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Gewalt hat kein Geschlecht

Männer als Gewaltbetroffene im Kontext von häuslicher Gewalt

Hausarbeit 2008 30 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Einleitung

1. Was ist Gewalt?
1.1 Physische (körperliche) Gewalt
1.2 Psychische, verbale und gestische Gewalt
1.3 Sexualisierte Gewalt
1.4 Strukturelle (systembezogene) Gewalt
1.5 Gewalterfahrung versus Gewaltwiderfahrnis

2. Häusliche Gewalt = männliche Gewalt?
2.1 Erklärungsversuche der Zuschreibung von männlicher Gewalt in heterosexuellen Paarbeziehungen
2.2 Die Interaktion von häuslicher Gewalt

3. Erkenntnisse sowie Chancen und Grenzen der Pilotstudie „Gewalt gegen Männer“ unter konstruktiv-kritischen Gesichtspunkten
3.1 Aufbaudesign der Pilotstudie
3.2 Gewaltfeld: „Gewalt in Lebensgemeinschaften“
3.3 Methodische Vorbehalte hinsichtlich der Nicht-Repräsentativität der Pilotstudie
3.4 Kritische Gesichtspunkte aus Sicht der Pilotstudie
3.5 Kritische Gesichtspunkte aus eigener Sicht

4. Hilfesystem und Prävention
4.1 Das notwendige Hilfesystem für „Gewalt gegen Männer“
4.2 Individuelle und strukturelle Prävention von Gewalt

5. Fazit

Einleitung

In der Öffentlichkeit ist häusliche Gewalt eine männliche Domäne. Die konträre Vorstellung, dass die Frau den Mann schlägt und dieser sich nicht einmal wehrt, erscheint unglaubwürdig bis undenkbar und wird „ unter einer Glocke des Schweigens versteckt “.[1] Dieses Szenario kann nur, wenn überhaupt, als die Ausnahme der Ausnahme akzeptiert werden. Doch, dass es keine Ausnahme zu sein scheint, zeigen die kontrovers zu diskutierenden Hell- und Dunkelfeldwerte in diesem Bereich. Zur Untermauerung dieser Diskussion werden zwei Beispiele aus jeweils einer Hell- und Dunkelfeldstudie aus der Schweiz und Österreich aufgeführt. Die Statistik für das Jahr 2005 weist im Kanton Zürich bei den Hellfeldzahlen einen Anteil von 22% männlicher Opfern von häuslicher Gewalt aus.[2] Die Gesamtzahl der ermittelten Fälle ist in der Regel höher, weil die Dunkelfeldzahlen nicht in der Statistik auftauchen. Bei den Dunkelfeldstudien[3] stellt das österreichische Bundesministerium in der Zusammenfassung des Gewaltberichtes 2001 resümierend fest, „ dass die meisten empirischen Untersuchungen insgesamt ungefähr gleich große Raten der Gewaltanwendung von Frauen und Männern in Lebensgemeinschaften und bei nicht zusammenlebenden Paaren nachweisen.“[4] Demzufolge sind die Schätzungen der Dunkelfeldstudien bis zu 50% Frauengewalt in heterosexuellen Beziehungen. Die Studien zu Gewalt gegen Männer unterscheiden sich in der Fragestellung, in der Methodik aber auch in der Frage wie stark sie das Dunkelfeld mit einbeziehen und welche Samplingmethode verwendet wird. Für eine ganzheitliche Erfassung müssen die kognitiven Filtermethoden umgangen werden. Psychologische Faktoren (Angst, Scham…), aber auch Verdrängungs- und Kontrollmechanismen, soziale Repräsentationen von Gewalt (wie schätzt der Gewaltbetroffene das Erlebte ein?), internalisierte Normen und Werte müssen bei der Befragung durch eine besondere Atmosphäre des Verständnisses und der Zusicherung von Anonymität so breit wie möglich ausgeschaltet werden.

Vielfältige, jedoch kritisch zu hinterfragenden wissenschaftlichen Forschungsberichte, internationale Studien[5] sowie kriminologische, soziologische, psychologische und medizinische Vergleiche in den jeweiligen Fachzeitschriften und ganz aktuell die Pilotstudie des außeruniversitären Forschungsverbundes „ Gewalt gegen Männer[6], geleitetet von Ludger Jungnitz, Hans-Joachim Lenz u.a. Projektbeteiligten zeugen, unabhängig des Ausmaßes, von der Existenz dieses Phänomens im häuslichen Bereich. Die Pilotstudie[7] wurde vom Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im Jahre 2001 in Auftrag gegeben und die Ergebnisse in dem Buch „ Gewalt gegen Männer “ 2007 veröffentlicht. Selbst die Forscher der Pilotstudie wiesen schon in den ersten Zeilen ihrer Einleitung darauf hin, dass, wenn gegenüber Außenstehenden erwähnt wurde, dass diese Pilotstudie zu Frauengewalt stattfindet, diese sich immer nochmals vergewisserten, ob sie auch richtig gehört hätten.[8] Der Kriminologe Prof. Dr. Michael Bock äußerte sich in der Sendung Kontraste wie folgt: „ Die menschliche Aggressivität ist nicht geschlechtsspezifisch und die Frage der Körperkraft spielt eine höchst untergeordnete Rolle, wenn man die Schwächen des Partners kennt, dann ist es überhaupt kein ins Gewicht fallender Faktor.“[9] In der Öffentlichkeit und sogar von ExpertInnen[10] kann dieser Sachverhalt kaum nachvollzogen werden.

In dieser Arbeit wird die Gewalt nur im Kontext von heterosexuellen Beziehungen dargestellt. Trotz des persönlichen Bewusstseins dieses Tabu-Themas in der Öffentlichkeit und der eigenen soziokulturellen Erfahrung (meine Großmutter hat meinem Großvater des Öfteren in meinem Beisein geschubst und geschlagen, ohne dass er sich wehrte!) wurde ich bei meiner Recherche von der Literatur, den Zahlen und Statistiken überrascht. Es ist als positiv zu bezeichnen, dass es diese Ergebnisse der Pilotstudie in Deutschland gibt und äußerst erstaunlich, dass sie mehr darstellen, als die Ausnahme einer Ausnahme. Niemals hätte ich vermutet, dass die vorgefundenen Zahlen, wenn sie nur annähernd stimmen, in solche Höhen steigen. Bei der Recherche zu diesem Thema wurde im Vorfeld Kontakt zu verschiedenen ExpertInnen in diesem Bereich aufgenommen, mitunter zu Helmut Wilde, Dipl. Psychologe und 1. Vorsitzender des Männerbüros „ Talisman[11] in Trier, zu SozialarbeiterInnen von Beratungsstellen, zu Frau Birgit Meyer, der Gleichstellungsbeauftragte der Hochschule Esslingen und zu Hans-Joachim Lenz, Diplom-Soziologe, Männerforscher und Mitglied des Forschungsverbundes der Pilotstudie. Er unterstützte mit partiellen Empfehlungen[12] diese Arbeit, die das Ziel hat, dieses Thema zu enttabuisieren, um betroffene Männer zu ermutigen, gegen das Widerfahrene vorzugehen. Die/der Gewaltbetroffene, ob Frau oder Mann, muss erkennen, dass es grundsätzlich Unrecht ist, wenn Frau oder Mann durch Anwendung unterschiedlichster Gewaltformen physisch, psychisch oder sexualisiert verletzt wird. Oft fühlen sich die Betroffenen noch schuldig und suchen die Verantwortung des Widerfahrenen bei sich selbst.[13] Dieses Unrecht verstößt gegen das Recht auf Unversehrtheit des Körpers und somit gegen eines der wichtigsten Grund- und Menschenrechte.

Die Fragestellung ist, die Ursachen zu klären, warum Frauengewalt in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wird. Was muss eintreten, um bei diesem Thema zu einem Paradigmenwechsel zu kommen? Wie könnte ein neues Geschlechtersystem aussehen, wenn das patriarchalische, geschlechterstereotype System als Initialzündung von Gewalt enttarnt ist? Wenn enttarnt wird, dass auch Männer unter der „ geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung und mithin unter dem (modernisierten) Patriarchat leiden, dass ihnen die Möglichkeit der psychosozialen Entfaltung verwehrt sind[14], könnte dann von ihnen selbst eine neue Denkgrundlage ausgehen? Würde das neue Geschlechtersystem aufhören mit zweierlei Maß zu messen, weil anerkannt wird, dass Frau und Mann in gleicher Weise verletzlich ist? Wenn einer Frau Gewalt widerfährt, insbesondere brutale Gewalt, so ist das zutiefst verachtenswert. Das vorhandene Hilfesystem muss so schnell wie möglich greifen, um diese Frau aufzufangen. Aber - ist es nicht genauso verachtenswert und furchtbar, wenn Männern diese Gewalt widerfährt? In unserem Geschlechtersystem gelten Männer als unverletzlich, stark und beschützerisch. Gahleitner und Lenz stellen den normierten deutschen Mann als Konstrukt einer idealen Männlichkeit vor. Dieser muss demnach „ heterosexuell, verheiratet mit Kindern, gesund, (tat-)kräftig, mittleren Alters, deutscher Pass“ und „erwerbstätig[15] sein Sie weisen darauf hin, dass dieser Idealmann nicht in seiner Widersprüchlichkeit, Bedürftigkeit und Verletzlichkeit gesehen wird. „ In männlichkeitsdominierten Verhältnissen, wird Männlichkeit und Verletzlichkeit als Paradoxie wahrgenommen, als nicht miteinander vereinbar.“[16] Männer werden dazu erzogen, erlittenen Schmerz hinzunehmen und sich bloß nicht „mädchenhaft“ anzustellen. Durch die vorhandenen Rollen-konstruktionen wird die Tatsache von gewaltbereiten Frauen in einer Paarbeziehung von der Öffentlichkeit übersehen und verdrängt, als wäre sie nicht existent. Selbst wenn die betroffenen Männer ihre Scham überwinden und sich als Gewaltbetroffene outen, wird ihnen meist nicht geglaubt. Der Gewaltakt wird bagatellisiert bis verniedlicht, weil „Mann“ sich ja wehren kann. Im Gegenzug dazu wird, durch den ausgeübten Druck der Frauenbewegung, den Frauen inzwischen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit geglaubt. In der Pilotstudie wird von einem Fall berichtet, in der Polizei und Nachbarn bei einem Mann, dem Gewalt widerfahren ist, ganz selbstverständlich davon ausgegangen sind, dass der Mann der Täter sei.[17]

In einem ersten Schritt wird die Definition von Gewalt in ihren unterschiedlichsten Gewaltformen dargestellt. Besonders die sexualisierte Gewalt wird in der Pilotstudie unter dem Aspekt der physischen und psychischen Verletzung der Persönlichkeit hervorgehoben. Nachdem im Unterkapitel „ Gewalterfahrung versus Gewaltwiderfahrnis “ zunächst die Definition der personaler Gewalt aus der Pilotstudie aufgegriffen wurde, wird die Notwendigkeit einer neuen Gewaltsprache diskutiert, die von den Forschern der Pilotstudie eingefordert wird. Aus diesem Hintergrund heraus wird der Opferbegriff in dieser Arbeit konsequent mit „ Gewaltbetroffene/r“[18] umgesetzt. Die Gründe hierfür werden in dem o.g. Kapitel erläutert. Für den Begriff der Täterin/des Täters konnte noch kein adäquater Ersatz in der Literatur gefunden werden. Er wird, wann immer möglich, mit dem Begriff der/des „Gewaltausübende/n“ oder der „gewaltausübenden Person“ versehen.

Im Kapitel „ Häusliche Gewalt = männliche Gewalt? “ werden Resonanzen von ExpertInnen bei der Konfrontation mit der Pilotstudie und dem Zahlenmaterial kurz skizziert. Diese zeigen Tendenzen auf, wieweit in der Gesellschaft dieses Phänomen als soziales Problem identifiziert wird. Danach werden Erklärungsversuche der männlichen Gewaltzuschreibung in Paarbeziehungen unternommen. Des Weiteren wird auf die Interaktion von Gewalthandlungen Bezug genommen. Welche Mechanismen führen zu Gewalt in einer Beziehung?

Im Anschluss werden anhand einer kurzen Übersicht der Aufbau der Pilotstudie ihre Erkenntnisse sowie die enthaltenen Chancen und Grenzen im Kontext von Lebensgemeinschaften vorgestellt. Anschließend werden knapp die methodischen Vorbehalte in Bezug auf die Nicht-Repräsentativität der Pilotstudie diskutiert. Anschließend werden die von ihr selbst identifizierten Kritikpunkte und die eigenen Kritikpunkte gesondert dargestellt, die als Anregung für weitere Studien dienen könnten. Meine ersten zwei Kritikpunkte sollen als Ergänzung zu den schon identifizierten Kritikpunkten der Pilotstudie verstanden werden.

Im Kapitel „ Hilfesystem und Prävention “ wird das notwendige Hilfesystem für gewaltbetroffene Männer hingewiesen, um für diese Unterstützung zu aktivieren und zu gewährleisten. Es werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie es gelingen kann, das Hilfesystem trotz hoher Schamschwelle in Anspruch zu nehmen. Die Prävention von Gewalt wird in „ individuelle und strukturelle Prävention “ gerafft dargestellt, wobei der Schwerpunkt beim Letzteren liegt.

Im Fazit werden die gewonnen Erkenntnisse und die Erkenntnisse der Pilotstudie nochmals kompakt dargestellt und Überlegungen angestellt, wie das Thema den Paradigmenwechsel von tabuisiert zu enttabuisiert schaffen kann. Die Fragestellung, wie eine neue Denkgrundlage in diesem Bereich entstehen und wie die Stereotypie aufgelöst werden könnte, soll im Anschluss nochmals konkretisiert werden. Da Partnergewalt auch weiblich sein kann, soll diese noch paradoxe Vorstellung von Frauengewalt im häuslichen Bereich in eine Art von Vorstellungsnormalität münden. Somit könnte die Hemmschwelle der Männer sinken, das Widerfahrene eher zuzugeben. Derzeit scheint es noch unglaubwürdig, dass z.B. ein Mann mit 1,90 Meter Größe von einer 1,65 Meter großen Frau verprügelt werden kann. Diese Vorstellung ist keine humoristische Inszenierung, sondern eine häusliche Realität, die in den Erfahrungsberichten[19] festgehalten ist. Wilde berichtete von einem Mann, welcher den schwarzen Gürtel in Teak-Won-Do besitze und dennoch regelmäßig von seiner Frau geschlagen worden sei.[20] Dieses Wegsehen sei der blinde Fleck einer noch patriarchalischen Gesellschaft. Wie kann dieser der Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden, damit ein neues Denken einsetzt und damit sozialpolitisch in diesem Bereich endlich re -agiert wird?

1. Was ist Gewalt?

Was ist Gewalt? Wo fängt Gewalt an? Wo hört sie auf? Die etymologische Bedeutung des Wortes Gewalt impliziert die Wörter „ verwalten “ und „ waltan “, welche von „ Verwaltung “, „ stark sein und beherrschen “ abgeleitet werden können. Werden die lateinischen Bedeutungen „ potentia, “ „ vis “ und „ violentia “ berücksichtigt, so wird Gewalt mit Macht, Herrschaft, Kraft und Stärke gleichgesetzt. Macht und Herrschaft allein sind noch nicht negativ, wenn sie positiv „verwaltet“ werden. Wenn jemand dagegen durch unrechtmäßiges Vorgehen zu Macht gelangt, dann ist dieses Vorgehen ein Gewaltakt. „ Vis “ bedeutet physische Kraft, während „ violentia “ für die eingesetzte Kraft gegen andere steht, um diese zu bezwingen, bzw. um dem Unterlegeneren, der weniger Kraft hat, den eigenen Willen aufzuzwingen. [21]

Die Gewaltdefinitionen sind mehrdeutig, ergänzungswürdig und zum Teil auch kontrovers. Viele Definitionen von Gewalt sehen diese ausschließlich in der direkten, verletzenden Handlung gegenüber einem oder mehreren Menschen. Heitmeyer und Schröttle zitieren in ihrem Buch „ Gewalt “ die Gewaltdefinition aus der „ Unabhängigen Regierungskommission zur Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt “, als die „ zielgerichtete, direkte physische Schädigung von Menschen durch Menschen.“[22] Diese und andere Definitionen greifen zu kurz, weil sie die Vielfalt und die Schwere von verbalen und psychischen Verletzungen übergehen. Wie und wann etwas gesagt wird, ist ein zusätzlich relevanter Faktor von Gewalt. Sie beruht nicht nur auf einem einzigen Faktor. Gewalt hat immer multiperspektivische Ursachen, die an dieser Stelle nicht näher erläutert werden. Nachfolgend wird für einen erweiterten Gewaltbegriff plädiert, der alle Formen, die nachfolgend dargestellt werden, impliziert.

1.1 Physische (körperliche) Gewalt

Diese Form von Gewalt ist am ehesten zu fassen, da die Auswirkungen für Außenstehende sichtbar sind. Die physische Gewalt kann in leichte, mittelschwere und schwere Gewalt unterteilt werden. Sie kann zu Verletzungen, Schädigungen und Behinderungen des Körpers und im äußersten Fall, bei gravierenden Misshandlungen, zum Tode führen. Die Verletzungen werden absichtlich zugefügt, um den Willen der/des Gewaltausübenden dem Gegenüber aufzuzwingen. Werden Verletzungen unabsichtlich oder fahrlässig zugefügt, kann nicht von einer Gewalthandlung gesprochen werden, da diese intentional passieren muss. Physische Gewalt kann auch mit Gegenständen (Waffe, Topf…) verursacht werden. Auch hier bezieht sich der Gewaltakt vor allem auf vorsätzliche, gewollte und bewusst herbeigeführte Körperverletzungen, die wiederum alle o.g. Ausmaße von Gewalt haben können.

1.2 Psychische, verbale und gestische Gewalt

Diese Art der Gewalt „ wirkt im Verborgenen, sie ist äußerlich nicht sichtbar.[23] Dennoch kann sie von der Effektivität „ inhumaner[24] sein, als die physische Gewalt. Zur psychischen Gewalt zählt auch die verbale Gewalt. Worte, wenn sie herabwürdigend sind, können die Seele verletzen. „ Worte zielen, wenn sie als Waffe eingesetzt werden, in das Zentrum der Persönlichkeit.“[25] Demütigungen und Kompromittierungen können psychische Störungen auslösen und zutiefst das Selbstbewusstsein verletzten. Mit Worten kann Angst erzeugt werden, indem Erpressungen und Drohungen ausgesprochen werden. Sie ist die Form der psychischen Gewalt (Beleidigungen, Beschimpfungen, Ironie, Sarkasmus usw.), die am Häufigsten auftritt. Zu hohe Erwartungen an den Partner können psychische Gewalt auslösen. Eifersuchtszenen, Imponiergehabe und Einschüchterungstendenzen, Ignoranz und auch das Anzweifeln von Männlichkeit und Fraulichkeit können ebenso Gründe sein für die Entstehung von partnerschaftlicher Gewalt. Gewalt ist die Abstraktion der Selbstverachtung und des Selbsthasses. Das eigene schwache Selbstwertgefühl soll durch den Partner kompensiert werden. Werden bewusste und unbewusste Erwartungen nicht erfüllt, richtet sich die Aggression gegen den Partner und nicht gegen die eigene Persönlichkeitsstruktur. Gewalt im Kontext einer gestörten Beziehung kann destruktiv erlebt werden und die gesamte Persönlichkeit in Mitleidenschaft ziehen. Auch Schweigen und Missachtung (non-verbale Gewalt) sind Mittel, um psychische Gewalt, besonders in einer Beziehung, auszuüben. Auch die Gewalt gegen Gegenstände und Immobilien (Vandalismus), die der zu schädigenden Person gehören, ist psychische Gewalt, wenn die geschädigte Person einen inneren Bezug zu den Sachen aufgebaut hat. In solchen Fällen wird von mittelbarer Gewalt gesprochen, da sie physisch nicht die Person selbst betrifft.

Psychische Gewalt wird den Frauen zum Teil mehr zugemutet als den Männern: „ Schreien, beschimpfen, bloßstellen, hetzen, demütigen, entwerten und herabsetzen, lächerlich machen, hänseln und verspotten, dauernde Kritik und dauernde Vorwürfe, Ironie und Sarkasmus – all dies sind Mittel destruktiver verbaler Aggression, die von Frauen … im Verhältnis zu Erwachsenen, insbesondere Partnern, eingesetzt werden “.[26] Dennoch kann psychische Gewalt nicht einseitig bewertend einem Geschlecht zugeordnet werden, da es bei beiden Geschlechtern vorkommt nur in anderen Formen und Variationen. In der Dichotomie der Zweisamkeit kann nur ein beidseitiges gesundes Selbstwertgefühl, besonders in Trennungssituationen, dazu beitragen, dass das Ausmaß der psychischen Gewalt nicht Überhand nimmt.

1.3 Sexualisierte Gewalt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In diesem Zusammenhang wird auf die Gewaltdefinition der Pilotstudie Bezug genommen, da diese die sexualisierte Gewalt in einem besonderen Maße hervorhebt. Die Forscher der Pilotstudie plädieren für einen prozesshaften Gewaltbegriff, der sich im Dreieck zwischen dem Gewaltbegriff aus der Perspektive der Gewaltausübenden, aus der Perspektive des Gewaltwiderfahrenden[27] und aus dem Phänomen, dass Geschlecht und Geschlecht Gewalt mitstrukturieren, bewegt.[28] Der Gewaltbegriff könne und solle sich im Laufe von Forschungsprozessen verändern, erweitern oder eingrenzen lassen. Mögliche Gewaltfelder und –formen könnten zu Beginn „vergessen“ werden und sollten bei Bedarf nachträglich aufgenommen oder revidiert werden dürfen.[29]

Die Pilotstudie hatte den Auftrag, nur die personale Gewalt zu erforschen. Deshalb wurde auf die Befragung von struktureller und institutioneller Gewalt verzichtet. Es wurde aber zusätzlich der Aspekt der sexualisierten Gewalt berücksichtigt, da er „ eine besondere Form der Gewalt, die körperliche und psychische Aspekte, sowie körperlichen Misshandlung in unterschied-lichem Maße miteinander verbindet. Sexualisierte Gewalt ist mit einer Verletzung der körper-lichen und psychischen Integrität eines Menschen verbunden.[30]

1.4 Strukturelle (systembezogene) Gewalt

Strukturelle Gewalt ist entpersonalisierte Gewalt und deshalb kaum fassbar und lokalisierbar. Sie ist gleichzeitig systemimmanent. Der/die Verursacher/in von Gewalt kann nicht ohne weiteres ausfindig gemacht werden. Strukturelle Gewalt ist zwar allgegenwärtig. Dennoch ist sie unsichtbar und die Ausprägungen von struktureller Gewalt sind besonders dort vorzufinden, wo Bevölkerungsgruppen diskriminiert werden oder wo von einer hohen Chancenungleichheit auszugehen ist. Darunter wird auch der Bildungsbereich subsummiert. Strukturelle Gewalt wird von den Betroffenen oft unbewusst erlebt, da die Auswirkungen Teil eines akzeptierten Gesellschaftssystems und Normen sind. Sind Studiengebühren, obwohl sie legitim sind, nicht auch illegitim? Gewalt wird oft institutionell und personell zur Ausübung an Dritte (Krieg, Gesetzesausführungen…) delegiert. Der Friedensforscher Johann Galtung fasst den Gewaltbegriff sehr weit, indem er jegliche Form von Diskriminierung und sogar Einkommensungleichheit als strukturelle Gewalt bezeichnet. "Strukturelle Gewalt ist die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist[31]. Dennoch wird Chancenungleichheit subjektiv von jedem anders erlebt und muss nicht in eine Gewaltform übergehen. Trotzdem könnte eine stark erlebte Chancenungleichheit (gerichtliche Gewalt) einen Gewaltakt auslösen (aufgrund von Rufmord durch die Frau wird der Mann gewalttätig). Da, wo es möglich ist, sollte strukturelle Gewalt durch entsprechende Gesetze, Präventions-maßnahmen und Perspektiven ausgeschlossen werden. Dem Gewalterleiden durch Billigung von struktureller Gewalt kann Einhalt geboten werden, indem beide Geschlechter, ob vor Gericht, per Gesetz, am Arbeitsplatz oder in der Gesellschaft gleichberechtigt und gleichwertig behandelt werden.

1.5 Gewalterfahrung versus Gewaltwiderfahrnis

Bevor semantisch diese beiden Begriffe aufgeschlüsselt werden, wird die Definition der per-sonalen Gewalt aus der Pilotstudie vorangestellt. Diese Definition soll den Betroffenen ermöglichen detaillierter beschreiben zu können, was sie selbst als gewalttätiges Verhalten interpretieren. Welches Verhalten der Partnerin hat dazu geführt, dass ich mich verletzt fühlte? Bei der personalen Gewalt handelt es sich primär um zwei konkrete Personen oder um konkrete Gruppen von Personen, die sich Gewalt zufügen. Bei Gruppenverhalten sollte der interaktionelle und gruppendynamische Gewaltprozess (Gruppendruck) berücksichtigt werden, der dazu führen kann, Mitläufer von Gewalt zu sein. Somit wurde die Definition wie folgt zusammengefasst:

Personale Gewalt ist jede Handlung eines anderen Menschen, die mir Verletzungen zufügt und von der ich annehme, dass sie mich verletzen sollte oder zumindest Verletzungen billigend in Kauf genommen werden.“[32] Mit Handlung sei nicht nur die aktive Tat, sondern auch die Unterlassung, Vernachlässigung und Pflichtverletzung gemeint. Somit wurden für die Arbeitsdefinition dieser Pilotstudie drei Aspekte besonders berücksichtigt: Die Personalität, die Verletzungsfolge und die Intention. Erst wenn diese drei Aspekte zusammenkamen, wurde die Gewalthandlung als solche aufgefasst. Den Autoren ist die Problematik einer Definition aus der Opfersicht bewusst, da diesem die Definitionsmacht gegeben wird.[33] Die Trennung von einem Partner kann als absichtsvoll zugefügte Gewalt erlebt werden, obwohl der Trennungswillige keine unmittelbare Gewalt ausübt. Um dem Realitätsbezug des Gewalterlebnisses annähernd gerecht werden zu können, weisen die Forscher der Pilotstudie darauf hin, dass jede Gewaltsituation (Gewaltwiderfahrnis) in ihrer erlebten Subjektivität, Interpersonalität und dem gesamten Kontext berücksichtigt werden muss. Bei der Auswertung und Objektivierung der Ergebnisse der Pilotstudie müssen diese o.g. Komponenten mit höchster Sorgfalt interpretiert werden. Weiter plädieren sie dazu, Gewalt nur noch als Widerfahrnis darzustellen, um in Zukunft sprachliche Hürden zu vermeiden. Sie argumentieren damit, dass der Begriff „ Erfahrung “ positiv besetzt sei und diese positive Assoziation vermieden werden müsste. Noch im Jahr 2000 hat Hans-Joachim Lenz ein Buch mit dem Titel „ Männliche Opfererfahrungen[34] herausgegeben, das er nach der heutigen Argumentation in „Männliche Gewaltwiderfahrnisse“ umtaufen müsste. Der Begriff „Widerfahrnis“ baut auf die durchlebte Erfahrung auf, jedoch zielt die Vorsilbe „wider“ auf die Gewalt ab, die gegen die Person gerichtet ist.[35]

In der Pilotstudie wird der Opferbegriff in Frage gestellt. In Amerika hat sich der Begriff „sur-vivors“ (Überlebende) durchgesetzt. Da der Opferbegriff die ganze Person in Opferhaltung sieht und er mittlerweile im Alltagsjargon als Schimpfwort benutzt wird: „Du Opfer!“, könnte in Zukunft, wie schon in der Einleitung vermerkt und von den Forschern vorgeschlagen, nur noch von „ Gewaltbetroffenen “ gesprochen werden. Die Täter-Opfer-Spirale könnte durch einen neuen Begriff zwar nicht durchbrochen werden, aber die Erkenntnis, dass Gewaltbetroffene nicht in jeder Situation Opfer sind, ist besonders für die Gewaltbetroffenen von Vorteil. Eine gewalt-betroffene Person hat die Möglichkeit, ihre Ressourcen zu mobilisieren und sich selbst zu helfen, um sich aus der Gewaltsituation zu befreien.

[...]


[1] Gemünden 1994, 20.

[2] Kantonpolizei 2006, S. 4.

[3] Dunkelfeldstudien werden mit der Konflikttaktikskala (CTS II – conflict tactics scale) zur Messung von Gewalt erhoben.

[4] Österreichische Bundesregierung 2001, 286.

[5] vgl. Kimmel 2002, der diese wissenschaftliche Aussagekraft dieser Studien kontrovers diskutiert.

[6] Jungnitz, Lenz, Puchert 2007.

[7] Die Pilotstudie Gewalt gegen Männer kann unter
http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/Kategorien/Forschungsnetz/forschungsberichte,did=20558.html
in Kurz- und Langfassung heruntergeladen werden.

[8] vgl.: Jungnitz, Lenz, Puchert 2007, 11.

[9] Svehia 2002, 2.

[10] s. Kap.: „Häusliche Gewalt = männliche Gewalt?

[11] www.maennerbuero-trier.de

[12] z.B. der Hinweis, der in Kap. 3.3 behandelt wird, dass gerade die Nicht-Repräsentativität in diesem Feld früher schon unbedeutend war, da es um das grundsätzliche Phänomen der Gewalt gegen Frauen und den Skandal seiner Existenz ging oder der Hinweis, dass das für Gleichstellung zuständige Ministerium (BMFSFJ) nur wenig unternimmt die thematischen Erkenntnisse der Pilotstudie zu verbreiten und selbst Anfragen mit den lapidaren Hinweis abwinke, die Studie sei nicht repräsentativ. Die Tatsache, dass der Aktionsplan Gewalt gegen Männer nicht fortgeführt werde, würde diesen Eindruck zunehmend bestätigen.

[13] Gahleitner, Lenz 2007, 185.

[14] Böhnisch 1997, 62.

[15] Gahleitner, Lenz 2007, 27.

[16] Gahleitner, Lenz 2007, 27.

[17] vgl.: Jungnitz, Lenz 2007, 153-158 – Fallgeschichte.

[18] Jungnitz, Lenz, Puchert u.a. 2007, 23.

[19] Jungnitz, Lenz, Puchert u.a. 2007, 152-149, 180, 183-185 und Heitmeyer, Schröttle 2006, 75-76.

[20] Anhang 1.

[21] vgl.: wikipedia – Gewalt - http://de.wikipedia.org/wiki/Gewalt

[22] Heitmeyer 2006, 15.

[23] Imbusch 2002, 39f.

[24] ebd.

[25] Heyne, 1993, 93.

[26] Heyne, 1993, 94.

[27] im Kap. 1.5 wird auf den Begriff näher eingegangen.

[28] vgl.: Jungnitz, Lenz, Puchert u.a. 2007, 18-19.

[29] vgl. Jungnitz, Lenz, Puchert u.a. 2007, 23-24

[30] Jungnitz, Lenz, Puchert u.a. 2007, 18-19

[31] wikipedia – Strukturelle Gewalt - http://de.wikipedia.org/wiki/Strukturelle_Gewalt

[32] vgl.: Jungnitz, Lenz, Puchert u.a. 2007, 21.

[33] vgl.: Jungnitz, Lenz, Puchert u.a. 2007, 21-23.

[34] Lenz 2000.

[35] vgl. Jungnitz, Lenz, Puchert u.a. 2007, 22.

Details

Seiten
30
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638019415
ISBN (Buch)
9783638920308
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88233
Institution / Hochschule
Hochschule Esslingen
Note
1,3
Schlagworte
Gewalt Geschlecht

Autor

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