Lade Inhalt...

Nürnberg im späten Mittelalter - eine religiöse Metropole?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 23 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Stellung der Nürnberger Pfarreien im spätmittelalterlichen Kirchensystem

3. Das pfarrliche Leben

4. Das monastische Leben

5. „Metropolis“? - die Spezifik der Religiösität in Nürnberg

6. Literatur

1. Einleitung

Bereits ein Blick auf die jüngsten publizistischen Auseinandersetzungen um die (Selbst-)Definition der Bundeshauptstadt Berlin als „Metropole“[1] zeigt, dass dieser Begriff offenbar nur schwer mit konkreten Inhalten zu füllen ist. Um sich daher der Nürnberger Kirchengeschichte im späten Mittelalter unter dem Gesichtspunkt zuwenden zu können, ob die Stadt eine „religiöse Metropole“ jener Zeit war, ist es notwendig, den Begriff zunächst näher einzugrenzen, wie dies Evamaria Engel und Karen Lambrecht in einem begriffsgeschichtlich orientierten Aufsatz versucht haben: „Metropolis“ meinte in seiner ersten, ursprünglich antiken Bedeutung „eine ‘Mutter-Stadt’ in Hinblick auf die von ihr ausgehenden Neugründungen, aber auch ‘Zentrum’ und ‘Hauptstadt’ einer Provinz“[2]. Daran anknüpfend habe sich zweitens der kirchenrechtliche Begriff des Metropoliten entwickelt, der als Erzbischof einer Kirchenprovinz vorsteht; eine Metropole wäre damit die Residenzstadt eines Erzbischofs.[3] Schließlich bezeichne der Begriff drittens - losgelöst von seiner Ursprungsbedeutung - Städte, in denen „zentrale Faktoren überregionale Bedeutung qualitativer Art bekommen [...] oder zu einer Region in Beziehung gesetzt werden [...]“[4].

Sofern man einen solchen Metropolenbegriff also auf das mittelalterliche Nürnberg anwenden möchte, ist man zu einer Auseinandersetzung mit diesen drei Definitionsansätzen gezwungen.

Der erste Ansatz scheint auf das Mittelalter nur sehr bedingt übertragbar zu sein. Er basiert zu sehr auf einem zentralistischen Herrschaftsbild und dem Modell einer von einer Hauptstadt aus regierten, festgefügten Region („Provinz“), als dass er der Vielfältigkeit mittelalterlicher Herrschaftsverhältnisse gerecht werden könnte. Wenngleich die Stadt Nürnberg „[ä]hnlich wie die italienischen Stadtrepubliken [ein Territorium besaß], das zudem das größte aller deutschen Reichsstädte war“[5], so war die Stadt doch selbst innerhalb ihrer eigenen Mauern nicht vollkommen rechtlich autonom, sondern unter anderem abhängig vom König, vom Burggrafen und nicht zuletzt vom Bamberger Bischof.

Dem zweiten - kirchenrechtlichen - Ansatz folgend ist ein Metropolencharakter für Nürnberg schlicht zu verneinen; die Stadt ist nicht Sitz eines Bischofs, geschweige denn eines Erzbischofs.

Erst der dritte Ansatz ermöglicht es, von Nürnberg als mittelalterlicher Metropole zu sprechen: Es ist unstrittig, dass Nürnberg - etwa als Ort des ersten Hoftages nach Wahl und Krönung eines Königs und als Aufbewahrungsort der Reichskleinodien - politisch eine überregionale Bedeutung hatte, auch steht die weite wirtschaftliche Ausstrahlung Nürnbergs außer Frage. Nicht zuletzt weil Engel und Lambrecht die Rolle der Kirche als stabilsten Faktor betonen[6], soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, ob auch die religiöse Institution Kirche in Nürnberg - trotz des fehlenden Bischofssitzes - ein solcher „zentraler Faktor“ von überregionaler Bedeutung war.

Die umfangreiche Forschung zur Nürnberger Stadtgeschichte hat sich den Fragen nach der Bedeutung von Kirche und Religion im Mittelalter bislang nur wenig zugewandt. Offenbar bedeutete die Reformation auch für die moderne Geschichtswissenschaft noch immer einen starken Einschnitt, so dass sich nur wenige Werke mit der mittelalterlichen Kirchengeschichte befassen.[7] Die in den einschlägigen Rubriken der Nürnberg-Bibliographie[8] verzeichneten Titel haben zudem oft einen in erster Linie kunsthistorischen Inhalt. Grundlegend für die folgenden Ausführungen wird daher vor allem die theologische Dissertation von Karl Schlemmer[9] sein, die einzige „neuere“ Monographie, die sich dem Themenkreis von Kirche in der Reichsstadt Nürnberg zuwendet.

Im folgenden Kapitel soll die Stadt kurz in das im 14. und 15. Jahrhundert herrschende Kirchensystem eingeordnet werden. Die Darstellung des pfarrlichen Lebens und des monastischen Lebens als den zwei wesentlichen Ausdrucksformen von Religiösität bilden den Mittelteil der Arbeit. Die Beobachtung ihrer lokalspezifischen Ausprägung schließlich soll zu einem Antwortversuch auf die Frage nach der „religiösen Metropole“ führen.

2. Die Stellung der Nürnberger Pfarreien im spätmittelalterlichen Kirchensystem

Die rechtliche Stellung der Nürnberger Kirchen war bis in das 14. Jahrhundert hinein von den Strukturen des ottonisch-salischen Reichskirchensystems geprägt, die nach dem Hervortreten neuer wirtschaftlicher und politischer Zentren nicht mehr den tatsächlichen Bedürfnissen entsprachen. So lag die Stadt Nürnberg am südwestlichen Rand des Bistums Bamberg, angrenzend an die Diözesen Würzburg und Eichstätt, in denen sich ebenfalls Nürnberger Territorien befanden.[10]

Die Nürnberger Pfarreien, St. Sebald nördlich der Pegnitz und St. Lorenz südlich davon, waren beide keine Urpfarreien, sondern entstanden erst ab dem 13. Jahrhundert durch Abpfarrungen: St. Lorenz, ursprünglich Bestandteil der Pfarrei Fürth, wurde zwischen 1258 und 1275 zur Pfarrei erhoben. St. Sebald gelang es erst 1386, die Patronatsrechte über die ehemalige Mutterkirche Poppenreuth zu erlangen, wo seither ein Vikar die Amtsgeschäfte für den in Nürnberg residierenden Pfarrer führte. Beide Pfarreien standen jedoch weiterhin unter der Aufsicht eines Bamberger Domkanonikers, der als Oberpfarrer die mit den Pfarreien verbundenen Pfründen verwaltete, die Seelsorge vor Ort aber nicht selber wahrnahm.[11] Daraus mag sich erklären, dass die Abpfarrung zumindest im Falle von St. Sebald erst sehr spät zustandekam, denn „den Prozess der Abpfarrung behinderten oft mehr die Finanzinteressen der Mutterkirchen als Seelsorgsbelange ihn befördert hätten“.[12]

Eine Änderung dieser Situation trat erst 1388 durch eine Bulle von Papst Urban VI. ein, nach der nur noch ständig residierende Priester zu Pfarrern in Nürnberg berufen werden sollten. Diese Bulle war das Ergebnis langwieriger Prozesse des Rates der Stadt um die Besetzung der Pfarreien, da „es die Stadt Nürnberg, welche nach zeitgenössischen Angaben fast ein Drittel der Bevölkerung des ganzen Bistums umfaßte, mit der Zeit als dem Rang und der Bedeutung der Stadt unangemessen empfand, daß die Oberpfarrer niemals in der Stadt residierten.“[13] Trotz einiger Versuche des Bamberger Bischofs und seines Domkapitels, diese Situation wieder zu ihren Gunsten zu ändern, lag das Präsentationsrecht für die beiden Pfarreien ab dem beginnenden 15. Jahrhundert dauerhaft beim Rat der Stadt. Durch die Erhebung der Pfarrer von St. Sebald und St. Lorenz zu Pröpsten durch Papst Sixtus IV. 1477 wurde ihre Stellung gegenüber den Bamberger Kanonikern zusätzlich gestärkt, die rechtliche Verselbstständigung der Nürnberger Pfarreien fand damit bis zum Beginn der Reformation ihren vorläufigen Abschluss.

[...]


[1] Vgl. etwa Zimmer, Dieter E., Zeitspiegel, in: Die Zeit 38 / 1999, S. 2.

[2] Engel, Evamaria; Lambrecht, Karen, Hauptstadt - Residenz - Residenzstadt - Metropole - Zentraler Ort. Probleme ihrer Definition und Charakterisierung, in: Metropolen im Wandel, hrsg. von Evamaria Engel u. a., Berlin 1995, S. 11-31, hier S. 25.

[3] Engel (wie Anmerkung 2), S. 25f., belegt dies mit Urkunden aus den Jahren nach 1344 (Erhebung Prags zum Erzbistum), in denen Prag nun als „metropolita“ bezeichnet wird.

[4] Engel (wie Anmerkung 2), S. 25.

[5] Schultheiss, Werner, Kleine Geschichte Nürnbergs, hrsg. von Gerhard Hirschmann, Nürnberg 2 1987, S. 43.

[6] Vgl. Engel (wie Anmerkung 2), S. 27. Sie begründen dies mit der Residenzpflicht der Bischöfe am Ort ihrer Bischofskirche. Meines Erachtens ist diese Argumentation jedoch zweifelhaft; Pfründenhäufung führte auch bei Bischöfen zur Ortsabwesenheit.

[7] In katholisch gebliebenen Städten Süddeutschlands hingegen liegen solche Untersuchungen seit geraumer Zeit vor, z. B. für Augsburg (Kießling, Rolf, Bürgerliche Gesellschaft und Kirche in Augsburg im Spätmittelalter. Ein Beitrag zur Strukturanalyse einer oberdeutschen Reichsstadt, Augsburg 1971.) und Würzburg (Trüdinger, Karl, Stadt und Kirche im mittelalterlichen Würzburg, Stuttgart 1978.).

[8] Die Nürnberg-Bibliographie, hrsg. von der Stadtbibliothek Nürnberg, liegt in drei Bänden vor für die Jahre 1975-1990, zum Teil retrospektiv.

[9] Schlemmer, Karl, Gottesdienst und Frömmigkeit in der Reichsstadt Nürnberg am Vorabend der Reformation, Würzburg 1980. Wenngleich Schlemmer ein historisches Thema bearbeitet, so ist sein Erkenntnisinteresse doch das des Liturgiewissenschaftlers und nicht des Historikers.

[10] Vgl. Die Territorien des Reiches im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Land und Konfession 1500 - 1650, Bd. 1, Der Südosten, hrsg. von Anton Schindling und Walter Ziegler, Münster 2 1989, S. 32 (graphische Darstellung).

[11] Vgl. Schnelbögl, Fritz, Kirche und Caritas, in: Nürnberg - Geschichte einer europäischen Stadt, hrsg. von Gerhard Pfeiffer, München 1971, S. 100 - 106, hier S. 100.

[12] Angenendt, Arnold, Geschichte der Religiösität im Mittelalter, Darmstadt 1997, S. 328. Zum Problem der Entstehung neuer Pfarrbezirke vgl. auch Boockmann, Hartmut, Die Stadt im Mittelalter, Leipzig 1986, S. 191. Boockmann vertritt die Ansicht, dieser Prozess sei in Nürnberg „relativ früh“ eingetreten, bezieht sich dabei aber - zumindest im Fall von St. Sebald - nur auf den Beginn, nicht aber auf das Ende der Entwicklung. Eberhard Isenmann hingegen bemerkt: „In Süddeutschland kam es häufiger vor, daß sich die jüngere Stadtkirche erst spät gegenüber der Landkirche, zu der auch die Stadtbürger gehörten, als städtische Parochialkirche verselbständigte.“ (Isenmann, Eberhard, Die deutsche Stadt im Spätmittelalter: 1250 - 1500. Stadtgestalt, Recht, Stadtregiment, Kirche, Gesellschaft, Stuttgart 1988, S. 216f.) Er verweist dabei ausdrücklich auf das Beispiel Nürnberg. Zur Unsicherheit der Datierung vgl. auch Schlemmer (wie Anmerkung 9), S. 25f.

[13] Schnelbögl (wie Anmerkung 11), S. 100.

Details

Seiten
23
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638157209
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8862
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Nürnberg Mittelalter Metropole Politische Hauptstadt Wirtschaftszentrum Kulturmetropole

Autor

Zurück

Titel: Nürnberg im späten Mittelalter - eine religiöse Metropole?