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Die Rolle der Musik bei Ludwig Tieck unter besonderer Berücksichtigung seines Gedichts 'Glosse'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Die Musikauffassung der Frühromantik

3) Tiecks Aufsätze in den Phantasien über die Kunst
3.1) Unmusikalische Toleranz
3.2) Die Töne
3.3) Symphonien
3.4) Zusammenfassung: Tiecks Musikauffassung

4) Das Gedicht Glosse
4.1) Formales
4.2) Inhalt und Deutung

5) Schlussbetrachtung

6) Literaturverzeichnis

Quellentexte

Sekundärliteratur

1) Einleitung

Die Hausarbeit beschäftigt sich mit Ludwig Tiecks Einstellung zur Musik. Tieck hat sich, in sowohl theoretischen wie auch poetischen Texten, sehr spezifisch mit der Musik auseinander gesetzt. Er entwickelt, teilweise im geistigem Austausch mit dem ebenfalls 'musikbegeisterten' Freund Wilhelm Heinrich Wackenroder, eine eigene Musikästhetik, die er zu einer Kunstreligion übersteigert.

Aus einer bürgerlichen Familie abstammend, bekommt Tieck in seinen Kinder- und Jugendtagen keine umfassende musikalische Ausbildung. Trotzdem übt diese Kunst eine besondere Faszination auf ihn aus. Ein ausgeprägter Kunstsinn, gepaart mit einer hohen Intelligenz sowie regem Umgang mit Künstlern, lassen ihn erste Erfahrungen im Bereich der Musik sammeln. Die Musik erhält später einen festen Platz in seinem literarischen Werk. So verarbeitet er beispielsweise seine Eindrücke aus dem Geigenunterricht in der Novelle Musikalische Leiden und Freuden.[1]

Um die Äußerungen Tiecks einbetten zu können, wird in einem kurzen Einstieg auf die allgemeine Musikauffassung der Frühromantik eingegangen. Zu dieser Zeit entstehen auch Tiecks wichtigste Beiträge über Musik: Seine Aufsätze Unmusikalische Toleranz, Die Töne sowie Symphonien gibt er selbst in den Phantasien über die Kunst heraus. Anhand dieser theoretischen Texte soll gezeigt werden, wie sehr Tieck die Musik schätzt, im Vergleich zu anderen Künsten, aber auch gerade im Zusammenhang mit der Sprache. Was macht die Musik als Kunst für ihn aus? Um der Frage nachzugehen, wie und ob Tieck seine Theorien auch praktisch umsetzen konnte, befasst sich der zweite Teil der Hausarbeit mit dem Gedicht Glosse, in dem er versucht, seine Vorstellung von 'Denken in Tönen' umzusetzen.

2) Die Musikauffassung der Frühromantik

Die Autoren der Frühromantik hatten eine eigene Vorstellung davon, was Musik sei und was sie leisten könne. Unter allen Künsten schätzten sie die Musik am höchsten, sie spielte in der Literatur der Romantik eine überragende Rolle. Die Kunst, insbesondere die Musik, erschloss den Romantikern eine Welt, die den Widersprüchen und Widrigkeiten der 'realen' Welt entgegenstand. Es ging also nicht um die Darstellung der Wirklichkeit von symbolischer Bedeutung: „Der Romantiker wünscht[e] weder Vernunft noch die Erkenntnis der Gesetzte dieser Welt, jedoch sinnliche, auf das Gefühl bezogene Wirkungen unter Ausschaltung aller logischen Funktionen“[2]. In theoretischen und vor allem auch poetischen Werken wurde daher versucht, das Wesen der Musik zu ergründen, um schließlich eine eigene Musikästhetik zu formen, die weniger eine „Theorie der Wahrnehmung“, als eine „Metaphysik der Kunst“[3] darstellte. Tieck bezeichnete die Musik als: „Seelenton einer Sprache, die die Himmelsgeister reden“[4], übersteigerte sie dadurch ins Himmlische und Anbetungswürdige. Die Musik also als Idealzustand der Kunst: „Das Ziel ist, die akustische Entrückung so zu steigern, daß ein Einswerden im Sinne einer musikalischen 'unio mystica' möglich wird.“[5]

Neben diesem und vielen weiteren Zielen der Romantik, ist die Verbindung der Künste hier noch erwähnenswert. Auf Musik und Literatur bezogen bedeutet das: Die Sprache im allgemeinen und die Poesie im besonderen sollten 'musikalischer' werden und dadurch an Qualität gewinnen: „jede menschliche Sprache, jeder Ausdruck der Empfindung sollte Musik in einem mindern Grade seyn.“[6] Die für die Romantiker bedeutendste Eigenschaft der Musik, ihre direkte Wirkungsmöglichkeit auf die Seele des Menschen, war auch für die Sprache erstrebenswert. Im Gegensatz dazu sollte die Instrumentalmusik entschieden von der Poesie getrennt werden. Walter Dimter spricht hier von einem „romantischen Musikenthusiasmus“[7], der schließlich in der totalen Überhöhung der Musik als absolute und autonome Kunst gipfelte.

3) Tiecks Aufsätze in den Phantasien über die Kunst

Das Werk Phantasien über die Kunst, für Freunde der Kunst enthält sowohl Aufsätze von Tieck als auch von Wackenroder. Es ist als Gemeinschaftswerk der beiden Freunde anzusehen, nicht nur in bezug auf die Autorschaft der verschiedenen Texte, sondern auch auf den „sympoetischen Charakter“[8] ihrer geistigen Arbeit. Wackenroder, der die Phantasien über die Kunst als Fortsetzung zu den 1779 erstmals veröffentlichten Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders geplant hatte, verstarb vor der Fertigstellung. Tieck gab daher die Phantasien 1799 mit dem Hinweis in der Vorrede heraus:

Ein Theil dieser Aufsätze ist ein Vermächtnis meines verstorbenen Freundes W. H. Wackenroder, wovon er die letzten erst kurz vor seiner Krankheit ausgearbeitet und mir mitgeteilt hat, sie sollten eine Fortsetzung des Buchs: 'Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders' seyn.[9]

Das Werk ist zweigeteilt. Der erste Abschnitt enthält zehn Aufsätze über die Malerei und Kunst allgemein, im zweiten Abschnitt geht es ausschließlich um die Musik. Der Titel des zweiten Abschnitts Anhang einiger musikalischer Aufsätze von Joseph Berglinger verdeutlicht den engen Zusammenhang mit den Herzensergießungen, in denen die Figur des Joseph Berglinger bereits eingeführt wurde.

Die Zuordnung der einzelnen Aufsätze zu den Autoren Wackenroder und Tieck gestaltet sich, zumindest im zweiten Teil, als schwierig. Tieck schreibt sich selbst in der Vorrede „die vier letzten“[10] Aufsätze des zweiten Abschnittes zu, was in der Forschung für einige Verwirrung sorgte. Nach Vietta ist Tieck der (höchstwahrscheinliche) Autor der Aufsätze VII bis IX: Unmusikalische Toleranz, Die Töne und Symphonien sowie des Gedichts Der Traum. Da Tieck in der Vorrede von 'Aufsätzen' spricht, hielt man lange den Beitrag VI Ein Brief Joseph Berlingers ebenfalls für sein Werk, das Gedicht Der Traum schien aus der Feder Wackenroders zu stammen.[11] Diese Arbeit folgt der Historisch-kritischen Ausgabe Wackenroders, was die Frage der Autorschaft anbelangt. Demnach ist Tieck der Verfasser der Aufsätze VII bis IX im zweiten Abschnitt sowie des Gedichts Der Traum. In diesen drei Aufsätzen wird Tiecks Einstellung zur Musik deutlich. Es sind theoretische Abhandlungen von philosophischem und ästhetischem Wert.

3.1) Unmusikalische Toleranz

Tieck beginnt seinen Aufsatz sehr philosophisch. Die Leiden des menschlichen Lebens und dessen Vergänglichkeit werden geschildert, im Grunde ist das Leben sinnlos, da unbedeutend. Die Kunst hat hier eine Befreiungsfunktion. Durch sie kann der Mensch seine pessimistische Weltanschauung überwinden, sein Seelenheil finden:

Aus dieser Verworrenheit erlöst uns, wie mit einem mächtigen Zauberstabe, die Kunst. Sie führt uns in ein Land, in dem die Lichtstrahlen allenthalben die lieblichste Ordnung verbreiten, diese spielenden Strahlen ergreifen auch unser Herz, und beleben es mit neuer Kraft, wir fühlen uns und unsern Werth in neuer Lebendigkeit, alle die versiegten Brunnen des Trostes und der Freuden ergießen sich wieder und laufen erquickend über unsern Lebenslauf dahin, und die Gegenwart verwandelt sich in eine einzige große Blume, aus deren Kelch uns himmlischer Duft entgegen steigt. Denn das arme dürstende Herz wird durch nichts in dieser Welt so gesättigt, als mit dem Genusse der Kunst, der feinsten Art, sich selber zu fühlen und zu verstehen.[12]

Die Kunst ist bei Tieck also vielschichtig. Zum einen hat sie eine escapistische Funktion, ganz im Sinne der Romantik, zum anderen besitzt sie eine heilende Kraft.[13] Sie steht über allem, der Kunstgenuss ist „die feinste Art“, sich mit sich selbst auseinander zusetzen.

Noch höher als die anderen Künste schätzt Tieck die Musik ein. Die Musik als höchste aller Künste, das ist die „himmlische Musik mit ihren vollen Tönen“.[14] Unverkennbar ist hier der religiöse Aspekt der Musik: „Wer schiede nicht gern und folgte dem Strome, der uns mit sanfter, unwiderstehlicher Gewalt jenseits, jenseits hinüberführt?“[15] Zudem wirkt die Musik direkt in der Seele des Menschen, wird der Philosophie und der Vernunft vorgezogen:

Was ist es denn, das mehr als die Gesetze, die Vernunft und alle Philosophie, so mächtig in uns hineinredet? Wie ist die Kraft zu beschreiben, die wie aus vielen Strahlen eines Brennspiegels alle Kraft wie auf einen Punkt vereinigt, und so das Wunderbarste möglich macht? [...] Die Musik erregt mächtig in unserer Brust die Liebe zu den Menschen und zur Welt, sie versöhnt uns mit unseren Feinden, wir dulden auch die Schlimmsten gern, und unser jauchzendes Herz hört nur den Triumphgesang seiner eigenen Vergötterung, und unter dem Triumphe nicht die Klagen, das Schelten, den Neid, die jämmerliche Sprache so mancher erdgebohrnen Creaturen.[16]

[...]


[1] Vgl.: Nahrebecky, Roman: Wackenroder, Tieck, E.T.A. Hoffmann, Bettina von Arnim. Ihre Beziehung zur Musik und zum musikalischen Erlebnis. S. 37, 39.

[2] Mittenzwei, Johannes: Das Musikalische in der Literatur. S. 115.

[3] Dimter, Walter: Musikalische Romantik. In: Romantik Handbuch. Hrsg. von Helmut Schanze.

S. 410.

[4] Tieck, Ludwig: Die Töne. In: Wackenroder, Wilhelm Heinrich: Sämtliche Werke und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe. Zwei Bände. Hrsg. von Silvio Vietta. Band 1: Werke. Hrsg. von Silvio Vietta. Heidelberg 1991. S. 234.

[5] Mittenzwei, Johannes: Das Musikalische in der Literatur. S. 115.

[6] Tieck, Ludwig: Symphonien. In: Wackenroder. Historisch-kritische Ausgabe. Band 1. S. 243.

[7] Dimter, Walter: Musikalische Romantik. S. 407.

[8] Vietta, Silvio: Kommentar. In: Wackenroder. Historisch-kritische Ausgabe. Band 1: Werke. S. 372.

[9] Tieck, Ludwig: Phantasien über die Kunst. Vorrede. In: Wackenroder. Historisch-kritische Ausgabe. Band 1. S. 149.

[10] Ebd.

[11] Zur Autorschaft vergleiche: Vietta, Silvio: Kommentar. In: Wackenroder. Historisch-kritische Ausgabe. Band 1. S. 371.

[12] Tieck, Ludwig: Unmusikalische Toleranz. In: Wackenroder. Historisch-kritische Ausgabe. Band 1. S. 228.

[13] Vgl.: Nahrebecky, Roman: Wackenroder, Tieck E.T.A. Hoffmann, Bettina von Arnim. Ihre Beziehung zur Musik und zum musikalischen Erlebnis. S. 40.

[14] Tieck, Ludwig: Unmusikalische Toleranz. S. 229.

[15] Ebd. S. 230.

[16] Ebd.

Details

Seiten
20
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638034135
ISBN (Buch)
9783638930789
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v88105
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Germanistik und Kunstwissenschaften
Note
1
Schlagworte
Rolle Musik Ludwig Tieck Berücksichtigung Gedichts Glosse Liebeslyrik Mittelalter Gegenwart

Autor

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