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Gewalt bei rechtsorientierten Jugendlichen

Diplomarbeit 1995 96 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhalt

0 Einleitung

1 Methode
1.1 Vorbereitung der Untersuchung
1.2 Datenerhebung
1.3 Datenauswertung

2 Die Begriffe Aggression, Gewalt, Ausländerfeindlichkeit

3 Theorien zu Aggression und Gewalt
3.1 Die Frustrations-Aggressions-Hypothese
3.2 Die lerntheoretische Konzeption zum Phänomen Aggression
3.3 Die tiefenpsychologischen Theorien zum Phänomen Aggression
3.3.1 Erste Freud'sche Konzeption
3.3.2 Zweite Freud'sche Konzeption
3.3.3 Dritte Freud'sche Konzeption
3.4 Die ethologische Konzeption zum Phänomen Aggression
3.5 Soziologische Gewaltkonzeptionen
3.6 Abschließende Bewertung

4 Auswertungen der Interviews
4.1 Das Gespräch mit Interviewpartner A
4.1.1 Kontext
4.1.2 Auswertung
4.1.3 Fazit
4.2 Das Gespräch mit Interviewpartner C
4.2.1 Kontext
4.2.2 Auswertung
4.2.3 Fazit
4.3 Das Gespräch mit Interviewpartner D
4.3.1 Kontext
4.3.2 Auswertung
4.3.3 Fazit
4.4 Das Gespräch mit Interviewpartner F
4.4.1 Kontext
4.4.2 Auswertung
4.4.3 Fazit
4.5 Das Gespräch mit Interviewpartner G
4.5.1 Kontext
4.5.2 Auswertung
4.5.3 Fazit

5 Integration zum Modell

6 Diskussion der Ergebnisse

7 Zusammenfassung

8 Literatur

Anhang Transkriptionsempfehlungen; Abbildungsverzeichnis;
Tabellenverzeichnis

0. Einleitung

Gewalt wurde in den letzten Jahren in der öffentlichen Diskussion immer häufiger thema­ti­siert. Die Szenarien des Gewaltgeschehens sind vielgestaltig: Gewalt in den Medien, politisch motivierte Gewalt, Gewalt in der Schule, Gewalt gegenüber Kindern und von Kindern ausge­übte Gewalt, Gewalt in engen, persönlichen Beziehungen und sexuelle Ge­walt gegenüber Frauen und Kindern.

Auch das Problem der Jugendgewalt wurde immer vordringlicher. In den Städten ver­schärfte sich zunehmend die Konflikt- und Gewaltsituation zwischen Jugendgruppierun­gen. Bedingt durch einen sprunghaften Anstieg von Gewalttaten gegenüber Ausländern, geriet schließlich die politisch rechts motivierte Jugendgewalt in den Fokus der Aufmerk­samkeit. Ich möchte diese Entwicklung mit Zahlenmaterial illustrieren (die Daten sind dem Forschungsbericht von Willems et al., 1993, entnommen). In den Jahren 1987 bis 1990 lag die Zahl der jährlich poli­zeilich registrierten, fremdenfeindlichen Straftaten im Mittel bei 250; im Jahre 1991 gab es fast zehnmal so viele Gewalttaten (2427) gegen Ausländer. Diese Zahl erhöhte sich im Jahre 1992 auf 6336. Willems et al. werteten 1398 polizeiliche Ermittlungsakten von fremdenfeindlichen Gewalttätern aus. 96,3% der Täter waren männlich. Hinsichtlich der Altersverteilung ergab sich folgende Struktur: 3,2% der Täter waren unter 15 Jahre alt, 33,1% waren 15 bis 17 Jahre alt, 39% waren 18 bis 21 Jahre alt, 16,3% waren 21 bis 24 Jahre alt und 8,3% waren älter als 25 Jahre. Zu rechtsex­tremen Gruppierungen ordneten sich 25,2% der Täter zu oder werden von der Polizei hier zugeordnet. 37,9% betrachten sich als Skinheads oder werden von der Polizei zu dieser Subkultur gerechnet. Von den untersuchten 1398 Straftaten wurden 56,3% in den alten Bundesländern und 43,6% in den neuen Bundesländern begangen.

Aufgrund der Sprachlosigkeit und Ver­ständnislosigkeit in der öffentlichen Diskussion, in der „Chaotentum“ zum Erklärungskonzept jugendlichen Ge­waltverhaltens avanciert war und in der die Gewalt rechts- und linksori­entierter Jugendlicher nicht selten undifferenziert be- und abgehandelt wurde (so in den Kurzbeiträgen der Nachrichtensendungen), entstand der Ge­danke, mit einer psychologischen Betrachtung zu einem besseren Ver­ständnis des Geschehens beizutragen. Diese Betrachtung soll nicht auf eine Ursachenerklä­rung der Gewalt zielen. Eine Untersuchung, die sich zum Ziel setzt, Aussagen über die Funk­tion gewalthaften Handelns und des begleitenden Erlebens in der psychischen Erlebensver­arbeitung der jugendlichen Akteure zu treffen, schien mir nicht nur interessant, sondern auch machbar. Eine solche Fra­gestellung unterscheidet sich von jenen, die eine Rekon­struktion subjektiver Theorien (vgl. Scheele & Groeben, 1988) über Gewalt anstreben - gleichwohl sich die Ansätze in weiten Teilen überschneiden dürften. Während bei dieser Vorgehensweise der Fokus darauf läge, sich die Wahrnehmungen der Jugendlichen sozu­sagen „auf der Zunge zer­gehen zu lassen“ und damit einen verstehenden Zugang zu deren Lebenswelt zu eröffnen, ist bei der von mir angestrebten Vorgehensweise die Vorannahme enthalten, daß gewalthafte Handlungen oder Vorstellungen bei den Jugendlichen dahinge­hend funktionell sind, als sie bei ihnen zu einem Erleben oder Verhalten führen, das kei­nen zwingenden Zusammenhang mit Gewalt haben muß. Knapp formuliert gilt mein In­teresse der Bedeutung von Gewalt bei rechtsorientierten Jugendlichen. Als konkrete For­schungsfrage, die an das Datenmaterial ge­richtet wird, ließe sich formulieren: Lassen sich dem Phänomen der Gewalt bei rechtsorien­tierten Jugendli­chen subjektive Bedeutungen beimessen, jenseits derer, die von den Betrof­fenen ge­wußt und be­nannt werden?

Meine Entscheidung nur rechtsorientierte männliche Jugendliche als „Forschungssubjekte“ zu wählen, hat vor allem zwei Gründe. Zum ersten sind es die Ge­walthandlungen politisch rechts und fremdenfeindlich orientierter Jugendlicher, die sich in den letzten Jahren zu einem ernstzunehmenden Problem der deutschen Gesellschaft aus­gewachsen haben. Nicht allein die Zunahme der fremdenfeindlichen Straftaten ist er­schreckend, sondern auch das Ausmaß an Brutalität und Schädigung, die diese Gewalt bedeutet. Zum zweiten schien es mir notwendig, mich auf die Untersuchung einer Grup­pierung zu beschränken. Es ist nicht eindeutig definiert, was Gewalt ist (vgl. Kapitel 0). Wollte man beispielsweise von einem Gewaltverständnis wie es Galtung (1971, vgl. Kapi­tel 0) vorschlägt, und das als Kriterium eines Gewaltvorfalls die Verletzung von Be­dürfnissen vorsieht ausgehen, so beinhaltete die gemeinsame Untersuchung z.B. links- und rechtsorientierter Jugendlicher aufgrund phänotypischer Entsprechungen im konkreten Gewaltverhalten, die Gefahr einen Kategorienfehler zu begehen. Steinwürfe auf Wohn­heime von Asylbewerbern mögen andere Bedürfnisse verletzen, als Steinwürfe auf Po­lizeibeamte. Aber auch jenseits sophistischer Überlegungen, könnte man knapp formulie­ren, daß allein meine Unsicherheit darüber, was ich unter Gewalt zu verstehen hätte, für die Be­schränkung auf ein enges Untersuchungsfeld spricht. Ein Zulernen über die Funk­tion von Gewalt, verspricht auch einen Wissenszuwachs über Gewalt selbst und dieser müßte sich schon eingefunden haben, damit ich Aussagen über die Funktion von Gewalt bei Jugendlichen im allgemeinen treffen könnte. Wegen dieser mangelhaften Einsicht in das Gewaltge­schehen, soll die Untersuchung darüber hinaus nur mit männlichen Jugendli­chen durchgeführt werden. Eine Kontrastbildung soll durch den Vergleich der Einzelfälle gewährleistet sein.

In Kapitel 0 wird die Methode, nach der sich die Untersuchung ausrichtet, knapp umris­sen. Das Vorgehen beinhaltet die Auswertung qualitativer, verbaler Daten. Die Bevorzu­gung einer qualitativen Herangehensweise sollte nicht vornehmlich in ihrer (ohnehin frag­lichen) Prakti­kabilität gesucht werden, sondern darin, daß die Zielstellung der Untersu­chung, „deutungs- und handlungsgenerierende Tiefen­strukturen“ (Lüders & Reichertz, 1986, S.92, zit. nach Flick, 1991) offenzulegen, mit einer hypothesentestenden, quantitati­ven Me­thode, mir schlichtweg nicht möglich erschien.

In Kapitel 0 versuche ich, einige Schwierigkeiten, die mit den Begriffen Aggression, Ge­walt und Ausländerfeindlichkeit gegeben sind, darzustellen.

Kapitel 0 hat die Darstellung verschiedener Aggressionstheorien zum Inhalt, die ich mir im Rahmen des methodisch geleiteten Vorgehens, als die theoretische Ressource der Psy­cholo­gie zum Thema vergegenwärtigt habe. Sie dokumentieren mein Vorwissen, auf das ich, wenn es angezeigt ist, zurückgreifen werde.

Kapitel 0 beinhaltet das Kernstück der Arbeit. Hier werden fünf Gespräche, die ich mit rechtsorientierten Jugendlichen geführt habe, mit qualitativen Methoden ausgewertet. Die Textdaten werden „aufgebrochen“ und die latenten Sinnzusammenhänge salient gemacht. Aus einem „genauen Hinhören“ - „was hat er jetzt eigentlich gesagt?!“ - soll ein sehr genaues Hinhören werden - mit den Augen.

Mit den Ergebnissen dieser Auswertungen wird in Kapitel 0 ein Modell formuliert, das die besonders relevanten, aus den Daten entwickelten Konzepte, integrieren soll.

Dieses in den Daten gegründete, gegenstandsverankerte Modell, werde ich dann abschlie­ßend in Kapitel 0 diskutieren.

1. Methode

Das gesamte methodische Vorgehen in dieser Arbeit, ausgehend von der Vorbereitung, bis zur Niederschrift der Ergebnisse, richtet sich nach den Empfehlungen der Grounded Theory (Glaser & Strauss, 1967; Strauss, 1991). Diese Methode kann an dieser Stelle nicht umfas­send wiedergegeben werden. Es werden jedoch die wichtigsten Prinzipien genannt und zu­gleich mit meinem konkreten Vorgehen dargestellt. Ziel der Grounded Theory ist, mittels einer qualitativ orientierten Untersuchung eines sozialen Handlungsfeldes, eine Theorie oder ein Modell über dieses zu generieren. Wiedemann (1991) unterscheidet zwi­schen formalen und gegenstandsbezogenen Theorien. Gegenstandsbezogene Theorien „sind eng auf ein be­stimmtes Gegenstands- bzw. Analysefeld bezogen, wie z.B. die Ent­stehung und Aufrechter­haltung des Alkoholismus, der Automatenspielsucht oder der Ar­beitssucht. Erst wenn meh­rere solcher gegenstandsbezogener Theorien vorliegen, kann eine formale Theorie entwickelt werden, die übergreifend allgemeine Bedingungen der Entstehung und Aufrechterhaltung von Süchten angibt“ (S. 440 ff). Der Erkenntniszuge­winn soll nicht auf dem Wege erfolgen, daß eine dem interessierenden Phänomen vorweg übergestülpte Theorie hypothesentestend veri­fiziert werden soll. In gerade gegensätzlicher Weise wird bei einem Vorgehen gemäß der Grounded Theory, das interessierende Phäno­men zunächst sehr genau „unter die Lupe ge­nommen“. Es werden vorläufige, erklärende Konzepte entworfen, welche wiederum die Da­tenerhebung theoretisch leiten sollen (theoretical sampling). Die im Kopf des Forschers entstehende Theorie soll gegen­standsverankert sein. Die theoriegeleitete Auswahl von Un­tersuchungsfällen mußte von mir notgedrungen vernachlässigt werden. Die Interviews wur­den zunächst, eines nach dem anderen, eingehend ausgewertet. Diese Auswertungsarbeit dauerte für jedes einzelne In­terview relativ lange (mindestens sechs Wochen) und nach jedem Auswertungsschritt von Neuem ins Feld einzusteigen, hätte jedes erdenkliche Zeitlimit über­schritten. Das Sätti­gungsprinzip, welches besagt, daß die Erhebung weiterer Daten dann abgeschlossen ist, wenn eine weitgehende Übertragbarkeit der im Forschungsprozeß ent­wickelten Theorie auf andere Fälle gewährleistet ist, konnte folgerichtig auch nicht be­rück­sichtigt werden. Das in Kapitel 0 vorgestellte Modell sieht dennoch eine weitreichende Über­tragbarkeit vor. Ich habe mich bemüht, durch eine sehr nah an den Daten bleibende Ar­gumen­tation, die Gegenstandsverankerung des vorgeschlagenen Modells zu gewährleisten.

1.1 Vorbereitung der Untersuchung

Der Forscher soll ohne feststehende Hypothesen „ins Feld einsteigen“. Sein Fachwissen und sein Alltagswissen über den ihn interessierenden Phänomenbereich, sollte er jedoch reflektie­ren. Die mich für die Phänomene Aggression und Gewalt sensibilisierenden Konzepte, sind die im Zusammenhang mit Gewalt- und Aggressionsforschung in der so­zialwissenschaftlichen Literatur vornehmlich angeführten Theorien. Diese fünf theoreti­schen Ansätze über das Ent­stehen von Aggression werden in Kapitel 0 referiert. In den Teilen der Arbeit, in denen die Auswertung der Daten erfolgt, werden meine Rekonstruk­tion des Gewaltgeschens und Er­kenntnisse über Ag­gression, wie sie in den Theorien for­muliert werden, bei Bedarf in Bezieh­ung zueinander ge­setzt. In Kapitel 0 werden die Theorien im Zusammenhang mit dem Ergebnis der Auswertun­gen diskutiert.

1.2 Datenerhebung

Feldeinstieg

Der geeignete Weg Jugendliche kennenzulernen, die bereit wären ein Gespräch mit mir zu führen, schien mir, ihre Begegnungsstätten aufzusuchen. Ich suchte insgesamt acht Ju­gend­klubs auf und hatte darüber hinaus noch Kontakt - meist nur telefonisch - zu Sozi­alarbeiter­vereinen, in denen mit rechtsorientierten Jugendlichen gearbeitet wurde. Von Sozialarbeitern ließ ich mir Adressen von Gaststätten und Diskotheken nennen, in denen rechtsorientierte Jugendliche sich aufhielten. Die Leiter der Jugendklubs wollten zumeist nicht, daß ich mit ihren Jugendlichen spreche oder, daß ich einen mühsamen Dienstweg auf mich nähme, der sie dazu veranlassen würde, mir Gesprächspartner zu vermitteln. Oft war ich mit dem Unmut über „die Leute von der Universität“ oder über „die Presse“ kon­frontiert, die dann, wenn Ju­gend­gewalt hohe Wellen schlägt, auftauchen, die Jugendlichen für das Material, das sie brau­chen ausbeuteten und dann nie wieder von sich hören ließen.

All diese Kontakte fanden über Monate hinweg statt. In dieser Zeit fuhr ich abends an Wo­chenenden in den Ostteil Berlins und suchte dort die mir bekannten Treffpunkte der Ju­gendli­chen auf. Nicht immer sprach ich dabei Personen an - ein Student, der am Wochen­ende in der Diskothek über Rechtsradikalismus reden möchte, ist nicht immer geeignet die Stimmung zu heben. Wenn ich mit den Jugendlichen redete, wurde mir oft mit Mißtrauen begegnet. Sie zeigten sich nicht selten verschlossen und wendeten sich ab. Einmal wurde ich verdächtigt, ein Spitzel zu sein.

Mir selbst war es, insbesondere am Beginn meiner Besuche im Ostteil Berlins, oft „nicht ge­heuer“. Das lag m.E. einerseits daran, daß ich die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen nicht einzuschätzen wußte und andererseits daran, daß ich mir fremden Menschen, mit einem per­sönlichen Anliegen (ich wollte Interviewpartner finden), das sie zugleich nicht unbeteiligt las­sen konnte, begegnen und mich ihnen damit auch anvertrauen mußte.

Insgesamt führte ich sieben Interviews. Die ersten fünf Gesprächspartner lernte ich bei meinen Besuchen in Ostberlin kennen. Der Kontakt zu den letzten beiden Interviewpart­nern, wurde mir durch eine persönliche Bekanntschaft vermittelt. Näheres zu den Umstän­den der Gesprä­che findet sich im Auswertungsteil (Kapitel 0). Da zur Wahrung des per­sönlichen Daten­schutzes, in dieser Arbeit nicht die richtigen Namen der Jugendlichen wiedergegeben werden, habe ich zur Benennung der Gesprächspartner die Kürzel A bis F verwandt. Zwei Interviews habe ich nicht ausgewertet. Das Gespräch mit B habe ich zwar verschriftet, aber nach einer Globalauswertung (s.u.) keiner weiteren Analyse unterzogen (siehe dazu Abschnitt 0). Das fünfte Gespräch konnte ich weder verschriften noch auswerten, da mein Interviewpartner (E) stark stotterte.

Interview

Die Interviews sollten auf das Verhalten und Erleben der Ju­gendlichen in Gewaltsituatio­nen fokussieren. Erste Gespräche mit Jugendlichen und das Interview mit Gesprächspart­ner A machten mir deutlich, daß ein Reden über Gewalt, ein Re­den über Ausländer mit­bedingte. Um eine einfachere Struktur der Daten schon bei der Da­tenerhebung zu ermögli­chen, entwarf ich einen eigenen Frageblock für die Beziehungen und Ansichten der Ju­gendlichen zu Auslän­dern, den ich an den Anfang des Gesprächs stellte, um so zu errei­chen, daß beim Sprechen über Gewalt vieles über Ausländer schon gesagt wird. Dann sollte um so eingehender über das Thema Gewalt gesprochen werden können. Nachfol­gend ist der Interviewleitfaden in seiner Grobgliederung dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die konkreten Interviewfragen sollten eine narrative Redestruktur befördern, wie sie Schütze (1983) im Zusammenhang biographischer Forschung empfiehlt. Eine fokussierte Herange­hensweise schien mir wegen der aggressiven Aufgeladenheit des Themas und den damit ver­mutlich einhergehenden Mechanismen psychischer Abwehr, unangebracht. Die meisten Fra­gen waren also offen formuliert und sollten zum Erzählen anregen.

Die Aufteilung in einen Themenblock „Gewalt“ und einen Themenblock „Ausländer“ hielt ich auch bei den Auswertungen der Interviews aufrecht. Pro Interview erhielt ich also zwei Aus­wertungseinheiten. In den Auswertungen zu „Ausländern“ fanden sich solche Aspekte, die für das Gewaltgeschehen unmittelbar relevant waren und solche, die Frem­denablehnung und -feindlichkeit in einem allgemeineren Sinn zum Gegenstand hatten. Auf die Darstellung dieser Ergebnisse muß in der vorliegenden Arbeit verzichtet werden.

1.3 Datenauswertung

Alle Gespräche, bis auf das fünfte, wurden verschriftet. Die von Böhm et al. (1992) em­pfoh­lenen Transkriptionsregeln, nach denen ich mich bei der Verschriftung richtete, finden sich im Anhang.

Der erste Schritt in der Analyse der Interviews bestand in der Anfertigung einer Glo­balaus­wertung (Böhm et al., 1992). Diese Methode gehört nicht zu den Instrumentarien der Groun­ded Theory, ist aber für die Gewinnung eines Überblicks über die thematische Struktur, des zunächst verwirrend erscheinenden Textes, nützlich. Der Text wird in The­menblöcke geteilt, ein Inhaltsverzeichnis anhand der Zeilennummern wird erstellt und Ideen, die bei die­ser Arbeit entstehen, werden notiert und ausgearbeitet. Schließlich wird der Text bewertet und die Möglichkeiten eines weiteren Vorgehens werden notizartig fest­gehalten.

Das Herzstück der Grounded Theory stellt das theoretische Kodieren dar. Es unterglie­dert sich dreifach: beim offenen Kodieren werden die Textdaten „aufgebrochen“, um zu zunächst noch unbekannten Phänomenen, deren Beschreibung in der Formulierung von Konzepten münden soll, vorzustoßen. Das Werkzeug zum „Aufbrechen“ des Textes war bei meiner Vorgehensweise in erster Linie die Feinanalyse. Sie bezeichnet ein Vorgehen, bei dem grö­ßere Texteinheiten als Analyseeinheiten ausgewählt und segmentiert (d.h. in Bruchstücke zerlegt) werden. Den Segmenten werden Kodes zugeordnet und zugleich wird der Text be­fragt, um ein Phänomen hervortreten zu lassen. Es werden „W-Fragen“ an den Text gerichtet (zitiert nach Böhm et al., 1992, S. 36):

- Was? Worum geht es hier? Welches Phänomen wird angesprochen?
- Wer? Welche Personen, Akteure sind beteiligt? Welche Rollen spielen sie dabei? Wie interagieren sie?
- Wie? Welche Aspekte des Phänomens werden angesprochen (oder nicht angespro­chen)?
- Wann? Wie lange? Wo? Zeit, Verlauf und Ort.
- Wieviel? Wie stark? Intensivitätsaspekte.
- Warum? Welche Begründungen werden gegeben oder lassen sich erschließen?
- Wozu? In welcher Absicht, zu welchem Zweck?
- Womit? Mittel, Taktiken und Strategien zum Erreichen des Ziels.

Für die meisten W-Fragen ergibt sich eine doppelte Antwort: zum einen im Text gemeinte Sinnzusammenhänge und zum anderen vom Interpreten aufgrund seines Hintergrundwis­sens vermutete oder erschlossene Sinnzusammenhänge (vgl. Böhm et al., S. 36 ff). Die Ergebnisse dieses Vorgehens werden in Notizen zum Text, in Memos, oder in Anmerkun­gen zum Kode, in Kodenotizen, festgehalten. Da meine Fragestellung letztlich eine Voran­nahme über eine vermutete, systematische Selbsttäuschung meiner Interviewpartner ein­schloß, lag der (zeitintensive) Fokus meiner Auswertungen beim offenen Kodieren.

Die rekonstruierten Sinnzusammenhänge sollen gegenstandsverankert sein. Das heißt, es gilt Schlußfolgerungen über das Erleben und Verhalten der Akteure aus dem Text heraus argu­mentativ zu belegen. Dabei ist es wünschenswert, um eine Nachvollziehbarkeit der Argumen­tation zu gewährleisten, daß diese möglichst alltagssprachlich und nicht in einer Theoriespra­che verfaßt ist. Eine theoretische Unterscheidung, die von bewußt / unbewußt, wie sie Freud (1946 [1915e]) formulierte, hat sich im Laufe der Auswertung jedoch als notwendig erwie­sen. Dabei habe ich mich bemüht, die Feststellung über ein unbewußtes, psychisches Gesche­hen nicht als Hilfskonstruktion zu verwenden, die dann „angebracht“ wäre, wenn die Textda­ten „nicht genug hergeben“, um somit die Lücke zwischen zwei Beobachtungen zu schließen, sondern ich habe umgekehrt versucht, ein Geschehen nur dann als unbewußt zu bezeichnen, wenn in den Daten ersichtlich wurde, daß es ein solches sein muß. Sehr knapp, kann man das Unbewußte bei Freud als ein Subsystem des mehr­fach untergliederten psychischen Apparats beschreiben, das von verdrängten Inhalten ge­bildet wird. Diese Inhalte versuchen, da sie mit Triebenergie besetzt sind, in das Bewußt­sein und in die Aktion des Individuums zu gelangen (Triebimpulse).

Beim axialen Kodieren werden die durch das offene Kodieren gewonnenen Kodes und Memos geordnet, zusammengefaßt und bewertet, und ein sich ergebender theoretischer Kode (Kategorie) wird in den Mittelpunkt der Analyse gestellt. Weitere Kategorien wer­den in ihren Beziehungen zu dieser Achsenkategorie und in ihren Beziehungen unterein­ander ausgearbei­tet. Diese Beziehungen werden in ihrer Qualität bewertet (kausale, funk­tionale, motivationale Beziehungen usw.). Günstigerweise schälen sich Konzepte über den untersuchten Gegen­standsbereich heraus. Bei dieser Arbeit hat es sich als hilfreich erwie­sen, mich am Kodierpa­radigma von Strauss (1991) zu orientieren. Er empfiehlt ein Phä­nomen hinsichtlich seiner ursächlichen Bedingungen, seines Kontextes, seiner Konse­quenzen und Strategien zu unter­suchen (siehe Abbildung 0-1). Eine klare Abgrenzung in der Zuordnung der Kodes zu einem der fünf Bereiche kann dabei schwierig sein; das Mo­dell ist aber von gutem heuristischen Nutzen. Bei vielen Kodes ermöglicht die graphische Darstellung ihrer Interdependenzen eine Übersicht, die allzuleicht verloren gehen kann. Dem der nicht „in der Materie steckt“, mag so eine Veranschaulichung vielleicht eher verwirren, weshalb ich auf eine Darstellung von Be­griffsnetzen verzichte.

Beim dritten Auswertungsschritt gemäß der Grounded Theory, dem selektiven Kodieren, verringert sich die Arbeit an Primärtexten. Die Ergebnisse des axialen Ko­dierens werden auf einer konzeptuellen Ebene integriert. Dabei wird eine zentrale Kernkategorie benannt. Zu dieser kann eine der bereits vorhandenen Achsenkategorien werden oder es wird ein Phäno­men in den Mittelpunkt gestellt, auf das sich mehrere Achsenkategorien beziehen. Weniger relevante Konzepte werden beim selektiven Kodieren herausgefiltert. Mit der For­mulierung einer Theorie oder eines Modells, das die relevanten Konzepte bezüglich des Phä­nomens in einen Zusammenhang setzt, ist der Forschungsprozeß abgeschlossen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Alle Auswertungsarbeiten wurden computerunterstützt durchgeführt. Die verwandte Soft­ware war Atlas/ti[1].

2. Die Begriffe Aggression, Gewalt, Ausländerfeindlichkeit

Sowohl Aggression, wie Gewalt, sind keine wissenschaftlich eindeutig definierten Be­griffe. Im folgenden will ich versuchen, einen knappen Aufriß des Problems zu geben, diese Begriffe ein­deutig verstehen zu wollen. Darüber hinaus möchte ich mein Verständ­nis dieser Be­griffe skizzieren. In Kapitel 0 werden die fünf prominenten theoretischen Ansätze, die Erklä­rungen für die Phänomene Aggression und Gewalt vorschlagen, darge­stellt. Ein wei­terer „schwieriger“ Begriff ist der der Ausländerfeindlichkeit, auf den ich kurz eingehen werde.

Aggression

Der Begriff Aggression hat sehr viele, unterschiedliche Definitionen erfahren (vgl. Selg, 1974). Das damit bezeichnete Phänomen ist jedoch so vielgestaltig, daß keine dieser De­fini­tionen, den verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven genügen konnte. Auch die in den meisten Ansätzen und Denktraditionen getroffenen Definitionen gemeinsame Be­dingung, einer (intendierten) Schädigung durch aggressives Verhalten, wird in anderen Ansätzen, z.B. der psychoanalytischen Theorie (vgl. Kapitel 0), nicht geteilt. Freud (1972 [1905]) sieht ag­gressives Erleben und Verhalten im Zusammenhang mit sexueller Befriedigung. Selg (1992) beschreibt mehrere Dimensionen, die anschaulich machen, daß eine simple Vorstellung über Aggression kaum möglich ist. Er unterscheidet affekt-beglei­tete und instrumentelle Ag­gres­sion, Selbst- und Fremdaggression, verbale und körperliche Aggression, reaktive Ag­gression und Aggression auf Befehl und noch einige Dimensionen mehr. Als bedeutenden Unterschied zwischen den verschiedenen Definitionen für das Phänomen, nennt Selg (1974) die Einbe­ziehung oder den Verzicht auf das Vorhandensein einer Intention bei der Ausfüh­rung aggres­siven Verhaltens. Die meisten Aggressionsde­finitionen beziehen die Absicht, mit der Aggres­sionshandlung zu schädigen, mit ein. Im Alltagsverständnis scheint das zunächst auch durch­aus plausibel, in der zumeist lerntheo­retisch orientierten Aggressionsforschung, ist die An­nahme einer (nicht-beobachtbaren) Absicht allerdings keine Selbstverständlichkeit.

Nolting (1981) versteht Aggression als „Handlungen, die aktiv und zielgerichtet andere Men­schen oder Sachen schädigen“ und unterscheidet im weiteren, indem er die nur be­schreibende Ebene verläßt, entsprechend ihrer Motivation, drei grundlegende Arten von Aggression (S. 45):

- Instrumentelle Aggression: Primär von erwarteten nützlichen Effekten bestimmt, die jenseits von Schädigungen und Schmerz liegen (Vorteile, Abwehr u. dgl.).
- Ärger-Aggression (expressive Aggression): Primär von Affekten bestimmt, die durch vorangehende Frustrationen aktiviert werden; Variationen von relativ ungerichteter Un­mut­äußerungen bis zu Vergeltung als gezielter Leidzufügung.
- Verselbständigte (eigenständig-spontane) Aggression: Nicht reaktiv, sondern „spontan“ als Selbstzweck „gesuchte“ Aggression aus persönlicher Neigung zur Schä­di­gung und Schmerzzufügung (von Kampflust bis Grausamkeit).

Die Übernahme einer in der Literatur vorgeschlagenen Definitionen erscheint mir unange­bracht. Mit Aggression ist im Alltagsverständnis zumeist ein tatsächlich schädigendes Verhal­ten, oder zumindest die Überschreitung einer Grenze (persönlich, rechtlich, psy­chisch usw.) gegenüber Dritten angezeigt, in bestimmten anderen Fällen aber nicht (z.B. bei einem aggres­siven, verbalen Ausdruck über eine abwesende Person). Andererseits erscheint eine Defini­tion, die mit Aggression eine Aktivität bezeichnet, die geeignet ist ein energetisches Potential zu reduzieren (vgl. Hartmann et al., 1949) für eine Arbeit und ei­nen Verfasser mit den gege­benen engen theoretischen Voraussetzungen als wenig zuge­winnsträchtig. Für die Zwecke dieser Untersuchung erscheint es mir, statt mich einer der vielen Definitionen zu verpflichten, eher fruchtbar die verschiedenen Facetten des Be­griffs, wie sie bereits angedeutet wurden, auf mich wirken zu lassen und darüber hinaus den Alltagsgebrauch des Wortes auf seine Exakt­heit hin zu prüfen.

Insbesondere den Umstand, daß mit Aggression sowohl Aggressionsverhalten, wie Ag­gres­sionserleben angesprochen sein kann, finde ich für eine klare Verständigung proble­matisch. Beim Reden über Aggression ist es den Redeteilnehmern in der Regel intuitiv einsichtig, wel­cher von beiden Aspekten damit bedeutet ist. In wissenschaftlichen Unter­suchungen kann solch ein Einverständnis zu Verständnisproblemen - oder zu einem Aus­bleiben angezeigter Verständnisprobleme - führen. Bei den Interviewauswertungen werde ich mich in kritischen Fällen um Eindeutigkeit bemühen.

Weiterhin kann mit „Aggression“ die aggressive Gestimmtheit oder die Aggressionslust eines Akteurs bedeutet werden. Und bei diesem Begriff wiederum ist nicht deutlich, ob er Lust auf aggressives Verhalten / Erleben meint oder Lust bei aggressivem Verhalten / Er­leben.

Gewalt

Die die Literatur beherrschende Definition von Gewalt stammt von Galtung: „Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflußt werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung“ (1971, S. 57). Das sozio­logi­sche Konzept, in das sie eingebettet ist, wird in Kapitel 0 beschrieben. Nolting nennt eine eher literarische Variante dieser Auffassung: sofern man Gewalt nicht nur als physi­sche An­griffe versteht, sollten darunter all jene Bedingungen begriffen werden, die nicht Frieden sind (1981, S. 19 ff). Gerade in letzterer Sichtweise wird die Schwäche dieser Gewaltauffassung deutlich; es wird sich kaum ein einhelliges und positiv definiertes Ver­ständnis dafür, was Frie­den ist, finden lassen (vgl. auch die Kritik von Narr, S. 27).

Auch im Alltagsgebrauch ist der Begriff keineswegs festgelegt. Im Unterschied zu Ag­gression jedoch, ist bei ihm eine negative Konnotation - wenn man nicht metaphysisch verstandene Gewalt oder Naturgewalt im Sinn hat - in jedem Fall mitgegeben. Ein gewalt­tätig Handelnder ist in seinem Tun tendenziell unmoralisch und muß nötigenfalls Legiti­mationen vorweisen können. Damit ist auch gegeben, daß Gewalt immer auch ein politi­scher Begriff ist. Die Etti­kettierung von Handlungen oder sozial-strukturellen Zusammen­hängen als Gewalt, kann in Auseinandersetzungen als Machtmittel dienen. Konfliktgeg­nern wird die Rechtmäßigkeit ihres Verhaltens abgesprochen, indem es als verwerfliches Gewalthandeln klassifiziert wird. Nol­ting (1981) zitiert eine amerikanische Studie von Blumenthal et al. (1972), in der das Ver­brennen des Musterungsbefehls nur von 35% der befragten Akademiker, aber von 74% der befragten „Weißen mit Furcht vor Diskriminie­rung“, als Gewalt bezeichnet wurde.

Auffällig an dem Begriff der Gewalt ist, daß er im Unterschied zu dem der Aggression nur zur Bezeichnung menschlichen Verhaltens und Erlebens herangezogen und eben nicht zur Be­schreibung tierischen Lebens verwandt wird. Gewalt setzt offensichtlich die Möglich­keiten dysfunktionaler Interaktion voraus, die das Vorzugsrecht des vergesellschafteten Menschen sind. Solche Mechanismen müssen aber nicht nur Gegenstand der Soziologie sein. In einem Blickwinkel, der Gewalt „als ein Merkmal sozialer Situationen, d.h. ge­nauer als eine be­stimmte Form der Interaktion, des wechselseitigen Handelns und Inter­pretierens, zwischen Menschen und zwischen sozialen Gruppen“ (Willems, 1993) er­scheinen läßt, erscheint Selgs (1974) Feststellung, daß es fraglich sei, ob „die Psychologie diesen Begriff sinnvoll aufgreifen kann“ (S. 19), ungerechtfertigt. Zudem ist die Frage denkbar, welche psychischen Mechanis­men des Individuums, die Aufrechterhaltung ge­waltdeterminierter Interaktionsformen beför­dern.

[...]


[1] Das Programm wurde mir freundlicherweise von Thomas Muhr, Berlin zur Verfügung gestellt.

Details

Seiten
96
Jahr
1995
ISBN (eBook)
9783638156998
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8831
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Institut für Psychologie
Note
2
Schlagworte
Aggression Gewalt

Autor

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Titel: Gewalt bei rechtsorientierten Jugendlichen