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Zur figuralen Verwendung biblischer Motive in der profanen Literatur

Die Philippsprüche Walthers von der Vogelweide

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 13 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Figura
2.1 Figura als heidnischer und als christlicher Begriff
2.1 Die Gestalt der figura

3 Die Philippsprüche Walthers von der Vogelweide
3.1 Geschichtliche Hintergründe
3.1.1 Der Investiturstreit
3.1.2 Die doppelte Königswahl
3.2 Ez gienc, eins tages als unser herre wart geborn

4 Schluss

5 Bibliografie

Anhang

1 Einleitung

Seit der Zeit der Kirchenväter wird der Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Testament als Verhältnis von Verheißung und Erfüllung ausgelegt. Das Geschehen von Ereignissen und das Auftreten von Personen des NT sollen demnach bereits im AT angekündigt worden sein. Die Verheißung wird in der christlichen Terminologie mit Typus bezeichnet, die Erfüllung des Angekündigten mit Antitypus. So ist z. B. Adam der Typus Christi: Adam hatte Teil am Sündenfall und am Ausgestoßenwerden aus dem Paradies; Christus ist dann insofern der Antitypus des Adam dessen Leben die Geburt Christi verheißen soll und mit ihm die Erlösung von der menschlichen Erbsünde. Diese Form der Bibelexegese wird als typologische Interpretation oder auch als Figuraldeutung bezeichnet.

Die figura als Auslegungsverfahren nimmt zwar ihren Ursprung in der Bibelausdeutung, ist aber nicht auf sie beschränkt. Gerade im Mittelalter prägte sie die Denkweise der Menschen. Und so ist sie auch in der profanen mittelalterlichen Literatur anzutreffen. Diese Arbeit untersucht die halbbiblische Verwendung der figura am Beispiel eines Philippspruches Walthers von der Vogelweide.

In Kapitel 2 soll zunächst die figura exakt bestimmt und ein anschließender Umriss ihrer Verwendungsweise gegeben werden (2.2). Dazu findet sich in 2.1 eine kurze etymologische Geschichte des Wortes figura sowie seines Bedeutungswandels hin zum Gegenstand christlich-mittelalterlicher Weltdeutung.

Kapitel 3 beschäftigt sich mit dem Textmaterial und gibt eine geschichtliche Einführung, die die das ausgewählte Gedicht umrankenden historischen Hintergründe darstellt (3.1). Im zweiten Teil des dritten Kapitels schließlich wird das Gedicht interpretiert und aufgezeigt wie es sich durch den typologischen Zusammenhang mit immenser Wirkungskraft speist. Im Anhang finden sich das Originalgedicht und eine Übersetzung.

2 Figura

2.1 Figura als heidnischer und als christlicher Begriff

Auerbach zeichnet den etymologischen Werdegang des Begriffes figura in seinem gleichnamigen Aufsatz von 1967 nach. Erstmals zu finden ist figura (vom gleichen Stamm wie fingere, figulus, fictor, effigies) bei Terenz. Dieser wie andere Schreiber der Antike nutzte den Begriff ursprünglich zur Bezeichnung von geometrischen Formen verschiedenster Art, später dehnte er sich auch auf akustische und grammatische Formen aus. Jedoch verengte sich die Bedeutung von figura schon bald auf die komplementärantonymische Bezeichnung zu forma ´Gussform` als dem plastischen Gebilde, das aus der Form hervorgeht. Diese Bedeutungsverschiebung, die den Übergang von der Gestalt zu seinem Abbild bezeichnet, ist für die spätere Auffassung von figura überaus bedeutsam. Am besten lässt sie sich laut Auerbach an einer Stelle bei Lucrez fassen, „die von der Ähnlichkeit der Kinder mit ihren Eltern, von der Mischung der Samen und der Vererbung handelt; von den Kindern, die utriusque figurae, des Vaters und der Mutter sind“ (AUERBACH: „Figura“: S. 58). In vielen Sachbereichen etabliert sich figura derweil als fachlicher Ausdruck eines Abbil- dungsverhältnisses, so z. B. in der Architektur als Grundriss/Plan Gebäude oder in der Malerei als Gestalt Porträt. Die letzte Bedeutung in der heidnischen Antike kommt figura als Stilfigur in der antiken Rhetorik zu. Im 9. Buch derselben scheidet Quintilian die Figur von der Trope. Die Trope stehe dem eigentlichen Wortsinn nahe; die Figur aber sei mehr, nämlich bereits Übertragung des Wortsinnes auf eine andere Ebene. Dies verdeutlicht die Figur, die als wichtigste angesehen wurde: die versteckte Anspielung. Sie bleibt z. B. als Mittel der Kritik an den herrschenden Verhältnissen unausgesprochen und offenbart sich nur im Übertragenen.

Bei Tertullian findet sich erstmals figura im religiösen Kontext als vorausdeutende Gestalt des Zukünftigen.1 „Die Art der Interpretation zielte darauf ab, die im Alten Testament auftretenden Personen und Ereignisse als Figuren oder Realprophetien der Heilsgeschichte des Neuen zu deuten“ (F: S. 66). Mit der Ausdeutung des AT durch den Kirchenvater Augustin schließlich erreicht die figura den Höhepunkt ihrer christlichen Auslegung. Ein früher Konflikt in der Bibelexegese teilt das gläubige Lager in die Hälften derjenigen, die den Inhalt des Alten Testaments unter Verflüchtigung des Geschichtlichen ins Geistige wenden wollen und derjenigen, die den innergeschichtlichen Zusammenhang zu bewahren trachten. Denselben Anspruch - die christliche Bibel als Niederschrift von Realgeschehen aufzufassen - verfolgt die Bibelexegese als Lehre vom vierfachen Schriftsinn. Diese Lehre trachtet ebenfalls danach die Ereignisse der irdischen Welt in ihrer Hinweisung auf die himmlische Welt zu verstehen. Drei der vier Schriftsinne finden ihre Auslegung im Historisch-Weltlichen, lediglich der vierte - aber dieser ganz bestimmt - weist ins Heilsgeschichtliche. Zur Rechtfertigung der Figuraldeutung berufen sich bereits die Kirchenväter auf Paulus´ in den Apostelbriefen verkündete Lehre. Diese urchristlichen Texte beinhalten bereits eine Darstellung des von Paulus angewendeten figuralen Deutungsverfahrens. In Gal. 4, 21-31 erklärt Paulus den neu getauften Galatern, die sich nach der Sitte der Juden beschneiden lassen wollen, am Gegensatz Sara-Isaak und Hagar-Ismael den Unterschied zwischen Gesetz und Gnade, altem und neuem Bund, Knechtschaft und Freiheit:

23 Der Sohn der Sklavin wurde auf natürliche Weise gezeugt, der Sohn der Freien aufgrund der Verheißung.24 Darin liegt ein tieferer Sinn: Diese Frauen bedeuten die beiden Testamente. Das eine Testament stammt vom Berg Sinai und bringt Sklaven zur Welt. […]26 Das himmlische Jerusalem aber ist frei und dieses Jerusalem ist unsere Mutter! […]28 Ihr aber Brüder seid Kinder der Verheißung wie Isaak“.

Die Apostelbriefe sind polemisch-defensiv gegen jüdische Angriffe und Verfolgungen gefärbt „und sie haben fast alle die Absicht das Alte Testament seines normativen Charakters zu entkleiden und als bloßen Schatten des Kommenden aufzufassen“ (F: S. 75). In ihnen offenbart sich die Verwandlung des Alten Testaments von einem Gesetzbuch und einer Volksgeschichte Israels zu einer heilsgeschichtlichen Verheißung. Denn Paulus postuliert, dass nicht die gesetzestreue Auslegung des AT einen guten Christen zeitigt, sondern der Glaube an die Rechtschaffenheit Christus. Mit diesem Interpretationswandel und der Abstraktion von der jüdischen Volksgeschichte wird das Neue Testament - und das Christentum überhaupt - überindividuell und auch für nichtjüdische Kulturen zugänglich. Mit der Ausbreitung und Etablierung des christlichen Glaubens im mittelalterlichen Europa gehen auch christliche Denkweisen in das Kulturgut der heidnischen Völker über. Die Auffassungsweise der Figuraldeutung prägt über tausend Jahre hinweg das Leben der abendländischen Völker und muss so „zu einem der wichtigsten Aufbauelemente ihres Wirklichkeits- und Geschichtsbildes, ja ihrer Sinnlichkeit überhaupt“ (F: S. 77) geworden sein.

2.1 Die Gestalt der figura

Wie bereits im vorangegangenen Kapitel angedeutet handelt es sich bei der figura um ein in der christlichen Bibelausdeutung vorkommendes Abbildungsverhältnis, bei dem der erste Gegenstand den zweiten vorabbildet, ihn in einem heilsgeschichtlichen Zusammenhang verheißt. In der Literatur(wissenschaft) finden sich verschiedene Techniken um zwischen zwei Objekten eine ähnliche Relation darzustellen. Gemeint sind v. a. die Metapher, der Vergleich und die Allegorie. Alle diese Darstellungsmechanismen weisen über ihren bloßen Wortsinn - ihre littera - hinaus auf etwas nicht explizit Ausgesprochenes. „Ihre ratio übersteigt den litteralen Sinn ihrer res“.2 Der grundlegende Unterschied zwischen den oben genannten abbildenden Verfahren und der figura besteht darin, dass die res der Metapher, des Vergleichs wie der Allegorie mit ihrem übertragenen Sinn jeweils identisch ist. Vergleich: Der König kämpfte wie ein Löwe. Metapher: Der Löwe hielt drei Tage stand. In beiden Fällen wird der König über das tertium comparationis mit einem Löwen in Verbindung gebracht und ihm auf diese Weise heldenhafter Mut attestiert; doch sowohl Prädikatsnomen des ersten wie Subjekt des zweiten Satzes sind in der Tat identisch mit dem König. Alle drei Begriffe referieren auf dieselbe Entität. In der Allegorie - ein im Mittelalter besonders im Schauspiel und der bildenden Kunst weit verbreitetes Verfahren - besteht ebenfalls kein Unterschied zwischen der res und ihrer significatio. Die übertragene Bedeutung liegt auf derselben horizontalen Linie:

„Die den Bräutigam suchende Braut in Hohen Lied i s t dann die Ecclesia. Daß sie nach dem sensus litteralis auch real die konkrete Braut eines konkreten Bräutigams ist, zeigt nur, daß sie unabhängig voneinander Verschiedenes sein kann, weil in der Heiligen Schrift sub una littera plures sensus zu denken sind“.3

Identifikation von res - dem Gegenstand - und significatio - seinem Bedeuteten - kennzeichnet jedoch nicht die Relation zwischen Typus und Antitypus, vielmehr sind beide eben nicht identisch, sondern voneinander verschiedene Personen oder Ereignisse. Die manifestatio des Antitypus enthüllt grundsätzlich die res latens des Typus. Dabei ist keine eindeutige zeitliche Richtung zwischen den Figuren festgelegt; als Verkündung von Gottes Wort ist die figura in der Jederzeitigkeit angesiedelt.

[...]


1 Vgl. AUERBACH, E.: „Figura“, S. 65.

2 HOEFER, H.: „Typologie im Mittelalter. Zur Übertragbarkeit typologischer Interpretation auf weltliche Dichtung“, S. 85.

3 Ebd: S. 87.

Details

Seiten
13
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638028523
ISBN (Buch)
9783638927734
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88620
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,0
Schlagworte
Verwendung Motive Literatur Erich Auerbachs Mimesis

Autor

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