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Die Geschichte in der Fermate

Gefahr und Potenzial des Zorns im 21. Jahrhundert

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 32 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Statt einer Einleitung

1 Was ist Thymos?
1.1 Thymos in der philosophischen Tradition
1.2 Thymosvergessenheit
1.3 Begriffsdefinition: Thymos
1.4 Megalothymia und Isothymia

2 Das „zoon thymotikon“
2.1 Kampf um Anerkennung
2.2 Das Ende der Geschichte

3 Der Motor der Geschichte
3.1 Achilles als ricœursches Ereignis oder als hegelianischer Herr?
3.2 Der Schätzende ist der Schaffende

4 Die Geschichte in der Fermate
4.1 Zorn und Zeit
4.2 Thymoskapitalismus
4.3 Kommunismus als Zornkapitalismus
4.4 Der Thymos des 21. Jahrhunderts

Schlussbemerkung

Bibliografie

Statt einer Einleitung

Ein Blick auf die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen Deutschlands und der Welt: Jugendkriminalität, Zunahme von Gewaltverbrechen und deren Brutalität, jugendliche Amokläufer, Schüler-Todesschützen, nationalsozialistische Hetzjagden, tote und verletzte Polizisten und Hooligans, verwüstete Banlieues, Ausweitung des internationalen Terrorismus, Schläfer, fanatische religiöse Fundamentalisten, wütende, Flaggen verbrennende junge Männer, devastierende Andersethnische, pseudopolitische Straßenkämpfer, revoltierende Wahlenttäuschte. Dies ist das hässliche Gesicht des „Tieres mit den roten Wangen“.

Das schöne Antlitz dieses Tieres kann sich als liberale Demokratie zeigen, als Zivilcourage, Beherztheit, Zielstrebigkeit, Leistung-, Hilfs- und Opferbereitschaft, Stiftungswesen, Ideale, Moral, Gleichberechtigung, Freundschaft, Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit.

All diese Aspekte beider Gesichter lassen sich allein dem Menschen attestieren. Sie sind Teil der großen Liste dessen, was den Menschen vom Tier unterscheidet und sie haben eines gemeinsam: sie sind nicht oder nur unzureichend rational oder emotional erklär- und verstehbar.

Keine rationalen Gründe, keine Form der Bedürfnisbefriedigung und keine emotionalen Impulse sind in der Lage zu erklären, warum ein Selbstmordattentäter sich über seinen stärksten Urinstinkt, den Selbsterhaltungstrieb hinwegsetzt. Warum tut er es dennoch? Reduziert formuliert lautet die Antwort: Weil er es kann.

Auch dies ist eine spezifisch menschliche Fähigkeit; das eigene Leben aufs Spiel zu setzten oder de facto zu beenden, ohne sich durch äußere Umstände oder rationale Gründe dazu gezwungen zu sehen. Auch Tiere legen so etwas wie Opfer- oder Risikobereitschaft an den Tag, wenn es etwa darum geht die Nachkommen zu schützen. Im Gegensatz zum Menschen haben Tiere jedoch keine Wahl und sind darüber hinaus immer an einen Zweck gebunden. Im Falle des Nachwuchsschutzes unter Einsatz des eigenen Lebens sind sie schlicht durch Instinkte der Arterhaltung determiniert. Auch die Opferbereitschaft des Menschen kann einem Zweck dienlich sein, etwa der Arterhaltung oder Nothilfe. Der Mensch allerdings ist als einziges Wesen in der Lage, sein Leben aus keinem rationalen Grund und ohne jeden Nutzen zu riskieren oder zu beenden. Noch einmal warum? Weil er es kann und weil er es können muss. Er muss es nicht in letzter Konsequenz und schon gar nicht ständig tun, aber er muss theoretisch dazu fähig sein, um Mensch zu sein.

Zum essenziellen Selbstverständnis des Menschen gehört der Gedanke der eigenen Freiheit. Ohne eine grundsätzliche Fähigkeit zur Entscheidung, also ohne Wahlfreiheit wären Konzepte wie Gesellschaft, Staat, Recht und Verantwortung undenkbar. Indem der Mensch im Stande ist, sein Leben ohne einen determinierenden Grund zu riskieren erweist er sich als souverän über seine Festlegung durch Instinkte und Reflexe. Den stärksten aller Instinkte, die Selbsterhaltung, bewusst zu überwinden, ohne dabei einem anderen Instinkt oder rationalen Grund zu folgen, zeigt die Unabhängigkeit des Menschen von eben diesen Instinkten und Zwecken. Die Rolle, die bei den Tieren der Instinkt spielt, wird beim animale rationale, dem vernunftbegabten Tier eben der Vernunft zugeschrieben. Opfer- und Risikobereitschaft, könnte man jetzt einwenden, stellen doch einen Sieg der Vernunft über die Instinkte dar. Das stimmt zwar manchmal, doch leider viel zu selten. Denn wie erklären sich dann Situationen, in denen das Leben sowohl aus Instinkt- als auch aus Vernunftperspektive unsinnigerweise riskiert wird? Surrealerweise für ein wertloses Stück Stoff oder Metall etwa, nur weil sie Flagge oder Orden heißen?

Die Antwort liegt darin, dass der Mensch nicht nur das zoon logon echon, das vernunftbegabte Wesen ist, sondern auch das zoon thymotikon, das thymotische Wesen.

Zu klären, was genau dies ist und wie es die oben skizzierten Phänomene verbindet ist Inhalt der folgenden Arbeit.

1 Was ist Thymos?

Der Begriff Thymos wird im Versuch einen typisch menschlichen Antrieb zu untersuchen eine zentrale Rolle spielen. Da keine adäquate Übersetzung ins Deutsche möglich ist und jeder Versuch das Verständnis des Thymos mehr verstellen denn erhellen würde, verzichte ich zunächst auf eine Übersetzung. Die Bedeutung des Begriffes wird sich aber in seinem Gebrauch, gemäß Wittgenstein, auf den folgenden Seiten darstellen.

Im Gegensatz zum populärsten Erklärungsversuch des Antriebs des Menschen, dem Eros, wurde der Thymos seit der Antike vernachlässigt bzw. immer in verunreinigten Mischformen behandelt, was seiner eigentlichen Rolle nicht gerecht wird. Daher beginne ich mit einer Geschichte des Thymos und sein Gebrauch in der Philosophie (1.1 Thymos in der philosophischen Tradition), stelle dann seine Vernachlässigung dar (1.2 Thymosvergessenheit), liefere eine Begriffsanalyse im aktualisierten Kontext (1.3 Begriffsanalyse: Thymos) um zuletzt zwei wichtige Arten des Thymos zu differenzieren (1.4 Megalothymia und Isothymia), womit die Frage „Was ist Thymos?“ in seinen für diese Arbeit erheblichen Aspekten zunächst beantwortet sein wird.

Ausgangspunkt meiner Untersuchung des Thymos ist das Buch „Zorn und Zeit“ von Peter Sloterdijk und ganz wesentlich das Werk „Das Ende der Geschichte“ von Francis Fukuyama, auf das sich wiederum Sloterdijk in seiner Thymoskonzeption bezieht.

1.1 Thymos in der philosophischen Tradition

Peter Sloterdijks Buch „Zorn und Zeit“ ist eine Anspielung auf Martin Heideggers berühmtestes Werk „Sein und Zeit“. Diese Form der Hommage lässt bereits einige inhaltliche Punkte erwarten. Heidegger betrieb in „Sein und Zeit“ eine Fundamentalontologie, also eine ganzheitliche Untersuchung über den philosophischen Begriff des Seins. Laut Heidegger wurde der Seinsbegriff seit Platon nicht mehr adäquat behandelt. Wo Platon noch über das wahre Sein philosophiert und es von bloß Seiendem zu unterscheiden weiß, so schafften sämtliche Philosophen der Geschichte zwischen Platon und Heidegger dies nicht mehr und begingen einen Kategorienfehler nach dem anderen.[1] Sie sprachen nur von Seiendem und waren doch der Meinung vom Sein zu sprechen. Ein Trugschluss, der etwa mit dem Verwechseln von Dingen mit ihren Schatten im platonischen Höhlengleichnis vergleichbar ist. Wer derart an der falschen Front wacht verpasst zwangsläufig den Kampf um Wahrheit. In Analogie zu diesem Selbstverständnis Heideggers, nämlich als back-to-the-roots Philosoph, positioniert sich Sloterdijk ebenfalls in einer Aufklärerrolle zu einem einst erkannten und dann stets verkannten Phänomen.

Wiedermal wusste Platon schon, dass die menschliche Seele dreigeteilt ist, nämlich in Vernunft, Begierde und Thymos. Die Rolle des Thymos geriet aber dann, so ließe die Analogie von „Sein und Zeit“ und „Zorn und Zeit“ vermuten, in Vergessenheit und wurde von der Philosophiegeschichte stets verkannt. Um dann von Sloterdijk wiederentdeckt zu werden? Die Antwort lautet Nein. Das Motiv des Thymos ist ein zentrales, wenn auch unpopuläres Thema der philosophischen Tradition von Platon bis Nietzsche. Neben Hegel und Nietzsche interessierten sich vor allem Staatstheoretiker[2] für dieses Phänomen. Hegel wandte sich in seiner Phänomenologie des Geistes dem Kampf um Anerkennung zu, woraus Francis Fukuyama in einer durch den Hegelinterpreten Alexandre Kojève vermittelten und bereicherten Form eine Art Thymosanthropologie destilliert. Ein anderer Hegel-Kojève-Fukuyama Punkt ist die Theorie vom „Ende der Geschichte“. Dieser ließ jedoch aufgrund seines provokativen Empörungspotenzial den dort behandelten Aspekt des Thymos in den Hintergrund treten. Wie Heidegger ausdrücklich der Seinsvergessenheit und der Besessenheit von Seiendem den Kampf ansagt, so ausdrücklich tut dies Sloterdijk der Thymosvergessenheit und der Erosbesessenheit.

1.2 Thymosvergessenheit

„Der erste [Seelenteil] war nach unserer Ansicht der Teil, vermöge dessen der Mensch lernt [nach Wissenschaft strebt]; der zweite der, durch den er sich ereifert [das Zornmütige]. Den dritten aber konnten wir seiner Vielgestaltigkeit wegen nicht mit einem einzigen, seine Eigentümlichkeit umschreibenden Namen ansprechen, sondern benannten ihn nach dem, was er als Wichtigstes und stärkstes in sich hatte. Wir bezeichneten ihn als den >begehrlichen< […].“[3]

Platons Vorstellungen von der Seele des Menschen beinhaltet also folgende Dreiteilung: die Vernunft, die Begierde und der Thymos. In seinem berühmten Gleichnis vom Seelenwagen ordnet er der Vernunft die Rolle des Wagenlenkers, der Begierde die des widerstrebenden Pferdes und dem Thymos[4] die des energischen, gehorsamen Pferdes zu.

Somit ist der Antrieb des Menschen eine Mischung aus Begierde und Thymos, die durch die Vernunft gelenkt, also mit einer Richtung versehen wird. Die Begierde hat bei Platon den niedrigsten Stellenwert. Er ordnet ihr die Tugend der Mäßigung zu, die der Tugend der Vernunft, der Weisheit zu gehorchen hat. Der Thymos ist ebenfalls dem Primat der Vernunft untergeordnet, seine Tugend ist die Tapferkeit. Thymos und Begierde entsprechen einer hierarchischen Zweiteilung des nicht-vernünftigen bzw. des emotionalen Seelenteils, wobei die Begierde das Niedere und der Thymos das Höhere darstellt.

Dieses metaphorische Verständnis von der menschlichen Seele als Zweigespann wirkt aus heutiger Sicht bestenfalls antiquiert. Seele heißt auf Griechisch Psyche und die Psychoanalyse kommt zu einer anderen Verfassung des Menschen. Ihren Anfang nimmt die Tradition der Psychoanalyse bei dem Wiener Neurologen Sigmund Freud. Nach Freud ist die Befriedigung von Trieben Antrieb jeden menschlichen Handelns. Ist diese nicht möglich weicht die Psyche mit einigen Meidhandlungen diesem Problem aus; Ersatzbefriedigung, Sublimierung, Verdrängung beispielsweise. Auch Freud hat die Psyche dreigeteilt, nicht in Vernunft, Begierde und Thymos, sondern in Ich, Es, Über‑Ich. Auch Freuds Modell des psychischen Apparates enthält also eine Kontrollinstanz, das Ich, die leitet und kritisch prüft, was die beiden Zugpferde Über-Ich und Es zu tun einfordern.[5] Die größte Aufmerksamkeit in diesem System ist den Affekten, Trieben, Bedürfnissen und vor allem dem Eros gewidmet und setzt somit den Akzent stärker auf das Es, das Lustprinzip, die Begierde. Demnach ist die Lustbesetzung von entscheidender Bedeutung für die Begierden eines Menschen und über deren Befriedigungszwang entscheidend für seine Handlungs­orientierung. Diese einseitige Ausrichtung und Konzentration auf das Eros bzw. die Libido führte in der gesamten Disziplin der Psychoanalyse zur Thymosvergessenheit, die dann auch weite Teile der Philosophie, Ökonomie und Politik nicht verschonte.

„Die Quelle des prinzipiellen Mißverständnisses, dem sich die Psychoanalyse verschrieben hatte, lag in ihrem naturalistisch verkleideten kryptophilosophischen Vorsatz, die conditio humana insgesamt von der Libidodynamik her, mithin von der Erotik, zu erklären. […] Nie war sie jedoch dazu bereit, mit gleicher Ausführlichkeit und Grundsätzlichkeit von der Thymotik des Menschen beiderlei Geschlechts zu handeln: von seinem Stolz, seinem Mut, seiner Beherztheit, seinem Geltungsdrang, seinem Verlangen nach Gerechtigkeit, seinem Gefühl für Würde und Ehre, seiner Indignation und seinem kämpferisch-rächerischen Energien. […] Das Wort „Stolz“ ist für Psychoanalytiker meist nur ein inhaltsleerer Eintrag ins Lexikon des Neurotikers. Zu dem, was das Wort bezeichnet, haben sie aufgrund einer Verlernübung, die sich Ausbildung nennt, den Zugang praktisch verloren.“[6]

1.3 Begriffsdefinition: Thymos

Homer bezeichnet mit Thymos den Lebensodem, Kampfesmut, Zorn sowie Brust und Herz als Sitz des Gefühls und Denkens. Auch bei Platon bezeichnet Thymos die Brust[7] als Sitz des mutartigen Seelenteils. Für Aristoteles ist Thymos quasi synonym mit Zorn. Thymos bezeichnet aber auch in Anlehnung an Platons Dreiteilung der Seele eine der drei Strebensformen (orexis) „und vertritt dabei das muthafte Streben im Unterschied zum vernünftigen Streben einerseits und zur ebenfalls unvernünftigen Begierde (epithymia) andererseits.“[8]

Eine andere Übersetzungsvariante von Platons Zitat unter 1.2 bezeichnet den Thymos, „durch den er [der Mensch] sich ereifert“, mit dem Hybrid aus Zorn und Mut, mit „das Zornmütige“. In der Tat sind Zorn und Mut zwei der stärksten Ausdrucksweisen des Thymos, sie erschöpfen den Bedeutungsgehalt dieses Begriffes jedoch nicht. Thymos umfasst alle Formen der Begierde nach der Begierde anderer Menschen[9], also nach Anerkennung, und alle daraus resultierenden Haltungen. Thymos ist ein Gefühl des eigenen Wertes bzw. die Fähigkeit sich selbst und den Dingen Werte zuzumessen.

„Gemeint ist ein ausgesprochen vertrauter Zug der menschlichen Persönlichkeit. Im Verlauf von Jahrtausenden hat sich kein verbindlicher Wortgebrauch für das psychologische Phänomen des „Strebens nach Anerkennung“ herausgebildet. Platon sprach von Thymos oder Beherztheit, Macchiavelli vom Verlangen des Menschen nach Ruhm, Hobbes von Stolz oder Ruhmsucht, Rousseau von amour-propre, Alexander Hamilton von der Liebe zum Ruhm, James Madison von Ehrgeiz und Nietzsche bezeichnete den Menschen als das „Tier mit den roten Wangen“.“[10]

Wird einem die Anerkennung verweigert, die man laut Selbstbild verdient, folgen Zorn oder Aggression auf dem Fuße. Übertrifft man den eigenen Anspruch oder wird einem mehr Anerkennung zuteil, als man sich erhofft hat, stellt sich ein Gefühl von Stolz ein.

Bleibt eine Handlung hinter dem Niveau zurück, das dem eigenen Selbstwertgefühl entspricht, so ist Scham die Folge. Der eigene Wert ist der Dreh- und Angelpunkt eines ganzen Kosmos an relevanten Begriffen im thymotischen Komplex. Wie Zorn aus nicht‑adäquater Behandlung, also dem Nicht‑Würdigen des eigenen Wertes folgt, verdeutlicht ein Begriffspaar aus dem Englischen: Wird die Würde, dignity nicht gebührend anerkannt, so ist Zorn die Reaktion. Interessanterweise ist im Englischen das Wort für solchermaßen ausgelösten Zorn eben genau die Negation von Würde, nämlich in‑dignation.[11]

Thymotische Aufwallungen sind also die Folge der Diskrepanz von eigenem Selbstwertgefühl und äußerer Anerkennung. So gesehen ist der Thymos auch eine Art angeborenes Gerechtigkeitsempfinden, also ein Gefühl dessen, was dem eigenen Wert gerecht wird, was als ungerecht, ungerechtfertigt und unfair empfunden wird.

Der Thymos ist wesentlich eine Zwischeninstanz zwischen dem Innen eines Individuums und seinem Außen. Er ist das Maß, das das Selbstbild mit dem Außenbild und dem Umgang der Welt mit dem Selbst skaliert. Auf der biologischen Mikroebene ist der Thymus, also das Organ, ebenfalls ein Schiedsrichter zwischen Außen und Innen, in der Ausbildung des Immunsystems lehrt er das Eigene von Fremdkörpern zu unterscheiden und selbstkontinuierend auf dieses Fremde einzuwirken, in Form einer Immunabwehrreaktion. Auch das Vermögen Thymos stellt eine Art psychisches Immunsystem dar. Die geistesgeschichtliche Thymosvergessenheit ist nichts anderes als eine Art der Thymektomie[12], die den Patienten kein der Umwelt adäquates und an sich funktionierendes Immunsystem ausbilden lässt. Mit einem sicheren Gefühl des eigenen Wertes, dessen was zum Selbst gehört und was Fremdkörper sind, also einem intakten thymotischen Selbst-Bewusstsein, hätten Psychoviren wie der radikale Islamismus keine Chance gegen das thymotische Immunsystem des Menschen. Die Ausbildung des Immunsystems, die thymotischen Lehrjahre des Menschen spielen sich im biologischen wie im geistigen Feld jedoch nur in den ersten Jahren bis maximal zur Pubertät ab. Danach verfettet der Thymus, danach vererotisiert der Thymos.

„Die Aufgabe lautet also, eine Psychologie des Eigenwertbewusstseins und der Selbstbehauptungskräfte wiederzugewinnen, die den psychodynamischen Grundgegebenheiten eher gerecht wird. Das setzt eine Korrektur [der Thymektomie,] des erotologisch halbierten Menschenbildes voraus, das die Horizonte des 19. und 20. Jahrhunderts umstellt.“[13]

1.4 Megalothymia und Isothymia

Je nachdem, auf welchem Niveau der eigene Wert im Vergleich zu den Anderen verortet wird, ergeben sich verschiedene Felder der Thymosphänomene. Wird ein Mensch unterdrückt, also nicht als Mensch sondern zum Beispiel als Sklave oder Mitglied einer wertlosen Klasse, Kaste oder Rasse anerkannt, so strebt er nach einem Anerkennungsausgleich und wird mit dem Gedanken der Gleichheit aller Menschen einzuwenden versuchen: „ich bin auch ein Mensch, und als solcher genauso viel Wert, wie jeder andere Mensch.“ Dies ist eine Form der Isothymia. Menschen, deren Status dem der Anderen entspricht, bei denen die isothymotische Gleichheit also gegeben ist, glauben aufgrund ihres Selbstwertgefühls qua Fähigkeit oder Erbrecht mehr zu verdienen als die Anderen. Sie streben also nach Anerkennung über das Niveau des thymotischen Normal-Null hinaus. Dies Streben ist megalothymotisch. Pointiert formuliert ist Megalothymia das Verlangen, anderen Menschen gegenüber als überlegen anerkannt zu werden und Isothymia das Verlangen, als den Mitmenschen gleichwertig anerkannt zu werden.[14]

[...]


[1] Heidegger hatte offensichtlich kein geringes „megalothymotisches“ (1.4) Selbstbild

[2] Namentlich: Niccolò Machiavelli (1469-1527), Thomas Hobbes (1588-1679), Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), James Madison (1751-1836), Alexander Hamilton (1755/57-1804)

[3] Platon-S, S. 765

[4] Thymos wird in diesem Zusammenhang meist mit Mut übersetzt. Ich verzichte zu diesem Zeitpunkt auf eine Übersetzung des Begriffes Thymos, die eine Festlegung auf eine Bedeutung darstellte, und benutze zunächst noch das polysemische griechische Fremdwort (s. 1.3).

[5] Mit Rücksicht auf den Umfang und die Einheit der Argumentation dieser Arbeit werde ich an dieser Stelle darauf verzichten, der Analogie dieser beiden dreiteiligen Seelen- bzw. Psychemodelle mögliche Erkenntnisse über die Rollen der Teile und deren Hierarchie abzugewinnen. Der Aufwand wäre ohnehin von geringem Nutzen, da ich sowohl Platons, als auch Freuds Variante für obsolet und allenfalls als Beispiele zweier kreativer, aber zu kurz greifender Menschenbilder für brauchbar halte.

[6] Sloterdijk-ZuZ, S. 29

[7] In der Brust sitzt auch ein endokrines Organ des Lymphsystems, das Bries oder die Thymus drüse, das sich nach der Pubertät zurückbildet. Dieses ist interessanterweise bis dahin für den Aufbau eines Immunsystems zuständig. Die Thymusdrüse ist das Zentrum des körpereigenen Abwehrsystems gegen Angriffe von außen, gegen Viren, Pilze, Bakterien und Gifte. Durch die Thymusdrüse lernt der Körper also körpereigene von köperfremden, also zu bekämpfenden Stoffen zu unterscheiden und damit, was zum eigenen Bestand gehört und was nicht; auf biologischer Ebene lehrt das Thymus den Menschen in der Wachstumsphase, was die Summe seiner Teile ist, was sein biologisches Selbst ausmacht.

[8] Horn-Rapp-WaP, S. 446

[9] Vgl. Fukuyama-EdG, S. 17ff

[10] Fukuyama-EdG, S. 229-230

[11]“indignation: anger caused by sth that one considers unfair or unreasonable […].” Oxford-AL, S. 580, Vgl. Auch: Fukuyama-EdG, S. 232

[12] Das operative Entfernen der Thymusdrüse.

[13] Sloterdijk-ZuZ, S. 34

[14] Vgl. Fukuyama-EdG, S. 254

Details

Seiten
32
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638024426
ISBN (Buch)
9783638924702
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88387
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Philosophische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Geschichte Fermate Positionen Philosophie

Autor

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