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Die Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie von der Gründung des allgemeinen deutschen Arbeitervereins bis 1890

Essay 2008 7 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

»Im düstern Auge keine Träne, Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne, Deutschland, wir weben dein Leichtuch, Wir weben hinein den dreifachen Fluch-«[1]

Die Frühindustrialisierung Deutschlands verursachte eine Erosion der Gesellschaftsverhältnisse, die sich in einer Diskrepanz zwischen wirtschaftlichem Aufschwung einerseits und den bitteren sozialen Missständen andererseits widerspiegelten. Die oberen Zeilen, widmete Heine den schlesischen Webern, die am 4. Juni 1844, in einer Zeit, indem Zusammenschlüsse verboten waren, einen Aufstand gegen ihre Arbeitgeber und Unternehmer anzettelten. Sie forderten eine Verbesserung ihrer elenden Lage. Das Preußische Militär schlug die Aufständischen brutal nieder.[2] Dieser Aufstand darf nicht als eine organisierte Struktur oder als Angriff auf die staatliche Ordnung, sondern als „Frühproletariat“ bzw. als eine Genese der Arbeiterbewegungen verstanden werden, die in den späteren Arbeiterorganisationen Spuren hinterlassen sollte. Aufgrund der politischen Situation im Inland und der strikten Verbannung derartiger Bestrebungen, entstanden im Exil die ersten strukturierten Arbeitervereinigungen mit politischen Zielvorstellungen, die den Nährboden für die Revolution vom März 1848 liegen sollten. Erst nach diesen Erfahrungen wurde „der Ruf nach einem eigenständigen politischen Sprachrohr für die Arbeiterschaft unüberhörbar“[3]. In dieser Verlegenheit forderte Ferdinand Lassalle mit seinem „Offenen Antwortschreiben“ zu einem allgemeinen deutschen Arbeiterkongress in Leipzig vor und demzufolge wurde am 23. Mai 1863 der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein“ (ADAV) gegründet[4]. Mit diesem Essay soll der Versuch unternommen werden, die Entwicklung der Sozialdemokratie, von dieser ersten Stunde bis zur Gründung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) 1890 zu analysieren.

Der ADAV nahm die Form, einer mit Ansprüchen, unabhängigen politischen Partei an, zu dessen Gründung viele Wissenschaftler beigetragen hatten. Sie zielte in allen legislativen Bereichen Deutschlands vertreten zu sein. Zum Leitwort der Forderungen Lassalles avancierte das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht für alle. Mit dem Wahlrecht verbunden, war die Gleichberechtigung der Arbeiter innerhalb des Staates. Das Wahlrecht diente damit zur Beseitigung der Klassenunterschiede und als Grundsatz eines zukünftigen demokratischen Staates. Er forderte, dass durch staatliche Hilfe (Kredite) sogenannte Produktivassoziationen zu subventionieren sein[5]. Die Anwendung von Streiks und Gewalt lehnte er dagegen ab. Seine Propaganda brachte viel Begeisterung, aber wenig Anhänger. Die Assoziationsidee stammte ursprünglich vom Programm der Liberalen Partei und war seit den Revolutionsjahren im Sprachgebrauch gewesen. Viele seiner Gedanken ähnelten der Arbeiterverbrüderung, dessen Zusammenarbeit er abgelehnt hatte. Mit seiner Führungsrolle in der Partei bekam er eine diktatorische Position, was nach dem heimlichen Treffen mit Bismarck die völlige Distanzierung vieler bekannter Sozialdemokraten zur Folge hatte.[6] Der Tod von Lassalle löste eine große Debatte innerhalb des ADAV in Bezug auf seinen Nachfolger aus und die Partei geriet in eine „Nachfolgekrise“. Viele wanderten zum „Vereinstag Deutscher Arbeitervereine“, eine „rivalisierende“ populäre Organisation, dessen Mehrheit aus nicht preußischen Vereinen bestand. Sie entstand als Reaktion auf den ADAV, fand aber sehr wenig Resonanz in der öffentlichen Presse. Dank der Rückkehr und Leistung von August Bebel und Wilhelm Liebknecht wandelte sich die liberal-demokratische und bürgerliche Bewegung schnell zu einem Dachverband der Arbeitervereine.[7] Beim ADAV wurde Johann Baptiste von Schweitzer Lassalles Nachfolger. Als er die Hoffnung einer Zusammenarbeit mit der preußischen Regierung und mit Bismarck verloren hatte, begann er das politische Dogma von Lassalle nachzusehen und den Kurs zu wechseln, was bald den Weg für die Annäherung mit dem VDAV ermöglichte. Diese Neuorientierung gestattete eine gemeinsame Propaganda, die zwischen dem 7. und 9. August 1869, unter Leitung von Bebel und Liebknecht, zur Gründung der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei" in Eisenach führte.

„Ihr Programm enthielt u. a. die Forderung nach dem allgemeinen, direkten und geheimen Wahlrecht und nach Produktivgenossenschaften mit Staatskredit“[8] Solche Ansprüche zeigten den direkten Einfluss der Ex-Lassalleanern, die nach dem Tod Lassalles zum VDAV gewandert waren. Sie forderten die Ergreifung sozialer Maßnahmen zur Änderung der aktuellen Politik. Hinzu kam im Programm der Partei wenig später die Stellungnahme zur Eigentumsfrage:

„Die Gesellschaft habe das Recht, das individuelle Eigentum an Grund und Boden abzuschaffen und den Grund und Boden in Gemeineigentum umzuwandeln“[9].

Auf diese Weise adoptierten sie manche Vorstellungen von Karl Marx, der die lassalleanische Einflussnahme deutlich bekämpfte. Die meisten Diskussionen in der gesamten deutschen Arbeiterbewegung löste die Stellungnahme gegenüber der Kriegsfrage und deren Finanzierung aus. Es wurde heftig diskutiert, ob man für den Krieg zwischen Frankreich und Deutschland Partei nehmen sollte. Die Anhänger der Sozialdemokratie waren zumeist der Auffassung, dass der Krieg als Eroberungskrieg zu bezeichnen ist. Folglich wurden sie als Vaterlandslose Gesellen bezeichnet und mussten viele staatliche Repressionen erdulden. Diese Unterdrückungen erzeugten eine breite Zuneigung der Arbeitermassen, die die Sozialdemokraten massiv bei den Wahlen von 1874 unterstützten. Das ermöglichte die Überwindung der Hindernisse zwischen den beiden Vereinen, was den Zusammenschluss zur „Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands" 1875 in Gotha (SAP) zum Erfolg hatte.[10] Grund der breiten Unterstützung war gleichfalls der große Wandel, den Deutschland erlebte. Es war von einer Agrarwirtschaft zu einem strukturierten Industriestaat geworden. Viel Kapital floss in verschiedene Investitionen und eine große Nachfrage nach Arbeitern war damit verbunden. Dieser Zustand dauerte bis zur Gründerkrise an.

Nach der Gründerkrise kam die Agrarkrise. 1878 wurde die gesamte Weltwirtschaft von einer Krise erfasst. Für die Sozialdemokratie schienen sich diese wirtschaftlichen Ausschläge positiv auszuwirken. Sie erzielte in den Wahlen von 1877 mit einer Stimmenanzahl von 9,1 % einen nachhaltigen Erfolg und wurde somit zur viertgrößten Partei Deutschlands.[11]

Das beunruhigte die Regierung und die bürgerliche Öffentlichkeit. Bismarck sah in diesem Resultat die Gefährdung seiner Machtverhältnisse und wünschte sich einen Anlass um scharfe Maßnahmen gegen die scheinbaren Feinde des Staates ergreifen zu können.

Als Scheingrund nutze er schließlich das, gegen den Kaiser Wilhelm I, verübte Attentat vom 2. Juni 1877. Er warf den Sozialdemokraten einen Aufstand gegen das Reich vor und reichte bald im Reichstag einen Gesetzesentwurf gegen die „gefährlichen Ziele" der Sozialdemokratie ein. Nach langer Polemik und mit Hilfe einer inszenierten Abstimmung wurde das Sozialistengesetz angenommen. Ab diesem Zeitpunkt war für die Sozialdemokraten jede politische Tätigkeit außerhalb des Reichstages verboten, insbesondere die öffentliche politische Propaganda. Jeder Verstoß wurde mit schweren Strafen geahndet. Der Ausnahmezustand wurde in mehreren Städten verhängt und dutzende von Parteianhängern und politischen Mitgliedern wurden verhaftet oder ausgewiesen. Das Gesetz hatte als Ziel nicht nur die Zersplitterung und Vernichtung der Parteistrukturen, sondern auch die Unterdrückung der Gewerkschaften und die Einschüchterung der Arbeitermassen. Es trat zuerst in Kraft für nur zwei Jahre, schloss jedoch nicht die Möglichkeit der Verlängerung aus. Auf der anderen Seite, versuchte die Regierung durch die Einführung sozialer Gesetze, wie die Krankenversicherung, Unfalls-, Alters- und Invalidenversicherung, die Arbeiter von den sozialdemokratischen Bewegungen fernzuhalten und sie für sich zu gewinnen.[12] Diese Sozialgesetzgebung wies viele Ineffizienz und Schwäche aus und könnte nicht die Kosten der enormen Arbeitsunfälle decken. Die Anwendung des Sozialistengesetzes führte im Gegenteil zur Abneigung und zu einem wachsenden Zweifel gegenüber dem Staat. Die Politik von Bismarck wurde dauernd als falsch und aussichtslos bezeichnet. Durch die Gesetzverschärfung hatte er jede Beziehung zur Realität verloren. Bei den Sozialdemokraten, ging es dieser Zeit um die Konsolidierung der inneren Parteikreise, sowie um die Loyalitätsfrage gegenüber der Partei. 1884 sichern sie bei den Reichstagswahlen einen weiteren Erfolg. Die Distanzierung vom Anarchismus und die Betonung der „Agitation" innerhalb der Gewerkschaften, wurden mit außerordentlichen Ergebnissen Im Mai 1889 bestätigt. Es erfolgte der größte deutsche Streik des 19 Jahrhunderts. Bergarbeiter in Schlesien, Aachen und Saargebiet legten die Arbeit lahm. Das Sozialistengesetz war wirkungslos und „Bismarcks Werk [...], stand auf wackeligen Füße".[13]

Im Januar 1890 wird die Verlängerung des Sozialistengesetztes abgelehnt und damit der erste große Sieg der Sozialdemokratie ausgezeichnet. Einen Monat später erlangten sie bei den Reichstagswahlen 20 % der Wahlstimmen und wurden so die stärkste Partei in Deutschland. Das Sozialistengesetz hatte die Macht der Sozialdemokratie nur gesteigert. Im Oktober 1890 wurde die Partei als „Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands" neu definiert.

Als eine Protestbewegung entstanden, entwickelte sie sich mit Ihrem Programm, zu einer reformistischen Vereinigung, die dauernd der aktuellen sozialen und politischen Situationen entsprach. Trotz einer solchen Anpassung, radikalisierte sie sich, in dem Marxistische Leitsprüche und Slogans integriert wurden.

Wenn ich die Politische Entwicklung Deutschlands seit der Gründung des Lassalles Arbeitervereins analysiere, kann bestätigen, dass die Sozialdemokratie einen enormen Beitrag an der Demokratisierung des politischen Denkens leistete. Sie wurde zum Treffpunkt von vielen Wissenschaftlern und half der Selbstbestimmung und Gleichberechtigung der Arbeiterbewegung. Von einer Protestbewegung konstituierte sie sich vernünftig und strukturiert, zur einer, mit strenger Gliederung, breite „Massenorganisation" und war die einzelne Bewegung, die die dynastische Macht der Preußen offen kritisierte und zum Sprachrohr des Volkes im Reichstag wurde. Die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts auf alle Ebenen, war der größte Sieg der Sozialdemokratie.

Literaturverzeichnis:

Breuilly, John/Sachse, Wieland, Joachim Friedrich Martens (1806-1877) und die Deutsche Arbeiterbewegung, hg. v. Wilhelm Abel, Bd. 8, Göttingen 1984.

Dowe, Dieter, Von der Arbeiterpartei zur Volkspartei, Programmentwicklung der deutschen Sozialdemokratie seit dem 19 Jahrhundert, hg. v. FES, H. 71., Bonn 2007.

Eisenberg, Christiane, Frühe Arbeiterbewegung und Genossenschaften, Bonn 1985.

Freiberg, v. Jutta (Hrsg.), Geschichte der deutschen Sozialdemokratie (1863­1975), Köln 1975.

Groh, Dieter/Brandt, Peter, Vaterlandslose Gesellen. Sozialdemokratie zwischen 1860-1990, München 1992.

Heine, Heinrich, Die schlesischen Weber, hg. v. Oehler, Dolf/Schmitter, Elke: Heinrich Heine. Poesie und Politik, BpB Schriftenreihe Bd. 504, Bonn 2005.

Lehnert, Detlef, Sozialdemokratie zwischen Protestbewegung und Regierungspartei 1848-1983, hg. v. Hans-Ulrich Wehler, Frankfurt am Main 1983.

Müller, Helmut M., Schlaglichter der deutschen Geschichte, BpB Schriftenreihe Bd. 402, Leipzig 22004.

Osterroth, Franz/Schuster, Dieter, Chronik der deutschen Sozialdemokratie, 3.Bd., 1975-1980, Bd. 1: Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, Berlin 21975.

Schildt, Gerhard, Die Arbeiterschaft im 19. und 20. Jahrhundert, hg. v. Lothar Gall, Enzyklopädie Deutscher Geschichte Bd. 36, München 1996.

Zolling, Peter, Deutsche Geschichte von 1871 bis zur Gegenwart, BpB Schriftenreihe Bd. 523, München 2005.

[...]


[1] Heine, Heinrich, Die schlesischen Weber, hg. v. Oehler, Dolf/Schmitter, Elke: Heinrich Heine. Poesie und Politik, BpB Schriftenreihe Bd. 504, Bonn 2005, S. 281.

[2] Vgl. Müller, Helmut M., Schlaglichter der deutschen Geschichte, BpB Schriftenreihe Bd. 402, Leipzig 22004, S. 158

[3] Zolling, Peter, Deutsche Geschichte von 1871 bis zur Gegenwart, BpB Schriftenreihe Bd. 523, München 2005, S. 38

[4] Vgl. Schildt, Gerhard, Die Arbeiterschaft im 19. und 20. Jahrhundert, hg. v. Lothar Gall, Enzyklopädie Deutscher Geschichte Bd. 36, München 1996, S. 15.

[5] Vgl. Osterroth, Franz/Schuster, Dieter, Chronik der deutschen Sozialdemokratie, 3.Bd., 1975-1980, Bd. 1 : Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, Berlin 21975, S. 22.

[6] Vgl. Eisenberg, Christiane, Frühe Arbeiterbewegung und Genossenschaften, Bonn 1985, S. 36ff.

[7] Vgl. Breuilly, John/Sachse, Wieland, Joachim Friedrich Martens (1806-1877) und die Deutsche Arbeiterbewegung, hg. v. Wilhelm Abel, Bd. 8, Göttingen 1984, S. 396f.; Vgl. Schildt, Die Arbeiterschaft, Bd. 36, S. 15.

[8] Freiberg, v. Jutta (Hrsg.), Geschichte der deutschen Sozialdemokratie (1863-1975), Köln 1975, S. 25f.

[9] Osteroth/Schuster, Chronik, Bd. 1, S. 38

[10] Vgl. Groh, Dieter/Brandt, Peter, Vaterlandslose Gesellen. Sozialdemokratie zwischen 1860-1990, München 1992, S. 15ff.; Vgl. Dowe, Dieter, Von der Arbeiterpartei zur Volkspartei, Programmentwicklung der deutschen Sozialdemokratie seit dem 19 Jahrhundert, hg. v. FES, H. 71., Bonn 2007, S. 6f.

[11] Vgl. Lehnert, Detlef, Sozialdemokratie zwischen Protestbewegung und Regierungspartei 1848-1983, hg. v. Hans-Ulrich Wehler, Frankfurt am Main 1983 66f.

[12] Vgl. Müller, Schlaglichter, S. 192.; Vgl. Zolling, Geschichte, S. 40-43.; Vgl. Freiberg, Sozialdemokratie, S. 28ff.

[13] Zolling, Geschichte, S. 43

Details

Seiten
7
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638017312
Dateigröße
356 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88169
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
2,3
Schlagworte
Entwicklung Sozialdemokratie Gründung Arbeitervereins

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