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Professionelles (Sport-)Lehrerhandeln im Zuge aktueller Schulentwicklung und Anforderungen in der Ganztagsschule

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 17 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Professionalität im Lehrerberuf: Was macht einen Lehrer professionell?

3. Schulentwicklung und die Besonderheiten der Ganztagesschule

4. Professionelles (Sport-) Lehrerhandeln im Zuge aktueller Schulentwicklung und Anforderungen in der Ganztagsschule

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Im Zuge aktueller Bildungsreformen und Bildungsinitiativen wie dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" des Bundes und der Länder stellt eine zunehmende Anzahl von Schulen im Land ihren Betrieb von einer Halbtages- auf eine Ganztagesbetreuung um. Mit dieser Umstellung ist u.a. die Hoffnung verknüpft, „aktuellen“ gesellschaftlichen Veränderungen und Problemen, wie z.B. der zunehmenden Auflösung traditioneller Familienstrukturen, einer höheren Anzahl arbeitender alleinerziehender Mütter und Väter, einer oftmals beklagten „Medienverwahrlosung“ Heranwachsender etc., besser gerecht zu werden. Des weiteren soll die Schule nicht eine bloße Institution zur Weitergabe von Wissen sein, sondern ein Ort der Begegnung werden, der von Lehrern und Schülern, und eventuell auch den Eltern gemeinsam aktiv gestaltet und lebendig gemacht wird. Die Erziehung zum lebenslangen Lernen, die Förderung von schwachen und starken Schülern, von Schülern aus „bildungsfernen“ Haushalten, die Integration von Schülern mit Migrationshintergrund oder die Förderung von sozialem Lernen soll an der Ganztagsschule besser gelingen als an der Halbtagsschule. Eine wichtige Neuerung, die die „Bildungsplanreform 2004“ in Baden-Württemberg für Ganztags- und Halbtagsschulen gebracht hat, ist die Einführung eines Schulcurriculums neben dem Kerncurriculum und damit verbunden, eine Stärkung der Eigenverantwortung und Eigenständigkeit der einzelnen Schule, aber auch die Verpflichtung zur fortlaufenden Schulentwicklung und Evaluation. Mit größeren Freiräumen kommen also auch größere Verantwortung und neue Aufgaben auf die einzelne Schule und ihre Lehrerinnen und Lehrer zu.

Die Frage, der in dieser Arbeit nun nachgegangen werden soll, ist: Was bedeuten Schulentwicklung und Reformen zur Ganztagsschule für die Professionalität des Lehrer und der Lehrerin? Sind sie einer (weiteren?) Professionalisierung des Lehrerberufes, und im speziellen: des Sportlehrerberufes, zuträglich? Im Folgenden soll gezeigt werden, dass dies in der Tat der Fall ist. Die These lautet folglich: Aktuelle Schulentwicklung und die Anforderungen der Ganztagsschule verlangen mehr denn je nach professionellem Lehrerhandeln, bzw. sind ohne eine professionelle Lehrerpersönlichkeit nicht vollständig realisierbar!

Bevor dieser These nachgegangen wird, muss allerdings erst dargestellt werden, was professionelles Lehrerhandeln überhaupt ausmacht. Was wird unter einer professionellen Lehrerpersönlichkeit verstanden? Welche Anforderungen muss eine professionelle Lehrerin oder ein professioneller Lehrer erfüllen? Dabei wird auf die aktuelle Diskussion zur Professionalität des Lehrerberufs kurz eingegangen. Anschließend soll eine wichtige Neuerung der „Bildungsplanreform 2004“, die Forderung nach Schulentwicklung, sowie die zentralen Unterschiede zwischen Ganztagsschule und Halbtagsschule kurz erläutert werden.

2. Professionalität im Lehrerberuf: Was macht einen Lehrer professionell?

Was macht einen Lehrer oder eine Lehrerin professionell? Diese Frage kann von mindestens zwei Perspektiven aus beantwortet werden, die hier Beachtung finden sollen. Die erste Perspektive zieht Kriterien klassischer Professionen wie z.B. der des Arztes oder des Juristen heran (vgl. BAUER & BURKHARD 1992, S. 197ff). Diese sind: Autonomie und Berufsethos: Autonomie kann durch die freiwillige Anerkennung eines Berufsethos, d.h. universaler Normen, durch die Mitglieder der Gruppe erlangt werden. Äußere Kontrolle wird (weitgehend) durch eine an gemeinsamen Werten orientierte Selbststeuerung ersetzt. Bezogen auf den Lehrerberuf würde das bedeuten, dass pädagogische Werte wie z.B. die optimale Förderung eines jeden Schülers als persönlich verbindlich betrachtet werden und im Konfliktfall den eigenen Interessen übergeordnet werden. Reflexivität und Supervision: Unter Reflexivität versteht man die Fähigkeit und Bereitschaft, das eigene Handeln, die eigenen Einstellungen und Urteile, die eigenen Zielsetzungen kritisch zu hinterfragen. Problematische Situationen wie z.B. Lehrer-Schüler-Konflikte, Rollenkonflikte oder Überlastungsprobleme können, auch mit Hilfe der Einbeziehung kompetenter Dritter als Supervisoren, besser bearbeitet und gelöst werden. Das Ziel von Reflexivität und Supervision ist somit, die Handlungspraxis zu verbessern und Lernen bei den Handelnden zu ermöglichen. Kooperation: Kooperation ist die (freiwillige) Zusammenarbeit zwischen Angehörigen derselben und unterschiedlichen Professionen mit dem Ziel, dass die einzelnen Mitglieder voneinander lernen und sich gegenseitig unterstützen, sodass dadurch letztlich die Arbeit aller verbessert wird; bzw. dass die gemeinsamen Ziele besser erfüllt werden können. Kooperation unter Lehrern kann sich z.B. als Team-teaching, gemeinsame Unterrichtsvorbereitung, Hospitation oder Projektarbeit vollziehen; Kooperation zwischen Lehrern und anderen Professionen findet beispielsweise im Rahmen von Schulsozialarbeit oder Schulpsychologie statt. Wissenschaftsorientierung und Fachsprache: Die Berufsausübung hat eine wissenschaftliche Basis und eine Fachsprache, die sich von der Alltagssprache unterscheidet als Voraussetzung. Bezogen auf den Lehrerberuf bedeutet das, dass ein Fachstudium an einer Hochschule, sowie eine erziehungswissenschaftliche (Aus-) Bildung Voraussetzung für die Berufsausübung sind und kontinuierlich aufrechterhalten bzw. aktualisiert werden müssen. Ein weiteres Kriterium kann zu BAUER & BURKHARDs Darstellung noch hinzugefügt werden: ein hohes gesellschaftliches Ansehen, das mit den jeweiligen Professionen im Allgemeinen verbunden ist.

Die Frage, die sich nun aufdrängt, ist, inwiefern denn der Lehrerberuf diesen Kriterien gerecht wird. Dazu lässt sich bemerken, dass durchaus Zweifel daran angebracht sind, ob der Lehrerberuf als Profession im klassischen Sinne betrachtet werden kann. Sowohl bei der Autonomie[1], bei der Reflexivität und Supervision[2], bei der Kooperation[3] als auch bei der Fachsprache[4] müssen deutliche Einschränkungen gemacht werden. Dass das gesellschaftliche Ansehen der Lehrer nicht dem von Ärzten oder Juristen entspricht, ließe sich nicht nur durch eine bekannte Äußerung unseres ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder belegen.

Die zweite Perspektive ist eine aufgabenbezogene; sie untersucht, welche Kompetenzen, Fähigkeiten und Persönlichkeitseigenschaften für die erfolgreiche Ausübung des Lehrerberufes notwendig oder zumindest vorteilhaft sind. Dazu sind die Beiträge von BAUER & BURKHARD (1992) sowie von MIETHLING & GIEß-STÜBER (2007) von besonderem Interesse. BAUER & BURKHARD argumentieren überzeugend dahingehend, dass nur professionelle Lehrerarbeit dazu in der Lage ist, Schüler auf die Herausforderungen der „Risikogesellschaft“ und Wissensgesellschaft vorzubereiten. Nicht die reine Transmission von Informationen ist Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer, sondern die Erziehung zu kritischem Denken, zu eigenständigem und selbstverantwortlichem Handeln. Mündige Schüler können nur mit Hilfe von gebildeten und professionellen Lehrerinnen und Lehrern „hervorgebracht“ werden. Des weiteren ist Professionalität erforderlich, weil mit ständig komplexer und unübersichtlicher werdenden und weniger im Detail vorhersagbaren Arbeitsaufgaben der Lehrerinnen und Lehrer die Möglichkeit, auf vorgefertigte, standardisierte Lösungswege und Regeln zurückzugreifen, zunehmend schwindet. Die Argumentation BAUER & BURKHARDs mündet schließlich in folgender Definition professionellen Arbeitens:

„Professionell arbeitet, wer selbstständig und eigenverantwortlich, unter interkollegialer Abstimmung und Kontrolle, auf der Grundlage eines Amalgams von wissenschaftlich überprüfbarem Wissen und Berufserfahrung auf schwach strukturierte, wechselnde Problemlagen antwortet.“ (BAUER & BURKHARD 1992, S.212).

In Anlehnung an BAUER & BURKHARD, arbeiten MIETHLING & GIEß-STÜBER das „Entwicklungsmodell der Persönlichkeit, Kompetenzen und des Professionellen Selbst von Bewegungs- und Sportlehrern und Lehrerinnen“ heraus (MIETHLING & GIEß-STÜBER (2007)). Zentrale Bestandteile dieses Konzepts sind: fünf relativ stabile Persönlichkeitsdimensionen (emotionale Stabilität vs. emotionale Labilität, Extroversion vs. Introversion, Offenheit vs. Verschlossenheit für Erfahrungen[5], sowie Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit), fünf erwerbbare Kompetenzen (Sachkompetenz, Sozialkompetenz, Methodenkompetenz, Selbstkompetenz und Schulentwicklungskompetenz), als formbarere Anteile Erfahrung, Interesse, Einstellungen und Motive, sowie Wahrnehmung und Reflexivität. Im eigenverantwortlichen Umgang mit Schülerinnen und Schülern des alltäglichen Sportunterrichts entsteht das Professionelle Selbst des Sport- und Bewegungslehrers als „Amalgam“ aus wissenschaftlich überprüfbarem Wissen und Berufserfahrung. Im Prozess der Erfahrungsverdichtung entsteht eine „Wahrnehmungsstruktur und –kompetenz, in der die Deutung einer Situation mit Handlungsoptionen gekoppelt“ ist. Es „entstehen prototypische szenische Bilder, die das Lesen und Lösen unterrichtlicher Handlungssituationen auch bei schwach strukturierten Problemlagen ermöglichen“. Implizites Erfahrungs- und Expertenwissen, das im Alltag meist verdeckt bleibt, grundsätzlich aber durch Reflexion rekonstruierbar und reflexionsfähig ist, resultiert[6]. Weitere wichtige Eigenschaften des „professionellen Selbst“ stellen Ambiguitätstoleranz, d.h. die Fähigkeit zum Umgang mit Uneindeutigkeit, Ungewissheit und Vielfalt, Konfliktfähigkeit, sowie die Fähigkeit zum verbindlichen Aushandeln von Regeln, Normen, Zielen und Wegen dar. Der Begriff „Biografiearbeit“ schließlich bezeichnet die Bereitschaft und die Fähigkeit, die eigene Entwicklung als etwa prinzipiell Unabgeschlossenes zu betrachten, dabei aber den Sinn für die Herstellung von „Kohärenz im Wandel“ zu pflegen: eine stabile Orientierung, „die durch die eigenen personalen Veränderungen hindurch und unter Berücksichtigung der sich wandelnden sozio-strukturellen Bedingungen ein Gefühl des Vertrauens in die Sinnhaftigkeit eigenen Handelns, der Verstehbarkeit von Menschen und Situationen und der Handhabbarkeit Anforderungen nährt“ (MIETHLING & GIEß-STÜBER (2007)). Der Gegenstand Sport und die ihn ausführenden Akteure verändern sich fortlaufend; Sportlehrer und Sportlehrerinnen müssen diesen Wandel (mit-)bewältigen. Die individuelle Biografiearbeit, das sei schon einmal gesagt, findet auf institutioneller und organisatorischer Ebene mit der ebenfalls prinzipiell nach hinten offenen Schulentwicklung ihre Entsprechung. Schulentwicklung kann von Persönlichkeiten, die ihr professionelles Selbst ebenfalls als „Dauerbaustelle“ betrachten, besser bewältigt werden.

[...]


[1] Der Lehrer hat zwar viele Freiräume in seiner Arbeit, ist aber letztlich an die Weisungen der Behörden, der Schulleitung oder an die Vorgaben des Lehrplan bzw. Bildungsplans gebunden.

[2] 91% der antwortenden Schulen in der Untersuchung von BRÜCKEL & GIEß-STÜBER 2005, S.39 gaben an, kein Schulprogramm zu besitzen, auch eine Supervision konnte die Mehrheit der Befragten dieser Studie zufolge nicht erhalten

[3] Eine Zusammenarbeit findet v.a. auf informeller, zu wenig jedoch auf formeller Ebene statt, vgl. BRÜCKEL & GIEß-STÜBER 2005, S.37

[4] Nach TERHART 1991, S.136 unterscheidet sich die Berufssprache der Lehrer kaum von der Alltagssprache

[5] Die stärkere Ausprägung der jeweils erstgenannten Eigenschaft der Oppositionspaare gilt als vorteilhafter für soziale Professionen

[6] Damit wird die zentrale Bedeutung von Reflexionsfähigkeit für professionelles Lehrerhandeln deutlich: nur durch sie kann in Situationen, wo Diskrepanzen zwischen Handlungsabläufen und pädagogischen Ansprüchen entstehen, angemessen agiert werden.

Details

Seiten
17
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638017428
Dateigröße
381 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88192
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Institut für Sport und Sportwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Professionelles Zuge Schulentwicklung Anforderungen Ganztagsschule Hauptseminar Sportpädagogik Persönlichkeit Kompetenzen SportlehrerInnen

Autor

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Titel: Professionelles (Sport-)Lehrerhandeln im Zuge aktueller Schulentwicklung und Anforderungen in der Ganztagsschule