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Gut und Böse im 1. Stück von Kants 'Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft'

unter besonderer Berücksichtigung von Kants Bibelinterpretation

Seminararbeit 2006 18 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Heilige Schrift und Kant
2.1. Die Erzählung vom Sündenfall
2.2. Zur Hermeneutik dieser Bibelstelle
2.3. Kants Überlegungen

3. Gut und Böse durch Freiheit
3.1. Das Wesen des Guten und Bösen
3.2. Autonome Moral

4. Einfluss auf die Religion
4.1. Zur Problematik des Religionsglaubens
4.2. Wie verändert sich das Gottesbild durch Kants Argumente?

5. Abschließende Diskussion

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Das Gute – dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt.“ Selbst Wilhelm Busch hat in seinen eher heiteren Versen die Diskrepanz zwischen Gut und Böse aufgegriffen. Nach ihm soll also der Mensch lediglich das böse Handeln unterbinden, um gut zu werden; oder auch: gut zu bleiben. Hier wird demnach eine relativ simple Lösung eines seit Menschengedenken bestehenden Problems der Moralphilosophie vorgeschlagen. Allerdings wird in den Worten Wilhelm Buschs nicht ganz deutlich, wo der Anfang des Bösen liegt. Wenn wir davon ausgehen, dass wir das Böse in unserem Handeln einfach fortlassen sollen, bieten sich aus philosophischer Sicht zwei Interpretationen an: Das Böse wird von außen an den (von Natur aus guten) Menschen herangetragen; und wenn er es unterlässt, indem er es gar nicht erst annimmt, bleibt er gut. Die zweite Variante wäre folgende: Der Mensch ist von Natur aus böse, soll aber jene Seite in sich unterdrücken, um dann ein guter Mensch zu werden. Ohne große Probleme könnten wir beide Interpretationen der obigen Verse akzeptieren; und darüber hinaus müssten wir uns natürlich auch fragen, was das Böse überhaupt ist und ob das bloße Weglassen desselben gleichzeitig das Gutsein des Menschen impliziert. Schon allein diese Aspekte demonstrieren uns die Komplexität des Themas.

Mit eben jener Problematik beschäftigt sich die vorliegende Arbeit: Ist eher die erste oder die zweite Interpretation des Busch-Zitats auf die Anthropologie anwendbar? Hierzu herrschen unterschiedliche Anschauungen vor, die wir in dieser Arbeit anhand der biblischen Erzählung vom sogenannten Sündenfall und dem ersten Stück aus Immanuel Kants 1793 erschienener Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“[1] darlegen wollen. Um obiger Frage nachzugehen, ist gleich zu Beginn eine kurze inhaltliche Darstellung der erwähnten Bibelstelle unerlässlich: Hier wird, identisch mit der ersten Deutung der Verse Wilhelm Buschs, von einem Zustand des Menschen ausgegangen, der von Natur aus gut ist. Deshalb müssen wir unser Interesse auch auf die Hermeneutik des Sündenfalls stützen: Erwartungen des Lesers an die Religion sowie die Deutung jener Bibelstelle sollen hier insbesondere eine Rolle spielen. Denn erst, wenn diese erläutert wurden, können Vergleiche zu der Bibelinterpretation Kants angestellt und seine Gedankengänge dazu ausgeführt werden. Er stellt in seiner Religionsschrift ein Konzept vor, das den Zustand des Menschen vom dem in der Bibel dargestellten deutlich abgrenzt: Bei Kant lassen sich Parallelen zu letzterer Interpretation des Busch-Zitats erkennen. Aus diesem Grund wird auch seine Vorstellung vom Offenbarungsglauben nicht ganz unwichtig erscheinen; denn dieser bot ihm scheinbar eine Angriffsfläche. Im zweiten Abschnitt der Arbeit wollen wir uns der Fragestellung widmen, welche Kriterien überhaupt erfüllt sein müssen, damit ein Mensch gut oder böse ist. Dabei soll zunächst das Wesen der beiden Gegenpole erläutert werden. Weil wir auch die Freiheit des Menschen darlegen bzw. Parallelen und Unterschiede zur Tierheit aufzeigen wollen, scheint ein Seitenblick auf die Autonomie der Moral durchaus gerechtfertigt. Angrenzend spielen auch die Begriffe der Sinnlichkeit und Vernunft eine nicht ganz unerhebliche Rolle. Später sollen im dritten Abschnitt unsere bisherigen Ergebnisse in die Religionsproblematik einfließen: Hier wird die Frage erörtert, ob sich unser Gottesbild durch Kants Argumentation verändert; denn immerhin herrschen zwischen der heiligen Schrift und den Ausführungen des Philosophen deutliche Abweichungen vor. Weiterhin soll unser Augenmerk darauf gerichtet werden, ob das evtl. veränderte Gottesbild uns zu einer besseren Moral verhelfen könnte. Um dies zu bewältigen, müssen wir aber vorab noch auf die Problematik des Religionsglaubens überhaupt eingehen: Was ist – nicht nur nach Kant – das Komplizierte am (Offenbarungs-)Glauben? Da die Moral eine notwendige Beziehung zur Religion hat[2], ist auch hier wieder die Fragestellung von Belang, welche Einflüsse die Religion auf das Gute und Böse im Menschen ausüben kann und ob sich unsere Moral jederzeit mit diesem Glauben vereinbaren ließe.

Zitate sind in der vorliegenden Arbeit als solche durch Anführungszeichen kenntlich gemacht und mit einer Fußnote versehen. Alle eingeklammerten Hinweise, z.B. (vgl. Kap. 2.2.), sind Binnenverweise dieser Arbeit.

2. Die Heilige Schrift und Kant

2.1. Die Erzählung vom Sündenfall

Den meisten Menschen, die in überwiegend christlichen Kulturen aufgewachsen sind, ist der sogenannte Sündenfall sicherlich ein Begriff.

Die biblische Erzählung kommt im 1. Buch Mose vor und knüpft an die Schöpfungsgeschichte an. Gott bringt darin den ersten Menschen, den er zuvor schuf, in den Garten Eden. Neben anderen Bäumen wächst dort der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen; und Gott verbietet dem ersten Menschen (später: Adam), jemals die Früchte dieses Baumes zu verzehren. Sollte er dennoch gegen dieses Verbot verstoßen, so müsse er sterben. Nachdem Gott aus der Rippe des Mannes auch eine Frau (später: Eva) geformt hatte, trifft diese im Garten Eden auf eine Schlange. Das Tier beteuert der Frau, dass sie keineswegs sterbe, wenn sie die Früchte des Baumes esse, sondern alle Erkenntnis über das Gute und Böse erlange und gottgleich sein werde. Die Frau probiert von der Frucht und gibt auch dem Mann davon. Daraufhin vertreibt Gott die Beiden aus dem Garten; und mehr noch: als weitere Folgen dieser Gesetzesübertretung werden u.a. auch das gestörte Verhältnis des Mannes zur Arbeit sowie das schmerzvolle Kinderkriegen der Frau als Strafe Gottes angeführt.

Mit dem Verzehr dieser Frucht hat sich der Mensch nach der Bibel erstmals schuldig gemacht; daher wird hier auch von der Ursünde gesprochen.

2.2. Zur Hermeneutik dieser Bibelstelle

Die Schriftensammlung der Bibel wird von christlichen Kirchen als göttliche Offenbarung ausgelegt. Das Wort Gottes, das hier transzendentes Wissen außerhalb der Grenzen menschlicher Erfahrung vermittelt, liefert für viele eine Erkenntnis, auf der der christliche Glaube gegründet ist. Wir können daher der Bibel auch eine lebensbeeinflussende Bedeutung abgewinnen: Aus ihr werden oft bestimmte Regeln und Lehren abgeleitet, die als verbindliche Norm für jedes Individuum selbstverständlich sein sollten. Demzufolge ist der Schrift auch eine große Bedeutung bei gesellschaftlichen Abläufen zuzuschreiben; denn allein in Gottesdiensten oder im Religionsunterricht findet sie stets Verwendung. Allerdings erleichtern unterschiedliche Versionen in der Überlieferung sowie die allgemein geschichtliche Distanz die Bibelinterpretation nicht gerade. „Auslegung ist also [...] historische Wissenschaft,“[3] und diese Tatsache zeigt, dass sich nicht alles in der Bibel Gesagte auch notwendig mit der Gegenwart vereinbaren ließe (z.B. durch Fortschritte in den Naturwissenschaften). Dennoch kann – gerade bei ethischen Grundsätzen, die stets gültig sind – die Bibel häufig Hilfestellungen leisten.

Auch zur Geschichte des Sündenfalls existieren mehrere Deutungsweisen. Eine der gängigsten legt diese Bibelstelle als frauenfeindlich aus; denn letztendlich könnte Eva, die durch den Genuss der Frucht nicht nur selbst sündigt, sondern auch noch den Mann dazu verleitet, für die Ursünde allein verantwortlich gemacht werden. Da es uns aber in dieser Arbeit – wie bereits erwähnt (vgl. Kap. 1.) – auf das Gute und Böse ankommt, wollen wir jener Deutung keine weitere Beachtung beimessen. Viel wichtiger ist für uns, dass der Mensch hier überhaupt eine von Gott festgelegte Grenze überschreitet. Am Anfang jedoch beginnt die Welt im Guten: Die Beschreibung der paradiesischen Zustände spiegelt auch die einstige Unschuld des Menschen wider. Weil Gott Adam und Eva die Erlaubnis erteilt, von allen anderen Bäumen zu essen (nur von dem einen nicht), schenkt er dem Menschen die Freiheit und nimmt sich „als Voraussetzung aller Aufforderung zum Gehorsam“[4] zurück. Dem Menschen dagegen reicht offenbar die bloße Nähe zu Gott nicht aus, und er ist leicht zu verführen, von dem Baum der Erkenntnis „des dem Leben Förderlichen und Abträglichen“[5] zu naschen, um sich auf Gottes Stufe zu erheben und sein Wissen anzunehmen. Im Gegensatz zu Gott bedarf der Mensch jedoch nicht dieser Erkenntnis, und dass er mit dem Vorgang genau das Gegenteil bewirkt, wird schon an der Erzürnung Gottes deutlich, der Adam und Eva aus dem Garten Eden vertreibt und somit noch mehr Distanz zwischen göttlicher und menschlicher Welt schafft. Die Flüche, die Gott als Strafmotiv anwendet (z.B. das schmerzhafte Gebären der Frau) demonstrieren, dass die Lebensminderung des Menschen in seiner selbigen Schuld (der Sünde) liegt.

[...]


[1] Stangneth, Bettina (Hrsg.): Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, 2003

[2] Vgl. ebd., S. 7

[3] Fohrer, Gerhard u.a. (Hrsg.).: Exegese des Alten Testaments, 1993, S. 12

[4] Otto, Eckart: Theologische Ethik des Alten Testaments, 1994, S. 64

[5] Ebd., S. 63

Details

Seiten
18
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638024167
ISBN (Buch)
9783638924238
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88321
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,0
Schlagworte
Böse Stück Religion Grenzen Vernunft Lektüre Kant

Autor

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