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Zum Motivkreis der Nacht in Eichendorffs Lyrik

Seminararbeit 2000 28 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Nacht im Kontext romantischer Naturphilosophie

2. Nächtliche Erfahrungen Eichendorffs
2.1 Romantische Nachtsicht
2.1.1. Sehnsucht
2.1.2 Zwielicht
2.2 Christliche Nachtsicht
2.2.1 Der Einsiedler
2.2.2 Der stille Grund

3. Schluß

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Nacht, jene dunkle Tageszeit, fasziniert seit jeher Menschen in allen Kulturkreisen. Sie ist Symbol für alles Chaotische, Ungeordnete und Unbekannte. Vor allem aber ist sie jener Raum, aus dem alles entstand. So heißt es in der Genesis: „Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe [...]“[1] Und laut alten orientalischen Überlieferungen war im Anbeginn „alles gleich einem Meere ohne Licht“[2] Man setzt die Nacht gleich mit dem Dämonischen, mit dem Unwissen, sieht sie als von feindlichen Mächten bevölkerten Raum. Doch nicht nur Bedrohung geht von ihr aus, die Nacht kann auch eine wohltuende und beruhigende Erfahrung sein.

Die Nacht als sinnliche Erfahrung war es, die Joseph von Eichendorff so sehr anzog, so sehr beeindruckt hat. Die Nacht war für ihn eine ambivalente Erfahrung. Erlebte er sie einerseits als tröstlich und schützend, so war sie ihm doch andererseits eine Unheimliche, eine Schaurige und Beängstigende. Bei Neunzig findet sich dazu folgende Stelle:

„[...] er, der die glücklichste Kindheit hatte, die sich denken läßt, kannte die Schwermut, kannte die Verlockung, sich fallenzulassen, die Lust, sich zu verirren. Das Dämonische war für ihn nicht nur ein Wort. Wer in der Lage ist, die Dinge und die Natur sprechen zu lassen, ist nicht nur tastselig und gescheit, er hat die Schatten des Unheimlichen gesehen..“[3]

Die Ambivalenz, mit der Eichendorff dem Motiv der Nacht begegnete, soll Thema dieser Arbeit sein. Dabei muß unterschieden werden zwischen seiner christlichen und seiner romantischen Nachtanschauung, die er häufig auch untrennbar miteinander verband. Im folgenden möchte ich an einigen ausgewählten Beispielen zeigen, wann Eichendorff der mythisch-romantischen Nachtsicht verhaftet bleibt und wann er seinen Rezipienten einen neuen, den christlichen Weg des bedingungslosen Gottvertrauens anbietet.

1. Die Nacht im Kontext romantischer Naturphilosophie

Die Schriftsteller der Romantik hatten es sich zum erklärten Ziel gemacht, die „aufgeklärte“ Welt des 18. Jahrhunderts im Sinne ihrer „progressiven Universalpoesie“[4] zu verändern. Dazu gehörte auch, die eigene Umwelt, die Natur nicht mehr bloß zu betrachten und zu beschreiben, sondern sie mit allen Sinnen zu erleben. Die empirische Naturwissenschaft der Aufklärung trat in den Hintergrund; es ging nicht mehr um ein rein wissenschaftliches Erleben der Natur. Den jungen Vertretern der deutschen Romantik war es wichtig, das geheimnisvolle und rätselhafte Wesen der Natur zu entschlüsseln. In diesem Sinne wurde sie personifiziert und so zu einem eigenständigen Wesen umgedeutet. Die Nacht als wohl geheimnisvollstes Naturerlebnis war es, welche die Schriftsteller der Romantik besonders faszinierte; jene „mondbeglänzte Zaubernacht“, die den Schauenden die alltägliche Dingwelt in einem buchstäblich anderen Licht sehen läßt. Das sinnliche Erfassen der Nacht war aber nur der Einstieg, hauptsächlich ging es um eine Darstellung der geistigen und seelischen Erfahrungen, der fremden Wirklichkeit, die eine Mondnacht evoziert[5]. Hierzu Leopolseder:

„Die Nacht wird zu einem geistigen Prinzip und zum Raum, in dem sich das Unbewußte offenbaren kann.“[6]

Gerade Novalis trug Entscheidendes zu ihrer Deutung bei. Für ihn ist die Nacht eine doppelte Erscheinung:

„Die Nacht ist zweifach: indirekte und direkte Asthenie. Jene entsteht durch Blendung, übermäßiges Licht, diese aus Mangel an hinlänglichem Licht.“[7]

Aus dieser Feststellung entwickelt er seine Vorstellung von der inneren und der äußeren Nacht. Die äußere, physisch-endliche Nacht, die durch den Mangel an Licht bestimmt ist, meint lediglich den Zustand der Dunkelheit. Die innere, die metaphysisch-unendliche Nacht aber meint eine göttliche Nacht, der alles Wesen entspringt. Bei Lurker lesen wir dazu:

„Ein orphischer Hymnus feiert die Nacht als der Götter und Menschen Gebärerin. Gott selbst kann sich im Dunkel offenbaren: ‘Nachtgesichte’ des Propheten Sacharja (Sach 1, 7-6, 8). [...] In der Dunkelheit kann sich die Tiefe des Mysteriums eröffnen, darum spricht Novalis von der Nacht als ‘der Offenbarung fruchtbarer Schoß’.“[8]

Nicht nur Novalis sah die Nacht als Erlöserin, das Licht als „Fessel“[9], als „Gewalt des Irdischen“[10]. Auch im Kontext der romantischen Naturphilosophie betrachtete man die Tagwelt als eine den äußeren Sinnen zugehörige, die Nachtwelt aber als eine Zeit, die in dem Menschen eine andere, neue Welt hervorruft: die innere Nachtwelt. Man war der Ansicht, daß die Kräfte des Taglebens dem Nachtleben entspringen, daß sich nachts die wahre Wirklichkeit enthüllt. Somit kann man die Romantiker als „wahre Entdecker des Unbewußten“[11] ansehen. Denn das Bedürfnis der Romantiker in das unbewußte und deshalb unverfälschte Nachtleben der Menschen einzudringen steht in direkter Wechselwirkung mit der medizinischen Entwicklung der Epoche. Schubert, Schelling und Fichte waren nur einige Vertreter, die das „Unbewußte erstmals zum tragenden Untergrund eines gesamten philosophischen Systems“[12] machten und der Ansicht waren, alles Leben leite sich aus der „Potenzierung des Unbewußten“[13] ab. Die vielfältigen Zustände des Unbewußten, so die damals gängige Meinung, werden aber erst durch die Nacht hervorgerufen. Das besondere Interesse der romantischen Schriftsteller liegt daher auch im Traum, bzw. im Traumzustand, in dem auf natürliche Weise eine innere höhere Welt betreten wird. Im Traum, so die Vorstellung, offenbare sich dem Träumenden eine Bilder- und Hieroglyphensprache, der mystisches und göttliches immanent sei. Das Original dieser Sprache aber sei die Natur, aus der all jene Hieroglyphen entlehnt sind[14].Diese Vorstellung geht konform mit Florens’ Feststellung in Eichendorffs großem Jugendroman Ahnung und Gegenwart:

„Das Leben aber [...], mit seinen bunten Bildern, verhält sich zum Dichter, wie ein unübersehbar weitläufiges Hieroglyphenbuch von einer unbekannten, lange untergegangenen Ursprache zum Leser.“[15]

Die später von C. G. Jung und Sigmund Freud entwickelten Archetypen des Traums finden hier ihre frühe Entsprechung. Wie Leopolseder treffend feststellt ist es nur logische Konsequenz, daß „durch dieses Offenbarwerden des Göttlichen in dieser inneren Welt [...] dem Traum- und Nachtbewußtsein eine entscheidend tiefere Bedeutung zugesprochen [wird] als dem Wach- und Tagbewußtsein der Menschen.“[16]

2. Nächtliche Erfahrungen Eichendorffs

Auch Joseph von Eichendorff ist von der durch die Nacht offenbarten mythischen Welt fasziniert. Zwar spielen die Tageszeiten in seinem Werk generell eine entscheidende Rolle, die Nacht aber, die in „ernster Pracht“[17] heraufsteigt, ist ihm ein besonderes Anliegen. Das dämmernde Zwielicht, die Schwelle zwischen Nacht und vergehendem Tag ist für ihn die wunderbarste Zeit[18]. Der Tag ist viel zu streng und klar, zu wenig geheimnisvoll um die Stimmungen und Gefühle wiederzugeben, die eine „Mondnacht“[19] hervorrufen kann. Überhaupt ist der Motivkreis des Morgens zumeist auf den Hintergrund christlicher Weltanschauung bezogen. Der „Tiefklare Himmelsdom“[20] suggeriert beinahe immer Aufbruchsstimmung, die häufig auch durch Attribute wie „funkelnd“ und „klar“ unterstrichen wird. Am Morgen zeigt sich das bekannte, das vertraute und angenehme Gesicht der Welt. Oder, wie der Dichter es selbst formulierte:

„Nichts ist so trüb in Nacht gestellt,

Der Morgen leicht macht’s wieder gut.“[21]

Es verwundert also nicht, daß sich Eichendorff in seiner Lyrik vor allem mit der dunklen Tageszeit beschäftigte. Er sah die Nacht als eine Zeit, in der sich die wahre Wesenheit der Dinge enthüllt. Sie offenbart, was uns bei Tag verborgen bleibt. Das durch sie in uns Ausgelöste verfestigt sich zu einer ganz eigenen Welt und „all die Torheit, die der Tag gelogen“[22] muß vor ihr weichen. Bei Eichendorff begegnen wir einem weiten Spektrum unheimlicher Effekte. Diese können nicht so eindeutig fixiert werden, wie es etwa bei der Motivik des Morgens der Fall ist. Verkörpert die Nacht einmal das Göttliche[23], die Mutter allen Ursprungs, so kann sie ebenso zum Enthüllungsraum des Negativen werden. Dann wird sie als beängstigend und chaotisch empfunden. Eichendorff kannte beide Seiten dieser Nachterfahrungen und hat beiden in seinem lyrischen Werk Rechnung getragen. Diese Arbeit wird daher die unterschiedlichen Aspekte seiner Nachtempfindung getrennt behandeln.

2.1 Romantische Nachtsicht

Das romantische Bild der Nacht ist bei Eichendorff entscheidend geprägt von jenen mythischen Vorstellungen, wie sie schon Novalis oder Tieck konzipierten. Die Nacht als personifiziertes Wesen steigt aus höheren Sphären herab, um ihr Geheimnis in verrätselter Sprache mitzuteilen. Immer wieder spricht Eichendorff von der „wunderbaren“[24], „phantastischen“[25] Nacht. Diese Attribute dürfen aber nicht nur als schmückendes Beiwerk angesehen werden, verweisen sie doch auf das Wesen der Nacht, welches das Wunderbare an sich verkörpert[26]. Die Nacht versetzt den Erlebenden in einen Traumzustand und teilt ihm ihre Geheimnisse in chiffrierter Sprache mit. Daraus resultiert auch das Unbehagen, von dem Eichendorffs lyrisches Ich mitunter ergriffen wird. Es entsteht nicht aus Angst vor dem Übernatürlichen an sich, sondern aus dem Zweifel über dessen Natur und Bedeutung. Wie Mayer überzeugend darstellt, läßt sich dieses Gefühl des Unheimlichen auf den „Ausdruck der Unsicherheit, welche jeder angedrohten Destabilisierung der normalen Beziehung zwischen dem Menschen und der Welt zwangsläufig folgt“[27] zurückführen. Novalis, dem die Nacht das eigentliche und ewige Sein war, formulierte das menschliche Unvermögen, jenes „Hieroglyphenbuch“[28] des Lebens zu entschlüsseln, folgendermaßen:

[...]


[1] 1 Mos, 1, 2

[2] vgl. Lurker, Lemma Finsternis

[3] Neunzig, S.223

[4] F. Schlegel zitiert nach ebnd., S.7

[5] vgl. Leopolseder, S.43

[6] ebnd.

[7] Novalis zitiert nach ebnd., S.44

[8] Lurker, Lemma Finsternis

[9] Novalis zitiert nach Schwarz, S.25

[10] ebnd.

[11] Leopolseder, S.47

[12] ebnd.

[13] ebnd., S.50

[14] vgl. ebnd., S.54

[15] Ahnung und Gegenwart, S.26

[16] Leopoldseder, S.54

[17] Gedichte, S.152

[18] vgl. Faßbinder, S.112

[19] Gedichte, S.83

[20] ebnd., S.25

[21] ebnd., S.19

[22] Eichendorff zitiert nach Faßbinder, S.115

[23] vgl. Leopoldseder, S.54

[24] Eichendorff zitiert nach Schwarz, S.83

[25] Eichendorff

[26] vgl. Schwarz, S.83

[27] Mayer, S.180

[28] Ahnung und Gegenwart, S.26

Details

Seiten
28
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638156899
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8817
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Neuere deutsche Literatur
Note
1,3
Schlagworte
Motivkreis Nacht Eichendorffs Lyrik Seminar Eichendorff Erzählprosa

Autor

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