch mit dazu bei, dass die Erstauflage von 25 000 Exemplaren rasch vergriffen war. Bis heute hat Walsers Werk in seiner Beliebtheit nichts eingebüßt, erscheint Ein fliehendes Pferd - inzwischen in der Reihe suhrkamp taschenbuch – doch bereits in der fünfunddreißigsten Auflage.[3]

Der Text schildert das zufällige Treffen zweier sehr unterschiedlicher Paare am Bodensee. Studienrat Helmut Halm, sechsundvierzig Jahre alt, und seine Frau Sabine verbringen ihren Urlaub dort. Wie jedes Jahr seit elf Jahren. Doch in diesem Jahr wird ihre Routine gestört. Ein ehemaliger Schul- und Studienkollege Helmuts, Klaus Buch, und seine fast zwanzig Jahre jüngere Frau stehen plötzlich vor ihnen. Die beiden Männer verbindet nichts mehr und sie sind so grundverschieden, wie man es sich nur vorstellen kann. Dennoch gestalten die beiden Paare ihren Urlaub nun gemeinsam. Vielmehr: der dynamische Klaus Buch plant die Tage der Vier.

Auf einem Segeltörn schließlich versucht Klaus Helmut davon zu überzeugen, dass es besser sei, Sabine zu verlassen und mit ihm auf die Bahamas zu gehen, einfach auszusteigen. Als ein Sturm aufkommt und Klaus die beiden mit seinem Gehabe in eine riskante Situation bringt, reißt Helmut ihm vor Panik die Pinne aus der Hand und Klaus stürzt vom Boot.
Nach diesem Vorfall ist nichts mehr wie zuvor. Zumindest einen Tag lang. Denn: der tot geglaubte Klaus taucht unvermittelt wieder auf.

1.1 Aufbau der Arbeit

Die folgende Referatsausarbeitung befasst sich in einem ersten Teil mit der Charakterisierung der männlichen Figuren Helmut Halm und Klaus Buch. Ziel ist es vor Augen zu führen, wie verschieden diese beiden Protagonisten, ihre Lebenseinstellungen und auch -gestaltungen sind. Denn: Ihre Gegensätzlichkeiten treiben die Handlung voran, sind Auslöser für die Spannung zwischen den Männern, die ihren Höhepunkt in dem bereits erwähnten Bootsunglück erreicht. So soll die sich anschließende Beschreibung der Schlüsselszenen des Textes ebenso der näheren Charakterisierung der männlichen Figuren dienen. Vor allem aber soll durch die nähere Betrachtung der Episoden „ein fliehendes Pferd“ und „Bootsunglück“ versucht werden, das zentrale Thema der Novelle zu erschließen.
In einem weiteren Kapitel soll der Frage nachgegangen werden, ob der von der Kritik vielgelobte Text mit Recht als Novelle bezeichnet werden kann, das heißt ob das Werk des Romanciers die inhaltlichen und vor allem die formalen Kriterien einer Novelle erfüllt. Abschließend werden die Ergebnisse dieser Arbeit noch einmal zusammengefasst dargestellt.

2.0. Figurenanalyse der beiden männlichen Protagonisten

2.1. Helmut Halm

Der promovierte Studienrat lebt gemeinsam mit seiner Frau Sabine in Stuttgart. Der Vater zweier erwachsener Kinder fährt wie bereits erwähnt seit elf Jahren mit seiner Frau und dem Hund Otto in dasselbe Domizil an den Bodensee. Diese Figur des Helmut Halm ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie sich Mitmenschen gegenüber äußerst distanziert verhält. Lieber flüchtet Helmut sich in die Welt der Bücher, als am Leben teilzunehmen. Dies wird bereits in der Eingangsszene deutlich, wenn er die Menschen an sich vorüberströmen sieht und sich wünscht, in der Abgeschiedenheit der Ferienwohnung zu sitzen und die fünfbändige Biographie Kierkegaards zu lesen. Er kann, im Gegensatz zu seiner Frau, die Gesellschaft anderer nur schwer genießen. Er möchte unerkannt bleiben, nicht antastbar sein. Nicht verwunderlich, dass er sich auf seine Schule den Spitznamen „Bodenspecht“ verdient hat. Einzig Sabine ist das Verbindungsstück zwischen ihm und der Außenwelt. Ihr öffnet er sich auch vollständig als sie am Ende zusammen im Zug sitzen.[4] Eine weitere, seine Lebensgestaltung prägende Charaktereigenschaft ist, dass Helmut nicht gerne über Vergangenes nachdenkt. Es widert ihn regelrecht an, als Klaus ihn mit Anekdoten aus der Schulzeit überhäuft. Die peinlichen Jugenderlebnisse, die Klaus detailreich schildert, überschreiten für Helmut jegliche Schamgrenze. „Trotzdem bemüht sich Helmut, die Rolle des alten Kameraden zu spielen [...] Dabei hilft Helmut sein Hang zur „Verstellung“ (20) [...].“[5] Dies ist eine weitere Eigenschaft von ihm, die auch damit zusammenhängt, dass er nicht „erkannt“ werden will. Helmut hat im Laufe der Zeit gelernt, sich zu tarnen. Er spielt seinen Mitmenschen, wie etwa den Vermietern der Ferienwohnung, Rollen vor, um sie auf Distanz zu halten und möglichst wenig von seinem Ich preiszugeben. „Inkognito war seine Lieblingsvorstellung“ (Ein fliehendes Pferd, S.12) ist daher auch Helmuts Lebensmotto; sein „Herzenswunsch ist zu verheimlichen“ (Ein fliehendes Pferd, S. 37).

[...]


[1] Reich-Ranicki, Marcel: Entgegnung. Zur deutschen Literatur der siebziger Jahre.1981, S. 182.
2 Über den Entstehungsprozess der Novelle gibt Walser selbst genau Auskunft. Nachzulesen in: Rzehak, Wolfgang: Gespräch mit Martin Walser. Veröffentlicht im „Online-Forum Medienpädagogik“ (http://lbs.bw.schule.de/onmerz) Sigmaringen 1996.
3 Bis zum Januar 2002 verkaufte der Verlag über eine Million Exemplare der Novelle. Eine genaue und vor allen Dingen aktuelle Zahl war selbst nach mehrmaligem Nachfragen beim Vertrieb des Verlages nicht zu erhalten.

[4],,Jetzt fange ich an, sagte er. Es tut mir leid, sagte er, aber es kann sein, ich erzähle dir alles von diesem Helmut, dieser Sabine. (...) Also bitte, sagte er. Es war so... ." (Ein fliehendes Pferd, S. 151)

[5] s. Kutzmutz, Olaf: Martin Walser. Ein fliehendes Pferd. Phillip Reclam-Verlag, Stuttgart 2006, S.10. Im folgenden zitiert als Kutzmutz (2006).

Details

Seiten
11
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638028622
ISBN (Buch)
9783640812950
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88642
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Deutsche Sprache und Literatur
Note
1,0
Schlagworte
Eine Analyse Martin Walsers Pferd Novelle Theorie Geschichte Jahrhundert

Autor

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Titel: Eine Analyse zu Martin Walsers "Ein fliehendes Pferd"