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Bevölkerungsentwicklung und Wanderungsbewegungen in Baden und Württemberg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 26 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methodische und historische Einordnung des Themas
2.1 Methodische Vorbetrachtungen
2.2 Einordnung in den historischen Kontext

3. Die Bevölkerungsentwicklung im deutschen Südwesten
3.1 Die Theorie des demographischen Übergangs
3.2 Die natürliche Bevölkerungsbewegung
3.3 Soziokulturelle Faktoren der Bevölkerungsweise

4. Wanderungsbewegungen und Migration
4.1 Auswanderung als Ventil für das Bevölkerungswachstum
4.2 Binnenwanderung und Pendlerbewegung

5. Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Bevölkerungsgeschichte in Baden und in Württemberg. Diese ist, obwohl in der Geschichtswissenschaft eher ein neuerer Zweig, grundlegend für gesellschaftswissenschaftliche und historische Betrachtungen, denn was wäre die Geschichte ohne Menschen?

Um dem Thema einigermaßen gerecht zu werden, wurde der Fokus der Betrachtung auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gelegt, dem Zeitabschnitt, in dem weitreichende wirtschaftliche Veränderungen stattfanden, die alle anderen Lebensbereiche beeinflusste und in dem die Industrialisierung ihre größte Dynamik entwickelte. Gleichsam muss eine solche Arbeit Lücken haben, schon allein wegen des Umfangs der Arbeit und der Komplexität der Thematik. Es geht also mehr darum, ein allgemeines Verständnis für die Struktur und die Problemstellungen der Bevölkerungsgeschichte zu betonen und dabei allgemeine Tendenzen aufzuzeigen, ergänzt um z.T. detailliertere Einblicke, welche den Variationsreichtum der „rohen Zahlen“ veranschaulichen sollen.

Diese Arbeit kann deswegen keine Gesamtbetrachtung sein, die alle Aspekte beinhaltet.

Dabei wird zunächst eine relativ ausführliche methodische und historische Einordnung versucht, eben weil die Wechselwirkungen zum Gesamtkontext des historischen Verlaufs und den wirtschaftlichen Gegebenheiten vielfältig sind.

Danach folgt die eigentliche Betrachtung der Bevölkerungsentwicklung, aufgeteilt in Bevölkerungs­bewegung und einem Teil, der soziokulturellen Faktoren eher exemplarisch behandelt. Abgeschlossen wird mit einem Kapitel über Wanderungsbewegungen, welche das Gesamtbild einer Bevölkerungsbewegung komplettieren.

Wenn man die Bevölkerungsbewegung in Baden und Württemberg anschaut, fällt auf, dass, soviel sei vorweggenommen, dort ein niedrigeres Wachstum herrschte, als im Reichsdurchschnitt. Es ist weithin bekannt, dass der deutsche Südwesten weniger stark industrialisiert war als andere Teile des Reiches. Diese Arbeit soll die Frage klären, ob das Bevölkerungswachstum hier durch die verzögerte Industrialisierung beschränkt war und welche Rolle eine möglicherweise weitestgehend ländlich geprägte Mentalität gespielt hat.

Es ist weiterhin zu klären, in welchem Ausmaß Wanderungsbewegungen gewirkt haben.

In der Literatur, die für ein solches landesgeschichtliches Thema nicht sehr reichhaltig ist, wurde vor allem auf das „Handbuch zur Baden-Württembergischen Geschichte“ zurück­gegriffen. Des Weiteren wurden das Standartwerk von Peter Marschalck zur Bevölkerungs­geschichte Deutschlands und die Arbeit Josef Ehmers benutzt. Bei der Auswanderung wurde vor allem das Buch Wolfgang von Hippels berücksichtigt.

2. Methodische und historische Einordnung des Themas

2.1 Methodische Vorbetrachtungen

Bei einem Thema wie dem der Bevölkerungsentwicklung ist man in besonderem Maße auf Zahlen, Daten und Statistiken angewiesen. Es gilt diese zu interpretieren, die sie beeinflussenden Faktoren auszumachen und in einen Gesamtkontext einzuordnen. Von recht allgemeinen Fragen der Bevölkerungsstruktur kann man kleinräumiger weiterdenken, um auf Familienstrukturen, Fortpflanzungsverhalten oder Kinderanzahl zu gelangen. Von der systematischen Auswertung auf kleinem Raum lassen sich Erkenntnisgewinne auch für größere Zusammenhänge erzielen.[1] Von einer Fallstudie in einem Dorf etwa, die später noch Erwähnung finden wird, lassen sich durchaus Erkenntnisse für überregionale Strukturzusammenhänge gewinnen.

In der Geschichtswissenschaft niedergeschlagen hat sich dies in den Forschungszweigen der historischen Demographie, mit einem individuellen mikroregionalen und eher punktuellem Bezug, wie Arthur E. Imhof betont, und der Bevölkerungsgeschichte mit makroregionaler langzeitlicher Ausprägung. Es sind jedoch die Zusammenhänge zwischen beiden Disziplinen und die Interdisziplinarität insgesamt zu beachten. Anknüpfungspunkte finden sich beispielsweise zur historischen Klimaforschung, zur Medizingeschichte, zur Epidemiologie oder zur Mentalitätsgeschichte.[2]

Diese Forschungsrichtungen haben ihre eigenen Methoden, die meist aus anderen Disziplinen wie der Statistik oder der Demographie stammen. Wichtige Quellen sind Kirchenbücher, Volkszählungen und Zivilstandsregister, aus denen sich Grundkategorien wie Sterblichkeit, Gebürtigkeit, Fertilität usw. errechnen lassen, die an dieser Stelle nicht näher erläutert werden müssen.[3]

Durch neue computergestützte Techniken lassen sich Daten statistisch besser fassen und dies birgt gerade für die Zukunft ungeahnte Möglichkeiten, gerade wenn es darum geht große Datenmengen auszuwerten.[4]

Ein anderer Aspekt, der in diesem Zusammenhang auftritt, ist die Frage nach geographischen Räumen. So sind Baden und Württemberg in ihrer staatlichen Verfasstheit als das Großherzogtum Baden und das Königreich Württemberg definiert, woraus sich Einflussmöglichkeiten im Sinne einer Bevölkerungspolitik ergeben.

Andererseits stellt sich die Frage nach geographischen Räumen mit ihren klimatischen und geologischen Eigenheiten, die sich und ihre Bewohner über Jahrhunderte herausgebildet und geprägt haben. Beispielsweise wirkt sich Klima und Beschaffenheit des Bodens auf die Ernte aus, diese wieder auf die ökonomischen Verhältnisse der Bauern und dies wiederum auf deren Reproduktionsverhalten. Wäre es nun also sinnvoller nach diesen eher geologischen Räumen einzuteilen?

Andere Prägeelemente sind historisch gewachsene Rechtsstrukturen, wie etwa die Realerbteilung, was sich ebenfalls auf das Bevölkerungsverhalten auswirkt. Weiter zu beachten ist natürlich die in die betrachtete Zeitspanne dieser Hausarbeit fallende Industrialisierung, die von vorgenannten Faktoren beeinflusst ist.

Wichtig ist außerdem, auch wenn der Betrachtungsgegenstand regional begrenzt ist, ihn doch im gesamtdeutschen (was besonders ab 1871 bedeutend ist), wenn nicht gar im gesamteuropäischen Zusammenhang zu sehen. Frankreich weist beispielsweise für den gleichen Zeitraum ein viel niedrigeres Bevölkerungswachstum auf als andere europäische Staaten.[5] Auch hier wäre wieder die Frage nach der Relevanz staatlicher Verfasstheit und eventuell national unterschiedlich ausgeprägter Mentalität und der Bedeutung geographischer Gegebenheiten zu stellen. Auch diese Arbeit kann und will keine endgültige Lösung geben, will aber beide Aspekte im Bewusstsein halten und bei allen regionalen Unterschieden den größeren Rahmen, sei er national oder europäisch definiert, gewahrt wissen.

Auch zwischen mikro- und makroregionaler Betrachtungsweise wird abgewogen, mit dem Verständnis, dass beide für eine vollständige Darstellung wichtige Rückschlüsse liefern können.

2.2 Einordnung in den historischen Kontext

Nach den Revolutionen von 1848/49 fand in Europa insgesamt eine monarchische Entwicklung statt. Sogar Frankreich, das formal noch Republik war, reihte sich unter Prinz Louis Napoléon in diese Tendenz ein, die zur Klammer des europäischen Staatensystems wurde. Konflikte fanden auf der Ebene der Regierungsform statt, d.h. zwischen Staatsoberhaupt und Parlament, bzw. dem Volk als Wahlkörperschaft.

Wichtige politische Fragen, die auch von der 1848 Revolution getragen waren, waren die nach der Verfassungsmäßigkeit, woraus sich Parlamente entwickelt hatten und die Frage nach dem Wahlrecht und damit auch nach der politischen Partizipation.[6]

Obwohl es auch Bestrebungen nach Internationalisierung, namentlich im Marxismus und in Teilen einer international ausgerichteten Oberschicht, gab, war in breiten Teilen auch das Bedürfnis nach einer Kraft vorhanden, die den Gesamtstaat zusammenhält, welches im Nationalismus kulminierte.[7]

Gerade dieses Bedürfnis blieb in den deutschen Gebieten, auch nachdem ein Nationalstaat 1851 gescheitert war, erhalten. Nachdem der preußisch österreichische Dualismus 1866 gewaltsam aufgelöst worden war und die Bedenken Frankreichs durch den deutsch-französischen Krieg beseitigt werden konnten, schlossen sich die süddeutschen Staaten dem Norddeutschen Bund an. Mit der Ausrufung des Deutschen Reichs 1871 in Versailles war die kleindeutsche Lösung der Nationalbestrebungen unter Preußens Führung Wirklichkeit geworden. Dies bedeutete eine ungeheure Machtzusammenballung in der Mitte Europas, die im Gegensatz zu Frankreich stehen musste. Verstärkt wurde dieser Effekt durch ein beispielloses Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum. Seit den 1890er Jahren kamen dann deutsche Hegemoniebestrebungen hinzu, die schließlich im I. Weltkrieg münden sollten.[8]

Baden, das mit 1,38 Mio. Einwohnern ein Mittelstaat war, führte in der sogenannten Reaktionszeit eine relativ eigenständige Politik. Unter dem liberal geprägten Großherzog Friedrich I., der ab 1852 regierte (offiziell als Großherzog ab 1856), wurde ein Schlussstrich unter die Revolution gezogen und es vollzog sich ein allmählicher politischer Umschwung. Friedrich, der Sympathien für den preußischen Staat hegte, genoss Anerkennung unter den Liberalen, indem er sich zur Verfassung und den Rechten des Parlaments bekannte.

[...]


[1] Opgenoorth, Ernst/ Schulz, Günther: Einführung in das Studium der Neueren Geschichte, Paderborn 2001, S.130; 206.

[2] Imhof, Arthur E.: Einführung in die Historische Demographie, München 1977, S. 9-11.

[3] Ehmer, Josef: Bevölkerungsgeschichte und historische Demographie 1800 – 2000 (=Enzyklopädie deutscher Geschichte – Bd. 71), München 2004, S. 3.

[4] Imhof, Arthur E.: Historische Demographie heute, in: Matheus, Michael/ Rödel, Walter G. (Hrsg.): Landesgeschichte und historische Demographie: Kolloquium vom 8. bis 10. Mai 1997 in Mainz, Stuttgart 2000.

[5] Fisch, Jörg: Europa zwischen Wachstum und Gleichheit 1850 – 1914 (= Handbuch der Geschichte Europas – Bd. 8), Stuttgart 2002, S. 252.

[6] Ebenda S. 272-275.

[7] Ebenda S. 297.

[8] Ebenda S. 75, 80f.

Details

Seiten
26
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638043694
ISBN (Buch)
9783638949965
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88517
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
2,3
Schlagworte
Bevölkerungsentwicklung Wanderungsbewegungen Baden Württemberg Hälfte Jahrhunderts Vergleich

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Titel: Bevölkerungsentwicklung und Wanderungsbewegungen in Baden und Württemberg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts