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Buchanalyse: Leb wohl lieber Dachs

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 42 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I Einleitung

II Buchanalyse
1. Inhaltliche Analyse
1.1 Inhaltsangabe
1.2 Authentizität der Sterbe- und Todesdarstellung
1.3 Veranschaulichungsgrad von Stimmungswerten
1.4 Lösungs- und Bewältigungsstrategien
1.5 Kommunikations- und Interaktionsstrukturen
1.6 Offenheitsgrad bezüglich religiöser Wertmaßstäbe
2. Stilistische Analyse
2.1 Äußere Aufmachung
2.2 Aufbau/Struktur
2.3 Sprache
2.4 Bildbetrachtung
2.5 Jahreszeitensymbolik
3. Stellungnahme und didaktische Überlegungen

III Schluss0

IV Literaturverzeichnis

I Einleitung

Ich habe mir das Thema ‚Analyse eines Bilderbuches zum Thema Tod’ für meine Hausarbeit ausgesucht, weil ich denke, dass ‚Tod’ ein Thema ist, welches in der Grundschule zu kurz kommt. Ich selbst kann mich nicht daran erinnern, je in der Grundschule etwas zum Thema Tod gehört oder gesehen zu haben. Dabei empfinde ich es als eine extrem wichtige Thematik. Es ist eine Thematik, die einen durch das ganze Leben hindurch begleitet und welche, wenn man nicht gelernt hat gesund damit umzugehen, einem ein ganzes Leben hindurch Schmerz bereitet.

Ich selbst weiß, dass mir, durch ein Ereignis in meiner Kindheit, der gesunde Umgang mit dem Thema Tod sehr schwer gemacht wurde und dass ich dadurch bis heute große Schwierigkeiten mit Abschied, Trauer, Tod und Sterben habe. Gerade darum ist es mir wichtig, mich mit dem Thema in Form von Bilderbüchern auseinander zu setzten. Sicherlich zum Teil, um mir selbst ein Stück Stärke zu geben, um zu verarbeiten und die Gefühle in mir zu ordnen, doch im wesentlichen, um später im Berufsleben den Kindern in der Schule die Möglichkeit zu geben, ein gesundes Verhältnis zum Thema Tod aufzubauen und Bilderbücher sind dafür ein wichtiges und sehr gut geeignetes Medium.

Ich habe nach langem Überlegen das Bilderbuch ‚Leb wohl, lieber Dachs’ zur Bearbeitung ausgewählt, weil es eines der wenigen Bilderbücher ist, von denen, die für mich zur Wahl standen, welches die Kälte, die Einsamkeit und die Traurigkeit, welche man oft empfindet, wenn jemand stirbt, anschaulich und ansprechend ausdrückt. Ich habe dieses Buch ausgewählt, weil ich es für gelungen halte. Wie jedes Bilderbuch, hat natürlich auch dieses Schwachstellen, doch auf selbige werde ich, ebenso wie auf die Vorzüge, im Laufe der Hausarbeit genauer eingehen.

Die genaue Analyse des Buches werde ich in drei Teile staffeln: die Inhaltliche, die Stilistische und die Didaktische.

Für die inhaltliche Analyse nutze ich größtenteils die Kriterien zur Analyse von Bilderbüchern aus dem Buch ‚Kind und Tod’ von Martina Plieth. Die Kriterien beziehen sich auf Todesdarstellung, Gefühlsdarstellung, Bewältigungsstrategien, Kommunikations- und Interaktionsstrukturen ebenso wie auf die Verträglichkeit mit religiösen Wertmaßstäben. Ich halte die Kriterien für sehr gelungen und denke, dass sie die wichtigsten Punkte zur Analyse von Bilderbüchern beinhalten.

In der stilistischen Analyse werde ich mich mit dem Aufbau / der Struktur, der Sprache und der Analyse der Bilder beschäftigen. Gerade in der Betrachtung der Bilder (sowohl der sprachlich-symbolischen als auch der bildlichen) liegt in Bilderbüchern ein besonderes Gewicht. Da ich mich bei der Auswahl des Buches bisher eher mit dem Inhalt befasst habe, bleibe ich vorerst noch gespannt, was das Buch ‚Leb wohl, kleiner Dachs’ stilistisch für Vor- und Nachteile aufweist.

Schließen werde ich die Analyse mit meinen didaktischen Überlegungen bezüglich des Bilderbuches ‚Leb wohl, lieber Dachs’ sowie weiterführenden didaktischen Überlegungen zu ‚Leben und Tod’ als Thema in der Grundschule. Eingeleitet wird der Punkt der didaktischen Überlegungen mit meiner Stellungnahme zum Nutzen des Buches in der Grundschule bezüglich der Stärkung von Kindern zum gesunden Umgang mit dem Thema Tod.

Am Ende der Arbeit steht der Schluss gefolgt vom Literaturverzeichnis.

II Buchanalyse

1. Inhaltliche Analyse

1.1 Inhaltsangabe

Das Bilderbuch ‚Leb wohl, lieber Dachs’ beschreibt den Tod eines alten Dachses und den Umgang der zurückgebliebenen Tiere mit der Trauer.

Der Dachs ist bei allen Tieren im Wald sehr beliebt. Er ist zuverlässig und immer hilfsbereit. Er ist alt und weiß, dass er bald sterben wird. Doch der Dachs hat keine Angst vor dem Tod, da sterben nur bedeutet, den Körper zurück zu lassen. Die einzige Sorge des Dachses gilt den anderen Tieren. Er macht sich Sorgen, wie sie seinen Tod verkraften werden. Er hat sie bereits im Gespräch auf seinen möglichen Tod vorbereitet. Eines Abends schreibt der Dachs einen Brief und schläft ein. Er träumt, dass er sich in einem Tunnel befindet und wieder laufen kann wie früher, ohne Schmerzen und Krückstock.

Am nächsten Morgen wundern sich die Tiere über das Fehlen des Dachses und versammeln sich vor seiner Tür. Sie erfahren, dass der Dachs tot ist und finden seinen Brief, in welchem er sich von seinen Freunden verabschiedet.

Die Tiere, besonders der Maulwurf, sind alle sehr traurig, denn der Dachs war immer zur Stelle, wenn ihn jemand brauchte und so vermissen ihn alle sehr. Im Frühling besuchen die Tiere einander und erinnern sich gemeinsam an die schöne Zeit mit dem Dachs. Sie erinnern sich an all das, was sie mit ihm erlebt haben und begreifen, dass der Dachs jedem von ihnen eine besondere Fähigkeit beigebracht und somit viele Abschiedsgeschenke hinterlassen hat, wodurch sie einander gegenseitig helfen können. Diese Erkenntnis tröstet auch den Maulwurf, der am Ende des Buches über den Hügel schaut, wo er den Dachs das letzte Mal gesehen hat. Dort verabschiedet er sich nun mit den Worten „Danke, Dachs“ vom ihm - im Vertrauen, dass der Dachs ihn hört.

1.2 Authentizität der Sterbe- und Todesdarstellung

Im folgenden Abschnitt werde ich das Buch ‚Leb wohl, lieber Dachs’ anhand der Fragen untersuchen, wie die Einführung von Sterben und Tod erfolgt, welche typisch kindlichen Erfahrungsformen sie widerspiegelt und ob die im Buch vermittelte Wirklichkeit der physisch-psychologischen Realität von Kindern entspricht.[1]

Im Laufe der kindlichen Entwicklung bildet sich ein vierdimensionales, erwachsenes Todeskonzept heraus. Dazu gehören die Nonfunktionalität , die die Erkenntnis beinhaltet, dass alle lebensnotwendigen Funktionen mit dem Eintritt des Todes aufhören. Des weiteren drückt die Irreversibilität die Unumkehrbarkeit des Todesereignisses aus. Die Universalität ist das Bewusstsein, dass alle Menschen ausnahmslos sterblich sind. Als letztes ist die Kausalität zu nennen, die auf das Wissen der Todesursache abhebt.[2]

Die Geschichte bestätigt die Vorstellung drei- bis sechsjähriger Vorschulkinder, dass alte Menschen sterben. „Der Dachs war so alt, dass er wusste, er würde bald sterben.“ (S.6)[3]. Die Kausalität des Todes wird von jüngeren Kindern zunächst ausschließlich im Zusammenhang mit dem Lebensfaktor wahrgenommen und dementsprechend nur eingeschränkt verstanden; es erscheint plausibel, dass in kindlicher Sicht Erwachsene deshalb sterben, weil sie ihr Lebensziel („Er war auch schon sehr alt und er wusste fast alles.“ (S.6)) erreicht haben.[4] Die Kausalität des Todes durch ‚Vollendung des Lebens’ und das Bewusstsein des Dachses über sein baldiges Sterben ist somit für Kinder dieses Alters nachvollziehbar.

Im Bilderbuch wird diese Auffassung der Kinder unterstützt durch gezielt platzierte Hinweise auf zunehmende Schwäche und Hinfälligkeit des Dachses. Das Buch arbeitet folglich mit sogenannten Todesvorankündigungen.

Der Ausfall von bestimmten Körperfunktionen (Nonfunktionalität) wird von Kindern intuitiv und sukzessiv als herandrängende Todeswirklichkeit erfasst und kommt als ‚Vorstufe’ des Todes in den Blick.[5] Der Ausfall von Körperfunktionen wird im Bilderbuch ‚Leb wohl, lieber Dachs’ wie folgt angeführt: „Und da sein Körper nicht mehr so wollte, wie in früheren Tagen, [...]. Während er ihnen nachsah, fühlte Dachs sich ungemein alt und müde. [...] Doch er wusste, dass seine alten Beine es nicht erlaubten.“ (S. 7). Allein die Darstellung des Dachses mit einem Spazier- oder Krückstock, wie z.B. auf Seite 6, macht deutlich, dass dem Dachs das Laufen schwerfällt.

Doch nicht nur durch die Betonung von schwindenden Körperfunktionen, auch durch symbolische Elemente, wird der Tod des Dachses angekündigt. Die Worte „Als er nach Hause kam, war es schon spät.“ (S.7) betonen die zeitliche Komponente der Lebenszeit, welche sich dem Ende neigt. Es ist der Abend, welcher das Ende des Tages bedingt und welcher aufs Leben übertragen auch Lebensabend genannt wird. Der Satz „Er sagte dem Mond gute Nacht und zog die Vorhänge vor der kalten Welt draußen zu.“ (S.7) führt den Aspekt des Verabschiedens an, welcher meist den Abschied als Folge mit sich führt.

Weitere Todesvorankündigungen finden sich klar und deutlich in den Aussagen des Erzählers. Er spricht auf den ersten Seiten aus Sicht des Dachses und berichtet von den Gedanken, die sich der Dachs über den Tod macht: „Der Dachs fürchtet sich nicht vor dem Tod. Sterben bedeutet nur, dass er seinen Körper zurückließ. Und da sein Körper nicht mehr so wollte wie in früheren Tagen, machte es dem Dachs nicht allzu viel ihn zurückzulassen.“ (S.7). Weiterhin erwähnt er, dass sich der Dachs schon von seinen Freunden verabschiedet und sie gleichsam auf seinen Tod vorbereitet hat: „Er hatte sie schon vorbereitet und ihnen gesagt, irgendeinmal werde er durch den Langen Tunnel gehen. Er hoffte, sie würden nicht zu traurig sein, wenn die Zeit gekommen war.“ (S.7). Die Szene auf dem Hügel, bei welcher er das letzte Mal den Frosch und den Maulwurf sieht (S.7/8) , stellt seine Abschiedszene dar. Er schaut voller Stolz auf seine ‚Enkel’, weiß, dass er gut getan hat, in seinem Bemühen um sie, weiß, dass sich sein Werk, sein Tun gelohnt hat und kann somit getrost Abschied nehmen („Er schaute den beiden lange zu und freute sich, dass sie so vergnügt waren.“ (S.7)).

All diese Todesvorankündigungen bereiten die lesenden bzw. hörenden Kinder auf den Tod des Dachses vor und machen es ihnen einfacher den selbigen nachzuvollziehen. Gleichzeitig schafft es einen realen Übertrag zu ihrer Wirklichkeit. Denn auch sie werden, wenn sie hinschauen, merken, dass die Großmutter oder der Großvater nicht mehr alles mitmachen können, einen Stock brauchen, Medikamente nehmen müssen, länger schlafen – dem Lebensabend immer näher kommen.

Die Darstellung von Tod als unvermeidlich und folgerichtig, so wie es im Buch, durch den selbstverständlichen Umgang des Dachses mit seinem Lebensende, angeführt wird, bestätigt die Todesvorstellung von sechs- bis zehnjährigen Kindern (Grundschulalter). In dieser Phase akzeptieren Kinder, dass der Tod für alles Lebendige, sich selbst einschließend, unvermeidbar ist (Universalität).[6] Daher zeigen Kinder dieser Altersstufe eine große Aufmerksamkeit für das Thema Tod.

Das Sterben des Dachses wird schmerzfrei und als befreiend dargestellt. Dachs erledigt das Letzte, was er noch zu erledigen hat („ Er aß sein Abendbrot und setzte sich dann an den Schreibtisch, um einen Brief zu schreiben. Als er fertig war, ließ er sich im Schaukelstuhl neben dem Kamin nieder.“ (S. 9)) und schläft dann seelenruhig ein („Er schaukelte sanft hin und her und war bald eingeschlafen.“ (S. 9)). Er hat sein Leben mit seiner letzten Mahlzeit und seinem Abschiedsbrief an seine Freunde beschlossen. Somit kann er sich nun zufrieden ‚wegträumen’. Das Sterben wird im Buch gleichgesetzt mit dem Träumen eines „seltsamen. doch wundervollen Traum[es], wie er ihn nie zuvor geträumt hatte.“ (S. 9). Diese Darstellung hat etwas Beruhigendes und Schönes. Es beantwortet die oft gestellte Frage von Kindern, ob sterben weh tut.

Gleichzeitig jedoch ist die Sterbedarstellung in Verbindung mit Einschlafen und Träumen als bedenklich zu betrachten. Denn Kinder wissen, dass Einschlafen zum Leben gehört. Sie schlafen jeden Tag ein – und wachen wieder auf. Wird das Einschlafen mit dem Tod in Verbindung gebracht, können leicht Einschlafängste ausgelöst werden oder die sichere Erwartung, die/der Verstorbene würde wieder aufwachen. Das Begreifen der ohnehin schon schwer zu begreifenden Endgültigkeit (Irreversibilität) wird erschwert.[7] Bevor nämlich die Unwiderrufbarkeit des Todes vollständig verstanden, d.h. mit all seinen Konsequenzen erfasst werden kann, sehen Kinder den Tod als einen vorübergehenden und deshalb nicht dauerhaft negativ zu bewertenden Zustand an. Die Assoziation von Schlaf und Traum in Verbindung mit dem Tod geschieht häufig von selbst. Damit knüpft sich die Vorstellung an, dass derjenige, der nicht mehr tot sein möchte, einfach wieder aufwacht und weiterlebt.[8] Die Tatsache, dass die ‚Schlaf-Metapher’ im Buch verwendet wird, trifft zwar die Erlebniswelt der Kinder und beruhigt gleichzeitig die Angst vor Schmerzen und Leid in Verbindung mit Sterben, trägt jedoch nicht zur Klärung des kindlichen Missverständnisses bei.

Positiv anzumerken ist jedoch, dass, nachdem der Dachs gestorben ist, die Vokabel ‚einschlafen’ oder ‚träumen’ nicht mehr verwendet wird, sondern davon gesprochen wird, „dass Dachs tot sei“ (S.13). Schade ist jedoch, gerade in Verbindung mit dem vorher so ausgiebigen Gebrauch der ‚Schlaf-Metapher’, dass der deutliche und klare Begriff ‚tot’ nur einmal benutzt wird. Ansonsten werden Fragmente verwendet, wie „als Dachs noch lebte“ (S.17), „Dachs hatte ihnen ein Abschiedsgeschenk hinterlassen“ (S.25) und „wo er den Dachs zum letzten Mal gesehen hatte“ (S.27). Alle diese Verwendungen sind nicht eindeutig und führen teilweise zu weiteren Unklarheiten.

Das Bild des Abschiedsgeschenks in Verbindung mit den Worten „Bin durch den langen Tunnel gegangen.“ (S.13) führt leicht die Assoziationen des von Eltern gern benutzten ‚Er ist auf eine lange Reise gegangen’ mit sich. Dieses Bild der Reise schafft jedoch ebenfalls keine Irreversibilität, sondern lässt auf die Wiederkehr hoffen. Es können Fragen aufkommen, wie: Wohin führt denn der Tunnel? Was bringt er mir wohl mit? Wann kommt er wieder? Was heißt lang? Warum kann er nicht anrufen oder schreiben? Und wann können wir ihn besuchen fahren? Diese möglichen Fragen zeigen, dass das Bild der langen Reise, gleichzusetzen mit dem langen Tunnel, zwar für Erwachsene eine schöne und oft auch berührende lyrische Umschreibung des Todes und Sterbens ist, Kindern jedoch Verwirrung bereiten kann.[9]

Auch der Gebrauch von „alt und müde“ (S.7) in Verbindung mit dem Dachs und als Begründung seines angekündigten Todes, kann Unklarheit bei den Kindern verursachen. Schließlich wird jedes Kind mal müde. Kleine Kinder werden besonders oft müde. erholen sich rasch wieder, spielen weiter, werden wieder müde... Der Kreislauf von Aktivität und Passivität gehört zu jedem Kinderalltag. Wenn nun Müde-Werden Sterben bedeutet, können Ängste vor alltäglichen Lebenserfahrungen auftreten. Und was passiert mit der Mutter, die müde wird und sich hinlegt? Wird sie auch sterben? Kinder können solche Wort- und Begriffsverknüpfungen stark beunruhigen.[10]

Bei der Beschreibung des Sterbevorgangs des Dachses wird ein bekanntes Bild aus der Sterbeforschung benutzt, wonach wiederbelebte Patienten berichten, dass sie durch eine Art Tunnel gegangen seien. Der Dachs läuft in seinem Traum munter in und durch einen langen Tunnel („Zu seiner Überraschung lief er munter dahin. Vor ihm öffnete sich ein langer Tunnel. [..] Dachs lief [...] durch den langen Gang“ (S.11)).

All seine vorherigen körperlichen Gebrächen sind plötzlich weg, so dass er nicht einmal mehr den Spazierstock benötigt, der für ihn im Leben notwendig war („Seine Beine trugen ihn kräftig und sicher dem Tunnel entgegen. Er brauchte keinen Spazierstock mehr, also ließ er ihn liegen.“ (S.11)). Mit dem Liegenlassen des Spazierstocks, legt er förmlich die Last seines Lebens, seinen Körper ab, und wird dadurch so leicht, dass er „schneller und immer schneller“ (S.11) laufen und letztendlich sogar schweben kann („bis seine Pfoten den Boden gar nicht mehr berührten“ (S.11)).Selbst als der alte Dachs hinfällt, was im normalen Leben für einen alten Körper mit vielen Schmerzen und Problemen verbunden ist, „tat [er] sich überhaupt nicht weh“ (S.11). Vielmehr verstärkt dieser Sturz noch das Gefühl der Entlastung durch den Abfall des Körpers („Er fühlte sich frei.“ (S.11)). Die Entkörperung des Dachses wird mit den Worten : „Es war, als wäre er aus seinem Körper herausgefallen.“ (S.11) beschrieben. Diese Darstellung des Todes, als Trennung von Leib und Seele, ist für Kinder unter zehn Jahren kaum vorstellbar. Erst mit dem Übergang zur weiterführenden Schule, also bei Zehn- bis Elfjährigen, wird diese Vorstellung Gegenstand eigener Überlegungen und kann von da an auch als ‚Trostfaktor’ fungieren. Dies hat maßgeblich mit dem holistischen Seelenverständnis jüngerer Kinder zu tun, die selbstverständlich davon ausgehen, dass die Rede von der ‚in den Himmel kommenden Seele’ den ganzheitlich-leibhaften Toten meint, der eine Einheit von Ich und Körper sowie Leib und Seele darstellt.[11]

Im Buch wird leider nicht erwähnt, was mit dem leblosen Körper geschieht. Es werden keine Erklärungsversuche unternommen, wo der Dachs jetzt ist oder ob er zurückkehrt. Dazu kommt das oben schon erwähnte Problem der Begrifflichkeit vom ‚langen Tunnel’ bzw. ‚der langen Reise’. Die Fragen der Kinder nach dem Verbleib des Toten bleiben somit offen.

Vom Dachs an sich erfährt der/die LeserIn, nach der Entkörperung und dem damit verbundenem Gang durch den langen Tunnel (S.11/12), nur noch, dass er „nicht wie sonst herausgekommen war, um einen guten Morgen zu wünschen“ (S.13) und „dass Dachs tot sei“ (S.13). Er kommt fortan nur noch in den Erinnerungen vor. Eine Darstellung als Leichnam oder im Sarg liegend ist nicht zu finden. Eine Beerdigung wird ebenfalls nicht dargestellt. Es bleiben somit Fragen offen, die mit der Bezugsperson im weiteren Sinne besprochen werden sollten, um unnötige Ängste zu vermeiden.

In dem vorliegendem Buch wird kein Sterbeprozess geschildert, da der alte Dachs zu Beginn der Erzählung seinen nahen Tod bereits erkannt und akzeptiert hat (S.2). Bezogen auf den Sterbeprozess eines Menschen, so wie E. Kübler-Ross ihn erforscht hat, würde er sich demnach in der letzten Phase, der Phase der Zustimmung, befinden. Aufgrund der vereinfachten Darstellung des Sterbeprozesses von Seiten der Autorin ist es nahezu unmöglich, Parallelen zu bestehenden Forschungsergebnissen zu ziehen.

1.3 Veranschaulichungsgrad von Stimmungswerten

Dieser Abschnitt verfolgt die Fragen, ob und wie emotionale Beteiligung der im Buch handelnden ProtagonistInnen ausgedrückt wird, welche inner-psychischen Reaktionen angesprochen und welche darauf Bezug nehmenden Identifikationsangebote gemacht werden.[12]

Unterschiedlichste Stimmungswerte kommen sowohl sprachlich-verbal als auch bildhaft vermittelt sinnfällig und nachvollziehbar zum Ausdruck. Näheres dazu folgt auch im Punkt Bildanalyse.

[...]


[1] Vgl. Plieth, Martina: Kind und Tod: zum Umgang mit kindlichen Schreckensvorstellungen und Hoffnungsbildern. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener 2001.

(Künftig zitiert als: Plieth: Kind und Tod) S. 150

[2] Vgl. Böcker, Werner: Gesellschaftliche und religionspädagogische Aspekte zum Umgang mit Sterben und Tod. In: Der evangelische Erzieher, Heft 6, 45. Jg., 1993, Frankfurt/Main: Diesterweg, 1993. S. 660

[3] Die Bilderbuchseiten haben keine Seitenzahlen. Daher beginnt meine Zählung auf der vorderen Umschlaginnerenseite mit S.1.

[4] Vgl. Plieth: Kind und Tod. S. 58

[5] Vgl. ebenda. S. 60

[6] Vgl. Ramachers, Günter: Entwicklung und Bedingungen von Todeskonzepten beim Kind. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH, 1994. S. 32

[7] Vgl. Specht-Tomann, Monika / Tropper, Doris: Wir nehmen jetzt Abschied. Kinder und Jugendliche begegnen Sterben und Tod. Düsseldorf: Patmos-Verlag, 2000 (Künftig zitiert als: Specht-Tomann/Tropper: Wir nehmen jetzt Abschied) S. 134

[8] Vgl. Plieth: Kind und Tod. S. 54ff

[9] Vgl. Specht-Tomann/Tropper: Wir nehmen jetzt Abschied. S. 136

[10] Vgl. Specht-Tomann/Tropper: Wir nehmen jetzt Abschied. S. 135

[11] Plieth: Kind und Tod. S. 45

[12] Vgl. Plieth: Kind und Tod. S. 150

Details

Seiten
42
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638157186
Dateigröße
645 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8860
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Deutsch
Note
1,5
Schlagworte
Tod Bilderbuch Leb wohl lieber Dachs

Autor

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Titel: Buchanalyse: Leb wohl lieber Dachs