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Karl Marx. Kritik von Politik und Ökonomie und der Weg zum "Reich der Freiheit"

Seminararbeit 2007 51 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Leben und Werk von Karl Marx

3. Philosophie als Kritik
3.1 Der Historische Materialismus
3.2 Die Epoche der Bourgeoisie
3.3 Das Proletariat und die Revolution

4. Kritik des Kapitalismus
4.1 Die Arbeit des Menschen
4.2 Das industrielle Elend der Entfremdung
4.3 Ware - Tauschwert und Gebrauchswert
4.4 Geld
4.5 Kapital
4.6 Arbeit als wertbildender Faktor und die Verelendung des Proletariats
4.7 Die Krise des Kapitalismus

5. Kritik des bürgerlichen Staates
5.1 Staat - Monarchie und Demokratie
5.2 Emanzipation und bürgerlicher Staat
5.3 Die liberale Demokratie

6. Sozialismus
6.1 Politische Ordnung des Sozialismus – Die „Diktatur des Proletariats“
6.2 Wirtschaft und Gesellschaft des Sozialismus

7. Kommunismus
7.1 Politische Ordnung des Kommunismus
7.2 Wirtschaft und Gesellschaft des Kommunismus

8. Schlussbetrachtung – Kritik der Marx´schen Kritik

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Wohl kaum ein anderer Philosoph des 19. Jahrhunderts hat mit seinen Vorstellungen von Politik und Ökonomie so tiefe zeitgeschichtliche Spuren hinterlassen wie es Karl Marx getan hat. Wie kaum ein anderer vor ihm begriff er die Philosophie als ein Mittel, um an den Zuständen des Kapitalismus Kritik zu üben. Seine Vorstellungen über die entfremdende Wirkung der kapitalistischen Wirtschaftsweise dienten als `Brennstoff´ emanzipatorischer Bestrebungen auf der ganzen Welt bis in die heutige Zeit hinein. Sie dienten gleichsam als Legitimation all derjenigen `Marxisten´, die alles daran setzten, den scheinbar vorherbestimmten Gang der Zeit zu verabsolutieren und in ihre eigenen Hände zu nehmen und sei es auch unter bewusster und gleichgültiger Inkaufnahme unzähliger Opfer. Trotz allem muss Marx jedoch als ein bedeutender Analyst und zeitloser Kritiker betrachtet werden, dem seine spätere Ideologisierung nur bedingt zugeschrieben werden kann.[1] Wer aber war Karl Marx und vor allem, welche entscheidenden Vorstellungen über die Gesellschaft und ihre politisch-ökonomische Ordnung beinhalteten seine Analysen wirklich? Diesen Fragen nachzugehen, soll Inhalt der vorliegenden Seminararbeit sein. Dabei werden zunächst Karl Marx Leben und Schaffen vorgestellt. Darauf aufbauend soll dann sein politisch-ökonomisches Denken einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Dabei werden auch Grundzüge seiner Kritik an der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die er als Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft betrachtete, dargestellt werden.

2. Leben und Werk von Karl Marx

Die nationalen Befreiungskriege gegen das napoleonische Frankreich waren unlängst geschlagen. Den siegreichen europäischen Großmächten der Heiligen Allianz war es gelungen, die vorrevolutionären monarchistischen Verhältnisse in Europa wieder herzustellen und die im Zusammenhang mit der Französischen Revolution aufgekommenen Ideen der Aufklärung zu unterdrücken.[2] Das Ende der französischen Fremdherrschaft in weiten Teilen der Gebiete des Deutschen Bundes bedeutete entgegen den Erwartungen des liberalen Bürgertums und der akademischen Jugend keinen einheitlichen deutschen Nationalstaat.[3] Vielmehr zog in Deutschland die Zeit des Biedermeier herauf, die durch eine Rückbesinnung auf Ruhe und Ordnung und eine romantische Verklärung vorindustrieller, mittelalterlicher Zeiten geprägt war.[4] In dieser Zeit wird Karl Marx am 5. Mai 1818 als Sohn des als hochgebildet und liberal geltenden Rechtsanwalts Heinrich Marx in Trier geboren. Die Vorfahren beider Eltern waren über viele Generationen hinweg Rabbiner gewesen, die Familie tritt jedoch 1824 zum evangelischen Glauben über.[5] Nach dem Besuch des Trierer Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums wendet sich Marx auf Wunsch des Vaters dem Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Bonn zu, wo er bereits seine philosophischen, historischen und philologischen Studien beginnt.[6] Nach zwei Semestern in Bonn wechselt er 1836 nach Berlin. Dort entfernt er sich endgültig von der Rechtswissenschaft und geht dazu über, nur noch Philosophie zu studieren.[7] An der Berliner Universität ist es die idealistische und dialektische Philosophie des erst unlängst verstorbenen Georg Wilhelm Friedrich Hegel, die noch immer das intellektuelle und akademische Denken bestimmt.[8] Hegel selbst hatte stets den Anspruch vertreten, die abendländische Philosophie durch die Versöhnung des Bewusstseins mit der Wirklichkeit vollendet zu haben.[9] Wie aber konnte nach dem Tode des großen Vollenders Hegel überhaupt noch philosophiert werden? Auf diese Frage fanden die sich daraufhin entwickelnden Richtungen der Hegelschen Schule sehr unterschiedliche Antworten. Während die Rechtshegelianer Philosophie weitgehend im Bewusstsein politisch-liberaler, bürgerlicher und klassischer Bildung betrieben, versuchten die linkshegelianischen Erben dem Verdacht jeglichen Epigonentums dadurch zu entkommen, dass sie sich durch die Kritik an den geistigen Grundlagen ihres Zeitalters an der Verwirklichung der Philosophie übten.[10] Marx jedenfalls begegnet dem Hegelianismus insbesondere in seiner linkshegelianischen Ausprägung, vor allem auch durch die Teilnahme an philosophischen Gesprächen im Berliner `Doktorclub´.[11] Wenngleich Marx die „groteske Felsenmelodie“ der „Hegelschen Philosophie“ zunächst alles andere als behagt,[12] wird durch sie sein späteres Denken, das von der Idee der Verwirklichung der philosophisch ergründeten Vernunft bestimmt ist, maßgeblich geprägt.[13]

Nach seiner Promotion in Philosophie an der Universität Jena über `Die Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie´ spielt Marx mit dem Gedanken Philosophieprofessor zu werden. Die Hoffnung auf eine Universitätslaufbahn muss er jedoch in Folge der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV in Preußen aufgeben, da mit dem Tod König Friedrich Wilhelms III die Vorherrschaft der Hegelschen Lehre und ihrer Protagonisten an den preußischen Universitäten vehement bekämpft und beendet wird. In Folge dessen muss die von Marx erhoffte Hilfe beim Einstieg in eine akademische Laufbahn durch seinen linkshegelianischen Freund Bruno Bauer durch den Entzug der Lehrbefugnis Bauers an der Universität Bonn zwangsläufig ausbleiben.[14]

Marx entschließt sich zu einer journalistischen Tätigkeit und tritt vierundzwanzigjährig in die Redaktion der in Köln ansässigen radikalliberalen `Rheinischen Zeitung´ ein, deren Chefredakteur er wird. Dort wird durch einen Artikel über die Lage der Weinbauern an der Mosel seine innere Hinwendung zu sozialen Fragen deutlich.[15] Aufgrund ihres kritischen Tones wird die Zeitung jedoch von den preußischen Behörden kurzerhand verboten.[16] Kurz vor dem Verbot der Zeitung scheidet Marx aus der Redaktion aus.[17] In Kreuznach heiratet er daraufhin seine Jugendliebe Jenny von Westphalen mit der er seit 1836 verlobt ist und mit der er sieben Kinder haben wird. 1843 emigriert er zusammen mit ihr nach Paris, wo er in Zusammenarbeit mit Arnold Ruge die Herausgabe der Deutsch-Französischen Jahrbücher beabsichtigt.[18] Dort lernt er die Sozialisten um Pierre-Joseph Proudhoun und um Louis Blanc kennen und befasst sich mit deren Denken.[19] Darüber hinaus macht er in Paris auch Bekanntschaft mit dem anarchistischen Denker Michail Bakunin sowie dem Dichter Heinrich Heine.

Die Pariser Emigration markiert für Marx den Beginn seiner kritisch-philosophischen Tätigkeit.[20] In seiner Schrift Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung nimmt er zur idealistischen Staatskonstruktion in den Werken Hegels Stellung.[21] Mit Zur Judenfrage kommentiert er auf religionskritische Weise die Diskussion um die politische Emanzipation der Juden in Deutschland. Beide Werke erscheinen 1844 in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern. In seinen Thesen über Feuerbach wird Marx´ materialistische Geschichtsauffassung erstmals offenbar. Darüber hinaus wendet sich Marx in Paris auch politisch-ökonomischen Phänomenen zu und verfasst seine Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte.

In Paris lernt Marx außerdem den aus einer rheinischen Fabrikanten- und Kaufmannsfamilie stammenden Friedrich Engels kennen. Mit ihm schließt er eine Freundschaft, die ihn bis an sein Lebensende begleiten wird und die vor allem auch in wissenschaftlicher und politischer Hinsicht aufs Engste mit seinem Namen verbunden bleiben wird.[22] Die erste wissenschaftliche Zusammenarbeit mündet in einem Essay Engels´ von 1844, in dem dieser Die Lage der arbeitenden Klasse in England beleuchtet und den englischen Kapitalismus kritisiert. Dieses Essay erscheint ebenso in den von Marx zusammen mit Arnold Ruge redigierten Deutsch-Französischen Jahrbüchern.[23] Mit Engels gemeinsam verfasst Marx die Werke Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik (1845), in der sie sich mit der rein im Philosophischen verweilenden Kritik der Linkshegelianer auseinandersetzen. In Die deutsche Ideologie (1845/1846) befassen sich Marx und Engels mit dem auf Hegel aufbauenden, materialistischen und religionskritischen Philosophen Ludwig Feuerbach.[24]

Aufgrund seiner radikalen antipreußischen Agitation in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern sowie im Pariser Vorwärts erwirkt die preußische Regierung die Ausweisung von Marx aus Frankreich, woraufhin er im belgischen Brüssel erfolgreich um Asyl ersucht und sich dort niederlässt. Marx bewerkstelligt daraufhin die Entlassung aus dem preußischen Staatsverband, um weiteren polizeilichen Nachstellungen der preußischen Behörden zu entgehen.[25] In der Folge verbleibt Marx bis zu seinem Tode staatenlos.

Im Gegensatz zu den Linkshegelianern beschränkt sich Marx nicht auf eine philosophisch-kritische Tätigkeit. Marx und Engels treten 1845 dem `Bund der Gerechten´ bei, einer Londoner Abteilung einer Pariser Organisation, die sich formell der Arbeiterbildung widmet.[26] 1847 wird der Bund auf Wirken von Marx und Engels hin in `Bund der Kommunisten´ umbenannt. Von Brüssel aus knüpft Marx unzählige Beziehungen zu den verschiedensten sozialistischen Gruppierungen in Westeuropa, insbesondere in Frankreich und England. Darüber hinaus beteiligt sich Marx 1847 an der Gründung des `kommunistischen Korrespondenz-Komitees zur Koordinierung der Arbeiterbewegung´ und des `Deutschen Arbeitervereins´.[27] In Antwort auf Pierre-Joseph Proudhons Philosophie des Elends veröffentlicht Marx 1847 Das Elend der Philosophie bevor dann 1848 im Auftrag des `Bundes der Kommunisten´ eines seiner wohl bekanntesten Werke erscheint: das Manifest der kommunistischen Partei.

Zu dieser Zeit setzen in unzähligen europäischen Staaten und somit auch in Deutschland revolutionäre Zustände ein, die dem Verlangen des Bürgertums nach liberalen Freiheiten Ausdruck verleihen. Nach Ausbruch der französischen Februarrevolution 1848 wird Marx aus Belgien ausgewiesen, woraufhin er sich zur Rückkehr nach Deutschland ermutigt sieht. In Köln betätigt sich Marx als Redakteur der `Neuen Rheinische Zeitung – Organ der Demokratie´, durch die er auf das revolutionäre Geschehen in Deutschland Einfluss zu nehmen versucht.[28] Das Erscheinen dieser Zeitung wird jedoch nach dem endgültigen Scheitern der deutschen Revolution 1849 wieder unterdrückt und Marx wird wegen eines durch die preußische Polizei erwirkten Haftbefehls aufgrund von `Anstiftung zum Aufruhr´ des Landes verwiesen.[29] Daraufhin lässt er sich zusammen mit seinem Freund Engels und seiner Familie endgültig in London nieder. Dort lebt Marx vom kärglichen Ertrag seiner journalistischen Arbeiten und durch die finanzielle Unterstützung seines Freundes Engels, stets hin- und hergerissen zwischen bitterster Armut und dem durchaus vorhandenen Anspruch großbürgerlicher Repräsentation.[30]

Das Scheitern der Revolutionen von 1848 bedeutet für Marx nicht zuletzt in theoretischer Hinsicht einen herben Rückschlag, gründet seine eigene Theorie doch auch auf der Annahme, dass in den am weitesten entwickelten kapitalistischen Gesellschaften emanzipatorische Revolutionen zwangsläufig siegreich sein müssen.[31] In Die Klassenkämpfe 1848 – 1850 sowie der Schrift über den Bonapartismus Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte von 1852 unterzieht Marx deshalb die revolutionären Ereignisse in Frankreich einer umfassenden Analyse und legt seine Sichtweise der Ursachen für das Scheitern der Revolution dar.

Unter dem Eindruck der gescheiterten Revolutionen und infolge innerer Streitigkeiten löst sich auch der `Bund der Kommunisten´ 1852 endgültig auf.[32] Marx konzentriert sich daraufhin in seinem Wirken immer stärker auf die Analyse und die Kritik der kapitalistischen Wirtschaftsweise.[33] Die Beschäftigung damit mündet über die Zwischenstufen der Werke Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie und Kritik der politischen Ökonomie, Erstes Heft (1859) schließlich in der Veröffentlichung des ersten Bandes seines Hauptwerkes Das Kapital (1867). Dort unterzieht Marx die Funktionsweise und die zentralen Begriffe der bürgerlichen Ökonomie einschließlich ihrer naturrechtlichen Fundierung einer umfassenden Kritik und Analyse.[34]

Am 28. September 1864 wird auf Initiative französischer und britischer Arbeiterführer die I. Internationale Arbeiterassoziation gegründet.[35] Marx gehört neben Engels von Beginn dem Generalrat der Assoziation an und entwirft ihre Statuten, verweilt jedoch ansonsten zunächst im Hintergrund des politischen Wirkens.[36] Aufgrund seiner intellektuellen Begabungen wird Marx eine immer wichtigere Rolle in der Assoziation zuteil. Bereits im Oktober 1864 entwirft er nach Aufforderung durch den Generalrat der Assoziation das Programm der Organisation. Im November 1864 wird die ebenfalls von Marx verfasste `Inauguraladresse der Assoziation´ durch den Generalrat akzeptiert und veröffentlicht.[37] Nachdem sich in Folge der Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg in Paris 1871 die Arbeiter gegen die bürgerliche Regierung erheben, um ein sozialistisches Regiment zu errichten, nimmt Marx hierzu als korrespondierender Sekretär der Organisation in mehreren `Adressen des Generalrats über den deutsch-französischen Krieg´ und über den `Bürgerkrieg in Frankreich´ unterstützend Stellung. Marx´ Einfluss innerhalb der Internationalen Arbeiterassoziation steigt spürbar an. Aufgrund des Scheiterns des Pariser Arbeiteraufstandes spaltet sich die französische Arbeiterbewegung innerhalb der Organisation. Dies ermöglicht Marx, auf dem Haager Kongress der Internationale 1872 den Ausschluss seines politischen Gegners und schärfsten Kritikers Michail Bakunin zu betreiben.[38]

Auch Marx´ Verhalten gegenüber anderen Strömungen der Arbeiterbewegung wird zunehmend kompromissloser und feindseliger. Wenngleich sein Verhältnis zum Gründer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins Ferdinand Lassalle zunächst freundschaftlich geprägt ist, lehnt Marx die Vereinigung des von Lassalle gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins mit der sozialdemokratischen Partei August Bebels und Karl Liebknechts (gegründet 1869 in Eisenach) zur Sozialistischen Arbeiterpartei 1875 in Gotha kategorisch ab. Er unterzieht deshalb die Vereinigungsstatute der neuen Partei anhand der von ihm entwickelten Theorien einer fundamentalen Kritik.[39]

Seine letzten Lebensjahre verbringt Marx in zunehmender Vereinsamung.[40] Nach dem Tod seiner Frau 1881 und seiner ersten Tochter Jenny 1883 stirbt Marx am 14. März 1883 in seiner Londoner Wohnung woraufhin er auf dem Londoner Armenfriedhof Highgate beerdigt wird.[41]

Der zweite und dritte Band von Marx´ Das Kapital wird posthum 1885 und 1894 von Friedrich Engels redigiert und herausgegeben. Zur Herausgabe eines vierten Bandes kommt es nicht mehr, da Engels vor der redaktionellen Bearbeitung der hierzu vorliegenden Textmanuskripte aufgrund seiner zunehmenden Erblindung kapitulieren muss.[42] In den Jahren 1905 bis 1910 werden schließlich Marx´ vierbändige Theorien über den Mehrwert durch den sozialdemokratischen Politiker Karl Kautsky veröffentlicht. 1932 erfolgt die Edition seiner in Paris entstandenen Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte.[43]

3. Philosophie als Kritik

Marx´ Vorstellungen über die gesellschaftlich-politische Ordnung sind nicht zu verstehen, ohne seine philosophische Position zu berücksichtigen, die im dialektischen Denken Hegels gründet. Dieses Denken ist in geschichtsphilosophischer Hinsicht von der Vorstellung geprägt, dass sich die Menschheit durch den sich stetig wiederholenden Umschlag der `These´ in die `Antithese´ bis zur höchsten `Synthese´ von `Vernunft´ und `Wahrheit´ emporarbeitet.[44] Während Hegel mittels seiner dialektischen Methode versucht hatte, die bestehenden Herrschafts- und Besitzverhältnisse als letztlich vernünftig zu begründen, sucht Marx anhand derselben Methode die Vergänglichkeit und Brüchigkeit des Status quo sowie die notwendige Unvermeidlichkeit einer zukünftigen, besseren Gesellschaftsordnung nachzuweisen.[45] Im Unterschied zu Hegel wendet sich Marx dabei der sozialen Frage des Industriezeitalters zu.[46] Seine Intention ist es im Gegensatz zu anderen utopisch-sozialistischen Denkern seiner Zeit jedoch gerade nicht, ein neues, wünschenswertes Gesellschaftsmodell zu entwerfen.[47] Sein philosophischer Ansatz besteht vielmehr darin, das in den Verhältnissen vorhandene Potential einer Veränderung der Welt aufzufinden, zu erkennen und zu verdeutlichen.[48] So schreibt Marx in einem Brief an Arnold Ruge 1843: „Der Vorzug der neuen Richtung besteht darin, daß wir [...] erst aus der Kritik der alten Welt die neue finden wollen“.[49] Insofern folgt Marx Hegels idealistischer Philosophie und erkennt an, dass die Vernunft, wenngleich zwar nicht in wünschenswertem Maße, aber jedoch grundsätzlich bereits in der Realität angelegt sein muss. In der Untersuchung der dem Philosophen Marx in der Anschauung zugänglichen Differenz zwischen der Vernunft und ihrem realen Verwirklichungsgrad versucht Marx so das für die `neue Welt´ `Vernünftige´ analytisch zu ergründen.[50] Deshalb schreibt Marx in dem genannten Brief an Ruge, dass „die alte Welt vollkommen ans Tageslicht gezogen und die neue positiv gebildet werden“ muss.[51]

Wie Hegel geht auch Marx davon aus, dass die Geschichte der Menschheit erkennbaren Gesetzen folgt und sich dabei auf ein bestimmbares zukünftiges Ziel zubewegt.[52] Ihm erscheint der geschichtliche Prozess als eine zielgerichtete Totalität, in der Vergangenheit und Zukunft zu einer lebendigen Einheit zusammengeschlossen sind und in der in jedem gesellschaftlichen Entwicklungsstadium das darauf folgende, zukünftige `organisch´ angelegt ist.[53] Anders als bei Hegel ist es für Marx jedoch nicht `der Geist´, der das bewegende Moment der Geschichte ist und sich bis zur `freien Identität´ hocharbeitet.[54] Vielmehr rügt Marx an Hegel, dass seine Dialektik auf dem Kopf stünde und man sie umstülpen müsse, um den rationalen Kern „in der mystischen Hülle zu entdecken“.[55] Für Marx stellt allein die ökonomische Struktur der Gesellschaft den wahren Träger des geschichtlichen Prozesses dar.[56] Daraus folgt für ihn, dass es nicht „Aufgabe der Philosophie“ sein kann, sich mit metaphysischen Problemen „[j]enseits der Wahrheit“ aufzuhalten, sondern sich der „Wahrheit des Diesseits“ und somit den wirkenden und wirklichen Gegenständen und ihren Widersprüchlichkeiten zuzuwenden.[57] Marx schreibt deshalb, dass „[d]ie Philosophen [...] die Welt nur verschieden interpretiert“ hätten, es jedoch nunmehr darauf ankomme, „sie zu verändern“.[58] Die Veränderung selbst beginnt für Marx mit der Kritik des Bestehenden als erste Form der menschlichen Emanzipation. In seiner philosophischen Hinwendung zu den `wirklichen Kräften´ verwandelt sich dabei „die Kritik der Religion alsbald in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik, die Kritik des Himmels in die Kritik der Erde.“[59] Diese Kritik muss dabei im Sinne der zu erreichenden menschlichen Emanzipation zwangsläufig radikal sein und wird insofern „rücksichtslose Kritik alles Bestehenden, rücksichtslos sowohl in dem Sinne, daß die Kritik sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und ebenso wenig vor dem Konflikt mit den vorhandenen Mächten.“[60]

Sein Heimatland betrachtet Marx als Keimzelle tatsächlicher, zukünftiger Emanzipation. Dort „kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen.“[61] Das „gründliche Deutschland“ kann „nicht revolutionieren, ohne von Grund aus zu revolutionieren“.[62] Das „philosophische Volk“ der Deutschen wird für Marx „[e]rst in dem Sozialismus [...] seine entsprechende Praxis [..] finden“ können.[63] Nur die in der Praxis erzielte „Emanzipation des Deutschen“ wird dann zur „Emanzipation des Menschen“ führen.[64] Träger dieser Emanzipation wird dabei das Proletariat sein, da dieses „sich nicht aufheben“ kann „ohne die Verwirklichung der Philosophie“.[65] Die Verwirklichung der Philosophie im Dienste der menschlichen Emanzipation kann nur eine Aufhebung der Philosophie als solche bedeuten, da die Überführung der Idee in die Immanenz den Zwiespalt zwischen Idee und Wirklichkeit endlich beendet und beenden muss.[66]

3.1 Der Historische Materialismus

Marx entwickelt seine Theorie über die geschichtliche Entwicklung der Menschheit ausgehend von den „wirklich tätigen Menschen“ und ihren „materiellen, empirisch konstatierbaren [...] Voraussetzungen“.[67] Das sich selbst bestimmende, individuelle oder gesamtgesellschaftliche Selbstbewusstsein ist für Marx dabei irrelevant.[68] Für ihn ist es „nicht das Bewußtsein der Menschen [...], das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt".[69] Basis der dialektischen Entwicklung der Menschheitsgeschichte bildet für Marx allein die gesellschaftliche Produktion. In dieser „gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte“ und „bestimmte[n] gesellschaftliche[n] Bewußtseinsformen entsprechen.“[70] Im Ergebnis resultiert so die „Produktionsweise des materiellen Lebens“ der Menschen in einem spezifischen „sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß.“[71] Fortschritte in der Entwicklung der Produktivkräfte führen dabei jedoch nicht unmittelbar zu einer Veränderung der Produktionsverhältnisse. Für Marx sind die Menschen jedoch gezwungen, „alle ihre überkommenen Gesellschaftsformen zu ändern“, „sobald die Art und Weise ihres Verkehrs den erworbenen Produktivkräften nicht mehr entspricht.“[72] Daher geraten die „materiellen Produktivkräfte“ jeder historischen Epoche in einen beständig anwachsenden Widerspruch mit den Produktionsverhältnissen [...], mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bewegt hatten“.[73] Jedoch geht „eine Gesellschaftsformation [...] nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind [...], und neue, höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.“[74] Sind jedoch diese Produktivkräfte über ein gewisses Maß hinaus entwickelt, muss der Widerspruch zwischen diesen und den Produktionsverhältnissen „mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft“[75] aufgelöst werden. Die daraufhin eintretende „Veränderung der ökonomischen Grundlage“ erzeugt dabei auch eine „Umwälzung“ in den „juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen“ einer Gesellschaft.[76] Diese sind für Marx nur Ergebnis der in einer Gesellschaft vorherrschenden ökonomischen Grundlagen. „Die Moral, Religion, Metaphysik und sonstige Ideologie und die ihnen entsprechenden Bewußtseinsformen“ haben für Marx deshalb „keine Geschichte, sie haben keine Entwicklung, sondern die ihre materielle Produktion und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkte ihres Denkens.“[77]

Stellvertretend für diesen von den Produktionsverhältnissen und den Produktivkräften bestimmten Prozess agieren die in einer Gesellschaftsformation vorfindbaren Klassen.[78] Ihr Antagonismus versinnbildlicht den einer sozialen Formation innewohnenden Widerspruch.[79] Motor der jeweiligen revolutionären Umwälzung als „Lokomotive der Geschichte“[80] ist dabei stets jene Klasse, die den am weitesten entwickelten Zweig der gesellschaftlichen Produktion vertritt. Ihr obliegt es, im Interesse des Fortschritts und des Gesamtinteresses zu handeln und die Produktionsverhältnisse in ihrem Sinne zu verändern.[81] Vor der eigentlichen gesellschaftlichen Umwälzung durch den revolutionären Akt findet daher ein Kampf zwischen den Klassen statt. Historisch betrachtet, standen deshalb bereits „Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte [...] in stetem Gegensatz zueinander“.[82] Diese führten einen „ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf“.[83] „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft“ ist daher für Marx „die Geschichte von Klassenkämpfen.“[84]

[...]


[1] Vgl. Waschkuhn, S. 237.

[2] Vgl. Braun et al., S. 261.

[3] Vgl. Stammen in Maier, S. 289.

[4] Vgl. Braun et al., S. 261.

[5] Vgl. Scarbath in Scheuerl, S. 9.

[6] Vgl. Ebd.

[7] Vgl. Stammen in Maier et al., S. 289.

[8] Vgl. Scarbath in Scheuerl, S. 9.

[9] Vgl. Stammen in Maier et al., S. 290.

[10] Vgl. Ebd., S. 291.

[11] Vgl. Ebd., S. 292.

[12] Marx, Brief an den Vater in Trier, MEW 40, S. 9f.

[13] Vgl. Scarbath in Scheuerl, S. 9.

[14] Vgl. Stammen in Maier et al., S. 295.

[15] Vgl. Dahrendorf in Kaesler, S. 59.

[16] Vgl. Stammen in Maier et al., S. 296.

[17] Marx, `Rheinische Zeitung´ Nr. 77 vom 18. März 1843, MEW 1, S. 200.

[18] Vgl. Stammen in Maier et al., S. 296.

[19] Vgl. Braun et al., S. 261.

[20] Vgl. Stammen in Maier et al., S. 296.

[21] Vgl. Scarbath in Scheuerl, S. 10.

[22] Vgl. Braun et al., S. 262.

[23] Vgl. Lichtheim, S. 75.

[24] Vgl. Braun et al., S. 262.

[25] Vgl. Stammen in Maier et al., S. 309.

[26] Vgl. Lichtheim, S. 110.

[27] Vgl. Stammen in Maier et al., S. 311.

[28] Vgl. Stammen in Maier et al., S. 312.

[29] Vgl. Dahrendorf in Kaesler, S. 58.

[30] Vgl. Scarbath in Scheuerl, S. 11.

[31] Vgl. Ebd.

[32] Vgl. Stammen in Maier et al., S. 313.

[33] Vgl. Ebd.

[34] Vgl. Stammen in Maier et al., S. 315.

[35] Vgl. Lichtheim, S. 112.

[36] Vgl. Ebd.

[37] Vgl. Ebd.

[38] Vgl. Ebd.

[39] Vgl. Scarbath in Scheuerl, S. 12.

[40] Vgl. Ebd.

[41] Vgl. Braun et al., S. 264.

[42] Vgl. Scarbath in Scheuerl, S. 12.

[43] Vgl. Ebd., S. 10.

[44] Vgl. Flechtheim in Flechtheim / Lohmann, S. 35.

[45] Vgl. Ebd., S. 18.

[46] Vgl. Dahrendorf in Kaesler, S. 59.

[47] Vgl. Fritze in Backes / Courtois, S. 89.

[48] Vgl. Fritze in Backes / Courtois, S. 89.

[49] Marx, Briefe aus den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“, MEW 1, S. 344.

[50] Vgl. Fritze in Backes / Courtois, S. 89.

[51] Marx, Briefe aus den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“, MEW 1, S. 343.

[52] Vgl. Dahrendorf in Kaesler, S. 60.

[53] Vgl. Flechtheim in Flechtheim / Lohmann, S. 18.

[54] Vgl. Ehlen in Maier / Schäfer, S. 142.

[55] Vgl. Marx, Das Kapital. Erster Band, MEW 23, S. 27.

[56] Vgl. Zippelius, S. 162.

[57] Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, S. 379.

[58] Marx, Thesen über Feuerbach, MEW 3, S. 7.

[59] Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, S. 379.

[60] Marx, Briefe aus den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“, MEW 1, S. 344.

[61] Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, S. 391.

[62] Ebd.

[63] Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel „Der König von Preußen und die Sozialreform“. Von einem Preußen, MEW 1, S. 405.

[64] Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, S. 391.

[65] Ebd.

[66] Vgl. Stammen in Maier et al., S. 294.

[67] Marx / Engels, Die Deutsche Ideologie, MEW 3, S. 26.

[68] Vgl. Ehlen in Maier / Schäfer, S. 149.

[69] Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie, MEW 13, S. 9.

[70] Marx / Engels, Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, S. 8.

[71] Ebd., S. 8f.

[72] Marx, Brief an P. W. Annenkow, MEW 4, S. 549

[73] Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, S. 9.

[74] Ebd.

[75] Marx / Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, S. 462.

[76] Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, S. 9.

[77] Marx / Engels, Die Deutsche Ideologie, MEW 3, S. 26f.

[78] Vgl. Zippelius, S. 167.

[79] Vgl. Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, S. 9.

[80] Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich, MEW 7, S. 85.

[81] Vgl. Ritter, S. 36.

[82] Marx / Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, S. 462.

[83] Ebd.

[84] Ebd.

Details

Seiten
51
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638024150
ISBN (Buch)
9783638924221
Dateigröße
681 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88318
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Sozialwissenschaften, Abteilung Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Karl Marx Politische Ordnungs- Erziehungsvorstellungen Klassikern Denkens
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Titel: Karl Marx. Kritik von Politik und Ökonomie und der Weg zum "Reich der Freiheit"